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Full text of "Blätter für Gefängniskunde 72.1941-1942"

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Deutsche Gesellschaft für Gefängniskunde 

in der Akademie für Deutsches Recht 

^ Tunnnnntnirnir 

Blätter für s 1947 



Herausgeber: 

Dr. jur. W. Strube 

Oberregierungsrat, Berlin 

Ständige Mitarbeiter: 

Dr. jur. E. Schmidt 

Ministerialrat im Reichsjustizministerium, Berlin 

Dr. jur. H. Eichler 

Ministerialrat im Reichsjustizministerium, Berlin 


72. Band 

i Erstes und Zweites Heft 

April — Juli 1941 


HEIDEL BERG 1941 

Verlag Carl Winters Universitätsb''uchhandlung 

I. V. w. g. 






CARL WINTERS UNTVERSITÄTSBUCHHANDLUNG / HEIDELBERG 


Blätter für Gefängniskunde 



Verzeichnis der erschienenen Sonderhefte 


Band: 

Heft 




47 

S 

Schwandner- v. Jagemann-Klein, Vor¬ 
schläge zu einem Reichsgesetze über den Vollzug 
der Freiheitsstrafen und sichernder Maßnahmen, 





85 Seiten, 1913 . 

1,50 m 

59 

S 

Weber, Die Strafentlassenenpflege, 76 Seiten, 1928 

2.40 

»f 

60 

s 

S c h u n c k , Das Gefängniswesen des ehemaligen 
Herzogtums Zweibrücken. 60 Seiten, 1929 . 

2,- 

ff 

62 

S I 

Hauptvogel, Aufzeichnungen über das Gefäng¬ 
niswesen Englands, 219 Seiten, 1931 . 

5,60 

ft 

62 

SII 

Rahne, Die Gefangenenarbeit im Rahmen des 
Erziehungsstrafvollzugs, 98 Seiten, 1931 . 

2,80 

ff 

63 

s 

Heß, Die Kirche im Strafvollzug, 88 Seiten, 1932 

2,40 

ff 

64 

1 

Stumpf, Abgrenzung der Vollstreckung und des 
Vollzugs der Strafen und der mit Freiheitsent¬ 
ziehung verbundenen Maßregeln der Besserung und 
Sicherung, 110 Seiten, 1933 . 

2,80 

ff 

64 

s 

Röhr be in, Übersetzung der italienischen Dienst¬ 
ordnung für Sicherungs- und Strafanstalten vom 
18. Juni 1931, 139 Seiten, .1933 . 

3,80 

ff 

65 

SI 

Weissenrieder, Reichsrechtliche Vollzugs¬ 
grundsätze (Text der Grundsätze von 1923), 69 Sei- 





ten, 1934 . 

2,- 

ff 

65 

SII 

Pfeiffer, Neuzeitliche Gefängnisbauten und ihre 
Geschichte, 182 Seiten, 1934 . 

6,- 

ff 

65 

S N 

B I 0 e m , Die Situation der Straferwartung in der 
Untersuchungshaft, 86 Seiten, 1934 . 

2,40 

• 

66 

1 

Hauptvogel, Gefängniswesen in England, 
Berichte über einen Studienaufenthalt, 114 Seiten, 





1935 . 

3,- 

ff 

67 

4 B 

Amtlicher Text der AV. des RJM. über den Jugend¬ 
strafvollzug vom 22. Januar 1937, 23 Seiten, 1936 

0,60 

ff 

68 

3 

Quentin-Sieverts, Die Behandlung der 
jugendlichen Rechtsbrecher im Alter von 17 bis 





23 Jahren in England unter besonderer Berück¬ 
sichtigung des Borstal-Systems, 74 Seiten, 1937 ... 

2.- 

ff 

68 

6 

Hildebrandt - Weber - Schiefer- 
Fratzscher-Eberhard, über die Siche¬ 
rungsverwahrung, 56 Seiten, 1938 . 

2,— 

ft 

69 

2 

K 0 s i n s k i , Strafgerichtsbarkeit und Strafvoll¬ 
streckung im alten Berlin, 41 Seiten, 1938 . 

2,— 

tf 

70 

2 

W i 11 i g , Das Werden der deutschen Gefängnis¬ 
schule, 59 Seiten, 1939 . 

2,40 

ff 

71 

3 

Meißner, Die Besserungsanstalt zu Tapiau 
(1787—1806) als erstes preußisches Arbeitshaus 





moderner Richtung . 

2,— 

tf 


















Deutsche Gesellschaft für Gefängniskunde 

in der Akademie für Deutsches Recht 



für 

Gefängniskunde 

$ 

Herausgeber: 

Dr. jur. W. Strube, Oberregierungsrat, Berlin 


Ständige Mitarbeiter: 

Dr. jur. E. Schmidt 

Ministerialrat im Reichsjustizministerium, Berlin 

Dr. jur. H. Eichler 

Ministerialrat im Reichsjustizministerium, Berlin 


72. Band / Erstes und Zweites Heft / April—Juli 1941 


Heidelberg 1941 / Verlag Carl Winters Universitätsbuchhandlung 




Inhalt 


des 1. und 2. Heftes des 72. Bandes: 

Seite 

Abhandlungen 

Ing. Schürer von Waldheim, Jugendkriminalität 
und Beruf. 3—42 

Dr. G ü n d n e r , Der Schmuggel unter den Gefangenen und 
seine Bekämpfung.. 42—53 

O 11 m a n n , Der Einsatz der Gefangenen beim Bau der 
Ostmarkstraße . 53—61 

Dr. W ü 11 n e r , Einiges vom Aufbau des Strafvollzugs im 
Wartheland . 62—67 

Aus der Gefängnisverwaltung 

Knickenberg, Der Leuchtturm, die Reichs-Gefangenen¬ 
zeitung . 67—75 

Pflüger, Die Lichtbildstelle in den Justizvollzugsan¬ 
stalten . 76—82 

Allgemeine Verfügungen des RJM. 82—86 

Personalnachrichten . 87—88 

Schrifttum 

Bücher — Inland . 89—95 

Zeitschriften — Ausland . 95—96 


Die Schriftleituns: der „Blätter für GefänsrnUkunde" befindet »ich Berlin W 9. Leipziger 
Platz 15 — Fernsprecher: 12 70 76 — Der Zahlungsverkehr läuft unter der Anschrift: 
„Deutsche Gesellschaft für Gefängniskunde ln der Akademie für Deutsches Recht" — 
Bankkonto: 3676S bei der Bank der Deutschen Arbeit in Berlin C2 — Postscheck¬ 
konto: 1764 92 Berlin — Die persönliche Anschrift des Herausgebers lautet: 
Oberregierungsrat Dr. Strube, Berlin NW40, Alt-Moabit 12a — Die ..Blätter für Gefängnis¬ 
kunde" erscheinen alle zwei Monate — Jeder Band umfaßt sechs Hefte — Wissenschaftliche 
Abhandlungen größeren Umfangs erscheinen in Sonderheften. 














4 


die gerichtlichen Erhebungen und Beweisführungen, sowie Gespräche mit 
den Rechtsbrechern und anderen Auskunftspersonen. Besonderes Gewicht 
habe ich auf die Feststellung gelegt, ob bei den Straftaten im Beruf er¬ 
worbene Kenntnisse und Fertigkeiten mißbräuchlich verwertet wurden. 
Es war auch zu prüfen, ob die Verübung krimineller Handlungen durch 
ein für Jugendliche — und besonders für moralisch ungefestigte Jugend¬ 
liche — nachteiliges Berufsmilieu, mangelnde Beaufsichtigung oder ähnliche 
Umstände begünstigt wurde. 

Von den jugendlichen Rechtsbrechern wurde erhoben, wie weit ihre 
Verwahrlosung und Kriminalität zurückreichten. Abstammung, 
Lebenslauf, Familien- und E r z i e h u n g s v e r h ä 11 n i s s e , 
soziale Lage und Herkunft, der Beruf und das Berufsbild 
in der Familie, Arbeite - und Berufswechsel und sonstige 
Merkmale, die kriminalbiologisch von Interesse sind, wurden aufgezeichnet. 
Die Beurteilung, besonders in bezug auf die Berufsneig^ung, gründete sich 
ferner auf ärztliche, psychiatrische und psychotech- 
nische Untersuchungen, die an den Anstalten für Erziehungs¬ 
bedürftige fortlaufend vorgenommen werden und auf zeitlich ausgedehnte 
Beobachtungen. Die Zöglinge halten sich durchschnittlich 1^,4 Jahre in 
den Anstalten auf; auch nach ihrer Entlassung bleiben sie bis zum 
20. Lebensjahr in der Erziehungsaufsicht der Anstalt. Im Rahmen der 
psychiatrischen Untersuchungen wird die Konstitution nach Kretsch¬ 
mer und der Grad der körperlichen Entwicklung festgestellt. Dadurch 
ergaben sich Unterlagen für Untersuchungen der Beziehung zwischen 
Körperbau und Beruf und Körperbau und Krimina¬ 
lität der Jugendlichen. Durch die ärztlichen und psychiatrischen Dia¬ 
gnosen wird auch das moralisch-ethische Moment, dem bei der Berufseig- 
nungs/eststellung und Berufsberatung der verv’ahrlosten und straffällig ge¬ 
wordenen Jugendlichen besondere Bedeutung zukommt, von der biologischen, 
speziell von der erb- und rassenbiologischen Seite beleuchtet. 
Die Feststellung psychopathischer Reaktionen und leichterer Schwachsinns¬ 
formen — die schweren scheiden aus den Anstalten für Erziehungs¬ 
bedürftige aus — war für die Beurteilung der speziellen Berufseignung 
und der bei kriminellen Jugendlichen oft stärker her\’ortretenden Unfalls¬ 
disposition wichtig. Die psychotechnischen Untersuchungen gaben über die 
Berufs wünsche, die Motive der Berufswahl, die geistige 
Begabung, die praktischen Fähigkeiten und den A r b e i t s - 
Charakter der Jugendlichen die für die Berufsberatung erforderlichen 
Aufschlüsse. Die auf die ärztlichen und psychiatrischen Diagnosen und 
die psychotechnischen Untersuchungen begründeten Berufseignüngsfest- 
stellungen ermöglichten es in vielen Fällen, die Ursachen beruflicher Fehl¬ 
schläge zu ermitteln und ein Urteil über die Bedeutung der ver¬ 
fehlten Berufswahl als Quelle der Jugendkrimina¬ 
lität zu gewinnen. 

Aus den Aufstellungen über das Berufsbild in den Familien von 
2 000 Zöglingen der Anstalt für männliche Erziehungsbedürftige ging 
hervor, daß 52 v. H. der Väter Tagelöhner, Hilfsarbeiter, Knechte, 
5 V. H. Bergarbeiter, 13 v. H. Kleinhäusler und Bauern, 24 v. H. Hand¬ 
werker, Gewerbetreibende und Werkmeister und nur 6 v. H. Beamte und 
Angestellte, Lehrer, Offiziere, Akademiker usw. waren. In enger An¬ 
lehnung an dieses Berufsbild ergibt auch die Statistik über die vor der 
Anstaltseinweisung getroffene Berufswahl der Zöglinge eine von der 



5 


allgemeinen B e ru f s v e r t e i 1 u n g der Jugend abwei¬ 
chende Berufszugehörigkeit. In einigen Berufen, welche nach 
allgemeinen und örtlichen Berufszählungen und sonstigen über die Berufs¬ 
verteilung Aufschluß gebenden Aufstellungen der Arbeits- und Berufs¬ 
ämter besonders verbreitet und aufnahmefähig sind, trifft man verhältnis¬ 
mäßig wenig straffällig gewordene Jugendliche an, während sie umgekehrt 
in anderen, sonst nicht so oft ausgeübten Berufen ein weit größeres Kon¬ 
tingent stellen, als es ihrer Zahl nach entsprechen würde. Man begegnet 
unter den kriminellen Jugendlichen einer verhältnismäßig sehr großen An¬ 
zahl ungelernter und angelernter Hilfsarbeiter. Die Anzahl der Hand¬ 
werker und der landwirtschaftlichen Arbeiter, besonders der qualifizierten 
Landarbeiter, ist dementsprechend geringer. Nur vereinzelt stößt man 
unter den kriminellen Jugendlichen auf Ober- und Fachschüler. Unter 
den Handwerkern findet man relativ selten: Tischler, Schuhmacher, 
Schneider, Galanteristen, Gärtner, Buchbinder, Glaser, Steinmetze, Gießer, 
u. a. Hingegen werden relativ oft Schlosser, Bäcker, Kellner, Fleischer, 
Friseure und Praktikanten in die Anstalt für Erziehungsbedürftige ein¬ 
gewiesen. Es zeigt sich, daß die jugendlichen Rechtsbrecher relativ oft 
aus Berufen kommen, die die Gelegenheit zu kriminellen Handlungen geben 
oder durch das Berufsmilieu Gefahren mit sich bringen, während sie in 
anderen Berufen, die in dieser Beziehung keine Gefahren bergen oder in¬ 
different sind, ungleich seltener angetroffen werden. 

Die spezifische Art der G e s e t z e s v e r 1 e t z u n g e n 
.weist in den einzelnen E r w e r b s z w e i g e n wesentliche 
Verschiedenheiten auf. Veruntreuungsdelikte häufen 
sich in Berufen, in welchen die Lehrlinge beauftragt werden, Waren an 
Kunden auszutragen und Geld einzukassieren. Besonders Bäckerlehrlinge, 
Fleischerlehrlinge und Laufburschen werden oft straffällig, weil sie die 
Waren nicht ordnungsgemäß abliefern oder das einkassierte Geld für sich 
behalten. Betrug ist das typische Delikt jugendlicher Hochstapler, die 
sich kaufmännischen Berufen zugewendet haben; zu raffinierten Verbrechen 
dieser Art, auch zu Fälschungen befähigt sie ihre oft gut entwickelte 
Intelligenz. Verkäufer, Praktikanten und Laufburschen werden aber auch 
wegen Diebstahls von Geld und Waren oft straffällig. Diebstähle, 
bei welchen wegen des Wertes des gestohlenen Gutes höhere Strafsätze in 
Anwendung kommen, werden von Verkäufern und Praktikanten, Uhr¬ 
macherlehrlingen, Gold- und Silberarbeitem sowie Kürschnerlehrlingen, 
verhältnismäßig häufiger verübt als von den Angehörigen anderer Berufe. 
In den metallverarbeitenden Gewerben treten auf Grund der Statistik jene 
Diebstähle in den Vordergrund, die nach den Bestimmungen des Straf¬ 
gesetzes als Einbruchsdiebstähle eine strengere Beurteilung 
finden, weil sie mit der Überwindung von Hindernissen verknüpft sind. 
Schlosser, Mechaniker, Spengler werden zumeist durch mißbräuchliche 
Verwertung ihrer im Beruf erlangten Kenntnisse und Fertigkeiten straf¬ 
fällig. Sie weisen u. a. auch die größte Anzahl von K.r aftfahrzeug- 
diebstählen auf. Der auf Einbruch entfallende Verbrechensanteil 
ist auch bei den Berufen des Baugewerbes, so bei Maurern und Dachdeckern, 
ziemlich bedeutend. Bei Jugendlichen, die Berufe gewählt haben, die an 
die Körperkraft erhöhte Anforderungen stellen, kommt es auffallend oft 
zu Aggressionsdelikten, besonders dann, wenn die Arbeit bei 
großer Hitze ausgeübt wird, wie bei Bäckern und Gießern. Eine gestei¬ 
gerte Kriminalität besonders in bezug auf sittliche Vergehen 
weisen die Kellner auf. Wenn auch dadurch der Einfluß eines ungpinstigen 



6 


Berufsmilieus zum Ausdruck kommt, darf doch nicht übersehen werden, 
daß die Umweltseinflüsse, die sich im Gastgewerbe geltend machen, großen 
Verschiedenheiten unterworfen sind. Homosexuelle Verirrungen sind bei 
Friseurlehrlingen und auch bei Schneidern und kaufmännischen Prakti¬ 
kanten häufiger anzutreffen als in anderen Berufen. Verbrechen nach 
§ 175 b des deutschen Strafgesetzes (Sodomie) sind fast ausschließlich auf 
debile Stallknechte und Viehhüter beschränkt. Auch bei der Brand¬ 
stiftung sind lediglich Relationen zu ländlichen Berufen festzustellen. 
Wegen Vagabundage kommen zumeist arbeitsscheue, zur Berufs- 
losigkeit neigende Jugendliche ländlicher Herkunft mit dem Gesetz in 
Konflikt. Mit ungewollter und unverschuldeter Arbeitslosigkeit hängt diese 
Gesetzesverletzung, wie nähere Untersuchungen zeigten, weniger zusammen. 

Von den Vätern der Hirtenberger Mädchen waren 61 v. H. 
städtische oder ländliche Hilfsarbeiter, 4 v. H. Bergarbeiter, 10 v. H. 
Kleinhäusler und Bauern, 18 v, H. Handwerker und Gewerbetreibende, 
6 v. H. Angestellte und Beamte tieferer Kategorie und 1 v. H. Lehrer, 
Offiziere, Akademiker. Von den Müttern der Zöglinge besorgten nur 
27 V. H. den eigenen Haushalt, 35 v. H. waren landwirtschaftliche Hilfs¬ 
arbeiterinnen, 13 V. H. Bedienerinnen und Hausgehilfinnen, 9 v. H. Fabrik¬ 
arbeiterinnen, 7 V. H. Händlerinnen, 4 v. H. Heimarbeiterinnen, 3 v. H. 
Schneiderinnen, 2 v. H. Angestellte. Auch bei den straffällig gewordenen 
Mädchen weicht die Berufszugehörigkeit von der normalen Berufsverteilung 
erheblich ab. Wir treffen sie in der Mehrzahl als ungelernte und angelernte 
Kräfte in Haushalten, im Gastgewerbe, in Fabriken und als landwirtschaft¬ 
liche Hilfsarbeiterinnen an. Verhältnismäßig gering ist die Anzahl der 
Lehrmädchen und nur ganz vereinzelt handelt es sich um Schülerinnen. 
In den bevorzugten Berufen ergibt sich eine erhöhte Kriminalitätsziffer; 
ebenso zeigt die Art der Kriminalität in den verschiedenen Berufen spezi¬ 
fische Verschiedenheiten. 

Diebstähle, meist von Kleidungsstücken, Lebensmitteln und Geld, 
kommen in erhöhter Anzahl bei Hausgehilfinnen und Lehrmädchen vor, 
bedingt durch die Gelegenheit zu Gesetzesverletzungen, die sich in diesen 
Berufen bietet. Warenhausdiebstähle werden von Mädchen ver¬ 
schiedenster Berufe verübt. Bei Betrug und Veruntreuung sind 
die Relationen zu bestimmten kaufmännischen Berufen nicht so deutlich 
wie bei den straffällig gewordenen männlichen Jugendlichen, deren Neigung 
zu Gesetzesverletzungen dieser Art erheblich stärker entwickelt ist. Die 
sittlichen Verfehlungen, die im Gegensatz hierzu bei den Mädchen 
mehr hervortreten, stehen teilweise mit der Gefährdung durch das Berufs¬ 
milieu in Verbindung, wie z. B. bei den im Gastgewerbe beschäftigten 
Hilfskräften, teils werden sie durch Putzsucht, die durch die Berufstätigkeit 
gesteigert wird, begünstigt. Bei der Anfertigung von Luxuswäsche und 
Kleidern wird bei weiblichen Jugendlichen manchmal der Wunsch geweckt, 
„auch so ausge.stattet zu sein“. Nach Vorbildern, an welchen es in großen 
Modenhäusern nicht mangelt, trachten sie in verschiedenen Fällen, sich 
durch Änderung ihrer Lebensweise in den Besitz der begehrten Gegenstände 
zu bringen. Die verbreitete Auffassung, daß in Berufszweigen, in welchen 
die Mädchen nur Umgang mit Personen des gleichen Geschlechts haben, 
keine besonderen Gefahren bestünden, wird durch die Erfahi-ung widerlegt, 
daß in Badeanstalten, Friseur- und Schönheitssalons durch Frauen, die 
sich in Haltung und Gespräch keinerlei Zwang auferlegen, auf die Jugend¬ 
lichen in sittlicher Beziehung der verderblichste Einfluß ausgeübt wird. 
Daß für charakterlich noch nicht gefestigte und sittlich gefährdete Mädchen 



7 


der Landdienst wenig geeignet ist, hat eine Reihe von Fällen sittlicher 
Verwahrlosung erwiesen. Fälle von Brandstiftung, hauptsächlich 
durch Debile und Imbezille verübt, finden wir auch bei den straffällig 
gewordenen weiblichen Jugendlichen im Zusammenhang mit den in länd¬ 
lichen Berufen und Umweltsverhältnissen vorhandenen Verbrechens¬ 
gelegenheiten. 

Die Zahl der arbeits- und berufslosen jugendlichen Rechtsbrecher war 
in den Systemjahren außerordentlich groß. In Kaiserebersdorf fanden 
ganze Banden jugendlicher Arbeitsloser Aufnahme, die durch Diebstähle, 
Einbrüche und Überfälle mit dem Gericht zu tun bekamen. Auch Betteln 
und Vagabundage war bei der arbeitslosen Jugend verbreitet. Arbeits¬ 
lose Mädchen sind in großer Zahl sittlich abwegig geworden, manchmal 
auch der Prostitution verfallen. Aus den im Jahre 1937 aufgestellten 
Berufsanamnesen ging hervor, daß es kaum einem Drittel der Zöglinge 
gelungen war, gleich nach erlangter Schulmündigkeit in das Berufsleben 
einzutreten; 15 v. H. waren auch zwei Jahre nach der Schulentlassung 
noch ohne Arbeit. Manche Zöglinge hatten sogar das 18. Lebensjahr 
erreicht, ohne eine geregelte Beschäftigung gefunden zu haben. 

• Die Arbeitslosigkeit wirkte in mehrfacher Beziehung krimi- 
nalitätsfördemd. Sie lenkte den Tätigkeitsdrang der Jugendlichen vom 
natürlichen Wirkungsfeld des Berufes ab und begünstigte dadurch eine 
zu Gesetzesverletzungen führende Aktivität. Die Berufslosigkeit 
beeinträchtigte das Selbstvertrauen und die Selbstachtung der Jugend¬ 
lichen, sie rief Minderwertigkeitsgefühle und Mutlosigkeit hervor. 
Gegenüber den Berufstätigen fühlten sich die Arbeitslosen zurückgesetzt. 
Die Gefahr der Verwahrlosung war durch ungeordnete Lebensweise der 
Arbeitslosen, aufsichtsloses Herumtreiben und die Neigung, sich mit 
anderen unbeschäftigten Personen zusammenzuschließen, gegeben. Da¬ 
durch kam es zur Bildung von Banden, auch zur Berührung mit Verbrecher¬ 
kreisen. Die Verarmung und Verelendung, die die Arbeitslosigkeit im 
Gefolge hatte, schwächte die Widerstandskraft der Jugendlichen gegen 
Verlockungen und schlechte Einflüsse aller Art. 

Welche Haltungsänderungen die Arbeitslosigkeit bei den 
Jugendlichen hervorrief, hing bei ihnen von der Veranlagung, dem 
Alter, bzw. dem Grad der Entwicklung, der Erziehung 
und anderen persönlichkeitsbildenden Faktoren ab. Es 
steht fest, daß auch gut veranlagte Jugendliche, bei welchen eine kriminelle 
Entwicklung nicht zu erwarten gewesen wäre, mit dem Gesetz in Konflikt 
kamen, wenn sie längere Zeit arbeitslos w’aren und sich aller Zukunfts¬ 
hoffnungen beraubt sahen. Bei 14- und 15jährigen Jungen waren die 
Folgen der Arbeitslosigkeit allgemein noch nicht so tiefgreifend, wenn sie 
irgend einer Ausgleichsbeschäftigung nachgingen, wie sie z. B. in den für 
jugendliche Arbeitslose geschaffenen Tagesheimen geboten wurde. Anders 
verhielt es sich bei den Jungen, die das 16. Lebensjahr erreicht und über¬ 
schritten hatten. Wie durch entwicklungspsychologische Untersuchungen 
nachgewiesen wurde, tritt bei den Jungen dieser Altersstufe an Stelle des 
kindlichen Betätigungsdranges der gereifte Leistungswille. Es macht sich 
bei ihnen allgemein ein stärkeres Verlangen nach einem positiven Einsatz 
im Leben geltend, sie wollen einer Arbeit nachgehen, die ihr Können klar 
abschätzen läßt und ihren Geltungstrieb befriedigt. Die Arbeits- und 
Berufslosigkeit wurde daher von den Jugendlichen, die die volle Berufs¬ 
reife erlangt hatten, besonders drückend empfunden, die Einwirkung auf 



8 


ihre Psyche war eine wesentlich stärkere. Bemerkenswert war die Zu¬ 
nahme der Phantasietätigkeit und Abenteuerlust bei 
vielen arbeitslosen Jugendlichen. Sie gaben oft reale, zuvor für sie fest¬ 
stehende Berufsziele auf und hingen phantastischen und abenteuerlichen 
Zukunftsplänen nach. Daß der Drang nach Tätigkeit und Geltung, wenn 
er sich nicht im Beruf auswirken kann, auch zu unberechenbaren Hand¬ 
lungen führt, durch die die Straffälligkeit eintritt, hat eine größere 
Anzahl kriminologisch verwandter Fälle erwiesen. 

Eine schon bestehende Dissozialität nahm durch die Arbeitslosigkeit 
verschärfte Formen an. Bei Jugendlichen, welchen es von vornherein um das 
Erlernen einer Arbeit und eines Berufes weniger zu tun war, trat bald eine 
GewöhnungandieArbeitslosigkeit ein, schließlich gingen sie 
einer geregelten Arbeit sogar aus dem Wege. Viele arbeitslose Jugendliche, 
die in den Systemjahren in den Anstalten für Erziehungsbedürftige unter¬ 
gebracht wurden, wollten die Gelegenheit, hier einen Beruf zu ergreifen, 
zunächst gar nicht wahmehmen. Neben der Verkümmerung des 
Arbeitsantriebes traten bei den von Arbeitslosigkeit betroffenen 
Verw’ahrlosungsfällen auch andere Charaktermängel und -defekte, für deren 
Entwicklung schlechte Veranlagung breitesten Spielraum bot, immer mehr 
in den Vordergrund. Besonders auffällig war die zunehmende Verro¬ 
hung und Entsittlichung, wobei in vielen Fällen auch Erbanlagen, 
die früher verdeckt geblieben waren, zu Tage traten. Die schlechtesten 
ererbten Eigenschaften gewannen bei den Arbeitslosen die Oberhand, aso¬ 
ziale Neigungen brachen ungehemmt durch und führten zur Verübung 
zahlreicher Vergehen, "Übertretungen und Verbrechen. 

Es hat sich gezeigt, daß auch Fehlgriffe bei der Berufs¬ 
wahl eine verbreitete Ursache der Jugendkriminalität bilden. Die Berufs¬ 
wahl der 14jährigen erweist sich in vielen Fällen als verfehlt, weil die 
Jugendlichen in diesem Alter die für die Berufswahl erforderliche Reife 
noch nicht besitzen. Ihre Berufswünsche sind noch stark vom Spieltrieb 
beherrscht, sie treten mit unklaren Vorstellungen über ihre eigenen Fähig¬ 
keiten und die Anforderungen der Berufe in das Berufsleben ein. Daher 
hat auch die im 14. Lebensjahr getroffene Berufswahl 
dengeringstenBestand. 72 v. H. der dissozialen und kriminellen 
städtischen Jugendlichen geben den Beruf, den sie in diesem Alter gewählt 
haben, später wieder auf. Der im 15. Lebensjahr gewählte Beruf wird in 
61 v. H. Fällen gewechselt. Erst im 16. und 17. Lebensjahr, also mehrere 
Jahre nach dem üblichen Eintritt in das Berufsleben, erlangt die Jugend 
die Reife, die für die richtige Berufswahl erforderlich ist. Die in diesem 
Alter getroffene Berufswahl erweist sich am stabilsten, obwohl es noch 
immer bei einem Drittel der Fälle zu nachträglichem Berufswechsel kommt. 

In den Bevölkerungsschichten, aus welchen sich die dissoziale und 
kriminelle Jugend hauptsächlich rekrutiert, .sind 85 v. H. der Jugendlichen 
bereits im 14. Lebensjahr vor die Frage der Berufswahl gestellt. Auch 
andere Momente beeinflußten in früheren Jahren ungünstig die Berufswahl. 
Durch die Berufsnot der Systemjahre waren die Jugfendlichen und 
besonders die sozial schlechter gestellten Jugendlichen oft gezwungen, ihre 
Berufswünsche zurückzustellen und die erste beste Arbeit anzunehmen, 
die sich ihnen bot. Dadurch gerieten viele von ihnen in Berufe, die sie von 
vornherein ablehnten. Die wenigen noch aufnahmefähigen „Modeberufe“, 
die starken Zustrom erhielten, waren von Ungeeigneten überfüllt. Auch 
befähigte Jugendliche nahmen Hilfsarbeiten an, um zu möglichst raschem 
Verdienst zu kommen. 



9 


Der Zwang zu einem Beruf, für welchen die Eignung oder 
das Interesse fehlt, ruft bei den jungen Menschen seelische Störungen 
hervor, die sich in Erziehungsschwierigkeiten äußern. Schon 
vor dem Berufseintritt vorhandene Erziehungsschwierigkeiten werden 
durch eine verfehlte Berufswahl erheblich gesteigert. Die fortgesetzten 
Mißerfolge bei der Arbeit und die damit verknüpften Zurücksetzungen 
und Demütigungen führen zu einer Erschütterung des Selbstvertrauens, 
die auch den Boden für kriminelle Handlungen bildet. Wir sehen, daß 
Jugendliche, die in ihrem Beruf zu keinem Erfolg kommen, ihre Haltung 
verlieren, sich zu anderen gescheiterten Existenzen hingezogen fühlen und 
dadurch leicht in schlechte Gesellschaft geraten. Verlockungen und 
schlechten Einflüssen setzen sie verminderten Widerstand entgegen. Für 
eine bestimmte Art der Straffälligkeit, die mit der Berufswahl engstens 
zusammenhängt, ist die Bezeichnung „B e r u f s r a c h e“ zutreffend. Man 
kann beobachten, daß Jugendliche, deren sehnlichste, in ihrer Veranlagung 
begründete Berufswünsche nicht in Erfüllung gehen, sich für die Ent¬ 
täuschung, die ihnen ein aufgezwungener Beruf bereitet, an ihren Eltern 
oder Arbeitgebern rächen, in dem sie Diebstähle, Veruntreuungen, boshafte 
Sachbeschädigungen und andere strafbare Handlungen begehen. Auch 
Fahrraddiebstähle lassen sich die in falsche Berufsbahnen ge¬ 
drängten Jugendlichen oft zuschulden kommen. Dabei sind sie nicht von 
Gewirmsucht geleitet; es ist ihnen vielmehr darum zu tun, möglichst rasch 
von der verhaßten Arbeitsstätte wegzukommen. Gerade sehr be¬ 
gabte und leistungsfähige Jugendliche lassen sich 
leicht zu kriminellen Handlungen hinreißen, wenn 
ihr Beruf nicht ihrer stark ausgeprägten Berufs¬ 
neigung entspricht. 

Der Einfluß eines gesteigerten, aber fehlgeleiteten Leistungswillens 
macht sich auch bei den Jugendlichen, die einem Schulstudium nach¬ 
gehen, stark geltend. Wir sehen, daß Schüler der 6. und 7. Klasse, die 
zuvor fleißig lernten, ihre Aufgaben vernachlässigen, sich von ihrem Lem- 
ziel abwenden und einer Beschäftigung nachgehen, die ihr Leistungsver¬ 
mögen klarer als ihre Schularbeit abschätzen läßt. Die Krisen, die mit 
dem Durchbruch des auf objektive, nützliche Arbeit gerichteten Leistungs¬ 
willens verbunden sind, führen auch bei den Mittelschülern zu sozialen 
Entgleisungen, die häufig kriminelle Formen annehmen. 

Die Neigung, eine verfehlte Berufs- oder Schullaufbahn aufzugeben, 
tritt im 14. und 15. Lebensjahr noch nicht stark hervor, sie nimmt aber 
immer mehr zu und ist am Ende des 16. Lebensjahres und Anfang des 
17. Lebensjahres besonders groß. Von den 16- und 17jährigen Jugend¬ 
lichen wird alles, was ihre Leistungsfähigkeit zu beschränken oder zu 
unterbinden vermag, besonders unangenehm empfunden. Lau hat durch 
Befragung von 3 500 Lehrlingen einen Zufriedenheitskoeffi¬ 
zienten errechnet, der das Verhältnis der Licht- und Schattenseiten im 
Beruf angibt. Im dritten Lehrjahr ergab der Koeffizient den geringsten 
Wert, wodurch die verstärkte Unzufriedenlieit der 16- und 17jährigen zum 
Ausdruck kommt. Aber nicht nur der Großteil der beruflichen Krisen, 
die im häufigen Berufs- und Stellenwechsel der Jugendlichen zum Aus¬ 
bruch kommen, fällt bei männlichen Jugendlichen in das 16. und 17. Lebens¬ 
jahr, auch die Kriminalität erfährt in diesen Jahren eine bedeutende 
Steigerung. Die Zöglinge der Anstalt für männliche Erziehungsbedürf¬ 
tige, die als 16- und 17jährige erstmalig straffällig wurden, machten 71 v. H. 



10 


des Gesamtstandes aus. Obwohl der Kriminalität der Jugendlichen gerade 
in diesen Jahren auch noch andere Ursachen zugrunde liegen, weist doch 
das zeitliche Zusammentreffen der Berufskrisen und der gesteigerten 
Kriminalität auf die angeführten engen Zusammenhänge hin. 

Jugendliche, die ihre Berufswahl richtig getroffen haben, Freude im 
Beruf empfinden und sozial wertvolle Arbeit leisten, beschäftigen selten 
die Jugendgerichte. Berufliche Unzulänglichkeit und Untauglichkeit ist 
hingegen bei den jugendlichen Rechtsbrechern sehr verbreitet. In den 
über sie erstatteten Berichten der NSV.-Jugendgerichtshilfe und der Für¬ 
sorgestellen finden sich zahlreiche Hinweise auf schlechte Berufsleistungen, 
Faulheit und andere im Berufsleben hervortretende Mängel. 

Die UrsachendesberuflichenVersagens sind im Einzel¬ 
fall sehr verschieden. Aus den in den Anstalten für Erziehungsbedürftige 
vorgenommenen ärztlichen Untersuchungen geht hervor, daß die zahlreichen 
körperlichen und organischen. Mängel, die die in die Obhut 
der Anstalten gelangenden Jugendlichen auf weisen, die Eignung für die 
Berufe, die sie vor der Anstaltsunterbringung ausübten, oft sehr herab¬ 
setzen oder ausschließen. Im Zusammenhang mit der beruflichen Un¬ 
zulänglichkeit wird von vielen Zöglingen beim Eintritt in die Anstalten 
der Wunsch geäußert, hier einen anderen, dem Leistungsvermögen mehr 
entsprechenden Beruf erlernen zu können. In manchen Fällen zeigt sich 
doch auch das hartnäckige Bestreben, die körperlichen und organischen 
Mängel im Beruf zu überwinden. Beispiele bilden: Sehschwache, die un¬ 
bedingt Schneider oder Uhrmacher werden wollen, ein Stotterer, der da¬ 
nach strebt, Verkäufer oder Kellner zu werden oder ein Junge mit Fu߬ 
prothese, der sich gerade als Laufbursche beruflich weiterbringen möchte. 

Die infantilen Konstitutionen — die durch eine dem 
Lebensalter nicht entsprechende Körperentwicklung gekennzeichnet sind, 
oft auch kränkeln und Herzfehler aufweisen — zeigen sich untauglich als 
Maschinensschlosser, Metalldreher, Schnitt- und Stanzenmacher, Tischler, 
Bäcker, Fleischer und zu anderen Berufen, die an die Körperkraft hohe 
Anforderungen stellen. Beobachtungen über die Entwicklung und Domi¬ 
nanzänderungen der Konstitutionen unter Einwirkung des zunehmenden 
Alters und des Berufes zeigen, daß die infantilen Typen später zum Teil 
in leptosom-asthenische (schmalwüchsige) Formen übergehen, daß aber 
bei ihnen fast nie ein Dominanzwechsel der Körperbaumerkmale in 
mu.skulär-athletischer Richtung erfolgt. Berufe, welche die Gesamt¬ 
muskulatur stark beanspruchen („R e i z b e r u f e“ nach Schmidt- 
Kehl) fordern aber von vornherein muskulär-athletischen Habitus oder 
eine Anlage, die einen Dominanzwech.sel in muskulär-athletischer Richtung 
eintreten läßt. Auch die ihrem Alter entsprechend entwickelten lepto¬ 
som-asthenischen Konstitutionen, die großes Längenwachs¬ 
tum und zierlicher Körperbau kennzeichnet, sind in vielen Fällen den An¬ 
forderungen körperlich anstrengender Berufe nicht gewachsen, meist zeigen 
sie für diese Berufe auch kein Interesse. 

Berufliche Nichteignung und Interesselosigkeit hängt auch in zahl¬ 
reichen anderen Fällen mit mangelnder Übereinstimmung zwischen Kon¬ 
stitutionsform und Bemf zusammen. Die muskulär-athletischen 
Konstitutionen, die durch derben Knochenbau und kräftige Mus¬ 
kulatur gekennzeichnet sind, und ein Großteil der pyknisch-athletischen 
Mischformen bewähren sich nicht als Schneider, Friseure, Kellner, Leder- 



11 


galanteristen und in anderen Berufen, die wegen der geringen Beanspru¬ 
chung der Gesamtmuskulatur als ausgesprochene „Reizmangelberufe“ 
anzusprechen sind. Nur bei einem geringen Teil der muskulär-athletischen 
Konstitutionen tritt unter der spezifischen Einwirkung des Berufes ein 
Dominanzwechsel in leptosom-asthenischer Richtung ein. Eine zu große 
Diskrepanz zwischen Konstitution und Beruf zieht bei ihnen in der Regel 
raschen Berufsaustritt nach sich. 

Meine Untersuchungen über den Berufswechsel krimineller 
Jugendlicher haben ergeben, daß der durch mangelnde Übereinstimmung 
zwischen Konstitution und Beruf ausgelöste Berufswechsel bestimmte 
Richtungen und Gesetzmäßigkeiten aufweist. Das konstitutionelle Moment 
tritt besonders im Berufswechsel der Psychopathen, die jeden Beruf auf¬ 
geben, der nicht ihrer Wesensart entspricht, deutlich hervor. Richtung¬ 
gebend für den Berufswechsel ist die für die Konsti¬ 
tutionsform spezifische Berufsneigung. Daß die ver¬ 
schiedenen Konstitutionstypen bestimmte Berufe oder Berufsgruppen be¬ 
vorzugen, kommt schon in den Berufswünschen zum Ausdruck, wie jeder 
Berufsberater aus seiner Erfahrung weiß. Die Zusammenhänge wurden 
durch verschiedene Autoren auch statistisch belegt. Ebenso ist die Be¬ 
währung der Konstitutionstypen in den für sie spezifischen Berufen am 
besten. 

Manchmal wechseln die Jugendlichen solange 
ihren Beruf, bis sie eine Berufswahl treffen, die 
ihrem Konstitutionstypus entspricht. Einige Beispiele 
aus der Praxis: Ein schmächtiger, aufgeschossener Junge vom leptosomen 
Typus will Schneider werden, gelangt aber zufolge des in der Systemzeit 
herrschenden Lehrstellenmangels in eine Lehrstelle als Maschinenbauer. 
Er bewährt sich in diesem Beruf ebenso wenig wie später als Maurer. Erst 
die Ausbildung als Schneider, die der Berufsneigung entspricht, führt zu 
guten beruflichen Leistungen und zur Unterbindung weiteren Berufs¬ 
wechsels. Ein anderer Junge, vom gleichen schmal wüchsigen Typus, mit 
zierlichen Händen, intelligent, will Friseur werden, erhält aber vom Arbeits¬ 
amt eine Lehrstelle als Tischler zugewiesen. Er versagt als Tischler voll¬ 
kommen; ebenso wird er bald darauf als Bäckerlehrling als faul und ganz 
unbrauchbar bezeichnet. Erst die Ausbildung als Friseur, die in der 
Erziehungsanstalt erfolg;te, führte zu stabiler beruflicher Entwicklung und 
zu guter Bewährung. Nach der Entlassung legte der Junge die Gesellen¬ 
prüfung mit sehr gutem Erfolg ab. 

Die eben angeführten Beispiele zeigen einen Berufswechsel auf, bei 
dem sich die leptosome Konstitution, die die Reizmangelberufe bevorzugt, 
durchsetzte. Gerade diese Berufe geben die muskulär-athletischen Kon¬ 
stitutionen oft schon nach kurzer Lehrzeit auf, um sich einem „Reizberuf“ 
zuzuwenden. So beobachtet man bei ihnen zum Beispiel einen Berufswechsel 
vom Friseur, Schneider, Buchbinder oder Kellner zum Bäcker, Maurer, 
Schlosser oder Gärtner. Im Be rufswechsel der pyknischen 
Konstitutionen, die schon im Jugendalter durch kleine gedrungene 
Gestalt, rundliche Gliedmaßen und mittelstarke, jedoch weiche Muskulatur 
gekennzeichnet sind, kommt sowohl die Ablehnung der ausgesprochenen 
Reizberufe, wie auch der extremen Reizmangelberufe zum Ausdruck. Sie 
ziehen Berufe vor, welche die Bearbeitung eines mittelharten Materials 
fordern (Schuhmacher, Ledergalanterist, Fleischer, Zuckerbäcker u. a.). 


12 


Konstitutionell bedingte Züge zeigt auch der Berufswechsel der zu¬ 
sammenfassend als dysplastisch bezeichneten Übergangsformen ins 
Krankhafte und der ausgesprochenen Pathokonstitutionen. Bei 
den durch kindliche, unterentwickelte Körpermerkmale gekennzeichneten 
hypoplastisch-infantilen Typen lehnt sich der Berufswechsel an 
jenen der leptosom-asthenischen Konstitutionen an. Sie harren in Berufen, 
die die Muskulatur des ganzen Körpers beanspruchen, in der Regel nicht 
lange aus. Die Richtung ihres Berufswechsels läßt die Bevorzugung 
der Reizmangelberufe und indifferenter Berufe deutlich 
erkennen. Beispiele: Berufswechsel vom Schlosser— Gärtner — zum Glaser, 
vom Bäcker zum Feinmechaniker, Fleischer zum Praktikanten, Tischler zum 
Anstreicher. Die dgrch das Zusammentreffen körperlicher und geistiger 
Defekte gekennzeichneten Typen sind ohne besondere Vorschulung und 
Anlernung den Anforderungen qualifizierter Berufe nicht gewachsen und 
geben Lehrstellen im Handwerk und Gewerbe oft.schon nach ganz kurzer 
Zeit auf, um sich als Hilfsarbeiter fortzubringen, wobei sie manchmal 
Vorliebe und Eignung für monotone Arbeiten zeigen. 
Bezeichnend für sie ist die verminderte Übungsfähigkeit, 
durch welche auch der Anlernung bestimmte Grenzen gezogen sind. 

Auch bei den straffällig gewordenen weiblichen Jugendlichen hängt 
der Berufswechsel in vielen Fällen mit einer in konstitutioneller Bezie¬ 
hung verfehlten Berufswahl zusammen. Die Mädchen sind im allgemeinen 
sehr geneigt, einen Beruf, der ihrer Wesensart nicht entspricht, wieder 
aufzugeben. Die Gesetzmäßigkeiten des Berufswechsels, bei welchem der 
konstitutionelle Faktor richtunggebend wirkt, sind im wesentlichen die 
gleichen wie bei den männlichen Jugendlichen. Wir finden bei ausge¬ 
sprochen muskulären, robusten Naturen beispieLsweise einen Berufs¬ 
wechsel von der Modistin, Strickerin, Friseuse zur Hausgehilfin, Wäscherin, 
Gärtnerin. Bei zarten, schwächlichen Naturen vollzieht sich der Berufs¬ 
wechsel in den angeführten Berufen in umgekehrter Richtung oder z. B. 
von der Gärtnerin zur Konfektionsnäherin, Hausgehilfin zur Putzmacherin 
usw. Auch die Vorliebe pyknischer Naturen für den Beruf der Köchin, 
Zuckerbäckerin u. a. kommt im Berufswechsel zum Ausdruck. Sehr lebhaft 
veranlagte Mädchen wenden sich vom Beruf der Schneiderin oder Steno¬ 
typistin ab, um nicht „fortwährend sitzen zu müssen“. Sie streben Berufen 
zu, die ihrem Bewegungsdrang entgegenkommen. Umgekehrt zeigt der 
Berufswechsel der ruhigen, phlegmatischen Temperamente, daß ihnen 
Berufe widerstreben, die fortwährende Bewegung erfordern. 

Um weiteren Berufswechsel der kriminellen Jugendlichen nach ihrem 
Eintritt in die Anstalten für Erziehungsbedürftige zu unterbinden, erwies 
es sich als notwendig, sie in Berufe zu bringen, die ihrem Konstitutionstypus 
möglichst entsprechen. Die Berufseinteilung nach konstitu- 
tionshygienischenGesichtspunkten wird dadurch erschwert, 
daß fast ein Drittel der im Pubeszenzalter befindlichen Jugendlichen 
mangels entsprechender Differenzierung keinem der Haupttypen zugeteilt 
werden kann. Neben den Mischformen finden wir bei den kriminellen 
Jugendlichen zahlreiche Sonderformen. Auch sind Fälle, bei denen 
die körperliche Struktur in der Pubertätszeit sich grundlegend ändert, 
nicht allzu selten. Die Frage, in welchen Berufen bei den einzelnen Konsti¬ 
tutionstypen, Misch- oder Sonderformen die körperlichen und seelischen Vor¬ 
aussetzungen für optimaleLeistungen gegeben sind, konnte ich auf 
Grund der Typisierung der Kaiserebersdorfer Zöglinge und der Unter- 



13 


suchungen über ihr Verhalten an früheren Lehrplätzen und ihren Berufs¬ 
wechsel weitgehend klären. Sehr aufschlußreich in dieser Beziehung 
waren auch Bewährungskontrollen, die ich in den Lehrwerk¬ 
stätten der Anstalt regelmäßig durchführte, um die getroffene Berufsein¬ 
teilung zu überprüfen. Es hat sich gezeigt, daß die Konstitutions¬ 
formen, die in den Werkstätten überwiegen und 
gewissermaßen den Berufstypus repräsentieren, 
durchweg die tüchtigsten und fleißigsten Lehrlinge 
stellen. Für die Beurteilung der Bewährung im Beruf wurde nicht nur 
die praktische Eignung, sondern auch das Ergebnis des Unterrichtes in der 
gewerblichen Fortbildungsschule herangezogen. Nach Ausschluß der Un¬ 
geeigneten, sowohl bei der Berufsberatung wie im Laufe der Ausbildung, 
ergab sich in den einzelnen Arbeitsbetrieben eine vom Ausgangsmaterial 
abhängige, aber in großen Zügen gleichbleibende Verteilung der Konsti¬ 
tutionstypen. Das beim Abschluß mehrerer Lehrgänge der beruflichen Fort¬ 
bildungsschule sich ergebende Bild ist in Tabelle 1 festgehalten. Die Auf¬ 
stellung umfaßt Zöglinge verschiedenen Alters und verschiedener Entwick¬ 
lungsstufen. 


Tabelle 1: Verteilung der Kon^titutionstypen auf die Berufe 


Beruf 

Muskulär 

Athletisch 

Misch¬ 

form 

Leptosom 

Asthe¬ 

nisch 

Pyknisch 

Infantil 

Dyspla¬ 

stisch 

Summe 

a 

N 

% 

» 1 
*3 ! 

% 

1 

1 0/ 

1 /o 

£ 

N 

’ 0/ 

1 

2 

:S 

N 

! "/o 

Cd 

S3 

0/ 

/o 

*3 

N 

0/ 

1 /o 

J= 

Cd 

N 

' 0/ 

1 '0 

1 

Schlosser. 

60 

61,9 

17 

1 

)17,5 

4 

1 

j 4,1 

14 

1 

'14,4 

— 

1 

1 _ 





_ 

_ 

97 

Klempner. 

21 

40,4 

4 

; 7,7 

3 

1 5,8 

13 

25,0 

5 

9,6 




— 

2 

3,8 

52 

Tischler. 

63 

57,2 

8 

i 7,3 

9 

1 8,2 

22 

20,0 

8 

7,3 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

110 

Bäcker . 

64 

58,2 

11 

iebI 

9 

i 8,2 

12 

10,9 

3 

; 2.7 

5 

4,6 

3 

2,7 

3 

2,7 

110 

Gärtner. 

28 

50,0 

4 

1 

6 

1 8,9 

9 

16,1 

— 


3 

6,4 

4 

i 7,1 

3 

5,4 

56 

Korbflechter... 

14 

29,8 

1 

2,1 

4 

8,5 

14 

29,8 

3 ! 

6,4 

— 

, - 

7 

[14,9 

4 

8,5 

47 

Schuhmacher .. 

7 

6,6 

1 

1 

— 

2 

1 ^>9 

56 

162,3 

15 

14,0 

21 

19,6 

3 

2,8 

3 

2,8 

107 

Buchbinder .... 

5 

7,8 

— 

i 

3 1 

4,7 

39 

60,9 

13 

20,4 

2 

3,1 

2 

3,1 

- 1 

1 - 

64 

Schüler. 

6 

9,2 

1 

1,6 

3 

4,6 

29 

44,6 

17 

26,1 

3 

4,6 

4 

6,2 

2 

3,1 

65 

Schneider. 

6 

6,4 

— 

— 


2.6 

44 

39,3 

67 

50,9 

— ' 

— 

1 

0,9 

1 

0,9 

112 

Friseur . 

4 

6,2 

— 

— 

3 1 

4,6 

25 

38,4 

30 ^ 

46,2 

— 

— 

3 

4,6 

— 

— 

65 

Summe. 

278 

1 

31,4 

1 1 

46 

5,2 

48 

5,4 

•277 

31,2 

i5i; 

17,1 

40 

4,5 

27 

3,1 

18 

2,1 

885 


Bei den Schlossern überwiegen die muskulär-athletischen Typen 
mit zusammen 79,4 v. H. Das Vorhandensein von 14,4 v. H. leptosomen 
Formen geht z. T. darauf zurück, daß in die Werkstätte der Anstalt auch 
Mechaniker und Elektriker eingestellt sind, die in ihrer Konstitution von 
den Schlossern nicht unerheblich abweichen. Unter dem Einfluß des 
Berufes erfolgt eine Zunahme der muskulär-athletischen Körperbaumerk¬ 
male. Wenn asthenische Züge hervortreten, deutet das darauf hin, daß 
der Beruf nicht ertragen wird. Infantile Typen fehlen. 

Bei den Klempnern ergibt sich ein von den Schlossern abwei¬ 
chendes Bild, da die muskulär-athletischen Formen nicht so stark in den 
V ordergrund' treten. 



























14 


Im Tischler beruf überwiegen die muskulär-athletischen Typen. 
Die für einen Reizberuf relativ große Beteiligung der leptosomen und asthe¬ 
nischen Formen geht hauptsächlich darauf zurück, daß die Verteilung der 
Typenformen beim Lehreintritt unspezifisch ist. 

Im Bäcker beruf überwiegen die muskulär-athletischen Typen, es 
macht sich auch ziemlich starker pyknischer Einschlag geltend. Die Ein¬ 
wirkung des Berufes auf die Konstitutionen weist je nach der Arbeit, zu 
der die Lehrlinge vorwiegend herangezogen werden, Unterschiede aus. 
Zumeist Einwirkung in muskulär-athletischer Richtung. 

Der Beruf des Gärtners wird von den muskulär-athletischen 
Konstitutionen bevorzugt. Unter den Zöglingen der Anstalt, die Vorlehr¬ 
zeiten als Gärtner aufweisen, befinden sich in größerer Zahl auch leptosom¬ 
asthenische Konstitutionen. Daraus ist zu ersehen, daß die Anforderungen 
des Berufes von den Jugendlichen oft unterschätzt werden. 

Die Korbflechter zeigen eine ziemlich gleichmäßige Konstitu¬ 
tionsverteilung. Es handelt sich um einen Beruf, den die Zöglinge nur 
sehr selten erlernen wollen. Da sich für bestimmte Korbflechterarbeiten 
auch Debile gut eignen, sind die den Debilen typischen Sonderformen in 
dieser Werkstätte relativ zahlreich -vertreten. 

Bei den Schuhmachern ist die große Zahl der Pykniker auf¬ 
fallend. Die Mischformen und infantilen Typen, die beim Lehreintritt 
relativ zahlreich sind, gehen größtenteils in leptosom-asthenische Formen 
über. 

Im Buchbinder beruf überwiegen die leptosom-asthenischen 
Typen mit 81,3 v. H. Bei der Berufsausübung treten fast ausschließlich 
Veränderungen in leptosom-asthenischer Richtung ein. 

Bei den Schülern der Kaufmännischen Fortbil¬ 
dungsschule sind alle Konstitutionstypen vertreten, doch überwiegen 
die leptosom-asthenischen Typen. 

Bei den Schneidern finden sich 90,2 v. H. leptosom-a.sthenische 
Typen. Athletische Konstitutionen fehlen vollkommen. Die Mischtypen 
gehen in leptosom-asthenische Typen über. Der Beruf wird von körperlich 
„Schwächeren“ bevorzugt. 

Die Friseure gehören zu 84,6 v. H. der leptosom-asthenischen 
Gruppe an. Auch in diesem Beruf scheiden die athletischen Typen ganz 
aus. Der Beruf wird größtenteils von schwächer Entwickelten ausgeübt. 

Bei den in den Arbeitsbetrieben der Anstalt Hirtenberg sich bewäh¬ 
renden Mädchen finden sich gleichfalls übereinstimmende körperlich konsti¬ 
tutionelle Züge, doch tritt die Zugehörigkeit zu den Kretschmer 'sehen 
Konstitutionstypen nicht mit gleicher Deutlichkeit hervor, wie bei den 
männlichen Jugendlichen. Wäscherinnen, Gärtnerinnen, 
Landarbeiterinnen verfügen meist über eine derbe und kräftige 
Konstitution. Bei den Weißnäherinnen und Kleidermache¬ 
rinnen ist der Körperbau allgemein zarter und schwächer. Zum Unter¬ 
schied von den männlichen Jugendlichen erstrecken sich die typischen 
leptosom-asthenischen Züge der Mädchen nicht allgemein auf den gesamten 
Körper, sondern oft nur auf Teile desselben, z. B. auf die Hände. Die 
Geschmeidigkeit und Zierlichkeit der Hände, die bestimmten Berufsan¬ 
forderungen entspricht, steht in vielen Fällen mit der übrigeh Körperform 



15 


wenig in Einklang. Umgekehrt gibt es Fälle, in welchen Mädchen in ihrem 
Äußeren zart wirken, jedoch zufolge des derben Baues der Hände sich für 
feinere Arbeiten nicht eignen. Bei den Köchinnen machen sich pyk- 
nische Einschläge geltend. Durch entsprechende Berücksichtigung der 
Konstitution und Berufsneigung bei der Arbeitseinteilung treten bei Zög¬ 
lingen, welche vor der Anstaltsunterbringung auf beruflichem Gebiet voll¬ 
kommen versagt hatten, grundlegende Änderungen des beruflichen Ver¬ 
haltens ein. 

Bei der psychotechnischen Untersuchung der Zöglinge der Anstalten 
für Erziehungsbedürftige hat sich in zahlreichen Fällen der Mangel be¬ 
stimmter Begabungen als der Grund beruflicher Mißerfolge herausgestellt. 
Vor allem entspricht die Intelligenz der Zöglinge nicht immer den 
im Beruf an sie gestellten Anforderungen. Die Anwendung von Test¬ 
reihen, die bei der Berufsberatung von Hauptschülem in! Wien und Nieder¬ 
donau erprobt und geeicht wurden, hat es ermöglicht, bei den psychotech¬ 
nischen Prüfungen der Zöglinge der Anstalten für Erziehungsbedürftige 
exakte Vergleiche mit den Leistungen der Normal¬ 
fälle anzustellen. Bei etwa 10 v. H. der männlichen und 15 v. H. der 
weiblichen Anstaltsjugendlichen ergaben sich leichtere Schwachsinnsformen 
(Debilität, Imbezillität), bei weiteren 40 bzw. 60 v. H. erreicht die Intelli¬ 
genz nicht den normalen Durchschnitt. Neben ausgesprochenen Intelli¬ 
genzdefekten trifft man bei den kriminellen Jugendlichen auch 
leichtere Störungen der intellektuellen Funktionen 
oft an, wie Störungen des Gedankenablaufes, Mängel des logisch-kritischen 
Denkens, eine Verflachung oder abnorme Steigerung der Phantasie und 
eine sehr geringe Konzentrationsfähigkeit. Die elementaren Schul¬ 
kenntnisse sind allgemein sehr gering, z. B. können mehr als 60 v. H. 
der Zöglinge nicht dividieren. Unter den im Burgenland und abgelegenen 
Teilen des Alpenlandes aufgewachsenen ländlichen Verwahrlosten trifft 
man sogar vereinzelt Analphabeten an. Die vernachlässigte Intelli¬ 
genzschulung wirkt sich im Berufsleben allgemein sehr ungünstig aus, vor 
allem, wenn die Jugendlichen vor die Anforderungen eines Handwerks 
gestellt sind. 

Unzulängliche Leistungen der Handwerker hängen oft mit dem 
Mangel einer berufswichtigen Sonderbegabung zu¬ 
sammen. So bildet ungenügende technische Begabung ein schweres Berufs¬ 
hemmnis für Schlosser, Klempner, Elektriker und Installateure. Schlechte 
Berufsleistungen der Klempner, besonders im Galanteriefach, gehen manch¬ 
mal auf nicht entsprechenden Formensinn zurück. Buchbinder und Litho¬ 
graphen bleiben in ihrem Beruf erfolglos, wenn sie nicht kunstgewerblich 
begabt sind und den erforderlichen Farbensinn und Geschmack besitzen. 
Ungenügende räumliche Vorstellungsgabe, schlechtes Augenmaß und ge¬ 
ringe manuelle Geschicklichkeit behindern den Lehrling bei jeder Hand¬ 
werkstätigkeit. Berufsuntüchtigen Verkäufern, Geschäftspraktikanten u.a. 
fehlt es manchmal an der berufswichtigen kaufmännischen Begabung. 

Berufliche Schwierigkeiten ergeben sich auch aus dem Unvermögen, 
sich einem bestimmten Tempo der Wahrnehmung oder Bewegung an¬ 
zupassen. Beispielsweise entsprechen Bäcker- oder Buchdruckerlehrlinge 
nicht den Berufsanforderungen, wenn ihr Arbeitstempo ein zu langsames ist. 

Die Ablehnung des Berufes und damit die Nichteignung kann auch 
emotional bedingt sein. Es liegt in verschiedenen Fällen Gegen- 
einstellung zu dem Material vor, das im Beruf zu bearbeiten 


16 


ist, und manche Jugendlichen eignen sich überhaupt nur für Berufe, die 
keine Materialbeherrschung erfordern. Nach meinen Beobachtungen hängt 
das „Materialgefühl“ mit dem Alter und dem Grad der körperlichen Ent¬ 
wicklung eng zusammen. Jugendliche, bei welchen infantile und puerile Züge 
vorherrschen, sind sich im allgemeinen nicht im Klaren darüber, welches 
Material sie bearbeiten wollen und ob sie nicht einen Beruf vorziehen 
würden, der nicht die Beherrschung eines Materials fordert. Erst wenn 
ihre körperliche Entwicklung entsprechend vorgeschritten ist, können sie 
zu dieser Frage — wie zur Frage der Berufswahl überhaupt — in ent¬ 
schiedener Weise Stellung nehmen. 

Je weniger Veranlagung und Beruf übereinstimmen, um so rascher 
tritt der Berufswechsel allgemein ein; doch gelangten auch Lehrlinge in 
die Anstalten für Erziehungsbedürftige, die eine mehr als einjährige Lehr¬ 
zeit aufwiesen, obwohl sie für ihren Beruf gänzlich ungeeignet waren. Die 
Bereitschaft, einen verfehlten Beruf aufzugeben, ist bei männlichen Jugend¬ 
lichen im 16. und 17. Lebensjahr, also in dem Alter, in welchem der gereifte 
LeistungswWlle zum Durchbruch gelangt, besonders groß. Der Berufs¬ 
wechsel läßt erkennen, daß ein Beruf, der zu hohe Anforderungen in bezug 
auf Intelligenz und Begabung stellt, ebenso aufgegeben wird, wie ein 
anderer, der weit unter dem Begabungs- und Leistungsniveau liegt. 
Stärker ausgeprägte Begabungen suchen sich durch¬ 
zusetzen, vor allem technische, kaufmännische, kunstgewerbliche Be¬ 
gabung. Zur richtigen Berufswahl kommt es manchmal erst nach mehr¬ 
maligem Berufswechsel. Bei stark ausgeprägter technischer Begabung 
fand z. B. ein Berufswechsel von einem Beruf des Nahrungsmittelgewerbes 
zur Konfektion, dann zu einem Beruf der Metallverarbeitung (Werkzeug¬ 
macher) statt. Der Berufswechsel Baugewerbe — Gerber — Büroprak¬ 
tikant wurde durch kaufmännische Begabung herbeigeführt. Kunstgewerb¬ 
liche Begabung setzte sich in einem Fall nach dreimaligem Berufswechsel 
bei der Wahl des Buchbinderberufes durch. 

Die in den gleichen Berufen befindlichen Anstaltszöglinge — vor allem 
die beruflich Tüchtigen — wiesen nicht nur in ihrem körperlichen Habitus, 
sondern auch in ihrer geistigen Struktur viel Ähnlichkeit und Gemeinsames 
auf. Zufolge der von mir wesentlich nach Konstitu¬ 
tion, Intelligenz und Charakter d u r c h g e f ü h r t e n 
B e r u f s a u s 1 e s e kamen bei der Arbeit gleichartige 
Menschen zusammen. Daß man in den verschiedenen Arbeits¬ 
betrieben der Anstalt Kaiserebersdorf auch verschiedene Typen 
körperlicher und geistiger Prägung begegnete — daß 
gewissermaßen jede Werkstätte ein anderes Gesicht hatte — fiel sogar 
Besuchern der Anstalt auf, die auf dem Gebiet der Konstitutionsforschung 
und Berufspsychologie keine Fachkenntnisse besaßen. Besonders auf¬ 
fallend war der Unterschied im Längenwachstum der Schuh¬ 
macher einerseits, der Schneider und Friseure anderseits und das Her¬ 
vortreten der athletischen Typen, bei den Schlossern und 
Bäckern. Der Unterschied der Intelligenz der Lehrlinge zu¬ 
folge der verschiedenartigen Anforderungen der Berufe und der dadurch 
bedingten Auslese ist auch physiognomisch deutlich zum Ausdruck 
gekommen. Die Tabelle 2 gibt Aufschluß über dib allgemeine Intelligenz 
der Zöglinge in verschiedenen Berufsgruppen. In Tabelle 3 sind die gleichen 
Lehrlinge und Schüler aufgenommen, deren konstitutionelle Zugehörigkeit 
aus Tabelle 1 hervorgeht. 



17 


» 


Tabelle 2: Allgemeine Intelligenz der Lehrlinge, Schüler der kauf¬ 
männischen Fortbildungsschule und der Land- und Hilfsarbeiter 


Beruf 

gut 

mittel 

untermittel 

schwach 

Q> 

s 

g 

Zahl 

lO 

Zahl 1 

0/ 

10 

Zahl i 

0/ 

Io 

Zahl 

% 

9 

m 

Kaufmännische 
Fortbildungsschüler .. 

36 


30 

46,2 





65 

Handwerker. 

156 


393 

48,0 

238 

29,0 

33 


820 

Landarbeiter . 

20 


48 

12,1 

241 

60,9 

87 

21,9 

396 

Hilfsarbeiter. 



16 

12,6 

81 

68,1 

23 

19,3 

119 

Summe. 

211 

15,1 

486 

34,7 

560 

40,0 

143 

10,2 

1400 


Tabelle 3: Allgemeine Intelligenz der Handwerkslehrlinge 


Beruf 

gut 

mittel 

untermittel 

schwach 

Summe 

Zahl 1 

0/ 

/o 

Zahl 

“/o 

Zahl 

0/ 

Io 

Zahl 

0/ 

10 

Schlosser. 

36 

37,1 

61 

62,9 

_ 


_ 

_ 

97 

Klempner. 

8 

16,4 

44 1 

84,6 

— 

1 

— 

— 

62 

Tischler. 

21 

19,1 

35 

31,8 

54 

49,1 

— 

— 

110 

Bäcker. 

12 

10,9 

58 

62,7 

40 

36,4 

— 

— 

110 

Gärtner. 

4 

7.2 

13 

23,2 

34 

60,7 

5 

8.9 

56 

Korbflechter. 

— 

— 

5 

10,6 

21 

44,7 

21 

44,7 

47 

Schuhmacher. 

7 

6,5 

46 

43,0 

47 

43,9 

7 

6,6 

107 

Buchbinder. 

16 

25,0 

28 

43,7 

20 

31,3 

_ ! 

— 

64 

Schneider. 

24 

21,4 

66 

68,9 

22 

19,7 

— 

— 

112 

Friseure. 

28 

43,1 

37 

66,9 

— 

— 

— 

— 

66 

Summe . 

166 

19,0 

393 

48,0 

238 

29,0 

33 

4,0 

820 


Als Schüler der kaufmännischen Fortbildungsschule, Schlosser, 
Klempner und Friseure bewährten sich nur Zöglinge, die mindestens durch¬ 
schnittliche Allgemeinintelligenz aufwiesen. Bei anderer Handwerksarbeit 
schloß unterdurchschnittliche allgemeine Intelligenz es nicht aus, daß die 
Lehrlinge den Anforderungen entsprachen, wenn sie körperlich besonders 
leistungsfähig waren oder Sonderbegabungen aufwiesen. Bei Land- und 
Hilfsarbeitern bewährten sich zum Teil auch die leichteren Schwachsinns¬ 
formen. 

In Hirtenberg zeigte es sich, daß es bei den Berufen, die die Mädchen 
in der Anstalt erlernen, mehr auf Geschicklichkeit und entsprechendes 
Berufsinteresse, als auf eine bestimmte Allgemeinbegabung ankommt. 
Doch zeigten sich auch bei den Lehrmädchen, Köchinnen, Hausgehilfinnen, 
Gärtnerinnen und Landarbeiterinnen graduelleUnterschiededer 
Intelligenz. Die Anzahl der Zöglinge, die gute Allgemeinintelligenz 
aufwiesen und der unterdurchschnittlich und schwach Begabten war in 
den einzelnen Berufen dementsprechend differenziert. Das Ergebnis der 
psychotechnischen Untersuchung wurde bei der Berufsberatung weitgehend 


t 










































18 


berücksichtigt, wenn die Mädchen in eine Berufslehre eintreten oder nach 
der Entlassung kaufmännische Berufe ergreifen sollten. Minderbegabte 
wurden dadurch von Berufen abgehalten, für welche sie sich nicht geeignet 
hätten. 

Charakterliche und moralische Mängel bilden das 
wesentlichste Erschwernis der Berufseinordnung verwahrloster und krimi¬ 
neller Jugendlicher. Wir stoßen bei diesen Jugendlichen auf alle Formen 
und Grade der Arbeitsunlust. Die auch im Bereich des Normalen zu 
begegnende partielle Arbeitsunlust, die sich nur bei bestimmten 
Arbeiten geltend macht, steht mit den zahlreichen Fehlgriffen bei der 
Berufswahl im Zusammenhang. Sie wird oft als allgemeine Arbeitsun¬ 
willigkeit ausgelegt. Die Arbeitsunlust und -unwilligkeit bei bestimmten 
Arbeiten schließt aber keineswegs anderwärtige Berufstüchtigkeit aus. 
Auch Konzentrationsschwäche, Nervosität, selbst der Schwachsinn werden 
mit allgemeiner Faulheit verwechselt. 

Im Zusammenhang sowohl mit vernachlässigter und ver¬ 
fehlter Erziehung, wie mit schlechter Veranlagung findet man 
den Arbeitsantrieb jugendlicher Rechtsbrecher oft stark verringert. Die 
in ungünstigen familiären und sozialen Verhältnissen aufgewachsenen 
Kinder, vor allem die ausgesprochenen Verwahrlosungs- und Verelendungs¬ 
fälle, werden nicht allein in wichtigen Lebensbedürfnissen gekürzt, es 
unterbleibt bei ihnen zum Nachteil ihrer Entwicklung auch eine allmähliche 
Gewöhnung an eine Beschäftigung. Die genaue Erforschung ihres Klein¬ 
kindalters ergibt in vielen Fällen, daß sich ihr natürlicher Spieltrieb zwar 
äußerte, aber überhaupt nicht oder nicht kindgemäß befriedigt wurde. 
Das Spiel ist aber für das Kind zur Übung seiner seelischen und geistigen 
Kräfte genau so lebensnotwendig wie der stete Gebrauch seiner körper¬ 
lichen Kräfte. Außerdem gibt das Milieu, in dem die vernachlässigten 
Kinder aufwachsen, keine oder nur geringe geistige Anregung. 

Den Anforderungen der Schule stehen die ver¬ 
wahrlosten Kinder mangelhaft vorbereitet gegen¬ 
über. Es fehlt ihnen der Vorstellungsschatz, den schon die Schule voraus¬ 
setzt; ihre Phantasie ist früh verflacht, ihr Gedächtnis ungeübt; sie fassen 
viel schwerer auf als Kinder, deren Anlagen schon früher geweckt wurden. 
Hinzu kommt, daß sie nicht, wie die in geordneten Verhältnissen auf¬ 
wachsenden Kinder, zum Lernen entsprechend angehalten werden, so daß 
sie manchmal in ihrer gesamten geistigen Entwicklung Zurückbleiben. Aus 
Aufstellungen über die Vorbildung schulmündiger Zöglinge der Anstalten 
für Erziehungsbedürftige geht hervor, daß die Verwahrlosungsfälle zu¬ 
meist über die erste, zweite Hauptschulklasse nicht hinausgekommen sind. 
Sie besuchen häufiger Hilfsschulen, als es der Verbreitung anlage¬ 
mäßig bedingter Intelligenzdefekte entsprechen würde. Schulstürzen 
ist bei den schlecht beaufsichtigten Kindern sehr verbreitet, doch spielen 
bei diesem Merkmal der Dissozialität auch Anlagemängel eine bedeutende 
Rolle. Es kommt beim Schulstürzen manchmal eine Labilität, die zu 
beruflicher Unbeständigkeit führt oder auch ein ausgesprochener Hang 
zur Vagabundage zum Ausdruck. Inden Schulberichten der Verwahrlosungs¬ 
fälle finden wir neben Klagen über Faulheit und schlechten Fortgang auch 
zahlreiche Hinweise auf verübte Diebstähle, Unsittlichkeiten, Roheiten usw. 

Durch die früh ausgeprägte Arbeitsunwilligkeit und die Neigung zu 
kriminellen Handlungen scheitern viele vernachlässigte Jugendliche, sobald 
sie in das Berufsleben eintreten. Die Unzulänglichkeit ihrer 



lö 


Erziehung und beruflichen Vorbereitung tritt besonders 
zutage, wenn sie den Anforderungen von Berufen gegenüberstehen, die 
eine geschulte Intelligenz, erweckte Anlagen, gleichmäßige Arbeitslei¬ 
stungen, ausgeprägten Gemeinschaftssinn und unbedingte Verläßlichkeit 
erfordern. 

Eine starke Verkümmerung des Arbeitsantriebes tritt vor allem auch 
als Folge von Verwöhnung und Verzärtelung ein. Es handelt sich 
hier um einen in weiten Bevölkerungskreisen noch immer 
verbreiteten Erziehungsfehler, der die gesamte cha¬ 
rakterliche und moralische Entwicklung der Jugend¬ 
lichen auf das ungünstigste beeinflußt. Die schweren 
Formen der Verwöhnung, die auch zu besonderen Graden der Faulheit 
führen, ergeben sich zumeist aus bestimmten familiären Konstellationen. 
So ist bekannt, daß die einzigen, ältesten und jüngsten Kinder, sowie 
Großmutterkinder, häufig verzärtelt werden. Elterlicher Zwist führt zu 
schweren Verwöhnungsformen, wenn beide Teile um die Gunst der Kinder 
werben. Stiefmütter und Stiefväter verwöhnen manchmal ihre Kinder 
aus Furcht, daß sich diese lieblos behandelt fühlen könnten. Kränkliche 
Kinder werden aus Mitleid verwöhnt. Selbst bei Waisenkindern, die in 
Heimen und Anstalten aufwachsen, zeigen sich manchmal Symptome der 
Überbefürsorgung. 

Die verwöhnten Kinder sind darauf eingestellt, alles zu erreichen, 
ohne sich selbst anstrengen zu müssen. Da man ihnen alle Schwierigkeiten 
aus dem Wege räumt und jeden eigenen Einsatz erspart, werden sie 
faul, mutlos und lebensuntüchtig. Besonders arg sind die 
Folgen der Verwöhnung, wenn die Eltern, vor allem die Mütter, selbst hin¬ 
sichtlich Arbeit und Pflichterfüllung ein schlechtes Beispiel geben. Neben 
ausgesprochener Faulheit kennzeichnet die verwöhnten Jugendlichen auch 
rücksichtsloser Egoismus. Seit frühester Kindheit gewohnt, daß man 
ihnen jeden Wunsch erfüllt, schrecken sie später vor nichts zurück, um 
die Erfüllung ihrer Wünsche zu erzwingen. Sie zeigen sich überaus brutal, 
wenn endlich der Versuch unternommen wird, ihnen energisch entgegen¬ 
zutreten. Es kommt bei ihnen häufig zu Gewalttätigkeiten, die sich haupt¬ 
sächlich gegen die Mütter richten, aber auch zum Schuldenmachen, zu 
Familiendiebstählen und anderen allmählich schwererwiegenden kriminellen 
Handlungen. Wenn nicht rechtzeitig die erforderlichen Erziehungsma߬ 
nahmen getroffen werden, entwickeln sie sich zu regelrechten Betrügern 
und Hochstaplern, die die Gerichte wiederholt beschäftigen. 

In der Schule zeigen sich die verwöhnten Kinder interesselos, un¬ 
aufmerksam und undiszipliniert. Die Lernerfolge entsprechen in vielen 
Fällen nicht der Begabung. In den Schulberichten verwöhnter Kinder 
findet sich oft der Vermerk, daß sie besser abschneiden könnten „wenn 
sie nur wollten“. Die Verwöhnten gelangen aber auch zu keiner richtigen 
Einstellung in der Berufsfrage. Es tritt dabei der gleiche Unemst 
zutage, der sich bei ihnen in der Schule zeigt. Sie denken nur daran, 
sich alles möglichst bequem zu machen, sich momentane Vorteile zu 
verschaffen; Gedanken über ihre Zukunft machen sie sich aber nicht. S o 
kommt es bei ihnen oft gar nicht zur Bildung eines 
Berufswunsches. Selbst im 16. und 17. Lebensjahr, also in einem 
Alter, in welchem die Jugend allgemein die für die Berufswahl erforderliche 
Reife erlangt hat, sind sie zumeist noch ganz unschlüssig, was sie eigent¬ 
lich werden sollen. Die Unentschlossenheit in beruflichen Fragen geht 


2 ’ 



20 


auch mit neurotisch gesteigerter Berufsangst einher. In 
anderen Fällen werden zwar Berufswünsche vorgebracht, doch sind 
sie oberflächlich, phantastisch und nicht zu verwirklichen. Unter dem 
Einfluß des regen Kinobesuches entsteht bei ihnen verhältnismäßig oft der 
Berufswunsch, Filmschauspieler zu werden, auch wenn sie keinerlei Talent 
für diesen Beruf haben. Berufswünsche wie: Bankdirektor, Jockei, 
Forschungsreisender usw. zeigen ebenfalls, wie wenig der Wirklichkeits¬ 
sinn der verwöhnten Jugendlichen entwickelt ist. Für eine geregelte 
Handwerkstätigkeit liegt vor allem bei den ausgesprochenen Hochstapler¬ 
typen, die sich in großer Zahl aus den verwöhnten Jugendlichen rekrutieren, 
nur wenig Interesse vor. Eher bevorzugen sie noch kaufmännische Berufe, 
für die ihnen die moralische Berufseignung vollkommen mangelt. 

Im B e r u f s leben zeigen sich die verwöhnten Jugendlichen entmutigt, 
sobald sie auf irgendwelche Schwierigkeiten stoßen und nicht alles nach 
ihrem Willen geht. Sie geben ihre Arbeit oft schon nach wenigen Tagen 
und in rascher Aufeinanderfolge auf. Trotzdem geben sie aber fast regel¬ 
mäßig den Arbeitgebern die Schuld für ihr Versagen, eine Auffassung, 
in der sie von ihren unvernünftigen Eltern nur zu oft bestärkt werden. 
Die geringe Arbeitslei s-tung und Ausdauer bildet häufig 
den Entlassungsgrund. Sie werden aber auch wegen frechen, unbotmäßigen 
Benehmens und disziplinären Anständen aller Art und nicht zuletzt wegen 
krimineller Verfehlungen oft gekündigt. Aus den in den Anstalten für 
Erziehungsbedürftige aufgestellten Berufsanamnesen geht hervor, daß e.s 
bei nahezu allen Verwöhnungsfällen vor dem Eintritt in die Anstalt zu 
mehrmaligem Lehrstellenwechsel, vereinzelt sogar bis zu sechs¬ 
maligem Lehrstellenwechsel gekommen ist. Es hat sich gezeigt, daß 
jugendliche Hochstapler durch ihr vorteilhaftes Aussehen, sicheres Auf¬ 
treten und ihre gewinnenden Umgangsformen es selbst in Zeiten größter 
Arbeitslosigkeit leicht zuwege brachten, sich immer wieder einen Posten 
zu verschaffen. 

Ebenso nimmt der Berufswechsel der verwöhnten 
Jugendlichen sehr großen Umfang an. Während nach der Auf¬ 
stellung der österreichischen Berufsämter aus den Jahren 1936 und 1937 
ein Berufswechsel, der 10—15 v. H. der Jugendlichen umfaßte, als normal 
und zum Teil durch die damals ungünstigen Wirtschaftsverhältnisse be¬ 
dingt anzusehen war, ging aus meiner in Kaiserebersdorf aufgestellten 
Statistik hervor, daß zur gleichen Zeit 65 v. H. der Zöglinge, deren Abwegig¬ 
keit auf Verwöhnung zurückzuführen war, vor dem Eintritt in die Anstalt 
einen Berufswechsel vollzogen hatten. Bei etwa der Hälfte dieser Zöglinge 
handelt es sich um mehrfachen Berufswechsel, in manchen Fällen schien 
es sogar vor lauter Anfängen zu keiner geregelten Berufseinordnung 
kommen zu können. Auch heute bereiten die im Elternhaus venvöhnten 
Jugendlichen trotz verschiedener gesetzlicher Maßnahmen zur Unter¬ 
bindung des Arbeits- und Berufswechsels den Arbeitsämtern erhebliche 
Schwierigkeiten. Sie sind auch im Pflichtjahr, im Land- und Arbeits¬ 
dienst wenig ausdauernd und unstet. Der Berufswechsel der 
verwöhnten Jugendlichen ist durch absolute Will- 
kürlichkeit und Regellosigkeit gekennzeichnet. Die 
durch Verwöhnung und Verweichlichung hervorgerufenen Charakter¬ 
mängel- und defekte wirken sich bei jeder Berufstätigkeit ung^ünstig aus, 
selbst wenn die jungen Menschen für den gewählten Beruf — wie ärztliche 
und psychotechnische Überprüfungen zeigen — körperlich und geistig 
gut geeignet sind. 



21 


Bei einer genauen Untersuchung des Gesundheitszustandes und der 
früheren Lebensweise der Zöglinge der Anstalten für Erziehungsbedürftige 
hat es sich gezeigt, daß ihre Faulheit in vielen Fällen mit Unter¬ 
ernährung, falscher Ernährung, anhaltend unge- 
nügendemSchlaf und ihrer unregelmäßigen und lasterhaften Lebens¬ 
weise vor der Anstaltsunterbrin|rung zusammenhing. Sittliche De- 
pravation bildet insbesondere bei weiblichen Jugendlichen eine Ursache 
der Faulheit. Auch der von Hanselmann als „Wachsturasfaul- 
h e i t“ bezeichneten mehr vorübergehenden Form der allgemeinen Arbeits¬ 
unlust, die mit Stockungen und Beschleunigungen des Wachstums im 
Pubertätsalter und der damit verknüpften Umsetzung und Neubildung 
von Stoffen im Körper zusammenhängt, begegnen wir bei kriminellen 
Jugendlichen relativ oft. Die allgemeine chronische Arbeitsunlust wird 
zum Teil durch organische Erkrankungen, wie Affektionen der 
Lungendrüsen, verurs^lcht. Wir treffen sie bei Zöglingen der An¬ 
stalten für Erziehungsbedürftige an, deren Organismus durch schwere 
Erkrankungen der Eltern, wie Tuberkulose und Lues, schon in der Anlage 
geschädigt, zumindest geschwächt ist. Sie steht auch mit endokrinen 
Störungen im Zusammenhang, die einen früh auftretenden, verstärkten 
Fettansatz verursachen. Stark ausgeprägte chronische Faulheit wurde 
auch bei Postenzephalitikem und nach anderen Gehirnerkran¬ 
kungen beobachtet. 

Die schweren Formen der Arbeitsscheu sind sowohl endogen 
als exogen bedingt. Die kriminalbiologischen Untersuchungen der arbeits¬ 
scheuen ländlichen Vaganten und Bettler ergeben übereinstimmend, 
daß es sich zum größten Teil um leichtere und schwerere pathologische 
Fälle, um Abkömmlinge von Trinkern, Luetikern, Geisteskranken usw. 
handelt. Auf die rassische Minderwertigkeit dieser asozialen 
Primitiven (Kulturarmen) und die Unbeeinflußbarkeit ihrer Erbanlagen 
und Rasseneigenschaften hat Ritter hingewiesen. Sie führen nach Art 
der Zigeuner, mit welchen sie zum Teil versippt sind, auf Kosten der 
bodenständigen Bevölkerung ein unstetes, ungebundenes Leben. Ihre 
Arbeitsscheu läßt sich ebenso wie die Kriminalität durch ganze Genera¬ 
tionen zurückverfolgen, sie liegt ihnen im Blut. Bei den Vagabunden liegt 
aber auch ausnahmslos eine bis in die früheste Kindheit zurückreichende 
körperliche, geistige und moralische Verwahrlosung und erziehliche Ver¬ 
nachlässigung vor. Ihre starke Abneigung gegen die Landarbeit hängt 
mit den besonderen Anforderungen zusammen, die gerade diese Arbeit 
hinsichtlich Fleiß, Ausdauer, Pflichtbewußtsein und Gemeinschaftssinn 
stellt. 

Zu schweren Formen der Arbeitsscheu kommt es auch, wenn sich auf 
dem Boden einer neuropathischen Konstitution Verwöhnung und der Ein¬ 
fluß eines verweichlichenden Milieus auswirken oder eine auf Anlage und 
Erziehungsmängel zurückführende Arbeitsunwilligkeit noch durch Fehl¬ 
griffe bei der Wahl des Berufes verstärkt wird. 

Auf die Ursache beruflicher Einordnungsschwierigkeiten wird auch 
durch die Ergebnisse psychiatrischer Untersuchungen Licht geworfen. 
Es zeigt sich, daß die jugendlichen Psychopathen auf eine verfehlte Berufs¬ 
wahl viel vitaler und heftiger reagieren, als dies normale Jugendliche 
tun. Eine Berufswahl, die nicht den Stimmungsanomalien 
jugendlicher Psychopathen entspricht, führt bei ihnen regelmäßig zu 
Berufswechsel und sozialen Entgleisungen. Die verschlossenen depres¬ 
siven Naturen, die die Geselligkeit meiden, lehnen Berufe ab, die viel 



22 


Abwechslung und Umgang mit Menschen bringen. Sie eignen sich z. B. 
nicht für den Friseurberuf, oder als Verkäufer, da sie wortkarg und oft 
unfreundlich sind. Umgekehrt sagen den heiteren, lebensfrohen Hyper- 
thymikern Berufe nicht zu, bei deren Ausübung sie sich selbst über¬ 
lassen sind. Die Berufseinordnung jugendlicher Hysteriker wird vor 
allem durch ihre Launenhaftigkeit und Unverträglichkeit erschwert. Auch 
nervöse, ängstliche Naturen, die sich für keinen Beruf entscheiden können, 
ohne Zwang bei keiner Arbeit ausharren, sind unter den jugendlichen Psy¬ 
chopathen anzutreffen. 

Bemerkenswert ist die Unfallsdisposition vieler jugendlicher 
Rechtsbrecher, vor allem der Psychopathen. Sie erleiden bei der Arbeit 
leicht selbst verschuldete Unfälle. Aus einer Statistik, die ich über die 
Unfälle auf stellte, welche die Zöglinge der Anstalten für Erziehungsbedürf¬ 
tige vor ihrer Anstaltsunterbringung erlitten hatten, ging hervor, daß die 
Unfallshäufigkeit bei Epileptikern, geistig defekten und willens¬ 
schwachen Psychopathen und bei Lues congenita am größten ist. Die Unfalls¬ 
neigung tritt auch bei Trinkerkindern stärker hervor. Nervöse, zerstreute 
und leicht ermüdbare Jugendliche weisen allgemein eine erhöhte Unfalls¬ 
ziffer auf. Linkshändigkeit habe ich bei 12 % der Zöglinge der 
Anstalt Kaiserebersdorf und 8 % der Zöglinge der Anstalt Hirtenberg 
festgestellt, wobei es sich bei den Linkshändigen in beiden Anstalten relativ 
oft um Psychopathen handelte. Einige linkshändige Jungen hatten vor 
ihrer Anstaltsanhaltung Unfälle erlitten und Materialschäden verursacht, 
weil sie bei Maschinen verwendet wurden, die die Bedienung mit der rechten 
Hand erforderten. 

Die Nichteignung für bestimmte Berufe ist bei einem Teil der krimi¬ 
nellen Jugendlichen auf moralischem Gebiet gelegen. Es zeigt sich, daß 
bestimmte, zunächst verborgen gebliebene kriminelle Anlagen 
manchmal erst bei der Berufstätigkeit zum Durchbruch kommen. In 
anderen Fällen ergibt sich der Nachweis, daß die bei der Berufstätigkeit 
zutage tretende kriminelle Veranlagung schon lange vor dem Berufsein¬ 
tritt zur Verübung krimineller Handlungen führte. 

Wie sich aus meinen Untersuchungen der Berufswünsche verwahr¬ 
loster und straffällig gewordener Jugendlicher und der Motive ihrer 
Berufswahl ergibt, bringen sie Berufen, bei welchen sich kriminelle 
Triebhaftigkeit leicht auswirken kann oder eine Gefährdung durch das 
Berufsmilieu eintritt, manchmal auffallendes Interesse entgegen. Gerade 
bei jenen Jugendlichen, bei welchen ungünstige Merkmale wie sehr früh 
beginnende Neigung zu Gesetzesverletzungen in Verbindung mit Hyper- 
thymie und Gefühlsstumpfheit zu beobachten sind, zeigt sich das Bestreben, 
eine Berufswahl zu treffen, bei welcher sich ihre schädlichen Neigungen 
leicht auswirken können. Die Entstehung der Berufswünsche 
fällt bei kriminell veranlagten Jugendlichen relativ oft in ein Lebensalter, 
in welchem es sonst allgemein noch nicht zur Bildung feststehender und 
stärker betonter Berufswünsche kommt. So hat sich z. B. bei zahlreichen 
^ Betrügern, Schwindlern und Fälschern herausgestellt, daß ihr besonderes 
Interesse für kaufmännische und andere Berufe, bei welchen sich ihre 
Betrugsneigungen leicht entfalten konnten, schon lange vor der erlangten 
Schulmündigkeit bestand. Ein Schüler in Kaiserebersdorf, der auf Grund 
der gerichtlichen Feststellungen bereits seit dem sechsten I^bensjahr Dieb¬ 
stähle und Einbrüche verübt und zuletzt auch einen Opferstock erbrochen 
hatte, wobei er selbstverfertigte Einbrecherwerkzeuge verwendete, erklärte 



23 


schon als lljähriger, unbedingt Schlosser werden zu wollen. Ein Junge, 
der sowohl seine Geschwister, wie mit besonderer Grausamkeit auch Tiere 
gequält hatte, trug sich als lOjähriger mit dem Wunsch, Fleischer zu 
werden. In Verbindung mit Hyperthymie tritt insbesondere auch bei 
Mädchen sehr früh die Neigung hervor, Berufe zu ergreifen, die für charak¬ 
terlich ungefestigte und kriminell veranlagte Jugendliche mannigfache 
Gefahren bergen. 

Als Begründung des Berufswunsches wird in diesen Fällen überein¬ 
stimmend angegeben: Freude an der Arbeit, Interesse; manchmal erfolgte 
der Hinweis, daß diese oder jene Person des Bekanntenkreises den gleichen 
Beruf ausübe. Dadurch wird klar, daß es sich wesentlich um eine von 
innen her bestimmte, instinktive Berufsneigung handelt. Die 
den Berufswunsch beeinflussende oder beherrschende Verbrechensneig^ung 
zeigt sich in einem primären Hang zu bestimmten Verfehlungen und 
Gesetzesverletzungen, während die Neigung zu vielgestaltiger Kriminalität 
relativ selten anzutreffen ist. 

Prof. S z o n d i, der Leiter des Heilpädagogischen Instituts in 
Budapest, vertritt die Auffassung, daß auch die rezessiven Genen, mit 
deren Effekt sich die Erbbiologie nur wenig beschäftigt, im latenten Zu¬ 
stand nicht wirkungslos sind, sondern die Erscheinung der dominanten 
Genen zu beeinflussen streben. Die Instinkttendenzen, die an die 
latenten rezessiven Genen gebunden sind, wollen in irgend einer Form an 
die Oberfläche kommen und dem Individuum bei der instinktiven Berufs¬ 
wahl die Richtung geben. Szondi bedient sich zum Zwecke der Feststellung 
der Instinktkonstitution des „G e n o t e s t s“, bei dem die Probanden vor 
die Aufgabe gestellt sind, aus mehreren Serien von Photographien schwerer 
pathologischer Fälle — bei welchen es sich um Geisteskrankheiten und 
Instinktanomalien handelt — sympathische und unsympathische Physio¬ 
gnomien auszusuchen. Auf Grund der Beantwortung wird ein Instinkt¬ 
profil aufgestellt. Die instinktdiagnostische Methode führte hinsichtlich 
der instinktiven Berufswahl, Freundeswahl usw. experimentell zu Ergeb¬ 
nissen, die sich mit der Beobachtung decken, daß jugendliche Rechtsbrecher, 
die nach ihrer Anlage die gleichen Gesetzesverletzungen begangen haben, 
sich zueinander hingezogen fühlen und auf Grund ihrer Ähnlichkeit zu 
gleichen Berufen und zu einem gleichartigen Verhalten bei der Arbeit 
neigen. 

Bei Jugendlichen tritt die Bedeutung des Anlagefaktors sowohl in 
bezug auf die Kriminalität wie auf die Berufswahl allgemein deutlicher 
hervor als bei älteren Personen, deren Phänotypus durch eine weitaus 
größere, manchmal verwirrende Zahl von Spuren des Lebens gezeichnet ist. 
Eine Häufung bestimmter konstitutioneller Merk¬ 
male der jugendlichen Rechtsbrecher, je nachdem ob sie uns als Ein¬ 
brecher, Betrüger, Sittlichkeitsverbrecher usw. begegnen, ist besonders 
dann festzustellen, wenn wir jene Merkmalträger ins Auge fassen, die 
immer wieder die gleichen Gesetzesverletzungen begehen. In diesen Fällen 
liegt auch eine weitgehende Übereinstimmung in bezug auf 
die B e r u f s n e i g u n g, die Berufswahl und das beruf¬ 
liche Verhalten vor. Bei den einmalig Straffälligen, 
deren Zahl größer ist, treten die spezifischen konstitutionellen Züge zu¬ 
rück oder überhaupt nicht in Erscheinung. Am Zustandekommen ihrer 
Straftaten sind oft äußere Faktoren, wie Gelegenheit, Verführung, Not¬ 
lage und Irritation durch Familienkonflikte ausschlaggebend beteiligt. Es 



24 


kommt dadurch manchmal bei den Jugendlichen zu kriminellen Verfeh¬ 
lungen, die ihrer Natur ganz widersprechen. Die einmalig Straffälligen 
unterscheiden sich nicht nur in konstitutioneller Beziehung, sondern damit 
im Zusammenhang auch in ihrem beruflichen Verhalten von den wiederholt 
Straffälligen der gleichen Deliktgruppe. Man findet sie manchmal in 
Berufen, die die typischen Merkmalträger der gleichen Deliktgruppe zu 
meiden pflegen. 

In Aufstellungen über die Häufigkeit bestimmter konstitutioneller 
Merkmale und Merkmalsbeziehungen fallen in den einzelnen Deliktgruppen 
auch jene jugendlichen Rechtsbrecher aus dem Rahmen, die zu viel¬ 
gestaltiger Kriminalität neigen. Mehr als durch äußere Merk¬ 
male weichen sie in rassischer Hinsicht von der Mehrzahl der übrigen 
jugendlichen Rechtsbrecher ab. 

Nach dem Ausscheiden der Fälle einmaliger und vielseitiger Krimi¬ 
nalität ergibt sich in den verschiedenen Deliktgruppen in bezug auf die 
konstitutionelle Zugehörigkeit und das berufliche Verhalten eine weit¬ 
gehende Übereinstimmung. Bei den als Einbrecher und Kassen- 
schränker wiederholt straffällig gewordenen Jugendlichen treten die 
Merkmale des Körperbaues her\'or, die nach den Statistiken die Voraus¬ 
setzung für die Neigung zu „R e i z b e r u f e n“ bilden. Es handelt sich 
hier um vorwiegend muskulär-athletische Konstitutionen, 
die zu einer die gesamte Körpermuskulatur beanspruchenden Tätigkeit hin¬ 
neigen. Es werden von ihnen Berufe bevorzugt, die die Bearbeitung eines 
harten Materials — wie Eisen, Stein oder Holz — erfordern, eine emotionelle 
Einstellung, die sich auch bei den zu Gewalttätigkeiten neigenden rohen 
und gefühlsstumpfen Psychopathen findet. Wegen Ein¬ 
bruchs straffällig gewordene, manchmal auch mehrfach vorbestrafte 
Schlosser, Mechaniker, Klempner und Installateurlehrlinge werden von 
ihren früheren Arbeitgebern als besonders fleißige und tüchtige Arbeiter 
geschildert. Psychotechnische Nachuntersuchungen lassen diese Angaben 
zufolge Feststellung besonders guter technischer Begabung und guter 
Geschicklichkeit in vielen Fällen durchaus glaubhaft erscheinen, jedoch 
zugleich auch erkennen, daß es sich in diesen Fällen um jugendliche Rechts¬ 
brecher handelt, die der Gemeinschaft besonders gefährlich werden können. 

Unter den wegen Gewalttätigkeiten, Körperver¬ 
letzungen und Widersetzlichkeiten straffällig gewordenen 
Jugendlichen trifft man Typen sehr verschiedenartiger Prägung an. Bei 
gefährlichen Gewalttätern, die in den Anstalten für Erziehungsbedürftige 
angehalten wurden, handelte es sich fast durchweg um Vagabunden, die 
vor allem durch ihre Zugehörigkeit zu weitverzweigten, unseßhaften 
Gaunersippen gekennzeichnet sind. Körperliche Kraft, die den 
Jugendlichen besonders zu eigen ist, die den „R e i z b e r u f e n“ zustreben 
oder angehören, begünstigt diese Form der Kriminalität, wenn sie mit 
charakterlicher und moralischer Hemmungsschwäche einhergeht. Die 
Gewalttäter begegnen uns relativ oft als Maurer, Schlosser, Schmiede und 
Bäcker. Nervöse Reizbarkeit wird durch Hitze bei der Ausübung 
der Berufstätigkeit gesteigert. Zum Teil handelt es sich bei den Gewalt¬ 
tätern um derbere, primitive Naturen, die der Handwerkstätigkeit körper¬ 
lich anstrengende Gelegenheitsarbeiten vorziehen. Gelangen sie in Berufe, 
die ihrer Wesensart widersprechen, tritt die Neigung zu aggressiven Hand¬ 
lungen noch stärker hervor. Durch eine verfehlte Berufswahl und un¬ 
günstige Erziehungs- und Umweltbedingungen wird die Neigung zu ge¬ 
waltsamer Auflehnung auch primär hervorgerufen. Bei den Verwöhnungs- 



25 


fällen richtet sie sich in der Kindheit geradezu instinktiv gegen jene 
Personen, die sie durch fortgesetzte Verwöhnung zu brutalen und rück¬ 
sichtslosen Egoisten erziehen. 

Die konstitutionelle Zugehörigkeit der einmalig straffälligen jugend¬ 
lichen Gewalttäter weicht von jener der fortgesetzt rückfälligen Rohlinge 
und Gewalttäter erheblich ab, sodaß man bei ihnen alle Konstitutionsformen 
in der gewohnten Verteilung vertreten findet. Manchen von ihnen möchte 
man nach ihrem Äußeren die Befähigung zur Verübung von Gewalttätig¬ 
keiten nicht zumuten. Die einmalig Straffälligen üben die verschiedensten 
Berufe aus, auch jene, welche von den körperlich Schwächsten bevorzugt 
werden. 

Die erbliche Konstitution der hauptsächlich in städtischem Milieu 
anzutreffenden jugendlichen Hochstapler, der raffinierten 
Betrüger und Fälscher und die damit verknüpfte Berufsneigung 
unterscheidet sich grundlegend von jener der Einbrecher und rückfälligen 
Gewalttäter. Man hat es hier im wesentlichen mit leptosom-asthe¬ 
nischen Konstitutionen zu tun, die Berufe entschieden ablehnen, 
die zu einer Beanspruchung der gesamten Muskulatur führen. Sie bevor¬ 
zugen die Berufe der Reizmangelgruppe, besonders kaufmännische 
Berufe. Starke Leptosomie und die damit verknüpfte Berufsneigung ist 
manchmal schon auf kindlicher Entwicklungsstufe deutlich ausgeprägt. 

Wir finden bei dieser Gruppe jugendlicher Rechtsbrecher neben den 
erwähnten konstitutionellen Merkmalen allgemein gute bis durch¬ 
schnittliche Intelligenz, normale Kritikfähigkeit und lebhafte 
Phantasietätigkeit, die bis zur pseudologischen Erinnerungstäuschung 
hcranreicht. Die Stimmungslage ist optimistisch und in vielen Fällen 
hyperthymisch, woraus sich zum Teil Interesse für Berufe ergibt, die viel 
Abwechslung und Umgang mit Menschen bringen. Es liegt allgemein 
erhöhte Vortäuschungsfähigkeit und mit Hypomanie venv’andte Redselig¬ 
keit vor. Die Überzeugungskraft jugendlicher Hochstapler und Betrüger 
steht mit hypomanischer Motorik und Körperhaltung, ihre Agilität mit 
willkürlicher Affektsteigerung im Zusammenhang. Die schon früh zutage 
tretende Unterentwicklung der ethischen und sozialen Gefühle und die 
allgemeine Hemmungsschwäche führt bei ihnen immer zu kriminellen Ver¬ 
fehlungen, wenn sie sich in Berufen befinden, die die Gelegenheit zu 
Betrugshandlungen geben. 

Bei den zu primitiveren Gesetzesverletzungen 
neigenden Betrügern und Schwindlern ist das konstitutio¬ 
nelle Bild gegenüber jenem der Hochstapler verändert, vor allem tritt der 
reine leptosome Typus seltener in Erscheinung. Die Intelligenz, vor allem 
die Phantasie ist geringer, manchmal unterdurchschrdttlich und sogar 
.schwach entwickelt, doch täuschen Schlauheit und Verschlagen¬ 
heit Intelligenz vor. Bei den vom Lande kommenden jugendlichen Be¬ 
trügern macht sich nicht selten eine primitive Veranlagung zum Schau¬ 
spielen, Täuschen und Übervorteilen bemerkbar. Ihre Beobachtungsgabe 
ist ungemein gut entwickelt, auch findet sich bei ihnen ein hoch entwickelter 
Spürsinn für menschliche Schwächen, der bei nicht seßhaften Sippen hoch¬ 
gezüchtet ist. 

Unter den jugendlichen D i e b e n ist nur bei den Taschendieben 
eine Häufung spezifischer konstitutioneller Merkmale festzustellen. Die 
gebräuchliche Bezeichnung „Langfinger“ ist für sie durchaus zutreffend. 
Auf Grund ihrer teils konstitutionell bedingten Befähigung zu gewissen 
Tricks tritt bei den Taschendieben eine erhöhte Rückfälligkeit ein. 



26 


Die wegen einfachen Diebstahls straffällig gewordenen Jugendlichen 
trifft man in überaus großer Anzahl als Hilfsarbeiter an. Die hohe 
Kriminalitätsziffer der Hilfsarbeiter hängt wesentlich 
damit zusammen, daß sie in mehrfacher Beziehung eine Minusauslese dar¬ 
stellen. Ihre schlechte Veranlagung geht daraus hervor, daß zirka 20 v. H. 
von ihnen Schwachsinnsformen verschiedener Grade und weitere 70 v. H. 
unterdurchschnittliche Allgemeinintelligenz aufweisen. Zumeist handelt 
es sich um Jugendliche, die Handwerksarbeiten oder andere qualifizierte 
Arbeiten wegen unzulänglicher Begabung und Schulbildung nicht erlernen 
können und auch gamicht erlernen wollen. Außerdem ist die soziale 
Struktur der ungelernten Arbeiter besonders ungünstig. Bei keiner Gruppe 
von Berufsausübenden ist außereheliche Geburt, Verwaisung, familiäre 
Zerrüttung und Verarmung so oft anzutreffen wie bei den jugendlichen 
Hilfsarbeitern, so daß ihre Kriminalität zum Teil durch schlechte 
Erziehung und Notlage bedingt ist. 

Bei den leichteren Sittlichkeitsdelikten vor allem der 
männlichen Jugendlichen zeigt es sich, daß es sich um Verirrungen handelt, 
die nicht als Symptome einer dauernden Neigung zu Entgleisungen der 
gleichen Art angesehen werden können. Aus Rückfallstatistiken geht her¬ 
vor, daß nach dem 18. und 19. Lebensjahr relativ selten eine neuerliche 
Verurteilung wegen eines Sittlichkeitsverbrechens eintritt. 

Wiederholte und schwerere Sittlichkeitsdelikte der Jugendlichen 
hängen mit gesteigerter Triebhaftigkeit, diese zum Teil mit dem körperlich¬ 
konstitutionellen Moment der Frühentwicklung zusammen. Jungen, 
deren Denken und Fühlen zu früh auf das Sexuelle gelenkt Avurde, zeigen 
beruflichen Dingen gegenüber die gleiche Interesselosigkeit, die bei vielen 
sittlich verdorbenen und depravierten Mädchen zu beobachten ist. Auch 
bei stärker hervortretenden homosexuellen Neigungen dürfte zum 
Teil konstitutionelle Gebundenheit bestehen, in dem sich die Körperform der¬ 
jenigen nähert, welcher die abnorme Geschlechtsempfindung entspricht. In 
gleicher Weise entspricht der Charakter der Anomalie dieses Empfindens. In 
der Berufsneigung homosexuell veranlagter Jugend¬ 
licher kommt oft der Wunsch zum Ausdruck, möglichst viel mit Personen 
des gleichen Geschlechts in Kontakt zu kommen, sie zu bedienen, zu be¬ 
treuen, zu belehren usw. Besonders bevorzugte Berufe sind: Friseur, 
Schneider, kaufmännischer Lehrling, Kellner, Koch, Tänzer, Musiker und 
andere. Die körperlich anstrengende Arbeit der „Reizberufe“ wird von den 
homosexuellen Jugendlichen meist gemieden. Sexuell konträr empfindende 
Mädchen streben unter anderem Berufen zu, in welchen ihnen im Umgang 
mit weiblichen Personen eine männliche Rolle zukommt. Die jugendlichen 
Homosexuellen sind in den Berufen, welchen sie zustreben, sehr guter 
Leistungen fähig, jedoch werden sie zufolge der Durchschlagskraft ihrer 
abwegigen Neigungen oft straffällig. Ebenso würden sich sadistisch 
veranlagte Jugendliche in den von ihnen bevorzugten Berufen sehr be¬ 
währen, wenn nicht immer ihre kriminellen Neigungen durchschlagen 
würden. 

Jugendliche, bei welchen sexuelle Triebhaftigkeit in 
Verbindung mit Schwachsinn auftritt, weisen auffallend viel 
degenerative Merkmale auf. Wir treffen sie in Berufen an, die 
den Schwachsinnigen offen bleiben, meist als Hilfsarbeiter. Ihr Anteil am 
Landstreichertum und an der Prostitution ist beträchtlich. 
Die verbreitetste Basis für die sittlichen Verfehlungen der Jugendlichen 
bilden nach einschlägigen kriminalbiologischen Unter.suchungen charakte- 



27 


rologische Hemmungsschwächen, bei welchen es sich teils um erblich be¬ 
dingte Züge, teils um erworbene Mängel und Defekte des Charakter¬ 
gefüges handelt. Mit den Berufsvorstellungen leichtsinniger, haltloser 
Jugendlicher vor allem der Großstädte, assoziieren sich manchmal schon 
früh Vorstellungen von mühelosem und raschem Gewinn, Vergnügungen 
und Genuß. Sie fühlen sich triebhaft zu Berufen hingezogen, in deren 
ungünstigem Milieu sie von Stufe zu Stufe sinken. 

Neben der Häufigkeit äußerer Entartungsmerkmale kennzeichnet die 
zu unseßhafter Lebensweise und besonders früher Kriminalität neigenden 
jugendlichen Rechtsbrecher die Zugehörigkeit zu den verzweigten Wander- 
und Verbrechersippen. Rassische Fremdart, Zersetzung 
und Minderwertigkeit ist bei ihnen verbreitet. 

Die Zusammenhänge, die sich zwischen der Kriminalität und der 
Berufswahl ergeben, sind für die Berufsberatung verwahrloster und straf¬ 
fällig gewordener Jugendlicher von größter Bedeutung und erfordern be¬ 
sonders vom Gesichtspunkt der Verbrechensverhütung Beach¬ 
tung. Durch Ausschaltung einer verfehlten Berufswahl als konflikt¬ 
bildendem und kriminalitätsfördemdem Faktor kann auf die soziale Ent¬ 
wicklung der Jugendlichen ein günstiger Einfluß genommen werden. Um 
der Straffälligkeit bzw. Rückfälligkeit vorzubeugen, muß nach meinen an 
den Anstalten für Erziehungsbedürftige gesammelten Erfahrungen bei der 
Feststellung der Berufseignung und der Entscheidung über die Berufs¬ 
ausbildung das Moment der moralischen Eignung in den Vordergrund ge¬ 
stellt werden. Die kriminalbiologische Untersuchung ist 
berufen, die unerziehbaren und unverbesserlichen jugendlichen Rechts¬ 
brecher von jenen zu trennen, die wieder zu nützlichen Gliedern der Gemein¬ 
schaft erzogen werden können. 

Bei jenen jugendlichen Rechtsbrechern, deren 
soziale Prognose auf Grund wissenschaftlicher Er¬ 
kenntnisse und praktischer Erfahrungen ungünstig 
zu stellen ist, ist berufliche Höherführung nicht im 
Interesse der Gemeinschaft gelegen. In diesen Fällen ist 
die Herabdrückung auf ein tieferes berufliches und 
soziales Niveau, wie sie sich die frühere Besserungsanstalt zum 
Ziel setzte, mehr am Platz. Es hätte keinen Sinn, beispielsweise erblich 
minderwertige und belastete jugendliche Schwerverbrecher im Zuge 
ihrer Unterbringung in Justizanstalten handwerklichen Berufen zuzuführen, 
wenn sie zuvor Hilfsarbeiter waren; wohl aber erscheint es geboten, un¬ 
verbesserliche und zu fortgesetztem Rückfall neigende Individuen aus 
handwerklichen Berufen auszuschalten und sie zu zwingen, körperlich 
anstrengende und auch unangenehme Arbeiten, gegebenenfalls Lager¬ 
arbeiten zu verrichten. Selbst bei jenen jugendlichen Rechtsbrechern, bei 
denen ein künftiger Verfall in das Gewohnheitsverbrechen nach ihrer 
gesamten Persönlichkeitsausrichtung nicht zu erwarten ist, erweist sich die 
Herbeiführung eines Berufswechsels aus kriminal¬ 
prophylaktischen Gründen zweckentsprechend, wenn sie im 
Zusammenhang mit einer verfehlten, ihnen zum Verderben gereichenden 
Berufswahl bereits straffällig geworden sind. 

Als Berufsberater der Anstalt Kaiserebersdorf habe ich Zöglinge, 
die aus den metallverarbeitenden Gewerben kamen, nicht der Anstalts¬ 
schlosserei oder -spenglerei zugeteilt, wenn sie wegen Einbruchs straf¬ 
fällig geworden sind. Zöglinge, die vor der Einweisung in die Anstalt 
Veruntreuungen und Diebstähle begangen hatten, wurden von Berufen 



28 


ferngehalten, die zu dieser Art von Gesetzesverletzungen mehr als andere 
Gelegenheit bieten. Zu Gewalttätigkeiten neigende Zöglinge hielt ich 
vom Bäckerberuf ab, da die Hitze bei der Ofenarbeit die nervöse Reiz¬ 
barkeit steigert. Betrügern und Hochstaplern verwehrte ich an der Anstalt 
die Aufnahme in die Kaufmännische Fortbildungsschule. Vom Friseurberuf 
wurden wegen homosexueller. Verfehlungen vorbestrafte Zöglinge ausge¬ 
schlossen. Tierquäler zog ich nicht für den Beruf des Fleischers in Betracht. 
Von landwirtschaftlicher Ausbildung wurden Brandstifter abgehalten. 
Vaganten wurden auf dem Landgut erst nach längerem Anstaltsaufenthalt 
und vorheriger Gewöhnung an anstrengende Arbeit ausgebildet, um ihre 
Entweichung von der Feldarbeit zu verhüten. 

Wenn die moralische Eignung für eine bestimmte Berufsausübung 
mangelt, war ich bei der Berufsberatung stets bemüht, das Interesse der 
Jugendlichen auf andere Berufe zu lenken. Es ist manchmal sehr schwer, 
die kriminellen Jugendlichen von Berufen abzulenken, zu welchen sie sich 
triebhaft hingezogen fühlen, doch fordert sowohl das Interesse der zu 
schützenden Gemeinschaft, wie das der zu beratenden Jugendlichen selbst, 
daß sie nicht in Berufen Aufnahme finden oder verbleiben, bei deren Aus¬ 
übung verbrecherische Neigungen sich leicht ausleben können. Durch die 
Maßnahmen, welche der Vorbeugung des Verbrechens dienen, erlangt die 
Frage des Ersatzberufes große Bedeutung. Da es möglichst 
verhütet werden muß, daß die Jugendlichen in Berufe gelangen, die sie 
nur unter Zwang und inneren Widerständen ausüben, müssen bei der Wahl 
des Ersatzberufes die verschiedenen Momente, die die Berufsneigung und 
-eignung bestimmen — vor allem Konstitution und Begabung — 
nach Möglichkeit berücksichtigt werden. 

Untersuchungen, die ich über die Alternativberufswünsche 
der Jugendlichen vorgenommen habe, bestätigten den bedeutenden Einfluß 
der körperlichen Konstitution auf die Berufswünsche und die Berufswahl. 
Wenn es sich bei den Altemativberufswünschen auch um anscheinend sehr 
verschiedenartige Berufe handelt, werden doch meistens verwandte Berufe 
gewünscht, die vom Gesichtspunkt der Konstitution in ein und dieselbe 
Gruppe gehören. Durch Berücksichtigung der körper¬ 
lichen Konstitution des Berufsanwärters ist der Be¬ 
rufsberater in die Lage versetzt, die vom Gesichts¬ 
punkt der Verbrech'ensvorbeugung notwendige Ent¬ 
scheidung zu treffen und zugleich die Berufslenkung 
in einer Richtung vorzunehmen, die die Gewähr 
bietet, daß der zugewiesene Beruf der Wesensart des 
Berufsanwärters weitgehend entspricht. Die Bewäh¬ 
rungskontrollen in den Betrieben der Anstalten für Erziehungsbedürftige 
haben ergeben, daß die Zöglinge auch in Berufen, die dem ursprünglichen 
Berufswunsch oder einer Vorlehrzeit nicht entsprachen, Arbeitsfreude 
empfanden und sich bewährten, wenn bei der Wahl des Ersatzberufes das 
konstitutionelle Moment und die Begabung entsprechend berücksichtigt 
wurde. 

Schlossern und Mechanikern sagt manchmal unter den 
„Reizberufen“ auch der Tischlerberuf sehr zu, da auch die Holzbearbeitung 
kräftige Menschen fordert, die technisch begabt und geschickt sind. Bei 
landwirtschaftlicher Umschulung kommt ihre technische 
Begabung zur Geltung, wenn sie zur Bedienung landwirtschaftlicher Ma¬ 
schinen herangezogen werden. Nach meinen Erfahrungen eignen sich die 
derben und primitiveren Typen unter den Handwerkern am besten für die 



29 


Umschulung zur Landwirtschaft. Bäcker, die den körperlichen An¬ 
forderungen ihres Berufes entsprechen, sind in der Regel auch für land¬ 
wirtschaftliche Arbeiten geeignet, wodurch sie einer Anforderung ent¬ 
sprechen, die die Lehrherm auf dem Lande oft an sie stellen. Intelligente, 
jedoch zum Hochstapeln neigende Jugendliche, die aus kaufmän¬ 
nischen Berufen kamen, wurden in Kaiserebersdorf mit guten 
Ergebnissen in handwerklichen Berufen der Reizmangelgruppe, z. B. als 
Buchbinder oder Schneider ausgebildet. Kellner bewähren sich in 
anderen Berufen, die ihrem Drang nach Bewegung entgegenkommen, so 
als Laufburschen, Mitfahrer usw. Friseure eignen sich zumeist auch 
als Schneider, wobei bemerkenswert ist, daß der Alternativberufswunsch 
„Friseur oder Schneider“ oft schon von vornherein geäußert wird. 

Zur Vorbeugung der Kriminalität hat es sich auch bei besonders 
diebischen Zöglingen der Anstalt Hirtenberg notwendig erwiesen, sie von 
Berufen, die Ehrlichkeit und Verläßlichkeit in besonderem Maße fordern, 
abzuhalten. Wir haben sie in der Anstalt nicht als Hausgehilfinnen 
ausgebildet und auch spätere Einstellung in Haushalten vermieden. Hyste¬ 
rische Mädchen werden nicht als Köchinnen ausgebildet und unter¬ 
gebracht, da es sich gezeigt hat, daß die Hitze bei der Arbeit die psycho¬ 
pathischen Reaktionen, mit welchen ihre Kriminalität zusammenhängt, 
steigert. Schien es schon in der Anstalt geboten, Giftmischerinnen nicht 
im Küchenbetrieb zu beschäftigen, so wurden sie auch nach der Entlassung 
nicht als Köchinnen untergebracht. Zöglinge, die sich Betrügereien zu¬ 
schulden kommen ließen, wurden von kaufmännischen Berufen in 
gewerbliche Berufe gebracht. Es erwies sich auch oft als notwendig, sittlich 
depravierte Mädchen von bestimmten Berufen auszuschließen, denen sie 
triebhaft zusteuerten. Umschulung zur Garten- und Land¬ 
arbeit wird an der Anstalt in großem Umfang und mit bestem Erfolg 
durchgeführt. 

Um die Berufseignung verwahrloster und krimineller Jugend¬ 
licher in charakterologischer Beziehung beurteilen und ihre Berufs¬ 
ausbildung in die richtigen Bahnen lenken zu können, sind in jedem 
Einzelfalle genaue Beobachtungen über die Entwicklung des 
Arbeitsantriebes erforderlich. Besonders bei den Verwöhnungs¬ 
fällen hat es sich gezeigt, daß es nicht allein auf die körperliche Leistungs¬ 
fähigkeit und die geistige Begabung ankommt, sondern vor allem auch 
darauf, welcher Gebrauch davon gemacht wird. Es hat sich bei der Berufs¬ 
beratung in den Anstalten für Erziehungsbedürftige bewährt, die Ent¬ 
scheidung über die zu treffende Berufsausbildung erst nach erfolgter Ein¬ 
gewöhnung und Vorbeschäftigung der Zöglinge zu treffen. 

In der Anstalt für männliche Erziehungsbedürftige wurde von mir 
ein Bastelbetrieb eingeführt, in welchem Zöglinge, die sich hand¬ 
werklichen Berufen zuwenden wollten, ihre Beschäftigung frei wählen 
konnten. Beim Laubsägen, Metallfeilen, Kartonieren und anderen Arbeiten 
ergaben sich mannigfache Beobachtungen, welche die prüfungsmäßigen 
psychotechnischen Feststellungen wertvoll ergänzten. Aus der Beobachtung, 
welches Material die Zöglinge bei der Arbeit bevorzugten, konnten Schlüsse 
auf ihr Materialgefühl gezogen werden* das nach meinen Erfahrungen mit 
dem Alter, beziehungsweise mit dem Grad der Entwicklung und der persön¬ 
lichen Eigenart der Jugendlichen engstens zusammenhängt und bei der 
Berufsneigung der Handwerker eine wesentliche Rolle spielt. Ferner er¬ 
gaben sich Beobachtungen hinsichtlich der Anstelligkeit, Geschicklichkeit, 
des Augenmaßes, des Formensinns, der räumlichen Vorstellungsgabe und 



30 


anderer Fähigkeiten, die bei handwerklicher Arbeit von Bedeutung sind; 
auch wurden in charakterologischer Hinsicht, so bezüglich Fleiß, Aus¬ 
dauer, Genauigkeit und Gewissenhaftigkeit Aufschlüsse erlangt. Zöglinge, 
welche für landwirtschaftliche Ausbildung in Betracht kamen, ließ ich vor 
ihrer Abgabe an das Landgut mit verschiedenen Hilfsarbeiten beschäftigen. 

Auch in der Anstalt Hirtenberg setzt die Berufsausbildung der Zög¬ 
linge nicht gleich ein. Man beschäftigt die Mädchen zunächst mit Näh-, 
sowie leichteren Haus- und Gartenarbeiten. Die Vorbeschäftigung 
ist lücht nur für die Beurteilung der Berufseignung wichtig, sie hat auch 
die Bedeutung einer erzieherischen Maßnahme, durch die bei verwahrlosten 
Jugendlichen die vernachlässigten Anlagen geübt und die Arbeitsenergien 
wachgerufen werden, so daß sich in Verbindung mit intensiver Nach¬ 
schulung bessere Voraussetzungen für die künftige Berufsausbildung 
ergeben. 

Bei den Verwöhnungsfällen, deren Faulheit zu ihrem guten Gesund¬ 
heitszustand in krassem Widerspruch zu stehen pflegt, ist die Arbeits¬ 
therapie bei konsequenter und sachgemäßer Durchführung überaus 
wirksam. Die verwöhnten Jugendlichen müssen wenigstens einige Monate 
hindurch mit körperlich anstrengenden Arbeiten im Freien beschäftigt 
werden, wenn man ihre Faulheit beheben und sie berufstauglich machen 
will. Die Anforderungen, die man hierbei an sie stellt, sind dem Leistungs¬ 
vermögen anzupassen und allmählich zu steigern. Arbeiten wie Holzsägen, 
Kohlenschaufeln, Garten- und Landarbeit lehnen die verwöhnten Jugend¬ 
lichen zumeist ab; aber gerade an den Widerständen, die sie überwinden 
müssen, bildet sich ihr Charakter. Die Arbeitstherapie stärkt 
die Willenskraft und hierauf, wie auch auf Abhärtung kommt 
es bei der Erziehung der Verwöhnungsfälle vor allem an. Wenn sie an¬ 
gehalten werden, auch unangenehme Arbeiten auszuführen, wenden sie 
sich später mit viel größerem Eifer und Emst den Berufen zu, für die sie 
auf Grund ihrer Begabung und Vorbildung in Betracht kommen. Eine 
Vorbeschäftigung mit körperlich anstrengenden Arbeiten hat sich nach 
meinen Beobachtungen auch bei Jugendlichen, die längere Zeit arbeitslos 
waren und dadurch jede Arbeitslust verloren hatten, sehr gfünstig aus¬ 
gewirkt und ihre Berufseinordnung erleichtert. 

Ebenso ist die Behandlung der körperlich bedingten 
Faulheit der Jugendlichen unter den durch längere Anstaltsunter¬ 
bringung gegebenen Voraussetzungen im allgemeinen nicht so schwierig 
und aussichtslos, wie dies sonst der Fall ist. Auf Grund der regelmäßigen 
ärztlichen Untersuchungen können verschiedene, die Gesundheit fördernde 
Anordnungen getroffen werden, durch welche die Leistungsfähigkeit er¬ 
höht und die Ermüdbarkeit herabgesetzt wird. Medikamentöse 
Behandlung gewinnt besondere Bedeutung, wenn die Faulheit mit 
Wachstumsstörungen im Zusammenhang steht. Durch die mit der 
Anstaltsanhaltung verknüpfte Gewöhnung an ein geordnetes 
Leben, eine geregelte Tageseinteilung, gesunde Lebensführung 
und damit einhergehende körperliche Ertüchtigung, auch durch die 
Unterbindung weiterer Einbeziehung in Konflikte 
der Eltern, die die Voraussetzung konzentrierter Arbeit bildet, tritt 
bei zahlreichen Zöglingen eine rasche Belebung des Arbeitsantriebes ein. 
Die Zöglinge der Anstalten für Erziehungsbedürftige werden auch durch 
eine zweckentsprechende Abstufung ihrer Arbeitsvergü¬ 
tung, Teilnahme an Berufswettkämpfen, Erteilung von 
Begünstigungen bei guter Werkstättenführung und 



31 


andere Maßnahmen zur Arbeit angeeifert. Zweifellos tragen auch ver¬ 
schiedene arbeitshygienische Vorkehrungen dazu bei, daß 
die Anstaltszöglinge ihre Arbeitsunlust leichter überwinden. In den hellen, 
geräumigen Anstaltswerkstätten, die einen freundlichen Eindruck machen, 
gedeiht die Arbeitsfreude weit eher als in dunklen, engen und schlecht 
gelüfteten Räumen. Die Erziehung zur Arbeitsfreude er¬ 
fordert aber auch, daß bei den Anstaltsjugendlichen echter Gemeinschafts¬ 
sinn wachgerufen und ihnen eine höhere ethische Auffassung über die 
Arbeit beigebracht wird. Eine höhere Einschätzung des Sinnes und der 
Bedeutung der Arbeit gibt den Ansporn zu besonderer beruflicher Tüchtig¬ 
keit, trägt aber auch zur leichteren Überwindung von Schwierigkeiten und 
Enttäuschungen des Berufslebens bei. 

Um ein inneres Verhältnis zur Berufsarbeit gewinnen zu können, 
müssen die Jugendlichen für sie körperlich und geistig geeignet sein. Die 
Feststellung der Begabung erfordert bei kriminellen Jugend¬ 
lichen die Vornahme psychotechnischer Einzeluntersuchungen, die gegen¬ 
über den sonst üblichen Gruppenuntersuchungen ein wesentlich genaueres 
Bild der Begabung ergeben. Die Prüfungen müssen in einer Weise abge¬ 
halten werden, die eine Verfälschung der Ergebnisse durch Nervosität und 
Prüfungsangst ausschließt; andererseits ist zu vermeiden, daß der Prüfling 
durch Aneiferung zu besonderen Leistungen mehr aus sich herausgeht, als 
dies sonst bei ihm der Fall ist. In den Anstalten für Erziehungsbedürftige 
habe ich die psychotechnischen Prüfungen erst nach erfolgter Eingewöh¬ 
nung der neueingetretenen Zöglinge in die Anstaltsverhältnisse vorge¬ 
nommen, mir zuvor auch durch Einblick in den Zöglingsakt (Erhebungen 
der Jugendgerichtshilfe bzw. der Jugendämter und NSV.-Stellen, Schul- 
und Arbeitszeugnisse, Urteilsabschrift u. a.) und persönliche Aussprache 
ein Bild der zu beratenden Zöglinge gemacht. Wertvolle Aufschlüsse er¬ 
gaben sich auch an den Besuchstagen durch Fühlungnahme mit den 
Zöglingsangehörigen. Das Berufsbild, das sich in der Familie ergibt, 
ist für die Beurteilung des jungen Berufsanwärters sehr wichtig. 

Die Berufswünsche müssen bei der Berufsberatung krimineller 
Jugendlicher einer genauen Untersuchung unterzogen werden. Es ist von 
erheblicher Bedeutung, zu wissen, ob sie nur an der Oberfläche haften oder 
in der persönlichen Struktur tiefer verankert sind, wann sie entstanden, 
welches das Motiv der angestrebten Berufswahl ist und welche verlockenden 
Bilder sich mit der Berufsvorstellung assoziieren. Vor allem ist die Frage 
zu prüfen, ob das Interesse für bestimmte Berufe mit frühentwickelten 
kriminellen Neigungen und einem entstellten Berufsbild einhergeht. Das 
Beratungsgespräch muß in selbstverständlicher und unaufdringlicher Weise 
geführt werden und durch die Art, in der es gelenkt wird, in dem jungen 
Berufsanwärter den Willen zur Selbsterkenntnis wecken und stärken. Bei 
der Berufsberatung krimineller Jugendlicher ist von größter Wichtigkeit, 
über die Entwicklung des Tätigkeitsdranges von der 
kindlichen F u n k t i o n s 1 u s t bis zum gereiften Lei¬ 
stungswillen und die sich ergebende Eigenrichtung Klarheit zu 
erlangen. Durch Ermittlung der Lieblingsbeschäftigfung des Kindes und 
der späteren Berufswünsche ergeben sich Anhaltspunkte für eine Rekon¬ 
struktion des Entwicklungsverlaufes. Ob der bei der Berufsberatung vorge¬ 
brachte Berufswunsch noch infantil ist oder einem gereiften Leistungswillen 
entspricht, kann durch eine Überprüfung der beruflichen 
Vorstellungen ermittelt werden. Die Analyse des Berufswunsches 
ermöglicht es auch, die unbewußten FaktorenderBerufsnei- 



32 


gung aufzudecken, unter welchen bei kriminellen Jugendlichen neben dem 
Verlangen, eine minderwertige Anlage im Beruf zur Auswirkung zu bringen 
auch verschiedene Kompensationstendenzen und der Einfluß eines gestei¬ 
gerten oder verkümmerten Geltungstriebes in Betracht kommen. 

Die Intelligenz ist bei der Berufsberatung in allen wichtigen 
Funktionen zu untersuchen. Bei den Zöglingen der Anstalten für Erzie¬ 
hungsbedürftige habe ich vor allem die logische Denkfähigkeit, die Phan¬ 
tasie, die gedankliche Zuordnung, den Vorstellungsablauf, das Gedächtnis 
in seinen verschiedenen Abarten und die Konzentrationsfähigkeit überprüft. 
Unter den der Feststellung der Intelligenz dienenden Prüfaufgaben, die 
mir mit entsprechenden Auswertungsunterlagen teils vom Heilpädagogen 
Prof. E. L a z a r, teils vom Leiter des Psychotechnisehen Instituts 
in Wien Prof. Ing. C. H a c k 1 zur Verfügung gestellt wurden, 
sind zu erwähnen: Lückenproben, Masselon-Dreiwortprobe frei und ge¬ 
bunden (sprachliche Begabung und Kombination) Definition, Differenzie¬ 
rung (logisch-kritisches Denken), Bildung gleichartiger Begriffe, Wörter¬ 
test (gedankliche Zuordnung), Bourdontest (Konzentration). Die 
Aufsätze (Lebenslauf, Begründung des Berufswunsches u. a.), die die 
Zöglinge im Zuge der psychotechnischen Untersuchung schreiben, sind 
psychologisch aufschlußreich und werden dem Zöglingsakt einverleibt. Ich 
habe auch diel elementare Schulbildung der Zöglinge durch Kenntnisproben 
untersucht und den Grad der Nachschulungsbedürftigkeit 
erhoben. Die Ergebnisse der Intelligenzprüfung bilden eine wichtige Unter¬ 
lage für die Intelligenzbeschreibung nach V i 11 i n g e r , die 
ein umfassenderes Bild der Intelligenz ergibt als die Aufstellung einzelner 
intellektueller Funktionen und ihre Darstellung in Diagrammen. 

Bei der Feststellung der speziellen Berufseignung i.st besonders auf 
die Feststellung des Begabungsschwerpunktes und der 
Entwicklung jener Begabungen Wert zu legen, deren mangelhafte Ausbildung 
— wie die psychotechnischen Untersuchungen von Lehrlingen, die im Beruf 
gescheitert sind, ergeben — zwangsläufig berufliche Mißerfolge nach sich 
ziehen. Bei allen Anwärtern handwerklicher Berufe habe ich die räumliche 
Vorstellungsgabe, den Formensinn, das Augenmaß und die Handgeschick¬ 
lichkeit überprüft. Es hat sich bewährt, die bei den psychotechnischen 
Prüfungen verwendeten Teste durch zahlreiche Arbeitsproben zu 
ergänzen und die Prüfungen in die Berufsnähe zu rücken. Die Anforde¬ 
rungen, die die Gewerbe stellen, sind womöglich an Aufgaben zu prüfen, 
die der Berufspraxis direkt entnommen sind. Im Rahmen der psycho¬ 
technischen Untersuchung ist auch die Linkshändigkeit festzu¬ 
stellen. 

Ebenso wie auf die richtige Durchführung der 
psychotechnischen Prüfung kommt es auch sehr dar¬ 
auf an, die Ergebnisse richtig auszuwerten. Nur in der 
Hand eines Sachkundigen ist die Psychotechnik ein Werkzeug, das dem 
Berufsberater wertvolle Aufschlüsse über den jungen Berufsanwärter ver¬ 
mittelt. Unkundig angewendet kann sie zu groben Irrtümern und Fehl¬ 
entscheidungen führen. Die Beurteilung der Lösungen psychotechnischer 
Prüfaufgaben soll auf Grund geeigneter Vergleichswerte möglichst exakt 
und rechnerisch genau, doch nie nach ganz starrer Schablone erfolgen. Es 
ergeben sich nicht nur bei Jungen und Mädchen und verschiedenen Alters¬ 
stufen, sondern auch bei städtischer und ländlicher Herkunft der Jugend¬ 
lichen ganz verschiedene Maßstäbe für die Beurteilung 
ihrer Leistungen. Die städtischen Jugendlichen reagieren im allgemeinen 



33 


rasch und ungenau, die ländlichen Jugendlichen langsam, bedächtig und 
genau. Beim Zurückbleiben der allgemeinen Intelligenz entwickelt das 
Leben in der Natur auf dem Land eine stärkere Beobachtungsfähigkeit, 
während bei den Städtern durchschnittlich größerer Phantasiereichtum 
vorhanden ist. Die Intelligenz ist nicht absolut, sondern 
relativ zu werten, bei jeder Bewertung müssen auch die Umwelt¬ 
faktoren berücksichtigt werden. Der Psychotechniker muß sich auch vor 
Augen halten, daß die Ergebnisse einer einmaligen experimentellen Unter¬ 
suchung keine Gewähr dafür bieten, daß die gezeigten Leistungen die 
gleichen bleiben. Leistungsschwankungen sind selbst im Bereich 
des Normalen oft zu beobachten. Bei jugendlichen Psychopathen kann es 
zu erheblichen intraindividuellen Leistungsschwankungen kommen. 

Bei der Berufsberatung krimineller Jugendlicher ist die Ermitt¬ 
lung der Unfallsdisposition unerläßlich. Sie geht zum Teil aus 
den nicht ad hoc durchgeführten ärztlichen, psychiatrischen und psycho- 
technischen Untersuchungen, auf die sich die Berufsberatung allgemein 
stützt, zum Teil auch aus Beobachtungen des täglichen Lebens hervor. 
Wichtig ist die Feststellung, wann und wie oft der Berufsanwärter bereits 
Unfälle und auch scheinbar belanglose Unfälle durchmachte oder verur¬ 
sachte, ob er sich Verletzungen zuzog und welcher Art diese waren. Ich 
habe bei der Berufsberatung der Zöglinge der Anstalten für Erziehungs¬ 
bedürftige durch Aufstellung von Unfallsanamnesen sehr 
brauchbare Unterlagen für die Beurteilung der Unfallsdisposition erhalten, 
da es sich zeigt, daß die stärker hervortretende Unfallsneigung sich schon 
sehr früh, oft schon im Kleinkindalter bemerkbar macht. Disponierte Un¬ 
faller (Marbe) sind von Berufen abzuhalten, bei deren Ausübung sie 
zufolge ihrer Anlage leicht selbst zu Schaden kommen, andere Menschen 
verletzen oder Sachschaden anrichten können. 

Zu Unfällen neigende Burschen habe ich in der Anstalt für Erzie¬ 
hungsbedürftige u. a. vom Friseurberuf abgehalten. Ein Epileptiker, der 
vor der Anstaltsunterbringung diesen Beruf schon über ein Jahr ausgeübt 
hatte, wurde landwirtschaftlich umgeschult. Aber selbst bei der land¬ 
wirtschaftlichen Arbeit mußte er wegen seiner häufigen Anfälle von der 
Bedienung der Häckselmaschine und anderer gefährlicher Maschinen und 
Geräte abgehalten werden. Eine vom Gesichtspunkt der Unfallsverhütung 
strenge Auslese habe ich auch bei den Tischlern vorgenommen, da bei der 
Holzbearbeitung — der weit vorgeschrittenen maschinellen Rationalisierung 
entsprechend — zahlreiche unfallsgefährliche Maschinen Verwendung 
finden. Zur Entlassung gelangende unfallsdisponierte Zöglinge wurden nicht 
im Baugewerbe untergebracht, da es für sie schwere Gefahren birgt. 

Die Berufszuteilung der psychopathisch veranlagten jugendlichen 
Rechtsbrecher erfordert weitgehende Berücksichtigung der psychischen 
Besonderheiten, die Beratung muß nach pädagogischen 
Gesichtspunkten durchgeführt werden und von dem 
Gedanken geleitet sein, daß der Beruf, wenn möglich, 
Heilung bringen soll. In zahlreichen Fällen hat es sich gezeigt, 
daß die richtige Berufswahl ein Abklingen der psychopathischen Reaktionen 
nach sich ziehen kann, die soziale Wiedereingliederung erleichtert und 
Rückfälligkeit verhindert. So tritt erfahrungsgemäß die Neigung der 
verschlossenen, depressiven Psychopathen, sich aus 
ihrer Verstimmung durch Anstaltsflucht und Eröffnung von Lustquellen 
wie Alkohol, Sexualität u. a. ungestüm zu befreien, erheblich weniger her- 


3 



34 


vor, wenn es gelingt, bei ihnen echte Berufsfreudigkeit zu wecken und 
wachzuhalten. Sie eignen sich nur für Berufe, die ihrer autistischen Ein¬ 
stellung entsprechen. Auch bei den Hyperthymikern kann die 
richtige Berufswahl sich heilpädagogisch auswirken. Ihre stets heitere, 
optimistische Stimmungslage bildet in verschiedenen Berufen die Grundlage 
beruflicher Bewährung; besonders bei Mädchen ist aber die Unterbringung 
auf Arbeitsstellen, die Gefährdung durch das Milieu bringen, zu ver¬ 
meiden. Bei epileptischen Reaktionen und hysterischen 
Dämmerzuständen ist in erster Linie die Unfallsneigung zu be¬ 
rücksichtigen, auch sind hier Berufe, deren Ausübung das Ertragen der 
Hitze fordert, aus heilerzieherischen Erwägungen nicht in Betracht zu 
ziehen. Bei den zu Gewalttätigkeiten neigenden aggressiven Psy¬ 
chopathen wirkt sich die Wahl einer anstrengenden Berufstätigkeit 
günstig aus, bei welcher sie ihren Überschuß an Kräften abreagieren 
können. Bei manchen tritt ein heilerzieherischer Erfolg ein, wenn sie 
einer Arbeit nachgehen, bei der deutlich sichtbare Gebilde unter ihren 
Händen entstehen. Daß Land- und Gartenarbeit sich bei vielen Psycho¬ 
pathen gut auswirken, hat sich auch bei den Zöglingen der Anstalten für 
Erziehungsbedürftige erwiesen. 

Die Berufstauglichkeit der straffällig gewor¬ 
denen Debilen, auch zahlreicher Übergangsformen zum Schwachsinn, 
ist nicht allein durch geistige, sondern zumeist auch durch körperliche 
Mängel und genuine moralische Defekte erheblich herabgesetzt. Die 
Berufsberatung muß sowohl die verminderte Leistungsfähigkeit wie die 
durch verschiedene Hemmungsschwächen bedingte Neigung zur Rück¬ 
fälligkeit berücksichtigen. Bei Debilen, die auf Grund leichterer Straf¬ 
fälligkeit oder Hervortretens manueller Fertigkeiten in den Anstalten für. 
Erziehungsbedürftige probeweise zu handwerklichen Arbeiten herangezogen 
wurden, hat es sich gezeigt, daß sie durch Übung ihre primären Ausfalls¬ 
erscheinungen zum Teil kompensieren können, daß aber ihrer Übungsfähig¬ 
keit bestimmte Grenzen gesetzt sind. Als Schuhmacher und Schneider 
kommen sie über das Erlernen von Flickarbeiten kaum hinaus. Als Korb¬ 
flechter gelingt ihnen die Nachbildung einfacher gleichbleibender Formen, 
es mangelt ihnen aber an Umstellungsfähigkeit. Sie versagen, sobald sie 
Aufgaben gegenüberstehen, die Denk- und Urteilsfähigkeit, raschen Ent¬ 
schluß und Selbständigkeit erfordern. Zu Arbeiten, die mit Unfallsgefahren 
verknüpft sind, vor allem zur Bedienung ungesicherter Maschinen, sind sie 
nicht heranzuziehen. Erweiterte Verwendungsmöglichkeiten finden sich 
für beschränkte und debile Jugendliche im Bereich der Hilfsarbeiten, wobei 
sie monotone Arbeiten, die von Vollsinnigen in der Regel abgelehnt werden, 
oft bevorzugen. In den An.stalten leisten sie manchmal als Hausarbeiter 
und Wäscher nützliche Arbeit, doch ist es selten möglich, sie auch nach 
der Entlassung aus der Anstalt einer gleichen Arbeit zuzuführen. 

Die schwierige Aufgabe der Berufseingliederungkörper¬ 
lich und geistig nicht vollwertiger Jugendlicher kann 
nur durch weitgehende Berücksichtigung der landwirt¬ 
schaftlichen Arbeitsmöglichkeiten einer befriedigenden 
Lösung zugeführt werden. Zu anstrengenden Arbeiten, wie Pflügen, 
Dreschen u. a., können beschränkt leistungsfähige Jugendliche natürlich 
nicht herangezogen werden, dagegen eignen sie sich in vielen Fällen für 
leichtere Arbeiten, die es auf dem Lande in großer Zahl gibt; gegebenen¬ 
falls können für körperlich mindertaugliche Jugendliche auch landwirt¬ 
schaftliche Hilfsdienste, die nach der auf dem Lande üblichen Arbeitsteilung 



86 


meist Frauen verrichten, in Betracht gezogen werden. Den verschiedenen 
Formen von Debilität und Imbezillität kommt bei der Landarbeit zugute, 
daß ihre Empfindlichkeit gegen Hitze und Kälte, Nässe, Schmutz und 
andere Reize herabgesetzt ist. Schwachsinnige — sofern sie nicht dem 
erethischen Typus angehören — eignen sich auch als Stallknechte und 
Viehhüter, da sie zumeist tierfreundlich sind. 

Die Berufsberatung der kriminellen Jugend muß wesentlich nach 
prophylaktischen und therapeutischen Gesichtspunkten erfolgen, doch 
müssen auch wirtschaftliche Momente, wie die Lage des 
Arbeitsmarktes und die Ayfnahmefähigkeit in den ein¬ 
zelnen Berufen, entsprechende Berücksichtigung finden. Es sind 
für kriminelle Jugendliche weder „Modeberufe“, noch solche Berufe ge¬ 
eignet, die zufolge vorgeschrittener Rationalisierung weniger aufnahme¬ 
fähig geworden sind. Die Zöglinge der Anstalten für Erziehungsbedürftige 
werden in Berufe gelenkt, die ihnen auch in der Zeit, als die Arbeitslosigkeit 
• einen Großteil der Jugend erfaßt hatte, relativ günstige Aussichten auf 
ein Unterkommen boten und heute einen bedeutenden Bedarf an Nachwuchs 
aufweisen. Bei der Berufsbahnung der Zöglinge der An¬ 
stalten für Erziehungsbedürftige erwies es sich 
zweckmäßig, den Zustrom zu handwerklichen Be¬ 
rufen und zu kaufmännischer Ausbildung durch ent¬ 
sprechende Auslese einzudämmen, die Zahl der un¬ 
qualifizierten und angelernten Hilfsarbeiter äu¬ 
ßerst zu beschränken und landwirtschaftliche Aus- 
bildungund Umschulungnach Möglichkeit zu fördern. 
Die Vorteile, die die landwirtschaftliche Ausbildung gewährt — die er¬ 
leichterte Eingliederung in das Erwerbsleben durch differenzierte Arbeits¬ 
möglichkeiten und großen Bedarf an Arbeitskräften, auch die sonst in 
wenigen Berufen gebotene Unterbringung mit Kost und Quartier, die 
günstige Milieuveränderungen ermöglicht — sind gerade für die verwahr¬ 
loste und straffällig gewordene Jugend von erheblicher Bedeutung, so daß 
sie bei ihrer Berufswahl stark ins Gewicht fallen. 

Den Zöglingen der Anstalten für Erziehungsbedürftige wird in 1 a n d - 
wirtschaftlichen Lehrabteilungen Gelegenheit geboten, 
alle Arbeiten zu erlernen, die auf dem Lande gefordert werden. Man 
zieht sie hier zu den gewöhnlichen Feld- und Stallarbeiten heran, ferner 
erlernen sie qualifizierte Arbeiten, wie Melken und die Bedienung land¬ 
wirtschaftlicher Geräte und Maschinen. Die praktische Ausbil¬ 
dung wird in den Wintermonaten durch theoretischen Unterricht 
ergänzt, der sich auf alle wichtigen landwirtschaftlichen Fachgebiete er¬ 
streckt. In städtischem Milieu heran ge wachsene Zög¬ 
linge, die bei der Berufsberatung für landwirtschaft¬ 
liche Ausbildung bestimmt werden, werden in den 
landwirtschaftlichen Abteilungen allmählich an das 
Leben auf dem Lande und die Anforderung der Land¬ 
arbeit gewöhnt. Die Anstalten machen sich dabei die Erfahrung 
zunutze, daß sich verwahrloste und kriminelle Jugendliche, die früher von 
der Jugendgericht.shilfe, den Berufsämtem und anderen behördlichen Stellen 
direkt von der Stadt auf das Land gebracht wurden, nur schwer in die 
plötzlich veränderten Umweltbedingungen einfanden, bei der Arbeit den 
an sie gestellten Anforderungen zumeist nicht entsprachen und im Zu¬ 
sammenhang damit früher oder später wieder in die Stadt zurückkehrten, 
wo sich die Fürsorge ihrer aufs neue annehmen mußte. 


S' 



S6 


Wir wissen heute, daß auch die in ländlichen Verhältnissen aufge¬ 
wachsenen Zöglinge der Anstalten für Erziehungsbedürftige erst nach 
gründlicher landwirtschaftlicher Ausbildung wieder als Landarbeiter unter¬ 
gebracht werden können. Bei der Ausbildung wurde beobachtet, daß die 
in die Obhut der Anstalten gelangenden jugendlichen Landarbeiter ver¬ 
hältnismäßig sehr geringe praktische Kenntnisse mitbringen. Zöglinge, 
die bei Beginn der Ausbildung nur bei wenig Arbeiten verwendet werden 
können, obwohl sie schon jahrelang in der Landwirtschaft gearbeitet haben, 
erweisen sich aber oft als strebsame und bildungsfähige Kräfte, die sich 
unter entsprechender Anleitung die verschiedensten Fertigkeiten als Land¬ 
arbeiter aneignen können. Es steht außer Zweifel, daß von einem Teil 
der bäuerlichen Bevölkerung auf eine gute Ausbildung der jungen Land¬ 
arbeiter noch zu wenig Wert gelegt wird. Die Vernachlässigung 
der Ausbildung, welcher man im nationalsozialistischen Staat durch 
Errichtung landwirtschaftlicher Lehrstellen und andere einschneidende 
Maßnahmen entgegentritt, bildet einen Teil der Schwierigkeiten, unter • 
welchen die dissozialen und kriminellen Jugendlichen auf dem Lande heran¬ 
wachsen. Untersuchungen, die ich über die Motive der Landflucht 
anstellte, haben ergeben, daß die schlechten Erfahrungen, die die Jugend¬ 
lichen manchmal bei der Landarbeit hinsichtlich Lohn, Unterkunft und 
Behandlung machen, ihre Abwanderung in die Städte sehr begünstigen. 

Viele Landburschen wollen in der Erziehungsanstalt die Gelegenheit 
wahmehmen, einen Berufswechsel zu vollziehen. Sie bevorzugen 
dabei den Beruf des Bäckers und Schuhmachers; manche wollen aber auch 
Berufe ergreifen, die sie nur vom Hörensagen kennen. Landarbeiterinnen 
wollen in der Anstalt Hirtenberg hauswirtschaftliche und gewerbliche 
Berufe ergreifen, um von der Landwirtschaft loszukommen. Die in ihrer 
landwirtschaftlichen Ausbildung vernachlässigten Landjugendlichen, die 
weniger erlernt haben als ihrer Befähigung entspricht, streben besonders 
hartnäckig danach, in gewerblichen Berufen unterzukommen, durch die sie 
später leicht in die Stadt abwandern können. Bei der Berufsberatung 
habe ich den Wünschen der Zöglinge, die sich von der Landarbeit abwenden 
wollten, nur in sehr berücksichtigungswerten Fällen — z. B. auf Grund 
einer Sonderbegabung, die sich bei der psychotechnischen Untersuchung 
ergab — nachgegeben. Die Anstalten für Erziehungsbedürftige sind durch 
die sorgfältige und planmäßige Ausbildung, die den Zöglingen unter Be¬ 
rücksichtigung ihrer individuellen Verschiedenheiten erteilt »wird, in der 
Lage, sowohl die Unterbringung städtischer Jugendlicher auf dem Lande 
entsprechend vorzubereiten und zu fördern, wie auch der Landflucht wirk¬ 
sam entgegenzutreten. 

Irrigen Vorstellungen über die Bedeutung der landwirtschaftlichen 
Ausbildung begegnete ich bei der Berufsberatung der Zöglinge der An¬ 
stalten für Erziehungsbedürftige durch berufliche Aufklärung. 

Es ist auch oft notwendig, den gegen die Landwirtschaft gerichteten Vor¬ 
urteilen der Angehörigen der Zöglinge entgegenzutreten, z. B. der Auf¬ 
fassung, daß die Arbeiten auf dem Lande, ähnlich wie die städtischen 
Hilfsarbeiten „keinen Beruf“ darstellten. Die Angehörigen fordern, daß 
die Zöglinge, selbst wenn sie ganz unbegabt sind, ein Handwerk erlernen, 
genau so wie man in anderen Schichten der Bevölkerung in der Annahme, 
daß nur ein Studium standesgemäß sei, junge Menschen zum Studieren 
zwingt, die sich besser für ein Handwerk eignen würden. Die Gegen¬ 
einstellung zur landwirtschaftlichen Ausbildung hängt vielfach auch mit 
der damit verknüpften Trennung der Kinder vom Elternhaus zusammen. 



37 


die man vermeiden will. Die familiären Bindungen führen be¬ 
sonders bei verwöhnten Jugendlichen oft dazu, daß sie die Arbeit auf dem 
Lande später wieder aufgeben. Städtische Jugendliche sollen 
möglichst früh auf das Land gebracht werden. Bei den 
16- und 17jährigen finden sich gewöhnlich schon stärkere Bindungen an 
das Stadtleben, das durch seine Abwechslung und Vergnügungen einen 
ständigen Anreiz zur Rückkehr bildet. 

Jugendliche, die in einem oder mehreren Berufen bereits versagten, 
sind der Umschulung zur Landwirtschaft manchmal sehr zugänglich. Sie 
finden hier ein Arbeitsgebiet, in dem sie nach ihren früheren Mißerfolgen, 
die sie entmutigten, sich bewähren können. Auch für entgleiste Mittel¬ 
schüler kommt der Besuch landwirtschaftlicher Fach¬ 
schulen in Betracht. 

Um die Benifseinordnung jugendlicher Rechtsbrecher, besonders aber 
der Psychopathen herbeizuführen und zu sichern, ist nicht nur die Wahl 
des richtigen Berufes, sondern auch eine Einflußnahme auf die 
Berufserziehung notwendig. In den Anstalten für Erziehungs¬ 
bedürftige sind günstige Voraussetzungen für ein enges Zusammenwirken 
der Berufsberatung und Arbeiljserziehung vorhanden. Auf Grund der 
genauen Kenntrüs der Berufsneulinge ist der Berufsberater in der Lage, 
den Werkmeistern Aufschluß zu geben, welche Behandlungsweise im Einzel¬ 
fall den besten Erfolg verspricht. Viele jugendliche Rechtsbrecher, manch¬ 
mal auch gut begabte, bedürfen der Ermutigung, da sie sich nichts Zu¬ 
trauen. Andere wieder sind allzu selbstsicher und müssen unter Hinweis 
auf ihre tatsächlichen Leistungen zu einer weniger überheblichen Selbst¬ 
einschätzung gebracht werden. Der Neigung der verwöhnten Jugendlichen 
und labiler Psychopathen, ihren Beruf auch ohne stichhaltigen Grund zu 
wechseln, muß im Rahmen einer Erziehungsanstalt energisch entgegen¬ 
getreten werden. Sie sind später oft dankbar, daß man ihnen nicht nach¬ 
gegeben hat. Die Berufseinordnung kann gerade in schwierigen Fällen 
durch Ausgleichsturnen und entsprechende Freizeitgestal¬ 
tung gefördert werden. Turnerisch-sportliche Betätigung wird an den 
Anstalten für Erziehungsbedürftige organisch in die Ausbildung einbe¬ 
zogen. Sie stärkt den Willen der Zöglinge und macht sie energischer, 
zäher und gewandter, so daß sie den Anforderungen des Berufes und 
Existenzkampfes gegenüber widerstandsfähiger werden. Neben der Berufs¬ 
ausbildung wird den Zöglingen der Erziehungsanstalten auch Gelegenheit 
geboten, Musikinstrumente, fremde Sprachen, Maschinenschreiben, Steno¬ 
graphie, wie allerhand Handfertigkeiten und Techniken zu erlernen- Es 
werden dadurch Begabungen gepflegt, die nicht immer im Beruf zu ver¬ 
werten sind. Eine selbsttätige, anregende Ausgleichsbeschäftigung in der 
Freizeit ist besonders für Zöglinge wichtig, die in ihrem Beruf nicht volle 
Befriedigung finden. Der negative Rückschlag auf die Selbstachtung, der 
das Absinken aus einem höheren Beruf oder den Abbruch eines Studiums 
manchmal begleitet, kann dadurch ausgeglichen werden. 

Bei einem Teil der jugendlichen Rechtsbrecher, vor allem bei den 
Vagabunden, erweist sich die Anwendung fortgesetzten 
Arbeitszwanges notwendig, um sie an eine Arbeit zu gewöhnen. 
Nach meinen Beobachtungen waren 67% der jugendlichen Vagabunden voll 
arbeitsfähig, bei 24% lag leichtere und bei 9% .schwerere Arbeitsbehin¬ 
derung vor. Sie ließen sich an Hilfsarbeiten, auch an Landarbeit, aber 
nicht — wie ihr Verhalten nach der Anstaltsanhaltung zeigte — an Se߬ 
haftigkeit gewöhnen, 



38 


Vor Einführung der Berufsberatung an den Anstalten für Erziehungs¬ 
bedürftige ergaben sich bei der Arbeitseinteilung und Arbeitserziehung 
der Zöglinge zahlreiche Schwierigkeiten. Der Werkstätten- und Schul¬ 
betrieb wurde vor allem durch regen Arbeitswechsel der Zöglinge, 
der in der Anstalt seine Fortsetzung fand, behindert. Da es an ent¬ 
sprechenden Unterlagen für die Beurteilung der Berufseignung fehlte, kam 
es zu Fehleinteilungen, die bald richtig gestellt werden mußten. 
Den Bitten der Zöglinge nach einer Arbeitsversetzung wurde gewöhnlich 
entsprochen; andererseits drangen auch die Meister oft auf eine Versetzung 
von Lehrlingen, mit deren Arbeitsleistungen sie nicht zufrieden waren. Im 
Zusammenhang mit dem Arbeitswechsel der Zöglinge ergaben sich auch 
bedeutende disziplinäre Schwierigkeiten, die auch durch den 
Gebrauch der verschiedenen Strafmittel nicht behoben werden konnten. 
Nach Einführung der fachgemäßen Berufsberatung ist es mir gelungen, 
den Arbeits- und Berufswechsel der Zöglinge nahezu vollkommen zu unter¬ 
binden. Durch die Einteilung der Zöglinge nach Maßgabe ihrer Eignung 
und Leistungsfähigkeit wurde den Werkmeistern und Lehrern der Gewerb¬ 
lichen Fortbildungsschule viel vergebliche Mühe erspart, so daß sie sich mit 
den ihnen zugeteilten beruflich bildungsfähigen Lehrlingen und Schülern 
umso mehr und mit größerer Aussicht auf Erfolg befassen konnten. 

Die Nutzleistung in den Arbeitsbetrieben ist durch 
die rationelle Ausnutzung der Arbeitskraft der Zöglinge erheblich gestiegen. 
Auf Grund der Sichtung des Lehrlingsnachwuchses ist in den Werkstätten 
trotz teilweiser Einschränkung der Lehrlingsanzahl wesentlich mehr er¬ 
zeugt worden als zuvor; auch ergab sich eine bessere Ausführung der 
Arbeiten. Die rationelle Arbeitseinteilung und die damit verknüpfte Er¬ 
höhung der Produktion hat sich auf den Haushalt der Anstalten günstig 
ausgewirkt. So stellt z. B. die Anstalt Hirtenberg den Bedarf an 
Kleidern und Wäsche für den Gesamtstand der Zöglinge .selbst her; darüber 
hinaus wird für die Angestellten, in der Freizeit auch für die NS.-Volks- 
wohlfahrt gearbeitet. Die gleiche Anstalt hat sich durch ihre Gartenwirt¬ 
schaft vom Einkauf von Gemüse das ganze Jahr hindurch unabhängig ge¬ 
macht; außerdem werden die Gartenprodukte an andere Anstalten abge¬ 
geben. Eine günstige Auswirkung auf den Haushalt der Anstalten für 
Erziehungsbedürftige ergibt sich ferner aus der Herstellung landwirtschaft¬ 
licher Erzeugnisse, obwohl die landwirtschaftlichen Abteilungen nicht nach 
rein kaufmännischen, sondern weitgehend nach pädagogischen Gesichts¬ 
punkten geführt werden. Durch Berücksichtigung der Unfallsneigung bei 
der Berufsauslese ist es mir auch gelungen, die Zahl der Unfälle, deren 
Ursache im Menschen selbst gelegen ist, außerordentlich zu beschränken, 
so daß die Unfallsziffer an den Anstalten zeitweise sogar geringer war als 
jene gleichartiger Lehrwerkstätten, in denen nicht schwererziehbare 
Jugendliche beschäftigt ^^’urden. 

Durch die nach Gesichtspunkten der Berufsberatung erfolgte Arbeits¬ 
einteilung und gründliche Berufsausbildung der Zöglinge wird auch die 
Unterbringung auf geeigneten Arbeitsplätzen, die eine 
Vorbedingung für die Entlassung bildet, wesentlich erleichtert. Wenn die 
Unterbringung der gebesserten Zöglinge nicht durch ihre Angehörigen 
erfolgt, wird sie von den Fürsorgern der Anstalten für Erziehungsbe¬ 
dürftige in Verbindung mit der NS.-Volkswohlfahrt, sowie den zuständigen 
Jugend- und Arbeitsämtern herbeigeführt. Vor Arbeitsantritt wird jeder 
Posten überprüft. Die Unterbringung auf Lehrstellen findet noch vor der 
Freisprechung statt; die Ausbildung in der Anstalt wird als Lehrzeit voll 



39 


angerechnet. Die Arbeitsvermittlung der Landarbeiter ging selbst bei 
ungünstiger Lage auf dem Arbeitsmarkt ziemlich leicht vor sich, da in der 
Ostmark stets ein großer Bedarf an qualifizierten Kräften wie Melkern, 
Zuckerrübenarbeitem, Traktorführem u. a. bestand. Seitdem in der ins 
Reich heimgekehrten Ostmark die Arbeitslosigkeit der Jugend vollkommen 
überwunden ist, begegnet auch die Unterbringung der in den Anstalten aus¬ 
gebildeten Handwerker keinen Schwierigkeiten. Die Bewährung der 
entlassenen Zöglinge auf ihren späteren Arbeitsplätzen ist — 
wie aus regelmäßig einlaufenden Führungsberichten hervorgeht — all¬ 
gemein zufriedenstellend. Die berufliche Tüchtigkeit ehemaliger Zöglinge 
der Anstalten für Erziehungsbedürftige wurde von zahlreichen Arbeit¬ 
gebern verschiedener Berufszweige, auch Lagerleitern des Arbeitsdienstes, 
anerkannt. Einige Arbeitsämter sind — trotz der Vorurteile, die in weiten 
Bevölkerungskreisen gegen straffällig gewordene Jugendliche herrschen — 
dazu übergegangen, Zöglinge der Anstalt Hirtenberg, vor allem Gärtne¬ 
rinnen und Landarbeiterinnen, fortlaufend anzufordem und zu vermitteln. 
Es muß hervorgehoben werden, daß zahlreiche Zöglinge der Anstalt 
Kaiserebersdorf sich nicht nur als Arbeiter und Professionisten, sondern * 
später auch als Soldaten und Kriegsteilnehmer bewährt haben. 

Nicht zuletzt hat die Regelung der Berufsfrage, die die weitere 
Lebensgestaltung entscheidend beeinflußt, dazu beigetragen, daß hinsicht¬ 
lich der Rückfälligkeit günstige Ergebnisse erzielt werden konnten, 
obwohl die soziale Wiedereinordnung der entlassenen Zöglinge in den 
zurückliegenden Systemjahren durch ungünstige Wirtschaftslage und die 
nicht immer zu vermeidende Rückkehr in ungünstige Umweltverhältnisse 
sehr erschwert wurde. Selbst wenn die Rückfallstatistik der fünf Jahre 
zuvor entlassenen Zöglinge der Anstalt für männliche Erziehungsbedürftige 
in manchen Jahren ein relativ ungünstiges Bild ergab, ist bei ungefähr 
60 V. H. kein Rückfall und bei einer weiteren bedeutenden Anzahl nur 
leichte Rückfälligkeit eingetreten. Bei den weiblichen Jugendlichen, deren 
Neigung zum kriminellen Rezidiv allgemein geringer ist, ergab die Rückfall¬ 
statistik der im Jahre 1934 entlassenen Zöglinge, daß 71 v. H. in keiner 
Weise rückfällig geworden waren, bei 13 v. H. trat leichte, bei 16 v. H. 
schwere Rückfälligkeit ein. Die Rückfälligkeit blieb wesentlich auf jene 
erzieherischer Einwirkung wenig zugänglichen Fälle beschränkt, bei 
welchen die Neigung zu Gesetzesverletzungen durch genuine Defekte 
bedingt ist. 

Auf Grund der bei der Berufsberatung und Arbeitserziehung er¬ 
folgten Auslese ist die Rückfälligkeit bei den Zöglingen, die in handwerk¬ 
lichen und gewerblichen Berufen ausgebildet wurden, am geringsten. Dies 
hat dazu beigetragen, daß die verschiedenen Berufsvertretungen ihre 
frühere ablehnende Haltung den Anstalten für Erziehungsbedürftige gegen¬ 
über schon lange aufgegeben haben und dem Erziehungswerk der Anstalten 
Verständnis entgegenbringen. Die Rückfallszilfer der Landarbeiter wäre 
geringer, wenn es möglich gewesen wäre, einen Teil der Entlassenen, vor 
allem Fälle geistiger Unterwertigkeit, in entsprechenden Arbeitslagern 
unterzubringen. Das Fehlen einer kriminalbiologischen Vorbegutachtung und 
Auslese und die dadurch bedingte Verschiedenartigkeit der in den Anstalten 
für Erziehungsbedürftige untergebrachten jugendlichen Rechtsbrecher hat 
die Erziehungsarbeit an den Anstalten sehr erschwert und das Ergebnis 
der Rückfallstatistik entsprechend belastet. 

Die Erfahrungen, die ich bei der Berufsberatung und Berufserziehung 
der Zöglinge der Anstalten für Erziehungsbedürftige gesammelt habe, sind 



40 


über den Rahmen dieser Anstalten hinaus allgemein für die Fürsorge¬ 
erziehung und den Jugendstrafvollzug von Interesse. Vor 
allem zeigen sie, wie notwendig es ist, die Jugendlichen im Strafvollzug 
nach ihrer Zugänglichkeit für Gemeinschaftserziehung zu differenzieren 
und sie danach auch in bezug auf ihren Beruf verschieden zu behandeln. 
In Anstalten, die schwerer kriminelle Jugendliche aufnehmen, erscheint eine 
Beschränkung der beruflichen Ausbildungsmöglichkeitan zweckentsprechend, 
da hier die Notwendigkeit der Umschulung zu primitiverer Arbeit in den 
Vordergrund tritt. Für erzieherischer Einwirkung zugängliche und in der 
Prognose günstig zu beurteilende jugendliche Rechtsbrecher werden sich 
nur Anstalten eignen, die — ähnlich wie die Anstalten für Erziehungs¬ 
bedürftige — eine differenzierte berufliche Ausbildung 
bieten; denn es kommt bei Jugendlichen nicht, wie bei älteren Anstalts¬ 
insassen, nur darauf an, daß sie arbeiten, sondern es ist für die Aussichten 
eines bei ihnen zu erzielenden Erziehungserfolges auch maßgeblich, daß sie 
eine Berufsarbeit erlernen, die ihrer Veranlagung und Neigung möglichst 
entspricht und ihnen ihr späteres Fortkommen erleichtert. Wenn dies schon 
' nicht immer in der Anstalt möglich ist, muß umso mehr bei der Entlassung 
der Jugendlichen aus den Anstalten darauf geachtet werden, daß die Zu¬ 
weisung eines Arbeitsplatzes nach Gesichtspunkten der Berufsberatung 
erfolgt, um die Wiedereingliederung der Anstaltsentlassenen in das Ge¬ 
meinschaftsleben, die sich der neue Jugendstrafvollzug zum Ziel setzt, 
zu sichern. 

Der allgemeine Arbeitseinsatz fordert heute, daß auch die 
in Jugendstrafvollzugs- und Fürsorgeerziehungsanstalten befindlichen 
Jugendlichen zu vollem Einsatz gebracht werden. Um durch rationelle 
Ausnützung der Arbeitskräfte Leistungsverbesserungen her¬ 
beiführen zu können und die Gewähr zu besitzen, daß die damit verknüpfte 
berufliche Ertüchtigung der jugendlichen Anstaltsinsassen dauernd der 
Gemeinschaft zugute kommt, ist in allen Anstalten, die über eine größere 
Anzahl von Arbeitsbetrieben verfügen, sachgemäße Berufsbe¬ 
ratung und eine auf weitere Sicht eingestellte Berufslenkung 
erforderlich. 

Meine Untersuchungen über die Zusammenhänge, die zwischen der 
Kriminalität und dem Benaf der Jugendlichen bestehen, haben zu Ergeb¬ 
nissen geführt, die zum Teil auch für die allgemeine Berufsbe¬ 
ratung und Berufserziehung von Bedeutung sind. In Fällen 
von Schwererziehbarkeit und negativer Persönlichkeitsausrichtung wird 
man auch bei der allgemeinen Berufsberatung die Möglichkeit des Ab¬ 
gleitens in die Kriminalität ins Auge fassen müssen, besonders dann, wenn 
sich aus der Familienanamnese ungünstige Anhaltspunkte für die Beur¬ 
teilung des jungen Berufsanwärters ergeben. Der von verschiedenen 
Autoren vertretenen Auffassung, die Berufslenkung müsse so erfolgen, 
daß die „Sozialisierung“ latenter pathogener und krimineller Neigungen 
herbeigeführt werden könne, ist die Erfahrung entgegenzustellen, 
daß bei Jugendlichen sehr oft asoziales und antisoziales Betragen die 
Folge ist, wenn bei ihnen Berufsneigung und Berufswahl durch Instinkt¬ 
tendenzen bestimmt werden, die an minderwertige Anlagen gebunden sind. 
Krankhafte Anlagen bleiben das, was sie sind und können ihres ursprüng¬ 
lichen Charakters nicht beraubt werden, wenn es auch außer Zweifel steht, 
daß sie bei ihren Trägern das Interesse für bestimmte Berufe wachrufen 
und dadurch die Grundlage besonderen Fleißes und überdurchschnittlicher 
Leistungen bilden können. Fehlt es, wie dies bei zahlreichen verwahrlosten 



41 


Jugendlichen der Fall ist, an Beherrschung und Hemmungsmechanismen, so 
leben sich die minderwertigen Anlagen im Beruf leicht aus und es kommt 
zu Gesetzesverletzungen. Der Grundsatz der Gesundheitsfürsorge „V o r - 
beugen ist besser als Heilen“ gilt auch für die Berufsberatung. f 

Stellt es sich bei Jugendlichen heraus, daß sie den moralischen Anforde¬ 
rungen ihres Berufes nicht gewachsen sind, ist ihre möglichst frühe Aus¬ 
schaltung aus dem Beruf im Interesse der Gemeinschaft wie auch der 
Jugendlichen selbst gelegen. 

Da nachgewiesen wurde, daß die Kriminalität in manchen Fällen durch 
eine verfehlte Berufswahl ausgelöst und fixiert wird, müssen wir allen 
Momenten besondere Aufmerksamkeit zuwenden, die die richtige Berufs¬ 
eingliederung der Jugend erschweren und die Entwicklung der Arbeits¬ 
freude behindern. Wir dürfen uns nicht der Erkenntnis verschließen, 
daß der große Bedarf auch an jugendlichen Arbeitskräften, den der 
Wirtschaftsaufschwung gebracht hat, die Gefahr in sich birgt, daß 
viele Jugendliche ihre Berufswahl zu früh und daher falsch treffen. Auch 
die Mannigfaltigkeit der Arbeitsmöglichkeiten und die Beratung in den 
Arbeitsämtern vermag diese Gefahr nicht zu bannen, da die Besserung 
der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse es nicht ändert, daß die 
biologischen und entwicklungspsychologischen Vor¬ 
aussetzungen bei der Berufswahl der 14jährigen und eines 
Teiles der 15jährigen überaus ung^ünstig sind. Statistisch wurde von mir 
belegt, daß die Berufswahl in diesem Alter noch wenig Bestand hat und 
dadurch erwiesen, daß die Jugendlichen dieses Alters allgemein noch nicht 
die für die Berufswahl erforderliche Reife erlangt haben. 

Als den richtigen Zeitpunkt für die Berufswahl der 
deutschen männlichen Jugendlichen müssen wir allgemein das 16. Lebensjahr 
betrachten, da es sich zeigt, daß die Entschiedenheit und Entschlossenheit, 
mit welcher die 16jährigen ihren Beruf wählen, später wieder zunehmender 
Unentschlossenheit und Unsicherheit in der Frage der Berufswahl Platz 
macht. Es wird insbesondere bei Jugendlichen, die ihre Individualität lang¬ 
samer entfalten oder in ihrer Entwicklung zurückgeblieben sind, notwendig 
sein, den Berufseintritt hinauszuschieben und durch entsprechende 
Berufsschulung noch vorzubereiten, um sie vor beruflichen Fehl¬ 
schlägen und den damit verknüpften Neurosen und charakterlichen wie 
auch moralischen Fehlentwicklungen zu schützen. 

Die Erfahrung, daß Jugendliche bestimmte Berufe vorziehen, die 
ihrem Körperbautypus entsprechen und in vielen Fällen ihren Beruf so¬ 
lange wechseln, bis sie eine ihren konstitutionellen Eigenheiten ent¬ 
sprechende Berufswahl treffen, weist auf die Notwendigkeit hin, den 
zwischen Körperbau und Beruf bestehenden Zusammenhängen bei der 
Berufsberatung erhöhte Beachtung zu schenken. Die Bedeutung der 
Konstitutionsforschung für die Berufsberatung wird 
durch die Schwierigkeiten, die die Feststellung des Habitus bei den 
14jährigen und einem Teil der 15jährigen bereitet, keineswegs geschmälert. 

Die unzulängliche Entwicklung der Körperbaumerkmale in der Pubeszenz 
ist nur ein neuerlicher Beweis dafür, daß die Berufswahl in diesem Alter 
verfrüht ist. Wenn auch unter dem Einfluß des Wachstums und des 
Berufes erhebliche strukturelle Veränderungen eintreten können, steht doch 
die Tatsache fest, daß es bei mangelnder Übereinstimmung zwischen 
Konstitution und Beruf im Laufe der beruflichen Entwicklung weit eher 
zu einem Berufswechsel als zu einem Dominanzwechsel der Körperbau¬ 
merkmale kommt. Vor allem finden wir bei typischer Ausbildung der 



42 


konstitutionellen Merkmale die Voraussetzungen für eine starke, die Rich¬ 
tung des Berufswechsels bestimmende Berufsneigung, nicht aber jene für 
einen Wechsel der dominierenden Körperbaumerkmale vor. 

Die Typenfeststellung nach Kretschmer kann bei der Berufs¬ 
beratung auf somatoskopischem Weg unter Verzicht auf zeit¬ 
raubende anthropometrische Methoden erfolgen. Sie erleichtert besonders 
bei den Anwärtern handwerklicher Berufe die Beurteilung der Berufs¬ 
eignung, doch bleibt die Bedeutung des konstitutionellen Faktors nicht auf 
diesen Berufskreis beschränkt. Die Feststellung der Konstitutionsform 
genügt selbstverständlich allein nicht zur Beurteilung der praktischen 
Lebenseignung, sie gibt aber Anhaltspunkte, um die Berufslenkung in 
einer Weise vornehmen zu können, durch welche beruflichen Fehlschlägen 
und den damit zusammenhängenden sozialen Entgleisungen vorgebeugt 
wird. 

Aus den Untersuchungen des beruflichen Verhaltens der straffällig 
gewordenen Jugendlichen ist deutlich hervorgegangen, wie weitgehend 
das Berufsschicksa 1 von den pädagogischen Voraus¬ 
setzungen bestimmt wird. Es zeigt sich, daß die berufliche 
Einordnung sowohl durch erziehliche Vernachlässigung, wie durch Ver¬ 
wöhnung außerordentlich erschwert wird. In den Erziehungsmängeln 
wurde die verbreitetste Ursache der Faulheit erkannt, die ein typisches 
Merkmal zahlreicher jugendlicher Rechtsbrecher bildet. Daraus kann 
geschlossen werden, wie notwendig es ist, durch staatlichen Einfluß auf die 
Jugenderziehung die Folgen einer fehlenden oder falschen Erziehung 
auszugleichen. Die Jungen und Mädchen, die heute in den verschiedenen 
Organisationen körperlich gestählt, abgehärtet und zur Pflichterfüllung 
und Verantwortungsfreude erzogen werden, sind auch den höchsten An¬ 
forderungen, die das Berufsleben an sie stellt, gewachsen. Wenn wir — 
der Zielsetzung des Nationalsozialismus entsprechend — eine gesunde und 
berufstüchtige Jugend heranziehen und sie zu wahrem Berufsethos hin¬ 
führen, wird dies auch wesentlich dazu beitragen, jene sozialen Ent¬ 
gleisungen, die nicht in der Natur des Menschen bedingt sind, zu ver¬ 
hüten und unsere Volksgemeinschaft vor künftigem Verbrechertum zu 
bewahren. 


Der Schmuggel unter den Gefangenen 
und seine Bekämpfung 

von Staatsanwalt Dr. Otto Gündner, Stuttgart. 

In einer Zeit, die die restlose Au.snutzung aller Arbeitskräfte für 
den unmittelbaren und mittelbaren Bedarf der Wehrmacht, für die 
Ernährung des deutschen Volkes und für die Deckung seiner sonstigen 
dringendsten Lebensbedürfnisse erfordert, hängt auch die Auswahl der 
Gefangenenarbeit in erster Linie davon ab, auf welcher Dringlichkeitsstufe 
die in Betracht kommende Arbeit innerhalb der Wehr- und Volkswirtschaft 
steht. Die Berücksichtigung mancher besonderen Erfordernisse des Straf¬ 
vollzugs, insbesondere der Ordnung und Sauberkeit und in gewissem 
Umfange auch der Sicherheit in den Anstalten muß dahinter zurücktreten. 
Beispielsweise läßt es sich nicht immer umgehen. Gefangene, die mcht 



43 


über jeden Flucht- und Schmuggelverdacht erhaben sind, mangels anderer 
Arbeitskräfte gelegentlich zu unaufschiebbaren Außenarbeiten heran¬ 
zuziehen, oder in den Anstalten auch Arbeiten auszuführen, bei denen die 
Überwachung erschwert und den Gefangenen Gelegenheit zum unerlaubten 
Erwerb oder zur unerlaubten Weitergabe von Gegenständen gegeben ist, oder 
zu denen den Gefangenen gefährliche Werkzeuge ausgehändigt werden 
müssen. So hat sich in der Auswahl der Arbeiten für Gefangene eine tief¬ 
gehende Verlagerung vollzogen: während früher die typische Gefangenen¬ 
arbeit, als deren Schulbeispiel das Tütenkleben gelten mag, weithin im 
Vprdergrund stand, müssen heute vor allem wirtschaftswichtige Arbeiten, 
wie Straßenbau, Meliorationen, Landwirtschaft, Altverwertung und Ver¬ 
schrottung, Metallarbeiten usw. durchgeführt werden. Zu der damit 
verbundenen Erschwerung der Aufsicht kommt die Tatsache, daß durch 
die Einberufungen zur Wehrmacht und durch den Personalbedarf neu¬ 
gewonnener Gebiete zahlreiche erfahrene Aufsichtsbeamte bis auf 
weiteres ausgefallen sind, während die verbliebenen Beamten und die 
eingestellten Hilfskräfte oft bis an die äußerste Grenze ihrer Leistungs¬ 
fähigkeit beansprucht werden müssen. Es liegt auf der Hand, daß mit 
diesem Zustand, der sich auch nach Kriegsende zunächst nicht wesentlich 
ändern dürfte, die Gefahr einer Lockerung der Disziplin und infolgedessen 
ganz besonders eines Umsichgreifens des Schmuggels unter den Gefangenen 
verbunden ist. Im folgenden soll deshalb kurz auf die Möglichkeiten des 
Erwerbs und Besitzes „unerlaubter“ Gegenstände und des unzulässigen 
Handels unter den Gefangenen eingegangen und auf die Mittel und Wege 
zur Bekämpfung dieser Ordnungswidrigkeiten hingewiesen werden. Dabei 
kann auf Vollständigkeit kein Anspruch erhoben werden, so reizvoll es 
wäre, eine umfassende Darstellung all der vielfältigen Schiebungen unter 
Gefangenen zu versuchen, die immer wieder abgewandelt und mit 
erfinderischem Geiste den wechselnden Verhältnissen angepaßt werden. 

Daß seit jeher in Gefängnissen geschmuggelt wird, steht außer 
Zweifel. Ebenso klar ist jedem Praktiker, daß trotz aller Gegenmaßnahmen 
und Strafdrohungen auch in Zukunft geschmuggelt werden wird. Der 
Gegenstand des Schmuggels kann, vom Vollzugsstandpunkt aus gesehen, 
recht gefährlicher Natur sein, namentlich wenn es sich um Waffen, Aus¬ 
bruchswerkzeuge oder andere Hilfsmittel zur Entweichung handelt. Meist 
aber sind es harmlosere Dinge, Nahrungs- und Genußmittel, Zeitungen 
und andere Annehmlichkeiten des Alltagslebens, die der Gefangene im 
allgemeinen schmerzlich entbehrt. Das Streben des Gefangenen, sich diese 
verbotenen Dinge zu verschaffen, entspringt nicht nur dem Wunsch, die 
Härten und Entbehrungen des Eingesperrtseins zu mildem oder Mit¬ 
teilungen mit der Außenwelt auszutauschen, sondern auch dem Bedürfnis, 
die Eintönigkeit der Haft durch Nervenreize, Spannungen und selbst¬ 
geschaffene kleine Abenteuer zu unterbrechen und die „Gegenseite“, als 
die ihm die Anstaltsleitung und ihre Beamten vielfach erscheinen, zu 
überlisten. Wo die Umwelt keine Abwechslung, keine Aufregungen, keine 
„Sensationen“ bietet, verschafft man sich selbst gewisse „Erlebnisse“ und 
sorgt so für eine Art Kinoersatz. 

Ein geordneter Strafvollzug muß diesen Versuchen selbstverständlich 
entgegentreten. Vor allem muß er mit allen Mitteln zu verhindern suchen, 
daß die Gefangenen in den Besitz von Ausbruchswerkzeugen und Flucht¬ 
hilfsmitteln gelangen. Das erfordert nicht nur die Sicherheit der Ver¬ 
wahrung, sondern ebenso sehr auch die persönliche Sicherheit der Beamten. 
Aber auch der Schmuggel anscheinend harmloserer Gegenstände muß 



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unterbunden werden. Andernfalls würden die gewandteren und hemmungs¬ 
loseren Gefangenen Vorteile gegenüber denen genießen, die gewillt sind, 
sich der Strafe als einer verdienten Sühne zu unterwerfen und sich in die 
Anstaltsordnung zu fügen. Bei Untersuchungsgefangenen würde der Zweck 
der Untersuchung, bei Strafgefangenen das Strafziel durch den Austausch 
unkontrollierter Mitteilungen beeinträchtigt, die Feuersicherheit der 
Anstalten würde durch Feuerzeug und Rauchmaterial in den Händen der 
Gefangenen schwer gefährdet werden. Daneben ist der Schmuggel auch 
„harmloser“ Dinge aus folgenden Gründen untragbar: Einmal ist 
anzunehmen, daß da, wo kleinere, ungefährliche Schiebungen in größerem 
Ausmaß möglich sind, auch gefährliche Dinge geschmuggelt werden, und 
zum anderen ist es Erfahrungstatsache, daß dort, wo die Gefangenen sich 
unerlaubte Dinge von außen verschaffen können, immer wieder von ihnen 
versucht wird, Beamte damit zu bestechen oder sie zu unerlaubter 
Verbindung mit den Angehörigen der Gefangenen zu verleiten. 

So verschieden und zahlreich die Arten und Möglichkeiten des 
Schmuggels sind, so erfindungsreich und einfühlungsfähig muß auch der 
Beamte sein, der ihnen auf die Spur kommen und sie verhindern will. 

Eine eingehende Kontrolle muß schon bei der Einlieferung des 
Häftlings einsetzen. Bei Strafgefangenen läßt sich das Mitbringen 
unerlaubter Dinge verhältnismäßig leicht verhindern. Es muß nur dafür 
gesorgt werden, daß dem Gefangenen sofort alle Zivilkleidungsstücke und 
die ganze übrige Habe abgenommen werden. Ist dies ausnahmsweise nicht 
durchführbar, etwa weil der zuständige Beamte zeitweilig verhindert ist 
oder die Zulieferung außerhalb der Dienststunden stattfindet, so darf der 
Gefangene keinesfalls mit seinen Zivilsachen in die für seine spätere 
Verwahrung bestimmte Zelle gebracht oder mit Mitgefangenen zusammen¬ 
gelegt werden, sondern ist in einer besonderen Zugangszelle zu verwahren, 
die von den eigentlichen Hafträumen getrennt liegt. Kommen mehrere 
Gefangene gleichzeitig an, die nicht sofort eingekleidet werden können, 
so müssen sie einzeln untergebracht werden. Damit wird nicht nur der 
Schmuggel, sondern auch die Gefahr einer Verabredung zur Entweichung 
oder Meuterei ausgeschaltet, die im Anfang der Strafzeit besonders nahe 
liegt. Im übrigen wäre es grundverkehrt und nicht zulässig. Gefangene, 
die im eigentlichen Strafvollzug streng voneinander getrennt werden, wie 
z. B. Erstbestrafte und Vorbestrafte, junge und erwachsene Gefangene, 
ausgerechnet in der ersten Nacht oder am ersten Tag ihrer Strafe 
zusammenzusperren. Es ist schon bedenklich genug, daß sich die 
notwendige Trennung auf den Transporten nicht immer genügend 
durchführen läßt. 

Der oberste Grundsatz für die Behandlung der Zugänge muß deshalb 
lauten: Sofortige Trennung voneinander und schnellste Eingliederung in 
den Vollzug. Das bedeutet: alsbaldige Aufnahmebehandlung, Abnahme 
aller Zivilsachen (auch das Behalten etwa mitgebrachter Zahnpasta, Seife 
usw. wird zweckmäßig verboten), Baden, Einkleidung, Vorführung beim 
Arzt, Einteilung zur Arbeit. An welcher Stelle sich der Anstaltsvorstand 
einschaltet, mag ihm überlassen bleiben; aufschlußreich ist es jedenfalls, 
die Ankömmlinge noch in ihrer bürgerlichen Erscheinung zu besichtigen, 
ehe sie den gleichmachenden Prozeß der Aufnahme und Einkleidung hinter 
sich haben. 

Treffen die Sammeltransporte regelmäßig außerhalb der Dienst¬ 
stunden ein, so empfiehlt es sich, ein besonderes Aufnahmekommando 
einzuteilen. Es besteht aus einem Beamten der Annahme (Personal- 



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kanzlei, jetzt Vollzugageschäftsstelle), der die Personalakten mit Hilfe der 
schon vorliegenden Vollstreckungspapiere bereits vorbereitet hat, dem Haus¬ 
vater (Kammerverwalter), einem Hauptwachtmeister und den erforder¬ 
lichen Aufsichts- und Hilfskräften. Dieses Kommando besorgt die Auf¬ 
nahme der Zugänge, das Abnehmen der Zivilkleider und der sonstigen 
Habe, das Baden, die Einkleidung und gegebenenfalls die Ausgabe der 
ersten Verpflegung. Zweckmäßig ist es auch, einen Friseur bereitzuhalten, 
der den Gefangenen nötigenfalls sofort die Haare schneidet. Dann erst 
kommen die Zugänge in die Zugangszellen, oder wenn es an solchen fehlt, 
in eigentliche Haftzellen. Durch diese sofortige Behandlung wird nicht nur 
der Schmuggel, sondern auch die Verschmutzung der Zellen und das Ein¬ 
schleppen von Ungeziefer verhindert. 

Das gesamte Aufnahmeverfahren muß so rasch und reibungslos wie 
möglich, sozusagen „am laufenden Band“ vor sich gehen. Der Gefangene 
darf keine Station zweimal passieren, keinen Raum zweimal betreten. 
Diesem Erfordernis sollte auch die bauliche Gestaltung der Anstalt 
Rechnung tragen, z. B. sollte das Aufnahmebad so angeordnet sein, daß 
der Gefangene es von dem Raum her, in dem er seine Zivilkleider 
abgeliefert hat, völlig nackt betritt und es nur nach der anderen Seite 
hin, wo die Gefangenenkleidung ausgegeben wird, verlassen kann. 
Unnützes Herumstehen vor der Annahmekanzlei, der Hausvaterei, im 
Vorzimmer des Arztes, in den Gängen und vor den Zimmern der Geistlichen 
und Lehrer muß vermieden werden. Soweit es nicht anders geht, muß 
wenigstens für geordnete Aufstellung der Gefangenen in angemessener 
Entfernung voneinander und unter ausreichender Aufsicht gesorgt werden. 
Ist so das ganze Aufnahmeverfahren straff durchorganisiert, so wird es 
den Gefangenen in aller Regel nicht möglich sein, unerlaubten Besitz in 
die Haft mitzubringen. 

Bei Unter.suchungsgefangenen läßt sich das Einbringen von 
Schmuggelgut nicht so leicht verhindern, da sie in der Regel ihre eigenen 
Kleider behalten. Umso genauer muß die Überwachung sein. Beim 
geringsten Verdacht empfiehlt es sich, die völlige Entkleidung des 
Häftlings anzuordnen. Die Kleidung, insbesondere das Futter, die Schuh¬ 
absätze, die Kragenaufschläge, Stöcke und Krücken, Brillenbehälter usw. 
bedürfen sorgfältiger Kontrolle. Noch zweckmäßiger ist es, auch 
Untersuchungsgefangene in Gefängniskleidung zu stecken. Dies ist umso 
eher angebracht, als auch die Untersuchungsgefangenen zur Arbeit 
verpflichtet sind, wobei die Zivilkleidung leicht beschädigt und abgenutzt 
wird. 

Die Zivilkleidung darf dann allerdings nicht, wie es in kleinen 
Gefängnissen oft anzutreffen ist, in der Zelle belassen werden, sondern 
muß in einem besonderen, gut verschlossenen und gesicherten Raum 
untergebracht werden. Soll der Häftling in bürgerlicher Kleidung 
vorgeführt werden, so muß der Aufsichtsbeamte ihm die Kleidung 
aushändigen und alsbald nach der Vorführung wieder abnehmen, nicht ohne 
sie beide Male gründlich zu durchsuchen. Das Abnehmen der Zivilkleidung 
bedeutet eine Mehrbelastung für die Beamten; aber die Arbeit lohnt sich. 
Sie verhindert nicht nur das Einschmuggeln verbotener Dinge, sondern 
auch das beliebte Verschmuggeln von Teilen der Kleidung selbst unter den 
Gefangenen. Außerdem wird die Zelle übersichtlicher, sauberer und 
ordentlicher, und — was besonders wichtig ist — Fluchtversuche werden 
durch das Fehlen der Zivilkleidung wesentlich erschwert, wenn nicht gar 
von vornherein ausgeschaltet. 



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Entsprechende Regeln wie für die Behandlung der Zugänge gelten 
auch für die Entlassung der Gefangenen. Um das Hinausschmuggeln 
von Gegenständen aller Art, insbesondere Briefen, zu verhindern, ist auch 
hier die strenge Trennung des Strafvollzugsbereichs vom zivilen Bereich 
notwendig, d. h. der zu Entlassende darf bei der Einkleidung in seine 
bürgerliche Kleidung nichts heimlich aus der Anstalt mitnehmen können und 
darf nach der Umkleidung nicht mehr mit seiner bisherigen Umgebung, sei¬ 
nen Mitgefangenen, seiner früheren Zelle usw. in Berührung kommen. Des¬ 
halb muß er, wenn er nicht alsbald nach der Umkleidung entlassen wird, in 
einer besonderen Abgangszelle verwahrt werden. 

Wenn der Gefangene in den Strafvollzug eingegliedert ist, ohne daß 
es ihm gelungen ist, verbotene Dinge mitzubringen, so ist damit die Gefahr 
des Schmuggels von außen herein noch keineswegs behoben. Gerade heute, 
wo die Vollzugsanstalten stärker denn je in den Wirtschaftsprozeß 
eingeschaltet sind, führen zahlreiche Kanäle aus der Anstalt in die 
Außenwelt und umgekehrt. 

Zunächst einmal sind es die an sich erlaubten Beziehungen, die zu 
Trägem unerlaubten Austausches werden können. Der Briefwechsel mit 
der Familie und der „geschäftliche“ Schriftverkehr bedürfen strenger 
Kontrolle. Dabei ist es von besonderer Wichtigkeit, daß alle ein- und 
ausgehenden Briefe eines Gefangenen von einem und demselben Beamten 
gelesen werden. Ganz unzweckmäßig ist es, wie es hier und da vorkommt, 
die eingehenden Briefe von einem anderen Beamten als die ausgehenden 
und die Privatbriefe von einem anderen als die Behörden- und Geschäfts¬ 
briefe zensieren zu lassen. Nur der Beamte, der den ganzen Schriftverkehr 
eines Gefangenen mit Frage und Antwort, mit Äußerung und Gegen¬ 
äußerung überblickt, kann sich daraus ein Bild des Gefangenen und seiner 
Lebensverhältnisse machen und ein sicheres Urteil darüber bekommen, 
welches Schreiben unnötig oder unzulässig ist, und welches dem Häftling 
ausgehändigt werden soll. Nur er hat ein Gefühl dafür, wo z. B. Verdacht 
besteht, daß die angebliche Schwester eine Dime, der angebliche Vetter 
ein Tatgenosse oder entlassener Mitgefangener ist. Übrigens wird auch 
nur der Beamte, durch dessen Hand der ganze Schriftwechsel des 
Gefangenen geht, daraus einen erschöpfenden Beitrag zur Beurteilung der 
Persönlichkeit des Gefangenen bei der Frage der Einstufung, der 
Begnadigung, der Verhängung von Vorbeugungshaft, der Entlassung aus 
der Sichemngsverwahrung usw. geben können. 

Zur technischen Seite der Briefüberwachung sei bemerkt, daß die 
Briefmarken vom Umschlag abzulösen, eine etwa vorhandene Füttemng 
des Umschlags zu entfernen und unbeschriebene Blätter abzutrennen sind, 
damit nicht etwa unter der Briefmarke oder dem Futter angebrachte oder 
mit unsichtbarer Tinte geschriebene Mitteilungen durchgehen. 

Sorgfältiger Überwachung bedürfen auch die Besuche. Umarmungen 
und Liebkosungen bieten eine beliebte Gelegenheit zum Schmuggeln und 
sind daher nur zu dulden, wenn die Gefahr von Durchstechereien mit 
Sicherheit auszuschließen ist (vgl. auch Nr. 126 Abs. 3 Strafvollzugs¬ 
ordnung). Auch Kinder werden gern als Vermittler benutzt und sollten 
deshalb gmndsätzlich nicht zugelassen werden (vgl. Nr. 122 Abs. 4 Straf¬ 
vollzugsordnung), ganz abgesehen davon, daß man ihnen den Eindruck 
eines Besuches im Gefängnis oder Zuchthaus ersparen sollte. Die Zahl 
der Besucher ist zu beschränken (Nr. 122 Abs. 5 Strafvollzugsordnung). 
Die gleichzeitige Zulassung von mehr als drei Besuchern würde eine 
ausreichende Beaufsichtigung unmöglich machen. Um den Besuchern 



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Enttäuschungen und unnötigen Fahrtaufwand zu ersparen, ist es zweck¬ 
mäßig, diese Einschränkungen in den Briefköpfen der Gefangenenbriefe 
und durch Anschlag im Besuchszimmer bekanntzugeben. Im Besuchszimmer 
ist eine Abschrankung oder ein breiter Tisch anzubringen, dessen 
Unterseite mit bis zum Fußboden reichenden Brettern abgeschlossen ist. 
Der Raum soll dadurch in zwei Hälften geteilt werden, von denen möglichst 
jede einen besonderen Eingang hat. Die Eingänge sollen so angelegt sein, 
daß die Wege der vorzuführenden Gefangenen sich mit denen der 
Besucher auch auf den Gängen nicht kreuzen. Hat das Besuchszimmer 
nur eine Türe, so wird die Abschrankung mit einem Durchlaß versehen, 
neben dem der Platz des tJberwachungsbeamten angeordnet ist. Stets ist 
zuerst der Gefangene hineinzuführen. Erst wenn dieser seinen Platz 
eingenommen hat, wird der Besucher zugelassen. Entsprechend wird am 
Ende des Besuches verfahren, indem zuerst der Besucher den Raum 
verläßt. 

Besondere Vorsicht ist geboten, wenn der Besucher dem Gefangenen 
etwas mitbringen will. In doppelten Böden und Deckeln, in Buchrücken, 
in hohlen Absätzen, zwischen den Sohlen von Hausschuhen, in Zahnpasta¬ 
tuben, Hautkremdosen, Zahnbürsten, Rasierapparaten, Rasierpinseln, 
Blumensträußen, vor allem aber auch in Broten und Kuchen können 
Ausbruchswerkzeuge, Schlüssel, Geld, Tabak, Briefe und andere Dinge 
verborgen sein; in Büchern und Zeitungen können durch Unterstreichen 
oder anderweitiges Kenntlichmachen einzelner Buchstaben die umfang¬ 
reichsten Mitteilungen übermittelt werden. Die sicherste Vorbeugungs¬ 
maßnahme gegen derartige Schmuggelversuche besteht darin, die 
Aushändigung mitgebrachter Sachen an Gefangene ganz allgemein zu 
verbieten. Soweit es sich um Lebens- und Genußmittel, Blumen usw. 
handelt, ist dies heute bei Strafgefangenen im Gegensatz zu der Zeit vor 
dem Umbruch wohl ausnahmslos der Fall, schon weil unsere Auffassung 
der Strafe derartige Einzelerleichterungen ablehnt. Aber auch bei 
Untersuchungsgefangenen und Sicherungsverwahrten ist hier äußerste 
Beschränkung am Platze. Soweit bei den ersteren und bei Haftgefangenen 
Selbstbeköstigung zugelassen wird, ist diese nicht etwa von den 
Angehörigen der Gefangenen zu liefern, sondern aus einem vom Anstalts¬ 
leiter ausgewählten Speisehaus zu beziehen (Nr. 162 Abs. 3 Strafvollzugs¬ 
ordnung). Der Bedarf an Körperpflegemitteln, der übrigens auf das 
notwendigste beschränkt werden kann (Waschlappen, Zahnbürste, Seife, 
Zahnpulver, gegebenenfalls Rasierzeug und eine einfache Hautkrem), ist 
stets nur durch Vermittlung der Anstalt zu decken, soweit diese 
Gegenstände nicht ohnehin auf Anstaltskosten gestellt werden (vgl. Nr. 104 
Abs. 2 Strafvollzugsordnung). Bücher, Zeitschriften, Zeitungen, auch 
Fachschriften und Lehrmittel sollten nur vom Verlag oder Buchhandel 
bezogen werden. 

Was über das Mitbringen von Gegenständen durch Besucher gesagt 
wurde, gilt natürlich in gleichem Maße für die Zusendung von Paketen. 
Diese dürfen nur nach vorher eingeholter Genehmigung des Vorstandes 
zugesandt werden, die nur in ganz besonders gelagerten Ausnahmefällen 
erteilt werden sollte. Selbstverständlich sind die Pakete vor der Aus¬ 
händigung eingehend zu untersuchen. Auf das Verbot des Mitbringens 
und der Zusendung irgendwelcher Sachen wird zweckmäßig ebenfalls in 
den Briefköpfen der Gefangenenbriefe und durch Anschlag im Besuchs¬ 
zimmer hingewiesen. Verbotswidrig zugesandte Dinge werden nicht 
angenommen oder auf Kosten des Absenders zurückgesandt. Handelt es 



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sich um leichtverderbliche Lebensmittel, so werden sie der NSV. überwiesen 
oder geeignetenfalls in der Anstaltsküche verwertet. Zweckmäßig, aber 
nicht unbedingt nötig ist es, den betroffenen Gefangenen der beabsichtigten 
Verwendung zustimmen zu lassen. 

Von außen kommende Sendungen sind aber nicht nur dann schmuggel¬ 
verdächtig, wenn sie von Angehörigen und Freunden der Gefangenen 
stammen, sondern auch, wenn es sich um Lieferungen von Gewerbe¬ 
treibenden handelt, die mit der Anstalt in Geschäftsverbindung stehen. 
Diese Firmen haben zwar im allgemeinen alles Interes.se daran, die 
Beziehungen zur Anstalt nicht durch Schiebungen mit Gefangenen 
gefährden zu lassen, und werden deshalb ihr Personal in aller Regel 
entsprechend überwachen. Trotzdem kommen solche Schiebungen 
erfahrungsgemäß hin und wieder vor. Oft „finden“ die Gefangenen beim 
Auspacken der Pakete und Kisten mit Rohstoffen für die Arbeitsverwaltung 
oder in leer zurückkommendem Packmaterial Zigaretten, Tabak und 
Feuerzeug oder gar Ausbruchswerkzeuge. Auch in Lieferungen von 
Lagerungs- und Bekleidungsgegenständen oder von Lebensmitteln für die 
Anstalt können solche Dinge verborgen sein. Urheber dieser Schiebungen 
kann ein guter Freund oder ein entla.ssener Gefangener sein, der in dem 
betreffenden Unternehmen beschäftigt ist. Gelegentlich aber gelingt es 
den Gefangenen auch, von der Anstalt aus solche Beziehungen anzubahnen, 
indem sie hinausgehenden Sendungen entsprechende Zettel beifügen und 
gleichzeitig als Gegenleistung mehr Ware einpacken, als bestellt ist und 
berechnet wird. Die Belohnung trifft dann mit der nächsten leer zurück¬ 
kommenden Kiste ein. Deshalb ist es notwendig, das Einpacken und 
Au.spacken aller Sendungen sorgfältig zu überwachen, wenn es nicht 
ausschließlich von Beamten durchgeführt werden kann. Daneben können 
die Lieferanten und Abnehmer der Anstalt gelegentlich in passender Form 
unterrichtet und gewarnt werden. Ein Hinweis auf die einschlägigen 
Strafbestimmungen (§§ 120, 257 ff. StGB.) kann in geeigneten Fällen 
nützlich sein. 

Axich die Beauftragten der Unternehmer, die in Anstalten arbeiten 
lassen, sind nicht immer ganz vertrauenswürdig und müssen überwacht 
werden. Überhaupt ist bei Zivilpersonen, die die Anstalt aus irgend einem 
Grunde betreten, ganz besondere Vorsicht am Platze, einerlei ob es sich 
um Fahrer und Begleiter von Kraftwagen handelt, die Lieferungen bringen 
oder abholen, oder um Handwerker, die Ausbesserungen in der Anstalt 
vorzunelimen haben, oder um Leute, die Küchenabfälle oder Fäkalien 
abholen. Bei derartigen Personen braucht durchaus kein böser Wille 
vorzuliegen. Aber es ist erstaunlich, welcher Verständnislosigkeit für die 
Belange des Strafvollzugs man regelmäßig bei Zivilpersonen 'begegnet, 
und wie rasch und widerstandslos sie dem Mitleid für die „armen“ 
Gefangenen erliegen und ihrem Geschwätz Glauben schenken. Mit 
Leichtigkeit gelingt es einem halbwegs gewandten Gefangenen, einem 
Zivilisten seine „Unschuld“ zu beweisen und ihm beispielsweise Zigaretten, 
Tabak usw. abzubetteln oder ihm zur Umgehung der Zensur einen Brief 
mitzugeben. Deshalb muß es eiserner Grundsatz sein, daß kein Fremder 
das Anstaltsgelände ohne ständige Begleitung eines Beamten betreten darf. 

Gerne versuchen auch entlassene Gefangene, ihren bisherigen 
„Kameraden“ etwas zukommen zu lassen, indem sie es an verabredeter 
Stelle über die Mauer werfen oder es sonst an einem geeigneten Platz 
niederlegen. Diesem gewöhnlich als „Bärenlegen“ bezeichneten Schmuggel 
läßt sich durch genügende Aufmerksamkeit der Beamten und entsprechende 



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Gestaltung der Umfassungsmauern, der Fenster und Vergitterungen 
begegnen. Ferner versuchen Entlassene oft, unter vereinbarten Decknamen 
und unwahren Verwandtschaftsbezeichnungen Briefe und Postkarten an 
ihre Freunde in der Anstalt zu schreiben. Gegen derartige unzulässige 
Versuche (vgl. Nr. 137 Abs. 2 Strafvollzugsordnung) kann nur die 
Wachsamkeit und Findigkeit der Zensurbeamten schützen. 

Die hauptsächlichsten Vermittler unerlaubten Einbringens in die 
Anstalt sind aber die Gefangenen selbst, und zwar diejenigen, die 
außerhalb der Anstalt zur Arbeit eingesetzt werden. Ausrückerabteilungen, 
Beifahrer bei Lastwagen, Handwerkergefangene, die zu Reparaturen in 
Dienstwohnungen usw. verwendet werden, sind von vornherein besonders 
schmuggelverdächtig. Sie pflegen alles mögliche in die Anstalt hinein¬ 
zubringen; aufgelesene Zigarrenstummel, Rauch-, Kau- und Schnupftabak, 
Zigarettenpapier, fertige Zigarren und Zigaretten (in der Gaunersprache 
als „aktive“ bezeichnet), Feuerzeug, Lebensmittel, Zeitungen und Geld 
sind noch die harmlosesten Mitbringsel. Selbstverständlich wird nicht nur 
für den persönlichen Bedarf, sondern auch für die Mitgefangenen 
geschmuggelt, die dafür ihrerseits gewisse Gegenleistungen (Brot, Zulagen) 
in Tausch geben. Hier ist schärfste Überwachung geboten. Außenarbeiter 
sollten nur besonders tüchtigen Aufsichtskräften unterstellt werden, die 
bereits im Innendienst Erfahrungen gesammelt haben. Die Beamten 
haben stets darauf zu achten, daß die Gefangenen von freien Arbeitern 
getrennt bleiben (vgl. Nr. 79 Abs. 3 Strafvollzugsordnung) und in 
keinerlei Berührung mit der freien Bevölkerung kommen. Unterkünfte, 
Werkzeugschuppen, Speiseräume usw., die, wenn auch zu anderen Zeiten, 
auch von freien Arbeitern benutzt werden, sind zu vermeiden. Die Außen¬ 
arbeitsstellen sind vom Vorstand, dem Polizei-, Arbeits- oder Landwirt¬ 
schaftsinspektor möglichst oft zu revidieren. Besonders wichtig aber ist, 
daß die Außenarbeiter und ihre Kleidung täglich nach dem Einrücken 
gründlich durchsucht werden, und zwar vor dem Betreten der Zellen 
oder Schlafräume. Dabei ist bei einem täglich wechselnden Teil der 
Gefangenen die vollständige Entkleidung (vgl. Nr. 172 Abs. 3 Strafvollzugs¬ 
ordnung) anzuordnen. Die Durchsuchung geschieht zweckmäßig durch 
energische, besonders dazu kommandierte Beamte, die die Abteilung im 
regelmäßigen Dienst nicht führen. Der Abteilungsbeamte selbst neigt 
erfahrungsgemäß dazu, „seinen“ Gefangenen zu viel Vertrauen zu schenken, 
und möchte es im allgemeinen vermeiden, vor ihnen als „Schikaneur“ 
aufzutreten. Daß Außenarbeiter nicht in gemeinsame Zellen oder Schlaf¬ 
säle mit innerhalb der Anstalt beschäftigten Gefangenen gelegt werden 
dürfen, bedarf keiner besonderen Begründung. Darüber hinaus empfiehlt 
es sich sogar, die Außenabteilungen völlig von den anderen Gefangenen 
getrennt unterzubringen, wo es die baulichen Verhältnisse irgend zulassen. 

Es ist selbstverständlich, daß der Schmuggel sich nicht auf das 
Hereinbringen unerlaubter Dinge von draußen und das Hinausbringen 
unzensierter Nachrichten nach außen beschränkt. Ein ebenso großes 
Gebiet bildet der Schmuggel innerhalb der Anstalt. Hier handelt es 
sich darum, daß Gefangene unrechtmäßig erworbene oder auch rechtmäßig 
ihnen überlassene Gegenstände und Lebensmittel verschieben, oder daß 
Gefangene, die auf Grund ihrer Einstufung oder besonderer Anordnung 
im Einzelfall über Vergünstigungen verfügen, diese gegen andere Vorteile 
austauschen, oder daß schließlich Gefangene, die sich kraft ihrer 
Beschäftigung in der Anstalt gewisse Erleichterungen verschaffen können, 
damit Handel treiben. 


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Zu der ersten Gruppe von Schiebungen gehört das Verschmuggeln 
von Zahnbürsten, Seife, Brillen, von Hausschuhen, Kleidungsstücken, 
Büchern usw. Diesen Ordnungswidrigkeiten ist durch regelmäßige, 
überraschend stattfindende Zellenausstattungs- und Kleiderappelle (vgl. 
Nr. 98 Abs. 5 Strafvollzugsordnung) entgegenzutreten, bei denen die 
Vollzähligkeit der ausgegebenen Sachen nachgeprüft wird. Die Appelle 
wirken sich nebenbei auf die Zellenordnung und Sauberkeit recht günstig 
aus und sind von erheblichem erzieherischen Wert. Außerdem ist darauf 
zu achten, daß die Gefangenen stets nur e i n Stück Seife, eine Zahnbürste 
usw. besitzen. Deshalb darf ein neuer Gebrauchsgegenstand nur gegen 
Rückgabe des abgenutzten ausgegeben werden; bei Seife, Zahnpulver usw. 
muß durch eine Ausgabekontrolliste dafür gesorgt werden, daß ein 
Gefangener innerhalb eines angemessenen Zeitraumes nicht mehr als einmal 
beliefert wird. 

Ferner gehört hierher das Verschmuggeln von Teilen der regel¬ 
mäßigen Verpflegung, insbesondere von Brot, Fleisch, Wurst, Käse, Obst, 
Fett. Soweit es sich um Brotschiebungen handelt, besteht das beste 
Gegenmittel darin, daß Brot höchstens in einer Tagesportion ausgegeben 
wird; noch vorteilhafter ist es, das Brot zweimal täglich auszugeben, weil 
damit auch vermieden wird, daß die Gefangenen die ganze Portion auf 
einmal essen und dadurch gesundheitlichen Schaden erleiden. Bei den 
übrigen Speisen empfiehlt es sich, das Aufbewahren grundsätzlich zu 
verbieten. Was nicht alsbald aufgegessen wird, ist zurückzugeben. Die 
Einhaltung dieser Vorschrift ist durch Kontrollen zu überwachen. 
Verbotswidrig aufgehobene Speisen werden abgenommen, was besser als 
Strafen dazu führt, daß Verstöße gegen das Verbot aufhören. 

Die zweite Gruppe von Durchstechereien innerhalb der Anstalt 
besteht in der unerlaubten Weitergabe von „Vergünstigungen“. Gefangene, 
die Einkaufserlaubnis haben, geben oft einen Teil der eingekauften Dinge 
an andere weiter, um sich dafür anderweitige Vorteile zu verschaffen. 
Auch Kranke, die auf ärztliche Anordnung Kostzulagen oder Diätkost 
erhalten (Magen-, Nieren-, Zuckerkranke usw.) verschmuggeln gelegentlich 
ihre Sonderkost. Diesen Mißbräuchen ist entgegenzutreten durch sorg¬ 
fältige Auswahl der Gefangenen, die Vergünstigungen erhalten, durch 
Beschränkung des Einkaufs von Zusatznahrung und Genußmitteln nach Art 
und Menge (z. Zt. schon durch die Kriegswirtschaft bedingt) und durch 
rücksichtslosen Entzug bei Aufdeckung von Schiebungen. Soweit der 
dauernde oder vorübergehende Entzug der Sonderkost bei Kranken nach 
ärztlichem Urteil nicht angängig ist, sind die Betreffenden in Einzelzellen 
zu verlegen. 

Die dritte Gruppe der Schiebungen ist wohl die umfangreichste. Sie 
betrifft in erster Linie die Gefangenen der Küche und Bäckerei, die 
Lazarettgehilfen, teilweise auch die Haushandwerker und nicht zuletzt die 
Reiniger und Hausarbeiter. Daß die Gefangenen, die in der Küche, 
Bäckerei, Gärtnerei, Teigwarenherstellung usw. arbeiten, nebenbei ihren 
eigenen Appetit bevorzugt befriedigen, ist bekannt und wird sich auch 
durch die schärfste Aufsicht nicht verhindern lassen. Verhindert werden 
kann und muß aber, daß sie sich Lebensmittel in größerer Menge aneignen 
oder gar an andere Gefangene verschieben. Dazu gehört vor allem, daß 
der zuständige Beamte die Lebensmittel und Rohstoffe unter sicherem, 
dauerndem Verschluß hält und nur persönlich ausgibt. Ferner muß er 
ihre Verwendung selbst überwachen: Milch, Speisefett, Zucker, Süßstoff, 
überhaupt alle begehrten Artikel, müssen unter seinen Augen den Speisen 



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oder Getränken zugesetzt werden. Es gibt auch Gefangene, die es fertig 
bringen, einen Fettklumpen, der im Kessel schon halb geschmolzen ist, 
wieder herauszuholen und beiseitezubringen, wenn der Wachtmeister 
abgelenkt ist. Außerdem muß der Küchenbeamte die richtige Bemessung 
und Ausgabe der Essenportionen an die einzelnen Abteilungen ständig 
beaufsichtigen. Überhaupt bildet die Abholung des Essens an der Küche 
und die Rücklieferung der leeren Gefäße eine ausgezeichnete Schmuggel¬ 
gelegenheit; hier ist daher eine genaue zeitliche Einteilung und eine straffe 
Organisation, durch die jedes Warten und Gedränge und jede Unübersicht¬ 
lichkeit vermieden wird, unentbehrlich. 

Die Auswahl der Küchenarbeiter usw. bedarf besonderer Sorgfalt. 
Gefangene, die wegen Diebstahls, Unterschlagung oder Betrugs bestraft 
oder vorbestraft sind, sollten von der Verwendung in der Küche und 
verwandten Betrieben völlig ausgeschlossen sein. Küchenarbeiter, die bei 
einer Unehrlichkeit ertappt werden, sind sofort abzulösen, disziplinär zu 
bestrafen und, wenn es sich um einen schweren Verstoß handelt, der 
Staatsanwaltschaft anzuzeigen. 

Die gleichen Richtlinien gelten für die Auswahl und Behandlung der 
Reiniger und sonstigen Hausarbeiter. Oft bringen es gerade mehrfach 
vorbestrafte Betrüger und Diebe fertig, auf Grund ihrer Anstaltserfahrung 
und ihres äußerlich zuvorkommenden, gewandten Verhaltens zu solchen 
Vertrauensposten herangezogen zu werden, obwohl für einen erfahrenen 
Strafvollzugsbeamten mit Sicherheit vorauszusehen ist, daß sie ihren 
Posten zu Schwindeleien und Schiebungen mißbrauchen werden. Reiniger 
und Hausarbeiter müssen mit großer Vorsicht ausgewählt werden. Ebenso 
wichtig ist es aber auch, sie nach angemessener, nicht zu langer Zeit 
abzulösen, damit sie auf ihren Posten nicht zu heimisch werden und alle 
möglichen Beziehungen anknüpfen. Die früher anzutreffende Unsitte, 
einzelne Gefangene jahrelang als Hausarbeiter auf einem und demselben 
Posten zu verwenden und sie so zu einer Art Faktotum werden zu lassen, 
führte leicht dazu, daß sich diese Gefangenen zu unentbehrlichen Gehilfen 
der Beamten aufschwangen. Sie erlangten so alle möglichen Kenntnisse 
vom Anstaltsbetrieb und sogar vom Privatleben der Beamten und brachten 
diese dadurch in eine gewisse Abhängigkeit. Derartige Zustände sind mit 
einem geordneten Strafvollzug unvereinbar. 

Im Zusammenhang mit der Hausarbeiterfrage bedarf auch die Pflicht 
der Beamten zur sorgfältigen Verwahrung von Akten, Einrichtungsgegen¬ 
ständen und eigenen Sachen der Erwähnung. Die Hausarbeiter werden 
gewöhnlich auch zur Reinigung von Kanzleien und Beamtenzimmem 
herangezogen. Wenn die Reinigung auch nur imter Aufsicht stattfinden 
soll, so kommt es doch immer wieder vor, daß der Aufsichtsbeamte für 
kurze Augenblicke abgerufen wird oder mehrere Räume gleichzeitig 
beaufsichtigt. Der Gefangene benutzt derartige Gelegenheiten erfahrungs¬ 
gemäß dazu, die Zimmer und Sachen gründlichst zu durchschnüffeln. 
Deshalb müssen alle Akten, Aufzeichnungen imd Entwürfe, Bücher und 
Listen, aber auch das Privateigentum des Beamten, insbesondere Feuerzeug 
und Rauchwaren, bei Dienstschluß oder bei Abwesenheit des Zimmer¬ 
inhabers sorgfältig eingeschlossen werden. Diese Selbstverständlichkeiten 
werden oft zu wenig beachtet, bis sich eines Tages zum Erstaunen der 
Beteiligten herausstellt, wie eingehend manche Anstaltsinsassen über 
Vorgänge in und außerhalb der Anstalt, über Personalangelegenheiten, 
Organisationspläne usw. unterrichtet sind. Überhaupt pflegt unter den 
Gefangenen, soweit sie nicht durch strenge Einzelhaft völlig abgeschlossen 
sind, ein lebhafter Nachrichtenaustausch stattzufinden. Vermittler sind in 


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erster Linie die Hausarbeiter. Vermittlungsstellen und Austauschgelegen¬ 
heiten, damit aber auch zugleich Schmuggelgelegenheiten, sind die Essen¬ 
ausgabe, der Unterricht, der Gottesdienst, das Baden, das Wartezimmer 
des Arztes und Zahnarztes, das Aus- und Einrücken bei der Hofstunde, 
ja sogar die Vorführungen zum Vorstand und den Verwaltungsdienststellen. 
Es empfiehlt sich deshalb, alle unnötigen Vorführungen und alle vermeid¬ 
baren Aufenthalte von Gefangenen außerhalb ihrer eigentlichen Hafträume 
zu unterbinden. An dieser Stelle muß aber auch darauf hingewiesen 
werden, daß an einem großen Teil des Anstaltsgeredes und der Nach¬ 
richtenübermittlung innerhalb der Strafanstalten die Aufsichtsbeamten 
selbst die Schuld tragen, die es manchmal nicht unterlassen können, ihre 
Privatsorgen und die Tagesereignisse, ja sogar dienstliche Angelegen¬ 
heiten vor den Ohren der Gefangenen zu erörtern oder diesen gar in 
unbegreiflicher Vertrauensseligkeit zu erzählen. 

Die vorstehende Erörterung der verschiedenen Arten von Durch¬ 
stechereien und unerlaubtem Nachrichtenaustausch zwischen den Anstalten 
und der Außenwelt und innerhalb der einzelnen Anstalten zeigt — und 
auch die Praxis beweist es —, daß derartige Ordnungswidrigkeiten nicht 
unvermeidbar sind, sondern bei richtiger Gestaltung des Vollzugs verhindert 
werden können. Erforderlich ist eine straffe Durchorganisierung des 
gesamten Anstaltsbetriebes. Die wichtigste Vorbedingung aber ist die 
unbedingte Zuverlässigkeit, unermüdliche Wachsamkeit und nie erlahmende 
Dienstfreudigkeit aller Beamten, angefangen vom Anstaltsleiter, der sich 
stets persönlich um alle Vorgänge in der Anstalt kümmern muß, bis zum 
letzten Hilfsaufseher. Alle Durchstechereien müssen restlos aufgeklärt 
werden; Mängel im Dienstbetrieb, die sich dabei herausstellen, müssen 
sofort abgestellt werden. Die schuldigen Gefangenen sind mit 
entsprechenden Hausstrafen zu belegen. Das Strafmaß darf, wenn auch 
die einzelnen Fälle von Schmuggel und Schiebungen menschlich verständlich 
erscheinen mögen, nicht zu nieder sein, weil aus harmlosen Durch¬ 
stechereien leicht gefährlichere Umtriebe werden können, und weil dem 
Anreiz zum Schmuggel wirksame Hemmungen entgegengestellt w'erden 
müssen. Auch psychologisch ist es wichtig, den Aufsichtsbeamten in 
ihren Bemühungen um die Unterbindung und Aufdeckung von Durch¬ 
stechereien auf diese Weise eine fühlbare Unterstützung und einen 
entsprechenden Rückhalt zu geben. Sonst haben sie leicht das Gefühl, 
es geschehe ja doch nichts Rechtes gegen die Schuldigen, und w'erden 
geneigt, sich die Mühe der Nachforschung und der Anzeige zu ersparen. 

Sow'eit die Hausstrafgewalt des Anstaltsleiters nicht ausreicht, alle 
Beteiligten zu treffen, so z. B. wenn an einem Schmuggel entlassene 
Gefangene oder Zivilpersonen beteiligt sind, müssen andere Maßnahmen 
erwogen werden. Handelt es sich um einen bedingt begnadigten Gefangenen, 
der seinen früheren Mitgefangenen etwas zuschmuggelt, so ist der Wider¬ 
ruf des Gnadenerweises bei der Gnadenbehörde anzuregen. Denn der 
Entlassene hat durch sein Verhalten gezeigt, daß er den Sinn der Straf¬ 
vollstreckung und die Notwendigkeit der Einfügung in die Staats- und 
damit auch die Anstaltsordnung nicht erfaßt hat und daher des Gnaden¬ 
erweises unwürdig ist. Bei endgültig Entlassenen und Zivilpersonen ist 
die Ahndung von Durchstechereien mit Gefangenen schwieriger, wenn 
nicht der Tatbestand der Gefangenenbefreiung (§ 120 StGB.) oder 
Begünstigung (§ 257 StGB.) erfüllt ist. In einzelnen Ländern bestehen 
zwar Polizeiverordnungen, die den unbefugten Verkehr mit Gefangenen 
unter Strafe stellen. Sow’eit dies aber nicht der Fall ist, dürfte es nicht 



63 


immer möglich sein, die beteiligten Zivilpersonen zur Verantwortung zu 
ziehen. Immerhin wird in geeigneten Fällen zu prüfen sein, ob eine 
Bestrafung nach § 123 StGB, in Verbindung mit § 2 StGB, in Betracht 
kommt. Dies wird der Fall sein, wenn z. B. jemand von außen Gegenstände, 
die für Gefangene bestimmt sind, über die Anstaltsmauer wirft. Denn er 
beeinträchtigt dadurch die Ordnung und den ungestörten Ablauf des 
Anstaltsbetriebes und verstößt so gegen den Grundgedanken des § 123, 
der im Interesse der gesamten öffentlichen Ordnung auch die Ordnung und 
Unversehrtheit des Privatbesitzes und der staatlichen Verwaltungen 
schützen will. 


Der Einsatz der Strafgefangenen 
beim Bau der Ostmarkstraße 

von ap. Verwaltungsinspektor 011 m a n n 
(z. Zt. Gefängnis Lublinitz Ost-OS). 

Im Zuge der großen Straßenbauten des Reiches wird auch in der 
Bayerischen Ostmark eine neue, gewaltige Straße errichtet. Die 
sogenannte „Ostmarkstraße“ beginnt bei Passau und führt etwa parallel 
der ehemaligen Reichsgrenze über Regen, Cham, Oberviechtach, Weiden 
bis Wunsiedel, teilt sich hier in zwei Strecken, von denen die eine weiter 
in nördlicher Richtung bis Hof führt, während die andere, nach einem 
Bogen durch das Fichtelgebirge, bei Bemeck nördlich Bayreuth in die 
Reichsautobahn endet. Diese neue 9 m breite Teerstraße erschließt 
bisher unbekannte, abgelegene, herrliche Gegenden des Oberpfälzer- und 
des Bayerischen Waldes und kürzt die Entfernung von Berlin nach Wien 
wesentlich ab. Nachdem durch die Beseitigung der Tscheche-Slowakei der 
strategische Charakter der Straße mehr in den Hintergrund getreten ist, 
dürfte dieselbe nunmehr, ähnlich der Alpen- und der Sudetenstraße, 
besonders für den Urlaubsreiseverkehr an Bedeutung gewinnen. Zum 
Unterschied zu den Reichsautobahnen darf die Ostmarkstraße von 
sämtlichen Fahrzeugen benutzt werden. 

Als im Frühsommer des Jahres 1938 die Tschecho-Slowakei-Krise 
einen größeren Umfang annahm, wurde die beschleunigte Fertigstellung 
der Straße im „Sofortprogramm“ angeordnet. Infolge des Mangels an 
Arbeitskräften wurden Strafgefangene vom Generalinspekteur für das 
deutsche Straßenwesen angefordert und die Vereinbarung vom 18. Juni 1938, 
die die näheren Bestimmungen über die Beschäftigung, Unterbringung, 
Verpflegung der Gefangenen enthielt, mit dem Reichsjustizministerium 
getroffen- 

Der Einsatz erfolgte erstmals in der Mitte des Monats Juni 1938. 
Alsbald wurde mit dem Auf- bzw. Umbau von Lagern begonnen, in denen 
die Gefangenen in der Nähe ihrer Arbeitsstellen sicher verwahrt werden 
konnten. Insgesamt ^vurden sechs Lager eingerichtet, die zunächst den 
Vollzugsanstalten Bayreuth, Amberg und Straubing unterstanden und die 
bis zu 1600 Gefangene aufnahmen. Mit Ausnahme des Lagers Bischofsgrün 
im Fichtelgebirge, das zu Bayreuth gehörte, wurden sämtliche Lager mit 
Zuchthausgefangenen belegt. Da die Anstalten Amberg und Straubing 
aus ihrem eigenen Bestand nicht auch noch die Lager füllen konnten, 
wurden aus anderen Teilen des Reiches Zuchthausgefangene nach dort hin 
verlegt. Es kamen u. a. auth 500 Zuchthausgefangene aus ehemalig 
österreichischen Anstalten, die wohl den Auswurf der Zuchthäuser und 



54 


Arbeitshäuser darstellten und immer wieder versuchten, gegen die harte 
Zucht in Lagern und Anstalten offen oder versteckt zu rebellieren. 
Wiederholt kam es zu Zusammenstößen, und nur der Energie und der 
Entschlossenheit aller beteiligten Beamten ist es zu verdanken, daß 
Meutereien nicht ausbrechen konnten. Auch Fluchtversuche waren verhält¬ 
nismäßig häufig, sodaß allmählich die Zuchthausgefangenen mit Gefängnis¬ 
gefangenen ausgetauscht werden mußten. In diesem Zusammenhang mag 
erwähnt werden, daß es bei den örtlichen Verhältnissen auf den Baustellen 
eine Kleinigkeit war zu entweichen, da die Straße stellenweise durch dich¬ 
testen Wald gebaut wurde und zur Flucht nur ein einziger Sprung in das 
Unterholz genügte. In den kritischen Septembertagen 1938 wurde ein Teil 
der Lager für kurze Zeit geräumt. Auch infolge des strengen Frostes des 
Winters 1938/39 mußten einige der Lager freigemacht werden. Inzwischen 
vrurde der Austausch der Gefangenen beendigt und seit dem Frühjahr 1939 
wurde nun von allen Lagern aus unter vollem Einsatz der Gefängiüsgefan- 
genen an der Fertigstellung der Straße gearbeitet. Bei der Räumung der 
Lager im Herbst 1939, einer Notwendigkeit des Krieges, waren einige Bau¬ 
abschnitte so weit fertiggestellt, daß die Lager an diesen Stellen abge¬ 
brochen und an neuen Bauabschnitten wieder auf geschlagen werden sollten. 

Während die Lager bis Februar 1939 den einzelnen Anstaltsvorständen 
von Bayreuth, Amberg und Straubing unterstanden, wurde am 1. März 1939 
eine neue Dienststelle unter der Bezeichnung „Vorstand der Straf¬ 
gefangenenlager Bayerische Ostmark“ mit dem Sitz in Oberviechtach 
(Oberpfalz) geschaffen. Mit der Einrichtung dieser Stelle ist eine in 
Deutschland wahrscheinlich einmalige Zweispurigkeit in der Strafvollzugs¬ 
verwaltung geschaffen worden, die den Arbeitsgang ziemlich komplizierte, 
aber im Interesse eines geregelten Einsatzes der Gefangenen nicht zu 
vermeiden war. 

Die Dienststelle in Oberviechtach kann man als die Hauptgeschäfts¬ 
stelle und die Polizeiinspektion der Strafgefangenenlager bezeichnen. 
Hier liefen die Fäden der Organisation der Lager zusammen, und von hier 
aus wurde der Strafvollzug geleitet. Sämtliche anderen Verwaltungs¬ 
maßnahmen der Arbeitsverwaltung, Wirtschaft, Annahme, Kasse usw. 
wurden weiter von den drei bereits genannten Anstalten für die im 
einzelnen zugeteilten Lager erledigt. Dies war notwendig, um rächt eine 
völlig neue große Verwaltungsstelle für nur vorübergehende Zeit schaffen 
zu müssen. 

Dagegen ließ es sich nicht vermeiden, die Dienststelle des 
„Vorstandes der Strafgefangenenlager“ einzurichten. Es war schwierig, 
den Strafvollzug in den Lagern einheitlich straff durchzuführen, da die 
Beamten aus allen Teilen des Reiches kamen. Hierbei stellte es sich 
heraus, daß nicht bloß in den einzelnen ehemaligen deutschen Ländern, 
sondern sogar in den einzelnen Anstalten der Strafvollzug ganz verschieden 
aufgefaßt und durchgeführt wird. Jeder Beamte versuchte nun mit 
den Methoden seiner Stammanstalt zu arbeiten; es ist offensichtlich, 
daß die Ordnung im ganzen Lager gestört worden wäre, wenn jeder nach 
seinem eigenen Gutdünken gehandelt hätte. Außerdem bedingten die 
besonderen, schwierigen Verhältnisse in den Lagern und auf den Baustellen 
eine einheitliche straffe Leitung. Die Vorstände von Bayreuth, Amberg 
und Straubing waren aber durch die eigenen überfüllten Anstalten und die 
Verwaltungsgeschäfte der Lager derartig mit Arbeit überhäuft, daß sie 
sich einfach um die Lager nicht in dem Maße kümmern konnten, wie es 
erforderlich war. Aus diesem Grunde wurde für die Lager eine selbst- 



55 


ständige Zentralstelle eingerichtet und Regierungsrat Dr. Kastenbauer- 
Straubing mit der Leitung beauftragt, der sich nun voll und ganz den 
Lagern widmen konnte. Um die oben geschilderten verschiedenartigen 
Auffassungen vom Strafvollzug und Eigenmächtigkeiten auszuschalten, 
gab er Vorschriften sowohl für die Beamten wie für die Gefangenen heraus, 
^e ganz auf die Verhältnisse in den Lagern beim Straßenbau in der 
Bayerischen Ostmark abgestellt und in denen alle nur möglichen Vorkomm¬ 
nisse berücksichtigt waren. Jeder Beamte und jeder Gefangene wußte 
nunmehr genau, wie er sich in diesem oder jenem Fall zu verhalten habe. 
Es konnten daher ohne weiteres Beamte und auch Gefangene jederzeit 
aus Gründen des Arbeitseinsatzes von einem Lager in das andere verlegt 
werden, ohne daß dies zu irgendwelchen Schwierigkeiten führte, da Vollzug 
und sonstige Verfahren in jedem Lager gleich waren. Bei Dienstappellen 
wurden die Beamten immer wieder über die Vorschriften belehrt. In der 
praktischen Anwendung der Vorschriften wurden die Beamten in den 
Lagern und auf den Baustellen ständig durch unregelmäßige Kontrollen 
überwacht. 

Bei der Verwaltung der Lager von den einzelnen Anstalten aus 
(Bayreuth und Straubing je ein. Amberg vier Lager) machte sich besonders 
die weite Entfernung von den Anstalten aus sehr unangenehm bemerkbar. 
Die Zufuhr von Lebensmitteln und sonstigen Bedürfnissen war schwierig 
und außerordentlich zeitraubend. 

In der Arbeitsverwaltung wurden von den Lagergefangenen in der 
Hauptsache nur die mit der Arbeitsbelohnung verbundenen Arbeiten 
erledigt, da ja die Gefangenenarbeitskräfte Unternehmern zur Verfügung 
gestellt wurden- Für jeden Gefangenen wurde ein Satz von 2,50 bis 3,— 0)M, 
je Tag eingebracht, der von den einzelnen Untemehmerfirmen zu zahlen 
war. Die Lager verursachten jedoch durch zahlreiche Instandsetzungen 
an Lagerung, Bekleidung usw. eine erhebliche Mehrarbeit in den Eigen¬ 
betrieben der Anstalten, Hierbei mag erwähnt werden, daß auch von den 
Anstalten selbst aus Gefangene zum Bau der Ostmarkstraße oder 
Zufahrtstraßen eingesetzt wurden. 

Die Kassen waren durch die Lager stark belastet, mußte doch die 
Besoldung eines Teiles der Angestellten (Hilfsaufseher) durch die 
Amtskassen erfolgen, außerdem die manchmal komplizierte Zahlung der 
Beschäftigungstagegelder, der Reisekosten, Dienstbekleidungszuschüsse 
usw. Da die Beamten in den Lagern verpflegt -wurden, mußte auch die 
Verpflegung berechnet und berücksichtigt werden. Dazu kommt noch die 
Mehrarbeit, die durch die Lager bedingten zahlreicheren Rechnungen der 
Wirtschafts-, Arbeits- usw. -inspektionen entstanden. Nicht zu vergessen 
ist die Verwaltung der eigenen Gelder und Wertsachen, der Invaliden- und 
Angestelltenversicherung und die Wehrüberwachung, die s. Zt. gerade 
eingerichtet wurde. 

Auch in den Wirtschaftsinspektionen wurde der Dienst durch die 
Lager sehr vergrößert. Die Speisepläne waren für die Lager aufzustellen, 
die Errechnung bzw. die Nachprüfung der Speisezettel für Anstalt und 
Lager war durch die infolge der Schwerarbeit genehmigten Zulagen und 
Kostvermehrungen nicht ganz einfach. Schwierig war auch die Beschaffung 
von Frischlebensnütteln für die abgelegenen Lager und von Ersatz¬ 
bekleidung, da der Verschleiß infolge der Straßenbauarbeiten 
unverhältnismäßig groß war. 

Die Geschäfte der Annahme liefen dank der eingespielten Organisation 
stets glatt und reibungslos ab. Die Gefangenen wurden durch die fast 
regelmäßig verkehrenden Lastkraftwagen, die Verpflegung. Wäsche usw. 



56 


in die Lager brachten, rechtzeitig in die Anstalten übergeführt, um von dort 
aus entlassen zu werden. Um so schwieriger war jedoch eine plötzliche 
Entlassung durchzuführen. Hier sind trotz Ferngesprächen und Fahrten 
mit Personenkraftwagen Fristüberschreitungen auch beim besten Willen 
nicht zu vermeiden gewesen. 

Die Gefangenen wurden in sechs Lagern mit einem durchschnittlichen 
Fassungsvermögen von 200 bis 300 Mann untergebracht. Es handelte sich 
durchweg um ehemalige Freiarbeiterlager, wie sie beim Bau der Auto¬ 
bahnen, bei den Westbefestigungen, beim RAD. usw. verwendet werden- 
Die Lager waren Eigentum der staatlichen Bauleitungen für die Ostmark¬ 
straße und nur behelfsmäßig für die Aufnahme von Gefangenen 
eingerichtet. In der Hauptsache bestanden sie aus einer Wirtschafts-, 
mehreren Gefangenen- sowie den notwendigen Beamtenbaracken und 
Nebenräumen, die um einen großen offenen Platz herum angeordnet waren. 
Zur Sicherung der Lager gegen Ausbrüche dienten Wachttürme. 

In der Wirtschaftsbaracke waren neben der Küche, in der sowohl für 
die Beamten als auch für die Gefangenen gekocht wurde, die Beamtenmesse, 
das Dienstzimmer des Lagerführers, die Kammer und Vorratsräume unter¬ 
gebracht. In einem besonderen Revierzimmer wurden die ärztlichen 
Untersuchungen abgehalten und Kranke gegebenenfalls abgesondert. Die 
Küchen sind mit einem Herd und mehreren großen Kochkesseln ausgerüstet 
gewesen. In einigen Lagern waren große elektrische Kühlschränke, in 
anderen dagegen Keller vorhanden. 

Die Gefangenenbaracken, die ja nur dem Aufenthalt der Gefangenen 
in der Nacht und in der wenigen arbeitsfreien Zeit dienten, hatten eine 
einfache aber praktische Einrichtung und waren von allem Überflüssigen 
befreit; zwei- auch dreistöckige einfache Holzbetten mit Strohsäcken, 
einfache glatte Tische und Schemel und kleine Wandspinde. Die Übersicht¬ 
lichkeit muß bei derartigen Massenunterkünften besonders gewahrt werden. 
In der Nacht sind die Baracken innen mit blauem Licht beleuchtet worden. 
Im Lager Prackenbach befand sich eine Einzelzellenbaracke, die es 
ermöglichte, daß auch Homosexuelle im Lager in der Nacht isoliert werden 
konnten. 

Durch besondere Wasch- und Abortbaracken oder -räume war es 
möglich, die Gefangenenbaracken reinlich und trocken zu halten und das 
leidige Kübeln zu vermeiden. Duschen waren ebenfalls vorhanden, die 
besonders im Sommer häufig benutzt wurden. 

Die Beamten waren teils in besonderen Räumen, die im Kopf der 
einzelnen Gefangenenbaracken lagen, und von denen aus die Säle überwacht 
werden konnten, und teils in Beamtenbaracken untergebracht. Die 
Beamtenbaracken wurden im Strafgefängnis Berlin-Tegel hergestellt und 
haben sich im allgemeinen bewährt. Freilich ist die Unterbringung der 
Beamten äußerst bescheiden gewesen, und es wäre nui; zu wünschen, daß 
bei ähnlichen Unternehmungen Verbesserungen durchgeführt werden 
könnten. Besonders machte sich Raummangel und das Fehlen ausreichender 
Spinde bemerkbar. 

An zwei sich gegenüberliegenden Ecken der Lager sind Wachttürme 
errichtet gewesen, die Nachts und in den Zeiten am Tag, in denen sich 
eine größere Anzahl von Gefangenen im Lager befand, mit einem Posten 
besetzt waren. Dieser war mit Karabiner und einer Maschinenpistole 28 
ausgerüstet. In der Nacht stand ihm noch ein Scheinwerfer zur Verfügung. 

Um das ganze Lager herum war ein etwa 2,5 m hoher doppelter 
Drahtzaun errichtet. Zwischen den Zäunen liefen Hunde frei herum, was 



57 


sich gut bewährte. Allerdings waren die meisten Hunde wenig geeignet, 
bei Entwichenen auf die Spur gesetzt zu werden, was als ein großer 
Mangel empfunden wurde. 

Diese Sicherungsmaßnahmen genügten, um Ausbrüche aus dem 
Lager zu verhindern. 

Die Beleuchtung im Lagerhof ist durch zahlreiche elektrische Lampen 
durchgeführt worden. Im Falle eines Versagens der Stromzuführung war 
in den Baracken Petroleumnotbeleuchtung und im Lagerhof eine große 
Petromaxlampe vorhanden. Eine Anzahl Handfeuerlöscher standen zur 
Bekämpfung etwa ausbrechenden Feuers zur Verfügung. Zur Sicherheit 
der Beamten diente in jedem Lager eine Alarmanlage mit mehreren an 
den gefährlichsten Punkten angebrachten Auslösestellen. Die Lager waren 
sämtlich an das Fernsprechnetz angeschlossen; eine besondere Unfallmelde¬ 
vorrichtung ermöglichte es, daß die Lager auch außerhalb der örtlich 
bedingten Postdienstzeiten in Notfällen Verbindung mit den zuständigen 
Stellen aufnehmen konnten. 

Im Lager Bischofsgrün sind die Wege mit Holzrosten ausgestattet 
gewesen, sodaß auch bei ungünstiger Witterung der Verkehr innerhalb 
des Lagers nie durch schmutzigen Boden gehemmt wurde. Im gleichen 
Lager befand sich eine besondere Arrestbaracke mit zwei Zellen, die sich 
außerordentlich gut bewährt hat. In den anderen Lagern ist es nicht 
anders möglich gewesen, als die Gefangenen, die abgesondert w'erden 
sollten, in einem freien Raum (Baderaum, Magazin usw.) anzuschließen 
und sie baldmöglichst in die nächste Anstalt zu bringen, in der die 
Arreststrafe vollzogen werden konnte. 

In jedem Lager sind im Verhältnis zur Zahl der Gefangenen Beamte 
eingesetzt gewesen. Auf jeden Beamten kamen etwa acht Gefangene. 

Jedem Lager stand ein Lagerführer (meistens Hauptwachtmeister) 
vor, der für den ganzen Dienst im Lager und auf den Baustellen 
verantwortlich war. Ihm zur Seite stand sein Stellvertreter, der gleich¬ 
zeitig die Kammer verwaltete. Ein Sanitätsbeamter und ein Küchenbeamter, 
der für die Verpflegung der Beamten und der Gefangenen zu sorgen hatte, 
nahmen noch am Innendienst teil. Alle anderen Beamten sind nur für 
den Aufsichtsdienst im Lager und auf den Baustellen bestimmt gewesen. 

Ein besonderer Kontrollbeamter, der mit einem Motorrad ausgerüstet 
war, da die Baustellen bis zu 200 km auseinanderlagen, hatte besonders 
auf die Sicherheit auf sämtlichen Baustellen zu achten. Er war Vorgesetzter 
aller auf den Arbeitsstellen eingesetzten Beamten und kormte jederzeit 
Anordnungen treffen, die die Sicherheit und Ordnung auf den Baustellen 
betrafen. Dieses Verfahren hat sich sehr bewährt, da dadurch Erfahrungen, 
die in dem einen Lager gemacht wurden, sehr schnell in allen anderen 
Lagern ausgenutzt werden konnten, ohne daß dadurch ein großer 
Verwaltungsapparat in Bewegung gesetzt werden mußte. 

Die Beamten waren, wie bereits erwähnt, in den Lagern untergebracht 
und wurden auch dort verpflegt. Für die notdürftige Unterkunft in den 
Baracken zahlten sie pro Tag 0,10 0iiL wobei zu beachten ist, daß die Lager 
nicht als feste Lager, sondern als Außenarbeitsstellen im Sinne der AV. 
vom 2. März 1936 galten, sodaß die Beamten sämtlich in den Genuß der 
Beschäftigungsvergütung kamen. Für die Verpflegung waren für jeden 
Tag 1,— 0m, zu zahlen. Die Verpflegung wurde durch die Anstalt 
beschafft und in den Lagern zubereitet. 

Durch die z. T. sehr weite Entfernung der Lager von den nächsten 
Dörfern und Städten waren die Beamten hauptsächlich angewiesen, ihre 
Freizeit in den Lagern zu verbringen. In den Tagesräumen standen 



58 


Rundfunkgeräte und Zeitungen zur Verfügung. Eine kleine Bücherei, die 
stets aus den Beständen der zuständigen Verwaltungsanstalt erneuert 
wurde, ist gleichfalls überall vorhanden gewesen. Auch für die Aus¬ 
gestaltung der Lager selbst war bereits viel getan worden. Nette kleine 
gärtnerische Anlagen mit Bänken entstanden und jeder suchte auch, sich 
seine Unterkunft recht gemütlich zu machen, soweit das bei dem 
beschränkten Platz möglich war. Gelegentlich wurden im Lager 
selbst oder in den nächstgelegenen Ortschaften Kameradschaftsabende 
veranstaltet. Hin und wieder hielt der Oberlehrer, der bei dem Vorstand 
der Strafgefangenenlager in Oberviechtach beschäftigt war, für die 
Beamten Vorträge, bei denen er fachliche oder allgemein wissenswerte 
Gebiete den Beamten näherbrachte. In guter Erinnerung sind auch die 
Weihnachtsfeiern, die mit Unterstützung der Untemehmerfirmen in den 
tiefverschneiten, von der Welt abgeschlossenen Lagern durchgeführt 
wurden. 

Das Verhältnis der Beamten zur Bevölkerung ist ein durchaus 
herzliches gewesen, was schon dadurch zum Ausdruck kommt, daß sich eine 
ganze Anzahl Beamte in den Orten der Lager verlobt und verheiratet haben. 

In den Lagern sind etwa 1600 Gefangene untergebracht gewesen. 
Wenn es auch z. T. nicht möglich war, sämtlichen Lagern entweder nur 
vorbestrafte oder nur erstbestrafte Gefangene zuzuweisen, so wurde doch 
streng darauf gehalten, daß wenigstens innerhalb der Lager die Erst- von 
den Vorbestraften getrennt wurden durch Unterbringung in verschiedenen 
Baracken und Beschäftigung auf verschiedenen Arbeitsstellen. 

Neben der üblichen Gefangenenbekleidung waren die Gefangenen 
noch mit einer wasserdichten Windjacke, Schaftstiefeln oder Schnürschuhen 
mit Wickelgamaschen, Brotbeutel, Kochgeschirr und Feldflasche aus¬ 
gerüstet. Besonders praktisch hat es sich in den Waldgebieten erwiesen, 
den fluchtverdächtigen Gefangenen, die leider auch von einigen Anstalten 
zur Außenarbeit in die Lager verlegt wurden, weißes Drillichzeug 
anzuziehen. Dadurch war es möglich, daß die Beamten ohne .weiteres 
wußten, wer als fluchtverdächtig besonders scharf zu beaufsichtigen ist. 
Hinzu kommt, daß bei einer Flucht der Gefangene sich viel besser im 
Gelände abzeichnet, als in der blauen Kleidung. 

Infolge der abgelegenen Lage der Lager, sowie durch die Verhältnisse 
des Dienstbetriebes bedingt, sind Be.suche bei Gefangenen in den Lagern 
nicht gestattet gewesen. Nur in ganz besonderen Ausnahmefällen ist 
ausnahmsweise ein Besuch genehmigt worden. Wiederholt ist versucht 
worden, diese wohl harte aber unbedingt notwendige Bestimmung zu 
umgehen; so ist es z. B. vorgekommen, daß sich Angehörige der Gefangenen 
in der Nähe der Lager als Sommergäste einquartiert haben und nun 
versuchten, auf illegalem Wege mit dem Gefangenen Verbindung auf¬ 
zunehmen. Dies ist durch die Tatsache besonders begünstigt worden, daß 
es sich nicht vermeiden ließ, daß die Gefangenen auf den Baustellen mit 
freien Arbeitern in Berührung kamen; hierbei ist es natürlich leicht, 
Nachrichten und Gegenstände zu übermitteln. Dank der Aufmerksamkeit 
aller Beamten ist es jedoch gelungen, derartige Verständigungsversuche 
von vornherein zu unterbinden. 

Sehr umständlich ist der Briefverkehr gewesen. Die Briefe, die nur 
einen viertel Bogen groß und auf denen die Vorschriften über den Brief¬ 
wechsel und die besonderen Bestimmungen der Lager genau aufgedruckt 
waren, was sich als sehr vorteilhaft und arbeitssparend erwiesen hat, 
wurden in den Lagern an Sonntagen geschrieben, kamen dann nach 



59 


Oberviechtach zur Zensur, wo sie gewöhnlich infolge der ungünstigen 
Postverbindungen erst am Dienstag zeitigstens eintrafen. Nach Kontrolle 
der Briefe durch den Oberlehrer, die infolge der großen Anzahl der Briefe 
auch eine geraume Zeit in Anspruch nahm, wurden die Briefe an die 
einzelnen Verw'altungsanstalten weitergesandt, wo nunmehr die Frei¬ 
machung der Briefe durch die Kasse II und die Absendung erfolgen konnte. 
Es ließ sich bei diesem Verfahren nicht vermeiden, daß die am Sonntag 
geschriebenen Briefe manchmal erst am Freitag zur Post gegeben wurden. 
Die Kontrolle der eingehenden Briefe war insofern einfacher, als die Briefe 
sämtlich bei der Dienststelle in Oberviechtach eingingen, hier möglichst 
am gleichen Tage noch zensiert und an die Lager weitergegeben wurden. 
Postzustellungen an Gefangene wurden ebenfalls in Oberviechtach 
zugestellt. Es ist bei diesem komplizierten langwierigen Verfahren 
erklärlich, daß wiederholt Fristüberschreitungen in Rechtssachen vor¬ 
gekommen sind. Doch ist es stets ohne Schwierigkeiten möglich gewesen, 
die Wiedereinsetzung in den vorigen Stand zu erwirken. Die für die 
Gefangenen eingehenden Briefe wurden zu den in den Lagern befindlichen 
Karteiakten genommen. 

Diese Karteiakten haben sich in den Lagern sehr gut bewährt. Es 
handelt sich um Umschlaghüllen (Aktendeckel) aus grauem Karton, auf 
denen auf der Vorderseite die wichtigsten Angaben über den Gefangenen 
enthalten sind (Personalien, Straftat, Vollstreckungsbehörde, Strafende, 
Angehörige, Personalbeschreibung usw.). Im Inneren enthalten die Mappen 
zwei eingeklebte größere Umschläge, in denen die Briefe des Gefangenen 
und die sonstigen den Gefangenen betreffenden Schriftstücke sowie die 
angehaltenen Briefe aufbewahrt wurden. Weiter ist Raum gelassen für 
Anträge und Beschwerden sowie für Anzeigen und Bestrafungen. Durch 
diese Akten ist es möglich gewesen, daß zahlreiche Aktenübersendungen 
von den Verwaltungsanstalten, bei welchen in der Annahme die vorschrifts¬ 
mäßigen Personalakten venvahrt wurden, an die Lager oder an den 
Vorstand nicht notwendig waren. Ferner brauchten die eingegangenen 
Briefe nicht jedesmal zu den eigenen Sachen in die Anstalt gesandt werden. 
Bei Entweichungen konnten die beteiligten Behörden auf Grund der 
Angaben auf den Karteiakten über die wichtigsten Personalverhältnisse 
des Gefangenen in Kenntnis gesetzt werden, ohne daß hierbei erst 
kostspielige fernmündliche Rückfragen bei den Verwaltungsanstalten 
notwendig waren. 

Die ärztliche Versorgung erfolgte durch Vertragsärzte, die regelmäßig 
die Lager besuchten. Die zahnärztliche Behandlung wurde ausnahmsweise 
von Dentisten wahrgenommen, da in der Umgebung der Lager keine 
Zahnärzte wohnhaft waren. Durch die schw'ere Arbeit in der frischen Luft 
und die infolge der verschiedenen Zulagen besonders gute und reichliche 
Verpflegung ist der Gesundheitszustand der Gefangenen derart gewesen, 
daß er von der Musterungskommission im Mai 1939 als „ausgezeichnet“ 
bezeichnet worden ist. 

Die seelsorgerische Betreuung bestand in vierzehntägigen Kirch¬ 
gängen, die im Lager abgehalten wurden, und denen sich Einzelseelsorge 
anschloß. Der Kirchgang wurde in einer Gefangenenbaracke oder bei 
schönem Wetter auch im Freien abgehalten. 

Gelegentlich hielt der Oberlehrer den Gefangenen Vorträge, die 
gewöhnlich die politische Lage zum Thema hatten; dies hat sich ganz 
vorteilhaft erwiesen, da so am besten den oft wilden Gerüchten, die bei 
den Gefangenen umlaufen, entgegen getreten werden konnte. 



60 


Entweichungen kamen zuletzt verhältnismäßig selten vor, da die 
Gefangenen wußten, daß beim geringsten Fluchtversuch rücksichtslos von 
der Schußwaffe Gebrauch gemacht wurde; ein Gefangener wurde auf der 
Flucht erschossen- Aber auch die Aufsichtsbeamten hatten sich an die 
schwierigen Verhältnisse auf den Baustellen gewöhnt und richteten sich 
danach. 

Während des Dienstes auf den Baustellen waren die Aufsichtsbeamten 
mit Pistole und Karabiner ausgerüstet; bei schlechtem Wetter stand ihnen 
Schutzkleidung zur Verfügung. Trotzdem litt die Dienstkleidung in einem 
unverhältnismäßig großem Maße durch die besonderen Umstände bei dem 
Dienst, insbesondere aber auch durch die ungünstigen Witterungsverhält¬ 
nisse, die in dieser Gegend herrschen. Leider hat nur ein Teil der 
Aufsichtsbehörden hier mit Unterstützungen geholfen. 

Beim Aufenthalt der Gefangenen innerhalb der Lager waren für jede 
Baracke einer oder mehrere Beamte zum Barackendienst bestimmt. Diese 
hatten die Aufgabe, für Ordnung in den Räumen zu sorgen, die Gefangenen 
zum rechtzeitigen und ordnungsmäßigen Antreten zum Essenempfang, zum 
Arbeitsbeginn, zu den regelmäßig stattfindenden Kleider- und Ausrüstungs¬ 
appellen usw. zu veranlassen, Revisionen vorzunehmen usw. 

Die Wachttürme waren stets dann besetzt, wenn sich eine größere 
Anzahl von Gefangenen im Lager befand; also an Sonntagen, in der Zeit 
vom Ein- bis zum Aufschluß, während der Mittagszeit und bei schlechtem 
Wetter, wenn rächt gearbeitet werden konnte. 

Zur Bewachung des Lagertores ist ein besonderer Beamter bestimmt 
gewesen, der dort während des ganzen Tagesdienstes postiert war. Der 
Nachtdienst wurde von 18 bis 24 Uhr und von 0 bis 6 Uhr durchgeführt. 
Zu jeder Schicht gehörten drei Beamte, von denen zwei auf den Türmen 
standen, während der dritte im Lager Rundgänge ausführte. Diese drei 
Beamten lösten sich gegenseitig ab. 

Ein besonderer Bereitschaftsdienst war eingerichtet, um bei 
besonderen Fällen sofort eingesetzt werden zu können. Diesem Bereit¬ 
schaftsdienst gehörte die Hälfte bis zwei Drittel aller zum Lager gehörigen 
Beamten an, die sich bei diesem Dienst im Lager aufhalten mußten, aber 
sich sonst ^liebig beschäftigen oder schlafen konnten. Nur die weder 
zum Nachtdienst noch zum Bereitschaftsdienst eingeteilten Beamten 
durften das Lager verlassen. Um 24 Uhr war Zapfenstreich für alle die 
Beamten, die am folgenden Tage Dienst hatten, denn nur so war die volle 
Aufmerksamkeit und Arbeitskraft während des schweren Dienstes am 
nächsten Tage garantiert. 

Die Arbeitszeit der Gefangenen und damit natürlich auch der 
Aufsichtsbeamten betrug in der Regel zehn Stunden. Es ist jedoch vielfach 
notwendig gewesen, durch Überstunden und Sonntagsarbeit den Fortgang 
des Straßenbaus zu beschleunigen. Beschäftigt wurden die Gefangenen 
in Gruppen von etwa zehn Mann aufwärts. Die fachliche, technische Leitung 
der Arbeiten hatten Arbeiter und Angestellte der Unternehmerfirmen 
bzw. der Straßenbauleitungen, während der Justizverwaltung nur die 
Bewachung oblag. 

In der Hauptsache wurden die Gefangenen zu Erdbewegungsarbeiten 
eingesetzt, aber auch in Steinbrüchen, beim Packsetzen, Rollieren, 
Schlämmen, Rodungen und beim Brückenbau verwendet. Als Arbeitsgeräte 
dienten im allgemeinen nur Säge, Axt, Spaten, Schaufel, Picke und Hand¬ 
karren. Mit Spezialarbeiten wie z. B. dem Teeren der Straße, dem 



61 


Bedienen der Preßluftbohrer usw. wurden sie nicht beschäftigt. In diesem 
Zusammenhang mag noch erwähnt werden, daß sich die alte Tatsache 
erneut als richtig .erwies, daß die Zuchthausgefangenen im allgemeinen 
bessere Leistungen vollbringen als die Gefängnisgefangenen. 

Die Straßenbauarbeiten in der Bayerischen Ostmark eigneten sich 
ganz besonders für den Strafvollzug. Die schwere körperliche Arbeit 
in gesündester, frischer Luft stärkten die Körper der Gefangenen ganz 
ausgezeichnet. Durch diese Tätigkeit wurden außerdem die Gefangenen 
zu Härte, zur Leistung schwerer Arbeit erzogen, so daß sie nach der 
Entlassung gesund und krpftig in den normalen Arbeitsprozeß eingegliedert 
werden können. 

Zu dem Strafvollzug in den Lagern ist noch folgendes zu bemerken: 

Der Strafvollzug in festen Anstalten, in denen der Gefangene durch 
die vielen Mauern und Gitter beengt ist, macht ihn meistens nicht 
besinnlich, sondern stumpf und gleichgültig. Wenn er dagegen, wie in den 
Lagern, stets die schöne, freie Natur sieht, dann wird er nicht in Gleich¬ 
gültigkeit verfallen, er wird sich auch nicht geistig und seelisch von der 
Außenwelt abschließen. Der Drang in die Freiheit wird nicht, wie dies 
in festen Anstalten bei Gefangenen mit wenig Energie oft beobachtet 
werden kann, für die Dauer der Strafzeit begraben, sondern wird stets 
wachgehalten. Da aber der Freiheitsdrang nicht verwirklicht werden kann, 
muß die Freiheitsentziehung als ein empfindliches Übel anzusprechen sein. 

Der Gefangene mußte sich in den Lagern genau so wie in den 
Anstalten in die Zucht und Ordnung fügen. Da er aber in den Lagern bei 
allen seinen Tätigkeiten überwacht wird, muß er sich der Ordnung noch 
mehr unterwerfen, als dies in festen Anstalten notwendig ist, da er in den 
Zellen nicht unter ständiger Aufsicht steht. 

Durch die Arbeit in Kolonnen wird der Gemeinschaftsgedanke 
geweckt und ständig wachgehalten, denn die Arbeit des einen baut sich 
auf der Arbeit des anderen auf. Es ist den Gefangenen immer wieder 
gesagt worden, daß sie an einer Straße bauen, die ein bisher unbekanntes 
Gebiet des Reiches erschließt und mit dazu beitragen wird, dieses bisherige 
Notstandsgebiet zu beseitigen. Es wurde ihnen gesagt, daß sie Arbeits¬ 
kräfte ersetzen, die im Interesse von Volk und Vaterland an wichtigeren 
Stellen eingesetzt werden mußten. Der Gedanke an die Gemeinschaft des 
deutschen Volkes kann in keiner Art des Strafvollzuges besser gepflegt 
werden, als im Lagerstrafvollzug. Diese Art des Strafvollzuges wird 
hinsichtlich Abschreckung und Erziehung bestimmt Erfolge von bleibendem 
Werte zeitigen. Allerdings muß eine Voraussetzung erfüllt sein: der 
Gefangene muß eine der Länge seiner Strafdauer entsprechende Zeit in 
einer festen Anstalt verwahrt gewesen sein. In der festen Anstalt muß 
er den Strafvollzug in seiner ganzen Härte kennengelernt haben, so daß 
er seine Verlegung in ein Lager als Vergünstigung empfindet. In der 
festen Anstalt muß er fühlen, daß er wegen seines gemeinschaftschädlichen 
Verhaltens aus der Volksgemeinschaft ausgeschlossen ist. Im Lagerstraf¬ 
vollzug soll er zur Rückkehr in die Volksgemeinschaft weiter erzogen 
werden, indem er, körperlich und geistig frisch gehalten, lernt, sich durch 
seiner Hände Arbeit straffrei durchs Leben zu bringen und die Arbeit 
nicht als Übel, sondern als Geschenk zu werten. 

Der Vollzug in den Strafgefangenenlagem Bayerische Ostmark ist 
nach diesen Gesichtspunkten ausgerichtet gewesen, und es ist zu hoffen, 
daß der Einsatz der Gefangenen dort nicht nur eine Straße, sondern auch 
andere Werte geschaffen hat. 



62 


Einiges vom Aufbau des Strafvollzugs im Wartheland 

von Regierungsrat Dr. W ü 11 n e r , zur Zeit Schieratz. 

Durch den Erlaß des Führers vom 8. Oktober 1939 wurde der 
Reichsgau Wartheland mit der Gauhauptstadt Posen gebildet. Ihm 
entspricht — räumlich gesehen — auch der heutige Oberlandesgerichts¬ 
bezirk Posen. 

Schon am 10. September 1939 — also unmittelbar mit der kämpfenden 
Truppe — nahm die Reichsjustizverwaltung in den befreiten Gebieten 
ihre Tätigkeit auf. Es wurden Sondergerichte gebildet, um die von den 
Polen an Volksdeutschen begangenen unmenschlichen und in der Geschichte 
eines Volkes einzig dastehenden Grausamkeiten schnellstens gerecht und 
streng zu sühnen. Die Sondergerichte in Brombergi), Litzmannstadt, 
Kalisch und Hohensalza waren somit die ersten Träger der zivilen Rechts¬ 
pflege im heutigen Wartheland, denen bald auch die übrigen Zweige der 
Reichsjustizverwaltung folgten. Naturgemäß kam dabei von Anfang an 
der Strafrechtspflege und insbesondere auch dem Strafvollzug eine 
besondere Bedeutung zu. 

Inzwischen ist über ein Jahr vergangen, Monate unaufhaltsamer, 
harter, aber auch erfolgreicher Aufbauarbeit, bei der auch der Straf¬ 
vollzugsverwaltung einmalige und einzigartige Aufgaben gestellt waren. 


I. 

Eine kurze Rückschau muß davon ausgehen, daß die Voraussetzungen, 
unter denen sich die Aufbauarbeit im Raume der früheren preußischen 
Provinz Posen, dem westlichen Teil und in dem des früheren „Kongre߬ 
polen“, dem östlichen Teil des heutigen Warthelandes vollzog, wesentlich 
verschieden waren: Dort konnten Anlagen und Gebäude der früheren 
preußischen Strafanstaltsverwaltung — wenn sie auch unter der 
20jährigen Polenwirtschaft verkommen waren und unter den Kriegswirren 
gelitten hatten — übernommen werden; hier waren aber nur „Anstalten“ 
aus der zaristischen Zeit, £^n denen die Polen nichts getan oder nur 
unzulängliche Emeuerungsversuche unternommen hatten; dort Vollzugs¬ 
anstalten nach einem bestimmten System planvoll errichtet, hier aber 
Anlagen und Gebäude systemlos, besser planlos; dort auch außerhalb 
der Anstalten Kultur, hier aber — von den geschlossenen deutschen 
Siedlungen in diesem Raum abgesehen — nur Unkultur. Dort war ein 
großer Teil der Bevölkerung noch durch preußische Schulen und Ordnung 
gegangen, hier aber lebt die große Masse der Analphabeten und geistig 
Stumpfen. 

Aber, ob im Westen oder Osten des Warthelandes: Die der Straf- 
anstaltsverwaltung gestellten Aufgaben waren die gleichen: 

Aufbauarbeit, ausgerichtet nach der Gesamtpolitik des Reichsstatt¬ 
halters und in dem dem gesamten Reichsgau eigenen Arbeitstempo, 
Zusammenarbeit, gradlinig und kameradschaftlich mit allen poli¬ 
tischen und staatlichen Stellen. 

Daraus ergab sich für den einzelnen Beamten: 

Scharfe Trennung von der polnischen Bevölkerung. Neben der 
Berufsarbeit Mitarbeit am Gesamtaufbau und aktiver Einsatz in 
allen Zweigen des sonstigen politischen und staatlichen Lebens, 
insbesondere in der Volkstumsarbeit. 


1) Gehört heute zura Relchsgau Danzig-Weatpreußen. 



63 


Und ferner: Die besonderen Arbeitsbedingungen erforderten von 
Anfang an von jedem Beamten, daß er allen Situationen gewachsen 
war; sie verlangten Entscheidungen, die in sehr vielen Fällen nicht 
durch Bestimmungen, Vorschriften oder Anweisungen der Auf¬ 
sichtsbehörden oder des unmittelbaren Vorgesetzten „gedeckt“ werden 
konnten, die aber aus eigener Verantwortung heraus schnellstens 
gefällt werden mußten. Hier galt nur zu oft und allein — vor allem 
in den ersten Monaten des Aufbaus — die freie Willensentscheidung 
des aktiven kämpferischen Beamten, der sich nur von seinem Ver¬ 
antwortungsbewußtsein der Gesamtheit gegenüber, von seinen inner¬ 
sten Pflichten als Repräsentant des deutschen Volkes und als Ge¬ 
folgsmann des Führers leiten ließ. 

Daß daneben auch die äußeren Lebensbedingungen, vor allem auf 
dem Lande und in den kleinen Städten Entsagung und Opfer von jedem 
forderten, sei nur beiläufig bemerkt. 

Auch mußte die Aufbauarbeit in einem Raum erfolgen, über den nicht 
nur unmittelbar vorher der Krieg gegangen war, sondern in dem auch 
Umsiedlungen und Rücksiedlungen größten Ausmaßes in kürzester Zeit 
durchzuführen waren. Hierbei tauchten für jeden Zweig der Reichs¬ 
verwaltung ständig neue Probleme auf, die sofort zu lösen waren. 

Schließlich erschwerten auch der außerordentlich strenge Winter 
und die wesentlich dadurch bedingten Transport- und Rohstoffschwierig¬ 
keiten die Aufbauarbeit außerordentlich. 

Aber bei dieser Arbeit waren alle Beamten getragen von dem 
beglückenden Gefühl, in großer Zeit an dem Aufbau des deutschen Ostens 
mitzuarbeiten, von der stolzen inneren Befriedigung, die jeden mit dem 
sichtbaren Fortschreiten des Aufbaus immer stärker erfüllte und ihm 
die Kraft und Freude zur Überwindung auch der größten Schwierig¬ 
keiten gab. 


II. 

Der Zustand der früheren polnischen Vollzugsanstalten^) entsprach 
in jeder Beziehung der allgemeinen „polnischen Wirtschaft“. 

Da finden wir von den Polen benutzte Gefängnisgebäude, die für 
deutsche Verhältnisse einfach undenkbar wären. Lediglich das Gefängnis 
in Kalisch — eine mit Türmen versehene viereckige Anlage mit zwei 
durch einen Verbindungsgang untereinander verbundenen Pavillons—, und 
das Gefängnis in Lentschütz — ein früheres Kloster — aus russischer Zeit 
stammend — können den Anspruch erheben, als „Gefängnisse“ gewertet 
zu werden. Die übrigen Vollzugsanstalten — von den kleinen 
„Gerichtsgefängnissen“ ganz zu schweigen — sind „polnisch“. In der 
Großstadt Litzmannstadt mit mehr als 700 000 Einwohnern und mit einem 
bevölkerungsreichen Industriegebiet in der nächsten Umgebung fanden 
sich vier kleine Gefängnisse, von denen ein neuerer Bau als Militärarrest¬ 
anstalt benutzt worden war. Die übrigen drei Gefängnisse sind mehrstöckige 
Mietskasernen, die sich von den Nachbarhäusern nur durch vergitterte 
Fenster unterscheiden. Sie stehen am Bürgersteig in der gleichen Flucht¬ 
linie mit den übrigen Wohnhäusern und haben hinter dem Vorderhaus 
einen von mehrstöckigen Hofgebäuden völlig eingeschlossenen kleinen Hof. 
Die hygienischen Verhältnisse in diesen Gefängnissen waren unvorstellbar. 
Z. B. befand sich in einem Gefängnis die „Anstaltsbäckerei“ in einem 


2) Im Folgenden Ibt nur von den Verhältnissen im östlichen Wartheland die Bede. 



64 


tiefen Kellerloch, das man im Altreich vielleicht noch als Abstellraum 
benutzt haben würde. Die Anstalten haben durchschnittlich ein Fassungs¬ 
vermögen von einigen 100 Menschen und restlos Gemeinschaftshaft 
(Untersuchungsgefängnis!). Bei ihnen hilft auch der beste „Aufbau“ 
auf die Dauer nichts, hier kann nur ein völliger Neubau einen Strafvollzug 
oder eine Untersuchungshaft nach deutschen Grundsätzen möglich machen. 

Besonders stolz war die frühere polnische Justizverwaltung auf die 
heute größte Anstalt des Warthelandes, auf das „Gefängnis Schieratz“ 
an der Warthe. 

Hier hatte die russische Regierung vor mehr als 100 Jahren von 
einem Deutschen (!) ein größeres Grundstück erworben, auf dem 
zwei Webereien mit einigen kleinen Nebengebäuden standen, die zu 
Gefängnissen umgebaut wurden. Sie sind heute noch vorhanden. Hinzu¬ 
gekommen ist in polnischer Zeit neben einem Kirchenbau ein neues 
Hafthaus mit einem Fassungsvermögen von 436 Mann. Dieses Hafthaus 
war der Stolz der Polen. Ein äußerlich ansprechender Bau mit weit 
überwiegender Gemeinschaftshaft, der in seiner Anlage durchaus den 
Zwecken des deutschen Strafvollzugs entsprechen kann.®) Durch die 
Selbstbefreiungsaktionen der polnischen Gefangenen, von denen noch die 
Rede sein wird, war er allerdings im Innern fast restlos zerstört. Das 
außerdem noch vorhandene — durchaus neuzeitlich angelegte — Badehaus 
hat bezeichnendenveise die preußische Justizverwaltung während des 
Weltkrieges errichtet. Abgesehen von einer Teilemeuerung der Außen¬ 
mauer und dem Bau eines mittleren Arbeitsgebäudes ist in 100 Jahren an 
den mehr als einem Dutzend Gebäuden so gut wie nichts geändert und seit 
Jahrzehnten auch so gut wie nichts verbessert oder instandgesetzt worden. 

In Schieratz wurde seit langen Jahren ständig ein großer Teil der 
„politischen Gefangenen“ des ehemaligen polnischen Staates zusammen mit 
einigen 100 Schwerverbrechern verwahrt. Hier nahmen auch schon vor dem 
Weltkrieg vorübergehend Pilsudski und sein wirklicher Freund, der Oberst 
und spätere Ministerpräsident Slavek, Zwangsaufenthalt.^) 

Der Ruf, den Schieratz bei den Volksdeutschen hatte, war denkbar 
schlecht. Schieratz bedeutete Leiden und Mißhandlungen und vor allem 
den Ausgangspunkt von Verschleppungszügen in den Osten des ehemaligen 
polnischen Staates. In den Sommermonaten des Jahres 1939 saßen hier 
durchschnittlich 250 Deutsche unter der fadenscheinigen Begründung ein, 
Waffen besessen oder „Spionage“ betrieben zu haben. Einige von ihnen 
ließen schon hier, infolge der erlittenen Mißhandlungen, ihr Leben für 
Großdeutschland. Bei der Behandlung der „Hitlerroczys“ spielte ein 
sogenannter Strafkeller eine besondere Rolle.S) 

Der letzte Leidenszug nahm am 31. August 1939 von hier seinen 
Ausgang. 102 Deutsche, darunter 6 Frauen, mußten damals den Todeszug 
nach Kielce und Brest-Litowsk antreten. Von ihnen sind später — nach 

3) UebriKens ist bezeichnend, daß die ReiHest>eBen der polnischen Studienkommission, 
die zwei Jahre lang Vollzugsanstalten in Italien, Frankreich. England und Amerika 
besichtigte, sich auf rund 350 000 Zloty beliefen. Erst dann ^ng man an den 
Neubau, dessen Baukosten rund 450 000 Zloty betrugen ; die Gesamtkosten waren demnach 
800 000 Zloty. Als der Bau fertiggestellt war, hatte man die Wasserleitung vergessen. 

4) An den erfolgreichen Ausbruch des Letzteren im Jahre 1906 erinnerte eine an 
der Ausbruchsstelle der Anstaltsmauer angebrachte Gedächtnistafel. 

5) In diesen Keller, der ohne Licht und LuftzufUhrung mitten unter dem im 
übrigen nicht unterkellerten Hafthaus I lag, wurden nur Volksdeutsche Gefangene straf¬ 
weise eingesperrt und mißhandelt. Elf steile Stufen führten von außen in einen 10,5 cbm 
großen Vorraum, durch den offen Abwasser geleitet wurden. Daneben befand sich der 
etwa 18 cbm große Strafraum, der bei Unterbringung von Gefangenen bis zu hi m unter 
Wasser gesetzt wurde. 



65 


den Feststellungen der „Zentrale für die Gräber ermordeter Volks¬ 
deutscher“ — mehr als 60 in Anstaltskleidung ermordet aufgefunden 
worden. 

Schon einige Wochen vor Kriegsausbruch hatte die polnische Anstalts¬ 
verwaltung „ahnungsvoll“ damit begonnen, sämtliche Vorräte, Rohstoffe 
und Fertigwaren, Waffen usw. in Richtung Warschau zu verbringen. 
Daß der „Organisator“ und „Verteiler“ ein Lodzer Jude war, sei am 
Rande vermerkt. Von den damals einsitzenden rund 1600 Gefangenen 
wurde etwa die Hälfte auf Grund der polnischen Kriegsamnestie entlassen. 
Die übrigen — in der Hauptsache Schwer\'erbrecher — blieben in den 
verschlossenen Zellen zurück, während die Beamtenschaft mit Beginn des 
ersten Kriegstages überstürzt nach Warschau flüchtete. 

Die zurückgebliebenen Gefangenen gingen bald daran, sich selbst zu 
befreien. Dabei wurden sämtliche Zellentüren und Zellenschlösser 
zerschlagen, Fenstergitter ausgebrochen usw., das Zelleninventar, die 
wenigen vorhandenen Maschinen und Webstühle unbrauchbar gemacht, 
die Kammer ausgeplündert und sämtliche Personal- und Verwaltungsakten 
auf einem großen Scheiterhaufen verbrannt. Was nicht niet- und nagelfest 
war, wurde innerhalb von drei Tagen fortgeschleppt- 

Schon am 6. September 1939 besetzten deutsche Truppen Schieratz. 
Die Anstalt füllte sich wieder, diesmal aber mit gefangenen polnischen 
Offizieren und Soldaten. 


III. 

Aber bereits am 4. November 1939 übernahm die Reichsjustiz¬ 
verwaltung die Anlage, um sie den Zwecken des deutschen Strafvollzugs 
nutzbar zu machen. 

Die erste Besichtigung ergab, daß fast alle Gebäude stark beschädigt, 
bei den meisten die gesamte Deckenlage durchfault und ein Betreten mit 
Lebensgefahr verbunden war. In der gesamten Anstalt gab es keine 
verschließbare Tür. Von Lager- und Bekleidungsgegenständen war so gut 
wie nichts mehr vorhanden. Hier und da stand noch ein dreibeiniger 
Schemel oder der Rest einer Bettstelle. Dafür befanden sich aber auf 
den Böden der Hafthäuser — buchstäblich meterhoch — Lumpen, 
zerbrochenes Geschirr, alte Medizinflaschen usw. im schönsten Durch¬ 
einander. Daß es dabei von Ungeziefer nur so wimmelte, war selbstver¬ 
ständlich. Daß seit Jahrzehnten an den Dächern und Regenwasserleitungen 
nichts getan war, konnte ebenfalls festgestellt werden. Zum Teil hatten 
die Gebäude überhaupt keine Regenwasserleitungen und Dachrinnen. 
Überhaupt spielten nasse Wände, durchfaulte Mauern und regendurch¬ 
lässige Bedachungen eine ebenso große Rolle wie morsche Balken und 
Böden. Ein Teil der Außenmauer hielt sich nur mit Mühe im schiefen 
Winkel eben aufrecht. Das Außentor bestand aus Holzbrettern, die aus 
den Fugen zu fallen drohten. Das „Pfortengebäude“ war ein kleiner 
durchfaulter Lehmbau. „Polnische Wirtschaft“ ist für den zivilisierten 
Europäer ein Begriff, der an sich keiner Erläuterung mehr bedarf. Daß 
aber auch die Einrichtungen des polnischen Staates die gleiche Wirtschaft 
kannten, dafür ist Schieratz ein gutes Beispiel. Man hätte von diesem 
Musterbetrieb der polnischen Justizvei^valtung mindestens erwarten 
können, daß die hygienischen Verhältnisse erträglich gewesen wären. 
Dazu hätte schon die enge Zusammenballung von mehr als 1500 Menschen 
Veranlassung geben müssen. Statt dessen: mangelhafte und unzureichende 


5 



66 


Entwässerung (zum großen Teil fehlte sie überhaupt), offene Abwässer 
und Fäkaliengruben, verschmutzte und eingefallene Wasserleitungen, ein 
Brunnenwasser mit mehr als 2000 Krankheitskeimen und Speisekessel, 
die man im Altreich vielleicht noch zur Viehfütterung verwendet haben 
würde. Für die große Zahl der an offener Tuberkulose leidenden 
Gefangenen waren einige Zellen als „Krankenstuben“ eingerichtet. 
Ärztliche Instrumente waren nennenswert nicht vorhanden. Von einem 
Lazarett wurden nicht einmal Reste gefunden. 

So kann zusammenfassend nur gesagt werden, daß das ehemalige 
polnische Gefängnis Schieratz eine verkommene, in jeder Hinsicht 
verwahrloste Hinterlassenschaft der einstigen polnischen Justizverwaltung 
darstellte, die in jeder Beziehung der allgemeinen „polnischen Wirtschaft“ 
entsprach. 

IV. 

Als am 4. November 1939 zum erstenmal die Reichsdienstflagge 

— noch an einem polnischen rot-weißen Fahnenstock — hochgezogen 
wurde, waren sich die wenigen anwesenden Vollzugsbeamten der Bedeutung 
des Augenblicks wohl bewußt. 

Aber erst, nachdem die gesamte Anstalt vergast und aus den Höfen 
über 80 Tonnen Kot abgefahren waren, konnte an den eigentlichen Aufbau 
herangegangen werden. Die ungünstige Verkehrslage, der schwere Winter, 
die Schwierigkeiten der Rohstoffbeschaffung, der geringe Personalbestand 
brachten oft schier unüberwindliche Schwierigkeiten mit sich. Mußten 
doch von Anfang an neben den Aufbauarbeiten auch Aufgaben des eigent¬ 
lichen Strafvollzugs erfüllt werden. Hierfür nur ein Beispiel: Mit 
vier Beamten waren anfangs zeitweise über 1700 Gefangene zu verpflegen 
und zu verwahren. Dabei war keine einzige Zelle verschließbar, das 
Hafthaustor mußte mit einem Balken von außen zugestellt werden. An 
Eßgeschirren waren nur 53 alte Militärkochgeschirre, kein einziger Löffel 
vorhanden. Natürlich fehlte auch das gesamte sonstige Zelleninventar 
und für die Heranschaffung der Lebensmittel standen keine Transport¬ 
mittel zur Verfügung. 

Aber trotz allem haben die Aufbauarbeiten nicht einen Tag eine 
Unterbrechung erfahren. 

An zahlreichen Stellen des umfangreichen Geländes der An.stalt 
setzten die Arbeiten gleichzeitig ein. Gebäude wurden instand gesetzt, 
abgebrochen und neu errichtet. Die Anstaltsweberei mit 61 Handstühlen 
konnte schon nach wenigen Wochen in Betrieb genommen werden.®) 

Die polnische Tünche ist heute längst verschwunden. Neues ist 
bereits entstanden und in Benutzung genommen. So trägt auch die Straf¬ 
anstalt Schieratz — ebenso wie die übrigen Vollzugsanstalten des 
Warthelandes — heute bereits ein deutsches Gesicht. Allerdings wird es 
noch Jahre dauern, bis die Aufbauarbeiten als beendet angesehen werden 
können. Aber die Grundlagen für eine deutsche Vollzugsverwaltung und 
für die Durchführung eines deutschen Strafvollzugs sind bereits heute 

— nach einem Jahr Aufbauarbeit — geschaffen. 

Daß der Strafvollzug im Wartheland gegenüber dem im Altreich 
noch auf Jahre sein eigenes, durch die Volkstumsverhältnisse bestimmtes 

6) Eino bezeichnende Festatellunp: für die Arbeitsverwaltuntr, bzw. für die Finanz¬ 
lage des früheren polnischen Staates; Die Anstaltsweberei hatte allein, wie sich aus den 
nachträglichen Forderungen der Gläubiger ergibt, rund 150 000 Zloty Schulden. Die letzte 
,.Teilzahlung** von 1500 Zloty war im März 1938 erfolgt. 



67 


Gesicht tragen wird, ist sicher. Wieweit dabei die neue Strafvollzugs¬ 
ordnung vom 22. Juli 1940 auch im Wartheland praktisch angewendet 
werden kann, muß erst die Erfahrung lehren. 

, Der Reichsgau Wartheland soll in völkischer Beziehung ein Bollwerk 
des Reiches werden. Hierzu hat auch der Strafvollzug einen wichtigen 
Beitrag zu leisten. Es wäre falsch, die heutige Aufbauarbeit mit der 
Ostraumpolitik bzw. mit den Ost siedlungsversuchen früherer deutscher 
Regierungen zu vergleichen. Heute wird eine ganz andere, aber auch 
gründlichere Siedlungsarbeit geleistet. Altreichsverhältnisse, auch solche 
der Strafvollzugsverwaltung, können in keiner Weise mit den im Warthe¬ 
land zu leistenden verglichen werden. 

Daß die Gesamtaufgabe, das Wartheland zum deutschesten Reichsgau 
zu machen, gelingen wird, dazu wird auch die Arbeit der Strafvollzugs¬ 
behörde ihren Teil beitragen müssen und auch beitragen. 


Aus der Gefängnisverwaltung 

„Der Leuchtturm” 

Die Reichs-Gefangenenzeitung 

von Oberlehrer A. Knickenberg, Berlin-Plötzensee. 

Als in den Jahren 1932 und 1933, kurz nach "Übersiedlung des 
„Leuchtturm“betriebes von Wohlau nach Berlin-Plötzensee, in den ver¬ 
schiedensten Tageszeitungen Berichte über die Gefangenenzeitung „Der 
Leuchtturm“ erschienen, war es den Leserkreisen nicht bekannt, daß 
„Der Leuchtturm“ nicht nur vor gn'oßen Zukunftsaufgaben stand, sondern 
sich auch mitten in einer inneren Umgestaltung befand, die erforderlich 
war, um die größeren Ansprüche, die an das Blatt gestellt wurden, auch 
auf allen Gebieten erfüllen zu können. Inzwischen ist diese Entwicklung 
bis zu einem gewissen Grade abgeschlossen, und es ist außerdem „Der 
Leuchtturm“, damals noch Preußische Gefangenenzeitung, zur Reichs- 
Gefangenenzeitung geworden. Mit dieser umfassenden Erweiterung des 
Wirkungsbereiches der Zeitung sind schon nach verhältnismäßig kurzer 
Zeit mühevolle Jahre des Aufbaus mit Erfolg gekrönt worden. Nachdem 
„Der Leuchtturm“ nun fast ein Jahrzehnt seinen Sitz in Berlin-Plötzensee 
hat, erscheint es wohl angebracht, noch einmal am Abschluß dieser 
Zeitspanne rückblickend seinen Werdegang zu betrachten xmd anschließend 
einen Einblick zu geben in seine, den höheren Anforderungen angepaßte, 
innere Gestaltung. 

Im Jahre 1924 fand zum ersten Male der Gedanke, für die Insassen 
der Strafanstalten ein eigenes Organ der Erziehungsfürsorge zu 
schaffen, seine Verwirklichung. Es war die Strafanstalt Görlitz, ^e am 
28. September 1924 eine Zeitung herausbrachte, welche als „Schlesische 
Anstaltszeitung“ zunächst in den Gebieten Schlesiens Verbreitung fand. 
Ein Vierteljahr später, am 21. Dezember 1924, erscheint die Nummer 2 
des Blattes, die als Hinweis auf den nun schon erweiterten Geltungsbereich 
den Titel „Zeitung für die Gefangenenanstalten in Preußen“ trug. Die 
Entwickelung ging in der Folgezeit in raschem Zuge weiter. Schon die 
Nummer 6 der Zeitschrift vom 22. Februar 1925 führt den Namen „Der 
Leuchtturm“, die Bezeichnung, die das Blatt bis auf den heutigen Tag 


8 » 



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beibehalten hat. Infolge der Auflösung der Strafanstalt Görlitz erscheint 
„Der Leuchtturm“ vom 24. Oktober 1926 ab in Wohlau und anschließend 
erfolgt Ausgang des Jahres 1931 aus praktischen Erwägungen die Ver- 
legning des „Leuchtturm“betriebes nach Berlin-Plötzensee. An seinem 
jetzigen Verlagsort Plötzensee erlebte „Der Leuchtturm“ in der nun 
folgenden Zeit einen glanzvollen Aufstieg. Aufbauend auf dem, was seit 
1924, dem Gründungsjahr des Blattes, in unermüdlichem Schaffen bereits 
Gestalt gefunden hatte, begann mit dem Jahre 1932 die vielseitige Aus¬ 
gestaltung der Zeitung unter dem Gesichtspunkte, in ihr ein Organ 
erstehen zu lassen, das einmal über die bis dahin noch bestehenden 
Grenzen der Verbreitung hinaus höheren Anforderungen in jeder Weise 
gerecht werden könnte. Drei Jahre später (1935) führte diese mühevolle 
Auf- und Ausbauarbeit bereits zum erstrebten Erfolg, denn schon in 
diesem Jahre fiel die Entscheidung, daß die „Preußi.sche Gefangenen¬ 
zeitung“ nunmehr die umfassende Aufgabe als Rcichs-Gefangenenzeitung 
zu erfüllen habe. Vom Jahre 1935 ab gibt es daher im Reiche nur noch 
eine Gefangenenzeitung — „Der Leuchtturm“. Die Schriftwaltung in 
Berlin-Plötzensee sah sich nicht unvorbereitet vor die neuen Aufgaben 
gestellt. Zug um Zug wurden nicht nur fast alle Anstalten des Reiches 
erfaßt, sondern es gelang auch, dank der vorausschauend getroffenen 
Maßnahmen, in den neu hinzustoßenden Reichsgebieten schnellstens und 
reibungslos Fuß zu fassen. Einen schlagenden Beweis dafür bietet die 
beständig steigende Auflageziffer der Jahre 1935 bis 1939. Hatte die 
Zeitung bei Übernahme nach Plötzensee im Jahre 1932 etwa 12 000 
Bezieher, so stieg diese Zahl bis Ausgang des Jahres 1935 auf die statt¬ 
liche Ziffer von rund 30 000 an, und darüber hinaus wurde bis April 1939 
die Auflageziffer auf 41000 erhöht. Wenn nun auch, vielfach 
aus verwaltungstechnischen Gründen, die Auflagekur\'^e regelmäßigen 
Schwankungen unterv-^orfen ist, so steht doch nach den bisher gemachten 
Erfahrungen fest, daß die Ausweitung der Bezieherziffer noch nicht 
abgeschlossen ist, so daß auch für die nächste Zukunft Jahr für Jahr mit 
einer ständigen Steigerung der Bezugszahl zu rechnen bleibt. Diese Zahlen 
allein sind wohl der beste Beweis dafür, daß es seit der Geburtsstunde 
der Zeitung in Görlitz zäher Arbeit und unermüdlichem Einsatz gelungen 
ist, dem „Leuchtturm“ einen Geltungsbereich zu verschaffen, der der hohen 
Zweckbestimmung dieses Blattes auch in umfassender Weise entspricht. 

Selbstverständlich mußte mit der Enveiterung des Aufgaben¬ 
bereiches der Zeitung in harmonischem Gleichklang auch ihr innerer Auf- 
und Ausbau stehen. Jede Möglichkeit zu einer zweckentsprechenden 
Ausgestaltung des Blattes ist daher auch sinnvoll ausgenutzt worden. 
Wenn sich bei dieser überaus schwierigen Arbeit vielfach auch die Raum¬ 
frage als fast unüberwindliches Hindernis immer wieder in den Weg 
stellte, so ist es trotzdem wohl in bestmöglicher Weise gelungen, der 
Zeitung das Gesicht zu geben, das ihrer Bedeutung als Reichs-Gefangenen¬ 
zeitung entspricht. Selbst die neuerdings getroffene Maßnahme, den 
Umfang des Blattes dem Gebote der Zeit entsprechend auf vier Seiten zu 
beschränken, hat es nicht vermocht, die vielseitige Berichterstattung 
wesentlich zu beeinflussen, denn es ist trotz mancherlei Schwierigkeiten 
gelungen, durch geballte, konzentrierte Berichterstattung das wettzu¬ 
machen, was durch die erwähnte, vorübergehende Maßnahme an Raum 
zur breiten Nachrichtenübermittlung und Behandlung zweckentsprechender 
Themen verloren ging. Dem aufmerksamen Leser wird es gerade unter 
diesen Umständen nicht entgangen sein, daß die Schriftwaltung unentwegt 



69 


bemüht war und ist, unter Berücksichtigung des zur Verfügung stehenden 
Raumes eine Anpassung zu vollziehen, die weitmöglichste Erfüllung aller 
Wünsche gewährleistet. Leitender Grundsatz bei dieser keineswegs 
leichten Arbeit ist stets der Gedanke gewesen: „Wer vieles bringt, gibt 
jedem etwas.“ 

Unter Auswertung .aller Möglichkeiten und unter Berücksichtigung 
der zur Zeit gegebenen Verhältnisse hat die Reichs-Gefangenenzeitung 
„Der Leuchtturm“ nunmehr also folgendes Gesicht erhalten: 

A. Seite 1 (Titelseite). 

Sie ist in vollem Umfange der politischen Berichterstattung in Wort 
und Bild gewidmet, entsprechend der Raumbegrenzung in der Weise, daß 
entscheidende und jeweils im Vordergründe des Interesses stehende 
Ereigrnisse politischer Art weitgehende Beachtung finden. Richtungweisend 
für die inhaltliche Gestaltung dieser Seite ist vor allem die Tatsache, 
daß der Gefangene in der Zeit seiner Strafhaft völlig losgelöst ist von 
den Ereignissen des Tages und des öffentlichen Lebens. Er darf aber, 
soll er sich nach seiner Entlassung reibungslos und ohne Schwierigkeiten 
als nützliches und vollwertiges Glied wieder in das Leben der Gemeinschaft 
einreihen, den Kontakt mit dem pulsierenden Leben nicht verlieren. Hier 
Vermittler und Führer zu sein und zweckentsprechend einen möglichst 
umfangreichen und lückenlosen Einblick in das politische Zeitgeschehen 
zu verschaffen, ist die eine wesentliche Aufgabe der Berichterstattung 
auf Seite 1 der Zeitung. In diese Arbeit berichtender Art aber ist als 
fürsorge-erzieherisches Moment die politische Willens- und Charakter¬ 
gestaltung des Leserkreises eingeschaltet. Wenn auch gerade dieses Sonder¬ 
gebiet der zielsicheren Berichterstattungsarbeit weniger augenfällig in 
Erscheinung tritt, so ist es doch von überragender Bedeutung, weil es 
letztlich ja nicht nur darauf ankommt, den Kontakt mit der unaufhaltsam 
fortschreitenden Zeit in ausreichendem Maße herzustellen, sondern auch 
gilt, verantwortungsbewußt jene geistige Haltung und Verfassung zu 
vermitteln, die im eigentlichen Sinne erst fähig dazu macht, den Gleich¬ 
schritt im Leben der Volksgemeinschaft auch in rechter Weise wieder 
aufzunehmen. So gesehen und so betrieben hat die Arbeit, die auf der 
ersten Seite der Gefangenenzeitung geleistet wird, nichts zu tun mit 
Befriedigung etwaiger Sensationsgelüste, sondern sie ist Arbeit des mit 
den Tagesereignissen restlos vertrauten Berichterstatters und, in engstem 
Zusammenhänge damit stehend, psychologisch-politische Feinarbeit. 

B. Seite 2 (beweglicher Inhalt). 

Im Interesse der Vielgestaltigkeit des Blattes ist das Gesicht der 
Seite 2 nach ihrem Inhalt einem dreiwöchigen Wechsel unterworfen. Einmal 
dient Seite 2 als Ergänzung der Titelseite zur Erweiterung der politischen 
Berichterstattung und kann in dieser Form, mit kurzen Ausführungen 
und Berichten zu den weltpolitischen Tagesereignissen, als politischer 
Zeitspiegel angesprochen werden. 

In der nun folgenden Nummer ändert sich das Gesicht der Seite 2 
in der Richtung, daß ihr Inhalt sich mit kurzen zeitgemäßen und packenden 
Aufsätzen aus allen Gebieten allgemein bildender Art, insbesondere 
erzieherischen Aufgaben, sowohl in Bild als in Wort widmet. Der ständige 
Wechsel in den einzelnen Sachgebieten, die hier anregend und wohl¬ 
durchdacht zur Erörterung kommen, soll nicht nur eine weitgehende 
Vielgestaltigkeit des Blattes gewährleisten, sondern im wesentlichen auch 



70 


den Leser zu nachdenklicher Betrachtung und damit zu einer gesunden 
und aufbauenden Lebensauffassung führen. Nicht zuletzt aber ist gerade 
der Inhalt dieser Seite dazu angetan, die geistige Regsamkeit des Lesers 
wach zu halten und ihn davor zu bewahren, daß die nun einmal mit dem 
Sühneakt verbundene Abgeschlossenheit Auswirkungen zeitigt, die nicht 
im Sinne des modernen Strafvollzuges liegen, und die bei der späteren 
Rückgliederung des Sühnenden in das Volksganze nur hindernd xmd 
erschwerend in den Weg treten könnten. Ein kurzer Blick in die Stoff¬ 
gebiete, die unter diesen Grundgedanken in buntem Reigen zur .Bearbeitung 
kommen, dürfte am besten zeigen, wie den gestellten Forderungen in 
diesem Teil des Blattes genügt wird. In ständigem Wechsel 
erscheinen Aufsätze unter nachstehenden, zusammenfassenden Leitmotiven: 

„Die Nation“, „Der Spiegel“, „Deutsche Landschaft — Deutsche 
Heimat“, „Die Frau“, „Unsere Kolonien“, „Die sich Namen schufen“, 
„Der Fortschritt“ u. a. m. 

Anschließend erscheint dann die Seite 2 in der dritten Woche als 
sogenannte Bildseite und gibt als solche die Möglichkeit, in dreiwöchigem 
Abstande durch vielfach illustrierte Berichte aus allen jeweils besonders 
interessierenden Gebieten aufklärende und aktuellste Berichterstattung 
zu betreiben. 

Ständig ist auf dieser Seite auch ein kurzer Abschnitt eines Romans 
untergeb rächt, der aber keineswegs den nichtssagenden Zweck zu erfüllen 
hat. Stunden der Langeweile angenehm auszufüllen, sondern der 
entsprechend der Aufgabe, die „Der Leuchtturm“ zu erfüllen hat, in den 
Dienst des erziehlichen Aufbauwerkes gestellt ist. So wie es allgemein 
Grundzug aller „Leuchtturm“arbeit ist, dem nun einmal Gestrauchelten 
ein erstrebenswertes Ziel zu geben und ihm damit gleichsam die Hand 
zu reichen, die ihm, selbstverständlich unter gewollter persönlicher Mit¬ 
arbeit, das Aufrichten erleichtert, so ist auch der Romanteil des Blattes 
nicht nur anregende Beigabe, sondern letzten Endes Schrittmacher im 
Rahmen der angeführten Grundtendenz. 

C. Seite 3. 

Diese Seite der Zeitung ist an erster Stelle der geballten Bericht¬ 
erstattung gewidmet und gibt in ihrer Wochenübersicht eine umfassende 
Darstellung aller Ereignisse der Woche. Sie ist damit vor allem als 
Kernpunkt der konzentrierten politischen Berichterstattung anzusehen. 
Ergänzend und erweiternd stehen ihr dem Inhalt nach zur Seite: erstens 
die Titelseite und zweitens in dreiwöchigem Abstande auch noch das 
zweite Blatt der Zeitung. 

Seite 3 weist weiter auch ständig einen Sportbericht auf, der aber, 
be^^nßt entblößt von jeder Sensationsmache, lediglich die Aufgabe zu 
erfüllen hat, den gesunden Sinn für eine sportliche Betätigung auch in 
der Zeit der Strafhaft aufrecht zu erhalten. Daß die Zeitung auf diesem 
Gebiete nur eine Ergänzung und Belebung darstellt für die Leibesübungen, 
die grundsätzlich in jeder Anstalt getrieben werden, liegt in der Natur 
der Sache. 

D. Seite 4. 

Auf der letzten Seite der Zeitung findet der Leser zunächst eine 
Rätselecke. Der Aufbau dieser Rätselecke erfolgt nach den Grundsätzen, 
die allgemein bindend für die „Leuchtturm“arbeit sind. Wenn nun auch 
ein Teil der Leser der Anschauung sein mag, daß ihnen in der Rätselecke 



71 


einzig und allein etwas geboten wird, sie über Stunden der Muße und 
eintöniger Abgeschlossenheit angenehm hinwegzubringen, so will die 
Zeitung diesen Lesern keineswegs ihre Selbsttäuschung rauben. Vielleicht 
ist es sogar vorteilhafter, sie sind mit unserer Absicht nicht vertraut 
und gehen unbewußt, unbeschwert und mit innerer Befriedigung den Weg, 
den wir auch in der Eätselecke zielbewußt vorschreiben; denn auch dieser 
Abschnitt unseres Blattes gibt dem Leser nicht nur weitgehend geistige 
Anregung, sondern er ist mit seinen Leitsätzen und Sinnsprüchen, die 
sich aus der Rätselarbeit ergeben, ein nicht unwesentlicher Beitrag zu 
der dem „Leuchtturm“ arteigenen Erziehungsarbeit. 

Seite 4 weist weiter einen Abschnitt auf, der aus praktischen 
Erwägungen und im Interesse der Vielgestaltigkeit des Inhalts der 
Zeitung wiederum einem Wechsel, und zwar einem vierwöchigen, unter¬ 
worfen ist. Es erscheint dieser Teil zur Kenntlichmachung des Inhaltes 
stets unter den Titeln: „Wissenswertes“ — „Schaffendes Volk“ — „Blick 
in die Zeit“ — „Wir fragen — Nicht aus Neugier“. 

Die Einzelüberschrift zeigt den jeweiligen Wochenstoff an. 

So erscheint unter „Wissenswertes“ ein Kurzbericht, der allen 
Lesern als Hinweis auf gesetzliche Neuerungen und allgemein zu 
beachtende Bestimmungen aller Art dienen soll. 

Unter „Schaffendes Volk“ bringt die Zeitung volkswirtschaftliche 
Betrachtungen, insbesondere zur Blickweitung für jeweilig ausschlag¬ 
gebende Ereignisse auf diesem Spezialgebiete. 

Der „Blick in die Zeit“ ist folgend der Abschnitt, der sich mit den 
aktuellsten Dingen auf allen nur denkbaren Gebieten befaßt. Er soll, wie 
schon der Name sagt, ein Blick sein in das im Vordergründe des all¬ 
gemeinen Interesses stehende Zeitgeschehen. 

Als letzter Abschnitt erscheint dann noch „Wir fragen — Nicht aus 
Neugier“. Die unter diesem Titel jeweils gestellten Fragen soll sich 
der Leser zunächst selbst zu beantworten versuchen. Er findet später 
unter dem gleichen Abschnitte die Beantwortung der Fragen und kann 
nun vergleichend seinen Blick erweitern oder seine persönliche Auffassung 
berichtigen. Die Auswahl der Stoffe für diesen Abschnitt erfolgt im 
Rahmen der Aufgaben, die das Blatt als Gefangenenzeitung zu erfüllen 
hat und unter Berücksichtigung zeitbedingter Fragen. 

Abschließend kann zu den Sonderaufgaben, die der Reichs- 
Gefangenenzeitung gestellt sind, allgemein gesagt werden: 

Die Zeitung für die Gefangenen ist in ihren Grundzügen ein Organ 
der Erziehungsfürsorge. Sie ist in ihrem Inhalt wohl an ihre Grund¬ 
tendenz, nicht aber im Aufbau an ein bestimmtes Schema gebunden. 
Freizügig auf diesem letzten Gebiete wird eine verantwortungsbewußte 
Schriftwaltung stets Schritt halten müssen mit den Ergebnissen 
wissenschaftlicher Forschung und Erkenntnis und durch einen 
zweckentsprechenden Auf- und Umbau des Blattes jederzeit versuchen, 
diese Erkenntnisse nutzbringend für die Gestaltung der Zeitung aus¬ 
zuwerten. Das Blatt sieht sich vor einen Leserkreis gestellt, der sich 
zusammensetzt aus den Gefangenen aller Anstalten des Reiches, ver¬ 
schieden im Geschlecht, im Alter, in der geistigen Verfassung. Allen zu 
dienen zum Wohle des ganzen Volkes ist zwar eine schwere und verant¬ 
wortungsvolle, aber schöne Aufgabe. Nicht darauf kommt es an, die 
Blätter schnell und mühelos mit Stoffen aller Art zu füllen und angenehme 
Kurzweil zu bereiten, sondern jedes Blatt, das von der Druckerei in 
Plötzensee ins Reich hinausflattert, hat zielbewußt eine den Grundzügen 



72 


der Zeitung entsprechende Aufgabe zu erfüllen. Der Leser ist der 
Gefangene. Ihn nach Sühneleistung wieder als nützliches Glied in die 
Volksgemeinschaft einzubauen, ist Ziel der Strafvollzugsarbeit. »Der 
Leuchtturm“ sieht sich bei dieser Arbeit an hervorragende Stelle gesetzt, 
und er füllt seinen Platz um so besser aus, je mehr er es versteht, dem 
sühnenden Menschen auf allen Gebieten, die ihn fördern, erheben, läutern 
und emporreißen können, ehrlicher Berater und Helfer zu sein. 

Abschließend noch ein kurzer Blick in den Geschäftsgang der 
Zeitung. 

Für die technische Abwicklung des Geschäftsganges sind in den 
letzten Jahren weitgehende Erleichterungen geschaffen worden. Der 
Verlag liefert jederzeit kostenlos Werbeplakate, Bestellkarten und die in 
Merkblättern zusammengefaßten Bezugsbestimmungen. Um mit letzteren 
bekannt zu machen, gibt der Verlag _ anschließend den Inhalt des Merk¬ 
blattes für die Hand des Beamten wieder: 

„Der Leuchtturm“, die von der Reichs-Justizverwaltung heraus¬ 
gegebene Reichs-Gefangenenzeitung erscheint wöchentlich zum Preise von 
monatlich 10 (einschließlich Postzeitungsgebühr). Verlagsanstalt ist 
das Strafgefängnis Berlin-Plötzensee. 

Jeder Gefangene darf diese Zeitung halten 

a) vom Arbeitsverdienst, 

b) vom eigenen Gelde, 

c) durch Einzahlung des Betrages von seiten Verwandter oder 
Bekannter des Gefangenen an die Kasse der Anstalt, in der er 
sich befindet. 

Die von den Gefangenen eingezogenen Bezugsgelder werden nicht 
der Strafanstaltskasse in Berlin-Plötzensee überwiesen, sondern sind an 
den einzelnen Anstalten zu vereinnahmen und zu verbuchen. Die Richt¬ 
linien für die Verbuchung sind enthalten in folgenden Verfügungpen: 

1. Rundverfügung vom 10. 7. 1925 (VIII/577), 

2. Rundverfügung vom 30. 12. 1932 (VIII/1353), 

3. Rundverfügung vom 9. 2. 1935 (III/176) — s. Anlage —. 

Die Bezugsgelder sind wie folgt zu vereinnahmen: 

a) bei der Zahlung aus dem Eigengeld bei 4—10 (TB III), 

b) bei der Deckung aus der Arbeitsbelohnung 

durch Absetzung gemäß § 34, Abs. 8 AVO. (Buchung im 
0-Buch Spalte 32 oder im N-Buch bzw. auf dem Karten¬ 
blatt Na und im P-Buch Abschnitt I). 

(Siehe Nachtrag zum Handbuch von Reiberg S. 27.) 

Jede Anstalt hat die monatliche Anzahl der Bezieher dem Verlag 
des „Leuchtturm“ beim Strafgefängnis in Berlin-Plötzensee zu melden. 
(Vorgedruckte Bestellkarten gehen den Anstalten kostenlos zu.) 

Auf der Bestellkarte sind die A-Stücke und D-Stücke gesondert 
aufzuführen. 

A-Stücke sind die gegen Bezahlung (10 ^) gelieferten Bezugs¬ 
stücke. 

D-Stücke sind die kostenlos gelieferten Dienst- oder Freistücke. 

Es können bis zu 5 % der bestellten A-Stücke zusätzlich als Frei¬ 
stücke bestellt werden (im Höchstfälle 10 Stück), doch werden auch die 
D-Stücke nur gegen ausdrückliche, zahlenmäßige Bestellung geliefert. 



73 


(Angaben wie „diverse D-Stücke“ oder „5 %“ wollen vermieden werden.) 
Für Bestellungen unter 20 A-Stücken kann ebenfalls ein D-Stück auf 
Wunsch zur Verfügung gestellt werden. 

Auf der Bestellkarte muß unbedingt der Buchungsvermerk an¬ 
gegeben sein, der auf der leeren Zeile am Schluß der Bestellkarte 
einzufügen ist. Er lautet: „Die Bezugsgelder für die A-Stücke sind 
vereinnahmt und verbucht.“ Es genügt auch die Angabe des verbuchten 
Gesamtbetrages oder die Anführung der betreffenden Buchungsnummer. 
Alleinige Unterschrift ohne eine dieser Angaben ist jedoch ungenügend. 
Bestellungen ohne diese Bestätigung können nicht ausgeführt werden und 
erfordern unnötige Rückfragen. 

Bezug der Gefangenenzeitung für Insassen der Anstalt aus Anstalts¬ 
mitteln (Bücherei — Fürsorgemitteln usw.) ist unzulässig. Ebenso un¬ 
zulässig ist die Einsendung der von den Gefangenen eingezogenen Bezugs¬ 
gelder an die Strafanstaltskasse Plötzensee. Die Beträge müssen aus¬ 
nahmslos an den einzelnen Anstalten vereinnahmt und verbucht werden. 
Gegen Rechnung und Bezahlung an die Strafanstaltskasse Plötzensee 
können nur Anstalten außerhalb der Justizverwaltung sowie Strafanstalts¬ 
beamte, die den „Leuchtturm“ auf ihre eigenen Kosten beziehen, beliefert 
werden- (In solchen Fällen kommt der Buchungsvermerk in Wegfall.) 

Die monatliche Meldung über die Bezugszahl muß spätestens am 
23. des vorhergehenden Monats hier vorliegen. Daher ist es unbedingt 
notwendig und zweckdienlich, wenn ständig etwa um die Mitte des Monats 
werbende Umfrage bei allen Gefangenen der Anstalt gehalten wird. 

Zurückziehung von A-Stücken ist nach dem 24. des vorhergehenden 
Monats nicht mehr möglich, da diesseits die Postzeitungsgebühr auch bei 
nachträglicher Zurücknahme von Zeitungen nach Maßgabe der am 24. des 
vorhergehenden Monats beim Postzeitungsamt bestehenden Einweisungen 
für den folgenden Monat voll zu bezahlen ist. 

Neu hinzukommende Bezieher können dagegen auch im Laufe des 
Monats jederzeit nachträglich gemeldet werden. Es erfolgt dann sofortige 
Belieferung und Nachlieferung der im laufenden Monat erschienenen 
Nummern. Schlußtermin für solche Nachbestellungen ist der 23. des 
laufenden Monats. Spätere Nachbestellungen früherer Nummern können 
nur als Drucksache mit Anrechnung des Portos geliefert werden- 

Meldet eine Anstalt bis zum 23. des vorhergehenden Monats die 
Bezugsziffer für den folgenden Monat nicht, so wird die im Vormonate 
gemeldete Zahl für den kommenden Monat übernommen. Die Anstalten 
sind in diesem Falle für die richtige und volle Verbuchung der Bezugs¬ 
gebühren verantwortlich, auch bei nachträglicher Zurückziehung des 
Weiterbezuges. Es liegt also im Interesse der einzelnen Anstalten, daß 
die Meldungen am 23. eines jeden Monats in Plötzensee vorliegen. Steht 
eine solche Meldung am 23. aus, und wird infolgedessen die bisherige 
Bezugsziffer für den neuen Monat übernommen, so ist jedoch nachträglich 
der Buchungsvermerk einzureichen, wenn beim Verlag nicht eine Dauer¬ 
bestellung oder eine Bestellung „bis auf weiteres“ gemeldet ist. 

Solche Dauerbestellungen (für das Rechnungsjahr) oder Bestellungen 
„bis auf weiteres“ empfehlen sich für kleinere Anstalten, die einzelne 
Stücke oder eine gleichbleibende Anzahl von Stücken für längere Zeit 
fest beziehen. In diesen Fällen erübrigt sich die monatliche Meldung. 
Bei solchen Bestellungen ist jedoch ausdrücklich zu bestätigen, daß die 
Verbuchung der Bezugsgelder ordnungsgemäß allmonatlich erfolgt. 



74 


Die Lieferung wird bei kleinen Bezugsziffem durch das Post¬ 
zeitungsamt durchgeführt, und zwar als Abholstücke. Die Zeitungen 
müssen also an jedem Freitag bzw. Sonnabend bei der Post abgeholt werden. 
Für Anstalten, die ihre Post nicht abholen, können die Zeitungen auch 
als Bestellstücke geliefert werden, die durch den Briefträger wöchentlich 
zugestellt werden. In diesem Falle ist jedoch das monatliche Bestellgeld 
von 6 Sißf pro Zeitung von den Beziehern mitzuvereinnahmen und zu 
verbuchen und dem Verlag die erfolgte Verbuchung zu melden. Für solche 
Bestellstücke sind also insgesamt 10 + 6 ^ — 16 ^ pro Zeitung und 
Monat zu vereinnahmen. Nur wenn die Bestätigung hierüber vorliegt, 
kann die Einweisung der Zeitung als Bestellstück und die Bezahlung des 
Bestellgeldes vom Verlag an die Post erfolgen. 

Für alle Bezieher mit größeren Bezugszahlen (je nach Postzone, 
Postgut- oder Paketort verschiedene Mindestziffem) erfolgt die Lieferung 
aus Ersparnisgründen durch Postpaket oder als Postgut. 

Die Zeitungsgebühren für die durch das Postzeitungsamt versandten 
Stücke sowie die Paket- und Postgutgebühren werden vom Verlag 
getragen. 

Direkte Bestellungen durch Anstaltsinsassen beim Verlag sind 
unzulässig und können stets nur an die Anstalt zurückverwiesen werden. 
Bestellungen können also nur durch die Anstalt erfolgen, in der sich der 
Bezieher befindet. Dies gilt auch für Nachbestellungen früherer Nummern. 
Solche Nachlieferungen können an Bezieher, die den „Leuchtturm“ durch 
das Postzeitungsamt erhalten, nur als Drucksache versandt werden, wofür 
das erforderliche Porto mitzuverbuchen und die erfolgte Verbuchung von 
Bezugsgebühr und Porto bei der Bestellung zu bestätigen ist. (Porto für 
1 Nummer: 4 für 2 Nummern: 8 für 3—6 Nummern: 15 
für 7—13 Nummern: 30 darüber hinaus 40 Bei Paketbeziehem 

wird die Nachlieferung, wenn Porto nicht verbucht ist, dem nächsten 
Wochenpaket beigefügt. Einsendung von Marken für Bestellungen und 
Nachbestellungen ist unzulässig, da die Strafanstaltskasse Plötzensee 
nicht zur Vereinnahmung solcher Beträge befugt ist. Die Marken müssen 
also in jedem Falle wieder zurückgesandt werden- Es empfiehlt sich, 
bei Nachbestellungen vorherige Anfrage über die Lieferbarkeit der 
Nummern an den Verlag zu richten, da einige Nummern bereits vergriffen 
sein könnten. 

Die durch das Postzeitungsamt belieferten Anstalten werden darauf 
aufmerksam gemacht, daß für pünktliche und vollzählige Belieferung 
stets die Post zuständig ist. Beanstandungen sind also sofort bei Empfang¬ 
nahme der Zeitungen auf der Postzeitungsstelle anzubringen, die für die 
Abstellung etwaiger Mißstände und postwendende Nachlieferung fehlender 
Nummern Sorge trägt. Eine Benachrichtigung des Verlages ist also weder 
erforderlich noch zweckdienlich, weshalb solche Reklamationen in Zukunft 
unberücksichtigt gelassen werden müssen. Nur Beanstandungen der 
Paketbezieher sind an den Verlag des „Leuchtturm“ beim Strafgefängnis 
Berlin-Plötzensee zu richten. 

Über alle Fragen, die den Zeitungsbezug betreffen, erteilt der Verlag 
gern Auskunft. 

Wenn in vorstehenden Ausführungen ein umfassendes Bild entworfen 
wurde vom Werdegange der Gefangenenzeitung bis zu ihrer jetzigen 
Gestalt als Reichs-Gefangenenzeitung und abschließend noch ein Blick 



75 


in den technischen Geschäftsgang des Betriebes eröffnet wurde, so geschah 
dies einesteils, um interessierten Kreisen das Ergebnis zehnjährigen 
Schaffens zu unterbreiten, andemteils aber, um weitgehendes Interesse 
für die Arbeit an einer verantwortungsvollen aber schönen Aufgabe zu 
erwecken. 

Mit Ausgang des Jahres 1941 beschließt „Der Leuchtturm“ ein 
Jahrzehnt erfolgreichen Wirkens in Berlin-Plötzensee. Das zweite Jahr¬ 
zehnt findet uns bereit zu vollstem Einsatz, und es wird auch im neuen 
Zeitabschnitte dankbar begrüßt werden, wenn sich zu bereitwilliger 
Unterstützung unserer Arbeit weitere Kräfte mobilisieren. 


Die Lichtbildstelle 
in den Justizvollzugsanstalten 

Eine Anregung zur Herstellung brauchbarer Lichtbilder für die kriminal¬ 
biologischen Untersuchungsstellen und zur Kennzeichnung der Person des 

Gefangenen 

von Hermann Pflüger, Oberlehrer beim Straf gef ängnis Wolfenbüttel. 

Während in den Justizvollzugsanstalten bisher Lichtbilder von Gefan¬ 
genen im allgemeinen nur im Rahmen der kriminalbiologischen Unter¬ 
suchungen hergestellt wurden, fordert die Nr. 46 Abs. 1 in der Straf¬ 
vollzugsordnung vom 22. 7. 1940 die ergänzende Kennzeichnung der Person 
des Gefangenen durch Lichtbilder bei einer Vollzugsdauer von mehr als 
einem Jahr mindestens dann, wenn sich bei der Vollzugsanstalt eine 
kriminalbiologische Untersuchungsstelle befindet. Diese Beschränkung auf 
Anstalten, die bereits über eine Lichtbildstelle verfügen, ist inzwischen 
durch die Verfügung des Herrn Reichsministers der Justiz über Lichtbild¬ 
aufnahmen von Gefangenen vom 10. 2. 1941 (4430 — III si 2239/40) 
gelockert. Die in Frage kommenden Lichtbiider müssen selbstverständlich 
in der Vollzugsanstalt selbst aufgenommen und auch in eigener Dunkel¬ 
kammer verarbeitet werden; denn es wird sich in der Praxis nicht ver¬ 
meiden lassen, daß bei Beauftragung eines ortsansässigen Photographen 
Mißbrauch mit den Aufnahmen getrieben wird, da dieser die Verarbeitung 
ja im allgemeinen Laboranten oder Laborantinnen überlassen wird. (Ich 
denke dabei besonders an den zu erwartenden Mißbrauch von den für die 
kriminalbiologischen Untersuchungen notwendigen Nacktaufnahmen.) Es 
werden also in Zukunft noch viele Vollzugsanstalten an die Errichtung 
einer eigenen Lichtbildstelle herangehen müssen. Um diesen Anstalten 
unnötiges Experimentieren zu ersparen und sie vor kostspieligen Fehl¬ 
schlägen zu bewahren, möchte Verfasser einige Anregungen geben, die 
selbstverständlich keine gute Photoschule ersetzen können, aber s. E. eben 
vor entmutigenden Anfangsmißerfolgen behüten sollen und somit Mut 
machen können zur Beschäftigung mit dem für die Durchführung des Straf¬ 
vollzugs notwendigen Gebiet der Lichtbildnerei. Da Verfasser aber auch 
schon manches unbrauchbare Bild gesehen hat, das in bereits bestehenden 
Lichtbildstellen entstanden ist, hofft er auch diesen Bildstellenleitem mit 
seinen Anregungen zu dienen. 



76 


Ein gfutes, also für die geforderten Zwecke (Erkennungsdienst und 
Forschung) brauchbares Lichtbild kann nicht bei Benutzung unzuläng¬ 
licher Hilfsmittel entstehen. Voraussetzungen für das Gelingen g^ter 
Bilder sind: 

1. ein interessierter Bildstellenleiter, 

2. eine zweckmäßig eingerichtete Dunkelkammer, 

3. ausreichende Hilfsmittel. 

Es wäre sinnlos, wollte man einen beliebigen Beamten zum Bild¬ 
stellenleiter machen und dessen etwaige Bedenken durch den Hinweis 
besänftigen, es werde sich wohl jeweils unter den vielen Gefangenen einer 
finden, der etwas vom Photographieren verstände. Den „passenden“ 
Gefangenen finden wir auf Nachfrage immer: Wer schon einmal einen 
Schraubenschlüssel in der Hand gehabt hat, ist — wenn er einen Druck¬ 
posten wittert — Techniker oder gar Ingenieur. Und wer schon mal 
zufällig mit auf ein Gruppenbild kam, ist gegebenenfalls gelernter Photo¬ 
graph. Die Bilder wären schon darnach! Ich kann mich des Eindrucks 
nicht erwehren, daß die beobachteten untauglichen Bilder derartigen 
„Photographen“ ihre Entstehung verdanken. Grundsätzlich sei gesagt: 
Da es sich bei unseren Aufnahmen um Personal- und vertrauliche An¬ 
gelegenheiten handelt, bei denen jeglicher Mißbrauch unter allen Um¬ 
ständen vermieden werden muß, darf ein Gefangener weder Aufnahme, 
noch Abzug, noch Vergrößerung machen. (Gegen Hilfeleistung durch 
einen zuverlässigen Gefangenen — Ansetzen der Bäder, Wässern, Trock¬ 
nung — dürften jedoch keine Bedenken bestehen.) Der Bildstellenleiter 
sei sich bewußt: Läßt er die Arbeit durch Gefangene machen, so ist die 
Güte der von ihm abgelieferten Bilder infolge des Wechsels der Gefangenen 
dauernden Schwankungen unterworfen und er ist gezwungen, Bilder ab¬ 
zugeben, mit denen er sich anstelle des anonymen Gefangenen blamiert. 
Da jedoch das Photographieren heute längst Volkssache geworden ist, 
dürfte es darum nicht schwer fallen, unter 60—100 Beamten einer Anstalt 
den geeigneten zu finden, d. h. einen Beamten, der zunächst Lust und Liebe 
zur Lichtbildkunst besitzt und unter Umständen gar schon einige Vor¬ 
kenntnisse in der Entwicklungstechnik hat. 

Als Dunkelkammer ist jeder Raum ungeeignet, der daneben noch 
anderen Zwecken dienen soll. Wenn es einen Raum gibt, in dem alles 
seinen festen Platz hat, wo man buchstäblich alles im Dunkeln findet, wo 
peinlichste Sauberkeit herrscht, dann muß das unsere Dunkelkammer sein. 
Zur Verdunkelung sei gesagt: sie muß restlos sein bei Tür und evtl. 
Fenstern. Der kleinste durchfallende Lichtstrahl kann uns die besten 
Aufnahmen verderben! Aber Verdunklungstechniker sind wir ja heute alle, 
so daß wir hierüber kein Wort weiter zu sagen brauchen. Ganz besonders 
wichtig ist Wasseranschluß in der Dunkelkammer; denn mit Wasser müssen 
wir „aasen“ können. Es sei gleich hier betont: Wassersparen geschieht 
auf Kosten der Haltbarkeit der Bilder! Unter dem Wasserhahn soll sich 
ein möglichst großes, flaches Becken mit verschließbarem Abfluß im 
Boden befinden. Weiter sind zwei Tische erforderlich, und zwar einer 
neben dem Was.serbecken für die Entwicklungsarbeiten; den anderen stelle 
man für Vergrößerungs- und Kopierarbeiten auf der gegenüberliegenden 
Seite auf, damit das Photopapier nicht durch Chemikalienspritzer oder 
Feuchtigkeit verunreinigt wird, über dem Entwicklertisch bringe man 
mindestens zwei Lampenfassungen an für weißes und farbiges (rot, grün, 
orange) Licht oder eine Speziallampe mit auswechselbarem Filter. 



77 


Wenn unsere Bildstellen auch nicht Anforderungen gerecht zu werden 
brauchen, die an einen Berufsphotographen gestellt werden, so kommen 
wir auch hier nicht um eine Reihe wichtiger Hilfsmittel herum, die ich 
im folgenden aufführe: 

1 Aufnahmeapparat 
1 Stativ 

1 optischer Belichtungsmesser 
1 Vergrößerungsapparat 
1 Vergrößerungskassette 

1 elektrisches Hochglanz-Heizgerät mit Chromfolie 
(Größe etwa 36X42 cm) 
je 1 Glas- und Porzellanschale 9X12 cm 
je 1 Glas- und Porzellanschale 18X24 cm 

1 Tageslichtentwicklerdose für Filme 6X9 cm 

1 Dutzend Holzklammem 

2 Pinzetten 

1 Mensur (100 g) 

1 Glastrichter 
1 Rollenquetscher 

3 braune Literflaschen mit eingeschliffenen Stopfen 
1 gleiche 500g-Flasche 

50—100 Glaskugeln (Marmelgröße) 

1 Thermometer 
1 Aufnahmeschirm. 

Besonderes Kopfzerbrechen könnte bei der Beschaffung dieses Mate¬ 
rials die Wahl des Aufnahmegerätes machen. Nicht der Hobel macht den 
Tisch, sondern die Hand, die ihn führt. Wir brauchen für unsere Zwecke 
keinen sehr teuren Apparat, wde ich anderseits aber alich von der Beschaf¬ 
fung eines ganz billigen abraten möchte. Soll es eine Rollfilm- oder 
Plattenkamera sein? Diese hat neben der Scharfeinstellungsmögliohkeit 
auf der Mattscheibe den Vorzug, daß jede Aufnahme gleich entwickelt 
werden kann, jedoch den Nachteil, daß Platten teurer als Filme sind und 
sich nicht so einfach und übersichtlich aufbewahren lassen wie Filme. Die 
Rollfilmkamera kann zwar aus Ersparnisgründen hin und wieder zwingen, 
mit der Entwicklung zu warten, „bis der Film voll ist“, auch fehlt ihr ja 
die Mattscheibeneinstellung. Und doch rate ich zur Beschaffung einer 
solchen. Das Wartenmüssen läßt sich gut dadurch vermeiden, daß man 
mit den Aufnahmen wartet, „bis es sich lohnt“, also etwa ein- oder zweimal 
im Monat die zu photographierenden Gefangenen vorführen läßt. Das 
Mattscheibenproblem lösen wir — und dazu rate ich dringend in Hinsicht 
darauf, daß sich meine Ausführungen bewußt an Anfänger und Laien 
wenden — durch den Erwerb einer Spiegelreflexkamera 6X6, die ja die 
Scharfeinstellung spielend leicht gestattet, deren Sucherbild genau so groß 
ist vde das Aufnahmebild und die mit einem Film zwölf Aufnahmen ermög¬ 
licht. Und wenn man gar eine Rolleiflex oder Rolleicord, die mit Platten¬ 
adapter ausgerüstet sind und daher beliebig Platten- oder Filmverbrauch 
gestatten, erwerben kann, dann erscheint mir das für unsere Zwecke als 
Ideallösung. Wenn in der oben angeführten Verfügung des RJM die 
Beschaffung von Rollfilm- oder Packfilmapparaten 6X9 gefordert wird, 
so verkennt Verfasser nicht, daß der Geübte selbstverständlich auch mit 
diesen Apparaten zu guten Ergebnissen kommen wird. Seine Propagierung 
der Spiegelreflexkamera geschieht aus dem Wunsche, auch dem größten 
Laien — und das werden zunächst sehr viele sein — die Arbeit von vom- 



78 


herein so leicht we möglich zu machen. (Unter Umständen kann dieser 
oder jener Vollzugsanstalt durch ihre Staatsanwaltschaft ein in einem 
Strafprozeß eingczogener Apparat zugewiesen werden.) 

Auch ein Vergrößerungsgerät ist für unsere Arbeit unerläßlich; denn 
auch bei Benutzung der 6X9 Kamera ist die Vergrößerungstechnik der der 
Kontaktabzüge vorzuziehen. (Zur Ermutigung sei vorweggesagt, daß Ver¬ 
größerungen nicht schwieriger herzustellen sind als Kontaktabzüge. Aus 
diesem Grunde verzichtet Verfasser in seinen weiteren Au.sführungen auf 
die Erläuterung der Kontaktarbeit.) Da wir für die verschiedenen 
Zwecke der kriminalbiologischen Untersuchungen und des Erkennungs¬ 
dienstes verschiedenes Bildformat benötigen, und zwar 6X9 und 9X16 
minde.stens für jene und 6X9 für diesen, wären wir bei Beschränkung auf 
Kontaktabzüge gezwungen, vermehrte Aufnahmen zu machen, die wiederum 
nur möglich wären mit einer Plattenkamera 13X18. Das bedeutet zunächst 
kostspieligen Plattenmaterialverbrauch. Anderseits wäre man zum 
mindesten bei den Großaufnahmen genötigt, dicht an die aufzunehmende 
Person heranzugehen; dadurch entstehen aber leicht verzerrte Projektionen 
(dicke, den Gesichtsausdruck entstellende Nasen usw.), die die Bilder für 
unsere Zwecke unbrauchbar machen. Bei Benutzung eines Vergrößerungs¬ 
gerätes vermeiden wir nicht nur diese Nachteile, sondern wir können mit 
billigem Filmmaterial beispielsweise durch eine einzige Vorderansicht¬ 
ganzaufnahme diese auf jede gewünschte Größe bringen und außerdem 
das erforderliche Brustbild herausvergrößem. Die Wahl des Vergröße¬ 
rungsgerätes ist abhängig von der Negativgröße; also bei Aufnahmen mit 
einer Spiegelreflex 6X6 benutze man gleichfalls das Format 6X6. Steht 
nur eine mittlere Preissumme (etwa 50 bis 70 <^Ä) zur Verfügung, ent¬ 
schließe man sich am besten für ein Handeinstellgerät und verzichte auf 
automatische Elinstellung. Warum, das bleibe hier unerwähnt. Jedenfalls 
hat ein solches Gerät einen höheren Gebrauchswert, und darauf kommt es 
uns hier an. 

Mancher mag glauben, man könne auf einen Belichtungsmesser ver¬ 
zichten, da man bei einiger Übung die Belichtung doch bald im Gefühl 
habe. Vielleicht hat mancher Glück und kommt mit verhältnismäßig 
wenig Ausschuß davon. Da uns aber für unsere Photoarbeiten im all¬ 
gemeinen wenig Zeit zur Verfügung stehen wird, wollen wir in dieser 
Hinsicht jeden Ausschuß von vornherein vermeiden. Außerdem erreichen 
wir durch die Benutzung eines Belichtungsmessers gleichmäßige Negative, 
wodurch wir auch bei der Vergrößerungsarbeit wieder viel Zeit ersparen 
(s. weiter unten). Da der Meßbereich eines optischen Belichtungsmessers 
vor allen Dingen im Zimmer viel größer ist als der eines elektrischen, 
rate ich zu dem optischen Gerät, das außerdem erheblich billiger ist. 

Bei unserem Aufnahmezweck kommt es uns auf größtmögliche 
Schärfe der Bilder an. Diese wird neben dem selbstverständlich scharfen 
Negativ erreicht durch Verwendung von Hochglanzpapier, dessen äußersten 
Glanz auch nur ein Hochglanztrockengerät herausholt. 

Eine Begründung für die Notwendigkeit der Beschaffung der übrigen 
aufgeführten Hilfsmittel dürfte sich m. E. erübrigen. Erwähnt sei nur 
noch der Aufnahmeschirm! Vor diesem soll der Gefangene aufgenommen 
und somit ein störender Hintergrund vermieden werden. Es genügt dazu 
ein 2X2 m großer, auf Füßen stehender Rahmen, der mit geschwärzten 
Säcken bespannt ist. Zur Kennzeichnung der Größenverhältnisse kann 
außerdem eine Meßlatte angebracht werden. 



79 


Da wir in unserer Bildstelle gut und billig arbeiten wollen, ver¬ 
zichten wir auf die käuflichen Entwickler und Fixierbäder. Ich rate vor 
allen Dingen dem Anfänger, nicht mit dem Entwickler zu wechseln. Er 
arbeite sich auf einen brauchbaren Entwickler ein und — um ihn stets 
frisch zu haben — setze ihn selbst an! Mit der Beschaffung der folgenden 
Chemikalien ist man auf lange Zeit ausreichend versorgt: 

50 g Metol 100 g Borsäure 

100 g Hydrochinon 100 g Bromkalium 

2 kg Natriumsulfit (krist.) 2 kg Fixiematron 

2 kg Soda 500 g Natriumbisulfit 

100 g Borax 100 ccm Eisessig. 

Für die Entwicklung unserer Filme setzen wir folgenden Entwickler 
an, indem wir die Chemikalien in der angegebenen Reihenfolge lösen und 
dann die Literflasche mit Wasser nachfüllen: 

2 g Metol 8 g Borax 

200 g Natriumsulfit (krist.) 8 g Borsäure (krist.). 

5 g Hydrochinon 

In dieser Menge Entwickler können mindestens acht Filme 6X9 hervor-' 
gerufen werden, vorausgesetzt, daß die Flasche stets gefüllt gehalten wird. 
(Den jeweiligen Entwicklerverlust gleicht man durch Glaskugeln aus, die 
man in die Flasche wirft!) 

Der Entwickler für Papiere wird wie folgt zusammengesetzt: 

4 g Hydrochinon 80 g Soda 

3 g Metol 114 g Bromkalium. 

60 g Natriumsulfit 

Wie oben auf 500 ccm mit Wasser auffüllen! 

Zum Gebrauch mischt man von dieser Lösung einen Teil mit drei 
Teilen Wasser, also etwa 50 ccm Lösung mit 150 ccm Wasser. Diese 
Gebrauchslösung schütte man nach dem Gebrauch fort; es hat keinen 
Zweck sie aufzuheben. (Vorratslösung ebenfalls stets in hochgefüllter 
Flasche aufbewahren!) 

Zum Fixieren der Filme und Papiere gebrauchen wir folgendermaßen 
angesetztes „Saures Fixierbad“: 

1000 ccm Wasser, 200 g Fixiematron, 20 g Natriumbisulfit. 

Da das saure Fixierbad das billigste Bad ist, spare man nicht damit; denn 
hiermit sparen, geschieht auf Kosten der Haltbarkeit der Bilder. Immerhin 
lassen sich in einem Liter mindestens 12 Filme 6X9 oder 400 bis 500 
Vergrößerungen 6X9 oder 100 bis 125 Vergrößerungen 13X18 ausreichend 
fixieren. 

Schließlich brauchen wir noch ein 2—3%iges Eisessigbad (10—15 ccm 
Eisessig auf 500 ccm Wasser). 

Gehen wir so vorbereitet an die praktische Aufnahmearbeit heran, 
so wird die gehabte — gewiß nicht große — Mühe uns reichlich durch gute 
Bilder entschädigen. Aber auch für diese weitere Arbeit möchte Verfasser 
noch einige Winke aus der Praxis für die Praxis geben. 

Man stelle oder setze — je nachdem, ob Ganzaufnahme oder Brust¬ 
bild geplant — den Gefangenen vor einen ruhigen Hintergrund (Aufnahme¬ 
schirm) und stelle den Photoapparat (hier Format 6X6 mit Brennweite 
7,5 angenommen) mit Stativ bei der Ganzaufnahme etwa 2,75 m, beim 
Brustbild mindestens 1,50 m (Verzerrungsgefahr!) entfernt auf. Da wir 
im Zimmer wegen der Lichtverhältnisse und aus bewußtem Verzicht auf 
größere Tiefenschärfe (das ist die erreichte Bildschärfe vor und hinter 
der Einstellentfemung) mit möglichst großer Blende (etwa 4,5) arbeiten 



80 


wollen, hat die Scharfeinstellung, also die Einstellung des Apparates auf 
die genaue Entfernung vom Aufnahmeobjekt, mit größter Sorgfalt zu 
erfolgen. Wie bereits schon enn'ähnt, ist das bei einem gewöhnlichen Roll¬ 
filmapparat, der ja keine Mattscheibe hat, sondern nur über eine Me߬ 
skala, die gute Übung im Entfernungsschätzen voraussetzt, und einen 
kleinen Sucher, der besonders bei Nahaufnahmen sehr ungenau ist, verfügt, 
nicht ganz leicht, bei der oben erwähnten Spiegelreflexkamera jedoch Sache 
weniger Sekunden. Falsche Entfemungseinstellung gibt, vor allem bei 
großer Blende, totsicher unscharfe und damit für uns unbrauchbare Bilder. 
Mit dem Belichtungsmes.ser treten wir auf etwa 0,75 m an den Gefangenen 
heran, indem wir beim Durchblicken das Meßgerät auf das Gesicht oder 
die Haut des entblößten Körpers richten. Bei genauer Beachtung der 
Gebrauchsanweisung können wir jetzt die erforderliche Belichtungszeit ab¬ 
lesen, allerdings auch nur unter Beachtung der Empfindlichkeit des ver¬ 
wendeten Films. (Um durch möglichst kurze Belichtung der Verwacklungs¬ 
gefahr vorzubeugen, empfehle ich die Verwendung von 21/10 ® Din- oder 
mindestens ’Vio “ Din-Panfilmen.) Die gemessene Belichtungszeit ver¬ 
doppeln wir ( 21/10 ® Din-Filme geben genügend feines Kom nur bei ver¬ 
kürzter Entwncklungszeit, die wiederum nur bei vorheriger Überbelichtung 
einwandfrei gedeckte Negative erzielt) und stellen diese am Verschluß des 
Apparates ein. Nun kann „geknipst“ werden, wobei wir nur noch auf 
eine ruhige Haltung der aufzunehmenden Person zu achten brauchen. Bei 
Reihenaufnahmen das Weiterdrehen des Films nicht vergessen! Den be¬ 
lichteten Film können wir nun bei Tageslicht aus dem Apparat heraus¬ 
nehmen und spannen ihn in die Entwicklerdose (Gebrauchsanweisung 
genau beachten!). 

Die weitere Arbeit geschehe in der Dunkelkammer! Nachdem wir 
mit dem Thermometer die Wärme des Entwicklers geprüft haben, bringen 
wir ihn, falls die Temperatur niedriger als 18 <> C liegt, durch langsame 
Erwärmung auf dem Heizkörper der Dunkelkammer auf die für einwand¬ 
freie Entwücklung unbedingt notwendige Wärme von 18 <>, höchstens 19 ® C, 
bei Übertemperatur durch Abkühlung unter fließendem Leitungswasser. 
Den richtig temperierten Entwickler gießen wir in der in der Gebrauchs¬ 
anweisung vorgeschriebenen Menge in die Entwicklerdose und entwickeln 
unter häufiger Bewegung 11 bis 12 Minuten. Diese Entwicklungszeit gilt 
für die folgenden bekannten Markenfilme: Bessapan SF, Isopan, Isochrom, 
Pancola, Panatomic und ähnliche. Bei Isopan ISS, Zeiß Ikon Panchrom 
6X9, Bessapan F, Peronnia, Kodak SS und ähnlichen entwickeln wir jedoch 
16 Minuten. (Die angegebenen Entwicklungszeiten vermehren wir nach 
je zwei Filmen um eine Minute.) Jetzt gießen wir den Entwickler in die 
Flasche zurück, spülen die Dose kurz mit Leitungswasser durch (Dose 
aber nicht öffnen! Es darf noch kein Licht auf den Film fallen!) und füllen 
sie mit dem sauren Fixierbad (18« Cü). Nach etwa 20 Minuten ist der 
Film, ebenfalls unter häufiger Bewegung der Flüssigkeit, ausfixiert. Er 
kann jetzt herausgehoben werden; zeigt er jedoch noch trübe, milchige 
Stellen, muß noch länger fixiert werden. Nach Abgießen des Fixierbades 
füllen wir die Dose für etwa eine Minute mit dem oben genannten zwei bis 
3%igen Eisessigbad. Dadurch werden etwa vorhandene Kalkspuren ent¬ 
fernt und die Filme geklärt. Auf das Klären folgt das sehr wichtige und 
gründliche Wässern: bei laufendem Wasser mindestens 30 Minuten, bei 
stehendem Wasser unter häufigem Wasserwechsel V,^ bis 2 Stunden! Nach 
dem ausgiebigen Wässern nehmen wir den Film vorsichtig so aus der 
Dose, daß die sehr weiche Schichtseite keine Schrammen erhält. Nachdem 



81 


wir an jedem Filmende eine Holzklammer befestigt haben, hängen wir 
ihn zum Abtropfen auf. (Aufwirbeln von Staub vermeiden, da die Staub¬ 
teilchen sonst auf der klebrigen Schicht haften bleiben und bei der späteren 
Positivarbeit erheblich stören!) Nach einigen Minuten gleiten wir mit 
einem angefeuchteten Stückchen Wildleder unter ganz leichtem Druck 
über beide Seiten des noch feuchten Films, um noch haftende Tropfen 
zu entfernen, die sonst beim Eintrocknen störende Flecke auf dem Negativ 
hervorrufen würden. Am nächsten Tage ist der Film für die Positiv¬ 
arbeit genügend getrocknet und gebrauchsfertig. Ich erwähne noch, daß 
die ganzen Entwicklungsarbeiten bei Verwendung einer Tageslichtent¬ 
wicklerdose bei gewöhnlichem Lampenlicht durchgeführt werden können. 
Aus sich hier erübrigenden Gründen rate ich — vor allem bei Panfilmen 
(grünes Licht nötig!) — von Schalenentwicklung ab. 

Für die Positivarbeiten setzen wir zunächst wieder unsere Bäder an, 
jedoch nehmen wir dieses Mal den Metol-Hydrochinon-Entwickler, der, wie 
oben beschrieben, mit Wasser im Verhältnis 1 :3 anzusetzen ist (18® C!). 
Das Fixierbad bleibt das gleiche wie bei der Filmentwicklung (18® C!). 
Um Verwechslungen zu vermeiden, gewöhnen wir uns daran, für den Ent¬ 
wickler stets die weiße Porzellanschale, für das Fixierbad die Glasschale 
zu benutzen; denn geringste Spuren von Fixiematron im Entwickler 
machen diesen unbrauchbar. — Den Film legen wir am besten unzer- 
schnitten in das Vergrößerungsgerät, und zwar mit der Schichtseite zum 
Objektiv gewandt. Die verstellbare Vergrößerungskassettef stellen wir auf 
das gewünschte Bildformat ein und nehmen die Scharfeinstellung des 
projizierten Bildausschnittes gemäß der dem Vergrößerungsapparat bei¬ 
gefügten Gebrauchsanweisung 'vor, und zwar nach Ausschaltung der 
Zimmerbeleuchtung Und unter alleiniger Benutzung der Lampe (75 bis 
100 Watt) des Geräts. Darnach schalten wir diese zunächst wieder aus 
und die Dunkelkammerlampe (orange!) ein. Denn das für Vergrößerungen 
notwendige Bromsilberpapier (gutes Markenpapier verwenden!) darf selbst¬ 
verständlich wegen seiner hohen Lichtempfindlichkeit nicht an weißes Licht 
gebracht werden, ist aber gegen das verhältnismäßig helle Orangelicht 
(etwa 1 m vom Licht entfernt bleiben!) unempfindlich. Da wir für den 
Erkennungsdienst zwar mit dem Format 6X9 auskommen werden, für 
die Kriminalbiologie jedoch auch andere Formate (9X16) benötigen, ist 
Beschaffung von Papier im Format 13X18 zu empfehlen, das sich bequem 
(natürlich nur bei Orangelicht!) zuschneiden läßt. (Dabei fallen einige 
Reste ab, die wir als „Probestreifen“ dringend benötigen.) Bei Gebrauch 
eines Belichtungsmessers bei der Aufnahme und bei Beobachtung der 
angegebenen Entwicklungsvorschriften werden wir normale Negative er¬ 
halten und darum bei der Positivarbeit auch mit normalem Papier aus¬ 
kommen. Die Beschaffung von weichem, extraweichem, hartem oder extra¬ 
hartem Papier kann also unterbleiben. Mithin Papier mit den Eigen¬ 
schaften normal, weiß, glänzend verwenden! Die einzige Schwierigkeit 
besteht für den Anfänger in der Ermittlung der richtigen Belichtungszeit 
für das Vergrößerungspapier. Ein hervorragendes Hilfsmittel ist der 
genannte Probestreifen. Diesen legen wir (dabei das am Vergrößerungs¬ 
gerät befindliche Rotfilter vor das Objektiv schalten!) auf das in die Ver¬ 
größerungskassette projizierte Bild, so daß helle und dunkle Stellen be¬ 
deckt werden, und belichten den Streifen (etwa 2 cm breit) einige Sekunden 
(natürlich jetzt mit weißem Licht). Der belichtete Probestreifen kommt 
nun in die Entwicklerlösung, von der er gut bedeckt und durch Bewegen 
der Schale gründlich bespült werden muß. Wenn nach etwa 30 Sekunden 


6 



82 


(richtige Temperatur und oben beschriebener Ansatz der Lösung voraus¬ 
gesetzt) die ersten Bildspuren aus dem Papier heraustreten, war die 
Belichtung richtig; kommen die Bildspuren erheblich früher oder später, 
so war zu lange (überbelichtet) oder zu kurz (unterbelichtet) belichtet, 
(Dann mit einem neuen Probestreifen und nun leicht zu schätzender Be¬ 
lichtungszeit einen weiteren Versuch machen!) Nach zwei Minuten (nicht 
später!) nehmen wir das Bild aus dem Entwickler, spülen in Wasser kurz 
ab und fixieren etwa 16—20 Minuten. Sowie sich das Bild einen Augen¬ 
blick im Fixierbad befindet, kann weißes Licht eingeschaltet werden. 
Erscheint unserem Geschmack das Bild jetzt noch zu hell oder zu dunkel, 
haben wir die Änderung der Belichtungszeit für das endgültige Bild noch 
in der Hand. Wir erkennen, daß wir bei einem Filmstreifen mit gleich¬ 
mäßig gedeckten Negativen nur einmal die Belichtungszeit zu ermitteln 
brauchen und schnell hintereinander unsere Vergrößerungen hersteilen 
können. Nach dem Fixieren werden die Bilder gründlich gewässert, und 
zwar in fließendem Wasser mindestens eine Stunde, andernfalls bei häufigem 
Wasserwechsel noch länger. Es bleibt uns dann nur noch das Trocknen 
der Bilder übrig, das wir in einem elektrischen Hochglanztrockengerät 
vornehmen: Während wir mit einem Rollenquetscher die ausreichend ge¬ 
wässerten, noch nassen Bilder auf die Chromhochglanzfolie quetschen, 
steht das Heizgerät zur Vorwärmung schon unter Strom. In das Heiz¬ 
gerät gebracht, trocknen die Bilder schnell und springen beim öffnen des 
Apparates (etwa nach 10—15 Minuten) mit hervoragendem Hochglanz 
versehen ab, so daß nur noch der weiße Rand (etwa 2—3 mm) zu be¬ 
schneiden bleibt. 

Es bleibt nun nur noch ein kurzes Wort über die Kosten zu sagen. 
Verfasser hat mit Freude festgestellt, daß durch die Verfügung des RJM 
für die Einrichtung der Bildstellen je ein Betrag von 300 zur Verfügung 
gestellt wird. Im Rahmen dieser Summe liegen die obigen eigenen Be- 
schaffungsvorschläge, so daß auch diese Frage keine Schwierigkeiten mehr 
machen dürfte. 

Zum Schluß sei nochmals betont, daß es nicht die Absicht des Ver¬ 
fassers war, mit seinen Ausführungen das Studium eines Photolehrbuches 
zu ersetzen. Er glaubt aber dennoch, daß es bei Erfüllung der gegebenen 
Anregungen den Bildstellenleitern ohne viel Mühe gelingen wird, brauch¬ 
bare Bilder herzustellen; darüber hinaus ist er überzeugt, daß durch die 
ersten gelungenen Aufnahmen das Interesse des Lichtbildners an seiner 
Arbeit stark gemehrt wird. Er wird dann aus sich heraus gern zu einem 
guten Lehrbuch greifen und die ihm nun liebgewordene Arbeit nicht wieder 
aus der Hand geben wollen. 


Allgemeine Verfügungen des RJM. 

Personaleinsatz im Kassendienst. AV. vom 1. 3. 1941 — Dt. Just. S. 309 —. 

Bestellung von Beamten des mittleren Dienstes, von Angestellten 
und Verwaltern von Gerichtszahlstellen und Gefangenenarbeits¬ 
zahlstellen zu Buchhaltern und Kassieren. 

Arbeitszeit nach Fliegeralarm. AV. vom 5. 3. 1941 — Dt. Just. S. 333 —. 
Regelung durch den örtlichen Behördenvorstand. 



Strafverfolgung, Strafvollstreckung und Vollstreckungshilfe bei An¬ 
gehörigen des Reichsarbeitsdienstes. AV. vom 5. 3. 1941 — Dt. Just. 
S. 335 —. 

Haushalt 1941 . AV. vom 10. 3. 1941 — Dt. Just. S. 337 —. Siehe hierzu 
Berichtigung Dt. Just. S. 405 (Arbeits- und Leistungsbelohnungen). 
Bekanntgabe der für die Justizbehörden in Betracht kommenden 
Kapitel, Titel und Unterteile aus den Einzelplänen IX, XII und 
XVII des Haushalts für 1941. 

Änderung der Durchführungsverfügung zu den Reisekostenbestimmungen. 
AV. vom 10. 3. 1941 — Dt. Just. S. 341 —. 

Vgl. Nr. 24 der Sonderveröffentlichungen der Deutschen Justiz. 

Änderung der DurchfUhrungsverfUgung zu den Umzugskostenbestimmungen. 
AV. vom 11. 3. 1941 — Dt. Just. S. 345 —. 

Vgl. Nr. 24 der Sonderveröffentlichungen der Deutschen Justiz. 

Vereinfachung des Steuerabzugs vom Arbeitslohn sowie Beseitigung von 
Härten beim Kriegszuschlag zur Einkommensteuer. AV. vom 18. 3.1941 
— Dt. Just. S. 369 —. 

Zusammenfassung der Lohnsteuer und des Kriegszuschlags zur 
Einkommensteuer (Lohnsteuer). Erleichterungen bei der Lohn¬ 
steuer-Abführung. Weitere Beseitigung von Härten beim Kriegs¬ 
zuschlag zur Lohnsteuer. 

Vergütungen (Entschädigungen) der Beamten der Vollzugsanstalten bei 
der Beschäftigung von Gefangenen außerhalb der Anstalt. AV. vom 
12. 3. 1941 — Dt. Just. S. 370 —. 

Festsetzung, Berechnung und Auszahlung der Beschäftigrungsvergütungen 
und Trennungsentschädigungen usw. AV. vom 15. 3. 1941 — Dt. 
Just. S. 370 —. 

Anwendung der Bestimmungen über die Gebührenablösung für Brief¬ 
sendungen der Reichsbehörden im Verkehr zwischen dem Protektorat 
Böhmen und Mähren und dem Reichspostgebiet. AV. vom 18. 3. 1941 
— Dt. Just. S. 372 —. 

Für die Reichsbehörden gilt der Vermerk „Frei durch Ablösung“ 
nunmehr sowohl im Verkehr zwischen dem Protektorat Böhmen 
und Mähren und dem Reichspostgebiet als auch im inneren Verkehr 
des Protektorats als Freimachung. 

Postdienst im Verkehr mit dem Protektorat Böhmen und Mähren, dem 
Generalgouvernement, den Niederlanden, Elsaß, Lothringen und 
Luxemburg. AV. vom 17. 3. 1941 — Dt. Just. S. 372 —. 

Hinweis, daß bisherige Anordnungen des Reichspostministers 
durch inzwischen ergangene, in den Amtsblättern des RPM. ver¬ 
öffentlichte Bekanntmachungen erweitert sind. Z. B.: Aufhe¬ 
bung der Gewichtsbeschränkung für Briefe, Zulassung der Be¬ 
förderung von Päckchen, Paketen, Postgut und Wertbriefen. 
Aufnahme des Postanweisungs-, Postüberweisungs-, Postscheck- 
und Postnachnahmedienstes. 

Errichtung eines Oberlandesgerichts in Kattowitz. AV. vom 22. 3. 1941 — 
Dt. Just. S. 395 —. 

Arbeitsverwaltungsordnung. AV. vom 26. 3. 1941 — Dt. Just. S. 395 —. 

Änderungen in den Mustern der AVO. infolge Zusammenlegung von 
Unterteilen bei Kap. 5 Titel 33 der fortdauernden Ausgaben des 
Haushalts 1941. 



84 


Beginn des Dienstverhältnisses bei Neueinstellung von Angestellten. AV. 
vom 19. 3. 1941 — Dt. Just. S. 396 —. 

Beginn mit dem Tage des Dienstantritts. Abweichend hiervon 
beginnt das Dienstverhältnis mit dem Monatsersten, wenn dieser 
Tag — ggf. auch der folgende — ein Sonntag oder Feiertag war. 
Einführung von Vordrucken zur Strafvollstreckungsordnung. AV. vom 
22. 3. 1941 — Dt. Just. S. 398 —. 

Eingeführt werden Vordrucke zu: Aufnahmeersuchen zum Straf¬ 
vollzug, Aufnahmeersuchen zum Verwahrungsvollzug, Ladungen 
zum Strafantritt und Ladungsnachrichten. 

Jugendstrafrecht und polizeiliches Strafverfügungsverfahren. AV. vom 
22. 3. 1941 — Dt. Just. S. 398 —. 

Änderung der Vorschriften für die Behandlung Jugendlicher im 
polizeilichen Strafverfügungsverfahren. 

Mitteilungen in Vollzugssachen. AV. vom 25. 3. 1941 — Dt. Just. S. 399 —. 

Zusammenstellung der wichtigsten Fälle, in denen die Vollzugs¬ 
anstalten allgemein verpflichtet sind, in Angelegenheiten des Voll¬ 
zuges andere Behörden, Stellen oder Personen durch Mitteilungen 
zu unterrichten. Weitere allgemeine Mitteilungspflichten können 
nur durch den Reichsminister der Justiz eingeführt werden. Ob 
ohne allgemeine Mitteilungspflicht um öffentlicher Belange willen 
Mitteilungen zu machen sind, entscheidet der Anstaltsleiter im 
Einzelfall. 

Nachweis der deutschblütigen Abstammung. AV. vom 31. 3. 1941 — Dt. 
Just. S. 427 —. 

Erleichterung des Nachweises. 

Geschäftliche Behandlung von Krankenscheinen der Krankenkassen. AV. 
vom 1. 4. 1941 — Dt. Just. S. 427 —. 

Die Gebühr für die Krankenscheine ist durch Verwendung und 
Entwertung besonderer Gebührenmarken zu entrichten. Bestim¬ 
mungen über die Durchführung der Beschaffung und geschäftliche 
Behandlung die.ser Marken. 

Ausübung der Anordnungsbefugnis bei Ausgaben des Jugendarrestvollzuges. 
AV. vom 31. 3. 1941 — Dt. Just. S. 428 —. 

Falls Feststellung im Einzelfall ohne unverhältnismäßige Schwie¬ 
rigkeiten möglich, übt VoUzugsleiter die Anordnungsbefugnis aus; 
sonst Regelung nach den allgemein geltenden Bestimmungen. 
Gefangenensammeltransporte. AV. vom 1. 4. 1941 — Dt. Just. S. 429 —. 

Hinweise zur Beseitigung von Schwierigkeiten und Mißhelligkeiten 
bei der Durchführung von Gefangenentransporten. 
Erholungsurlaub für das Urlaubsjahr 1941. AV. vom 7. 4. 1941 — Dt. 
Just. S. 459 —. 

Die Bestimmungen der AV. vom 7. 5. 1940 — Dt. Just. S. 543 — 
gelten auch für das Urlaubsjahr 1941. 

V/egfall der Erstattung von Einnahmen und Ausgaben zwischen den 
deutschen Justizbehörden im Protektorat Böhmen und Mähren und den 
Justizbehörden im übrigen Reichsgebiet. AV. vom 21. 4. 1941 — Dt. 
Just. S. 500 —. 

Insbesondere kommt nicht mehr in Betracht eine Erstattung von 
laufenden Bezügen und Entschädigung der Justizbediensteten, von 
Haftkosten für die Vollstreckung von Urteilen der im Protektorat 



85 


belegenen deutschen Gerichte in Vollzugsanstalten des übrigen 
Reichsgebiets oder von Urteilen der außerhalb des Protektorats 
belegenen Gerichte in den deutschen Gefängnisabteilungen des 
Protektorats, usw. 

Arbeitszeit der Behördenangehörigen. AV. vom 17. 4. 1941 — Dt. Just. 
S. 499 —. 

Aufhebung der Begrenzung der Arbeitsdauer. 

Vordrucke für Haushaltsüberwachungslisten. AV. vom 18. 4. 1941 — Dt. 
Just. S. 500 —. 

Gestaltung der Vordrucke wird künftig durch den Reichsmirdster 
der Justiz bestimmt. Die Vordrucke müssen der neuen Auf¬ 
gliederung des Haushalts (AV. vom 10. 3. 1941 — Dt. Just. S. 
337 —) entsprechen. 

Bestimmungen Uber die Versicherungsgrenze in der Krankenversicherung 
in den Reichsgauen der Ostmark und im Reichsgau Sudetenland. AV. 
vom 15. 4. 1941 — Dt. Just. S. 500 —. 

Hinweis auf die im Deutschen Reichsanzeiger und Preuß. Staats¬ 
anzeiger Nr. 38 von 1941 veröffentlichte Bestimmung des Reichs¬ 
arbeitsministers „zur Beachtung“. 

Vollstreckung mehrerer Freiheitsstrafen und Anrechnung der Verwahrungs¬ 
und Untersuchungshaft in den Reichsgauen der Ostmark. AV. vom 
16. 4. 1941 — Dt. Just. S. 501 —. 

Richtlinien für die Vollstreckung mehrerer Freiheitsstrafen und 
die Anrechnung der Verwahrungs- und Untersuchungshaft in den 
Reichsgauen der Ostmark. 

Vordrucke zur Strafvollstreckungsordnung. AV. vom 22. 4. 1941 — Dt. 
Just. S. 501 —. 

Die in Strafvollstreckungsangelegenheiten allgemein bestimmten 
Muster werden in einer einheitlichen Vordruckreihe („VollstrO.“) 
zusammengefaßt. Vgl. AV. vom 22. 3. 1941 — Dt. Just. S. 398, 
430 —. 

Aufhebung der Deutschen Dienstpost im Elsaß. AV. vom 24. 4. 1941 — Dt. 
Just. S. 523 —. 

Vom 1. 5. 1941 an keine besondere Kennzeichnung der Sendungen 
nach dem Elsaß. 

Einbehaltungsbeträge nach der Preuß. Einbehaltungsverordnung. AV. vom 
25. 4. 1941 — Dt. Just. S. 523 —. 

Erweiterung der Auszahlungsmöglichkeiten. 

Festsetzung und Regelung der Versorgungsbezüge. AV. vom 24. 4. 1941 
— Dt. Just. S. 523 —. 

Bekanntmachung der neuen Fassung der hierüber erlassenen 
Bestimmungen. 

Dreizehnte Änderung der „Richtlinien für das Strafverfahren“ und der 
„Mitteilungen in Strafsachen“. AV. vom 22. 4. 1941 — Dt. Just. 
S. 626 — 

Dienstverhältnisse der auf Privatdienstvertrag beschäftigten Gefolgschafts¬ 
mitglieder der Reichsjustizverwaltung. AV. vom 30. 4. 1941 — Dt. 
Just. S. 547 —, 



86 


Änderung der Strafvollzugsordnung. Geltung für die deutschen Justiz¬ 
behörden im Protektorat Böhmen und Mähren. AV. vom 30. 4. 1941 
— Dt. Just. S. 551 —. 

Nr. 183 Abs. 2 der StrafvO. i. d. Fassimg der AV. vom 5. 2. 1941 
(4300/1 — II a * 398) — Dt. Just. S. 222 — gilt auch für die 
deutschen Justizbehörden im Protektorat Böhmen und Mähren. 

Vordrucke für das Haushalts-, Kassen- und Rechnungswesen. AV. vom 
7. 5. 1941 — Dt. Just. S. 579 — 

Einführung neuer Vordrucke. 

Entrichtung von Beiträgen zur Reichsversicherung für nichtbeamtete 
Gefolgschaftsmitglieder, die während des besonderen Einsatzes der 
Wehrmacht zum Wehrdienst ■ einberufen sind. AV. vom 8. 5. 1941 
— Dt. Just. S. 579 —. 

Hinweis auf die im Reichsarbeitsblatt 1941 Teil II S. 134 ver- 
ötfentlichte Zusammenstellung des Reichsarbeitsministers (folgt 
Abdruck dieser Zusammenstellung). 

Erholungsurlaub. AV. vom 13. 5. 1941 — Dt. Just. S. 581 —. 
Beschränkung des Erholungsurlaubs auf 3 Wochen. 

Auszahlung der Urlaubsbezüge der invalidenversicherungspfUchtigen 
Gefolgschaftsmitglieder. AV. vom 14. 5. 1941 — Dt. Just. S. 603 —. 
Urlaubsbezüge der wöchentlich entlohnten invalidenversicherungs¬ 
pflichtigen Gefolgschaftsmitglieder (Lohnempfänger) am letzten 
Zahltag vor dem Beginn des Urlaubs. 

Annahme und Entschädigung der Geistlichen bei den Justizvollzugsan¬ 
stalten. AV. vom 14. 5. 1941 — Dt. Just. S. 603 —. 

Vereinheitlichung der Vorschriften über die Annahme und Ent¬ 
schädigung der nichthauptamtlichen Geistlichen bei den Justiz¬ 
vollzugsanstalten. 

Zuständigkeit in Bau- und Grundstücksangclegenheiten der Reichsjustiz¬ 
verwaltung. AV. vom 13. 5. 1941 — Dt. Just. S. 604 —. 

Zuständig sind hinsichtlich: 

a) der selbständigen Vollzugsanstalten und der ihnen angeglie¬ 
derten Ger .-Gefängnisse: der GStA. und der Vorstand der Voll¬ 
zugsanstalt, 

b) der Landgerichtsgefängnisse und der einer staatsanwaltschaft- 
lichen Zweigstelle angegliederten Gerichtsgefängnisse: der 
GStA. und der OStA., 

c) der einem Amtsgericht angegliederten Gerichtsgefängnisse: 
der OLGPr. und der Vorstand des Amtsgerichts, 

d) der Jugendarrestanstalten: der GStA. und der Vollzugsleiter, 

e) der sonstigen Arresträume zur Vollstreckung des Wochenend¬ 
karzers: die für das Gebäude nach dieser Verfügung sonst 
zuständigen Stellen. 

Berechnung und Einziehung der Haftkosten. AV. vom 21. 5. 1941 — Dt. 
Just. S. 630 —. 

Zweite Änderung der Strafvollzugsordnung vom 22. 7. 1940. AV. vom 
11. 6. 1941 — Dt. Just. S. 708 —. 

Änderung der Nr. 90 Abs. 3 Satz 3, 



87 


Personalnachrichten 

Beamte des höheren Strafvollzugsdienstes 

Ernannt: 

Regierungsrat G a y in Essen zum Oberregierungsrat in Köln, 
Regierungsrat M a r 1 o h zum Oberregierungsrat in Rawitsch, 
Oberpfarrer H e ß in Papenburg (Ems) zum Regierungsrat daselbst, 
Gerichtsassessor Dr. U n g e r in Berlin-Tegel zum Regierungsrat 
daselbst. 

Versetzt: 

Oberregierungsrat Dr. Graf in Brandenburg (Havel)-Görden an den 
Rechnungshof des Deutschen Reichs, 

Oberregierungsrat Schriever in Bremen nach Brandenburg 
(Havel) -Görden, 

Regperungsrat Dr. E ß w e i n in Mannheim als Staatsanwalt nach 
Offenburg, 

Regierungsrat Schnabel in Zwickau nach Chemnitz, 

Regierungsrat Knops in Wittlich nach Sonnenburg (Neumark), 
Regierungsrat Dr. Flöther in Neumünster als Erster Staatsanwalt 
nach Celle, 

Regierungsrat H ei d e r in Sonnenburg (Neumark) nach Siegburg, 
Regierungsrat Dr. Mayer in Siegburg nach Essen. 

In den Ruhestand getreten: 

Oberregierungsrat Dr. Koeblin in Freiburg (Breisg.), 
Regierungsrat Dr. L e w a r k in Halle (Saale). 

Beamte des gehobenen Vollzugs- und Verwaltungsdienstes. 

Ernannt: 

Verwaltungsoberinspektor Langenhan in Brandenburg (Havel)- 
Görden zum Verwaltungsamtmann in Berlin-Plötzensee, 
Verwaltungsoberinspektor Dahms in Brandenburg (Havel)-Görden 
zum Verwaltungsamtmann daselbst, 

Verwaltungsinspektor Möller in Gütersloh (StrGefL. Oberems) zum 
Verwaltungsoberinspektor in Dortmund, 

Verwaltungsinspektor Scharf in Remscheid-Lüttringhausen zum 
Verwaltungsoberinspektor daselbst, 

Verwaltungsinspektor Bisewski in Neisse zum Verwaltungs¬ 
oberinspektor in Teschen, 

Verwaltungsinspektor Stieglitz in Amberg zum Verwaltungsober¬ 
inspektor in Straubing, 

Verwaltungsinspektor Schuchardt in Gingen zum Verwaltungs¬ 
oberinspektor in Papenburg (Ems), 

Justizinspektor Menzel in Kassel zum Verwaltungsoberinspektor 
daselbst, 

Verwaltungsinspektor Krause in Brandenburg (Havel)-Görden 
zum Verwaltungsoberinspektor in Kalisch, 
a. pl. VInsp. S e g g e 1 k e zum Verwaltungsinspektor in Krone a. d. 
Brahe, 

a. pl. VInsp. Auer zum Verwaltungsinspektor in Kaiser-Ebersdorf, 
a. pl. VInsp. Trapp zum Verwaltungsinspektor in Potsdam, 



88 


a. pl. VInsp. Schewior zum Venvaltungsinspektor in Beuthen, 
a. pl. VInsp. Stach zum Verwaltungsinspektor in Krone a. d. Brahe, 
a. pl. VInsp. M ä r s c h zum Verwaltungsinspektor in Wuppertal, 
a. pl. VInsp. G n a t z k i zum Verwaltungsinspektor in Bautzen, 
a. pl. VInsp. Burghart zum Verwaltungsinspektor in Aichach, 
a- pl. VInsp. N e u 1 i n g e r zum Verwaltungsinspektor in Bernau 
(Bay.), 

a. pl. VInsp. Seidl zum Verwaltungsinspektor in München, 
Verwaltungssekretär Sieben in Naugard zum Verwaltungsinspektor 
in Stettin, 

Präfekt II. Klasse L a h o d a in Kaiser-Ebersdorf zum Verwaltungs¬ 
inspektor in Wien I, 

a. pl. VInsp. Peters zum Verwaltungsinspektor in Remscheid- 
Lüttringhausen, 

a. pl. VInsp. Ebel zum Verwaltungsinspektor in Waldheim (Sachs.). 
Versetzt: 

Verwaltungsoberinspektor Baumgartner in Wiener-Neustadt nach 
Stein (Donau), 

Verwaltungsoberinspektor Spanner in Wien II nach Wiener- 
Neustadt, 

Verwaltungsoberinspektor L a a s in Herford nach Essen, 
Verwaltungsoberinspektor Brinkhoff in Dortmund nach Herford, 
Verwaltungsinspektor Ladwig in Stettin nach Posen, 
Verwaltungsinspektor Dübbers in Breslau nach Berlin (RJM.), 
Verwaltungsinspektor Janetzki in Stendal nach Magdeburg, 
Verwaltungsinspektor Jansen in Magdeburg nach Stendal, 
Verwaltungsinspektor Barsch in Landsberg (Warthe) nach Berlin 
(Alt-Moabit), 

Verwaltungsinspektor Sieben in Stettin nach Wronke. 

In den Ruhestand getreten: 

Verwaltungsinspektor Beut in in Hamburg-Stadt, 
Verwaltungsinspektor Lamprecht in Berlin (Alt-Moabit). 

Ausgeschieden: 

Verwaltungsinspektor Hoffmann (Heinrich) in Wuppertal. 

Ärzte 

Ernannt: 

Lagerarzt Dr. Orth zum Regierungsmedizinalrat in Berlin-Plötzensee. 

Geistliche 

Versetzt: 

Pfarrer Heidkamp in Papenburg (Ems) nach Bochum, 
Oberpfarrer H e ß in Bruchsal nach Papenburg (Ems), 

Pfarrer Dr. Blank in Hannover nach Berlin-Tegel. 

Oberlehrer 

Ernannt: 

Lehrer Hillebrand (Heinrich) zum Oberlehrer in Herford. 

In den Ruhestand getreten: 

Studienrat Moritz in Freiburg (Breisg.). 

Verstorben: 

Oberlehrer H i 11 e b r a n d (August) in Remscheid-Lüttringhausen. 



89 


Schrifttum 

Bücher Inland 

Sichert, GrundzUge des deutschen Jugendrechts. Band 1 der Schriften zum 
Jugendrecht, herausgegeben von Sichert, Schaffstein, Wienacker, 
Deutscher Rechtsverlag Berlin — Leipzig — Wien, 1941, DIN A 5, 
148 Seiten, 6,— 

Der Verfasser geht von dem Streit über den Umfang des künftigen 
Jugendrechts aus und nimmt den Standpunkt ein, daß zum Jugendrecht 
nicht schlechthin alle den Minderjährigen betreffenden Bestimmungen 
gehören, sondern nur die Fragen, die sich mit der Erziehung der Jugend 
zur Gemeinschaft befassen, also zunächst allgemein das Jugendverfassungs¬ 
recht und im besonderen das Jugendschutzrecht, das Schulrecht, das 
Arbeitsrecht, das Jugendpflege recht und schließlich das Jugendstrafrecht. 

Der Verfasser gibt über diese Gebiete einen guten Überblick und ver¬ 
weist dabei auf die Rechtsquellen. Wegen Raummangels soll hier nur auf 
den Abschnitt über Jugendstrafrecht näher eingegangen werden. Er beginnt 
mit der Streitfrage, ob Strafe und Erziehung trennende oder ergänzende 
Maßnahmen sind. Er bekennt sich zu der Auffassung, daß beide Maßregeln 
ineinander übergreifen und sich gegenseitig durchdringen müssen. Er 
hält es für wichtig, daß künftig der Richter die Wahl zwischen „Strafe — 
Zuchtmittel — Erziehungsmaßnahmen“ hat, je nachdem ob die Straftat 
eine Sühne verlangt, was durch Strafe geschieht, oder ein kräftiges Schock¬ 
mittel erfordert, wozu die Zuchtmittel dienen, oder schließlich eine länger 
dauernde Behandlung nötig erscheinen läßt, was durch Erziehungsma߬ 
nahmen erreicht wird. Der Verfasser fordert, daß auch bei Halber¬ 
wachsenen (18. bis 21. Lebensjahr) die Möglichkeit geschaffen wird, die 
Anklage vor dem Jugendgericht zu erheben, hält aber im übrigen die 
bestehende Regelung für durchaus zweckmäßig. 

Eingehend beschäftigt er sich auch mit dem Jugendgefängnis. Er 
bemängelt die große Zahl der kurzen Freiheitsstrafen (77 % aller Fälle) 
und stellt die Forderung auf, daß Strafen unter drei Monaten nicht mehr 
verhängt, sondern durch andere Maßnahmen ersetzt werden sollen. Scharf 
spricht er sich auch gegen die Anwendung der bedingten Verurteilung 
bei Jugendlichen aus. Dagegen hält er Strafaussetzung eines Strafrestes 
für durchaus jugendgemäß. Er tritt für die unbestimmte Verurteilung 
ein und sieht darin ein Hauptkampfmittel gegen die Frühkriminalität. 

Im letzten Abschnitt werden Fragen des Strafregisters erörtert. 
Der Verfasser schlägt vor, die Löschungsfristen weiter zu verkürzen und 
nach italienischem Muster ein Rehabilitierungsverfahren (jedoch nur auf 
Antrag oder mit Zustimmung des Bestraften) einzuführen. 

Das Werk schließt mit einem sehr umfangreichen Schrifttums¬ 
nachweis, wodurch sein Wert noch erheblich gesteigert wird. Es bedarf 
kaum der Bemerkung, daß dieses Buch uneingeschränkt zur Anschaffung 
empfohlen werden kann. Dr. S t r u b e , Berlin-Moabit. 

Hemer, Jugendstrafrecht und Hitler-Jugend, Band 2 der Schriften zum 
Jugendrecht, herausgegeben von Sichert, Schaffstein, Wienacker, 
Deutscher Rechtsverlag, Berlin — Leipzig — Wien, 1941, DIN A 5, 
109 Seiten, 5,10 

Der Verfasser geht von den Gedanken aus, die Sichert in den „Grund- 
zügn des Deutschen Jugendrechts“ enUvickelt hat, und erörtert im ersten 



90 


Abschnitt das Jugendstrafrecht im allgemeinen und im zweiten Abschnitt 
die Hitler-Jugend in der Strafrechtspflege nach geltendem Recht. Sodann 
folgt im dritten Abschnitt ein Überblick über die Wünsche der HJ. für 
die künftige Gestaltung des Jugendstrafrechts. 

Der Verfasser lehnt jede unmittelbare Mitwirkung der HJ. beim 
Vollzüge krimineller Strafen ab, weil sie mit dem Ehrengedanken der HJ. 
unvereinbar ist. Wohl aber hält er es für wünschenswert, daß sich die 
Hitler-Jugend durch ihre Rechtsreferenten in gewisser Weise in den Voll¬ 
zug einschaltet, z. B. Einfluß auf die Auswahl der in den Jugend¬ 
gefängnissen zur Verfügping gestellten Lektüre nimmt. Er fordert ferner, 
daß künftig die Besetzung der Stellen des Jugendstrafvollzuges nur im 
Einvernehmen mit der HJ. erfolgt. 

Von dem Beginn und dem Ende der Freiheitstrafen will die HJ. 
Nachricht haben, damit sie vor der Rückkehr krimineller Jugendlicher 
in ihre Reihen gewarnt wird. Im Einzelfalle will sie auch die weitere Be¬ 
treuung nach der Strafverbüßung übernehmen, obwohl dies im allgemeinen 
der NSV. oder dem Jugendamt überlassen werden soll. 

In einem späteren Abschnitt lehnt der Verfasser folgerichtig den 
Gedanken ab, Schutzaufsichten dem HJ.-FHihrer zu übertragen. Denn 
Schutz- oder Erziehungaufsicht ist nicht ,^Ausfluß einer Erziehung in 
der Gemeinschaft“, worauf sich die HJ. beschränken will, sondern Hilfe 
bei der Familienerziehung, für die in erster Linie die Stellen der Straf- 
fälligenbetreuung, Jugendämter oder NSV. zuständig sein würden. 

Dagegen legt die Hitler-Jugend großen Wert darauf, am Strafver¬ 
fahren beteiligt zu werden. „Die Ermittlimgshilfe soll in den wichtigen 
Fällen stets und in allen anderen dann, wenn das Persönlichkeitsbild von Be¬ 
deutung ist, eine Stellungnahme der HJ. anfordem. Für diese Stellung¬ 
nahme wird allerdings nicht die Tat ausschlaggebend sein, sondern die 
sonstige Haltung und Leistung des Jugendlichen. Zu diesem Zwecke muß 
die Mitteilungspflicht der Staatsanwaltschaft künftig auf sämtliche Ver¬ 
fahren gegen Jugendliche, unabhängig von der HJ.-Zuständigkeit, aus 
gedehnt werden.“ 

Was über Strafregistrierung gesagt wird, deckt sich in den Grund¬ 
gedanken wieder mit den Ausführungen von Sichert im 1. Bande der 
Schriftenreihe. 

Die Fülle von wertvollen Gedanken, die auch dieses Buch enthält, 
macht allen an der Jugendstrafrechtspflege beteiligten Stellen die Be¬ 
schaffung erforderlich. 

ORR. Dr. S t r u b e , Berlin-Moabit. 

Der Staatsanwalt und sein Arbeitsgebiet. Von Oberstaatsanwalt Dr. K. 
Burchardi unter Mitwirkung von Staatsanwalt Dr. G. Klempahn 
(Sonderband der Schriftenreihe „Deutsches Gerichtswesen“). Deut¬ 
scher Rechtsverlag Berlin — Leipzig — Wien. 286 Seiten, kart. 8,70 MK. 

Mit ihrem Werke wollen die Verfasser, wie Burchardi in seinem Vor¬ 
wort sagt, Lust und Liebe für das Amt des Staatsanwalts in jungen Rechts- 
wahrern erwecken, „die entschlossen und besonnen, verantwortungsfreudig 
und diszipliniert, hart und gewandt sind und die den leidenschaftliche» 
Willen haben, für das staatspolitische Ziel unserer Strafrechtspflege, dei 
Schutz des deutschen Volkes, mit Hingabe zu kämpfen.“ Sie wollm 
den Neuling in den Aufgabenkreis und die Arbeitsweise des Staatsan¬ 
walts einführen, ihn bei der formellen und sachlichen Erledigung seijcr 
Amtsgeschäfte durch Ratschläge unterstützen, dem erfahrenen Stajts- 



91 


anwalt seine Arbeit erleichtern und dazu beitragen, die Arbeitsweise der 
Staatsanwaltschaften des Reichs zu vereinheitlichen. Dem entspricht, 
daß das Werk sich in Fassung und Wortgang allein nach den Erforder¬ 
nissen der Praxis richtet und von wissenschaftlicher Betrachtungs- und 
Darstellungsart sich bewußt femhält. In klarer und übersichtlicher 
Weise ist der reichhaltige Stoff geordnet und gegliedert, und in leicht 
faßlicher, flüssiger, hier und dort fast den Erzählerton streifender Sprache 
ist die Darstellung gehalten. An vielen Stellen sind Auszüge aus den 
„Richtlinien für das Strafverfahren“ oder andere Verwaltungsvorschriften 
wiedergegeben, an die sich die weiteren, aus reicher staatsanwaltschaft- 
licher Erfahrung geschöpften Ausführungen logisch anschließen, und zahl¬ 
reiche Beispiele erleichtern die praktische Verwertung der vorgetragenen 
Einzelheiten. Die Übersichtlichkeit der Darstellung wird dadurch erhöht, 
daß von Zitaten aus dem Schrifttum und der Erörterung von Streitfragen 
abgesehen und anstatt dessen schlechthin die von der reichsgerichtlichen 
Rechtsprechung vertretene Auffassung zu Grunde gelegt ist. 

So ist das Werk voll und ganz geeignet, die selbst gesetzten Zwecke 
zu erfüllen, und man möchte es fast bedauern, daß es nicht auch die kriegs¬ 
rechtlichen Vorschriften erfaßt hat. Denn wenn auch die im Vorwort 
geäußerte Meinung, daß sie den Krieg voraussichtlich nicht lange über¬ 
dauern werden, zutreffen mag, so bleibt doch anderseits die Tatsache, 
daß sie, aus Volksnotstand geboren, in einmaliger Weise dem Schutze des 
Volkes Rechnung tragen und die Bedeutung und Notwendigkeit einer 
starken und schlagkräftigen Strafrechtspflege sowie die für eine solche 
gegebenen Möglichkeiten besonders eindringlich erkennen lassen. 

Landgerichtsdirektor B u r c z e k , Berlin. 

Die Erpressungskriminalität im Bezirk des Landgerichts Wuppertal in 
den Jahren 1927 bis 1937. Von R. Schuster. Untersuchungen zur 
Kriminalität in Deutschland. Herausgegeben von Prof. Dr. von Weber. 
Heft 8. Jena 1940. Verlag der Fromannschen Buchhandlung Walter 
Biedermann. 72 Seiten. Preis 3,80 
Die vorliegende Arbeit über die Erpressungskriminalität im Land¬ 
gerichtsbezirk Wuppertal, dessen Bevölkerung sich auf ca 800 000 vor¬ 
wiegend in der Industrie beschäftigte Einwohner beziffert, ist auf den 
Ergebnissen der Praxis aufgebaut und als ein weiterer Stein in dem 
Mosaik der kriminalsoziologischen Einzelforschungen umso interessanter, 
als es sich bei der behandelten Erpressung in ihren drei Formen, d. h. die 
einfache Erpressung (§253 RStGB.), schwere Erpressung (§254) und die 
räuberische Erpressung (§ 255) nicht um ein Delikt handelt, das sich ein 
seitig gegen die Person oder gegen das Vermögen richtet, sondern — wenig¬ 
stens in sehr vielen Fällen — um ein Roheitsdelikt, das Vermögen und 
Freiheit verletzt oder verletzen will. 

Nach den zusammenfassenden Ergebnissen dieser Untersuchung, die 
in vier Hauptteilen die Tat der Erpressung, ihre Ursachen, die Täter der 
Erpressungen und die Strafen behandelt, hatten auf den Verlauf der 
Erpressungskriminalität während des elfjährigen Beobachtungszeitraums 
von 1927 bis 1937 einmal die Arbeitslosigkeit in den Jahren 1929 bis 
1932, sodann die nationalsozialistische Revolution entscheidenden Einfluß. 
Die Einwirkung der Wirtschaftslage auf die Erpressungskriminalität ist 
unverkennbar, denn das Hauptmotiv im Wuppertaler Bezirk, das 48 Täter 
von 114 Erpressern, deren erpresserische Motive bekannt waren, zur Er¬ 
pressung trieb, ist die unverschuldete, mit der Wirtschaftslage in engem 



92 


Zusammenhang stehende Notlage. Und so läuft auch die Zahl der Täter 
parallel zur Arbeitsziffer dieses Bezirks. Dem Hauptmotiv folgen — nach 
der Häufigkeit des Vorkommens geordnet — die Arbeitsscheu (46 Täter), 
die Gewinn- und Genußsucht (22), der Leichtsinn (19) und die Rachsucht, 
Eifersucht usw. (18). 

Die Ursachen der Erpressung sind in Umwelt und Anlage zu suchen. 
Bei den Tätern, die aus unverschuldeter Not die Erpressung begangen 
haben, waren fast ausschließlich Umweltseinflüsse die Ursache, bei den 
anderen Tätern hauptsächlich die Anlage. Das zeigt sich schon darin, 
daß von den 48 Nottätem nur — und zwar mit ganz geringen Strafen —, 
zehn vorbestraft sind, während z. B. die arbeitsscheuen oder aus Geld- und 
Genußsucht handelnden Täter durchweg erhebliche Vorstrafen aufzu¬ 
weisen haben. 

Was die Begehungsarten anbetrifft, ist die beliebteste und ertrag¬ 
reichste — am stärksten vertretene — Erpressungsart die Drohung mit 
sexuellem Hintergrund, in der die ganze Schmutzigkeit und Hinterhältig¬ 
keit des Erpressers zum Ausdruck kommt. Es folgt die Erpressung mit 
politischem Hintergrund. Diese beiden Erpressungsarten stellen die 
meisten Vorbestraften, nämlich 41 von insgesamt 58. 

Aus der Fülle des gebotenen statistischen Materials, das äußerst 
verständnisvoll verarbeitet und durch interessante Ausführungen inter¬ 
pretiert ist, seien noch die Angaben über die Höhe der durch Erpressungen 
entstandenen Vermögensschäden erwähnt, die oft recht beträchtlich waren. 
In einem Erpressungsfall mit sexuellem Hintergrund erreicht der Schaden 

einen Betrag von 15 000 0H(,\ r> r> o i- 

ORR. Dr. R o e s n e r, Berlin. 


IHe Eideskriminalität im Landgerichtsbezirk Duisburg von 1906 bis 1936. 
Von Friedrich Schmitz. Untersuchungen zur Kriminalität in 
Deutschland. Herausgegeben von Prof. Dr. von Weber. Heft 10. 
Jena 1941. Verlag der Fromannschen Buchhandlung- Walter 
Biedermann, 62 Seiten und 21 Zahlentafeln. Preis 3,60 0H(,. 

Obwohl der Eid und eidesgleiche Beteuerungen im Verfahrensrecht 
eine überragende Bedeutung haben und die Rechtspflege sich deshalb 
auf die Richtigkeit beschworener Aussagen weitgehend verlassen muß, 
sind praktische Untersuchungen über Meineide und Meineidige, die einen 
Einblick in die Rechtsbrüche auf diesem Gebiete gewähren, noch kaum 
erfolgt. Es sind in dieser Richtung eigentlich nur die Arbeit von 
Teich mann über „Meineidige und Meineidssituationen“ (siehe Heft XXI 
der von Prof. Exner herausgegebenen „Kriminalistischen Abhandlungen“) 
sowie 'die 1939 als Heft 3 der vorliegenden Schriftenreihe erschienene 
Untersuchung „Die Eidesverletzungen im Landgerichtsbezirk Eisenach 
in den Jahren 1900 bis 1936“ von Dr. Hillmann zu nennen. Allein 
schon aus diesem Grunde ist die Aufgabe, die Dr. Schmitz sich gestellt und 
äußerst geschickt gelöst hat, aufs lebhafteste zu begrüßen. 

Die Arbeit umfaßt fünf, zum Teil äußerst reich untergliederte Haupt¬ 
teile. Nachdem im Abschnitt A die Aufgabe, der untersuchte Bezirk, 
das bearbeitete Material und die Gesetzesbestimmungen besprochen sind, 
befaßt sich der Hauptteil B zunächst mit den Taten und behandelt im 
einzelnen den zeitlichen Verlauf der Eideskriminalität, die soziale Be¬ 
deutung der Eidespflichtverletzungen sowie die Einstellungen und Frei¬ 
sprüche. Abschnitt C ist den Strafen find der Strafverbüßung gewidmet, 
während im' Teil D die Täter Gegenstand der Untersuchung sind. 



93 


Das im letzten Abschnitt E zusammengefaßte Ergebnis der Unter¬ 
suchung über die Eideskriminalität im Landgerichtsbezirk Duisburg, der 
im Jahre 1936 rund 889 000, vorwiegend in der Industrie oder im Bergbau 
als Arbeiter oder Bergmann tätige Gerichtseingesessene zählte, kann, 
wie der Verfasser mit Recht hervorhebt, natürlich nur als Baustein im 
Rahmen weiterer Untersuchungen und der Reichskriminalstatistik ge¬ 
wertet werden, die schließlich insgesamt erst Aussagen über das Gesicht 
der Eideskriminalität in Deutschland gestatten. 

Bei den meisten der in dem rund dreißigjährigen Beobachtungs¬ 
zeitraum abgeurteilten Täter, deren Gesamtzahl sich auf rund 300 be¬ 
läuft, handelte es sich nach den Feststellungen des Verfassers nicht um 
einen Hang zur Kriminalität; zum großen Teil sind Eidespflichtverlet¬ 
zungen Konfliktskriminalität. Der Asoziale und Lügner, die als Täter¬ 
typen eine besondere Darstellung fanden (vgl. D, II, 1 und 4) stellen das 
eigentlich kriminelle Element, bei denen trotz Eides- oder „Ehren“notstand 
in der Mehrzahl, nur der vom Gesetz angedrohte hohe Zuchthausstrafrahmen 
die richtige Sühne für Tat und Täter ist. 

Anderseits dürfte das Untersuchungsmaterial bereits Bestre¬ 
bungen von Wissenscheift und Rechtsprechung unterstützen, die beim 
Meineid zwingend vorgeschriebene Zuchthausstrafe abzulösen durch eine 
freiere richterliche Strafzumessung, zumal die von E x n e r in seinen 
„Studien über die Strafzumessungspraxis der deutschen Gerichte“ (Krim. 
Abhandlungen, Heft XVI, S. 81 ff.) angedeutete Folge einer Aufhebung 
der Strafmindestgrenze, die eine weitere — vielleicht ungerechtfertigte — 
Strafmilde nach sich zöge, nach den Untersuchungsergebnissen beim Mein¬ 
eid nicht zu befürchten sein dürfte. Bewegten sich doch die ausge¬ 
sprochenen Strafen vielfach entfernt von dem Strafminimum und geben 
.somit die Auffassung der Gerichte zu erkennen, die die Bedrohung der 
Rechtspflege und des Ansehens der Gerichte durch Eidesverletzungen 
nicht verkannten. Diese Meinung vermöchte wohl auch das Fortfallen 
der Strafmindestgrenze nicht zu ändern. „Wohl aber wäre eine gerechtere 
Würdigung der einzelnen Straftaten nach ihrer Wertigkeit möglich“. 

Auf den aus 21 Zahlentafeln bestehenden Anhang mit durchweg 
äußerst instruktivem Datenmaterial sei besonders verwiesen, aus denen 
die Tafel 18 über „die Motive der Tat“ den Referenten besonders inter¬ 
essiert hat, da die Motivenstatistik im allgemeinen in der kriminal¬ 
statistischen Praxis leider noch recht vernachlässigt ist. 

ORR. Dr. R o e s n e r , Berlin. 

Das Gnadengesuch. Von Wolfgang Menschell. Gemeinverständliche 
Einführung in die Praxis des Gnadenrechts und des Rechts des Straf¬ 
registers und der polizeilichen Führungszeugnisse. Deutscher Rechts¬ 
verlag Berlin — Leipzig — Wien 1940. — 66 Seiten, DIN A 5, 2,40.0?Ä. 

Wer nur gelegentlich mit Behörden zu tun hat, geht meistens mit 
einer gewissen Unsicherheit an die Bearbeitung seines Falles, da 
ihm die gesetzlichen Bestimmungen und die sich in der Praxis heraus¬ 
gebildeten Grundsätze nicht bekannt sind. Oder aber er bringt seinen 
Antrag so unbeschwert von Sachkenntnis ein, daß seine Bemühungen von 
vornherein zum Scheitern verurteilt sind oder doch wenigstens viel Zeit 
und Mühe verschwendet werden. Solche Gefahren treten insbesondere 
dann auf, wenn jemand mit Strafverfolgungsbehörden zu tun hat und als 



94 


Verurteilter den Gnadenweg beschreiten will. Für diesen Fall will das 
Buch allen Volksgenossen ein Helfer sein. Es gibt Antwort auf die Frage, 
ob und welche Möglichkeit besteht, ein Gnadengesuch einzureichen. 

Das handliche Buch enthält in gemeinverständlicher Form alle Vor¬ 
schriften, die man für diesen Zweck braucht. So behandelt es im ersten 
Abschnitt den Personenkreis, der ein Gnadengesuch stellen kann. Im 
zweiten Abschnitt erörtert der Verfasser eingehend die Möglichkeiten 
eines Gnadengesuches bei dem jeweiligen Stande des Strafverfahrens. 

Welche Gnadenbitte bei den einzelnen Strafarten ausgesprochen werden 
kann, wie das Gesuch aussehen und wie man es nicht machen soll, geht 
sehr einleuchtend aus den beiden folgenden Abschnitten hervor. An¬ 
schließend werden die Gnadenbehörden aufgeführt, die in den einzelnen 
Fällen zuständig sind. Die Darstellung über die Besonderheiten von 
Gnadengesuchen in Dienststrafsachen sind vor allem für den Beamten 
sehr aufschlußreich. 

Wie und in welchen Fällen die Wirkung in Strafregistersachen 
gnadenweise gemildert werden und wer ein strafvermerkfreies polizei¬ 
liches Führungszeugnis erhalten kann, wird auf Grund der neuesten Vor¬ 
schriften am Schlüsse der Arbeit dargestellt. 

Der Verfasser schöpft aus mehrjähriger praktischer Erfahrung und 
trägt den Stoff in grosser Anschaulichkeit und klar gegliedert vor. Aus 
diesem Grunde wird das Buch in erster Linie für den Laien bei der Ein¬ 
reichung von Gnadengesuchen willkommen sein. In gleicher Weise wird 
es von Wert sein für alle mit der Fürsorge Beauftragten, die jederzeit 
in die Lage kommen können, einen Gesuchsteller zu beraten. Schließlich 
ist das Buch von besonderem Wert für diejenigen, die von Amts wegen 
zu Gnadengesuchen Stellung zu nehmen haben, und sich über die Zu¬ 
ständigkeit der Gnadenbehörden unterrichten wollen. 

Oberlehrer Düllmann, Berlin. 

Tannhäuser, Der Ermittlungsdienst der Verwaltungsbehörde. Ver¬ 
lag von W. Kohlhammer, Stuttgart und Berlin 1939. 74 Seiten. 

Der Sachbearbeiter in Ermittlungsangelegenheiten findet hier ein 
Fachlehrbuch vor, das anschaulich und erschöpfend alle Möglichkeiten bei 
Aufklärung von Tatbeständen behandelt. Es zeigt die Verfahrens- und 
Verhaltensweise, die — im Gegensatz zum Kriminalbeamten und Privat¬ 
detektiven — der seitens einer Verwaltungsbehörde mit der Ermittlung 
Beauftragte zu beachten hat. Die langjährigen Erfahrungen im Er¬ 
mittlungsfache, wobei der Auftrag z. B. auf Klarstellung der Wohn-, 
Einkommens- und Vermögensverhältnisse, des Lebensaufwandes und der¬ 
gleichen lautet, hat der Verfasser zusammengestellt und hieraus die Me¬ 
thode der Erkundigungstechnik im Verwaltungsdienst entwickelt. Es 
werden aber nicht nur praktische Hinweise für die außendienstliche Be¬ 
tätigung des Ermittelnden gegeben, es wird auch gezeigt, welche Erforder¬ 
nisse im Innendienst, vor allem an Form und Inhalt der Ermittlungsbe¬ 
richte und Verhandlungsniederschriften gestellt werden. 

Das Buch, das im flüssigen Stil geschrieben und mit zahlreichen Bei¬ 
spielen versehen ist, füllt eine Lücke im Schrifttum aus und wird als wert¬ 
voller Leitfaden für die Praxis nicht nur von im Ermittlungsfache beruflich 
Tätigen, wie Beamten, Fürsorgern und anderen Angestellten, sondern 
auch von den ehrenamtlichen Helfern in der Ermittlungshilfe und der 

NSV. begrüßt werden. i i „ r> i- 

° Oberlehrer Düllmann, Berlin. 



95 


Das Recht der Arbeit. Systematische Zusammenstellung der wichtigsten 
arbeitsrechtlichen Vorschriften von Prof. Dr. Wolfgang Sichert. 
Deutscher Rechtsverlag. Berlin — Leipzig — Wien. 204 Seiten. 
DIN A 5. Kart. 3,30 m. 

Die 64 wichtigsten arbeitsrechtlichen Vorschriften sind im Wort¬ 
laut oder auszugweise abgedruckt. Das Büchlein ermöglicht einen 
bequemen Überblick über das gesamte Sachgebiet und enthält für 
die praktische Arbeit alles Wesentliche. Als Einleitung ist eine durch 
Kürze und Klarheit ausgezeichnete Übersicht über den Ausbau und die 
Gliederung des Arbeitsrechts und der arbeitsrechtlichen Gesetzgebung vor¬ 
ausgeschickt. ORR. Dr. S t r u b e , Berlin-Moabit. 


Polizeiverwaltungsgesetz mit den preußischen und reichsrechtlichen Vor¬ 
schriften des Polizei Verwaltungsrechts. Textausgabe mit Verweisungen 
und Sachverzeichnis. 6., neubearbeitete Auflage. 190 Seiten Taschen¬ 
format. Kartoniert MM, 1,60. Verlag C. H. Beck, München und Berlin. 
Der Verlag bittet uns um Mitteilung, daß eine neue Auflage erschienen 
Auf die Besprechung der 5. Auflage im 5. und 6. Heft des 71. Bandes 


ist 

wird verwiesen. 


Die Schriftleitung. 


Zeitschriften 

Ausland 

Italien 

Rivista di diritto penitenziario, studi teorici e pratici. Herausgeber: 
Dr. Giovanni Novelli, Rom. Jahrgang XII Heft 1 (Januar — 
Februar 1941). 

Der Herausgeber der Zeitschrift Dr. Giovanni Novelli, der Chef 
der italienischen Strafvollzugsverwaltung, widmet Herrn Reichsjustiz¬ 
minister Dr. Gürtner einen Nachruf, der zeigt, ein wie hohes Ansehen 
Minister Dr. Gürtner auch unter den Rechtswahrem des verbündeten 
Italiens genoß. 

Der erste Originalartikel von Kassationsrat Musillami behandelt 
das freie Ermessen des Strafrichters. Der Verfasser geht von der Bedeu¬ 
tung des Ermessens für die zur Rechtsanwendung berufenen Organe im 
allgemeinen aus und weist dann auf die besondere Bedeutung der Ermessens¬ 
entscheidungen des Richters und namentlich des Strafrichters hin. Gerade 
auf dem Gebiete des Strafrechts zeige das richterliche Ermessen von der 
wissenschaftlichen wie auch von der gesetzgeberischen Seite her die 
Tendenz zu einer noch weiteren Entfaltung, was u. a. auch bei der Aus¬ 
gestaltung der sichernden Maßregeln im Kampfe gegen das gefährliche 
Gewohnheitsverbrechertum sowie überhaupt bei der Berücksichtigung der 
Persönlichkeit des Verbrechers und der fortschreitenden Individualisierung 
hervortrete. 

Professor C a v a 11 o schreibt über die Rechte des Verletzten im 
Strafverfahren, ein Problem, das in den letzten Jahren gerade auch in der 
deutschen Strafrechtswissenschaft und -reform besondere Beachtung gefun¬ 
den hat. Diese Frage sollte auch auf dem XII. Kongreß der Internationalen 



Strafrechts- und Gefängnis-Kommission behandelt werden. Cavallo legt die 
italienische Regelung unter rechtspolitischen Gesichtspunkten dar und 
bringet Reformvorschläge. 

Im Anschluß an die Originalartikel wird das italienische Gesetz vom 
27. 12 1940 über Strafvorschriften betreffend die Produktion und die Ver¬ 
teilung lebenswichtiger Verbrauchsgüter nebst Begründung hierzu abge¬ 
druckt. Diese weist darauf hin, daß die Bevölkerung im allgemeinen ein 
diszipliniertes Verhalten an den Tag gelegt habe, und daß die Kriminalität 
auf diesem Gebiet in keiner Weise zu irgendeiner Beunruhigung Anlaß gebe. 
Bei der Wichtigkeit der Verbrauchsregelung seien aber die gesamten ein¬ 
schlägigen Vorschriften^ überprüft worden, wobei im Interesse einer noch 
wirksameren Vorbeugung eine Intensivierung des strafrechtlichen Schutzes 
doch angebracht erschienen sei. Für eine Reihe einschlägiger Straftatbe¬ 
stände des bisherigen Rechts wurden die Strafen erheblich erhöht. Für 
das Beiseiteschaffen und Zurückhalten größerer Mengen von Verbrauchs- 
gütem ist unter näherbezeichneten Voraussetzungen sogar Todesstrafe 
angedroht. Dasselbe gilt für schwerere Fälle des Vemichtens von Roh¬ 
stoffen, Erzeugnissen und Produktionsmitteln. Diese Tatbestände können 
als Parallele zu unserem § 1 Abs. 1 der Kriegswirtschaftsverordnung vom 
4. September 1939 angesehen werden. Beachtung verdient die Übertragung 
der schwersten Kriegsverbrechen auf das Sondergericht zur Verteidigung 
des Staates, das etwa unserem Volksgerichtshof entspricht, wodurch zum 
Ausdruck gebracht werden soll, daß es sich um Volksverräter handelt. 
Im übrigen entscheiden über Kriegsverbrecher die landgerichtlichen Straf¬ 
kammern (in der üblichen Besetzung von drei Berufsrichtem) im Schnell¬ 
verfahren. Zur praktischen Anwendung des erwähnten Gesetzes wie auch 
des Gesetzes vom 16. Juni 1940 über die Strafverschärfung für Verbrechen 
und Vergehen, die unter Ausnutzung von Umständen begangen worden 
sind, die mit dem Kriegszustand im Zusammenhang stehen (vgl. Blätter 
für Gefängniskunde, Band 71 S. 256), ist ein Runderlaß des Justizministers 
vom 8. Januar 1941 ergangen (Italienisches Justizministerialblatt 1941 
Nr. 2 S. 21). 

Ein Aufsatz von Roberto V o z z i, Richter im italienischen Justiz¬ 
ministerium, über das deutsche Jugendstrafrecht und den Jugendarrest 
zeigt die große Beachtung, welche die Reformen, die in Deutschland in 
der letzten Zeit auf dem Gebiete des Jugendstrafrechts verwirklicht worden 
sind, in Italien gefunden hat. Im Anschluß an den Aufsatz werden die 
Verordnung zur Ergänzung des Jugendstrafrechts vom 4. Oktober 1940 
sowie die zur Ausführung ergangenen Rechts- und Verwaltungsvorschriften 
in italienischer Übersetzung wiedergegeben. 

Der Oberlandesgerichtsrat Semeraro bringt einen ausführlichen 
Bericht über das italienische Strafregisterwesen im ersten Jahrzehnt der 
neuen Strafgesetzgebung. Die Materie ist in Italien in der Strafproze߬ 
ordnung (Artikel 603 ff.) geregelt, zu der ergänzend die Strafregisterver¬ 
ordnung vom 18. Juni 1931 ergangen ist. 

Unter den kleineren Mitteilungen verdient eine Notiz über das beträcht¬ 
liche Ansteigen der Kriminalität der weiblichen Jugend in England hervor¬ 
gehoben zu werden. Landgerichtsrat Dr. D a 11 i n g e r , Berlin. 


Herausgeber und Hauptschriftleiter i. N.: Oberregierungsrat Dr. W. Strube, 
Berlin-Moabit. — Verlag: Carl Winters Universitätsbuchhandlung, Heidel¬ 
berg, Lutherstr. 50. — Bruck: Strafgefängnis Berlin-Tegel, Scidclstr. 39. 



CARL WINTERS UNIVERSITÄTSBUCHHANDLUNG / HEIDELBERG 


Blätter für Gefängniskunde 

Preise der erschienenen Hefte 
Von den Bänden 1 bis 26 sind einige Hefte vergriffen. Im Bedarfs¬ 
fälle wird um Nachfrage beim Verlag gebeten. Das Generalregister 
zu Band 1 bis 26 kostet 2.50 0HL 


Bd.: 

Heft: 

Preis: ] 

27. 

1/2 

2,- 

m i 


3/4 

2,— 



5/6 

2,40 


28. 

1/2 

2,40 

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3/4 

2,20 

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Sonderheft 

2,50 

» 1 

29. 

1/2 

2,50 

ft 


3/4 

2,60 



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2,— 

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1/2 

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1/2 

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2,— 

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32. 

1/2 

2.- 

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3/4 

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6/6 

2,50 

ff 

33. 

1/2 

2,50 

ff 


3/4 

2,60 

ff 


5/6 

3,- 


34. 

1/2 

2,50 

ff 


3/4 

2,50 

ff 


6/6 

3,— 

ff 

Sonderheft 

1,20 

ff 

35. 

1/2 

3,- 

ff 


3/4 

2,50 

ff 


5/6 

3,— 

ft 

Sonderheft 

3,— 

ff 

36. 

1/2 

3,- 

ff 


3/4 

3,50 

ft 


5/6 

3,— 

tt 

37. 

1/2, 3/4, 

6/6 vergr. 

38. 

1/2 

4,50 m 


3/4 

3,— 

ff 


5/6 

3,— 

tt 

39. 

1/2 

3,— 

ff 


3/4 

3,— 

ff 


5/6 

3,50 

ff 

40. 

1 

4,50 

ff 


2 

3,— 

ff 


3 

2,50 

ff 

Reg. z.Bd.1-40 3,50 

ff 

41. 

1 

3,— 

ff 


2 

3,- 

ff 


Bd.: Heft: 

Preis: 

42. 1 

vergriffen 

2 


3 

2,50 „ 

43. 1 

4,50 „ 

2 

3,— „ 

3 

3)— » 

44. 1 

4.— „ 

2 

4,— „ 

3 

4,50 „ 

45. 1/2 

5, ,* 

3 

4.- 

Sonderheft 

1,30 „ 

46. 1/2 

4,50 „ 

3 

4,- ., 

47. 1/2 

5,— „ 

3 

4.- „ 

Sonderheft 

A und B: 
1,50 

48. 1 

5,40 „ 

2/3 

5,40 „ 

49. 1 

3,50 „ 

2 

1,80 „ 

50. 

2,40 „ 

51. 

3,— „ 

52. 

3,50 ,, 

Inhaltsverzeichnis 

zu Bd. 41— 

-61 1,60 „ 

53. 

4,50 „ 

54. 

5, „ 

55. 

vergriffen 

56. 


Sonderheft 

1,60 „ 

67. 1 

4,- „ 

2 

5,— „ 

58. 1 

3,20 „ 

2 

8,— „ 

59. 1 

4,— „ 

2 

3,— „ 

Sonderheft 

2,40 „ 

60. 1 

3,60 „ 

2 

4,— ., 

Sonderheft 

2,— „ 

3 

2,50 „ 

61. 1 

4,— „ 


Bd.: Heft: 

Preis: 

Sonderheft 

2,- 

m 

2 

4,— 

ff 

62. 1 

8.— 

ff 

Sonderheft I 

5,60 

ff 

Sonderheft II 

2,80 

ff 

2 

4,— 

ff 

63. 1 

6,— 

ft 

2 

4,80 

ff 

3 

3,— 

ff 

Sonderheft 

2,40 

ff 

64. 1 

2,80 

ff 

2 

4,40 

ff 

3 

2,20 

ft 

Sonderheft 

3,80 

ff 

65. 1 

3,— 

ft 

Sonderheft I 

2,- 

ff 

2 

2.20 

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Sonderheft II 

6,— 

ff 

3 

1,80 

ft 

Sonderheft 

2,40 

ff 

66. 1' 

3,— 

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2 

1,80 

ff 

3 

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ff 

4 

3,20 

ff 

67. 1 

3,50 

ff 

2 

2,60 

ff 

3 

3,40 

ff 

4 mit 



Beiheft (0,60) 3,20 

ft 

68. 1 bis 6 je 

2,— 

ff 

69. 1 bis 6 je 

2, — 

ff 

70. 1 

2,— 

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2/3 

2,40 

ft 

4 

2,— 

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2,— 

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71. 1/2 

2,80 

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3 

2,— 

ft 

4 

2,— 

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5 6 

2,40 


72. 1/2 

2,40 

ff 

Es erscheinen 

noch 

zwei 


Doppelhefte, im Novemb. 
1941 und März 1942. 

















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Deutsche Gesellschaft für Gefängniskunde 

in der Akademie für Deutsches Recht 

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Blätter für 


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Gefängniskurd%" 


Herausgeber: 

Dr. jur. W. Strube 

Oberregierungsrat, Berlin 


Ständige Mitarbeiter: 

Dr. jur. E. Schmidt 

Ministerialrat im Reichsjustizminiateriam, Berlin 

Dr. jur. H. Eichler 

Ministerialrat im Reichsjustizministerium, Berlin 


72. Band 

Drittes und Viertes Heft 

August — November 1941 


H 1<: 1 D E L B E R G 19 4 1 

Verlag Carl Winters Universitätsbuchhandlung 











CARL WINTERS UNIVERSITÄTSBUCHHANDLUNG / HEIDELBERG 


Blätter für Gefängniskunde 

Preise der erschienenen Hefte 
Von den Bänden 1 bis 26 sind einige Hefte vergriffen. Im Bedarfs¬ 
fälle wird um Nachfrage beim Verlag gebeten. Das Generalregister 
zu Band 1 bis 26 kostet 2.50 MK 


Bd.: 

Heft: 

Preis: 

27. 

1/2 

2,— . 



3/4 

2,— 

»I 


5/6 

2,40 


28. 

1/2 

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3/4 

2,20 

9t 

Sonderheft 

2,50 

99 

29. 

1/2 

2,50 

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3/4 

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5/6 

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30. 

1/2 

2,— 

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3/4 

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1/2 

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3/4 

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. 5/6 

2,— 

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1/2 

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3/4 

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5/6 

2,50 

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33. 

1/2 

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5/6 

3,— 

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34. 

1/2 

2,50 

9* 


3/4 

2,50 

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5/6 

3,— 

99 

Sonderheft 

1,20 

ft 

35. 

1/2 

3,— 

99 


3/4 

2,50 

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5/6 

3,— 

9* 

Sonderheft 

3,— 

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36. 

1/2 

3,— 

99 


3/4 

3,50 

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5/6 

3,— 

99 

37. 

1/2, 3/4, 5/6 vergr. 

38. 

1/2 

4,50 m 


3/4 

3,— 

99 


5/6 

3,— 

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39. 

1/2 

3,— 

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3/4 

3,— 

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5/6 

3,50 

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40. 

1 

4,50 

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2 

3,— 

ft 


3 

2,50 

99 

Reg.z.Bd.l- 

40 3,50 

99 

41. 

1 

3,— 

99 


2 

3,— 

99 


Bd.: Heft: 

Preis: 

42. 1 

vergriffen 

2 

3,— ^/C 

3 

2,50 „ 

43. 1 

4,50 „ 

2 

3, — „ 

3 

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44. 1 

4— „ 

2 

4,— „ 

3 

4,50 „ 

45. 1/2 

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3 

4,- „ 

Sonderheft 

1,30 „ 

46. 1/2 

4,50 „ 

3 

4,- „ 

47. 1/2 

hl— II 

3 

4,— ,1 

Sonderheft 

A und B: 


1,50^ 

48. 1 

5,40 „ 

2/3 

5,40 „ 

49. 1 

3,50 „ 

2 

1,80 „ 

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2,40 „ 

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3, — ,1 

52. 

3,50 ,, 

Inhaltsverzeichnis 

zu Bd. 41— 51 1,60 „ 

53. 

4,50 „ 

54. 

5, ,1 

55. 

vergriffen 

56. 

4.— MX 

Sonderheft 

1,60 „ 

57. 1 

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2 

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58. 1 

3,20 „ 

2 

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59. 1 

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2 

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Sonderheft 

2,40 „ 

60. 1 

3,60 „ 

2 

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Sonderheft 

2,- 

3 

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61. 1 

4,— ,. 


Bd.: Heft: 

Preis: 

Sonderheft 

2,-. 


2 

4,- 

99 

62. 1 

8,— 

99 

Sonderheft I 

6,60 

ff 

Sonderheft II 

2,80 

ff 

2 

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63. 1 

6,— 

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2 

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3 

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Sonderheft 

2,40 

ff 

64. 1 

2,80 

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2,20 

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Sonderheft 

3,80 

ff 

65. 1 

3,— 

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Sonderheft I 

2.- 

ff 

2 

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ft 

Sonderheft II 

6,— 

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3 

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Sonderheft 

2,40 

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66. 1 

3,— 

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1,80 

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4 

3,20 

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67. 1 

3,50 

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2 

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4 mit 



Beiheft (0,60) 3,20 

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68. 1 bis 6 je 

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2,40 


72. 1/2 

2,40 

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2,— 

99 


Das 5. Heft erscheint als 
Sonderheft im Januar 
! und das 6. Heft im März 
i 1942. 












Deutsche Gesellschaft für Gefängniskunde 

in der Akademie für Deutsches Recht 


Blätter 

für 

Gefängniskunde 

Herausgeber: 

Dr. jur. W. Strube, Oberregierungsrat, Berlin 


Ständige Mitarbeiter: 

Dr. jur. E. Schmidt 

Ministerialrat im Reichsjustizministerium, Berlin 

Dr. jur. H. Eichler 

Ministerialrat im Reichsjustizministerium, Berlin 


72. Band 

Drittes und Viertes Heft / August—November 1941 


Heidelberg 1941 / Verlag Carl Winters Universitätsbuchhandlung 





Inhalt 


des 3. und 4. Heftes des 72. Bandes: 


Abhandlungen Seite 

Dr. R o e s n e r , Wesen und Forschungsziel der Kriminal¬ 
statistik, sowie ihre Technik und Nutzbarmachung im 
Deutschen Reich . 99—132 

Dr. T i g g e s , Zur Schockwirkung des Jugendarrestes . 132—140 

Dr. S t r u b e , Die Straffälligenbetreuung in den preußisch¬ 
deutschen Strafvollzugsanstalten . 140—147 

Weigel, Wasser und Wäsche — ein volkswirtschaftliches 
Problem . 147—152 

Aus der Gefängnisverwaltung 

Allgemeine Verfügungen des RJM. 152—155 

Personalien . 155-;-157 

Schrifttum 

Bücher — Inland . 157—159 

Zeitschriften — Ausland . 159—160 


Die SchrifUeitung der ,,Blätter für Gefängniftkunde** befindet sich Berlin W 9, Leipziger 
Platz 15 — Fernsprecher: 12 70 76 — Der Zahlungsverkehr läuft unter der Anschrift: 
».Deutsche Gesellschaft für Gefängniskunde in der Akademie für Deutsches Hecht" -- 
Bankkonto: 3676S bei der Bank der Deutschen Arbeit in Berlin C2 ~ Postscheck- 
konto: 1764 92 Berlin — Die i>er8Önlichc Anschrift des Herausgebers lautet: 
Oberregierungsrat Dr. Strube. Berlin NW40. Alt-Moabit 12a — Die ..Blätter für Gefängnis¬ 
kunde" erscheinen alle zwei Monate — Jeder Band umfaßt sechs Hefte —Wissenschaftliche 
Abhandlungen größeren Umfangs erscheinen in Sonderheften. 











99 


Wesen und Forschungsziel 
der Kriminalstatistik, 
sowie ihre Technik und Nutzbarmachung 
im Deutschen Reich 

von Oberregierungsrat Dr. E. Roesner, Berlin 

1. Wesen und Forschungsziel der Kriminalstatistik 

Nach den einleitenden Worten eines — nachstehend in erweiterter 
Form wiedergegebenen — Vortrages, den ich über das obige Thema auf 
besonderen Wunsch der Presseabteilung der Reichsre¬ 
gierung am 27. Mai d. J. vor den Vertretern der Berliner und auswärti¬ 
gen Presse gehalten habe, gehört zu dem umfangreichen Gebiet der Moral¬ 
statistik i), die wieder eine Teildisziplin der Kulturstatistik 2) ist, als ein 
besonderes und äußerst bedeutsames Kapitel auch die Kriminalstatistik. 
Da nach der Begriffsbestimmung Georg von Mayrs, des Altmeisters 
der deutschen Statistik, die Kriminalstatistik alles zu erforschen hat, was 
an Bestands-, vor allem aber an Bewegungsmassen auf dem Gebiete des 
„crimen“, d. h. des Verbrechens (im weiteren Sinn), durch die statistische 
Beobachtung insbesondere der Tätigkeit und Tätigkeitserfolge öffentlicher 
Behörden irgendwelcher Art zur Feststellung kommt 3), es sich hierbei 
also um die zahlenmäßige Ermittlung unmoralischer Handlungen und ihrer 
Täter als asoziale Elemente der Volksgemeinschaft handelt, stellt die 
Kriminalstatistik — ebenso wie auch beispielsweise die Statistik 
der Selbstmorde 4), der Ehescheidungen 5), der FHirsorgeerziehung, der 
Prostitution6) oder der Geschlechtskrankheiten'^) — im speziellen eine 
Statistik der negativen und anormalen Moralität dar. 


1) Vgl. F. T ö n n i e H . Artikel ,,Moralstatistik". Handwörterbuch der Staats- 
wissenschaften. Jena 1926. VI. Bd. — G. von Mayr. ,.Moralstatistik mit Einschluß 
der Kriminalstatistik“. Tübingen 1917 — R. Korherr. ,,Moralstatistik". Die Stati¬ 
stik in Deutschland nach ihrem heutigen Stand. Herausgegeben von F. Burgdörfer. 
Berlin 1940. Bd. I. S. 465. — E. Roesner. Artikel ,.Moralstatistik“. Handwörterbuch 
der Kriminologie. Berlin 1936. Bd. II. 

2) Vgl. F. Zahn. ..Internationale Kulturstatistlk”. Etudes dedidiöcs ä la Memoire 
d'Andröadös. Athen 1939. — Ferner J. Müller. ..Deutsche Kulturstatistik". Grund¬ 
riß der deutschen Statistik. IV. Teil. Jena 1928. — Nach der Systematisierung von 
Zahn, des Seniors der deutschen Statistik, bildet die Kulturstatistik mit der Bevölkerungs¬ 
statistik und der Wirtschaftsstatistik das Gesamtgebiet der praktischen Statistik. 

3) Vgl. G. von Mayr. ..Moralstatistik mit Einschluß der Kriminalstatistik“. 
Tübingen 1917. S. 405. 

4) Vgl. E. Roesner. ..Selbstmord (C. Statistik)“. Handwörterbuch der Krimi¬ 
nologie. Berlin 1936. Bd. II. 

5) Vgl. F. Hage. ..Die Statistik der gerichtlichen Ehelbsungen“. Die Statistik 
ln Deutschland nach ihrem heutigen Stand. Herausgegeben von F. Burgdörfer. 
Berlin 1940. Bd. I. S. 264. 

6) Vgl. M. Hageraann. Artikel ..Prostitution (A. Wesen. Problem und 
Lösungsversuche)“. Handwörterbuch der Kriminologie. Berlin 1936. Bd. II. 

7) Vgl. E. Roesner. Artikel ..Prostitution (B. Statistik der Geschlechtskrank¬ 
heiten)“. Handwörterbuch der Kriminologie. Berlin 1936. Bd. II. 



100 


Bei der Kriminalstatistik unterscheidet man zunächst eine Kriminal¬ 
statistik im weiteren Sinne und eine solche im engeren Sinne. 

Zu der Kriminalstatistik im weiteren Sinne rechnen 
außer der letzteren die Polizeistatistik, die Statistik der Strafgerichts¬ 
organisation, die Justizgeschäftsstatistik in Strafsachen sowohl auf dem 
Gebiete der Staatsanwaltschaft wie auch der Gerichtsbehörden, die Aus¬ 
lieferungsstatistik, die Strafvollzugsstatistik, die Strafregisterstatistik, 
die Begnadigungstatistik sowie die Statistik der Straffälligenbetreuung. 

Die Aufgabengebiete aller dieser kriminalstatistischen Teildisziplinen 
hier auch nur anzudeuten, verbietet leider die Raumfrage. Ich darf daher 
auf meine ausführlichen Darlegungen an anderer Stelle 8) verweisen. 

Lediglich das Wesen und Ziel, sowie die Technik und Nutzbarmachung 
der Kriminalstatistik 9) im engeren Sinne als wichtigster und wohl zeitlich 
auch ältester Zweig im Rahmen des Gesamtsystems der Kriminalstatistik 
soll der Gegenstand der folgenden Ausführungen sein. 

Allgemein gesehen ermittelt die Kriminalstatistik im engeren 
Sinne — in der Fachliteratur gelegentlich auch als Statistik der Krimi- 
nalitätiö) oder materielle Kriminalstatistiki*) bezeichnet—erstens den zahlen¬ 
mäßigen Umfang und die Art der durch die jeweilige Strafgesetzgebung um¬ 
grenzten strafbaren Handlungen sowie die Zahl ihrer Täter nach der 
Art ihrer Aburteilungen (d. h. Verurteilungen, Freisprechungen, Einstel¬ 
lungen des Verfahrens durch das Gericht). Sie gibt zweitens Aufschluß 
über die wichtigsten natürlichen, sozialen und speziell kriminellen Merk¬ 
male (wie Geschlecht, Alter, Familienstand, Beruf, Religion, Bildungsgrad, 
Nationalität, Gebürtigkeit, Vorstrafen, insbesondere Rückfälligkeit) der 
Delinquenten und beschäftigt sich schließlich mit der Art und Zahl der 
erkannten Strafen. 

Das Aufgabengebiet der Kriminalstatistik ist infolgedessen 
sehr vielseitig. Ihre Daten sind einmal für die präventiven und repres¬ 
siven Maßnahmen der Gesetzgebung wie der Strafrechts¬ 
pfleg e 12) von großer Wichtigkeit. Als Erkenntnisquelle für die Krimi- 
nalätiologie,d. h. die Lehre von den Verbrechensursachen, eine Termi¬ 
nologie van Hamels'ä), stellt Franz von Liszt i^) an die Kriminal¬ 
statistik die Forderung, die Kriminalität nicht nur zu beschreiben, sondern 
sie auch zu erklären, wie das seit einigen Jahren auf internationaler Basis 
in den durch Ervin Hacker, Professor an der Rechtshochschule in 


8) VkI. E. RoeBner. Artikel „PolizeistaüsUk“. Handwörterbuch der Krimi¬ 

nologie. Berlin 1936. Bd. II. — Derselbe: Artikel ..Rechtspflegestatiatik". Handwörter¬ 
buch der Rechtswissenschaften. Berlin 1931. 1. und 2. Ergänzungsband. — Derselbe: 

..Auslieferungsstati.stik des In- und Auslandes und ihre Veieinheitiichung“. Zeitschrift 
f. d. ges. Strafrechtswis.senschaft. Berlin 1933. 63. Bd. S. 532 ff. — Derselbe: ..Die 

Aufgaben der Strafvollzugsstatistik“. Allgemeines Statistisches Archiv. Jena 1935. 
25. Bd. S. 27 ff. — Derselbe: „Die Behandlung der Vorbestraften und Rückfälligen in 
der Kriminalstatistik”. Ebenda 27. Bd. S. 28 8^. 

9) Vgl. E. Roesner. Artikel „Kriminalstatistik“. Handwörterbuch der Krimi¬ 
nologie. Berlin 1936. Bd. II. 

10) Vgl. Hesse. Artikel ,,Kriminalstatistik". Handwörterbuch der Staatswissen¬ 
schaften. Berlin 1925. Bd. VII. 

11) Vgi. E. M i s c h I e r. ..Die Kriminalstatistik als Erkenntnisquelle". Handbuch 
des Gefängniswesens. Hamburg 1888. Bd. I. S. 56. 

12) Vgi. E. M i s c h 1 e r. a. a. O. S. 61. 

13) Vgl. Zeitschrift f. d. gesamte Strafrechtswissenschaft. Berlin 1901. 21. Bd. 

S. 345. 

14) Vgl. ..Zur Vorbereitung des Strafgesetzentwurfs". Festschrift für den XXVI. 
deutschen Juristentag. Berlin 1902. S. 61. 



101 


Miskolc (Ungarn), herausgegebenen „Kriminalstatistischen und Kriminal¬ 
ätiologischen Berichten“ geschieht. Als beschreibende Wissenschaft hat 
sie die Kriminalität zahlenmäßig darzustellen, und als erklärende Wissen¬ 
schaft „soll sie das Problem der Kriminalität kausal stellen und lösen und 
die Ätiologie des Verbrechens liefern“. Ein ebenso unentbehrliches Hand¬ 
werkzeug wie für die kriminalätiologische Forschung ist die Kriminal¬ 
statistik aber auch für die Kriminalsoziologie. Ihr soziologischer 
Erkenntniswert wird von dem italienischen Kriminologen Enrico 
F e r r i >5) durch folgendes, der medizinischen und Naturwissenschaft 
entlehntes Beispiel in treffender Weise illustriert, wenn er von der Kriminal¬ 
statistik sagt: „Talchö la statistica criminale 6 alla soziologia criminale 
ciö che l’istologia e alla biologia; indicando essa nelle condicioni elementi 
individual! si plasma l’organismo colletivo le ragioni fondamentali del 
delitto, come fenemeno soziale“ 16). Die Kriminalstatistik bietet ferner 
wichtige Grundlagen für die Aufgaben der Kriminalpsychologie 17) 
und anderer Teilgebiete der K r i m i n a 1 b i o 1 o g i e *6), wie sie endlich 
einen nicht minderen Wert für die Schlüsse auf dem Gebiet der Sozial- 
ethikiä), der Moralphilosophie, der Kulturgeschichte 
und der Sozialpolitik20) darstellt. 

Wie die gesamte Statistik, so strebt selbstverständlich auch die 
Kriminalstatistik nach der Erkenntnis der Gesetzmäßigkeit unter strengster 
Beobachtung des methodischen Grundprinzips: des Gesetzes der großen 
Zahl 21), das auf unseren speziellen Fall angewandt, eine möglichst 
lückenlose Erfassung der kriminellen Tatsachen und Erscheinungen voraus¬ 
setzt, worauf neuerdings erst K r u g 2l a) wieder nachdrücklich hingewiesen 
hat. Es verlangt aber auch eine gewisse Gleichartigkeit der Erscheinungen. 
Sofern die Statistik sich mit offenkundigen Vorgängen befassen kann, 
ist eine erschöpfende Erfüllung ihrer Aufgaben möglich. Dagegen ist die 
Kriminalstatistik im Hinblick auf ihren später noch näher zu erläuternden 
sekundären Charakter nicht in der Lage, alle jene Gesetzesverletzungen 
zu erfassen, die ungesühnt oder sogar unbekannt bleiben. Es dürften in 


18) VgrI. „Sociologia criminale". Terza editione. Torino 1892. S. 204. 

16) d._ h.: „Sie ist für die Soziologie, was die Histologie für die Biologie ist: 
denn sie zeigt in den Zuständen der individuellen Elemente des (lesamtorganismus die 
Faktoren des Verbrechens als einer soziologischen Erscheinung". 

17) Vgl. H. W. G r u h 1 e . ,,Aufgaben der Kriminalpsychologie". Zeitschrift f. d. 

gesamte Strafrechtswissenschaft. Berlin 1931. 61 Bd. S. 470 ff. 

18) Vgl. F. E X n e r. ..Kriminalbioloirie". Hamburg 1939. S. 20. 

IO) Vgl. A. von Oettingen. „Die Moralstatistik in ihrer Bedeutung für eine 
Socialethik". Erlangen 1882. 3. Aufl. S. 449. 

20) Vgl. P. F. A 8 c h r o 11 . „Erhebung und Verwertung statistischer Daten 

auf dem Gebiete der Strafrechtsiiflege mit besonderer Rücksicht auf Deutschland". Zeit¬ 
schrift f. d. gesamte Strafrechtswissenschaft. Berlin 1885. 6. Bd. S. 340. 

21) Nach dem ,,Gesetz der großen Zahl", dem Fundament der statistischen Methode, 

ergibt erst die Zusammenfassung sehr vieler Einzelfälle gewisse Regelmäßigkeiten und 
charakteristische Werte, die sich bei Betrachtung nur weniger Einzelfälle nicht erkennen 
lassen. Genauer: Alle statistischen Zählungen solcher Tatbestände und Vorgänge, die 
sowohl von allgemeinen als auch von individuellen oder zufälligen Bedingungen abhängen, 
führen solange zu annähernd gleichen Ergebnissen, als die allgemeinen Bedingungen des 
Geschehens dieselben bleiben und die Zählung eine genügend große Anzahl von Einzel¬ 
fällen erfaßt. Dem Gesetz der großen Zahl, dessen Grundlagen Bernouili (vgl. 
sein posthum 1713 erschienenes Werk ,,de arte conjectandi") gefunden hat, vertraut z. B., 
wer erwartet, daß eine Münze, wiederholt auf den Tisch geworfen, etwa ebenso oft Zahl 
wie Adler ersehen läßt. Zu welchem Ergebnis der Einzelwurf führt, kann man im Voraus 
nicht sagen. Auf die Dauer aber, so darf man erwarten, werden sich die Zufallseinflüsse aus- 
gleichen und die Ergebnisse sich der aprlori-Wahrscheinlichkeit von M nähern. (Vgl. 
hierzu z. B. O. Donner. ,,Statistik". Hamburg 1936. S. 13; ferner: P. Flas- 
k ä m p e r . ,,Die Statistik und das Gesetz der großen Zahlen". Allgemeines Statistisches 
Archiv. Jena 1927. 16. Bd. S. 601). 

21a) Vgl. J. Krug. ,,60 Jahre Frauenkriminalität in Deutschland 1882—1932". 
Staatawlssenschaftllehe Dissertation. München 1937. S. 1. 



102 


vielen Fällen aber gerade die gewiegtesten Verbrecher sein, die dem Auge 
des Gesetzes — und damit auch der Statistik — zu entgehen wissen. 
So verstehen es beispielsweise Erpresser, ihr dunkles Gewerbe lange Zeit 
hindurch auszuüben, ohne mit den Gerichten in Konflikt zu kommen, wie 
anderseits der geringste Teil der Diebstähle und Unterschlagungen etwa von 
Hausangestellten zur gerichtlichen Aburteilung gelangt. Wie der bekannte 
Kirchen- und Moralstatistiker K r o s e 22) zutreifend betont, beweisen 
höhere Kriminalitätsziffem in einem bestimmten Jahr, einem bestimmten 
Verwaltungsbezirk, einer bestimmten Bevölkerungsgruppe zwar, daß mehr 
Delikte entdeckt und abgeurteilt, aber noch nicht, daß mehr verübt wurden 
als zu anderer Zeit und an anderem Ort. K o r h e r r 23) weist daher mit 
Recht darauf hin, daß die Kriminalstatistik in weitem Maße nur eine 
Erfolgsstatistik der Kriminalpolizei ist. 

Damit komme ich zu der Frage der „Dunkelziffer“, einer erstmals 
von dem japanischen Staatsanwalt Shigama Oba24) geprägten Be¬ 
griffsbezeichnung, unter der man alle im Dunkeln bleibenden kriminellen 
Vorkommnisse, d. h. die Zahl der unbekannten Verbrechen bzw. unbekannten 
Täter zu verstehen hat. Diese Dunkelziffer, die sich nur durch Schätzungen 
— und auch das nur in gewissen Fällen — ermitteln läßt, ist nach der 
langjährigen kriminalistischen Praxis bei den einzelnen strafrechtlichen 
Tatbeständen z. T. recht verschieden groß. So sind Mord, Totschlag 
und schwere Körperverletzung z. B. Verbrechen, die in der Regel kaum 
unbemerkt bleiben können und bei denen allem Anschein nach der Prozent¬ 
satz der nicht zur gerichtlichen Aburteilung gelangenden relativ konstant 
ist. Besonders gering ist die Dunkelziffer vor allem beim Widerstand 
gegen die Staatsgewalt, da sich diese Straftat direkt unter den Augen 
der Staatsgewalt vollzieht und sich gegen sie richtet. „Sie ist also nicht 
bloß der Entdeckung und der Verfolgung sicher, es sind auch fast immer 
zuverlässige Beweismittel für diese Delikte vorhanden“ 25). Andere Delikte 
dagegen — in erster Linie schwerwiegenderen Charakters — wie Meii.eid, 
Päderastie, Blutschande, Exhibitionismus, Kuppelei und sonstige der 
Sexualsphäre angehörende Handlungen, vor allen Dingen aber Brand¬ 
stiftung und Abtreibung, für welche meist keine oder nur höchst unsichere 
Beweismittel vorliegen, weisen eine besonders hohe Dunkelziffer auf. Über 
das von der kriminalstatistischen Forschung bisher noch völlig vernach¬ 
lässigte Problem der Dunkelziffer ist nunmehr die an dieser Stelle schon 
früher (vgl. Bl. f. Gfk. 71. Bd. S. 10) angekündigte Arbeit „Die unbestraften 
Verbrechen. Eine Untersuchung über die sogenannte Dunkelziffer in der deut¬ 
schen Kriminalstatistik“ als Heft 47 der „Kriminalistischen Abhandlungen“ 
erschienen, deren instruktive Ergebnisse auch für den Strafvollzugsprak¬ 
tiker von großem Werte sind. Der Verfasser dieser Abhandlung, Leutnant 
Dr. Kurt Meyer, hat ihren Erfolg nicht mehr erlebt; er ist am 30. Juni 
1941 in den Kämpfen bei Bialystock für Führer und Reich gefallen. 

Nach dem zu Beginn des vorangegangenen Abschnittes Gesagten liegt 
es für die Kriminalstatistik also außerhalb des Bereichs der Möglichkeit, 
den zahlenmäßigen Umfang der wirklich begangenen strafbaren 
Handlungen zu ermitteln, die F e r r i 28) bei der Gliederung der 

22) Vgl. Kirchliches Jahrbuch 1934. S. 114. 

23) Vgl. ..Die Moralität der barerisrhen Bevölkerung". Zeitschrift des Bayerischen 

Statistischen Landesamtes. München 1935. 67. Jg. S. 184. 

24) Vgl. ..Unverbesserliche Verbrecher und ihre Behandlung". Berlin 1908. S. 28. 

25) Vgl. Langer. ..Kriminalstatistik und Strafrechtsreform". Preußische Jahr¬ 
bücher. Berlin 1903. Bd. 133. S. 58. 

26) Vgl. ..Studi r>i11b crimlnalitA in Francia dal 1826 al 1878". Anali dl Stalistica. 
Roma. Serie 2a. Vol. 21. 1881 S. 163. 



103 


Kriminalität als „criminalitä reale“ bezeichnet. Als weitere Kriminalitäts¬ 
stufe unterscheidet er dann die „ criminalitä apparente“, d. h. die entdeck¬ 
ten, angezeigten oder auf sonstige Weise den staatlichen Behörden 
bekanntgewordenen strafbaren Handlungen, deren Zahl in der Regel 
durch die polizeiliche Anzeigenstatistik festgestellt wird, während die 
dritte Gruppe — die „criminalitä legale“ — diejenigen Gesetzesver¬ 
letzungen umfaßt, die zu einer strafgerichtlichen Aburteilung, insbesondere 
Verurteilung der Täter geführt haben und deren statistische Erfassung 
durch die Kriminalstatistik im engeren Sinne erfolgt. Ihre Ergebnisse, 
speziell über die Zählung der rechtskräftigen Verurteilungen — wie es 
bei den Kriminalstatistiken der meisten Kulturstaaten geschieht — kann 
man aber ohne Bedenken als Repräsentant der Kriminalität gelten lassen, 
da nach einem Wort Georg von Mayrs in diesem .Fall „durch eine 
feierliche bis zum Schluß durchgeführte Aktion der Strafrechtspflege in 
objektiver und subjektiver Beziehung die Tatsache eines Einbruchs in die 
Strafrechtsordnung festgestellt wird“ 27), Anderseits scheidet eine nicht 
unerhebliche Zahl von strafbaren Handlungen, die zwar zur Kenntnis der 
Gerichte gelangt sind, aus der Kriminalstatistik aus, wenn diese infolge 
Zurücknahme des Strafantrages, Selbstmord, natürlichen Todes oder Flucht 
des Angeklagten die Strafverfahren nicht zur rechtskräftigen Erledigung 
bringen können. 

Bei der Bestimmung der Kriminalitätsfrequenz werden in gewissem 
Grade aber auch die Freisprechungen Berücksichtigung finden 
müssen, weil sie durchaus nicht immer als Schuldloserklärungen anzusehen 
sind 28). Stehen doch neben zahlreichen Freisprechungen wegen erwiesener 
Unschuld noch mehr Freisprüche wegen Mangels an Beweisen. „Wie oft 
liegt nicht die strafbare Handlung selbst klar zutage", schreibt hierzu Mül¬ 
ler (a. a. 0. S. 210), „aber es kann z. B. keiner der beiden Personen, die als 
Mörder in Frage kommen, der Mord einwandfrei nachgewiesen werden, 
oder es kann bei entgegengesetzter Aussage unter Eid nicht festgestellt 
werden, wer von den beiden Eidespflichtigen den Meineid geleistet hat, 
u. a. m., und es muß daher Freispruch erfolgen, trotzdem ganz zweifelsfrei 
das zur Verhandlung stehende Verbrechen begangen worden ist“. 

Die Zahl der kriminalstatistisch erfaßten Aburteilungen wiederum 
wird durch Vorgänge mannigfacher Art beeinflußt, die mit der Kriminali¬ 
tät der Bevölkerung in gar keinem Zusammenhang stehen und ihre Ursache 
in außermoralischen Gründen der verschiedensten Art haben. So ist 
beispielsweise die Jahreszahl der Aburteilungen einerseits von dem Grad 
der Neigung der Bevölkerung zu Anzeigen, Strafanträgen oder Priv’at- 
klagen, bei denen in vielen Fällen die Kostenfrage eine entscheidende Rolle 
spielt, d. h. von der „kriminellen Reizbarkeit“ (Seuffert) abhängig, 
anderseits wird sie von der größeren oder geringeren Verfolgungsintensität 
der Strafju.stizbehörden beeinflußt. Gibt doch H e i n d 129) unter Zitierung 
eines kriminalstatistischen Gewährsmannes das Verhältni s der zur Aburteilung 
gelangenden Verbrechen und Vergehen zu den tatsächlich verübten oder 
versuchten Delikten für das erste Jahrzehnt nach dem Weltkrieg mit 
schätzungsweise 1 :300 an; eine Quote, die im Hinblick auf das wohl noch 
allzu gut bekannte, laxe Vorgehen der Polizei im Weimarer Staat keines¬ 
wegs verwunderlich erscheint. Da aber heute die Polizei gegenüber der 

27) Vgl. „Wesen und Ziele der KriminalstatisUk". Jahrbücher für Kriminalpolitik 
und Innere Mission. Halle a. S. 1895. Bd. I. S. 264. 

28) Vgl. H. von Hentig. „Strafrecht und Auslese“. Berlin 1914. S. 146, 198. 

29) Vgl. „Der Berufsverbrecher“. Berlin 1927. 5. Auflage. S. 220/221. 



104 


Systerazeit durch schärfstes Vorgehen wesentlich mehr Fälle ermittelt, 
ja viele, noch aus den Jahren vor der Machtübernahme stammende Ver¬ 
brechenskomplexe mitunter erst jetzt aufgedeckt werden, ergpbt sich bei 
gewissen Delikten zwangsläufig eine Erhöhung in der Verurteiltenzahl, 
ohne daß eine tatsächliche Kriminalitätsverschlechterung auf diesen Ge¬ 
bieten eingetreten ist. Man spricht dann von einer unechten Kriminalitäts¬ 
steigerung in der Statistik. 

Ein besonders typisches Beispiel hierfür ist die Abtreibung 30), die 
nach den Ergebnissen der Reichskriminalstatistik in den meisten Jahren 
nach der Machtübernahme weit höhere Verurteilungsziffem aufweist als 
während der Systemregierung. Um aber diese zunächst etwas unverständ¬ 
liche Erscheinung richtig zu verstehen, müssen wir uns einmal in die Zeit 
von 1932 und früher zurückversetzen. Wir werden uns dann erinnern, 
daß damals die Abtreibung als verhältnismäßig leichtes Delikt angesehen 
wurde und daß auch die Strafzumessungspraxis bei der Abtreibung äußerst 
milde gehandhabt wurde. Sollten nun aber im nationalsozialistischen 
Staat, in dem die Strafbestimmungen für Verbrechen gegen das keimende 
Leben verschärft sind und die öffentliche Meinung sie verfemt, die Zahl 
der Abtreibungen tatsächlich gestiegen sein? Mitnichten! Diese kriminal¬ 
statistische Steigerung bei der Abtreibung erklärt sich einzig und allein 
daraus, daß die heutige ernste Betrachtung dieses Deliktes viele Personen 
dazu veranlaßt, derartige Fälle unverzüglich zur Anzeige zu bringen, 
die sich in früheren Jahren hierzu nicht entschlossen hätten, weil sie der 
Auffassung sein mußten, Staat wie Behörden nähmen dieses Delikt leicht. 
Daß aber die Zahl der Abtreibungen in Wirklichkeit zurückgegangen 
sein muß, zeigt die seit 1933 festzustellende Abnahme der Fehlgeburten 
auf Grund der seit kurzem aufgenommenen Reichsstatistik der Fehlgeburten 
sowie die wesentliche Geburtenzunahme von 993 000 Lebendgeborenen im 
Jahre 1932 auf 1,408 Millionen im Jahre 1939, 

Auch die Schaffung neuer Strafgesetze oder die Er¬ 
weiterung krimineller Tatbestände einerseits, die Ein¬ 
schränkung der Strafgesetzgebung anderseits haben 
naturgemäß — statistisch gesehen — oft eine erhebliche, aber unechte 
Erhöhung oder Senkung der Kriminalitätszahlen zur Folge. Es versteht 
sich eigentlich von selbst, daß im Netz der Strafgesetze, das umfang¬ 
reicher und engmaschiger geworden ist, eine Kriminalität entstehen muß, 
die sich nicht aus dem gestiegenen Kriminalitätsgrad einer Bevölkerungs¬ 
schicht erklärt, sondern eben aus der gesteigerten Möglichkeit, eine 
Gesetzesverletzung zu begehen (GleitzeSl)* Her Einfluß der Ver¬ 
mehrung der Verfehlungsmöglichkeiten auf das zahlenmäßige Kriminal- 
tätsbild läßt sich — was deutsche Verhältnisse anbetrifft — allein schon 
daraus erkennen, daß die Zahl der von der Reichskriminalstatistik er¬ 
faßten Verbrechen und Vergehen gegen Reichsgesetze von 142 Num¬ 
mern im Jahre 1882, dem Anfangsjahr der kriminalstatistischen Er¬ 
hebungen für das gesamte Reichsgebiet, auf 660 im letzten Jahr vor 
Ausbruch des Weltkrieges und seitdem infolge der durch die jeweiligen 
Zeitverhältnisse bedingten umfangreichen Strafgesetzgebung bis gegen¬ 
wärtig auf mehr als 1200 angewachsen ist. Zwei besonders charakte¬ 
ristische Beispiele für die Einschränkungen in der Zahl der Kriminellen 
sind aus letzter Zeit einmal das Jugendgerichtsgesetz vom Jahre 1923, 

30) Vgl. E. Roesner. ,,Dle kriminalpolitische und demographische Bedeutung 
der Abtreibung im Spiegel der Statistik". Kriminalistische Monatshefte. Berlin. Jg. 1936, 
Beilage zu den Heften VII/X. 

31) Vgl. „Die Konjunkturkrlminalität". Stuttgart u. Berlin 1941. S. 6. 



106 


welches die untere Grenze des relativen Strafmündigkeitsalters vom 
vollendeten 12. auf das 14. Lebensjahr heraufsetzte, sowie das Gaststätten¬ 
gesetz vom 28. 4. 1930. Da nach dessen Bestimmungen die Überschreitung 
der Polizeistunde nicht mehr als ein Vergehen, sondern nur noch als 
Übertretung geahndet wird, verschwand aus dem kriminalstatistischen 
Zählungsbereich eine Deliktsart, die im Jahre 1927 noch über 50 000 Ver¬ 
urteilungen aufzuweisen hatte, denn Übertretungen werden von der 
Kriminalstatistik nicht erfaßt. Ebenso führen Amnestien zu einer 
mitunter wesentlichen Beeinträchtigung der kriminalstatistischen Ergeb¬ 
nisse, da durch solche Straffreiheitsgesetze eine nicht unbeträchtliche 
Zahl von strafbaren Handlungen unabgeurteilt bleibt. 

Neben der Schaffung und Gestaltung der Gesetze ist ihre Hand¬ 
habung, also vor allem die Gerichtspraxis, für die Zahlen der 
Kriminalstatistik von nicht zu unterschätzender Bedeutung. So wird nach 
K o r h e r r 32) der Bauer als Geschworener über Eigentumsdelikte 
schärfer urteilen als der Städter und dieser bei Delikten gegen die Person 
wieder strenger als der Bauer. Auch die verschiedene Wertung der 
Gesetze spielt hierbei eine wesentliche Rolle. So ist beispielsweise unter 
dem Weimarer System das Gesetz zum Schutz der Republik in Bayern 
nicht so scharf gehandhabt worden wie der Abtreibungsparagraph, 
während es in Preußen und besonders dem einstmals roten Berlin um¬ 
gekehrt war, zwei Argumente, die bei einer retrospektiven Betrachtung 
der kriminalstatistischen Zahlenreihen entsprechend zu beachten sind. 

Weiterhin kann infolge gerichtsorganisatorischer Ma߬ 
nahmen eine Vermehrung der Verurteiltenzahl von einem zum andern 
Jahr eintreten, wenn bei einem Gericht eine neue Strafkammer eingerichtet 
wird, was vor allem bei regionalen Vergleichen ins Gewicht fällt. Es 
ist in einem solchen Falle dann ganz naturgemäß, daß nunmehr vor dem 
betreffenden Gericht im Laufe des Geschäftsjahres eine größere Anzahl 
von Strafsachen zur Erledigung kommt, wodurch füglich auch die Zahl 
der Verurteilten steigen muß. Hierauf hat Aschrott 33) seiner Zeit schon 
hingewiesen. Die Erhöhung dieser Zahl ist dann nicht auf eine Steigerung 
der Kriminalität in dem nämlichen Jahr zurückzuführen, vielmehr liegt 
regelmäßig die Kriminalitätszunahme eine ganze Reihe von Jahren zurück; 
sie ist es, die ein Anschwellen der Geschäftstätigkeit des Gerichts herbei¬ 
geführt hat, zu dessen Bewältigung dann die Errichtung der neuen 
Strafkammer erfolgte. Die Bildung der neuen Kammer führt bei durchaus 
gleichbleibender Kriminalität folglich dazu, daß bei dem Gericht die 
Strafsachen schneller erledigt werden, und daß dadurch die Zahl der am 
Jahresschluß unerledigten Sachen zurückgeht. Dies aber kann daim in 
dem folgenden Jahr, in dem weniger Reste aufzuarbeiten sind, wieder 
zur Folge haben, daß die Zahl der abgeurteilten Strafsachen und damit 
die Zahl der Verurteilten geringer ist, ohne daß deshalb ein Kriminalitäts¬ 
rückgang vorzuliegen braucht. 

Ebenso vermögen Schwankungen in dem Bevölke¬ 
rungsstand, z. B. durch Eintritt geburtenstarker oder geburten¬ 
schwacher Jahrgänge in das straf mündige Alter, auf das statistische 
Entwicklungsbild der Straffälligkeit von Einfluß zu sein. So kann bei 
einer Zunahme in der Verurteiltenzahl — sagen wir einmal beim Dieb¬ 
stahl — nur dann von einer Verstärkung der Diebstahlskriminalität die 


32) a. a. O. S. 184. 

33) Vgl. ,.Dreißig Jahre deutscher Kriminalstatistik“. Zeitschrift f. d. gesamte 

Strafrechtswissenschaft. Berlin 1913/14. 8S. Bd. S. 611. 



106 


Rede sein, wenn die straffähige Bevölkerung nicht im gleichen Verhältnis 
zugenommen hat, umgekehrt kann bei einer Verminderung in der Zahl 
der verurteilten Spitzbuben nicht von einem Nachlassen ihrer kriminellen 
Betätigung gesprochen werden, wenn die Bevölkerungszahl entsprechend 
gesunken ist. 

Ein zuverlässiger und brauchbarer Gradmesser für die tatsächlichen 
kriminalistischen Verhältnisse läßt sich daher nur durch die Berechnung der 
sogenannten „Kriminalitätsziffer“ finden, indem man die für 
einen begrenzten Zeitabschnitt ermittelte Tätermasse zu einer bestimmten 
Anzahl (üblicherweise 100 000) der Bevölkerung in Beziehung setzt. Die 
gebräuchlichste Kriminalitätsziffer stellt der Vergleich der Kriminellen 
zu den Kriminalfähigen dar, d. h. das Verhältnis der Verurteilten zur 
jeweiligen strafmündigen Zivilbevölkerung. 

Alle diese und auch noch andere Faktoren, auf die hier nicht näher 
eingegangen werden soll, weil sie z. T. auch nur akuter Art sind und sich 
aus den jeweiligen Zeitumständen, wie z. B. dem Weltkrieg 34) und auch 
dem jetzigen Kriegers) ergeben, müssen aber bei der Wertung und Be¬ 
urteilung der durch die Kriminalstatistik ermittelten Gesamtergebnisse 
wie auch der Einzeldelikte entsprechend berücksichtigt werden. 

Wenn also das — einst von einem Kriminalisten geprägte — Wort: 
„Die Statistik ist eine gefährliche Wissenschaft“ irgendwie Geltung hat, 
dann gilt es aus den besagten Gründen besonders für die Kriminalstatistik. 

Trotz dieser Vorbehalte und Schwierigkeiten, die notabene mehr oder 
weniger jeder Statistik anhaften, ist der Erkenntniswert der Kriminal¬ 
statistik von namhaften Vertretern der kriminologischen Wissenschaft 
und Praxis immer und immer wieder betont worden. So sprechen ihr — 
um nur einige Beispiele zu nennen — Aschrott 36) und vonWeber37) 
einen symptomatischen Charaker zu, während Georg von Mayr38) der 
Deliktsstatistik als Massenerscheinung sogar „repräsentative“ Bedeutung 
beilegt, wie überhaupt die Kriminalstatistik nach Grävell39) für die 
Anwendung der sogenannten „repräsentativen Methode“, welche die Durch¬ 
führung nicht aller, aber doch vieler Einzelfälle vorsieht, mithin eine ab¬ 
gekürzte statistische Erhebung und Aufbereitung voraussetzt, ein sehr 
erfolgreiches Forschungsfeld darstellt. Zudem sind die Zahlen der Krimi¬ 
nalstatistik im allgemeinen wie auch im besonderen doch durchweg recht 
groß und gestatten bei der erforderlichen Vorsicht und Kritik immerhin 
Schlüsse, deren Allgemeingültigkeit sich durchaus erwiesen hat. Und 
wenn sich aus den absoluten Zahlen auch nicht alles herauslesen läßt, 
wollen wir in Anbetracht der schon erwähnten vielseitigen Aufgaben der 
Kriminalstatistik auf den Gewinn verzichten, den das große und viel¬ 
seitige Forschungsgebiet der Kriminologie aus ihnen ziehen kann? Aller- 


31) Vgl. F. Zahn. ..KrieKskriminalität“. Sehmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, 
Verwaltung und Volkswirtschaft im Deutschen Reich. München, Leipzig. 192'1. 47. Jg. 

S. 243. 

35) Vgl. E. R o e s n e r . ,,Krieg und Kriminalität im Spiegel der Statistik". 

Blätter für Gefängniskunde. 71. Bd. 1940. 1. u. 2. Heft. S. 3 (T. — Derselbe: ,.Die Krimi¬ 
nalität im Deutschen Reich im ersten Kriegsjahr 1939". Deutsche Justiz 19ri. 103. Jg. 
Nr. 12. S. 379. 

36) a. a. O. S. 523. 

37) Vgl. ,,Kriminalsoziologlsche Einzclforschungen". Untersuchungen zur Krimi¬ 
nalität in Deutschland. Jena 1939. Heft 1. S. 7. 

38) Vgl. ,.KrimlnaIstatlstik und >Kriminalätiologie<". Monatsschrift für Kriminal- 

psychologie und Strafrechtsreform. Heidelberg 1911/12. 8. Jg. S. 335. 

39) Vgl. „DierepräsentativeMethode". Deutsches Statistisches Zentralblatt. Leipzigl923. 

16. Jg. S. 12; ferner E. Hacker. ,,Dle Anwendung der repräsentativen Methode in 
der Kriminalätiologie”. Leipzig 1932. 24. Jg. Spalte 185 ff. 



107 


dings lehren die — oftmals in einer Fülle von Tabellen zusammengestellten 
— den Nichtfachmann nur allzu nüchtern anmutenden, toten Zahlen nicht 
viel. Sie gewinnen vielmehr erst dann LAen, wenn man den Zahlennach¬ 
weisungen eingehende textliche Erläuterungen ^0) beifügt, die neben einer 
Beschreibung der kriminalstatistischen Methode noch über besondere, 
während der jeweiligen Berichtsperioäe eingetretene Änderungen in der 
materiellen wie verfahrensrechtlichen Strafgesetzgebung, desgleichen in 
der Polizeiorganisation berichten und außerdem über Umstände speziell 
politischer oder wirtschaftlicher Art, die das Kriminalitätsbild im Zählungs¬ 
zeitraum zu beeinflussen geeignet sind, Aufschluß geben. Eine derartige 
Beigabe interpretierender Bemerkungen, wie das in der Kriminalstatistik 
des Deutschen Reichs im Gegensatz zu den meisten Kriminalstatistiken 
des Auslandes schon seit vielen Jahren geschieht, erweist sich um so 
notwendiger, da die nackten Zahlen nach einem bildlichen Vergleich des 
französischen Kriminologen T a r d e mit der Eigenart der orientalischen 
Sprachen nur die Konsonanten der kriminalstatistischen Arbeit darstellen 
und diese erst durch Vokale, d. h. durch eingehende deskriptive Erläute¬ 
rungen zu siimgemäßen und verständlichen Wortgebilden ausgefüllt werden 
müßten. 

Ich glaube, damit — wenigstens in der großen Linie — einen allge¬ 
meinen Einblick in das Wesen und die Forschungsziele der kriminal¬ 
statistischen Wissenschaft vermittelt zu haben, und komme nunmehr zu dem 
speziellen Teil meiner Darlegungen, der Grundlage und Technik der amt¬ 
lichen deutschen Kriminalstatistik und den verschiedenen Möglichkeiten 
ihrer wissenschaftlichen Ausbeutung. 


2. Grundlage und Technik der Reichskriminalstatistik 

Mit Ablauf dieses Jahres sind es genau 60 Jahre 42) her, daß 
eine Kriminalstatistik für das gesamte Deutsche 
Reich bearbeitet wird, denn durch § 563 der Bundesratsprotokolle vom 
5. Dezember 1881 wurde die „Herstellung einer Statistik der rechtskräftig 
erledigten Strafsachen wegen Verbrechen und Vergehen gegen Reichs¬ 
gesetze“ beschlossen. Die Durchführung dieser Statistik wurde der 
statistischen Zentralbehörde des Deutschen Reichs, dem damaligen Kaiser¬ 
lichen Statistischen Amt, dem jetzigen Statistischen Reichsamt, übertragen. 
Ihre Bearbeitung ist seitdem Jahr für Jahr im großen und ganzen zwar 
nach derselben Methode fortgesetzt worden, wobei sich allerdings die 


40) Vgl. hierzu E. Schäfer. „Directives pour l'elaboration des statistlque» 
criminelles dans les divers pays". Rapport au nom de la Commission mixte constltu^e par 
■'Institut International de Statistique et la Commission Internationale Fenale et Pdniten- 
tiaire. Revue de 1‘Institut International de Statistique. Berne. Jg. 1936. S. 195 tf. 

41) Vgl. I. R. B. de R o o s. ..Consonnes et voyelles". BiiileUn de l’Institut 
International de Statistique. 1928. XXIII, 2. S. 1. 

42) Vgl. G. Lindenberg. ..Die Ergebnisse der deutschen Kriminalst.atistik 

1882—1892". Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik. Jena 1894. III. Folge. 
8. Bd. S. 688 IT. — H. von Scheel. ..Die Ergebnis.se der deutschen Kriminalstatistik 
1882—1899". Ebenda 1901. III. Folge. 22. Bd. S. 123. — P. Frauenstaedt. 
..Zwanzig Jahre Kriminalstatistik". Zeitschrift für Sozialwissenscbaft. Berlin 1905. 
VIII. Jg. S. 346 ff. — K. Krüger. ..Die Entwicklung der Kriminalität im Deutschen 
Reich 1882—1910". Jahrbücher der Nationalökonomie und Statistik. 1914. 102. Bd. S. 668. 

— H. Seuffert, ..Die Bewegung im Strafrechte während der letzten dreißig Jahre“. 

Dresden 1901. — Asch rott. ..Dreißig Jahre deutscher Kriminalstatistik". Zeitschrift 
f. d. gesamte Strafrechtswissenschaft. Berlin 1913/14. 35. Bd. S. 507 ff. — ..Die Ent¬ 

wicklung der Kriminalität im Deutschen Reich seit 1882". Anlage 11 zum Entwurf eines 
allgemeinen Deutschen Strafgesetzbuchs. Drucksachen des Reichstags. III 1924/27 Nr.339o 

sowie Bd. 370 der Statisük des Deutschen Reichs. S. 31 ff. — E. R o e s n e r. „Fünfzig 

Jahre deutsche Kriminalstatistik". Allgemeines Statistisches Archiv. Jena 1934. 23. Bd. 
S. 843 ff. 



108 


Aufgaben im Laufe der Zeit wesentlich vermehrt haben, so daß durch das 
hierbei erstellte riesige Zahlenmaterial bereits eine stattliche Reihe von 
dickleibigen Folianten angefüllt* worden ist. 

Durch diese — vor nunmehr sechs Dezennien getroffene — Ma߬ 
nahme wurde die Loslösung der Kriminalstatistik von der bisherigen 
allgemeinen Verwaltungsstatistik der Justizbehörden, im besonderen von 
der im Reichsjustizamt geführten ,Justizgeschäftsstatistik“ vollzogen. 
Die Reichsstatistik war mit diesem Schritt dem Muster der Preußischen 
Statistik gefolgt, deren damaligem Leiter Emst Engel das große Ver¬ 
dienst zukommt, daß er mit der Bearbeitung der ,Josgelösten“ ^3) Statistik 
für ^as Jahr 1881 ^4) den Anfang zur Verselbständigung der Kriminal¬ 
statistik gemacht hat. 

Die deutsche Kriminalstatistik ist ihrem Gegenstände nach 
eine Statistik der Abgeurteilten, denn sie zählt die An¬ 
geklagten, gegen die in dem jeweiligen Berichtszeitraum ein bei einem 
deutschen Gericht anhängiges Strafverfahren durch Verurteilung, Frei¬ 
sprechung oder Einstellung des Verfahrens rechtskräftig erledigt worden 
ist. Das Verfahren muß sich grundsätzlich auf ein Verbrechen oder Ver¬ 
gehen gegen Reichsgesetze beziehen. Alle Landesgesetze, ebenso die 
Übertretungen bleiben sonach außer Betracht. Eine Ausnahme von den 
letzteren machen seit 1934 diejenigen Übertretungen, in denen die Unter¬ 
bringung des Angeklagten gemäß § 42 d RStGB. in einem Arbeitshaus 
rechtskräftig angeordnet worden ist; diese Fälle werden vom 1. Januar 1934 
kriminalstatistisch miterfaßt. 

Wenn wir nun einmal eine Zeitung, z. B. die Abendausgabe des „Ber¬ 
liner Lokalanzeigers“ vom 9. Januar 1941 aufschlagen, so ersehen wir 
aus einem Artikel, daß im Jahre 1939 nach den Feststellungen der Reichs¬ 
kriminalstatistik die Zahl der im Deutschen Reich wegen Verbrechen und 
Vergehen gegen Reichsgesetze rechtskräftig verurteilten Personen sich 
auf rund 335 000 beziffert und damit um 12 % niedriger ist als im Vorjahr, 
und daß weiterhin die schweren Delikte gegenüber dem letzten Jahr vor 
der Machtübernahme unter dem Einfluß des nationalsozialistischen 
Kampfes gegen das Verbrechertum um über 60 % zurückgegangen sind. 
Der geschätzte Leser wird das seinerzeit sicherlich mit Befriedigung auf¬ 
genommen haben, sich aber unter dem Eindruck der für ihn zweifellos 
meist wohl weit interessanteren zahlreichen politischen Tagesfragen und 
der Schnellebigkeit der heutigen Zeit kaum Gedanken gemacht haben, 
wie eigentlich diese ihm in seinem Blatt gebotenen kriminalstatistischen 
Zahlen zustande gekommen sind, vor allem aber, welche Mühe und welchen 
Arbeitsaufwand — von der finanziellen Seite ganz abgesehen — es ge- 
kof5tet hat, bis sie zur Veröffentlichung reif waren. 


4.^) Unter einer ..losgelösten“ oder ..aiisgelösten" Statistik versteht man diejenige 
amtliche Statistik, die von einer selbständigen statistischen Behörde ausgeführt wird. 
In Deutschland z. B. die HandelsstatisÜk, die Statistik der Bevölkenmgsbewegung (d. h. 
EheschlieOungen, Geburten und Sterbefälle) und auch seit 1882 die Kriminalstatistik. 
Im Gegensatz zur ausgelösten Statistik wird die nichtausgelöste Statistik von 
einer nichtstatistischen Behörde nebenbei geführt, z, B. die Poststatistik vom Reichspost¬ 
ministerium, die Patentstatistik vom Reichspatentamt. 

44) Vgl. Allgemeine Verfügung vom 22. Dezember 1880 — betreffend die Herstellung 
einer Statistik der Strafrechtspflege — (Justiz-Ministerialblatt 1880. S. 337) sowie ,,Die 
Ergebnisse der Strafrechtspflege im Königreiche Preußen". XIV. Ergänzungsheft sui 
Zeitschrift des Kgl. Freuß. Statistischen Bureaus. Berlin 1883. 



109 


Es erscheint daher angezeigt, einen — wenn auch nur kurzen — Ein¬ 
blick in die Technik und Werkstatt der deutschen Kriminalstatistik 
zu vermitteln. 

Hierbei entsteht zunächst die berechtigte Frage nach der Gewin¬ 
nung des Urmaterials. Sie erfolgt in ihrer ersten Phase 
durch Zählkarten, die von der Strafvollstreckungsbehörde für jede einzelne 
— innerhalb des jeweiligen Berichtsjahrs — rechtskräftig abgeurteilte Per¬ 
son auf Grund der Aufzeichnungen in den Strafakten ausgestellt werden. 
Dieser Erhebungsmodus bringt den Vorteil mit sich, daß eine solche — nach¬ 
stehend abgebildete — Zählkarte für Angeklagte durch die Feststellung der 
Art der strafbaren Handlung und der deswegen erkannten Strafe einerseits, 
ihre individuellen und sozialen Merkmale anderseits zunächst einmal auch dem 
Nichtfachmann ein Miniaturbild von dem Charakter und der Schwere des 
jeweiligen Verbrechens oder Vergehens, sowie der Person des Täters ver¬ 
mittelt, aus der aber im speziellen die bearbeitende statistische Behörde 
sowie der zuständige Sachbearbeiter nach Bedarf entnehmen kann, was 
im Hinblick auf das kriminalstatistische Forschungsziel aus der Fülle der 
Daten für die Auswertung notwendig erscheint; d. h., daß unter Umständen 
bei der Zusammenstellung der Angaben alles fortfallen kann, was im 
Augenblick für unwesentlich erachtet wird, umgekehrt aber die tabel¬ 
larische Aufbereitung so durchgeführt werden kann, wie es dem Zweck der 
Arbeit am meisten entspricht. 

Diese in einem Monat ausgefüllten Zählkarten über die bei den zur 
Zeit im Altreichsgebiet vorhandenen 1 666 Amtsgerichten und 155 Land¬ 
gerichten anhängig gewesenen Strafsachen werden bei den Staatsanwalt¬ 
schaften der Landgerichte gesammelt und von diesen monatlich direkt an 
das Statistische Reichsamt eingesandt. Da hierdurch die Bearbeitung der 
Kriminalstatistik, und zwar schon seit ihrem Beginn im Jahre 1882, 
zentralisiert ist, handelt es sich bei ihr im Rahmen der Organisation der 
amtlichen Statistik um eine unmittelbare Reichsstatistik, die damit 
zu den ältesten amtlichen Statistiken dieser Art gehört. Und da sich 
weiterhin — wie eben erwähnt — die Gewinnung des kriminalstatistischen 
Zählkartenmaterials auf Aktenaufzeichnungen stützt, die in allererster 
Linie im Interesse der Rechtspflege und der Rechtspolitik, nicht aber der 
Statistik halber erfolgen, die kriminalstatistischen Feststellungen sich also 
nur auf vorangegangene, aktenmäßige Vorgänge aufbauen, so ist die Krimi¬ 
nalstatistik, wie vorhin schon angedeutet wurde, eine sekundäre Sta¬ 
tistik, ebenso wie beispielsweise auch die Statistik der Bevölkerungsbe¬ 
wegung, die ihre Unterlagen über die Zahl der Geburten, Eheschließungen 
und Sterbefälle erst aus den Aufzeichnungen der Standesämter erhält. 
Eine Statistik wird dagegen als primäre bezeichnet, wenn Feststellungen 
sozialer Massentatsachen aus statistischem Selbstzweck und unmittelbar 
von der statistischen Behörde aus vorgenommen werden. Das ist z. B. 
bei der Volks- und Berufszählung der Fall. 

Die deutsche Kriminalstatistik ist somit ihrer Form 
nach eine ausgelöste, unmittelbare, sekundäre Reichs¬ 
statistik 46). 


45) VkI. H. von Scheel. ..Zur Technik der KriminalBtatietik in Deutnchiand und 
Italien". Alliremeines StatietischeB Archiv. TübinKen 1890 u. 1891. 1. Jir. S. 468 ff. — 

E. Roesner. ..Fünfzig Jahre deutache Kriminalstatistik". Ebenda. Jena 1984. 25. Bd., 
insbesondere S. 354 ff. 

40) Vgl. F. i i i e k. „Grundriß der Statistik". München und Leipzig 1923. S. 287. 



110 


Wir kommen nun zum zweitenArbeitsgang. Das beim Stati¬ 
stischen Reichsamt von den Justizbehörden eingegangene Zählkartenmate¬ 
rial, das sich in den letzten Jahren auf durchschnittlich 400 000 bis 600 000 
Formulare belief, im Hauptinflationsjahr 1923 mit der bisher 
beobachteten stärksten Kriminalität weit über eine Million Karten um¬ 
faßte, wurde seit der Inangriffnahme der Kriminalstatistik (1882) bis 
zum Jahre 1935 ausschließlich im sogenannten manuellen Ver¬ 
fahren bearbeitet. Im näheren will das besagen, daß sowohl die Aus¬ 
zeichnung der einzelnen Zählkartenangaben nach bestimmten Kennziffern 
oder Kennworten wie auch die Auszählung und anschließende Konzentra¬ 
tion der Einzelergebnisse und der Gesamtsumme nur durch Hand¬ 
arbeit erfolgte. Vom Jahre 1936 ab wird jedoch nach der AV. des 
Reichsministers der Justiz vom 18. Dezember 1935 (II a 1457) — Deutsche 
Justiz S. 1867 — zum Zwecke einer schnelleren Feststellung der kriminalstati¬ 
stischen Ergebnisse, und zwar nicht mehr nur für das ganze Jahr, sondern 
auch für die einzelnen Vierteljahre das Zählkartenmaterial im 
elektrisch-maschinellen Lochkartenverfahren47) nach 
dem auf amerikanischen Patenten beruhenden äußerst komplizierten „Hol¬ 
lerithsystem“ 48) aufbereitet, das wie andere Verfahren ähnlicher Art 
(z. B. Power) zweckmäßig dort seine Anwendung findet, wo es darauf 
ankommt, große Mengen von Erhebungseinheiten, insbesondere bei stati¬ 
stischen Arbeiten in möglichst kurzer Zeit aufzuarbeiten. 

So wurde z. B. die vorletzte Volkszählung für Preußen im Jahre 1933, 
die rund 41 Mill. Lochkarten umfaßte, innerhalb von 10 Monaten von Be¬ 
ginn der Ablochung fertiggestellt. 

Im Statistischen Reichsamt 49) werden an größeren Erhebungen die 
Handelsstatistik, die verschiedenen Finanz- und Steuerstatistiken mit rund 
84 Mill. Lochkarten, von denen auf die Lohnsteuerstatistik allein 25 Mill., 
auf die Einkommensteuerstatistik 16 Mill. entfallen, sowie auch eine 
ganze Reihe kleinerer Erhebungen, unter diesen neuerdings auch die Krimi¬ 
nalstatistik, nach dieser Methode bearbeitet. Kleinere Erhebungen wie 
die letztere bringen insbesondere dann Vorteile gegenüber dem obener¬ 
wähnten manuellen Verfahren, wenn die Erhebungseinheiten nach ver¬ 
schiedenen Gesichtspunkten oder die Erhebungsmerkmale nach mehrfachen 
Kombinationen, wie z. B. Geschlecht und Vorbestrafungen der Verurteilten 
kombiniert mit ihrem Alter oder Familienstand ausgewertet werden müssen. 

Da wohl angenommen werden darf, daß ebenso wie in der Allgemein¬ 
heit auch in dem Leserkreis der „Blätter für Gefängniskunde“ kaum eine 
be-stimmte Vorstellung über die Art der maschinellen Aufarbeitung, in 
concreto der Kriminalstatistik, herrscht, erscheint es gerechtfertigt, das 
Grundprinzip des Lochkartenverfahrens und seine verschiedenen technischen 
Vorgänge nachstehend etwas näher aufzuzeigen. 


47) VkI. u.a. A. Madie. „Die Maschinenverwendung in der Statistik“. Die 
Statistik in Deutschland nach ihrem heutigen Stand. Herausgegeben von F. Burg- 
d ö r f e r. Berlin 1940. Bd. I. S. 137. — Ferner: P. Q u a n t e. ..Die Erfahrungen mit 
elektrischen Zählmaschinen ln Preußen bei der Volks- und Berufszählung vom 
16. Juni 1925”. Allgemeines Statistisches Archiv. Jena 1930. 20. Jg. S. 82 ff. — 
A. Busch. ..Zur Frage der Verwendung von Lochkartenraaschinen". Ebenda S. 260. — 
Ph. Schwartz. ..Zur Frage der Anwendbarkeit der mechanischen Auszählung bei 
statistischen Erhebungen“. Ebenda S. 266. 

48) Der Erfinder und erste Konstrukteur brauchbarer Lochkai-tenmaschinen war der 
Deutsch-Amerikaner Dr. Hermann Hollerith; seine Vorfahren stammen aus der Pfalz. 

49) Vgl. F. B i e h I c r . ..Das Hollerithverfahren. Sein Einsatz im Statistischen 
Reichsamt". Nationalsozialistische Beamtenzeitung. Der Deutsche Verwaltungsbeamte. 
7. Jg. Nr. 10 vom 16. Mal 1938. S. 326. 



111 


Unter dem Lochkartenverfahren versteht man die Über¬ 
tragung von Zahlen der Erhebungspapiere, im speziellen also von 
den Zählkarten für Angeklagte, auf Lochkarten und ihre Aus¬ 
wertung mit Hilfe von besonderen, für diese Zwecke konstruierten 
Maschinen. Voraussetzung hierfür ist jedoch zunächst die handschriftliche 
Umwandlung der verschiedenen Zählkartenangaben in — nach einem 
bestimmten Plan festgelegte — Schlüsselzahlen. An Stelle dieser Schlüssel¬ 
zahlen treten Lochungen, die mit einer Lochmaschine vorgenommen werden. 
Daher die Bezeichnung Lochkarte, die aus dem noch heute beim Legever¬ 
fahren ^O) verwendeten Zählblättchen 5*) für statistische Aufbereitungen 
hervorgegangen ist. Diese Karten lassen sich nach bestimmten Begriffen 
ordnen, wozu die Sortiermaschine dient, sodann auszählen bzw. aufrechnen, 
was mit Hilfe der Tabelliermaschine erfolgt. 

Das Lochkartenverfahren setzt sich mithin aus drei verschiede¬ 
nen Elementen zusammen und zwar: 

1. aus der Lochkarte, 

2. der Sortiermaschine und 

3. Tabelliermaschine. 

Das Grundelement, die Lochkarte, besteht aus einem besonderen, 
elektrisch nicht leitfähigen, steifen Blatt von bestimmter Stärke und Größe, 
in das mit Hilfe einer — meist magnetischen — Lochmaschine alle Er¬ 
hebungsmerkmale der betreffenden Statistik vorwiegend in Zahlen — 
seltener in Buchstaben — niedergeschrieben, d. h. die Löcher in die Karte 
gestanzt werden. Die Lochkarte zeigt 60 oder 80 Längsspalten, von 
denen jede in die Zahlenreihe 0—9 geteilt ist. Jede Zahl bedeutet eine 
Lochstelle. Mehrere Längsspalten werden jeweils zu einem Lochfeld 
zusammengefaßt, dessen Bedeutung im Kartenkopf vorgeschrieben werden 
kann. Das ist aus dem Muster der auf S. 112 abgedruckten kriminal¬ 
statistischen Lochkarte zu ersehen, deren Lochungen den Angaben der 
Zählkarte für Angeklagte auf S. 113/114 entsprechen. Man vergleiche 
hierbei die einzelnen Lochungen mit den Schlüsselzahlen in der rechten 
Spalte, insbesondere der Vorderseite der Zählkarte. Wenn die im Auf¬ 
bereitungsverfahren zeitlich der Ausfertigung der Zählkarte folgende 
Lochkarte der ersteren hier vorangestellt worden ist, geschah dies lediglich 
zur Vereinfachung der Vergleichsmöglichkeiten beider Formulare. 

Die in die Lochfelder gestanzten Angaben lassen sich in zwei Gruppen 
unterscheiden: 

a) Ordnungsfelder, nach denen die Karten zu ordnen (sor¬ 
tieren) sind, und 

b) Addierfelder, deren Angaben aufzurechnen (tabellieren) 
sind. 

Die gelochten Karten werden anschließend durch die Sortier¬ 
maschine in die gewünschte Ordnung gebracht, d. h. nach Feldern 
sortiert, welche den für die Gruppierung der statistischen Erhebungs¬ 
merkmale jew'eils gewählten Gesichtspunkt enthalten. Bei diesem tech¬ 
nischen Vorgang gleiten die Karten aus einem Magazin der Sortiermaschine 


50) Das Lepreverfahren ist das bei der statistischen Aufbereitung am häufigsten 
angewendete Bearbeitungsverfahren, bei dem das Erhebungsmaterial nach den gewünschten 
Gruppen auseinandergelegt (,,sortiert") und die einzelnen Päckchen gezählt werden. 

51) Zählblättchen nennt man die beim Legeverfahren (s. vorstehende Anmerkung) 
in vielen Fällen nötigen Formulare. Auf ihnen werden alle für die Bearbeitung wichtigen 
Angaben der ursprünglichen Erhebungsformulare fcstgehalten. und zwar meist, um die 
Schreibarbeit zu verringern, in abgekürzter Form und — im Fall, daß eine Auszeichnung 
des Erhebungsmaterials stattgefunden hat — unter Verwendung der betreffenden Sig¬ 
naturen (Buchstaben oder Ziffern), 



112 







113 


Muster einer kriminalstatistisdien Zählkarte 

Originalgröße Din A 4 (21 cm X 297 cm). 


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Stntl»'. Grioerb»' oOrr ^obrangaimcig iomli SIrbeit«« ober ClenMoerbOItni» len Senif }ar 3#ll 
0er Xot (bir Sn be« j^uptbrruf». brr ^^auptrnorrbttäHgreit ober «bcii^ltlsung ober ber f)oupl> 
rintofnmrn*« ober *nnl;ruiine()ufllr ifi genau ju br]rld)iitn, nbiigenfaQ« unirr Sngobe bt* tlrbcits* 
ober Dieiifioerbalmiiic». j. ^ Onbober. f)QnbiDerromciftcr Oeirlle. ^britarbrlter)* 


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Qör tninberiäbrlge obne eigenen Siruf: Sentf ber (Eltern 

fticinmc BeriDaRnngaOejItf IStoOlFrelt aOet CooOtrel»). In bem ber Ort ber unter 10' 

bcaetiOneien flcafOaren O^nbiung = 


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I. ftBcje Bt|clil)anng 0« (nad) !Rrtd)ftrrd)t) ftrofbacen Oa"aiuag: 

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rff JtK ln.fefu,:&ekud^a^ r.. 

Verlni^ unb grmclnfdiaftllt^ea OanOtln finb onjugrben» bte angeornbrten §{ 43. 47. 4« ober 40 
6t(9'B. on^uführen. Snjulüljren finb oueb Im ^Ue ihrer Sniotnbung ble §§ 2a. 27a. 51 Sb(. 2. 
b 58 Sbf. 2 Bei SbeaKourartens <§ Ts 6t®B) Ifi nur bo» angeiDenbete 6trofgefei(, bei 

arairantorren) (§§ 74tt. 6i(BB 1 nur bie mit ber fditoerflen Etrofe bcbrobie ü^onblung anjugeben. 
9fl ber Sngrfloglc nc<b § 30a 6i(3B a(» ein gefäbrlicber (Benobnt)«lieDerbred)er oervitclU »orben, 
(o Ift S onjutübren (BigebenenfaUft Ift oud) bir BO. }um gegen iugenb(id)i 6i0a>er* 

oerbredKr o. 4. 10. 1930 oiisulührcn. 

i bet OntfdJelbnRg*): 

a) .^u 6irafe oerurutU2..._^ b) 3u €trore a SRagregrl (3(R 12«) oentttelUt . . 

c) ^ 7lebrn0rel{prcd)ungou|etnc9Ra{iregfl(3i1f.l2e)crfonni7_ 

e 6etb{l&nbig ouf eine flQabregfl (3l|f- 12 el erfanntt .■ ...., , ___ . - 


) SlntTag oui (eU'ftanbIge Snorbimng einer Slabregcl (3iff' 12 e) obgelebnil 

g) Serfobitn -b) Bon Strolc abgefeben ($ 0 ober $ 9 Bbf 4 3®IS')7_ 

I) Oufirrt^^rrrft oerbängt 


Crfoantc fftofen. ncbtnflcaf«N anb nabregeln ber Sldjening nnb Beffeniag (Ifi aal dn« 
Örfamlftrofe rrtaiiut Io ifi nur Me|e anjugebrn) 


a) Xobceltralf: — 


b) Orrlbeiloflrojc. unb atoor 

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Rüdiseite der kriminalstatistisdien Zählkarte 






115 


automatisch an einer Kontaktbürste vorbei, die auf die gewählte Sortier¬ 
spalte eingestellt ist. Sobald die Bürste ein Loch trifft, schließt sich ein 
Stromkreis und öffnet gleichzeitig den Weg zu demjenigen Kartenfach, 
das dem Ziffemwert des Loches in dieser Spalte entspricht. Die Karten 
müssen die Maschine so oft durchlaufen, wie das Feld, nach dem sortiert 
werden soll, Spalten besitzt. Sie sind dann der Reihe nach geordnet. Die 
Zahl der einzelnen Sortierungen beläuft sich bei der Kriminalstatistik z. Z. 
auf 3,5 Mill. Kartendurchgänge. Die Stundenleistung der Sortier¬ 
maschine beträgt 16 000 bis 24 000 Karten. 

In dem dritten und letzten maschinellen Arbeitsgang werden 
dann die sortierten Karten durch die schreibende Tabelliermaschine 
geschickt, die durch entsprechende Schaltung die gewünschte Rechenarbeit 
ausführt und die Ergebnisse nebst der Bezeichnung des betreffenden 
Ordnungsbegriffes in der Schlüsselsprache, also in Zahlen nieder schreibt. 
Die Karten können einzeln abgeschrieben werden, und zwar mit oder 
ohne Addition der in den Rechenfeldem abgelochten Werte. Die Stunden¬ 
leistung der Tabelliermaschine beträgt in diesem Falle etwa 4 500 Karten 
einer Gruppe. Interessieren dagegen nur die Endsummen von Karten¬ 
gruppen, so können im sogenannten Sammelgang rund 9 000 Karten einer 
Gruppe in der Stunde ausgewertet werden. 

Für die maschinelle Aufbereitung des kriminalstatistischen Zählkarten¬ 
materials beispielsweise aus dem ganzen Jahr 1940 waren 10,4 Mill. Sor¬ 
tiergänge und 2,8 Mill. Durchgänge durch die Tabelliermaschine erforderlich. 

Den Beschluß des technischen Teils der Aufbereitung 
bildet die Übertragung der Auszählungsergebnisse, die durch die Tabellier¬ 
maschine auf sogenannte „Rechen“- oder „Lesebänder“ geschrieben werden, 
auf vorgeschriebene Tabellenformulare und die Konzentration der Ergeb¬ 
nisse, d. h. ihre Zusammenziehung nach bestimmten statistischen Ober¬ 
begriffen, z. B. Altersgruppen der Verurteilten, Deliktsgattungen, Summe 
der Verbrechen und Vergehen gegen das Strafgesetzbuch einerseits, sonstige 
Reichsgesetze anderseits u. ä. 

Die so gewonnenen Angaben werden in dem kriminalstatistischen 
Tabellenwerk dargestellt, das sich aus einer Reihe von Haupttabellen 
zusammensetzt. Einige von diesen mit zahlreichen Kombinationen von 
Erhebungsmerkmalen der Verurteilten wde Geschlecht, jugendliches Alter, 
Vorstrafen, die einzelnen Strafarten und Maßregeln der Sicherung und 
Besserung werden nach dem sogenannten „Ausführlichen Verzeichnis der 
von der Kriminalstatistik erfaßten strafbaren Handlungen gegen Reichs¬ 
gesetze“ aufgestellt. Es umfaßt gegenwärtig 1 200 Verbrechen und Ver¬ 
gehen gegen Reichsgesetze, deren Zahl erklärlicherweise von der jeweiligen 
Ausweitung oder Einschränkung der Strafgesetzgebung in starkem Maße 
abhängig ist. Die Aufstellung anderer Tabellen wiederum, die über das 
Alter, den Familienstand, die Religionszugehörigkeit der Verurteilten sowie 
über ihren Beruf zur Zeit der Tat unterrichten, geschieht nach dem „Ab¬ 
gekürzten Verzeichnis der von der Kriminalstatistik erfaßten strafbaren 
Handlungen gegen Reichsgesetze.“ In ihm sind Gruppen von artgleichen 
strafbaren Handlungen jeweils unter einer Nummer vereinigt. Dadurch 
werden die schon genannten 1 200 Nummern und Untemummem des „Aus¬ 
führlichen Verzeichnisses“ in 95 Deliktsgruppen eingeordnet. So zählte 
im letzten Jahr vor dem Weltkrieg dieses Verzeichnis — wie oben schon 
erwähnt wurde — nur 550 Tatbestände, im Anfangsjahr der Kriminal¬ 
statistik, also 1882, sogar bloß 142 Positionen. 


2 » 



116 


Die Veröffentlichung der kriminalstatistischen Vierteljahres¬ 
ergebnisse sowie auch der vorläufigen Jahresergebnisse geschieht zunächst 
in der vom Statistischen Reichsamt herausgegebenen Halbmonatszeit¬ 
schrift „Wirtschaft und Statistik“, die Publikation der ausführlichen und 
endgrültigen Jahresergebnisse in Gestalt eines umfangreichen Tabellenwerkes 
unter Beigabe eingehender textlicher Erläuterungen und instruktiver g^ra- 
phischer Schaubilder in dem amtlichen Quellenwerk „Statistik des Deutschen 
Reichs“, das seit geraumer Zeit anhangsweise auch statistisches Material 
über die Kriminalität im europäischen wie außereuropäischen Ausland oder 
periodische Sonderuntersuchungen z. B. auf dem Gebiete der Mordstatistik 
sowie jeweils die neusten Jahresergebnisse der „Auslieferungsstatistik“ 
enthält. 


3. Die Nutzbarmachung der Reichskriminalstatistik. 

Nach dieser technisch-informatorischen Exkursion in die Werk¬ 
statt der Kriminalstatistik möchte ich nunmehr in dem dritten und 
letzten Kapitel meines Berichtes noch auf die praktische Seite 
meines Themas, d. h. auf die Verw’ertung der kriminalstati¬ 
stischen Daten zu sprechen kommen. 

Da nach meinen einführenden Darlegungen die Feststellung der Zahl 
der begangenen strafbaren Handlungen und ihrer Täter Aufgabe der 
Kriminalstatistik ist, ermöglichen ihre Ergebnisse einmal die Erkenntnis 
von dem Umfang und der Struktur der Straffälligkeit in einem bestimmten 
Jahr, anderseits die Beobachtung der Kriminalitätsschwankungen während 
einer längeren Zeitstrecke. Ich könnte daher aus dem mir zur Verfügung 
stehenden unermesslichen Zahlenmaterial ohne weiteres, wenn auch aus 
Raumgründen nur die wichtigsten Daten namhaft machen. Da aber er¬ 
fahrungsgemäß mit dem Wort Statistik bei allen Nichtfachleuten, zu 
denen ich in überwiegendem Maße wohl auch die Leser der „Blätter für 
Gefängniskunde“ rechnen darf, stets der Gedanke an eine Fülle von Zahlen 
und Tabellen verknüpft i.st und ich aus eigener Praxis weiß, daß wohl 
nichts ermüdender wirkt als eine endlose Aufzählung von .statistischen 
Angaben, will ich deshalb gewissermaßen als ein optisches Hilfsmittel 
die bedeut.samsten Ergebnisse unserer Kriminalstatistik aus Vergangenheit 
und Gegenwart an Hand von einigen Schaubildern zur Darstellung 
bringen. 

Und zwar handelt es sich hierbei um eine Auswahl aufschlußreicher 
Feststellungen auf dem Gebiete der Verbrechenskausalität, da 
die Kriminalstatistik vor allem auch ein unentbehrliches Hilfsmittel zur 
Erforschung der Kriminalitätsursachen ist. 

Einige dieser nun folgenden Schaubilder dienten mir bereits als illustra¬ 
tives Beweismittel meines Referates ^2) über die Zusammenhänge zwischen 
Wirtschaftslage und Kriminalität, die Einwirkungen des Alkohols auf das 
kriminelle Verhalten der Bevölkerung und den saisonmäßigen Verlauf 
gewisser krimineller Erscheinungen, das ich als Regierungsvertreter auf 
dem X. Internationalen Strafrechts- und Gefängniskongreß in Prag im 
Jahre 1930 bei den Verhandlungen zur Herbeiführung einer zwischenstaat¬ 
lichen Zusammenarbeit zur Beobachtung der Schwankungen der Kriminali¬ 
tät und zur Erforschung ihrer Ursachen sowie einige Zeit später (1. 12.1930) 

62) VkI. E. R o e 3 n e r. ,,Une Cooperation internationale en vue de l'observation 
des chaneements dans la criminalit^ et de I'examen de leurs causea est-il possible et 
dans quelleB conditions?“ Actes du Congr^e Final et Pinitentiaire International de 
Frage. Aoüt 1930. RapiKjrt sur les questions du Programme de la troisiime seclion: Pri- 
vention. Berne 1930. Volume la. S. 239 11; ferner Volume IV. S. 229 fr. 



117 


auf breiterer Basis auf der Jahresversammlung der „Zentralstelle für das 
Gefangenenfürsorgewesen der Provinz Brandenburg“ 53) gehalten habe. 

In dem Schaubild Nr. 1 sind die Zusammenhänge zwischen 
R o g ge n p r e i s e n und den Beeinträchtigungen des 
Eigentums — umfassend Diebstahl, Unterschlagung, Raub und Er¬ 
pressung einerseits und der Bettelei anderseits — im damaligen 
Königreich Bayern für die Jahre 1835—1861 dargestellt. Zwar 
sind solche Einwirkungen der Schwankungen der Lebensmittel- und 
besonders der Getreidepreise vornehmlich auf die Häufigkeit der Ver¬ 
brechen gegen das Vermögen, wie das auch aus diesen Kurven ersichtlich 
ist, schon von vielen Kriminalisten und Kriminalstatistikem im In- und 
Ausland festgestellt worden. Niemand aber hat es verstanden, dieses 
mit größerer Überzeugungskraft zu machen, als der damals noch junge 
Georg von Mayr^l), der bereits in den .sechziger Jahren des vorigen 
Jahrhunderts diese für die Erforschung der Verbrechenskausalität äußerst 
wichtigen Ergebnisse gefunden hat und hierbei zu folgendem, seitdem in 
der kriminalätiologischen Literatur zum geflügelten Wort gewordenen 
Schluß gekommen war, welches besagt, „daß so ziemlich jeder Sechser, 

Sdiaubild 1 



&.S) Vgl. E. RoeHnor. ..Der Einfluß von Wirtschaftelage, Alkohol und Jahies- 
zeit auf die Kriminalität". Bericht der Zentralstelle für das Gefangenenfürsorgewesen 
der Provinz Brandenburg. Gedruckt Strafgefängnis Berlin-Tegel 1931. 

54) Vgl. ..Statistik der gerichtlichen Polizei im Königreich Bayern und in anderen 
Ländern". XVI. Heft der ..Beiträge zur Statistik des Königreichs Bayern". München 1867. 








118 


um den das Getreide im Preise gestiegen ist, auf je 100 000 Einwohner 
im Gebiete des Königreichs Bayern einen Diebstahl hervorgenrfen hat, 
während anderseits das Fallen des Getreidepreises um einen Sechser je 
einen Diebstahl bei der gleichen Zahl von Einwohnern verhütet hat“. 
Dieser verderbliche Einfluß der Preissteigerung erhärtet auch — das 
sei schon an dieser Stelle gesagt — die kriminalitätsvorbeugende Bedeu¬ 
tung der Preisregelung aus dem Geiste nationalsozialistischer Wirtschafts¬ 
führung. Der Parallelismus der einzelnen Vorgänge während der ganzen 
26jährigen Beobachtungsperiode kommt in der graphischen Darstellung mit 
einer derartigen Deutlichkeit zum Ausdruck, daß es sich erübrigt, ihren 
Verlauf noch näher zu besprechen. 

Aber noch eine andere soziale Erscheinung stand nach den Unter¬ 
suchungen von M a y r ’s sowohl mit der Bewegung der Getreidepreise 
einerseits, wie mit den Schwankungen der Kriminalität anderseits in 
engster Wechselbeziehung. Das sind die Auswanderungen 55), deren Ver¬ 
lauf in dem Schaubild Nr. 1 ebenfalls wiedergegeben ist, und der sich in 
völliger Übereinstimmung mit der Kriminalitätskurve wie mit der Preis¬ 
kurve vollzieht. 

„Dieselbe Ursache, die in Zeiten der Nahrungserschwerung je ein 
Indi\üduum zum Dieb werden ließ“, so erklärt von Mayr die Zusammen¬ 
hänge in den Schwankungen der Diebstähle, Roggenpreise und Auswande¬ 
rungen, „trieb je ein anderes übers Meer. Die Bewegung der Auswande¬ 
rung muß aber wieder eine unmittelbare Rückwirkung auf die Kriminalität 
einer Bevölkerung ausüben, denn diese wird sich umso günstiger gestalten, 
je mehr ein Land von Elementen gereinigt wird, die dem wirtschaftlichen 
Verfall nahe sind, während bei geringerer Abwanderung und noch mehr 
bei erheblichem Zuzug wirtschaftlich unselbständiger Individuen die Krimi¬ 
nalität eines Landes steigen muß“. 

Schaubild Nr. 2 zeigt unter Zugrundelegung der Ergebnisse der 
Reichskriminalstatistik die Wechselbeziehungen zwischen 
den Indexziffern der L e b e n s m i 11 e 1 p r e i s e und der 
Industriestoffpreise mit der Diebstah1sfrequenz im 
Deutschen Rei c h während der letzten dreißig Jahre vor dem Weltkrieg. 

Der Kurvenlauf läßt folgendes erkennen: Dem Rückgang der Lebens¬ 
mittel- und Industriestoffpreise bis 1886 folgt eine Verminderung der Dieb¬ 
stahlskriminalität. Das erneute Anziehen der Lebensmittelpreise bis zum 
Jahre 1891, in dem bekanntlich eine Mißernte war, hat eine Steigerung 
der Diebstähle zur Folge. Im weiteren Verlauf zeigen sich dann gewisse 
Sonderbewegungen. So findet die Spitze der Diebstahlskriminaltät im 
Jahre 1898 wohl ihr Gegenstück in einer Spitze der Lebensmittelpreise 
im gleichen Jahr, dagegen nicht bei den Industriestoffen. 

Umgekehrt geht der gesteigerten Diebstahlskriminalität in den Jahren 
1901 und 1902 eine starke Erhöhung der Industriestoffpreise im Jahre 
1900 voraus, aber keine entscheidende Veränderung der Lebensmittelpreise. 
Auf die beiden Preisspitzen des Jahres 1907 folgt die Kriminalitätsspitze 
1908, und auch in den späteren Jahren lassen sich ähnliche Zusammenhänge 
feststellen. Diese Tatsachen zeigen, daß wenigstens in den letzten Jahr¬ 
zehnten des vorigen Jahrhunderts die von den Ernteerträgen abhängigen 
Verändeiningen der Getreidepreise nicht mehr ausschließlich als ein krimi- 


65) Vgl. E. H a c k e r. ..Kriminalitas es Bevandoilas” (ungarisch: d. h. „Kriminali¬ 
tät und Einwanderung“.) P6c» 1929. — Derselbe: „Kriminalität und Einwanderung“. 
Blätter für Gefängniskunde. Heidelberg 1926. 57. Bd. S.27 ff. 



119 


nogener Faktor anzusehen sind, daß vielmehr seit dieser Zeit den in¬ 
dustriellen Konjunkturschwankungen, die in diesem Schaubild durch die 
Bewegung der Industriestoffpreise repräsentiert werden, ein zunehmender 
Einfluß auf die Höhe der Kriminalität zuzusprechen ist. 

Sdiaubild 2 



Im Verlaufe weiterer Forschungen über das gleiche Problem hat sich 
dann aber mit fortschreitender Industrialisierung eine Disharmonie in 
dem bisherigen Parallelismus zwischen Diebstählen und Getreidepreisen 
ergeben, dagegen immer deutlicher eine zunehmende Abhängigkeit der 
konjunkturreagiblen Delikte wie Diebstahl, Hehlerei, Raub u. a. von dem 
Wechsel zwischen Beschäftigung und Arbeitslosigkeit bemerkbar gemacht. 

Das zeigt sich aus dem Schaubild Nr. 3, in dem ich die Korrela¬ 
tion zwischen Kriminalität und Arbeitslosigkeit in 
der nachinflationistischen Zeit^C) darzustellen versucht habe und aus dem 
sich der Diebstahl in seiner einfachen und schweren Erscheinungsform, 
ferner Hehlerei sowie Raub, aber auch Abtreibung und Kuppelei als von 
der Depression besonders begünstigte Delikte offenbaren. 

In dem Schaubild Nr. 4 auf S. 122 soll zunächst der Verlauf der 
Kriminalitätskurvedes Diebstahls und anderer wirtschafts¬ 
abhängiger Vermögensdelikte in den Krisenjahren vor der Macht¬ 
übernahme und nach der nationalsozialistischen 
Revolution bis zum Jahre 1939 an Hand der absoluten Zahlen verfolgt 
werden, damit die praktische Kriminalstatistik bei dem ihr gewidmeten 
Referat nicht ganz zu kurz kommt. 

Für die Leser der „Blätter für Gefängniskunde“ bedeutet dieses 
Diagramm ebenso wie auch ein Teil seiner inhaltlichen Erläuterung aller¬ 
dings eine Wiederholung aus Heft 5/6 des vorigen 71. Bandes. Das war 
aber bei dem Thema und dem Zweck dieses Vortrages leider nicht zu ver¬ 
meiden, da sich meine seinerzeitigen Ausführungen bekanntlich an die 

30) VkI. E. R o e 8 n e r. Artikel ,,Wirtschaftslage und Straffälligkeit". Hand¬ 
wörterbuch der Kriminologie. Berlin 1936. Bd. II. S. 1094 ; — neuerdings a. B. G 1 e i t z e. 
,,Die Konjunkturkriminalität". Stuttgart und Berlin 1941. 






120 


Schaubild 3 
























121 


Vertreter der Berliner und auswärtigen Presse, also an einen ganz anderen 
Interessentenkreis, richtete, denen ich diese Kurven einmal wegen ihrer 
Aktualität sowie vor allem wiegen ihrer besonders schlagenden Beweiskraft 
für die Wechselbeziehung zwischen Straffälligkeit und Arbeitslosigkeit 
einerseits und den kriminalitätsmindemden Einfluß des WHW. anderseits 
durch Lichtbilder mittels Epidiaskop „ad oculos“ demonstrieren wollte. 
Ihre nachhaltige Wirkung auf die Hörer ist auch nicht ausgeblieben. Hier¬ 
für spricht allein folgender Satz, der sich — um nur ein Beispiel aus den 
Pressestimmen anzuführen — in der Berliner Börsen-Zeitung (Nr. 245 
V. 28. Mai 1941) findet, wo es heißt: „Mit dem Rückgang der Arbeits¬ 
losigkeit ist die Kurve vor allem bei den Eigentumsdelikten zu einem jähen 
Absturz gebracht. Unvergessen sei in diesem Zusammenhang der nicht 
abzuschätzende Anteil des Winterhilfswerks am Rückgang der Kriminali¬ 
tät“. Ähnlich äußert sich auch die auswärtige Presse, so die Rheinisch- 
Westfälische Zeitung (Nr. 280 vom 5. Juli 1941). 

Damit ist aber eines meiner wesentlichsten Vortragsziele, durch die 
Tagespresse die breiteste Öffentlichkeit auf die Bedeutung der Kriminal¬ 
statistik für die Erforschung der Verbrechensursachen aufmerksam zu 
machen, erreicht. Allein schon aus diesem Grund bitte ich, der nochmaligen 
Veröffentlichung meiner seinerzeitigen bildlichen und textlichen Darle¬ 
gungen das entsprechende Verständnis entgegenzubringen. 

Da im Rahmen der Gesamtkriminalität von jeher der Diebstahl am 
häufigsten verübt wird, gibt er dem Verlauf der Kurve der Gesamtkrimi¬ 
nalität das Gepräge. Während mit zunehmender Arbeitslosigkeit die Zahl 
der wegen Diebstahls Verurteilten von 91100 im Jahre 1929, das bekannt¬ 
lich die größte wirtschaftliche Scheinblüte aufzuweisen hatte, um fast 25 % 
auf 112 570 im Jahre 1932, das im Jahresdurchschnitt 5,6 Mill. Arbeitslose, 
mit der „unsichtbaren“ Arbeitslosigkeit sogar fast 7 Millionen zählte, 
gestiegen ist, setzt nach der Machtergreifung ein Rückgang ein, der sich 
unter geringfügigen Schwankungen bis zum Jahre 1939 in immer stärkerem 
Ausmaße fortgesetzt hat, so daß sich die Zahl der wegen Diebstahls Be¬ 
straften seit 1933 von 101 600 um weit mehr als 40 % bis auf 58 330 im 
letzten Jahr dieser Kurvendarstellung vermindert hat. Es bedarf eigentlich 
keiner besonderen Erklärung, daß auch die Hehlerei als „Schatten“ des 
Diebstahls, ebenso die beiden anderen bedeutsamen Vermögensdelikte, 
nämlich die Unterschlagung und der Betrug, in ihrer Entwicklung während 
dieser Beobachtungsperiode fast die gleiche Tendenz aufweisen wie die 
Diebstahl skriminalität. 

Der allgemeine Rückgang der Vermögenskriminalität seit 1933 zeigt 
sich ferner in der Höhe der Schadenssummen bei einfachen und schweren 
Diebstählen. Wenn hierüber bisher keine statistische Erfassung für das ge¬ 
samte Reichsgebiet vorgenommen worden ist, so läßt sich der Beweis für 
das Absinken doch an den durch schwere und einfache Diebstähle in Groß- 
Berlin verursachten Schäden führen, die von der seit dem Jahre 1935 vom 
Reichskriminalpolizeiamt bearbeiteten „Polizeilichen Kriminalstatistik für 
das Deutsche Reich“ ermittelt werden. Es handelt sich dabei um eine 
das ganze Reichsgebiet umfassende Anzeigenstatistik, die jedoch keines¬ 
wegs mit der hier zur Debatte stehenden, die Aburteilungen erfassenden 
Reichskriminalstatistik zu verwechseln ist. Haben nach den Feststellungen 
der genannten Polizeistatistik schon in den Jahren 1935 bis 1937 die 
Schadensummen infolge der wirtschaftlichen Besserung durch die Behe¬ 
bung der Arbeitslosigkeit nur einen Bruchteil der im Jahre 1932 verur- 



122 


Sdiaubild 4 


KRIMINALITÄT, ARBEITSLOSIGKEIT 
UND WINTERHILFSWERK 
IM DEUTSCHEN REICH 1929 BIS 1939 



.1 I. I I I I I -I .Hl I 

1929 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 


DR.ROESNER I94i 




















128 


sachten Schäden betragen, so war im Jahre 1939 — nach den zuletzt 
vorliegenden Angaben — noch ein weiterer Rückgang festzustellen, sodaß 
auch in diesem Jahre wieder erheblich mehr Volksgut vor dem Verlust 
geschützt werden konnte. Die in Groß-Berlin durch schwere und einfache 
Diebstähle hervorgerufene Gesamtschadensumme betrug nur noch etwas 
mehr als 1 Mill. 01^. 

Welch eine bedeutsame Wendung, wenn man sich noch der Wildwest¬ 
zustände in dem einstmals roten Berlin erinnert und es damals keineswegs 
verwunderlich zu hören war, daß im Jahre 1932 allein in der Reichshaupt¬ 
stadt lediglich durch schwere und einfache Diebstähle der Bevölkerung 
ein Schaden von 8,4 Mill. 0ii(, entstanden war. Ein Betrag, von dem sämt¬ 
liche Kosten hätten bestritten werden können, um rund 130 000 schaffenden 
Volksgenossen der Stirn und der Faust mit der NS.-Gemeinschaft „Kraft 
durch Freude“ eine Norwegen-Fahrt zu ermöglichen. So könnte beispiels¬ 
weise für diese Summe die ganze Bevölkerung der 1938 wieder ins Reich 
heimgekehrten Donaustadt Linz auf den Schiffen der „Kraft durch Freude“- 
Flotte durch die Nordsee nach den norwegischen Schären und Fjorden 
dampfen. 

Nächst der seit 1933 erfolgten Neuausrichtung der deutschen Straf¬ 
gesetzgebung mit ihrem verschärften Kampf gegen das Verbrechertum, 
insbesondere mit den durch die Praxis der Gerichte verwirklichten nach¬ 
drücklichen Strafdrohungen und der davon ausgehenden allgemein wie 
speziell kriminalitätsmindemden Wirkung, sind es vor allem zwei Faktoren 
wirtschaftlicher Art, die in erster Linie die Vermögenskriminalität, da¬ 
neben aber auch andere strafbare Handlungen bedeutend herabgedrückt 
haben. Erstens ist es die Beseitigung der Arbeitslosigkeit durch die 
großzügigen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen unserer Regierung, wodurch 
Millionen deutscher Volksgenossen wieder zu Lohn und Brot verholfen 
wurde. Von nicht minder großem Einfluß auf die Kriminalitätsgestaltung 
auf dem Gebiete der Vermögensdelikte seit der Machtübernahme ist aber 
auch das vom Führer bereits im Herbst 1933 geschaffene und dem Ober¬ 
befehlsleiter Pg. Hilgenfeldt zur Durchführung übertragene „Winter¬ 
hilfswerk für das deutsche Volk“, dessen Leistungen — durch die konträr 
zur Diebstahlskurve verlaufende Kurve dargestellt — seit seinem Bestehen 
von 350 Mill. 01H, im Winter 1933/34 um fast 60 % auf 554 Mill. im 
letzten Friedenswinter gestiegen sind. 

Durch die Geld- und Sachleistungen dieses größten sozialpoli¬ 
tischen Hilfswerkes aller Zeiten, die in den durch die Opferfreudigkeit 
des gesamten deutschen Volkes aufgebrachten Beträgen von insgesamt 
2,5 Milliarden den in der Systemzeit unverschuldet in Not und Elend 
geratenen Volksgenossen zugeführt wurden, sind mithin sicherlich eine 
große Anzahl von kriminell Schwachen davor bewahrt worden, mit den 
Strafgesetzen in Konflikt zu kommen. 

Liegt die Verurteiltenzahl bei diesen Vermögensdelikten im Jahre 1939 
wie etwa bei der Unterschlagung schon bis zu fast 70 % unter dem ent¬ 
sprechenden Stand im letzten Jahr des Weimarer Parteienstaates, so haben 
zwei weitere kriminalpolitisch bedeutsame Straftaten in demselben Zeit¬ 
raum die gleiche oder eine noch wesentlich stärkere Abnahme aufzuweisen. 
Das ist einmal die ebenfalls zu der Gruppe der Verbrechen und Vergehen 
gegen das Vermögen gehörende vorsätzliche Brandstiftung, sodann die 
Geldfälschung, die allerdings nach der Systematik unseres Strafgesetzbuchs 
ein Verbrechen gegen den Staat darstellt. 



124 


Nach dem Schaubild Nr. 5 hat sich die Zahl der wegen vorsätz¬ 
licher Brandstiftungö7) rechtskräftig verurteilten Personen in 
der Zeit von 1932 bis 1939 um fast 50 % verringert, eine in wirtschaft¬ 
licher Hinsicht äußerst beachtenswerte Entwicklung, da früher jährlich 
viele Millionen deutschen Volksvermögens durch die vorsätzliche Brand¬ 
stiftung der Vernichtung anheimfielen. 

Schaubild 5 


Wegen Geldfälschung und vorsätzlicher Brandstiftung 
rechtskräftig verurteilte Personen 1932 bis 1939 

Personen Personen 



wu St. to 


Eine wie bedeutsame Rolle aber früher die sogenannten „Konjunk¬ 
turbrände“ speziell in der Landwirtschaft spielten, geht aus einer Unter¬ 
suchung von E c k e r 58) hervor, der für die Jahre 1881—1912 die Ernte¬ 
brandschäden in Preußen berechnet und dabei die gesamten Verluste an 
Emte auf Grund des jeweiligen Roggenpreises auf Tonnen Roggen um¬ 
gerechnet hat. 

Das nach E c k e r s Feststellungen gezeichnete Schaubild Nr. 6 zeigt 
im einzelnen, daß in dieser 30jährigen Periode zur Zeit des niedrigsten 
Preisstandes der Tonne Roggen (124 M.) im Durchschnitt der Jahre 
1893/96 die größte Menge landwirtschaftlicher Produkte (947 000 t) ver¬ 
nichtet wurde, und daß im allgemeinen bei einer Preissteigerung die Ernte¬ 
brandschäden abnehmen, bei einer Preissenkung dagegen ansteigen, eine 
Erscheinung, welche wohl den berechtigten Schluß zuläßt, daß hier mei¬ 
stenteils Brandversicherungsbetrug vorliegt. 

Von entsprechender wirtschaftlicher Bedeutung wie das Nachlassen 
der vorsätzlichen Brandstiftungen i.st auch die günstige Gestaltung der 
Münzkriminalität, da bei den Geldfälschungen seit 1933, wenn 
wir das Schaubild Nr. 5 nochmals betrachten, sogar eine Abnahme um 
96 % eingetreten ist, denn es wurden im Jahre 1939 nur noch 27 Falsch¬ 
münzer von der Kriminalstatistik verzeichnet gegen 778 im Jahre 1933. 

57) Vfrl. ,.Wirtschaft und Statistik“. 20, Jpr. 1940. Nr. 24. S. 558. 

58) Vjfl. ..Der Brandschaden an der landwirtochafttichen Produktion und seine Be¬ 
deutung; für die Volksernährunpr“. Mitteilun^ren für die öffentlichen Feuerversicherunars- 
an.stalten. Berlin 1915. 47. Jg. S. 267. 














r 


125 


Sdiaubild 6 


Brandschäden und Roggenpreise in Preußen ‘1881-1912 



Der Grund für diese, in dem Kriminalitätsverlauf ohne Beispiel 
dastehende Erscheinung ist in der Hauptsache darin zu suchen, daß die in 
der Systemzeit von Jahr zu Jahr anschwellende Arbeitslosigkeit und die 
damit vorhandene wirtschaftliche Not vor allem bisher unbescholtene 
Graveure, Lithographen, Buchdrucker, Photographen und andere Personen 
mit den erforderlichen chemischen oder technischen Spezialkenntnissen 
häufig zu Falschmünzern werden ließ, die nunmehr nach der Machter¬ 
greifung durch die umfangreichen nationalsozialistischen Arbeitsbeschaf¬ 
fungsmaßnahmen und die zunehmende Wirtschaftstätigkeit in ihren ehe¬ 
maligen Berufszweigen wieder geordnete Arbeit mit auskömmlichen 
Löhnen gefunden haben. 

Ebenso überzeugend wie die in den bisherigen Schaubildern gezeigten 
Zusammenhänge zwischen Getreidepreisen, Beschäftigungsgrad und Krimi¬ 
nalität lassen sich auch die Auswirkungen des A 1 k o h o 1 s 53) auf gewisse 
Gewalt- und Roheitsdelikte nachw'eisen, der sich auf Grund der kriminal¬ 
ätiologischen Forschung nächst dem jeweiligen Beschäftigungsgrad als 
ein ebenfalls recht bedeutsamer Kriminalitätsfaktor gezeigt hat. 

Wie bei den vorausgegangenen Untersuchungen über den Einfluß der 
Wirtschaftslage auf die Kriminalität muß sich auch in diesem Falle die 
Beweisführung auf die „indirekte“ Methode — auch Methode der 
„konkurrierenden Veränderungen“ genannt — stützen, die nach ^ i i e k 
(a. a. 0. S. 184) bei der statistischen Feststellung kausaler Zusammenhänge 
dann ihre Anwendung findet, wenn die direkte Zerlegung der betreffenden 
gesamten Erhebungsmasse in die nach Maßgabe des kausalen Momentes in 
Frage kommenden Teilmassen nicht möglich ist, d. h., ob z. B. die wegen 
Diebstahls Verurteilten die strafbare Handlung aus wirtschaftlicher Not — 
bedingt durch Arbeitslosigkeit — verübt haben. Ein solcher Vergleich 
zeitlicher Reihen wird besonders durch graphische Darstellung der frag¬ 
lichen Reihen (Diebstahl- und Arbeitslosenziffem oder Gewalttätigkeits- 


59) S. oben Anmerkung 63) a. a. ü. S. 67 ff. — Ferner G. Stark. ,,Kriminalität 
und Alkohol“. Wlsi^enachaftllohe Veröffentlichungen zur Alkoholfrage. Heft 10. Berlin 1934. 

















126 


delikte und Alkoholkonsum) wesentlich erleichtert. Zeigen sich parallele 
oder antagonistische Schwankungen in beiden Reihen, so liegt offenbar 
eine Korrelation vor, die allerdings stärker oder schwächer sein kann. Zu 
beachten ist, daß manchmal zwischen dem Eintreten der Ursache und der 
Wirkung ein gewisser Zeitraum zu verstreichen pflegt; dann korrespon¬ 
dieren nicht die gleichzeitigen Bewegungen der beiden Kurven, sondern 
die durch den betreffenden Zeitraum voneinander getrennten Kurventeile. 
So hat eine 1918 erschienene Untersuchung über das Landstreicher- und 
Bettlertum in Preußen (Frankfurter Dissertation von Kunreuther) 
ergeben, daß dort jede Verschlechterung der Lage auf dem Arbeitsmarkt 
mit einem gewissen Zeitabstand eine Zunahme der Landstreicher zur Folge 
batte. 

Dem gegenüber steht die „direkt e“ Differenzmethode, bei welcher 
man bei der statistischen Kausalitätsfor.schung z. B. Männer und Frauen, 
die Angehörigen zweier Berufe, Stadt und Land hinsichtlich der Sterblich¬ 
keit, der Selbstmord- oder Verbrechenshäufigkeit gegenüberstellt. Unter¬ 
scheiden sich diese letzteren Häufigkeiten, so können wir unter Umständen 
im Geschlecht, Beruf, dem Wohnort und anderen von der Statistik direkt 
erfaßten individuellen Merkmalen wie Alter oder Familienstand einen kau¬ 
salen Faktor erblicken. 


Schaubild 7 















127 


Der Einfluß des Alkoholkonsums der Bevölkerung im allgemeinen 
auf bestimmte Delikte, wie Körperverletzung, Widerstand gegen die 
Staatsgewalt, Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung, die erfahrungs¬ 
gemäß im Zustand der Trunkenheit begangen werden, tritt in seinem 
Grundzug in dem Schaubild Nr. 7 hervor, das ich zum Nachweis über den 
Parallelismus dieser beiden Erscheinungen für meine seinerzeitigen Aus¬ 
führungen als Kommissar der Reichsregierung und kriminalstatistischer 
Sachverständiger bei den Beratungen des Reichstags über den Entwurf 
eines Gaststättengesetzes 60) konstruiert habe. 

Mit einer Steigerung des Bierverbrauchs je Kopf der Bevölkerung, 
der sich 1882, dem ersten Jahr dieser Beobachtungsperiode, auf 80 1 stellte, 
zeigt sich unter Schwankungen eine stets zunehmende „Alkoholkriminali¬ 
tät“, die um die Jahrhundertwende bei einer Kopfquote des Bierverbrauchs 
von 118 1 ihren Kulminationspunkt erreicht und dann mit einer Abnahme 
des Bierkonsums bis zum letzten Jahr vor Ausbruch des Weltkrieges gleich¬ 
falls ständig sinkt. Bis zum Jahre 1913 hatte sich der Bierverbrauch je 
Kopf der Bevölkerung wieder auf rund 100 1 vermindert. 

Haben wir bisher ausschließlich die Dynamik (Bewegung) der Krimi¬ 
nalität betrachtet, so wollen wir uns bei der Erörterung der Alkohol¬ 
kriminalität auch etwas mit ihrer Statik (Zustand) befassen, und 
zwar mit dem regionalen Vorkommen der gefährlichen Körper¬ 
verletzung im Deutschen Reich vor dem Weltkrieg. 

Bei dem Schaubild Nr. 8 fallen sofort drei Gebiete auf. 

Schaubild 8 


60) Vgl. „Bericht des 8. Ausschusses (Volkswiidschaft) über den Entwurf eines 
Schankst&ttengesetzes". Drucksachen des Reichstages. IV. Wahiperiode 1928. Nr. 347. 
S. 7 sowie 68—71. 







































128 


Schau bild 9 


in denen die gefährliche 
Körperverletzung domini- 
rend ist. Es sind dies 
die Rheinpfalz mit ihren 
Nachbargebieten. Die Er¬ 
klärung für diese geographi¬ 
sche Verteilung der gefähr¬ 
lichen Körperverletzungskri¬ 
minalität liegt wohl nahe. 
Sie tritt verhältnismäßig am 
stärksten in den alkoholpro¬ 
duzierenden Gegenden auf. 
Im Osten des Reichs herrscht 
durch den überwiegenden 
Kartoffelanbau die Brannt¬ 
weinproduktion vor, Bayern 
ist das Hauptzentrum der 
deutschen Bierproduktion, 
während die Pfalz sowie die 
anderen weinbauenden Ufer¬ 
gebiete des Rheins durch 
ihren reichlichen und billigen 
Wein eine Vorzugsstellung 
einnehmen. 

Die Alkoholkrimi¬ 
nalität ist aber auch 
zeitlich - periodisch 
bedingt. Auf Grund einer 
Sonderauszählung, die ich 
seinerzeit über die Vertei¬ 
lung einiger Alko¬ 
hol d e 1 i k t e auf die ein¬ 
zelnen Wochentage im 
Jahre 1928 in BerlinWa) 
habe durchführen lassen,er¬ 
gibt sich die aus dem Schau¬ 
bild Nr. 9 ersichtliche Säu¬ 
lendarstellung. Die Zeich¬ 
nung umfaßt stets die Wer¬ 
te von zwei Wochen, um den 
Rhythmus der Bewegung 
über den Wochenanfang 
oder das Wochenende be¬ 
sonders deutlich in Er¬ 
scheinung treten zu lassen. 
Wenn ein, Teil der hier dar¬ 
gestellten strafbaren Hand¬ 
lungen auch durch andere 
Ursachen hervorgerufen sein 
mag, so ist doch der Ein¬ 
fluß des Alkoholgenusses 

60a) Vgl. Kriminalstatistik für 
das Jahr 1928. Statistik des Deut¬ 
schen Reichs Bd. 384. S. 42. 


RohtfitdtKkte an dtn Wochentagan fri Bariin 
im Jahre 1928 

Schemst/sche Zwe/i¥ochen&9rst9//tmff 





So Mo Di Mi Do Fr Sa So Mo 01 Mi Do Fr Sa 

















































129 


auf die wöchentliche Gestaltung der Roheitskriminalität unverkennbar: 
denn die vorwiegend im Rauschzustand begangenen Roheitsdelikte häufen 
sich namentlich an den Tagen, an denen verhältnismäßig am meisten 
getrunken wird. Es sind dies die Freitage mit den jetzt üblichen Lohn¬ 
zahlungen sowie die Tage um das Wochenende, und hier wieder die Sonn¬ 
tage mit ihrer vergrößerten sozialen Reibungsfläche. Aber auch an den 
Montagen, an denen unter den Nachwirkungen dieser Vortage erfahrungs¬ 
gemäß „blau gemacht“ wird, ist noch eine ziemlich umfangreiche Alkohol¬ 
kriminalität festzustellen. 

Dieses Schaubild ist aber gleichzeitig auch ein Repräsentant für die 
graphische Darstellung zeitlich-periodischer Einwirkungen (wie Jahres¬ 
zeiten, Monate, Wochentage, Tagesstunden) 6*) auf die Kriminalitätsver¬ 
änderungen, die ich als einen weiteren beachtlichen Kriminalitätsfaktor 
aus räumlichen Gründen leider ebenso wenig behandeln kann wie noch 
andere verbrechensfördernde Umwelteinflüsse, so — um nur einige Bei¬ 
spiele zu nennen — den OrtderTat^^) und die kriminellen Häufigkeits¬ 
beziehungen von Stadt und Land*>3) als lohnenswerte Forschungs¬ 
gebiete der Kriminalitätsgeographie oder die Stellung im BerufW) als 
soziologisches Moment der Verbrechens genese. 

Soviel über die Nutzbarmachung der Kriminalstatistik zum Nachweis 
der Kriminalitätsbeeinflussung durch exogene Ursachen*®). Ihr 
Zahlenmaterial gibt natürlich in gleicher Weise Aufschluß über die krimino¬ 
gene Bedeutung der zahlreichen endogenen Faktoren wie Ge¬ 
schlecht, Alter, Familienstand, Staatsangehörigkeit, Bildungsgrad, Religi¬ 
onszugehörigkeit, Rasse, Volkstum u. a. Auf eine entsprechende Darstellung 
der letzteren muß hier leider verzichtet werden. Ich verweise daher auf die 
einschlägigen Untersuchungen z. B. von Exner®**), Hoffnerß'?), Kril- 
le68)j Krug63), Mezger^O), 0 1 b e r m a n n’?*), Rompe'^ä)^ 
S c h m i t z 73) und T i m c k e 74) sowie auf meine eigenen Darstellungen 75) 
über eine Reihe dieser individuellen Merkmale in anderen Quellen. 


61) Vgl. E. Roeäner. Artikel ,,Jahreszeiten". Handwörterbuch der Krimi¬ 

nologie. Berlin 1933. Bd. I. 

62) Vgl E. Roesner. „Die örtliche Verteilung der Kriminalität im Deutschen 
Reich”. Monatsschr. f. Kriminnlbiol. u. Strafrechtsref. München 1937. 28. Jg. S. 305. 

63) Vgl. H. H. Burchardt. „Die Kriminalität in Stadt und Land". Ab¬ 
handlungen des Kriminalist. Instit. a.d. Univ. Berlin. 4.F. 4.Bd. l.H. Berlin u. Leipzig 1936, 

64) Vgl. M. Hagemann. Artikel „Beruf“. Haddwörterbuch der Kriminologie. 
Berlin u. Leipzig 1933. Bd. I. 

65) Vgl. E. Roesner. „Die Ursachen der Kriminalität und ihre statistische 
Erforschung". Allgemeines Statistisches Archiv. Jena 1933. 23. Bd. S. 19 ff. 

66) Vgl. „Kriminalbiologie". Hamburg 1939. 

67) Vgl. ..Kriminalität und Schule". Kriminalist. Abhandl. Leipzig 1932. Heft XVII. 

68) Vgl. ..Weibliche Kriminalität und Ehe". Kriminalist. Abhandl. Leipz. 1931. H. XV. 

69) Vgl. ..50 Jahre Frauenkriminalität in Deutschland 1882 bis 1932". Staats- 
wissenschaftliche Dissertation. München 1037. 

70) Vgl. ..Kriminalpolitik“. Stuttgart 1934. 

71) Vgl. ..Kriminalität des alternden Menschen". Juristische Dissertation. Bonn 1936. 

72) Vgl. ..Criminaliteit en Kergenootenschaap". Nijmegen 1938. 

73) Vgl. ..Die Kriminalität der Frau". Bochum-Langendi'eer 1937. 

74) Vgl. ..Rasse. Volk und Kriminalität“. Ein Beitrag zur Frage der Rassenein¬ 
flüsse auf die Art und Neigung zum Verbrechen". Hamburg 1940. 

75) Vgl. E. Roesner. Artikel ..Alter und Straffälligkeit“. ..Ausländer". ..Bil¬ 
dungsgrad". ..Familienstand" sowie ..Geschlecht und Straffälligkeit". Handwörterbuch 
der Kriminologie. Berlin 1933. Bd. I. 


3 



132 


selbst als in ihren Uniweltverhältnissen liegen. Ihnen gilt daher der 
Kampf und die Erziehungsarbeit der HJ., für die sowohl die Polizeiver¬ 
ordnung zum Schutz der Jugend sowie der Jugendarrest wichtige Hilfs¬ 
mittel sind. 

Der rückläufigen Tendenz der Gesamtkriminalität entsprechend haben 
auch die in der Tabelle aufgeführten, durch Schwere, Zahl oder Eigenart 
besonders bemerkenswerten Einzeldelikte durchweg in mehr oder 
weniger starkem Umfange abgenommen. Relativ am stärk.sten ist die Ver¬ 
minderung um rund 67 % bei den vorsätzlichen Körperverletzungen, was 
sich in der Hauptsache aus der Abwesenheit des größten Teils der aktiven, 
zu Gewalttätigkeiten neigenden Männer erklärt. 

Die hier gezeigte Aufgliederung der Ge.samtkriminalität in die krimi¬ 
nalpolitisch wichtigsten Tatbestände läßt vor allem aber erkennen, daß 
der Rückgang in der Gesamtzahl der wegen Verbrechen und Vergehen 
gegen Reichsgesetze rechtskräftig verurteilten Personen nicht etwa aus¬ 
schließlich auf das schon erwähnte, im September 1939 ergangene Amnestie¬ 
gesetz zurückzuführen ist, denn es haben auch diejenigen Delikte, bei 
denen dieses Gesetz keine Straffreiheit gewährt, eine zum Teil wesentliche 
Abnahme und damit eine tatsächliche, und zwar weitere Kriminalitäts¬ 
besserung auch während des Krieges aufzuweisen. So sind dem 
Berichtszeitraum von 1939/40 gegenüber 1938/39 die beiden Kapitalver¬ 
brechen, Mord und Totschlag, um 40 %, schwerer Diebstahl, auch im 
wiederholten Rückfall, um ein Viertel, Erpressung sogar um mehr als 
die Hälfte zurückgegangen. 

Damit halte ich meine Aufgabe, einen Überblick über das Wesen 
und Ziel sowie die Technik und Nutzbarmachung der Kriminalstatistik 
zu geben, für beendet. Meine Ausführungen möchte ich mit einem, schon 
längere Zeit vor dem Weltkrieg von unserem Berliner Strafrechtler Graf 
G1 e i s p a c h 77) geprägten Wort beschließen, welches besagt: „In der ge¬ 
samten Statistik liegen große Schätze, die erst gehoben werden müssen“. 
Soweit es sich hierbei um die Kriminalstatistik handelt, ist auf diesem 
Gebiet schon viel geschehen und es wird auch künftig — seitens der an 
ihrer Bearbeitung beteiligten Behörden, insbesondere vom Statistischen 
Reichsamt — alles getan werden, um immer neue statistische Erkenntnis¬ 
quellen für die zielbewußte nationalsozialistische Kriminalpolitik und 
Verbrechensbekämpfung zum Schutze und Wohl unserer Volksgemeinschaft 
zu erschließen! 

Zur Schockwirkung des Jugendarrestes 

von Amtsgerichtsrat Dr. Tigges in Pudewitz (Wartheland) 

Mit dem 4. Oktober 1941 hat sich der Erlaß der VO. des Ministerrates 
für die Reichsverteidigung zur Ergänzung des Jugendstrafrechts gejährt, 
durch die der Jugendarrest eingeführt worden ist. Mit außergewöhnlicher Tat¬ 
kraft ist diese Neuerung trotz der besonderen Schwierigkeiten des Krieges 
von allen Beteiligten aufgegriffen und innerhalb des verflossenen Jahres 
in die Wirklichkeit umgesetzt. Wie vom Gesetzgeber beabsichtigt, ist der 
Jugendarrest zum Mittelpunkt des ganzen Jugendstrafrechts geworden. 
Die Praxis des vergangenen Jahres hat bewiesen, daß der Jugendarrest 
eine besonders während des Krieges empfindliche Lücke des Jugendstraf- 


Vjfl. ,,t)ber Kindesmord“. Archiv für Kriminalanthropologie und Kriminalistik. 
1907. lid. 27. S. 269. 



133 


rechts zu schließen geeignet ist. Andererseits ist ein endgültiges Urteil über 
den Jugendarrest an Hand kaum einjähriger Erfahrungen verfrüht. Eben¬ 
so wie über das Jugendgerichtsgesetz von 1923 erst in den letzten Jahren 
ein abschließendes Urteil möglich geworden ist, ist ein sicheres Urteil 
über die kriminalpolitischen Folgen des Jugendarrestes erst zu einem Zeit¬ 
punkt möglich, zu welchem sich nachprüfen läßt, ob die Rückfälligkeit der 
straffällig gewordenen Jugendlichen abgenommen hat und die Jugend¬ 
kriminalität allgemein gesunken ist. Während des Krieges ist der Jugend¬ 
arrest aber schon als ein Erfolg zu betrachten, wenn er den im Weltkrieg 
beobachteten radikalen Anstieg der Jugendkriminalität verhindert. 

Voraussetzung einer solchen Femvdrkung des Jugendarrestes ist die 
Beurteilung der der bisherigen Erfahrung eher zugänglichen Sofortwirkung 
des Arrestes, seiner sogenannten Schockwirkung. Diese Schockwirkung 
ist der Angelpunkt des ganzen Jugendarrestes. Sie kann bei empfindlichen 
Jugendlichen schon mit dem Eindruck der Verurteilung hervorgerufen 
werden und bei schwerfälligen, nicht beeinflußbaren Jugendlichen über¬ 
haupt ausbleiben. Bei der Mehrzahl der durch den Jugendarrest gegangenen 
Jugendlichen ist aber jedenfalls eine nach der Eigenart des’einzelnen mehr 
oder weniger intensive Wirkung zu beobachten. Im einzelnen zeigt sich, 
daß der Grad der Intensität der Schockwirkung bei den einzelnen Jugend¬ 
lichen erheblich von der Dauer und daneben von der besonderen Ausgestaltung 
des Arrestes abzuhängen scheint. In der Regel wird freilich die Dauer 
des Jugendarrestes nach Art und Schwere der Tat abgestuft. Indessen 
gilt nirgends so sehr wie im Jugendstrafrecht der Satz: Nicht die Tat, 
sondern der Täter ist zu bestrafen. Demgemäß hat das RG. (Dt. Just. 1941, 
S. 813) für die Wahl zwischen Gefängnis und Jugendarrest mit Recht für 
ausschlaggebend erklärt, ob der Täter aus schlechter Veranlagung oder 
gemeinschaftswidriger Gesinnung oder nur aus jugendlicher Unbesonnenheit 
gehandelt hat. Dementsprechend ist erwünscht, auch die Dauer des 
Jugendarrestes innerhalb des zur Verfügung stehenden Strafrahmens nicht 
von Art, Umfang und Folgen der Tat, sondern von der günstigsten Einflu߬ 
möglichkeit auf den Jugendlichen abhängig zu machen. Hierbei ist zu 
beachten, daß die Intensität des erstrebten Schockes nicht mit der Dauer 
des Arrestes zu wachsen braucht. Insbesondere kann ein mehrfacher 
Wochenendkarzer, der den Jugendlichen um die ersehnte Freizeit bringt, 
einen wesentlich intensiveren Eindruck ausüben als ein mehrwöchiger Dauer¬ 
arrest. Besonders in den Fällen, in denen die Anstalt zum Vollzüge des 
Dauerarrestes vom Wohnort des Jugendlichen weit entfernt oder infolge der 
kriegsbedingten Einschränkung der Verkehrsmittel schwer zu erreichen ist, 
ist manchmal die Gefahr mannigfaltiger Ablenkungen und ungünstiger Ein¬ 
drücke auf der Hinreise zum Antritt des Arrestes und erst recht bei der Rück¬ 
kehr größer als der ganze Erziehungseinfluß des Arrestes. Sofern eine 
solche Gefahrenquelle besteht, ist es wünschenswerter, mehrfachen Wochen¬ 
endkarzer am Wohnort als Dauerarrest in der entfernten Anstalt zu voll¬ 
ziehen. Denn daß der Jugendliche zur Arrestanstalt hingebracht und auch 
wieder abgeholt wird, ist unter den Kriegsverhältnissen nur selten möglich. 
Durchschnittlich dürfte die Intensität des Schockes, insbesondere der 
strengen Tage, meist bei 3 Wochen, je nach der Eigenart des 
Jugendlichen auch früher oder später erreicht werden. Vor diesem Zeit¬ 
punkt, insbesondere bei nur einwöchiger Dauer, wird die Strenge des 
Arrestes in seinem vollen Umfange noch nicht fühlbar. Nach diesem 
Zeitpunkt tritt sehr leicht schon eine gewisse Gewöhnung auch an die 
strengen Tage ein und ist die erste erzieherische Einwirkung vorgenommen. 



134 


Die Sofortwirkung des Arrestes nimmt daher von dieser Zeit an eher ab 
als zu, ohne daß eine Femwirkung an die Stelle tritt, wie sie in der Für¬ 
sorgeerziehung und im Jugendgefängnis durch eine planmäßig auf einen 
langen Zeitraum abgestellte Erziehungsarbeit erreicht werden kann. Bei 
widersetzlichen und hartnäckigen Naturen tritt freilich die Schockwrkung 
auch nach einmonatiger Dauer nicht ein, wie sich oft schon während des 
Vollzuges durch schlechte Führung des Jugendlichen oder in ähnlicher 
Weise zeigt. 

Beim Wochenendarrest hat sich die Bestimmung der Jugendarrest¬ 
ordnung als zweckmäßig erwiesen, daß bei schlechter Führung der Wochen¬ 
endkarzer als nicht verbüßt erklärt werden kann. Soweit nicht der Hinweis 
auf diese Bestimmung genügt, ist ihre Anwendung geeignet, die Schock¬ 
wirkung im Hinblick auf begangene Vollzugsverstösse zu unterstreichen 
und die Unerbittlichkeit der staatlichen Autorität zu demonstrieren. Für 
den Dauerarrest wäre zunächst eine analoge Bestimmung in der Art 
zweckmäßig, daß dieser bei schlechter Führung in bestimmten Grenzen 
verlängert werden kann. Dies gilt umso mehr, als eine Verhängung der 
in der Jugendarrestordnung aufgeführten Hausstrafen nicht immer an¬ 
gebracht ist, da z. B. die zusätzliche Verhängung strenger Tage gesund¬ 
heitsschädlich sein kann, eine Entziehung der Beleuchtung nach der Jahres¬ 
zeit nicht in Frage kommt und die Entziehung von Lesestoff mangels 
hinreichenden Interesses fruchtlos ist. Bei Verurteilungen zur Höchststrafe 
von 1 Monat ist freilich eine derartige Zusatzstrafe ausgeschlossen, solange 
nicht in solchen Fällen die Höchstgrenze von einem Monat überschritten 
werden kann. Wie aber beim Wochenendkarzer von vier Wochenenden 
die Verfallerklärung eines verbüßten Wochenendes notwendig die tat¬ 
sächliche Verbüßung von mehr als vier Wochenenden zur Folge hat, so ist 
auch die Überschreitung des bisherigen Höchstmasses von 1 Monat im 
Einzelfall unbedenklich, sofern sichergestellt wird, daß gesundheitliche 
Schäden nicht eintreten. 

Unter diesen Umständen erscheint erwägenswert, ob dem Vollzugs¬ 
leiter nicht in besonderen Fällen das Recht der Verlängerung und bei 
ersichtlicher Sofortwirkung auch der Abkürzung des Arrestes gewährt 
werden kann. Durch die VO. vom 19. 9. 1941 über die unbestimmte Ver¬ 
urteilung Jugendlicher (RGBl. I S. 567) ist dem Leiter des Vollzuges 
maßgeblicher Einfluß auf die Vollzugsdauer eingeräumt worden. Natürlich 
ist es nicht angebracht, die unbestimmte Verurteilung, die nur für lange 
Freiheitsstrafen zweckmäßig ist, auch für den Dauerarrest einzuführen. 
Vielmehr würde genügen, dem Vollzugsleiter das Recht einzuräumen, im 
Bedarfsfälle einen Teil des im Urteil festgesetzten Arrestes (ohne Be¬ 
währungsfrist) zu erlassen oder als unangerechnet für verfallen zu er¬ 
klären. 

Für die Intensität der Schockwirkung hat die Handhabung der 
strengen Tage entscheidende Bedeutung. Denn gerade die Verminderung 
oder Vermehrung der strengen Tage ist je nach der Führung der Jugend¬ 
lichen ein überaus wirksames Erziehungsmittel, soweit sie die Kost¬ 
beschränkung betreffen. Wenn aber aus gesundheitlichen Gründen darauf 
verzichtet werden muß, wäre das Recht, den Arrest bei schlechter Führung 
für verfallen zu erklären, um so wünschenswerter. Soweit die strengen 
Tage die Zuweisung eines harten Lagers enthalten, wird dagegen durch sie 
ein besonderer Eindruck meist nicht erzielt, weil die Jugendlichen durch 
die Erziehung der HJ. in Lagern, auf Wanderungen und Fahrten dagegen 
abgehärtet .sind. 



135 


Da durch den allgemein schon verschärften Vollzug die Auswahl 
der Disziplinarmittel beschränkt ist, wird verschiedentlich die Einführung 
der Prügelstrafe befürwortet. Diese Strafe ist zweifellos das intensivste 
Schockihittel. Nicht im richtigen Falle, im rechten Augenblick und im 
rechten Maße angewandt, vermag sie auf die Dauer eine Trotzstimmung 
zu erzeugen und möglicherweise zwar die äußere Widerspenstigkeit zu 
brechen, die innere Ablehnung aber nur zu verschärfen und die aufrichtige 
Einsicht des Jugendlichen vollends zu verschütten. Sie ist daher, solange 
nicht pädagogisch absolut zuverlässige und geschulte Kräfte für den Arrest¬ 
vollzug zur Verfügung stehen, nicht zu befürworten. Denn es ist besser, 
von ihr keinen Gebrauch als falschen Gebrauch zu machen. 

Neben der Dauer des Arrestes ist die Art des Vollzuges für die 
Intensität der Schockwirkung ausschlaggebend. Hierbei wird das Problem, 
ob der Jugendliche durch Untätigkeit oder durch harte Arbeit zur Einsicht 
gebracht werden soll, meist in der Weise gelöst, daß nur die eine oder die 
andere Lösung als erstrebenswert angesehen wird. Als allgemein gültig für 
jeden Jugendlichen kann lediglich der Grundsatz angesehen werden, daß 
der Jugendliche mit oder ohne Arbeit von den übrigen Insassen getrennt 
zu halten ist, damit er in der Einsamkeit über den Zweck seiner Bestrafung 
nachdenken kann. Die zahlreichen Versuche der Jugendlichen, diesen 
Grundsatz der Absonderung bei gemeinsamen Außenarbeiten oder anderen 
gemeinschaftlichen Verrichtungen zu durchbrechen, beweisen deutlich die 
Entbehrung der gewohnten Gemeinschaft. Im übrigen muß die Zuteilung 
von Arbeit, ihrer Art und ihres Umfanges sich nach den Verhältnissen 
richten, aus denen der Jugendliche kommt. Im Dauerarrest ist eine den 
Jugendlichen besonders anspannende Tätigkeit erwünscht. Aber nicht 
etwa in der Art und dem Umfang, wie er es von zu Hause aus gewöhnt ist. 
Denn deren blosse Fortsetzung in der Arrestanstalt wird ihn kaum be¬ 
eindrucken. Harte körperliche Außenarbeit ist für den ein geeignetes 
Zuchtmittel, der sie von Haus aus nicht gewöhnt ist. Für denjenigen, der 
schwere körperliche Arbeit in der Landwirtschaft oder sonst draußen 
gewöhnt ist, ist dagegen eine intensive Innenarbeit wesentlich schwerer 
erträglich und dementsprechend eindrucksvoller. Die Auswahl einer für 
den Jugendlichen nach Anlage und Gewohnheit besonders fühlbaren Arbeit 
ist in der Praxis nur sehr schwer durchführbar, weil verschiedene Arbeiten 
nur selten zur Auswahl stehen und sie bei kleinen Anstalten abgesehen 
von ihrer Unwirtschaftlichkeit zu Schwierigkeiten der Aufsicht und anderen 
Unzuträglichkeiten führen. Ihre richtige Auswahl bleibt jedoch für die 
Stärke der Schockwirkung entscheidend, da eine dem Jugendlichen un¬ 
gewöhnliche und unangenehme Arbeit die beste Möglichkeit bietet, ihn 
wachzurütteln und ihn vor einem Rückfall in der Zukunft zu bewahren. 
Andernfalls besteht die große Gefahr, daß der Jugendarrest der kurz¬ 
fristigen Gefängnisstrafe der Vergangenheit gleichbleibt, die auf den 
Jugendlichen häufig genug keinen nachhaltigen Eindruck zu geben ver¬ 
mochte und ihn gegenüber der Gefahr erneuter Bestrafung in der Zukunft 
gleichgültig gemacht hat. Daß neben der Art der Arbeit die Disziplin 
und die Exaktheit ihrer Durchführung für die Schock^virkung des Jugend¬ 
arrestes ausschlaggebend ist, ist selbstverständlich, bedarf aber der be¬ 
sonderen Hervorhebung, da dieser Gesichtspunkt für die Auswahl des Auf¬ 
sichtspersonals ausschlaggebend sein muß und trotz des durch den Krieg 
bedingten Personalmangels nur solche Beamte zur Beaufsichtigung heran¬ 
gezogen werden dürfen, die über die notwendigsten pädagogischen Fähig¬ 
keiten verfügen und durch energisches und strenges Auftreten dem Vollzug 
den erforderlichen Nachdruck zu verleihen vermögen. 



130 


Eine der wichtigsten Voraussetzungen der Schockwirkung ist, daß 
der Vollzug des Arrestes der Tat oder wenigstens dem Urteil auf dem 
Fuße folgt. Durch die Zulassung des beschleunigten Verfahrens in § 2 der 
Verordnung v. 4. 10. 1940 ist hierzu vom Gesetzgeber die Möglichkeit 
gegeben. Es ist erwünscht, daß von dieser in der AV. des RJM. v. 6. 11. 
1940 nochmals hervorgehobenen Möglichkeit nicht nur im Ausnahme-, 
sondern im Regelfall Gebrauch gemacht wird. Da die mei.sten Jugendlichen 
auf Grund eigenen Geständnisses verurteilt werden, könnte, in der weit 
überwiegenden Zahl der Fälle die sofortige Vollstreckung an die Urteils¬ 
verkündung angeschlossen w’erden. Schwierigkeiten bereitet dies Ver¬ 
fahren nur insofern, als der erkennende Jugendrichter nach § 2 Abs. 2 
der VO. vom 4. 10. 1940 die sofortige Vollstreckung des Jugendarrestes 
nur für zulässig zu erklären vermag, Vollstreckungsbehörde aber, falls die 
Arrestanstalt nicht am Orte des Gerichtes ist, nach der AV. des RJM. 
V. 8. 2. 1941, (Dt. Just. S. 222) der als Leiter des Vollzugs zuständige 
Jugendrichter des anderen Bezirks ist, dem die Akten zur Einleitung des 
Vollzugs zuzuleiten sind. Hierdurch entstehen bis zum Arrestantritt 
oft erhebliche Verzögerungen, die durch Raummangel der Anstalt noch 
verschärft werden können. Leistet der Jugendliche nun der Aufforderung 
des vollstreckenden Jugendrichters zum Arrestantritt nicht freiwillig 
Folge und wird seine zwangsweise Vorführung notwendig, so wird die 
Pause zwischen Urteil und Arrestantritt so groß, daß der Jugendliche 
einerseits die Strafgewalt des Staates nicht mehr für so ernst ansieht, 
anderseits sich mit dem Gedanken der Arrestverbüssung vertraut macht 
und schließlich einen Schock während seiner Einsperrung kaum noch emp¬ 
findet. Zur Beschleunigung der Vollstreckung erscheint daher erwünscht, 
daß der erkennende Jugendrichter auch dann Vollstreckungsbehörde bleibt, 
wenn er mit dem als Leiter des Vollzugs zuständigen Jugendrichter nicht 
identisch ist und die sofortige Vollstreckung des Urteils in der Hand behält. 
Erforderlichenfalls wird er sich zweckmäßig schon vor der Urteilsfällung 
mit dem Vollzugsleiter der Arrestanstalt in Verbindung setzen, ob die 
sofortige Aufnahme des Jugendlichen gesichert ist. Solange Urteil und 
Vollzug nicht Schlag auf Schlag folgen können, vermag ein an Ort und 
Stelle vollziehbarer mehrfacher Wochenendkarzer eine weit nachhaltigere 
Wirkung zu erzielen als ein Dauerarrest, der erst wochenlang nach dem 
Urteilsspruch vollzogen wird. 

Da die Erzielung eines Schockes voraussetzt, daß der Verhängung 
des Jugendarrestes der Vollzug stets umgehend folgt, ist eine Aussetzung 
des Arre.stes durch § 4 der Durchführungverordnung v. 28. 11. 1940 u. 
Ziffer 6 der AV. des RJM. vom 6. 11. 1940 (Dt. Just. 1243) mit Recht als 
unzulässig erklärt worden. Bei der grundsätzlichen Abkehr von dem bis¬ 
herigen Prinzip der bedingten Strafaussetzung war dieses generelle Verbot 
jeglicher Aussetzung unbedingt erforderlich, um ein Abgleiten der Praxis 
zu der alten Übung zu verhindern. In außergewöhnlichen Notfällen ver¬ 
bleibt dem Jugendrichter immerhin das Recht, den Vollzug gemäß §§ 455, 
456 StPO, aufzuschieben. Denn § 4 der VO. v. 28. 11. 1940 erklärt nur 
die Aussetzung der Vollstreckung nach §§ 10 bis 13 und 15 des Jugend¬ 
gerichtsgesetzes für unzulässig. Dementsprechend kann die AV. v. 6. 11. 
1940 ebenfalls nur die Aussetzung i. S. dieser Vorschriften betreffen. 
Soweit eine derartige Aussetzung oder eine andere Vergünstigung, die 
nicht durch den Strafaufschubsgrund der §§ 455, 456 StPO, gedeckt ist, 
erstrebt wird, ist sie dem Gnadenerweis des Reichsministers der Justiz 
Vorbehalten. 



187 


Eine Ausnahme hat die sofortige Vollstreckung des Jugendarrestes 
gemäß der AV. des RJM. v. 30. 6. 1941 (Dt. Just. S. 744) allerdings 
gefunden, falls ein verurteilter Jugendlicher vor Einleitung des Vollzugs 
zum Reichsarbeitsdienst einberufen wird. In diesem Falle soll die Voll¬ 
streckung auf Anregung des Reichsarbeitsdienstes für die Dauer des 
Arbeitsdienstes und, falls der Verurteilte in unmittelbarem Anschluß an 
diesen seiner Wehrpflicht genügt, auch für die Dauer des Militärdienstes 
zurückgestellt und nach Beendigung der Dienstzeit die Gewährung eines 
Gnadenerweises geprüft werden. Bei geringfügigen Straftaten ist ein 
derartiger Verzicht auf die Vollstreckung des Jugendarrestes uneinge¬ 
schränkt zu befürworten, weil durch den Arbeitsdienst eine vorbildliche 
Aufsicht und disziplinierte Erziehung sichergestellt ist und diese durch die 
Vollstreckung eher gestört als gefördert werden könnte. Nachdem sich 
aber der Jugendliche im Arbeitsdienst und gegebenenfalls im Wehrdienst 
bewährt hat, besteht zu einer Vollstreckung erst recht kein Bedürfnis 
mehr. Bei gewichtigeren Straftaten ist ein solch allgemeiner Verzicht auf 
die Vollstreckung des Jugendarrestes und sejne Schockwirkung allerdings 
bedenklich. Denn hierdurch könnte der Eindruck entstehen, als könne 
sich der Jugendliche durch den Eintritt in den Arbeitsdienst der Unerbitt¬ 
lichkeit der staatlichen Autorität entziehen und werde seine Tat vom 
Arbeitsdienst nicht so streng angesehen wie von der sonst keine Aussetzung 
duldenden zivilen Justiz. Anderseits ist es regelmäßig nicht erwünscht, 
den im Arbeitsdienst bereits befindlichen Jugendlichen einer Jugend¬ 
arrestanstalt zur Vollstreckung zur Verfügung zu stellen, weil der Vollzug 
in der Arrestanstalt nicht gerade auf den Dienst im Reichsarbeitsdienst 
abgestimmt ist, sondern meist Jugendliche betrifft, an die im bisherigen 
Leben die Anforderungen des Arbeitsdienstes noch nicht gestellt sind. 
Um den Vollzug von dem sonstigen Dienste genügend abzuheben und eine 
nachhaltige Schockwirkung zu erreichen, scheint es daher zweckmäßig, 
daß der Arbeitsdienst, gegebenenfalls auch die Wehrmacht, den Vollzug 
selbst übernimmt. 

In Frage gestellt wird die Schockwirkung des Jugendarrestes auch 
durch eine etwa vorhergegangene Untersuchungshaft. Denn diese pflegt 
bereits eine Schockwirkung herbeizuführen, die durch den Jugendarrest 
nicht beliebig zu verstärken ist. Oft hat sie bereits ihre volle Wirkung getan, 
sodaß zur Verhängung des Jugendarrestes ein Bedürfnis nicht mehr besteht. 
Trotzdem ist der Richter nach herrschender Auffassung (vgl. Bericht des 
ORR. Mielke auf der Jugendrichtertagung im RJM. vom 6./7. 11. 1941) 
nicht in der Lage, den an sich verwirkten Jugendarrest durch die erlittene 
Untersuchungshaft als verbüßt anzurechnen. Zur Begründung wird an¬ 
geführt, daß nach § 60 StGB. Untersuchungshaft nur auf die im Urteil 
erkannte „Strafe“ angerechnet werden dürfe, der Jugendarrest aber keine 
Strafe, sondern — wie § 1 und 2 der Durchführungsverordnung v. 28. 11. 
1940 ausdidicklich hervorhebe — ein Zuchtmittel sei. Diese formale Aus¬ 
legung des § 60 StGB, wird dem Sinn des neuen Jugendstrafrechts nicht ge¬ 
recht. Wenn die DurchführungsVO. v. 28. 11. 1940 dem Jugendarrest Straf¬ 
charakter abspricht, so geschieht dies zu dem Zwecke, um den Jugendlichen 
vor den bisherigen Konsequenzen der Kriminalstrafe zu schützen. Daher 
ist der Jugendarrest, wie die VO. hervorhebt, „insbesondere nicht im Sinne 
der Vorschriften über den Rückfall und das Strafregister .sowie anderer 
Vorschriften, die Rechtsnachteile an eine straf gerichtliche Verurteilung 
knüpfen“, eine Strafe. Die Vorschrift dient aber nicht dem Zwecke, den 
mit Arre.st bedachten Jugendlichen gegenüber dem zu krimineller Strafe 



138 


Verurteilten zu benachteiligen. Bei diesem kann der Richter die Strafe 
durch die Untersuchungshaft in vollem Masse als verbüßt erklären, wenn 
durch sie der Strafzweck bereits erfüllt ist. Es wäre ungerecht, diese 
Vergünstigung dem an sich für den Jugendarrest geeigneten Jugendlichen 
zu verweigern, wenn durch die Untersuchungshaft die Schockwirkung voll 
erzielt ist. Andernfalls würde der Richter, der einen weiteren Jugendarrest 
für unnötig oder gar schädlich hält, gezwungen, unter Anrechnung der 
Untersuchungshaft Gefängnisstrafe zu verhängen oder sich auf eine Ver¬ 
warnung zu beschränken. Die erste Lösung würde doch gerade die Rechts¬ 
nachteile der kriminellen Strafe herbeiführen, die der Jugendarrest ver¬ 
hindern will. Die zweite Lösung, eine Verwarnung zu erteilen, würde bei 
einer späteren neuen Verurteilung des Jugendlichen die Kenntnis der Tat, 
die bei Verurteilungen zu Jugendarrest durch die AV. des RJM. v. 9. 12. 
1940 durch entsprechende Vermerke bei dem Strafregister sichergestellt 
ist, den Gerichten vorenthalten, obwohl dies bei den Taten, die eine Ver¬ 
haftung des Jugendlichen notwendig gemacht haben, regelmäßig erforderlich 
wäre. Der Richter muß daher für befugt gehalten werden, die Unter¬ 
suchungshaft in entsprechender Anwendung des § 60 StGB, auf den Jugend¬ 
arrest anzurechnen, wenn durch die Untersuchungshaft der dem Jugendarrest 
vorbehaltene Erziehungszweck in derselben Weise erfüllt ist wie bei der 
kriminellen Strafe der Strafzweck. Es liegt demnach im Ermessen des 
Jugendrichters, ob er die Untersuchungshaft ganz oder teilweise anrechnet*). 
Zu einer teilweisen Anrechnung der Untersuchungshaft wird allerdings 
kaum ein praktisches Bedürfnis bestehen. Denn bei der Bemessung des 
Jugendarrestes ist der Richter in der Lage, die bereits verbüßte Unter¬ 
suchungshaft zu berücksichtigen. Jedenfalls ist es unzulässig, die Unter¬ 
suchungshaft auf einen Dauerarrest in der Weise anzurechnen, daß der 
zu vollstreckende Rest auf weniger als eine Woche herabsinkt. Denn hier¬ 
durch wird das in § 1 Abs. 2 der VO. v. 4. 10. 1940 bestimmte Mindestmaß 
zwar nicht im Urteilsausspruch, wohl aber im Vollzug unterboten. Sinn 
dieses gesetzlichen Mindestmaßes aber ist es gerade, nicht auf dem Papier, 
sondern im tatsächlichen Vollzug des Dauerarrestes ein gewisses Mindest¬ 
maß der Einwirkungsmöglichkeit zu gewährleisten. 

Darüber hinaus ist ganz allgemein die Aufeinanderfolge von Jugend¬ 
arrest auf Untersuchungshaft nicht unbedenklich. Sofern der Arrest mit 
seinen strengen Tagen unmittelbar auf eine längere Untersuchungshaft 
folgt, ist die Gefahr einer Gesundheitsschädigung akut. Davon abgesehen 
ist eine Beeinträchtigfung der Schockwirkung durch die Verbindung der 
beiden wesentlich von einander verschiedenen Arten der Freiheitsent¬ 
ziehung zu befürchten, sofern die Untersuchungshaft mehrere Wochen oder 
gar Monate betragen hat. Die durch die längere Untersuchungshaft regel¬ 
mäßig eingetretene Schockwirkung kann durch einen anschließenden Dauer¬ 
arrest — der Wochenendkarzer wird nach verhängter Untersuchungshaft 
nicht in Frage kommen — meist nur verwischt werden, da der Vollzug des 
Jugendarrestes trotz seiner Strenge jugendgemäßer als die gewöhnliche 
Untersuchungshaft ist und dem Jugendlichen daher meist leichter er¬ 
scheinen w’ird. Dies um so mehr, wenn die strengen Tage mit ihrer vollen 
Schärfe nach der Untersuchungshaft aus Gesundheitsgründen nicht an¬ 
gewandt werden können. Nichts ist aber verhängnisvoller, als in dem 
Jugendlichen das Gefühl wach werden zu lassen, daß der Arrest milder 
sei als die Untersuchungshaft. Denn hierdurch wird er dazu verführt, 
den Arrest zu leicht zu nehmen und seinen Emst zu verkennen. Der 


>) So neuerdings auch das Kcichsgerieht (Dt. Just. 1941 S. 9C3) 



189 


Erfolg des Jugendarrestes steht und fällt aber damit, daß er den jugendlichen 
Rechtsbrecher in seiner ganzen Persönlichkeit erschüttert. Dies kann er 
aber nur dann, wenn er in seiner Art und der Strenge seiner Durchführung 
für den Jugendlichen neuartig und erstmalig ist. Eine nicht nur wenige 
Tage lange Untersuchungshaft macht daher regelmäßig erwägenswert, 
den zu verhängenden Jugendarrest durch dieUntersuchungshaft als verbüßt 
anzurechnen oder, falls diese nicht wirksam genug erscheint, zu einer 
nachhaltigen Gefängnisstrafe überzugeheiv In den Fällen, in denen ein 
zusätzlicher Denkzettel notwendig erscheint, ohne daß eine kriminelle 
Strafe erforderlich ist, ist es empfehlenswert, den Jugendarrest erst 
nach vorübergehender Freilassung des Jugendlichen zu vollstrecken, um 
ihn auf diese Weise für die Zwecke des Arrestes zugänglich zu machen 
und ihn ohne Einschränkungen zur Anwendung bringen zu können. Ist 
die Schockwirkung in diesem Falle durch die vorhergegangene Freiheits¬ 
entziehung auch abgeschwächt, so vermag der Vollzug doch eher einen 
dauernden Eindruck zu hinterlassen. 

Schließlich kann die Schockwirkung des Jugendarrestes durch seine 
Verbindung mit Fürsorgeerziehung eine Beeinträchtigung erleiden. Hierbei 
ist der Fall, daß Jugendarrest während der Fürsorgeerziehung zu ver¬ 
hängen ist, von dem Fall zu unterscheiden, daß zusätzlich zum Jugendarrest 
noch Fürsorgeerziehung notwendig erscheint. Im ersten Fall ist eine 
Schockwirkung des Jugendlichen möglich, wenn sich sein Vollzug von der 
Fürsorgeerziehung für den Jugendlichen durch fühlbare Verschärfung 
abhebt. Dies ist jedoch nicht ohne weiteres sicher, weil der Vollzug in der 
Jugendarrestanstalt auf Jugendliche zugeschnitten ist, die bisher keine 
oder jedenfalls keine ernstliche Freiheitsentziehung kennengelemt haben. 
Der normal vollzogene Jugendarrest wird daher auf den Fürsorgezögling 
einen weit geringeren Eindruck machen. Eine Sonderbehandlung der Für¬ 
sorgezöglinge mit besonderer Strenge stößt in der Arrestanstalt auf 
organisatorische Schwierigkeiten. Außerdem ist weder der Vollzugsleiter 
noch der Aufsichtsbeamte zu einer zweckentsprechenden Behandlung des 
Fürsorgezöglings in der Lage, weil sie die bisherige Erziehungsarbeit 
nicht kennen. Davon abgesehen bildet die Aufnahme von Fürsorgezög¬ 
lingen in die Arrestanstalt trotz des Einzelvollzuges stets eine Gefahren¬ 
quelle für die übrigen Jugendlichen, die zum ersten Male straffällig ge¬ 
worden sind und sich im übrigen einwandfrei geführt haben. Diese Be¬ 
denken gegen die Anwendung des Jugendarrestes gegen Fürsorgezöglinge 
fallen weg, wenn der Arrest gegen diese in der Fürsorgeerziehungsanstalt 
selbst vollzogen wird. Dort kann der Arrest in einer den Bedürfnissen 
der Fürsorgeerziehung angepaßten Weise ohne Hin- und Hertransport 
und daher ohne Verzögerung vollzogen werden und so auch im Rahmen 
der Fürsorgeerziehung einen Schock herbeiführen, der ihm sonst 
versagt bleiben würde. 

Im Falle, daß die Fürsorgeerziehung erst anläßlich der Verurteilung 
zum Jugendarrest verhängt wird, ist mit einer anfänglichen Schockwirkung 
des zunächst vollzogenen Jugendarrestes wie im Normalfalle zu rechnen. 
Doch wird diese durch die anschließende Fürsorgeerziehung abgefangen 
und schließlich gänzlich verblassen. Vor allem ist der Erfolg des Jugend¬ 
arrestes gefährdet, wenn dessen Vollzug auf den Vollzug der Fürsorge¬ 
erziehung nicht abgestimmt ist oder der Arrest dem Jugendlichen aus irgend¬ 
einer subjektiven Einstellung heraus erträglicher als die Fürsorgeerziehung 
erscheint. Auch sonst ist eine erzieherische Einwirkung während des Arre.stes 
erschwert, weil diese auf eine kurze Zeitspanne beschränkt ist und mit 



140 


der Übernahme in die Fürsorgeerziehung wieder von vorne angefangen 
werden muß. Der Jugendliche zeigt sich außerdem während des Arrestes 
einem Erziehungsversuch leicht verschlossen, weil sich seine Vorstellungs¬ 
welt bereits auf die zukünftige Fürsorgeerziehung von ungewisser Dauer 
konzentriert, während ihm der kurze Arrest als vorübergehendes Übel 
belanglos erscheint. Ist er aber in die Fürsorgerziehungsanstalt überführt, 
so ist er bereits an die Freiheitsentziehung gewöhnt und ist dadurch die 
erziehliche Einwirkung auch hier erschwert. Es ist daher erwünscht, daß 
der Jugendarrest in der Fürsorgeanstalt auch dann vollstreckt wird, wenn 
die Fürsorgeerziehung erst mit dem Jugendarrest zusammen verhängt 
wird. Nur dann ist vom ersten Tage an eine kontinuierliche Erziehungs¬ 
arbeit gewährleistet und eine gewisse Schockwirkung nicht ausgeschlossen. 

Diese Verkopplung des Jugendarrestes mit der Fürsorgeerziehung hat 
dann eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Strafvollzug in Stufen. Freilich 
mit dem einschneidenden Unterschied, daß der Arrest als erste Strafe 
zeitlich genau begrenzt ist. Diese Bindung aber wird dem Fürsorge¬ 
erzieher meist hinderlich sein, da die Staffelung verschiedener Vollzugs¬ 
formen nur dann Erfolg verbürgt, wenn ein Anspruch auf ein Aufrücken 
nicht besteht. Das Bedürfnis, die Dauer des Arrestes in gewissen Grenzen 
zu verlängern und in Ausnahmefällen auch zu verkürzen, ist daher für 
den Leiter der Fürsorgeerziehung noch erheblich größer als für den Voll¬ 
zugsleiter des Jugendarrestes. Solange diese Möglichkeit nicht besteht, 
ist die Aussicht auf einen Erziehungserfolg größer, wenn unter Verzicht 
auf den Jugendarrest nur auf Fürsorgeerziehung erkannt wird und deren 
Ausgestaltung ganz der Initiative des Fürsorgeerziehungsleiters Vorbehalten 
bleibt. Auf die Dauer ist allerdings auch dieser Ausweg nicht wünschens¬ 
wert, da die an sich zur Bekämpfung von Erziehungsmängeln berufene Für¬ 
sorgeerziehung auf diese Weise zu einem qualifizierten Zuchtmittel gegen¬ 
über strafbaren Handlungen gemacht und ihr Ruf noch schlechter werden 
wird, als er schon ohnehin ist. In den meisten Fällen wird daher zu er¬ 
wägen sein, ob der Kombination von Jugendarrest und Fürsorgeerziehung 
nicht das Jugendgefängnis vorzuziehen ist. Denn besser als eine Vielzahl 
nebeneinander laufender und sich störender Erziehungs- und Strafmittel 
ist ein einziges, aber dafür zur vollen Wirkung kommendes Zuchtmittel, 
das richtig nach der jeweiligen Eigenart des Jugendlichen auszusuchen, 
eine der schwierigsten Aufgaben des Jugendrichters stets bleiben wird. Ihre 
richtige Auswahl ist die wichtigste Voraussetzung einer jeden Vollzugs¬ 
wirkung, besonders aber des Jugendarrestes und seiner Schockwirkung. 

Die Straffälligenbetreuung in den preußisch¬ 
deutschen Strafvollzugsanstalten 

von Dr. W. S t r u b e , Oberregierungsrat in Berlin-Moabit 

Wenn man vom Patent des Königs Friedrich I. vom 28. August 1710, 
in dem wohl erstmalig in Preußen auf die Notwendigkeit einer Entlassenen- 
fürsorge hingewiesen wurde, absieht, weil es nur grundsätzliche Gedanken¬ 
gänge, aber keine praktischen Vorschriften enthält, dann muß man die 
Königliche Instruktion vom 27. März 1797 l), die durch § 563 der Kriminal¬ 
ordnung von 1805 Gesetzeskraft erlangte, als die erste staatliche Regelung 
der Straffälligenbetreuung betrachten. 

Wagnitz, ,,Histor. Nachr." Bd. II Teil 11 Seite 191, und Rosenfeld, 
,,Zweihundert Jahre Fürsorpre der Preußischen Staatsresrierung für die entlassenen Ge¬ 
fangenen“, J. Guttentag, Verlagöbuchhandlung, Berlin 1905. 



r 


141 


Ein Menschenalter später folgte mit dem Reglement für die Straf¬ 
anstalt Rawitsch vom 4. November 1835 2)3)^ dessen Geltung durch Re¬ 
skript des gleichen Jahres auf alle preußischen Straf- und Korrektions¬ 
anstalten ausgedehnt wurde, die erste preußische Strafvollzugsordnung 
mit Vorschriften über die Straffälligenbetreuung. Sie wurde gegen Ende 
des Jahrhunderts durch die Gefängnisordnung für die Justizverwaltung 
in Preußen vom 21. Dezember 1898 4) und die Dienstordnung für die dem 
Ministerium des Innern unterstellten Strafanstalten und größeren Gefäng¬ 
nisse vom 14. November 1902 abgelöst 3). 

Nach der Vereinheitlichung des Gefängniswesens in der Hand der 
Justizverwaltung, die am 1. April 1918 stattfand, erfolgte eine Neu¬ 
regelung durch die Dienst- und Vollzugsordnung für die Gefangenenan¬ 
stalten der Justizverwaltung in Preußen vom 1. August 1923 6) und nach 
der Machtergreifung durch den Nationalsozialismus wurde das Preußische 
Strafvollstreckungs- und Gnadenrecht vom 1. August 1933, geschaffen und 
durch die Dienst- und Vollzugsordnung vom gleichen Tage 7) ergänzt. 

Soweit waren es preußische Vorschriften, denen in allen übrigen 
deutschen Ländern ähnliche, aber auch in vielen Punkten abweichende Be- 
.stimmungen entsprachen. Die erste Reichsregelung schuf die AV. d. RJM. 
vom 22. 7. 1940 mit der „Vereinheitlichung der Dienst- und Vollzugs¬ 
vorschriften für den Strafvollzug im Bereich der Reichsjustizverwaltung 
(Strafvollzugsordnung)“ 8). Es soll nun Aufgabe der nachfolgenden Aus¬ 
führungen sein, aus den erwähnten Vorschriften und ihren Ergänzungen 
durch Ministerialerlasse die Bestimmungen über die Straffälligenbetreu- 
ung zusammenzustellen und zu vergleichen, wobei das Gesamtgebiet der 
Gefangenenfürsorge in die drei Abschnitte „Habe“, „Arbeit“ und „Unter¬ 
kunft“ der Straffälligen aufgeteilt worden ist. 

A. Habe 

Der Straffälligenbetreuung liegt als erste Aufgabe ob, das nötigste 
Hab und Gut der Gefangenen zu erhalten oder zu ergänzen, damit ihnen 
nach ihrer Entlassung der Übergang zu einem neuen Leben in der Freiheit 
erleichtert wird. 

1. Kleidung 

Eine Bestimmung, daß die bei der Einlieferung in die Anstalt mit- 
gebracliten Kleidungsstücke während der Haft verwahrt, rechtzeitig in¬ 
stand gesetzt und am Entlassungstage ausgehändigt werden, kehrt in allen 
Vorschriften wieder. Ergänzend gibt ein Min.Reskr. vom 9. 4.18663) Weisung, 
daß die Ausbesserung der Sachen an den Sonn- und Feiertagen während 
der vom Gottesdienst freien Zeit durch die Gefangenen selbst zu besorgen 
ist, und einMin.Reskr. vom 17. 7.1876>0)genehmigt, daß die Gefangenen gegen 
einen Tagelohn von 40 Pfg. von Mitgefangenen sich Schneider- und Schuh¬ 
macherarbeiten hersteilen lassen. Die DO. 02 weist den Hausvater in § 188 
an, die eigenen Kleider der Gefangenen rechtzeitig instand setzen zu 

2) Abgekürzt: Raw. 

•')) Annalen 1835 Seite 1080 und Büttner, ..ReglementariBche BeKtiramungen 
für die Königlich Preußischen Strafanstalten", 2. Auflage, Verlag der Brökenstock'schen 
Buchhandlung, Rawitsch 1890. 

-1) Abgekürzt: GefO. 98. 

5) Abgekürzt: DO. 02. 

0) Abgekürzt: DVO. 23. 

1) Abgekürzt: DVO. 33. 

8) Abgekürzt: VollzO. 40. 

0) Büttner, S. 222. 

10) B ü t t n e r . S. 171. 



lassen. Ähnlich erklärt die DVO. 33 in § 139 und die VollzO. 40 in § 202 
es als eine Pflicht der Anstalt, die Kleidung der Gefangenen rechtzeitig zur 
Wiederbenutzung herzurichten. Auch heute noch wird von den Gefangenen 
verlangt, daß sie kleine Schäden, die ohne handwerksmäßige Kenntnis 
beseitigt werden können, selbst ausbessem. Aber es ist beachtlich, daß 
sich im Laufe der Jahre die Verpflichtung zur Tragung der Kosten für 
die Beseitigung größerer Schäden von den Gefangenen auf die Verwaltung 
verlagert hat. Die Entwicklung beruht auf dem Gedanken, daß der Staat 
sich für verpflichtet hält, den Gefangenen in einer Kleidung in Freiheit 
zu setzen, die dem Entlassenen in seinem Fortkommen keine Schwierig¬ 
keiten bereitet. 

Bei der Ergänzung der Kleidungsstücke finden wir eine ähnliche, 
wenn auch nicht bis zur gleichen Schlußfolgerung durchgeführte Regelung. 
Raw. § 134 bestimmt folgendes: Bei der Entlassung sind dem Sträfling, wenn 
er keine eigenen noch brauchbaren Kleidungsstücke besitzt, die notdürftigsten 
Gegenstände aus den Anstaltsyorräten gegen Quittung zu verabreichen. 
Ein MR. vom 5. 2. 1862 H) sieht ergänzend vor, daß die an der not¬ 
dürftigsten Bekleidung fehlenden Gegenstände an Gefangene, die über 
Arbeitsbelohnung verfügen, zum angemessenen Tagespreis zu verkaufen sind 
und mittellose Gefangene sie unentgeltlich erhalten sollen. Die Verwaltung 
beschafft sich die Sachen aus dem Nachlaß verstorbener Gefangener. Ein 
MR. vom 7. 6. 1886 12) verweist auf die aus den Beständen der Anstalt 
ausgesonderten Kleidungsstücke. Ein Erlaß vom 31. 7. 1920 l*) und die 
DVO. 33 in § 139 empfehlen die Beschaffung von Heeresaltsachen, die von 
den Anstalten zertrennt oder verarbeitet werden, für diesen Zweck. Den 
unbeschränkten Ankauf von Kleidungsstücken aus Fürsorgemitteln der 
Verwaltung gestattet dagegen er.st die VollzO. 40 in Ziffer 202. Wir 
sehen an dieser Gegenüberstellung, wie die Verwaltung die Versorgung 
der Gefangenen mit Entlassungskleidung nach und nach ständig verbessert 
hat. Nach VollzO. 40 Ziffer 202 muß jetzt die Vollzugsanstalt die der 
Jahreszeit und dem Gesundheitszustand entsprechende notwendige Kleidung 
zur Verfügung stellen, nur mit der Einschränkung, daß den Gefangenen, 
die nicht mehr als drei Monate in Haft sind, in der Regel keine Entlassungs¬ 
kleidung aus Fürsorgemitteln gewährt werden soll. Diese Lücke wird 
aber durch Einsatz der Kleidervorräte geschlossen, die von den Betreu¬ 
ungsstellen des Deutschen Reichsverbandes für Straffälligenbetreuung und 
Ermittlungshilfe ausgegeben werden. 

Nach dem Wortlaut der Ziffer 202 soll die Anstalt dem Gefangenen 
eine der Jahreszeit entsprechende Bekleidung zur Verfügung stellen. 
Dieser Fall würde gegeben sein, wenn ein in Sommerkleidung eingelieferter 
Sträfling nach sechs Monaten im kältesten Winter entlassen wird. Ein 
Mißbrauch der Bestimmung ist also bei unvernünftiger Auslegung durchaus 
möglich. Deshalb erscheint bei einer Neufassung der Vorschriften die 
folgende Regelung empfehlenswert, die zugleich eine beachtenswerte 
Sparmaßnahme darstellt: 

Der Gefangene ist alsbald nach der Einlieferung zur Ergänzung der 
bei der Entlassung erforderlichen Kleidungsstücke aus seinen in der früheren 
Unterkunft, in einer Pfandleihe oder an einer sonstigen Verwahrungsstelle 
befindlichen Sachen — nötigenfalls durch Vermittlung der Polizei¬ 
verwaltung — zu veranlassen. Besitzt der Gefangene keine Sachen oder 

11) MBl. I. V. 1862, S. 62. 

12) Klein, ..DieVorschriften über Verwaltung und Strafvollzug in den Preußischen 
JuatizKefan^^^nissen'*, Verlag Vahlen, Berlin, I. Auflage 1905» S. 166. 

13) K 1 e i n » IV. Auflage 1924, S. 286. 



143 


können sie ohne seine Schuld nicht herbeigeschaift werden, so sind sie ohne 
Rücksicht auf die Haftdauer aus Fürsorgemitteln der Anstalt zu be¬ 
sorgen- Zur Deckung der Kosten können das eigene Geld oder die Arbeits¬ 
belohnung des Gefangenen in Anspruch genommen werden, sofern der ihm 
verbleibende Betrag ausreicht, um ihm den Übergang in die Freiheit zu 
sichern. Nur wenn offensichtlich Mißbrauch zu befürchten ist, wie es bei 
Bettlern und Landstreichern der Fall sein könnte, die gewöhnlich ihre 
guten Sachen versetzen oder verkaufen, kann von der Gewährung der Ent¬ 
lassungskleidung auf Staatskosten abgesehen werden. Auch wird dies bei 
langjährigen Zuchthausstrafen und bei Sicherungsverwahrung zutreffen. Hier 
liegt es im Interesse der Gefangenen, die eigenen Sachen verkaufen und 
den Erlös für die Neubeschaffung im Falle späterer Entlassung verwahren 
zu lassen. 

2. Reisehilfe 

Schon immer hat es die Verwaltung als ihre Aufgabe betrachtet, 
den mittellosen Gefangenen auf Staatskosten in seinen Heimatort zu be¬ 
fördern. Die Bestimmungen haben sich in den letzten 100 Jahren kaum 
geändert. Das Rawitscher Reglement wirft einen Betrag von 1 Sgr. 6 Pfg. 
für die Meile als Reisegeld aus, wenn der Entlassene weder eigene Mittel 
noch Arbeitsbelohnung hat. Im MR. vom 9. 12. 1873finden wir 
dann eine Regelung, die auch heute in ihren Grundzügen noch Geltung hat. 
Sie lautet: Gefangene, deren Bestimmungsort weniger als 5 Meilen von 
der Anstalt entfernt ist, müssen die Reise im Fußmarsch zurücklegen, 
erhalten aber ein Zehrgeld von 5—10 Sgr. (50 Pfg. bis 1 M.). Bei längerer 
Heimreise wird die billigste Klasse der Eisenbahn- oder Dampfschiffahrt 
gewährt und für jeden Reisetag (berechnet zu 4 Meilen oder 30 km) 7% Sgr. 
(75 Pfg.) Zehrgeld. Tunlichst hat ein Aufseher den Entlassenen zur Ab¬ 
fahrtstation zu bringen und ihm erst dort die Fahrkarte auszuhändigen. 
Die Kosten werden gedeckt aus den eigenen Mitteln des Gefangenen oder 
aus seinen Arbeitsprämien, jedoch müssen 5 Taler (15 M.) freibleiben. 
Ist die Unterbringung des Gefangenen aus Gründen des Strafvollzuges 
in einer ferner gelegenen Anstalt erfolgt, dann hat die Staatskasse die 
ganze Fahrt zu zahlen. Fast die gleichen Bestimmungen finden wir in 
zeitgemäßer Abwandlung in den seither gegebenen Vollzugsvorschriften 
und auch in 204 (2) der jetzt geltenden VollzO. 40 wieder, nur wird 
kein Zehrgeld mehr gewährt, sondern bei der Entlassung eine Marsch¬ 
verpflegung ausgehändigt. 

3. Überweisung der Arbeitsbelohnung 

MR. vom 29. 9. 18591^) ordnet an, daß „die Arbeitsprämien¬ 
gelder der zur Entlassung kommenden Zuchthaussträflinge nach Abzug des 
ihnen bei ihrer Entlassung zu gewährenden Reisegeldes von den Straf¬ 
anstaltsdirektionen künftig unmittelbar an die Ortsbehörden (oder an den 
örtlichen Verein zur Fürsorge für entlassene Strafgefangene) zur Aus¬ 
händigung an den Entlassenen gesandt werden, gleichzeitig aber die Orts¬ 
behörden mit Anweisung versehen werden, in Fällen, in denen ihnen der¬ 
gleichen Arbeitsprämien zugesandt werden, soweit als möglich auf eine 
zweckmäßige Verwendung derselben ihr Augenmerk zu richten und die 
Auszahlung der Arbeitsprämiengelder an den entlassenen Sträfling so 
erfolgen zu lassen, wie es im Interesse des künftigen ehrlichen Fort- 


14) Büttner, S. 171. 

15) B ü t t n © r . S. 178. 



144 


kommens des aus der Haft Entlassenen am dienlichsten erscheint“! Diese 
Bestimmung wird hier wörtlich wiedergegeben, weil sie in allen Teilen noch 
den geltenden Vorschriften entspricht, nur mit dem Unterschiede, daß die 
Arbeitsbelohnung jetzt nach 205 (3) VollzO. 40 regelmäßig den zuständi¬ 
gen Stellen des Deutschen Reichsverbandes für StrafFälligenbetreuung 
und Ermittlungshilfe zu überweisen ist. Es fehlt aber den geltenden Be¬ 
stimmungen eine so eingehende und zweckmäßige Anleitung über Sinn und 
Zweck der Überweisung, wie sie der MR. vom 29. 9. 1859 gab. 

4. Unterstützung 

Erstmalig enthält DO. 02 die Bestimmung, daß neben der Arbeits¬ 
belohnung den Entlassenen eine Unterstützung bewilligt werden kann, 
die jedoch mit der Arbeitsbelohnung 15^5?^ und in besonderen Fällen 25 
nicht übersteigen darf. Die GefO. 23 hat in Verbindung mit der AV. 
V. 25. 3. 1924 (JMBl. 145) die gleiche Vorschrift. DVO. 33 läßt in § 140 
die Gewährung einer Unterstützung zu, wenn Arbeitsbelohnung und eigenes 
Geld zusammen weniger als 10,y?Ä betragen, ohne die Höhe der Unter¬ 
stützung zu beschränken. VollzO. 40 gestattet in Ziffer 205 nach den 
gleichen Grundsätzen die Aufrundung des Betrages auf 20i9Ä. 

B. Arbeitsbeschaffung 

Fast möchten wir es bedauern, daß ein Patent des Königs Friedrich 
Wilhelm vom 10. November 1710 >6) keine Geltung mehr hat, in dem 
Raschmachern 1'^), Wollenwebem und Manufakturiers Geldstrafe angedroht 
wird, wenn .sie den aus dem Zuchthaus Spandau Entlassenen, die „Rasch- und 
Zeugmacherei tüchtig erlernt und darüber ein autorisiertes Attest von dem 
Gouverneur oder Kommandanten zu Spandau vorlegen, nicht als tüchtige 
Gesellen und Meister rezipieren“. Denn soweit gehen selbst die neuesten 
Bestimmungen nicht. Wir vermissen in der GefO. 98 und in der DO. 02 
sogar jeglichen Hinweis auf eine Hilfe bei der Arbeitsbeschaffung und erst 
die DVO. 23 enthält die kurze Bestimmung, daß die Unterbringung in 
Arbeitsstellen etwa 6 Wochen vor der Entlassung vorzubereiten ist. Die 
DVO. 33 und die VollzO. 40 dagegen schweigen wieder zu diesem Punkt 
und die von der Reichsjustizverwaltung erlassenen ergänzenden Bestim¬ 
mungen erfüllen ihren Zweck nur unvollkommen. Nach der RV. vom 
30. 8. 1938 — 4450 IH s' 1205/38 — ist das Bevorstehen der Entlassung 
eines Gefangenen regelmäßig nur bei einer Strafdauer von mehr als einem 
Jahr dem zuständigen Arbeitsamte sechs Wochen vor dem Entlassungstage 
anzuzeigen. Hierzu ist ein Vordruck VollzO. 26 zu verwenden, der 
die für den künftigen Arbeitseinsatz wichtigsten Angaben enthält. In 
der Praxis läßt sich jedoch eine Arbeitsvermittlung ohne persönliche Vor¬ 
stellung des Arbeitsuchenden bei dem Arbeitgeber oder dem Arbeitsamt 
nicht durchführen, es sei denn, es handelt sich um Wiederaufnahme eines 
nur durch die Haft unterbrochenen Arbeitsverhältnisses. In der Tat be¬ 
gnügen sich daher die Arbeitsämter erfahrungsgemäß damit, auf die ein¬ 
gegangene Voranzeige von der Entlassung eines Gefangenen mitzuteilen, 
daß dieser sich nach seiner Entlassung im Arbeitsamt zur Vermittlung 
einer Arbeitsstelle einfinden soll. Es erscheint der Nachprüfung wert, 
ob dieses Verfahren nicht dadurch vereinfacht werden kann, daß die Voll¬ 
zugsanstalten die Gefangenen vor der Entlassung über die Zuständigkeit 
des Arbeitsamtes belehren. 


Iß) R o s c n f e 1 d , S. 10. 

1") Rnschmacher sind Tuchmacher. 



F-- 


145 


Von fürsorgerischem Interesse sind jedoch die Fälle, in denen die 
gewöhnliche Arbeitsvermittlung keinen Erfolg verspricht, was bei Ge¬ 
fangenen der Fall ist, die angesichts ihrer Straftat oder ihrer körperlichen 
Beschaffenheit bei ihrer Wiedereingliederung in den Arbeitsprozeß 
Schwierigkeiten erwarten müssen. Sie erscheinen jetzt erfahrungsgemäß 
Tage, Wochen oder Monate nach der Entlassung in den Straffälligenbetreu- 
ungsstellen mit der Bitte um Rat und Unterstützung bei der Stellensuche. 
Ihnen zu helfen, ist die Aufgabe der Stellen des Deutschen Reichs¬ 
verbandes für Straffälligenbetreuung und Ermittlungshilfe, dem zu 
diesem Zwecke am 6. Juni 1939 vom Reichsarbeitsministerium das 
Recht der nichtgewerbsmäßigen Arbeitsvermittlung verliehen worden ist. 
Leider sehen die geltenden Vorschriften der Reichsjustizverwaltung eine 
Mitteilung von der bevorstehenden Entlassung an die Betreuungsstellen des 
Reichsverbandes nicht vor. Das würde jedoch zum mindesten in den Fällen 
zweckmäßig sein, in denen angesichts der Straftat oder der körperlichen 
Beschaffenheit des Bestraften bei seiner Wiedereingliederung in den 
Arbeitsprozeß größere Schwierigkeiten vorauszusehen sind. 

C. Unterkunft 
1. Entlassungsziel 

Schon das Rawitscher Reglement enthält genaue Vorschriften über 
die Bestimmung des Entlassungsortes im § 127, die deshalb besonders wich¬ 
tig waren, weil das Heimatverhältnis für die Unterstützungspflicht Be¬ 
deutung hatte. Die Gefangenen mußten drei Monate vor der Entlassung 
gehört werden, welchen Ort sie als künftigen Wohnort wählen wollten. 
Sechs Wochen vor der Entlassung war die für den gewählten Ort zu¬ 
ständige Polizeibehörde zu benachrichtigen'S). War ein Sträfling nicht 
völlig arbeitsfähig, so mußte nach § 131 des Rawitscher Reglements die¬ 
jenige Kommune, welche subsidiarisch zur Verpflegung verpflichtet war, 
ermittelt werden. Erst dann durfte die Entlassung erfolgeru Es wurde 
also damals in der Tat das Entlassungsziel gut und zeitig vorbereitet. Die 
neueren Vorschriften haben diese Frage nicht so eingehend geregelt und 
die VollzO. 40 enthält nur die Bemerkung, daß der Anstaltsleiter unter 
Berücksichtigung der persönlichen und fürsorglichen Verhältnisse des Ge¬ 
fangenen das Entlassungsziel zu bestimmen hat. Es fehlt dagegen eine 
Weisung, wann dies zu geschehen hat, was zur Folge hat, daß nicht selten 
der von dem Gefangenen in der letzten Stunde seiner Haftzeit angegebene 
Ort gedankenlos niedergeschrieben wird, ohne daß die fürsorgerischen oder 
arbeitsrechtlichen Belange gebührend berücksichtigt w'erden. 

Da heute eine Arbeitsvermittlung von dem Arbeitsamt ohne Vorlage 
der Arbeitspapiere nicht vorgenommen wird, ist die Beschaffung des 
Arbeitsbuches — sofern cs nicht beim Strafantritt mitgebracht wird — 
eine Notwendigkeit. Und da die Besorgung des Buches eine gewisse Zeit er¬ 
fordert, erscheint die Regel des Rawitscher Reglements, w'onach drei 
Monate vor dem Entlassungstag das Entlas.sungsziel festzulegen ist, auch 
heute noch recht zweckmäßig und nachahmenswert. Überhaupt ist dieser 
Zeitpunkt geeignet, als Beginn der auf die Entlassung abzielenden Ma߬ 
nahmen zu dienen. Eine Anweisung an die Vollzugsanstalten, drei Monate 
vor dem Entlassungstage das Entlassungsziel festzulegen und anschließend 
daran die weiteren Fürsorgemaßnahmen in die Wege zu leiten, dürfte sich 
dringend empfehlen. 

18) B ü t t n e r , S. 166. 


4 



146 


2. Besorgung einer Wohnung 

Es ist eine alte Streitfrage, ob man die Gefangenen sofort in die 
Freiheit entlassen oder — soweit sie nicht über eine eigene Wohnung ver¬ 
fügen — zunächst in einem Übergangsheim unterbringen soll, wobei man 
solche unterscheidet, die ausschließlich den Strafentlassenen Vorbehalten 
sind und die sogenannten gemischten Heime, in denen auch andere Per¬ 
sonen untergebracht werden. Das besondere Strafentlassenen-Übergangs- 
heim hat, zumal wenn es nach Art einer geschlossenen Anstalt verwaltet 
wird, zweifellos den Vorteil, daß die Straffälligen gut überwacht werden 
können, aber zugleich den Nachteil, daß sich hier Vorbestrafte zusammen¬ 
finden, die einen schlechten Einfluß aufeinander ausüben. Die Ent¬ 
lassenen selbst empfinden den Aufenthalt in einem solchen Heim nicht 
mit Unrecht als Fortsetzung der Strafhaft und schätzen daher den Auf¬ 
enthalt in ihm in der Regel nicht. Diese Nachteile werden vermieden, 
wenn die Bestraften in gemischten Heimen untergebracht werden, weil 
diesen der Charakter einer Strafkolonie fehlt und von ihnen aus die Ver¬ 
mittlung in eine Arbeitsstelle leichter gelingt. Jedoch hat der Aufenthalt 
im gemischten Heim gewisse Nachteile, wenn er zu lange dauert. Es ist 
deshalb anzustreben, den Gefangenen nach der Entlassung möglichst bald 
sowohl in ein festes Arbeitsverhältnis wie auch in eine selbstgewählte 
Unterkunft zu bringen. Denn das Übergangsheim bedeutet regelmäßig 
nur ein Hinausschieben, nicht aber die Lösung der Unterkunftsfrage. 
Es sollte darum grundsätzlich nur eingeschaltet werden, wenn angesichts 
der Straftat oder wegen der Körperbeschaffenheit des Entlassenen eine 
sofortige völlige Freilassung des Gefangenen noch nicht möglich ist. 

D. Schlußbemerkungen 
1. Entlassungsschein 

Schon durch MR. vom 12. 6. 1885 19) wurde angeregt, entlassenen 
Strafgefangenen, wenn sie es ausdrücklich beantragen, über den Grund 
und die Dauer der erlittenen Strafe, sowie über das Verhalten während 
der Strafverbüßung eine Bescheinigung zu erteilen. Ähnliche Vorschriften 
enthält § 87 der GefO. 98 und § 191 der DO. 02. Auch die DVO. 23 und 
DVO. 33 beschränken den Zweck des Scheines noch auf den Nachweis über 
die Verbüßung der Strafe. Einen wesentlichen Fortschritt bedeutet da¬ 
gegen die Bestimmung in 206 der VollzO. 40, wonach der Schein auch An¬ 
gaben enthalten soll, die wohlfahrtspflegerischen Zwecken dienen. Damit 
ist seiner Ausgestaltung zu einem Entlassungspaß der Weg geebnet. Aus 
ihm muß alles ersichtlich sein, was für die spätere Betreuung von Belang 
sein könnte, beispielsweise außer dem Entlassungsort die von der Voll¬ 
zugsanstalt getroffenen Fürsorgemaßnahmen und die genaue Bezeichnung 
der nach der Entlassung zuständigen Fürsorgestelle der Straffälligen- 
betreuung. 

2. Träger der Gefangenenfürsorge 

Ein Rückblick auf die geschichtliche Entwicklung zeigt, daß man 
zunächst nur die Entlassenenfürsorge kannte, so daß auch die Betreuung 
während der Haft von denjenigen Stellen wahrgenommen werden mußte, 
die im Rahmen der freien Liebestätigkeit sich eine Pflege der Strafentlas¬ 
senen zur Aufgabe gemacht hatten. Die ersten Gefängnispfarrer wurden also 
von den Kirchen gestellt und die ersten Anstaltslehrer von den Fürsorge- 


1») B ü t t n e r , S. 172. 



147 



vereinen besoldet. Nach und nach verstaatlichte man diese Träger der 
Fürsorgearbeit und verlegte immer mehr Betreuungsmaßnahmen in die 
Haftzeit. Die Gefangenenfürsorge (staatliche Betreuung während der 
Haft) gewann somit ständig Boden auf Kosten der Entlassenenfürsorge 
(vereinsmäßige Betreuung nach der Haft). Diese Entwicklung wird an- 
halten, solange das Interesse des Staates an einer ausgebauten Straf- 
fälligenbetreuung bestehen bleibt. 

3. Fürsorgebeauftragte 

Die Bestimmungen über die Fürsorge für entlassene Gefangene, die 
vom Justizminister und Minister des Innern am 19. Juni 1895 20) gemein¬ 
sam ergangen sind, weisen die Anstaltsvorsteher an, sechs Wochen vor der 
Entlassung mit den Fürsorgeorganen Verhandlungen aufzunehmen. Es 
heißt darin ferner, daß die Fürsorge a) durch kirchliche Organe, b) durch 
Fürsorgevereine au.sgeübt wird. Nach § 139 DVO. 23 und § 138 DVO. 33 
sollen sich alle Anstaltsbeamten, insbesondere der Vorsteher, der Geistliche 
und der Lehrer der Fürsorge widmen. Dagegen rechnet VollzO. 40 in 
Ziffer 19 und 21 die Fürsorge für die Zeit nach der Entlassung zu den 
Dienstobliegenheiten der Lehrer und Geistlichen. 

Erstmalig finden wir in § 143 der DVO. 23 erwähnt, daß in Jugend¬ 
gefängnissen ein Anstaltsbeamter durch die Aufsichtsbehörde zum Für¬ 
sorger bestellt werden kann. In die AV. d. RJM. vom 22. 1. 1937 ist diese 
Vorschrift übernommen. Es erscheint jedoch rdcht nur für Jugendgefäng¬ 
nisse die Bestellung von Fürsorgern erforderlich, sondern für alle An¬ 
stalten. Es soll damit nicht gefordert werden, daß überall hauptamtliche 
Fürsorger anzustellen seien, wohl aber ist eine klare Bestimmung nötig, 
wem die Gefangenenfürsorge während der Haft in jeder Anstalt obliegt. 

4. Vorschriften über Gefangenenfürsorge 

Wie über andere Sondergebiete des Strafvollzuges besondere Vor¬ 
schriften von der Reichsjustizverwaltung als Ergänzung zur VollzO. in 
Aussicht gestellt worden sind, so würde es sich auch empfehlen, eine Ge¬ 
schäftsordnung über die Gefangenenfürsorge zu schaffen und darin nach 
Einvernehmen mit dem Deutschen Reichsverband für die Straffälligenbe- 
treuung und Ermittlungshilfe die Richtlinien für den während der Strafzeit 
durchzuführenden Teil der Straffälligenbetreuung festzulegen. 

Wasser und Wäsche — 
ein volkswirtschaftliches Problem 

von a. pl. Verwaltungsinspektor Hans Weigel 
beim Straf gef ängnis Ichtershausen 

Wie der Wäscheschatz der Hausfrau einen bedeutenden Teil des 
deutschen Volksvermögens ausmacht, so liegen auch in den Kammerbe¬ 
ständen der Justizvollzugsanstalten unermeßliche Werte, die unter Um¬ 
ständen in die Hunderttausende von Reichsmark gehen können. Es ist 
daher ein Gebot der Pflicht, diese Werte zu schonen und zu erhalten. 

Ist es nicht gerade jetzt im Kriege notwendig, auf eine pflegliche 
Behandlung des Wäscheschatzes eindringlich hinzuwirken? Der Bezug 
von Spinnstoffwaren ist gegenwärtig an schwierige Bedingungen geknüpft. 

20) K 1 e i n , IS. 167. 


4» 



148 


Eine Rohstoffknappheit hat an und für sich schon vor diesem Kriege be¬ 
standen; erschwerend wirkt sich für die Spinnstoffwirtschaft w’eiter aus, 
daß ein durch den Krieg bedingter Mehrbedarf und ein zusätzlicher, art¬ 
mäßig neuer Bedarf entstanden ist, der gedeckt werden muß. Diese 
Momente haben, um überhaupt eine Ausweichmöglichkeit zu schaffen, zur 
Qualitätsveränderung und zur Rationalisierung geführt. 

Dieselben Erscheinungen sind natürlich auch in anderen Wirtschafts¬ 
zweigen, so z. B. in der Waschmittelherstellung, zu beobachten. Sie 
wirken sich hier jedoch umso nachteiliger aus, weil nicht ein so großer 
Vorrat wie an Spinnstoffen in einer Vollzugsanstalt vorhanden sein 
wird. 

Aus diesen Gesichtspunkten heraus ergibt sich ohne weiteres die 
Forderung nach einer sorgfältigen Pflege der Wäsche, insbesondere im 
Waschverfahren. Wenn ich mir auch darüber im klaren bin, daß meine 
Ausführungen größtenteils auf theoretischer Seite liegen und daher auch 
nur mehr theoretischen Wert haben, so möchte ich doch, daß mancher 
fachlich Interessierte seine Rückschlüsse zieht für die praktische Arbeit. 

Die Lebensdauer der Wäsche ist eine begrenzte; sie ist ganz all¬ 
gemein abhängig eimnal von ihrer Qualität, zum andern aber von ihrer 
Behandlung. Die stärkste Beanspruchung erfährt die Wäsche durch die 
Benutzung und im Wasch verfahren. Ist eines von beiden fehler- oder 
mangelhaft, so ist frühzeitiger Verschleiß die Folge. 

Das Waschverfahren ist vorwiegend ein chemischerVorgang, in zweiter 
Linie erst ein mechanischer. Grundstoff für das Waschen ist das Wasser, 
das in überaus reichem Maße auf der Erde vorhanden, jedoch nicht immer 
gerade auch für den Waschprozeß geeignet ist. Es ist oftmals nicht leicht, 
den Laien davon zu überzeugen, daß Wasser und Wasser in Wirklichkeit 
nicht dasselbe ist. Die chemische Zusammensetzung und die sonstigen 
Eigenschaften des Wassers sind bekannt; erwähnt sei nur, daß es für 
viele chemische Elemente und Verbindungen das natürlich gegebene 
Lösungsmittel darstellt. So ist es ohne weiteres erklärlich, daß Wasser 
in reiner Form, also nur aus zwei Atomen Wasserstoff und einem Atom 
Sauerstoff bestehend, in der Natur überhaupt nicht vorkommt. Vielmehr 
befinden sich im Wasser gelöste mineralische Bestandteile, die in der 
Hauptsache aus Kalk- und Magnesiumverbindungen bestehen. Um diese 
Bestandteile auf einen Nenner zu bringen, hat man 1 g Calciumoxyd 
auf 100 1 Wasser als einen deutschen Härtegrad bezeichnet. Man nennt 
also Wasser, das Kalk- und Magnesiumbestandteile enthält, hart und 
solches ohne oder nur mit geringen Einlagerungen weich. Die Zahl der 
Härtegrade ist nach der Art der Bodenbeschaffenheit sehr verschieden. 

Nicht allein die sogenaimten Härtebildner sind es, die für den Ver¬ 
wendungszweck des Wassers eine Rolle spielen; die Beschaffenheit des 
Wassers wird ferner noch beeinflußt durch Eisen- und Mangangehalt, 
durch Gasverbindungen (Kohlensäure) und durch Verunreinigungen, die 
in seinem Ursprung begründet liegen. 

Diese Vorbetrachtung war notwendig, um klarzustellen, welche Be¬ 
wandtnis es mit der Härte des Wassers im Wasch verfahren hat. Die 
Härtebildner sind erbitterte Feinde der Seife. Sie entziehen dem Wasch- 
Prozeß Seife oder seifenhaltige Waschmittel, und das in nicht unbeträcht¬ 
lichem Maße. Ein Härtegrad vernichtet in 100 1 Wasser etwa 16 g Seife, 
indem sich die Kalksalze des Wassers mit einem Teil der Seife zu fett¬ 
saurem Kalk (Kalkseifen) verbinden. Die Kalkseifen sind im Wasser 
nicht löslich, sie scheiden vielmehr als graues Gerinnsel an der Ober¬ 
fläche aus. Dadurch ist die der Seife eigene Waschkraft genommen. 



149 


f 


Hierin liegt einmal der Kernpunkt der Bedeutung des Wassers für 
den Waschprozeß. Wir erkennen die Gefahr einer geradezu ungeheuren 
Seifenverschwendung, die überall da auftaucht, wo nicht zu einem wirk¬ 
samen Gegenmittel gegriffen wird. Die Seifen werden bekanntlich aus 
Fetten hergestellt, und da uns Fette keineswegs in ausreichendem Maße 
zur Verfügung stehen, ist es für die deutsche Wirtschaft eine unabweis¬ 
bare Pflicht, mit ihren Fettrohstoffen rationell zu wirtschaften. 

Hartes Wasser ist daher schon aus diesem Grunde für das Wasch¬ 
verfahren als ungeeignet abzulehnen. Die Seifenverschwendung ist jedoch 
nicht die einzige Folge der Wirkung der Härtebildner, die Wäsche selbst 
\vird in Mitleidenschaft gezogen. Ehe ich darauf eingehe, will ich in 
kurzen Zügen die Beschaffenheit eines Gewebes beschreiben. Betrachtet 
man ein Gewebe, so sieht man, daß es aus Fäden besteht, und diese wieder¬ 
um aus Fasern. Von den Fasern ist der Wert eines Gewebes zunächst 
abhängig. Natur- und Kunstseide bilden von Natur aus schon einen zu¬ 
sammenhängenden Faden, alle anderen Fasern werden in einem besonderen 
Arbeitsgang, dem Spinnprozeß, aneinandergeknüpft und umeinandergedreht 
und bilden sodann das Garn. Der Wert des Gewebes bestimmt sich neben 
der Güte der Faser und dem Spinnprozeß außerdem noch nach dem Web- 
und Wirkprozeß. 

Die im Wasser nicht löslichen Kalkseifen setzen sich im Gewebe fest; 
sie umgeben die Fasern und krusten sie ein. Das hat zunächst zur Folge, 
daß das Gewebe hart und dadurch brüchig wird. Wenn in den Kalkseifen 
dann noch gelöster Schmutz enthalten ist, bekommt die Wäsche ein graues 
und unansehnliches Aussehen, außerdem noch einen unangenehmen Geruch. 
Die Gefahr des vorzeitigen Verschleißes ward, wenn überhaupt, durch 
spätere Behandlung der Wäsche nur sehr schwer wieder behoben werden 
können. 

Eine weitere Folge des harten Wassers ist die Bildung des soge¬ 
nannten Kesselsteins, der insbesondere für die Waschgeräte, Maschinen, 
Rohrleitungen und Kessel von Nachteil ist. Er mindert die Rotations¬ 
fähigkeit der Maschinen herab und, da er sehr hart und zufolgedessen 
schwer löslich ist, gefährdet das Material selbst. 

Endlich aber wird durch das Verkrusten der Kessel usw. mit Kessel¬ 
stein ein erhöhter Brennstoffbedarf notwendig. 

Das harte Wasser ist aus diesen Gründen von vornherein für das 
Waschverfahren ungeeignet. 

Die Bedeutung des Wassers für das Waschverfahren stellt daher nicht 
nur für die Vollzugsanstalten ein Problem im Sinne des § 26 der Reichshaus¬ 
haltsordnung dar; darüber hinaus wird sie zu einem volkswirtschaftlichen 
Problem großen Umfangs. Fettrohstoffe, Spinnstoffwaren, Eisen und 
Brennstoffe — das alles sind Dinge, die bei der gegenwärtig angespannten 
Wirtschaftslage des Deutschen Reiches nicht vergeudet werden dürfen. 
Da man annehmen muß, daß eine solche Vergeudung meist nur unbewußt 
und ungewollt geschieht, ist eine Aufklärung in dieser Hinsicht umso 
mehr am Platze. 

Das natürlich gegebene weiche Wasser ist das Regenwasser. Durch die 
Sonnenbestrahlung wird es einer Destillation unterzogen; es enthält zu¬ 
folgedessen keine mineralischen Bestandteile mehr, nur etwas Staub und 
einige Gase aus der Luft. Regenwasser eignet sich vorzüglich zum 
Waschen. Größere Vollzugsanstalten können ihren Waschwasserbedarf 
allerdings nicht mit Regenwasser decken, kleinere Anstalten aber sollten 
stets eine Regentonne zum Sammeln bereit haben. 



150 


Die Enthärtung des Wassers erfolgt auf einfachste Weise durch Soda. 
Empfehlenswert ist es, die Soda in heißem Wasser aufzulösen und diese 
Lösung dann dem Waschwasser beizugeben. Auch braucht Soda Zeit, 
den Kalk des harten Wassers zu binden. Eine Beigabe von zuviel Soda 
schadet der Wäsche. Die Sodalösung ist auf die Wäsche selbst am wenig: 
sten wirkungsvoll in kaltem Zustand. Dies gilt besonders für das Ein¬ 
weichbad, weil hier überhaupt keine oder zunächst nur wenige Wasch¬ 
mittel zugegeben werden. Daher kalt einweichen! Durch diese Ent¬ 
härtungsweise wird das Wasser jedoch nicht restlos von den Härtebildnem 
befreit. Für das Waschverfahren ist aber Wasser mit noch 3—5 Härte¬ 
graden nicht mehr nachteilig. Zur Beigabe der Soda zur Wasserenthärtung 
bedarf es einer ständigen Beaufsichtigung des Wäschereipersonals, damit 
von vornherein eine reibungslose Abwicklung des Waschprozesses durch 
Vorhandensein von weichem Wasser gewährleistet wird. 

Größere Vollzugsanstalten bedienen sich zur Wasserenthärtung der 
Permutitanlage. Im Permutitverfahren wird die Enthärtung nicht durch 
Zusätze bewirkt; sie besteht vielmehr in einer Filtration des Rohwassers 
durch die Permutite (Verschmelzung von Feldspat, Kaolin, Ton, Sand und 
Soda). Nach derSättigung der Permutite, d. h., nachdem sie sich mit den Cal¬ 
cium- und Magnesiumverbindungen vereinigt haben, erfolgt die Rege¬ 
nerierung durch Spülen mit einer Salzlösung. 

Ich will nun nicht etwa den Hergang des Waschverfahrens im ein¬ 
zelnen schildern, dieser dürfte hinreichend bekannt sein. Es soll lediglich 
auf bestimmte Vorgänge näher eingegangen werden, die für den Erfolg 
des Waschens von entscheidendem Einfluß sind. 

Hier ist in erster Linie das Einweichbad zu nennen. Allgemein 
gesehen soll durch das Waschen derSchmutz von derWäsche entfernt werden. 
Was verstehen wir in dieser Beziehung unter Schmutz? Insbesondere in 
der Leibwäsche befinden sich ausgedunstete Bestandteile des menschlichen 
Körpers, wie Schweiß, Hauttalg, Blut usw.; hierzu kommen Staub und 
andere Verunreinigungen. Der Schweiß in der Leibwäsche ist von saurer 
Beschaffenheit, er enthält hauptsächlich Eiweißverbindungen. Die ver¬ 
dunstbaren Bestandteile des Schweißes setzen sich an den Gewebefasem 
fest, jedoch ist ein Teil von ihnen ohne weiteres im Wasser löslich. Die 
Temperatur des Wassers darf aber keineswegs so hoch sein, daß die Ei¬ 
weißstoffe gerinnen. 

Hierin ist schon die Wichtigkeit des Einweichbades zu erkennen. Bei 
vollkommener Ruhe — am besten über Nacht — löst sich unter Aufquellen 
der Fasern ohne jeden Zusatz von Hilfsmitteln bereits ein Teil des 
Schmutzes von der Wäsche ab. Werden Waschmittel im Einweichbad zu¬ 
gesetzt, so ist es selbstverständlich, daß das Wasser weich sein muß, um 
die Bildung von Kalkseifen zu verhindern. 

Die mechanische Behandlung des Gewebes im Waschverfahren ist 
mit größter Vorsicht vorzunehmen. Je nach dem Verschmutzungsgrad 
und der Beschaffenheit der Wäsche wird sie verschieden sein müssen; 
z. B. ist es erforderlich, mit der Leinenwäsche besonders vorsichtig um¬ 
zugehen, während bei stark verschmutzter, strapazierfähiger Handwerker¬ 
wäsche sogar ein Zusatz von Reinigungsmitteln am Platze ist. Hier sei 
nur am Rande bemerkt, daß es auch notwendig ist, die schmutzige Wäsche 
nach ihrer Art und dem Grade ihrer Verschmutzung zu sortieren. 

Art und Umfang der mechanischen Behandlung der Wäsche sind 
immer abhängig von der geleisteten Vorarbeit. Ist das Wasser ordnungs¬ 
gemäß enthärtet, ist das Einweichbad sachgemäß durchgeführt, werden 



151 


jTute Waschmittel verwandt, dann wird die Wäsche einer weit weniger 
starken Beanspruchung durch die Waschrumpel oder -maschine ausgesetzt 
sein. Daß dadurch das Gewebe nur geschont wird, leuchtet jedem ein. 

Die Wäsche mit der Bürste zu bearbeiten, ist heute nicht mehr zeit¬ 
gemäß, weil der Schmutz auf andere, bessere Weise entfernt werden 
kann. Darüber hinaus aber schadet die Bürste dem Gewebe in erheblichem 
Maße. 

In größeren Betrieben erfolgt die mechanische Einwirkung auf die 
Wäsche durch die Waschmaschine. Der Erfolg dieses Teiles des Wasch¬ 
prozesses hängt hauptsächlich von der bereits besprochenen geleisteten 
Vorarbeit, von der Eigenart und der richtigen Bedienung der Maschine ab. 

Die Waschtrommel darf mit Waschgut nicht überladen werden, sie 
wird zweckmäßig nur bis etwa 2/3 ihres Fassungsvermögens gefüllt. Bei 
übermäßiger Beschickung der Waschtrommel kann die Lauge das Gewebe 
nicht richtig durchdringen und vom Schmutz befreien. 

Über das Verfahren beim Waschen in der Maschine im einzelnen zu 
sprechen, würde nicht ausreichend geschehen können, da wegen der ver¬ 
schiedenen Eigenart der Maschinen einheitliche Richtlinien kaum zu geben 
sind. Hierüber geben vielmehr die Bedienungsvorschriften der Maschinen 
Aufschluß. 

Das eigentliche Wasch verfahren wäre imvollständig, wenn es nicht 
durch einen sachgemäßen Spülvorgang abgeschlossen würde. Das Spülen 
verfolgt allgemein den Zweck, die fetthaltigen Seifenrückstände und die 
gelösten Schmutzteilchen aus dem Gewebe zu beseitigen. Diese Rück¬ 
stände müssen unbedingt entfernt werden, dazu genügt nicht nur eine 
Spülung, sondern mindestens zwei. Daß das Spülen der Wäsche genau 
so sorgsam wie andere Vorgänge des Waschverfahrens, z. B. das Ein¬ 
weichbad, gehandhabt werden muß, ist aus folgendem ersichtlich: 
Geschieht die erste Spülung mit heißem, aber hartem Wasser, gehen die 
Kalkbestandteile des Wassers mit den Seifenresten doch noch die schäd¬ 
lichen Verbindungen ein, die hier umso nachteiliger wirken, weil sich der 
Vorgang tief im Gewebe unter hoher Temperatur abspielt. Geschieht die 
erste Spülung mit weichem, aber kaltem Wasser, so gerinnen die fett¬ 
haltigen Bestandteile der Seife, und, da in diesen Bestandteilen gelöster 
Schmutz eingeschlossen ist, entstehen ebenfalls der Wäsche schädliche 
Ablagerungen. Es ist ohne weiteres ersichtlich, daß die erste Spülung 
unbedingt mit heißem und weichem Wasser geschehen muß. Am besten 
wird bei der zweiten Spülung ebenso verfahren. Beachtenswert ist, daß 
bei den Spülungen nicht zuviel Wasser verwandt werden darf. 

Beim Trockenschleudem der Wäsche in der Zentrifuge ist zu emp¬ 
fehlen, die Außenwand mit einer Einlage zu versehen. Dadurch wird er¬ 
reicht, daß die Fasern durch den Schleuderprozeß einer weniger starken 
Zerrung an der gelochten Zentrifugenwand ausgesetzt sind. 

Erfolgt das Trocknen der Wäsche in einem dampfgeheizten Trocken¬ 
apparat, so ist dessen Temperatur sorgfältig zu überwachen. Bei Über¬ 
hitzung findet eine Übertrocknung der Wäsche statt, das Gewebe ivird 
dadurch gedörrt und der Verschleiß gefördert. 

Viele praktische Ratschläge ließen sich noch anführen und beweisen. 
Wir ersehen, daß die richtige Behandlung der Wäsche eine Vielzahl von 
Kenntnissen voraussetzt. Wir ersehen aber auch, daß das Gelingen einer 
guten Wäsche oft von der Beachtung einer Kleinigkeit abhängt. Jeder 
Wirtschafts- und Arbeitsinspektor sollte sich darüber klar sein, daß ihm 
in der Wäsche wertvolles Gut anvertraut ist, das ihm nicht so leicht 
wieder ersetzt werden kann. 



152 


Zum Schluß ein Wort noch über die Wäscheschäden allgemein: 
Beschädigungen an der Wäsche können auf die verschiedenste Art ent¬ 
stehen, ihre Zahl ist fast unbegrenzt. Die Textilforschung ist jedoch 
heute in der Lage, bei jeder Beschädigung deren Ursache feststellen zu 
können. Es kommt für uns aber weniger darauf an, die Tatsache und 
die Ursache einer Beschädigung nachträglich festzustellen, als vielmehr 
darauf, aus der Erkenntnis der Ursache der Entstehung von Schäden 
vorzubeugen. 

Aus der Gefängnisverwaltung 

Allgemeine Verfügungen des RJM. 

Tragen von Abzeichen der NSDAP., ihrer Gliederungen u. angeschlossencn 
Verbände zur Dienstbekleidung. AV. v. 16. 6. 1941 — Dt. Just. S. 727 —. 
Gilt für Beamte mit Dienstaufgaben eines Gerichtsvollziehers oder 
Justizvollstreckungsassistenten. 

WeitergewährungderDienstbezUgean nichtbeamtete Gefolgschaftsmitglieder 
bei Einberufung zum Wehrdienst, AV. v. 7. 6.1941 — Dt. Just. S. 727 —. 
Bctr. Weitergewährung der Dienstbezüge an Arbeiter und An¬ 
gestellte des öffentlichen Dienstes, die zur Erfüllung ihrer aktiven 
Dienstpflicht vor dem 26. 8. 1939 ausgeschieden sind. Neubegrün¬ 
dung eines Dienstverhältnisses zu diesem Zweck. 

Reisebeihilfen für nach den Ostgebieten usw. abgeordnete Justizbedienstete. 
AV. vom 20. 6. 1941 — Dt. Just. S. 727 —. 

Der RdErl. vom 30. 4. 1941 — RBB. S. 134 Nr. 3730 — findet 
auch auf die Sonderregelungen; 

1. vom 16. 11. 1939 (RBB. S. 320) und vom 19. 12. 1940 — Dt. Just. 
S. 1427 — für die eingegliederten Ostgebiete und die ehemalige 
Freie Stadt Danzig, 

2. vom 14. 6. 1939/6. 3. 1941 (RBB. S. 170/104 und vom 18. 12. 
1940 — Dt. Just. S. 1427 — für das Protektorat Böhmen und 
Mähren, entsprechend Anwendung. 

Gefangenensammeltransporte. AV. vom 19. 6. 1941 — Dt. Just. S. 728 — . 

Hinweis darauf, daß Gefangene auf Transport nicht Geld, Taschen¬ 
messer, Rasierklingen und andere Gegenstände bei sich führen, 
durch welche die Sicherheit der Transporte gefährdet wird. 
Einbehaltungsbeträge nach der Preuß. Einbehaltungsverordnung. AV. vom 
26. 6. 1941 — Dt, Just. S. 743 —. 

Regelung der Auszahlung der Einbehaltungsbeträge. 

Anwendung des Einheitsmietvertrages für Baugeräte auf Mietverträge 
mit Ausländem. Gemeinsamer RdErl. des RJM. u. des Reichskom¬ 
missars f. d. Preisbildung vom 23. 5. 1941 — Dt. Just. S. 744 —. 
Einbehaltung von Mitgliedsbeiträgen für die Deutsche Arbeitsfront. AV. 
vom 24. 6. 1941 — Dt. Just. S. 744 —, 

Neue Fassung der Nr. 1 u. 2 der AV. vom 19. 4. 1937 — Dt. Just. 
S. 602; KRZ. Nr. 142 —. 

Kosten der Vollstreckung der von den H- und Polizei-Gerichten verhängten 
Freiheitsstrafen in Jusfizvollzugsanstalten. AV. vom 27. 6. 1941 — Dt. 
Just. S. 744 —. 

Diese Kosten fallen nicht unter den Erstattungsverzicht nach dem 
RdErl. vom 21. 6. 1940 (RMBliV. S. 1547). 



153 


Vollstreckung des Jugendarrestes bei Angehörigen des Reichsarbeitsdienstes. 
AV. vom 30. 6. 1941 — Dt. Just. S. 744 —. 

Zurückstellung der Vollstreckung bei Einberufung des Verurteilten 
zum Reichsarbeitsdienst, auch für die Dauer der ggf. nachfolgen¬ 
den Militärdienstzeit. 

Arbeitseinsatz von Tuberkulösen. AV. vom 1. 7. 1941 — Dt. Just. S. 762 —. 
Hinweis auf die meist begrenzte Ansteckungsfähigkeit der Tuber¬ 
kulose. 

Führung der Bezeichnung „Frau“ durch unverheiratete weibliche Personen. 
AV. vom 10. 7. 1941 — Dt. Just. S. 775 —. 

Bekanntgabe des RdErl. d. RMdJ. v. 24. 6. 1941 (RMBliV. S. 1181) 
betr. Bearbeitung von Namensänderungsanträgen und Führung der 
Bezeichnung „Frau“ durch unverheiratete Personen. 

Erntehilfe 1941. AV. vom 17. 7. 1941 — Dt. Just. S. 791 —. 

Sonderurlaub unter Fortgewährung der Bezüge bis zu 2 Wochen 
ohne Anrechnung auf den Erholungsurlaub. 

Änderung der AV. über den Jugendstrafvollzug vom 22. 1. 1937. AV. 
vom 16. 7. 1941 — Dt. Just. 793 —. 

An die Stelle der §§ 1—8 sind neue Vorschriften getreten. 

Beköstigung der Gefangenen auf eigene Rechnung eines Justizbediensteten. 
AV. vom 17. 7. 1941 — Dt. Just. S. 793 —. 

Einheitliche Regelung der Vergütung für die Gefangenenbekösti¬ 
gung bei Übertragung der Beköstigungswirtschaft auf einen Auf- 
sichtsbeamten oder anderen Justizbediensteten. 

Rehabilitierung bestrafter Jugendlicher. AV. vom 23. 7. 1941 — Dt. Just. 
S. 795 —. 

Prüfung, ob vorzeitig beschränkte Auskunft über die Verurteilung 
anzuordnen ist. 

Abführung der Lohnsteuer und der Bürgersteuer durch die Justizkassen. 
AV. vom 24. 7. 1941 — Dt. Just. S. 807 —. 

Neue Bestimmungen an Stelle der AV. vom 22. 3. 1937 — Dt. Just. 
S. 480; KRZ. Nr. 153 — über Abführung und Buchung der Lohn¬ 
steuer und der Bürgersteuer. 

Änderung der Durchführungsverfügung zu den Reisekostenbestimmungen. 
AV. vom 29. 7. 1941 — Dt. Just. S. 808 —. 

Reisekostenvergütung für Beamte im Vorbereitungsdienst usw. 

Änderung der DurchfUhrungsverfügung zu den Umzugskostenbestimmungen. 
AV. vom 30. 7. 1941 — Dt. Just. S. 809 —. 

Betr. Umzugsanordnung, Beschäftigungsvergütung usw. 

Dritte Änderung der Strafvollzugsordnung. AV. vom 28. 7. 1941 — Dl. 
Just. S. 810 —. 

Änderung der Nr. 4 u. 165 der Strafvollzugsordnung v. 22. 7. 1940. 

Zweite Richtlinien über Art u. Umfang des Beitragens bei der Ausführung 
von behelfsmäßigen Luftschutzräumen und von Brandmauerdurch¬ 
brüchen in bestehenden Gebäuden. AV. vom 5. 8. 1941 — Dt. Just. 
S. 823 —. 

Beitragen zur Einrichtung von behelfsmäßigen Luftschutzräuinen 
und Erstattung von Einrichtungs- und anderen Kosten durch das 
Reich. 



154 


Verhäni^ung von Jugendarrest durch die Polizei. AV. vom 7. 8. 1941 
— Dt. Just. S. 843 —. 

Bekanntgabe des RdErl. des Reichsführers-ii und Chefs der 
Deutschen Polizei im Reichsministerium des Innern vom 23. 6. 1941 
— RMBUV. S. 1169 —. 

Winterhilfswerk 1941/1942. AV. vom 18. 8. 1941 — Dt. Ju.st. S. 857 —. 

Aufbringung der Mittel für das Winterhilfswerk des deutschen 
Volkes 1941/1942 wie bisher. 

Urlaub für verheiratete Beamte bei Besuchsreisen. AV. vom 16. 8. 1941 
— Dt. Just. S. 857 —. 

Zur Durchführung von Reisen zum Besuch der Familie kann ver¬ 
heirateten und diesen gleichgestellten unverheirateten Beamten 
ein Zusatzurlaub bis zu 12 Kalendertagen jährlich gewährt werden. 

Bestimmungen über Beihilfe und Unterstützungen. AV. vom 20. 8. 1941 
— Dt. Just. S. 873 —. 

Hinweis auf die Neuausgabe der Bestimmungen über Beihilfen 
und Unterstützungen für die Justizverwaltung (BUZ.). Sammel¬ 
bezug durch Behördenangehörige. 

Gewährung von Vorschüssen in besonderen Fällen. AV. vom 29. 8. 1941 
— Dt. Just. S. 890 —. 

Gewährung eines unverzinslichen Vorschusses auf die Dienstbezüge 
bis zur Höhe von 40 0lf(, für die Beschaffung von Kartoffeln für 

. den Winter. 

Herrichtung und Ausbessern von Notwohnungen. AV. vom 2. 9. 1941 — Dt. 
Just. S. 890 —. 

Ausnahmen vom Neubauverbot für leben.snotwendige Unter- 
haltungs- und Instandsetzungsarbeiten und für Bauvorhaben mit 
einer Gesamtbausumme bis zu 5 000 iHH. 

Sammlungen in den Diensträumen öffentlicher Behörden und Betriebe. 
AV. vom 5. 9. 1941 — Dt. Just. S. 906 —. (AV. vom 26. 1. und 17. 8 
1940 — Dt. Just. S. 151 und 961 —). 

Bekanntgabe des RdErl. des Reichsministers des Innern vom 30. 6. 
1941 — II 1804/41 — 6960 — betr. Aufhebung der RdErl. v. 9. 1. 
und 1. 8. 1940 (RMBüV. S. 67, 1574). 

Aufhebung der Deutschen Dienstpost in Luxemburg. AV. vom 9. 9. 1941 
— Dt. Just. S. 906 —. 

Eine besondere Kennzeichnung der Sendungen nach Luxemburg 
ist nicht mehr erforderlich. 

Deutsche Dienstpost im Bezirk Bialystock und im Distrikt Galizien. AV. 
vom 9. 9. 1941 — Dt. Just. S. 906 —. 

Neueinrichtung einer Deutschen Dienstpost in den neubesetzten 
Gebieten von Bialystock und Galizien. 

Erholungszeit nach Entlassung aus dem Wehrdienst (Reichsarbeitsdienst) 
usw. bei dem besonderen Einsatz der Wehrmacht. AV. vom 12. 9. 1941 
— Dt. Just. S. 920 —. 

Änderung der AV. über den Jugendstrafvollzug vom 22. 1. 1937 u. zweite 
und dritte Änderung der Strafvollzugsordnung v. 22. 7. 1940. AV. 
vom 11. 9. 1941 — Dt. Just. S. 921 —. 

Inkraftsetzung einschlägiger Bestimmungen für die deutschen 
Justizbehörden im Protektorat Böhmen und Mähren. 



155 


Einführung des Straftilgungsgesetzes und der Strafregisterverordnung in 
den Reichsgauen der Ostmark. AV. vom 26. 9. 1941 — Dt. Just. 
S. 958 —. 

Ersuchen um Auskunft aus dem Strafregister. AV. vom 25. 9. 1941 — Dt. 
Just. S. 960 —. 

Bezeichnung der Stellen, an die Ersuchen um Auskunft aus dem 
Strafregister zu richten sind. 

Änderung der vorläufigen Arbeitsverwaltungsordnung. AV. vom 27. 9.1941 
— Dt. Just. S. 961 —. 

Änderung des § 30 Abs. 2, § 31 Abs. 1 u. § 33 Abs. 2 der AVO. 
vom 14. 3. 1936. 

WohnungsfUrsorge für Reichsbedienstete. AV. vom 1. 10 .1941 — Dt. Just. 
S. 972 —. 

Gewährung zinsloser Darlehen zum Erwerb von Genossenschafts¬ 
anteilen zum Zwecke derErlangung von Genossenschaftswohnungen. 


Personalnachrichten 

Beamte des höheren Strafvollzugsdienstes 

Ernannt: 

Regierungsrat Schmidhäuser in Heilbronn zum Oberregierungs¬ 
rat in Freiburg (Breisg.), 

Regierungsrat Dr. F a b e r in Werl zum Oberregierungsrat daselbst, 
Gerichtsassessor von Rüdiger zum Regierungsrat in Leipzig, 
Verwaltungsamtmann Lehsmann zum Regierungsrat in Gütersloh 
(StrGefLager Oberems), 

Verwaltungsamtmann B1 e c h a in Garsten zum Regierungsrat da¬ 
selbst. 

Versetzt: 

Oberregierungsrat M a r 1 o h in Rawitsch nach Gollnow, 

Staatsanwalt Wiedemann in Berlin als Regierungsrat nach Luckau, 
Regierungsrat Kodre in Kaiser-Ebersdorf nach Stein (Donau), 
Regierungsrat Dr. Thümmler in Leipzig-Kleinmeusdorf nach 
Zwickau, 

Regierungsrat Händel in Mürau nach Mannheim-Heidelberg, 
Regierungsrat Dr. Westenberger in Rheinbach als Amtsge¬ 
richtsrat nach Wuppertal, 

Regierungsrat Dr. Rudolph in Kislau nach Heilbronn, 
Regierungsrat Fratzscher in Rendsburg nach Neumünster, 
Regierungsrat Dreschke in Bautzen nach Rheinbach. 

Beamte des gehobenen Vollzugs- und Verwaltungsdienstes 

Ernannt: 

Verwaltungsoberinspektor Schürer von Waldheim in Hirten¬ 
berg zum Verwaltungsamtmann daselbst, 
Verwaltungsoberinspektor Gervers in Wittlich zum Verwaltungs¬ 
amtmann in Brieg, 

Oberlehrer Östreicher in Straubing zum Verwaltungsamtmann 
in Dortmund (beschäftigt in Straubing), 

Oberlehrer Mayer (Franz) in Wien I zum Verwaltungsoberinspektor 
in Salzburg, 




Verwaltungsinspektor Tetzner in Chemnitz zum Verwaltungsober¬ 
inspektor daselbst, 

Verwaltungsinspektor Mack in Breslau zum Verwaltungsober¬ 
inspektor in Gleiwitz, 

Verwaltungsinspektor Ritter in Reichenbach (Eulengeb.) zum Ver¬ 
waltungsoberinspektor in Beuthen (Oberschi.), 
Verwaltungsinspektor R a b s a h 1 in Spandau zum Verwaltungsober¬ 
inspektor in Brandenburg (Havel)-Görden, 

Verwaltungsinspektor W i 11 e r in Salzburg zum Verwaltungsober¬ 
inspektor in Wien I, 

a. pl. VInsp. K e 1 p i n zum Verwaltungsinspektor in Pr. Stargard, 
a. pl. VInsp. K o n z e zum Verwaltungsinspektor in Neisse, 
a. pl. VInsp. Dr. D e x i n g e r zum Verwaltungsinspektor in Wien II, 
a. pl. VInsp. Brückner zum Verwaltunginspektor in Lingen (Ems), 
a. pl. VInsp. Adam zum Verwaltungsinspektor in Landsberg 
(Warthe), 

a. pl. VInsp. F r e r i c h s zum Verwaltungsinspektor in Hameln, 
a. pl. VInsp. Stegemann zum Verwaltungsinspektor in Graz, 
a. pl. JInsp. Wildhirt zum Verwaltungsinspektor in Klagenfurt, 
a. pl. VInsp. Stöber zum Verwaltungsinspektor in Groß-Strehlitz, 
a. pl. VInsp. Heß (Hermann) zum Verwaltungsinspektor in Ichters¬ 
hausen, 

a. pl. VInsp. P a p i e s zum Verwaltungsinspektor in Herford, 
a. pl. VInsp. Sprang zum Verwaltungsinspektor in Vechta, 
a. pl. VInsp. M i e 1 k e zum Verwaltungsinspektor in Schröttersburg, 
a. pl. VInsp. B 1 e i s e zum Verwaltungsinspektor in Tapiau, 
a. pl. VInsp. Witt zum Verwaltungsinspektor in Celle, 
a. pl. VInsp. Ringleb zum Verwaltungsinspektor in Waldheim 
(Sachsen), 

a. pl. VInsp. H e y n a zum Verwaltungsinspektor in Leipzig, 
a. pl. VInsp. D ö 11 e zum Verwaltungsinspektor in Schneidemühl, 
a. pl. VInsp. Schachinger zum Verwaltungsinspektor in Suben, 
a. pl. VInsp. Eidracher zum Verwaltungsinspektor in Rockenberg 
(Marienschloß), 

a. pl. VInsp. Havekost zum Verwaltungsinspektor in Zwickau 
(Sachsen), 

a. pl. VInsp. Werner (Kurt) zum Verwaltungsinspektor in Stettin, 
a. pl. VInsp. Storch zum Verwaltungsinspektor in Salzburg, 
a. pl. VInsp. K e i p k e zum Veiwaltungsinspektor in Naugard, 
a. pl. VInsp. Binder zum Verwaltungsinspektor in Griebo (Gef.- 
Lager Elberegulierung), 

a. pl. VInsp. G o e b e 1 s zum Verwaltungsinspektor in Waldheim 
(Sachsen), 

a. pl. VInsp. Wende zum Verwaltungsinspektor in Kattowitz, 
a. pl. VInsp. Klette zum Verwaltung-sinspektor in Krone (a. d. 
Brahe), 

Oberverw. Fink zum Verwaltungsinspektor in Amberg, 

Oberv’erw. Wagner (Johann) zum Verwaltungsinspektor in Straubing, 
VerwSekr. S e d i n g zum Verwaltungsinspektor in Stettin, 

JustSekr. Klein (Felix) zum Verwaltungsinspektor in Spandau, 
Verwaltungssekretär Ostendorf zum Verwaltungsinspektor in 
Hamburg-Stadt, 

Verwaltungsassistent Dürr zum Verwaltungsinspektor in Freiburg 
(Breisg.). 



157 


Versetzt: 

Verwaltungsoberinspektor Möller in Dortmund nach Gütersloh 
(StrGefLager Oberems), 

Verwaltungsoberinspektor Köhler in Stollberg (Hoheneck) nach 
Eger, 

Verwaltungsoberinspektor Röhrich in Beuthen (Oberschl.) nach 
Kattowitz, 

Verwaltungsinspektor Dzialkow'ski in Neuruppin als Justiz¬ 
inspektor an die StA. in Prag, 

Verwaltungsinspektor Dudeck in Beuthen (Oberschi.) als Justiz¬ 
inspektor an die StA. in Breslau, 

Verwaltungsinspektor Grundmann in Tapiau nach Königsberg. 

In den Ruhestand getreten: 

Verwaltungsinspektor Steglich in Waldheim (Sachsen), 

Verwaltungsinspektor G r o t h in Naugard, . 

Verwaltungsinspektor Ziegler in Stettin. 

Verstorben: 

Verwaltungsinspektor Bock in Herford, 

Verwaltungsinspektor Sommer in Frankfurt (Main), 

Verwaltungsinspektor K a m i n s k i in Braunsberg, 

Verwaltungsinspektor E i c h 1 e r in Bautzen. 

Ausgeschieden : 

Verwaltungsinspektor Barsch in Berlin infolge Übernahme in den 
Dienst der Luftwaffe. 


Geistliche 


Versetzt: 

Pfarrer Schräder vom Frauen.strafgefängnis Berlin an das Straf¬ 
gefängnis Tegel in Berlin. 


Oberlehrer 

In den Ruhestand getreten: 
Oberlehrer Jonas in Werl. 


Ausgeschieden: 

Oberlehrer Schulz (Hans) infolge Übernahme in den Volk.sschul- 
dienst. 


Schrifttum 

Bücher Inland 

Der Deutsche Strafprozeß. Lehrbuch von Professor Dr. Robert von 
Hippel, Geh. Justizrat in Göttingen. Marburg. N. G. Elweitsche 
Verlagsbuchhandlung. 1941. 736 Seiten. 18,50 <^/f. 

Seinen früheren Werken über materielles Strafrecht läßt der Ver¬ 
fasser nunmehr eine Darstellung des deutschen Strafprozesses folgen, den 
er, wie er in seinem Vorwort sagt, „von 1877—79 als Schöpfung des ge¬ 
einten Deutschen Reichs schon frühzeitig mitarbeitend erlebt und ihn dann 
bis zur Gegenwart mitarbeitend, auch durch stürmische Reformperioden, 



158 


hat verfolgen können“. Schon ein Blick in da.s Inhaltsverzeichnis läßt er¬ 
kennen, welche Sorgfalt er der Durcharbeitung und Gliederung des umfang¬ 
reichen Stoffes entgegengebracht hat, und der Inhalt des Werkes bestätigt 
diesen Eindruck. In klarer und anschaulicher Weise und unter Nutzung 
einer schaj'fen systematischen Anordnung schildert der Verfasser das Wesen 
und die Bestimmungen unseres Strafverfahrens, setzt sich mit den ein¬ 
schlägigen Problemen auseinander und gibt seine eigenen sachlichen An¬ 
sichten wieder. Besonders erwähnt seien seine klare Scheidung von 
Grundgedanken einzelner Rechtseinrichtungen — vgl. zum Beispiel § 51 
über Gerichtshilfe —, seine Hervorhebung einzelner Bestimmungen auch 
in ihrer Wirkung — zum Beispiel § 66 über Vorführung, Verhaftung und 
Vorläufige Festnahme — so wie allgemein seine scharfe Herausarbeitung 
der leitenden juristischen Grundgedanken und deren Folgerungen, 

Eine längere Darstellung der geschichtlichen Entwickelung des Straf¬ 
prozesses erhöht den Wert des Werkes und vermittelt ein anschauliches 
Gesamtbild über das Werden der Rechtsanschauungen, die jetzt den Gang 
unseres Strafverfahrens regeln. Durch einen Überblick über das Recht 
des Auslandes wird dieses Gesamtbild ergänzt und abgerundet. 

Das Buch, dessen Benutzung durch ein ausführliches Sachverzeichnis 
erleichtert wird, berücksichtigt die Rechtsentwickelung bis zur Zeit des 
Kriegsausbruches gegen Polen, September 1939, und behandelt in seinem 
Schlußteil auch die neue Kriegsgesetzgebung in einer Darstellung, w’elche 
die Zeit bis Ende Mai 1941 umfaßt. Für wichtige Neuerungen sind Nach¬ 
träge des Werkes vorgesehen. Landgerichtsdirektor B u r c z e k , Berlin. 

Kriminalistische Abhandlungen, herausgegeben von Professor Dr. E x n e r - 
München, Dr. Emst Wiegandt Verlagsbuchhandlung Leipzig. 

Heft XLIV, Dr. Alfred Hoffmann, Unfruchtbarmachung und Kriminali¬ 
tät, 104 Seiten, 2,50 1940. 

Nachdem im ersten Teil die Bedeutung und Anw’endung der Unfrucht¬ 
barmachung behandelt sind, folgt im zweiten Teil eine Darstellung der 
eigenen Untersuchungen über die Beziehungen zwischen Unfruchtbar¬ 
machung und Verbrechen, die zur Beantwortung der Frage dienen sollten, 
inwieweit durch die Sterilisierungsmaßnahmen des Gesetzes auch asoziale 
und kriminelle Nachkommen verhütet werden. Rund 4000 Beschlüsse von 
Erbgesundheitsgerichten, in denen die Unfruchtbarmachung angeordnet 
worden ist, liegen den Untersuchungen zu Grunde, davon 53,60 % an 
Männern und 46,40 % an Frauen. Der Grund der Unfruchtbarmachung 
lag in 43,33 % der Fälle in angeborenem Schwachsinn und in 34,81 % in 
Schizophrenie, während hinter diesen Zahlen die übrigen gesetzlichen 
Gidinde — darunter schwerer Alkoholismus mit 3,73 % der Fälle — zahlen¬ 
mäßig stark zurücktraten. 

Als kriminell waren jedoch von den rund 4 000 Untersuchten nur 353, 
also annähernd 9 % zu betrachten, also ein überraschend geringer Hundert¬ 
satz. Daraus läßt sich wohl der Schluß ziehen, daß durch die Unfrucht- 
bannachung eine merkbare Verringerung der Kriminalität nicht erwartet 
werden kann. 

Heft XLV, Dr. Sigmund Silbereisen, Die spätere Straffälligkeit 
jugendlicher Rechtsbrecher, 71 Seiten, ‘IMH, 1940. 

Die Tatsache, daß 40 % aller Schwerkriminellen, besonders der Ge¬ 
wohnheitsverbrecher und Sicherungsverwahrten, bereits in der Jugend 
kriminell geworden sind, hat den Verfasser zu Untersuchungen veranlaßt. 



159 


wie sich die in jungen Jahren straffällig Gewordenen in ihrem späteren 
Leben entwickelt haben. Von den 525 im Jahre 1928 verurteilten Jugend¬ 
lichen, deren Akten er bearbeitete, waren im Laufe von 10 Jahren rund die 
Hälfte wieder straffällig geworden, und zwar 55 % der männlichen, aber nur 
1/5 der 88 weiblichen Vorbestraften. Dabei ergab sich, daß die Wahr¬ 
scheinlichkeit eines Rückfalls um so größer ist, je früher die Kriminalität 
einsetzte. 

Der Verfasser hat ferner Einzeluntersuchungen angestellt, wie sich 
die erstmals wegen eines Vermögensdelikts (2. Kap.), wegen einer Straftat 
gegen die Person (3. Kap.), wegen eines Betrugsdelikts (4. Kap.) und 
wegen eines Sittlichkeitsverbrechens (5. Kap.) verurteilten Jugendlichen 
später verhalten haben, und ist zu dem Ergebnis gekommen, daß nur bei 
Vermögensdelikten eine auffallend hohe einschlägige Rückfälligkeit zu 
verzeichnen ist. 

Die beiden Abhandlungen reihen sich den wertvollen Sonderunter¬ 
suchungen an, die in der von Professor Dr. Exner-München herausgegebenen 
Schriftenreihe bisher schon erschienen sind und gerade für Strafvollzugs¬ 
beamte besonderes Interesse haben, weil sie die Erkenntnis von der Persön¬ 
lichkeit des Gefangenen zu vertiefen geeignet sind. 

Oberregierungsrat Dr. S t r u b e , Berlin. 

Zeitschriften 

Ausland 

Rivista di diritto penitenziario, studi teorici e pratici. Herausgeber: 

Dr. Giovanni N o v e 11 i, Rom. Jahrgang XII. 

Heft 2 (März-April 1941). 

Das Heft wird mit dem Abdruck eines Vortrages eröffnet, den der 
Unterstaatssekretär im italienischen Justizministerium P u t z o 1 u vor 
ausländischen Studenten über die politischen und rechtlichen Grundzüge 
der neuen faschistischen Zivilgesetzgebung gehalten hat. Italien hat be¬ 
kanntlich während des Krieges die grundlegende Reform der Zivilgesetz¬ 
gebung zum Abschluß gebracht, so daß die Ausführungen besonderes In¬ 
teresse verdienen. 

Es folgt eine italienische Übersetzung des Vortrages, den der ver¬ 
storbene Reichsminister der Justiz Dr. G ü r t n e r auf der Jahresver¬ 
sammlung des Deutschen Reichsverbandes für Straffälligenbetreuung und 
Ermittlungshilfe in Breslau im Mai 1939 über das Problem der Vorstrafen¬ 
registrierung gehalten hat (Deutsche Justiz 1939 S. 816), eine Frage, die 
mit der Straffälligenbetreuung und dem Strafvollzug in engem Zusammen¬ 
hang steht. 

„Das psychiatrische Sachverständigengutachten im Dienste einer 
höheren und wahren Gerechtigkeit“ lautet der Titel eines Aufsatzes des 
Psychiaters und Leiters der Justizirrenanstalt in Reggio Emilia Dr. 
C r e m 0 n a. Er befaßt sich anknüpfend an einen vom höchsten Gerichts¬ 
hof entschiedenen Fall, in dem der Verfasser selbst eine psychiatrische 
Untersuchung vorgenommen hat, mit der Frage, ob und unter welchen 
Voraussetzungen der Richter einen Sachverständigen zuziehen muß, wenn 
er beim Angeklagten selbst oder in der Familienvorgeschichte des¬ 
selben psychopathische Erscheinungen feststellt. Den Ausführungen kommt 
auch über das italienische Recht hinaus allgemeinere Bedeutung zu. 

Oberdirektor Cicinelli schreibt über die Verpflichtung der Straf¬ 
gefangenen zu Hausarbeiten. Er weist einleitend darauf hin, wie lebhaft 



IGO 


bei den Gefangenen der Wunsch nach Arbeit sei, um dann hervorzuheben, 
daß die Gefangenen in Italien im allgemeinen keine große Neigung für die 
sogenannten Hausarbeiten zeigten. Die Ursachen sieht er darin, daß die 
Arbeiten erniedrigend und schlecht entlohnt seien; auch bestehe die 
Gefahr, in einen unerlaubten Verkehr der Gefangenen untereinander hin¬ 
eingezogen und deswegen unter Umständen bestraft zu werden. 

Der Verfasser schlägt vor, sämtliche Verurteilte — ohne Rücksicht 
auf ihre soziale Stellung und den Beruf — mehr oder weniger lange Zeit 
zu Hausarbeiten heranzuziehen und sie erst dann den Arbeitsbetrieben 


zuzuweisen. 

Die italienische Vollzugsordnung schreibt in Art. 119 Abs. 4 vor, 
daß zu hauswirtschaftlichen Arbeiten nur Gefangene mit vorbildlicher 
Führung herangezogen werden dürfen. Nach den Vorschlägen von 
Cicinelli soll für die Heranziehung zu Hausarbeiten weder die Art der 
Straftat noch die Führung des Gefangenen eine Rolle spielen. Die Aus¬ 
führungen des Verfassers erscheinen mir nicht unbedenklich, und ich glaube, 
daß die deutsche Regelung in Nr. 77 Abs. 1 der Strafvollzugsordnung 
(Berücksichtigung von Führung, Vorleben, Straftat und Gesundheits¬ 
zustand) den Vorzug verdient. 

Anschließend an die Originalartikel wird die neue Dienstordnung für 
das Zivilpersonal der Vorbeugungs- und Strafanstalten (Regolamento per 
il personale civile di ruolo degli istituti di prevenzione e di pena, ge¬ 
nehmigt durch kgl. Dekret vom 30. Juli 1940) nebst dem Vorlagebericht 
(Begründung) an S. M. den König und Kaiser abgedruckt. Das Straf¬ 
vollzugspersonal besteht aus drei Gruppen: dem planmäßigen Zivilpersonal, 
dem Korps der Aufsichtsbeamten und dem beigeordneten Personal. Das 
Korps der Aufsichtsbeamten ist militärisch organisiert. Das beigeordnete 
Personal gehört nicht zum Staatsbeamtentum und ist für Dienstleistungen 
bestimmt, denen im Strafvollzug ein gewisser Hilfscharakter zukommt 
(Sanitätsdienst, Seelsorge, Unterricht usw.). Das planmäßige Zivil¬ 
personal umfaßt die Verwaltungsbeamten, die technischen, gewerblichen 
und landwirtschaftlichen Beamten des höheren, mittleren und einfachen 
Dienstes sowie das Erziehungs- und Aufsichtspersonal der Jugendanstalten. 
Die neue Dienstordnung regelt in 119 Artikeln Anstellung, Prüfung, Aus¬ 
bildung, Ernennungen Beförderungen, Dienstaufgaben, System der Über¬ 
und Unterordnung usw.). 

Der Richter N u c c i schreibt über die Zuständigkeit zur Umwand¬ 
lung der Strafen in Isolierung bei Tage bei Mehrheit von Strafen (vgl. 
hierzu auch Bl. f. Gfk. Bd. 71 S. 111). Das Heft bringt ferner einen Be¬ 
richt über die Gefangenenarbeit und die Tätigkeit der interministeriellen 
Kommission zur Regelung der Gefangenenarbeit (vgl. Bl. f. Gfk. Bd. 70 
S. 175) nebst den Vorschlägen der Kommission bezüglich der Bestellungen 
der öffentlichen Verwaltungen bei der Strafvollzugsverwaltung im Rech¬ 
nungsjahr 1940/41. 

Aus den kleineren Mitteilungen sei ein Bericht erwähnt, wonach in 
Amerika Hinrichtungen versuchsweise mit besonderen Strahlen vorge¬ 
nommen worden sind, die durch Zersetzung der Blutkörperchen wirken. 
Das Verfahren soll nach den gemachten Versuchen dem elektrischen Stuhl 


vorzuziehen sein. 


Landgerichtsrat Dr. D a 11 i n g e r , Berlin. 


Herausgeber und Hauptschriftleiter i. N.: Oberregierungsrat Dr. W. Strube, 
Berlin-Moabit. — Verlag: Carl Winters Universitätsbuchhandlung, Heidel¬ 
berg, Lutherstr. 50. — Druck: Strafgefängnis Berlin-Tegel, Seidelstr. 39. 



CARL WINTERS UNIVERSITÄTSBUCHHANDLUNG / HEIDELBERG 


Blätter für Gefängniskunde 

Verzeichnis der erschienenen Sonderhefte 

Band: Heft 


47 S Schwandner- v. Jagemann-Klein, Vor¬ 
schläge zu einem Reichsgesetze Uber den Vollzug 
der Freiheitsstrafen und sichernder Maßnahmen, 

85 Seiten, 1913 . 1,50 ÄÄ 

59 S Weber, Die Strafentlassenenpflege, 76 Seiten, 1928 2,40 „ 

60 S Schunck, Das Gefängniswesen des ehemaligen 

Herzogtums Zweibrücken, 60 Seiten, 1929 . 2, — „ 

62 SI Hauptvogel, Aufzeichnungen über das Gefäng¬ 
niswesen Englands, 219 Seiten, 1931 . 6,60 „ 

62 SII Rahne, Die Gefangenenarbeit im Rahmen des 

Erziehungsstrafvollzugs, 98 Seiten, 1931 . 2,80 „ 

63 S Heß, Die Kirche im Strafvollzug, 88 Seiten, 1932 2,40 „ 

64 1 Stumpf, Abgrenzung der Vollstreckung und des 

Vollzugs der Strafen und der mit Freiheitsent¬ 
ziehung verbundenen Maßregeln der Besserung und 
Sicherung, 110 Seiten, 1933 . . 2,80 „ 

64 S Röhrbein, Übersetzung der italienischen Dienst¬ 

ordnung für Sicherungs- und Strafanstalten vom 

18. Juni 1931, 139 Seiten, 1933 . 3,80 „ 

65 SI Weissenrieder, Reichsrechtlichrr Vollzugs¬ 

grundsätze (Text der Grundsätze von 1923), 69 Sei¬ 
ten, 1934 ... 2,— „ 

65 SII Pfeiffer, Neuzeitliche Gefängnisbauten und ihre 

Geschichte, 182 Seiten, 1934 . 6,— „ 

65 SN Bloem, Die Situation der Straferwartung in der 

Untersuchungshaft, 86 Seiten, 1934 . 2,40 „ 

66 1 Hauptvogel, Gefängniswesen in England, 

Berichte über einen Studienaufenthalt, 114 Seiten, 

1935 . 3,— „ 

67 4 B Amtlicher Text der AV. des RJM. über den Jugend¬ 

strafvollzug vom 22. Januar 1937, 23 Seiten, 1936 0,60 „ 


68 3 Quentin-Sieverts, Die Behandlung der 

jugendlichen Rechtsbrecher im Alter von 17 bis 
23 Jahren in England unter besonderer Berück¬ 
sichtigung des Borstal-Systems, 74 Seiten, 1937 ... 2,— 
68 6 Hildebrandt - Weber - Schiefer- 

Fratzscher-Eberhard, über die Siche¬ 


rungsverwahrung, 56 Seiten, 1938 . 2,— „ 

69 2 Kosinski, Strafgerichtsbarkeit und Strafvoll¬ 

streckung im alten Berlin, 41 Seiten, 1938 . 2,— „ 

70 2 W i 11 i g , Das Werden der deutschen Gefängnis¬ 

schule, 59 Seiten, 1939 ... 2,40 „ 

71 3 Meißner, Die Besserungsanstalt zu Tapiau 

(1787—1806) als erstes preußisches Arbeitshaus 
moderner Richtung, 65 Seiten, 1940 . 2,— „ 



















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Deutsche Gesellschaft für Gefängniskunde 

in der Akademie für Deutsches Recht 


Blätter für 


HT UW< IIT " II> TU f 

FEiS- 1947 



Herausgeber: 

Dr. jur. W. Strube 

Oberregierungsrat, Berlin 


Ständige Mitarbeiter: 

Dr. jur. E. Schmidt 

Ministerialrat im Reichsjustizministerium, Berlin 

Dr. jur. H. Eichler 

Ministerialrat im Reichsjustizministerium, Berlin 


72. Band 

Fünftes Heft 

Dezember 1941—Januar 1942 

Sonderheft: Die Asozialenfrage 


HEIDELBERG 1942 

Verlas Carl Winters U n i v e r s i t ä t s b u c h h a n d 1 u n g 

I. V. W. R. 






CARL WINTERS UNIVERSITÄTSBUCHHANDLUNG / HEIDELBERG 


Blätter für Gefängniskunde 

Verzeichnis der erschienenen Sonderhefte 

Band: Heft 

47 S Schwandner- v. Jagemann-Klein, Vor¬ 
schläge zu einem Reichsgesetze über den Vollzug 
der Freiheitsstrafen und sichernder Maßnahmen,' 


85 Seiten, 1913 . 1,60 m 

59 S Weber, Die Strafentlassenenpflege, 76 Seiten, 1928 2,40 „ 

60 S Schunck, Das Gefängniswesen des ehemaligen 

Herzogtums Zweibrücken, 60 Seiten, 1929 . 2,— „ 

62 SI Hauptvogel, Aufzeichnungen über das Gefäng¬ 
niswesen Englands, 219 Seiten, 1931 . 6,60 „ 

62 SII Rahne, Die Gefangenenarbeit im Rahmen des 

Erziehungsstrafvollzugs, 98 Seiten, 1931 . 2,80 „ 

63 S Heß, Die Kirche im Strafvollzug, 88 Seiten, 1932 2,40 „ 

64 1 Stumpf, Abgrenzung der Vollstreckung und des 

Vollzugs der Strafen und der mit Freiheitsent¬ 
ziehung verbundenen Maßregeln der Besserung und 
Sicherung, 110 Seiten, 1933 . n . 2,80 „ 

64 S Röhrbein, Übersetzung der italienischen Dienst¬ 

ordnung für Sicherungs- und Strafanstalten vom 

18. Juni 1931, 139 Seiten, 1933 . 3,80 „ 

65 SI Weissenrieder, ReichsrechtUche Vollzngs- 

grundsätze (Text der Grundsätze von 1923), 69 Sei¬ 
ten, 1934 . 2,— „ 

I 65 SH Pfeiffer, Neuzeitliche Gefängnisbauten und ihre 

Geschichte, 182 Seiten, 1934 . 6,— „ 

65 SN Bloem, Die Situation der Straferwartung in der 

Untersuchungshaft, 86 Seiten, 1934 . 2,40 „ 

66 1 Hauptvogel, Gefängniswesen in England, 

Berichte über einen Studienaufenthalt, 114 Seiten, 

1935 8,— „ 

67 4 B Amtlicher Text der AV. des RJM. über den Jugend¬ 

strafvollzug vom 22. Januar 1937, 23 Seiten, 1936 0,60 „ 


68 3 Quentin-Sieverts, Die Behandlung der 

jugendlichen Rechtsbrecher im Alter von 17 bis 
23 Jahren in England unter besonderer Berück¬ 
sichtigung des Borstal-Systems, 74 Seiten, 1937 ... 2,— „ 
68 6 Hildebrardt-Weber-Schiefer- 

Fratzscher-Eberhard, Über die Siche¬ 


rungsverwahrung, 66 Seiten, 1938 . 2,— „ 

69 2 Kosinski, Strafgerichtsbarkeit und Strafvoll¬ 

streckung im alten Berlin, 41 Seiten, 1938 . 2,— „ 

70 2 W i 11 i g , Das Werden der deutschen Gefängnis¬ 

schule, 59 Seiten, 1939 . 2,40 „ 

71 3 Meißner, Die Besserungsanstalt zu Tapiau 

(1787—1806) als erstes preußisches Arbeitshaus 
moderner Richtung, 65 Seiten, 1940 . 2,— „ 

_ 




















Deutsche Gesellschaft für Gefangniskunde 

in der Akademie für Deutsches Recht 


Blätter 

für 

Gefängniskunde 

Herausgeber: 

Dr. jur. W. strube, Oberregierungsrat, Berlin 


Ständige Mitarbeiter: 

Or. jur. E. Schmidt 

Ministerialrat im Reichsjustizministerium, Berlin 

Dr. jur. H. Eichler 

Ministerialrat im Reichsjustizministerium, Berlin 


72. Buid / Fünftes Heft / Dezember 1941—Januar 1942 


Heidelberg 1942 / VerlagCarlWintersUniversitätsbuchhandlung 




Inhalt 


des 5. Heftes des 72. Bandes: 


t 

Abhandlungen Seite 

Die Asozialenfrage von Dr. Josef Tress, Berlin 

I. Das Arbeitshaus . 163 

II. Bewahningsfürsorge . 176 

III. Psychologie der Asozialen . 199 

IV. Persönlichkeit und Gemeinschaft . 209 

Ans der Gefängnisverwaltung 

Hogräfer, Beköstigung der Gefangenen auf eigene Rechnung 
eines Justizbediensteten . 211 

Allgemeine Verfügungen des RJM. 215 

Personalnachrichten . 216 

Schrifttum 

Bücher — Inland . 218 

Zeitschriften — Inland . 220 

Zeitschriften — Ausland . 223 


Die Schriftleitung; der „Blätter für GefänKUlskunde" befindet sich Berlin W 9, LeipziKer 
Pietz 15 — Fernsprecher: 12 70 76 — Der Zahlungsverkehr läuft unter der Anschrift: 
„Deutsche Gesellschaft für Gefän:;niskunde in der Akademie für Deutsches Recht“ — 
Bankkonto; 3676S bei der Bank der Deutschen Arbeit in Berlin C2 — Postscheck¬ 
konto: 1764 92 Berlin — Die persönliche Anschrift des Herausg;eberB lautet: 
Oberretrierungsrat Dr. Strube, Berlin NW40, Alt-Moabit 12a — Die „Blätter für Gefängnis- 
kunde“ erscheinen alle zwei Monate — Jeder Band umfaßt sechs Hefte — Wissenschaftliche 
Abhandlungen größeren Umfangs erscheinen in Sonderheften. 













163 


Die Asozialenfrage 

von Dr. Josef T r e s s in Berlin 

I. Das Arbeitshaus 

Wohl kaum ein Begriff kehrt im sozialpolitischen Schrifttum unserer 
Tage so häufig wieder wie der Asozialenbegriff. Bezeichnend ist, daß 
beinahe jeder grundsätzlichen Erörterung der Asozialenfrage eine mehr 
oder weniger neugeprägte Begriffsbestimmung des Asozialen vorausge¬ 
schickt wird und daß auch die einschlägigen Gesetze diesen Begriff nicht 
etwa als etwas Festumrissenes, Eindeutiges vorauszusetzen pflegen, sondern 
sich um eine nähere Begrenzung und Umschreibung desselben bemühen. 
Häufig wird die Schwierigkeit einer genauen Begrenzung betont, zugleich 
jedoch versichert, dem Praktiker sei die Eigenart des asozialen Personen¬ 
kreises ohne weiteres geläufig. Nichts ist jedoch irriger als diese Ver¬ 
sicherung. Gerade der Praktiker, der tiefer in die Problematik der Asozi¬ 
alenfrage eindringt, weiß, welch grobe Mißstände und Unzulänglichkeiten 
dadurch entstehen, daß unter der Bezeichnung „asozial“ so Verschieden¬ 
artiges gedacht und gemeint mrd. 

Nach den Richtlinien des Reichsinnenministeriums für die Beurteilung 
der Erbgesundheit vom 18. Juli 1940 sind als „Asoziale (Gemeinschafts¬ 
fremde) Personen anzusehen, die auf Grund einer anlagebedingten und daher 
nicht besserungsfähigen Geisteshaltung 

1. fortgesetzt mit dem Strafgesetz, der Polizei und den Behörden 
in Konflikt geraten, oder 

2. arbeitsscheu sind und den Unterhalt für sich und ihre Kinder 
laufend öffentlichen oder privaten Wohlfahrtseinrichtungen, ins¬ 
besondere auch der NSV. und dem WHW. aufzubürden suchen. 
Hierunter sind auch solche Personen zu rechnen, die ihre Kinder 
offensichtlich als Einnahmequellen betrachten und sich deswegen 
für berechtigt halten, einer geregelten Arbeit aus dem Wege zu 
gehen, oder 

3. besonders unwirtschaftlich und hemmungslos sind und mangels 
eigenen Veranwortungsbewußtseins weder einen geordneten Haus¬ 
halt zu führen noch Kinder zu brauchbaren Volksgenossen zu er¬ 
ziehen vermögen, oder 

4. Trinker sind oder durch unsittlichen Lebenswandel auffallen (z. B. 
Dirnen, die durch ihr unsittliches Gewerbe ihren Lebensunterhalt 
teilweise oder ganz verdienen).“ 

Im rassen- und bevölkerungspolitischen Schrifttum erscheinen die 
Asozialen als der biologische Bodensatz des Volkes. Die positive Förderung 
der biologisch wertvollen Volksschichten darf nicht durch die Fürsorge für 
die parasitären beeinträchtigt werden! Die Asozialenfrage als solche er¬ 
scheint hier als etwas von Haus aus Zweitrangiges. Bemerkenswert ist, 
daß in diesen gedanklichen Zusammenhängen immer mehr von der asozi¬ 
alen Familie als von Einzelpersonen die Rede ist, wie Jk auch die Begriffs- 



164 


bestimmung der genannten „Richtlinien“ mehr auf asoziale Familien, die 
Schmerzenskinder der öffentlichen und privaten Fürsorge, paßt als auf die 
nichtseßhaften, von allen Familienbindungen losgelösten Einzelpersonen, die 
Schmerzenskinder der Polizei. Es ist bezeichnend, daß man 
sich bei der Abgrenzung des Asozialenbegriffs mit Vorliebe durch Bei¬ 
spiele behilft; so ist in den Ausführungsbestimmungen zum Erlaß über 
das Ehrenkreuz für Mütter als Unterscheidungsmerkmal der „asozialen 
Großfamilie“ die unwirtschaftliche Verwendung der einmaligen Kinderbei¬ 
hilfen vermerkt. In der Praxis ^so bei der Bewilligung der staatlichen 
Beihilfen für Kinderreiche) wird dann allerdings die Schwierigkeit der 
Grenzziehung zwischen „asozialer Großfamilie“ und der förderungs¬ 
würdigen kinderreichen Familie umso deutlicher. Die fürsorgerische Praxis 
findet asoziale Merkmale in breitesten Volksschichten vertreten und muß 
befürchten, daß mehr oder weniger gefährdete Schichten zum Schaden 
und auf Kosten des Volksganzen in gesteigertem Maß verelenden und 
verwahrlosen, wenn sie ein für allemal als „asozial“ abgestempelt und 
gebrandmarkt werden. 

Während der Asozialenbegriff der Richtlinien vom 18. 7. 1940 nur 
die Anlagebedingtheit asozialen Verhaltens sieht, bildet für den Kriminal¬ 
politiker und die Strafrechtspflege die Willensbedingtheit den Ausgangs¬ 
punkt. Nach den Richtlinien des Reichskriminalpolizeiamts vom 4. 4. 1938 
zum Erlaß über polizeiliche Vorbeugungshaft gilt als „asozial, wer durch 
gemeinschaftswidriges, wenn auch nicht gemeingefährliches Verhalten 
zeigt, daß er sich nicht in die Gemeinschaft einordnen will.“ 

Das Reichsstrafgesetzbuch zählt in § 361 die Einzeltatbestände der 
Arbeitshausunterbringung auf: es sind dies zugleich die wichtigsten Tat¬ 
bestände „asozialen Verhaltens“ (Landstreicherei, Bettel, Trunk, Müßig¬ 
gang, Gewerbeunzucht, Arbeitsscheu, schuldhafte Verletzung der Unter¬ 
haltspflicht) und es ist theoretisch denkbar, daß bei zeitgemäß erweiterter 
Auslegung und Anwendung dieser Gesetzesbestimmungen sowohl polizeiliche 
Vorbeugungshaft für Asoziale als die Forderung nach einem „Bewahrungs¬ 
gesetz“ oder „Gemeinschaftsfremdengesetz“ gegenstandslos wäre. 

Tatsache ist, daß sowohl zeitlich als örtlich in der Geneigtheit der 
Richter, Arbeitshausunterbringung anzuordnen, die größten Schwankungen 
und Unterschiede bestehen. Es handelt sich hier um den Angelpunkt des 
ganzen Problems, um die Frage der einheitlichen Ausrichtung der öffent¬ 
lichen Meinung in der grundsätzlichen Einstellung zum asozialen Menschen. 
Hiervon hängt die Praxis der Gerichte ebenso ab wie die der Polizei-, 
Fürsorge- und sonstigen Organe. Das wird auch heute noch von all denen 
verkannt, die eine Lösung des Problems in erster Linie vom Gesetzgeber, 
beispielsweise durch ein Reichsbewahrungsgesetz, erwarten. Wenn man 
jedoch zur Erkenntnis durchdringt, daß der Fortschritt der sozialen Ord¬ 
nung durch den Fortschritt der öffentlichen Meinung bedingt ist, wird 
man in einer Zeit des sozialpolitischen Umbruchs in der Mannigfaltigkeit 
der Rechtsgrundlagen keinen entscheidenden Nachteil erblicken. 

In der Einstellung der öffentlichen Meinung zum asozialen Menschen 
lassen sich drei Entwicklungsstadien unterscheiden: 

1. Das Stadium der Massenverwahrlosung, die zwar überwiegend 
durch wirtschaftliche Erschütterungen bedingt ist, aber auch durch weit¬ 
gehende Auflockerung der sittlichen Wertbegriffe und insbesondere durch 
eine Lockerung der Familienbindungen gekennzeichnet wird. Die Einzel¬ 
verwahrlosung wird in diesem Stadium milde beurteilt, weil die Verwahr¬ 
losungszusammenhänge überwiegend sozialbedingt und milieubedingt sind. 



165 


Das gemeinschaftszerstörende Kräftespiel des Kapitalismus — ins¬ 
besondere die Periodizität der Wirtschaftskrisen — hat generationenlang 
viel unverschuldete Not und Verwahrlosung geschaffen. Darüber hinaus 
ist die Entwicklung des sozialen Gedankens in der Vergangenheit durch 
die Einseitigkeiten der marxistischen Schulmeinungen aufs schwerste be¬ 
einträchtigt worden. Für die Asozialen des Früh- und Hochkapitalismus 
hat der Marxismus die geringschätzige Bezeichnung „Lumpenproletariat“ 
geprägt. Doch tatsächlich hat er nur das Schmarotzertum von oben be¬ 
kämpft, das Schmarotzertum von unten aber beschützt und beschönigt, 
und das Ehrgefühl des „klassenbewußten Proletariers“ nahm an Drücke¬ 
bergerei xmd Schnorrertum keinen entscheidenden Anstoß. Man leugnete 
ja die selbstverschuldete Verwahrlosung, und die Schuld an Bettelei, 
Landstreicherei, Alkoholismus, Prostitution und allen sozialen Mißständen 
wurde der herrschenden Gesellschaftsordnung zugeschoben. So galt viel¬ 
fach tatkräftiges Durchgreifen gegen Arbeitsscheu und Liederlichkeit 
geradezu als unsozial! Und so war das „Proletariat“ als Ganzes, diei ent¬ 
wurzelte und atomisierte Masse der Werktätigen, in Gefahr, gesinnungs¬ 
mäßig jeder organischen Gemeinschaft zu entfremden und immer mehr 
„asozial“ zu werden. Weite Kreise des Bürgertums standen dieser Ent¬ 
wicklung hilflos oder mit fatalistischer Gleichgültigkeit gegenüber. Die 
durch den verlorenen Weltkrieg bedingten Erschütterungen der deutschen 
Volkswiiitschaft und die verheerende Millionenarbeitslosigkeit schufen 
vollends chaotische Zustände. In diesen Jahren des Niedergangs war die 
Asozialenfrage kein Problem im heutigen Sinn, vielmehr erschien die 
Verwahrlosung einzelner Volksgenossen angesichts der drohenden Massen¬ 
verwahrlosung unwichtig und unbeachtlich (Bettel und Landstreicherei 
wurde häufig von staatlichen Behörden geduldet). 

Nach Meixner („Das Arbeitshaus in der Gegenwart und in der Zu¬ 
kunft“, Emsdetten 1936) wurde für 1910/11 eine Durchschnittsbelegung 
der deutschen Arbeitshäuser von 11069 Korrigenden errechnet. „Im 
Jahre 1919 betrug die Gesamtzahl der Arbeitshäusler etwa 500; die Revolte 
von 1918 hatte auch die Tore der Arbeitshäuser geöffnet. Nur langsam 
füllten sich die Arbeitshäuser wieder in einer Zeit, wo es härteste Be¬ 
kämpfung von Arbeitsscheu und Liederlichkeit gegolten hätte. Immerhin 
betrug die Gesamtzahl der Arbeitshäusler 1925 wieder 3 200. Dann 
nahmen die Einweisungen wieder ab, gerade in umgekehrtem Verhältnis 
zum Steigen des Bettlertums. Die Gerichte scheuten sich immer mehr, 
die schwere „Arbeitshausstrafe“ für „Bagatellsachen“ zu verhängen. 1932, 
als das Bettelunwesen seinen Höhepunkt erreicht hatte, waren in Preußen 
1043 Korrigenden untergebracht; im ganzen Reich waren es wohl nicht 
weniger als 1 700, davon keine 100 Frauen. Die Arbeitshäuser konnten 
vielfach ihre Betriebe kaum aufrecht erhalten.“ Für die gleiche Zeit 
wurden für Berlin bis zu 50 000, für das Reichsgebiet bis zu 500 000 Bett¬ 
ler geschätzt. Bemerkenswert ist übrigens, daß aus den Großstädten zeiten¬ 
weise mehr Zuhälter als Bettler im Arbeitshaus untergebracht waren. 

2. Mit der fortschreitenden Gesundung der nationalen Wirtschaft 
und mit der Erneuerung der sozialen Ordnung setzt ein strengeres Durch¬ 
greifen gegen die Asozialen ein, deren Verwahrlosung als ein schuldhaftes 
Sichnichteinfügenwollen in die neue Ordnung erscheint: Asoziales Ver¬ 
halten wird durch Strafe geahndet. 

„Im Jahre 1934 befanden sich (nach Meixner) in den deutschen Ar¬ 
beitshäusern bereits wieder 4 086 Korrigenden, darunter 296 Frauen... 
Diese Entwicklung geht weiter: Mitte 1935 hatte beispielsweise Brauns- 



166 


dorf 451 (Ende 1934 353) Korrigenden, Straubing 230 (170), Vaihingen 
434 (361)“. Interessante Teilangaben bringt Meixner auch über die Ver¬ 
schiedenheit der Arbeitshausunterbringung in den Einzelländem: „Baden 
stellt 1934 8% aller Korrigenden, obwohl seiner Einwohnerzahl nur 3,9% 
entsprechen würden, ebenso Württemberg: 10 % statt 4,2 %, während die 
bayrischen Korrigenden nur 6,7% der Gesamtzahl betragen, obgleich der 
Einwohnerzahl 12% entsprächen... Ich glaube nicht, daß diese großen 
Unterschiede lediglich auf eine verschiedene Bettlerhäufigkeit, sondern 
hauptsächlich auf das mehr oder weniger scharfe Zugreifen der staatlichen 
Instanzen zurückzuführen ist.“ (Die Zahlen der Arbeitshauseinweisungen 
seit 1935/36 bieten immer weniger vertikale und horizontale Vergleichs¬ 
möglichkeiten, weil seitdem mit der gerichtlichen Arbeitshausunterbringung 
immer mehr Polizeimaßnahmen und kommunale Bewahrungsfürsorge — 
hauptsächlich in Berlin, Hamburg und Bayern — konkurrieren). 

3. Trotz aller Strenge im Kampf gegen asoziales Verhalten verbleibt 
ein Rest von Personen, die dauernd als unfähig zur zuchtvollen Einordnung 
in die freie Volksgemeinschaft und zu aktiver, selbstveranwortlicher Er¬ 
füllung ihres sozialen Pflichtenkreises erscheinen. Das Verständnis dringt 
durch, daß ihr Versagen überwiegend anlagebedingt ist. An die Stelle des 
Strafgedankens tritt der Gedanke der BewahrungsfUrsorge. 

Selbstverständlich ist die Klärung der öffentlichen Meinung nicht 
überall im gleichmäßigen Tempo dieser drei „Entwicklungsstadien“ fort¬ 
geschritten. Vor allem sind gewisse Auffassungen, die den Vorrang 
öffentlicher, völkischer und sozialer Belange vor den falschverstandenen 
Freiheitsansprüchen der sozialen Einzelpersönlichkeit betonen, noch nicht 
überall weit genug vorgedrungen. 

Diese Uneinheitlichkeit der grundsätzlichen Einstellung bezieht sich 
keineswegs nur auf Gerichte. Wenn häufig darüber geklagt wird, daß 
die Gerichte nicht genügend durchgreifen, so ist dies nicht darauf zurück¬ 
zuführen, daß die Gerichte als solche der Asozialenfrage verständnisloser 
gegenüberstehen als andere öffentliche und private Stellen. 

Allerdings sind heute gerichtlich im Arbeitshaus überwiegend ältere, 
verbrauchte Personen und Fälle besonders krasser und sinnfälliger Ver¬ 
wahrlosung untergebracht. Die mittleren Jahrgänge und die „Erziehungs¬ 
fälle“ sind spärlicher vertreten. Vielleicht liegt dies zum Teil daran, daß 
bei der Anordnung der Arbeitshausunterbringung zu sehr vom Vorstrafen¬ 
verzeichnis ausgegangen wird. Doch so wichtig es für die Volksgemein¬ 
schaft sein mag, die Kriminalität der Asozialen zu verhüten, ihre Gemein¬ 
schädlichkeit reicht weit über das Kriminelle hinaus und im Persönlich¬ 
keitsbild der meisten Asozialen bleibt die Gesetzesübertretung an sich 
immer etwas Zufälliges, Sekundäres. Kriminalität ist kein Gradmesser 
der Verwahrlosung. Bekanntlich verstehen es gerade die gemeinschäd¬ 
lichsten Asozialen (insbesondere Großstadtasoziale), durch alle Maschen 
des Strafrechts hindurchzuschlüpfen, und sind Meister in der Kunst des 
Sichnichterwischenlassens. Gewisse besonders gemeinlästige Personen 
(Wohlfahrtsschnorrer, vor allem Krankenhauswanderer) kommen an sich 
selten mit dem Strafgesetz in Konflikt. Und wie es Asoziale gibt, die 
zu gerissen sind, um öfter straffällig zu werden, so gibt es Fälle von 
krasser Verwahrlosung, die sogar zum Betteln und zu kleinen Gelegen¬ 
heitsdiebstählen zu schwerfällig sind, und Schwachsinnige, die nur deshalb 
mit dem Strafrichter wenig in Berührung kommen, weil sie meistens in 
Anstalten untergebracht .sind! 



167 


Es wäre völlig abwegig, wegen dieser Schwierigkeiten und Unzu¬ 
länglichkeiten die gerichtliche Arbeitshausunterbringung als solche zu 
beseitigen und etwa alle Zuständigkeit den Polizei- und Pürsorgebehörden 
zu übertragen. Denn auch diese stehen vor den gleichen und ähnlichen 
Schwierigkeiten wie die Gerichte. Es ist eben im allgemeinen nicht leicht, 
den asozialen Menschen als solchen zu erkennen und den Grad seiner Ver¬ 
wahrlosung richtig zu erfassen. Arbeitsscheue, Krankheitssimulanten, 
Trinker und Schnorrer der verschiedensten Art sind überreich an faulen 
Ausreden; meist haben sie ihre Arbeitspapiere, aus denen manches ersicht¬ 
lich wäre, „verloren“. Familiengeschichte, frühere Anstaltsaufenthalte 
und ähnliches sind nicht ohne weiteres bekannt. Auch das richtige Ver¬ 
ständnis der geistigen Anlageschäden setzt eine längere Erfahrung im 
Umgang mit Asozialen voraus (es handelt sich hier nicht nur um das 
Verständnis der gröberen Mängel, sondern noch mehr um das Verständnis 
der „Grenzfälle“, vor allem der für asoziale Personen typischen konsti¬ 
tutionellen Willensschwäche). Die meisten Asozialen sind ausgesprochene 
Blender. Je mehr sie im Leben versagen oder versagt haben, desto glänzen¬ 
der bringen sie ihre schauspielerische Fähigkeit zur Entwicklung, den 
Biedermann zu spielen, Mitleid zu erwecken, abzulenken und insbesondere 
anderen die Schuld am eigenen Versagen zuzuschieben. Sogar hochgradig 
Schwachsinnige entwickeln in diesen Dingen manchmal eine erstaunliche 
Gerissenheit. Der Gewohnheitsbettler ist besonders groß darin, sich durch 
das Mäntelchen religiöser oder politischer Weltanschauungsheuchelei 
interessant zu machen- Je charakterloser er ist, umso meisterhafter ver¬ 
steht er es, in jeder gewünschten Weltanschauung zu schillern. Mit Vor¬ 
liebe spielt er den Märtyrer seiner Überzeugungen. Überall gibt 
es kindliche Gemüter zur Genüge, die auf diese kleinen, primitiven 
Tricks hereinfallen. Und in der Regel ist den Tarnungs- und Vertuschungs¬ 
versuchen asozialer Personen von^ Haus aus dadurch eine gewisse Erfolgs¬ 
chance beschieden, daß es sich trotz allem um verhältnismäßig harmlose, 
oft auch gutmütige und durchaus nicht ohne weiteres unsympathische 
Menschen handelt. Es ist zu berücksichtigen, daß_ der Asozialenbegriff, 
ähnlich wie der Begriff der Psychopathie oder der Verwahrlosung, ein 
Grenzbegriff des Normalen ist. Die Übergänge zur Ordnung des bürger¬ 
lichen Lebens sind durchaus fließend. 

Hier kann ganze Arbeit nur durch verständnisvolles Zusammenarbei¬ 
ten aller beteiligten Stellen geleistet werden. Falsch wäre es, den Richter 
mit seiner umfassenden Lebensnähe und überreichen Menschenerfahrung, 
der berufsmäßig so viel mit asozialen Personen in Berührung kommt, von 
der verantwortlichen Mitwirkung auszuschließen. 

Am meisten wird der Umfang der gerichtlichen Arbeitshausimter- 
bringung dadurch eingeengt, daß es (ähnlich wie früher in der Fürsorge¬ 
erziehung) am Vertrauen in den Vollzug der Unterbringung fehlt oder 
daß falsche Vorstellungen über die Aufgaben dieses Vollzugs und der 
Arbeitshausunterbringung überhaupt bestehen. Allgemein wird der 
Arbeitshausvollzug immer noch zu sehr durch den Gedanken der Strafe 
statt durch sozialpädagogische und fürsorgerische Belange beherrscht. 
Früher galt Arbeitshaus als Mittelding zwischen Strafe und Erziehung, 
allerdings mit eindeutigem Überwiegen des Strafcharakters der Unter¬ 
bringung, die als „Nachhaft“ bezeichnet wurde. Immerhin mußte auch 
früher schon bei der Aburteilung der „Stromerdelikte“ mit anderen Ma߬ 
stäben gemessen werden als in der übrigen Strafrechtspflege, vor allem 
in der Frage der Verantwortlichkeit des „Täters“. Die Anwendung des 



168 


^ 51 StGB, spielte in diesem Zusammenhang praktisch kaum je eine Rolle: 
Ein beachtlicher Bruchteil der Arbeitshausinsassen litt immer schon an 
hochgradigem Schwachsinn und geistigen Krankheiten und Regelwidrig¬ 
keiten der verschiedensten Art. Das war durchaus kein Hindernis ihrer 
strafrechtlichen Verurteilung, wenn auch Schuld und Verantwortung, 
also freier Wille, die formale Voraussetzung jeder Verurteilung früher 
ebenso wie noch heute bildeten. Aber praktisch kann doch in jedem Einzel¬ 
fall ein kleiner Rest von „Liederlichkeit“ (selbstverschuldete Verwahr¬ 
losung), der als formale Voraussetzung der Verurteilung ausreicht, an¬ 
genommen werden, ebenso wie mit Recht fast in jedem Einzelfall ein 
kleiner Rest von Arbeitsfähigkeit, die gleichfalls formale Voraussetzung 
der Arbeitshausunterbringung ist, angenommen werden kann imd auch 
tatsächlich angenommen wird. M. E. zeigt gerade die Praxis der Arbeits¬ 
hausunterbringung, daß trotz gewisser Mängel die meisten Richter der 
reinen Theorie immer noch um eine Nasenlänge voraus sind. Psychiatrische 
Begrutachtungen spielen jedenfalls bei der Aburteilung der Bettler und 
Landstreicher von alters her kaum eine Rolle. Dabei waren früher 
viele Arbeitshäuser verwaltungsmäßig irgendwie mit Anstalten der Irren¬ 
pflege verbunden, sowie auch heute noch zwischen Heil- und Pflegean¬ 
stalten und Arbeite- und Bewahrungsanstalten überall ein reger Pendel¬ 
verkehr und die mannigfachsten Wechselbeziehungen bestehen. (In der 
Geschichte der Arbeitsanstalten ist diese ihre Verbindung mit Anstalten 
der verschiedensten Art, insbesondere mit Anstalten der Irren- und Alters¬ 
pflege, aber auch mit Arbeiterkolonien, wohl das interessanteste Kapitel! 
— Die Überführung von Personen, die an akuten Psychosen leiden, in Heil- 
und Pflegeanstalten ist eine Selbstverständlichkeit. Wenn jedoch gefor¬ 
dert wird, daß Asoziale „mit gröberen geistigen Defekten“ grundsätzlich 
in Heil- und Pflegeanstalten untergebracht werden sollen statt im Arbeits¬ 
haus, so bedeutet dies praktisch, daß man eine große Zahl ähnlicher Fälle 
der Verwahrlosung preisgibt, denn aus den Heil- und Pflegeanstalten 
werden diese Menschen erfahrungsgemäß meist alsbald wieder entlassen! 
Zwangsweise Unterbringung im Arbeitshaus — unter entsprechender Reform 
des Anstaltsvollzugs — bleibt daher der einzig mögliche Ausweg, solange 
keine ausgesprochene Heilbehandlung notwendig ist und solange keine 
Gemeingefährlichkeit vorliegt. Ähnliches gilt bezüglich der Arbeitsun¬ 
fähigen und der beschränkt Arbeitsfähigen). 

Durch § 42 StGB, in der Fassung des Gesetzes gegen gemeingefähr¬ 
liche Gewohnheitsverbrecher und über Maßregeln der Sicherung und Bes¬ 
serung vom 24. 11. 1933 ist grundsätzlich der Strafcharakter der Arbeits- 
hausxmterbringung beseitigt. Die Ausweitung der Strafrechtspflege von 
der rein negativen Verbrechensbekämpfung auf positive sozialpädagogische 
Aufgaben kann sicherlich als entscheidender Fortschritt gewertet werden. 
Im übrigen wäre es wohl angebracht, die Arbeitshausunterbringung, deren 
Anordnung auch nach neuem Recht nur im Anschluß an — meist gering¬ 
fügige und praktisch bedeutimgslose — Haftstrafen zulässig ist, völlig 
von den Haftdelikten des § 361 a. a. 0. zu lösen. Das doktrinäre Festhalten 
an der „Zweispurigkeit“ von Strafe und Sicherungsmaßnahme führt zu 
vielen Halbheiten imd Unzulänglichkeiten, indem es den Erziehungsge¬ 
danken von Haus aus mit dem Strafgedanken koppelt. Ähnlich wie die 
Sicherungsverwahrung gefährlicher Gewohnheitsverbrecher an keine be¬ 
stimmten Verbrechen gebunden ist und ähnlich wie der Jugendrichter Für- 
.sorgeerziehung auch ohne Verhängung irgendeiner Strafe anordnen kann, 
dürfte auch die Anordnung der Arbeitshausimterbringung, die ja praktisch 



nichts anderes ist als eine Art Fürsorgeerziehung Erwachsener, nicht von 
der Verurteilung nach bestimmten Delikttatbeständen abhängig sein. Denn 
sinngemäß ist ja für die Arbeitshausunterbringung meist nicht eine durch 
Strafe zu ahndende gesetzwidrige Willensrichtung (geschweige denn eine 
einmalige strafbare Handlung), sondern ein konstitutionell oder aber durch 
Erziehungs- und Milieuschäden bedingter Verwahrlosungszustand nicht 
nur vorübergehender Art maßgebend und als Zweck der Unterbringung 
wird vom Gesetzgeber ausdrücklich die Beseitigung dieses Verwahrlosungs¬ 
zustandes („Gewöhnung an ein geordnetes und gesetzmäßiges Leben“) 
bezeichnet. Im einzelnen kann dieser Zweck sowohl ein Erziehungszweck 
(charakterliche Förderung mit dem Ziel der Entlassung aus der Anstalts¬ 
fürsorge), als ein reiner Bewahrungszweck sein (Dauerbewahrung, falls 
ein für allemal Lebensuntüchtigkeit vorliegt). Die Unterbringung dauert 
nach § 42 a. a. O. — darin findet die Beseitigung ihres Strafcharakters 
ihren deutlichsten Ausdruck — grundsätzlich so lange, als der Unter¬ 
bringungszweck es im Einzelfall erfordert. Aber auch die Entlassung 
selber ist nur eine versuchsweise, sie gilt nur als „bedingte Aussetzung“ 
der Unterbringung und kann bei erneuter Verwahrlosung jederzeit wider¬ 
rufen werden. Dadurch, daß das Gesetz bestimmte gerichtliche Auflagen 
bei der Entlassung vorsieht, schafft es wertvolle Möglichkeiten der „Be¬ 
wahrungsaufsicht“ und es kommt lediglich darauf an, diese Möglichkeiten 
auszuschöpfen. 

Leider hat die Praxis des Vollzugs aus dieser gesetzlichen Neu¬ 
regelung noch immer nicht die erforderlichen Konsequenzen gezogen! Der 
neue Erziehungs- und Bewahrungszweck des Arbeitshauses kann sinngemäß 
nur von größeren, organisatorisch reich gegliederten Anstalten erfüllt 
werden. In der Praxis herrscht aber immer noch die kleine leistungsun¬ 
fähige Vollzugsanstalt vor. Das Schlimmste, was gegen viele dieser kleinen 
Arbeitshäuser gesagt werden kann, ist, daß sich ihr Betrieb in Jahrhunder¬ 
ten kaiun oder gamicht geändert hat: Bewachung durch bewaffnete und 
uniformierte Gefängnisaufseher,* Arbeit imter straffster Zucht und bei 
trappistischem Stillschweigen, nach Schluß der Arbeitszeit Einschluß in 
vergitterten Schlafsälen! Bemerkenswert ist die grundsätzliche Kritik am 
Arbeitshausvollzug zweier neuerer Veröffentlichungen, deren grundlegende 
Bedeutung darauf beruht, daß sie nicht von doktrinären oder bürokratischen 
Voraussetzungen ausgehen, sondern schöpferischer Sozialarbeit entspringen, 
nämlich 

1. des im April/Maiheft 1938 der „Blätter für Gefängniskunde“ veröffent¬ 
lichten Vortrags von Direktor Steigertahl — Hamburg „Der Voll¬ 
zug der Unterbringung im Arbeitshaus, Asyl, in der Trinkerheilanstalt 
und in der Heil- und Pflegeanstalt“, 

2. des 1938 vom Bayrischen Landesverband für Wander- und Heimat¬ 
dienst in Zusammenarbeit mit dem Bayrischen Staatsmiidsterium des 
Innern herausgegebenen Sammelbands „Der nichtseßhafte Mensch, 
ein Beitrag zur Neugestaltung der Raum- und Menschengestaltung 
im Großdeutschen Reich“ (C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung, 
München). 

Eine zusammenfassende Darstellung des Arbeitshausvollzugs, die 
allenfalls in Einzelheiten überholt sein dürfte, gibt die erwähnte Schrift 
Meixners. „Die tägliche Bewegung im Freien — so heißt es hier — 
erfolgft in den Anstaltshöfen. Die Korrigenden gehen dabei in einem großen 
Kreis oder Viereck zu zweien. Während des Spaziergangs besteht Unter- 



170 


haltungserlaubnis mit Ausnahme von Bräunsdorf, wo die Insassen nur an 
Sonn- und Feiertagen Sprecherlaubnis haben. An den Wochentagen müssen 
hier die Untergebrachten ordnungsmäßig hintereinandergehen.“ In der 
bayrischen Arbeitsanstalt Straubing, die nach allen Berichten am meisten 
Zuchthauscharakter trägt, sind „sämtliche Korrigenden während des ganzen 
Tageslaufs in Einzelzellen untergebracht und dort mit Zertrennung von 
Altsachen, im übrigen mit Mattenflechten beschäftigt. Nur Schuster und 
Schneider werden in ihren Handwerken venvendet.“ Der einzige Unter- 
■schied solcher Arbeitshäuser von Gefängnissen und Zuchthäusern besteht 
darin, daß ein letzter, nicht gänzlich auszurottender Rest von Vagabunden¬ 
romantik („Bruder Straubinger“!) und gemütvollem Speckjägertum einer¬ 
seits, von Schwachsinn, Anspruchslosigkeit und Stumpfsinn anderseits die 
Typen der Arbeitshausinsassen immer noch von den aktiveren, intelligen¬ 
teren, doch auch bösartigeren Verbrechertypen des Strafvollzugs unter¬ 
scheidet. Die Vollzugsmethoden jedoch sind immer noch weitgehend die- 
.selben. Praktisch wird von diesen Anstalten weder ein Erziehungszweck, 
noch ein Bewahrungszweck angestrebt (geschweige denn erreicht), sie sind 
immer noch Strafanstalten und halten es manchmal sogar für zeitgemäß, 
das Abschreckungsmoment mit besonderer Forschheit hervorzukehren. 
Demgegenüber verlangt m. E. gerade das neue Recht von den Vollzugs- 
an.stalten eine grundsätzliche Einstellung ganz anderer Art, die sich auf- 
geschlos.sene Menschenbeurteilung und Menschenführung und zeitgemäßen 
Arbeitseinsatz zum Ziel setzt. Um eine Anstalt, deren Hauptzweck die 
Erziehung für das freie Leben sein soll, dürfen keine chinesischen Mauern 
gezogen sein! Und auch die Dauerbewahrung ausgesprochen lebensun¬ 
tüchtiger, im übrigen verhältnismäßig harmloser Menschen erfordert, wenn 
mit ihr wirklich Emst gemacht werden soll, eine völlige und grundsätzliche 
Lösung von den Methoden der Sicherungsverwahrung gefährlicher Schwer¬ 
verbrecher und des ausgesprochenen Strafvollzugs überhaupt. Statt dessen 
werden alte Gewohnheitsbettler, die schon zum achten oder zehnten Mal 
im Arbeitshaus untergebracht sind, immer noch zwei Jahre lang in Arrest¬ 
zellen eingeschlossen und dann — als schüchternes, aber völlig unzuläng¬ 
liches Zugeständnis an die neue Zeit — bestenfalls noch für ein halbes 
Jahr einer Arbeiterkolonie überwiesen, bevor sie in ihrer alten, ungebroche¬ 
nen Liederlichkeit wieder auf die Menschheit losgelassen werden! Je mehr 
man die Asozialen in Behördenerlassen und bürokratischen Vollzugsord¬ 
nungen als „Arbeitshausgefangene“ und „Berufsverbrecher“ apostrophiert, 
umso enger wird der Kreis der tatsächlich erfaßten Asozialen gezogen 
sein und umso weiter wird man von einer Lösung der Asozialenfrage ent¬ 
fernt bleiben. Je gefängnismäßiger der Vollzug einer Arbeitsanstalt durch¬ 
geführt wird, umso geringer wird die Zahl ihrer Insassen sein und umso 
früher werden die Untergebrachten aus der Anstalt wieder entlassen, um 
von neuem zu verwahrlosen. Wer Asozialenanstalten der verschiedensten 
Art besichtigt, beispielsweise das Städtische Arbeits- und Bewahrungshaus 
Berlin-Rummelsburg, das Versorgungsheim Hamburg-Farmsen, die Hoff- 
nungsthaler Anstalten in Lobetal bei Bernau, den bayrischen Heimathof 
Herzogssägemühle bei Schongau oder die Arbeitsanstalten mittelgroßer 
preußischer Provinzen, der wird immer aufs neue darüber verblüfft sein, 
wie wenig sich die in diesen verschiedenen Anstalten untergebrachten 
Menschen von einander unterscheiden. Dabei sind die genannten Anstalten 
organisatorisch denkbar verschieden von einander. Verschieden sind ins¬ 
besondere die Rechtsgrundlagen der Anstaltsunterbringung. Im Städtischen 
Arbeits- und Bewahrungshaus Berlin-Rummelsburg befinden sich sowohl 
Insassen, die nach § 42 StGB, als nach § 20 der Fürsorgepflichtver- 



171 


Ordnung im Arbeitshaus untergebracht sind, als solche, die, sei es mit 
Zustimmung ihrer Vormünder oder Aufenthaltspfleger, sei es auf der 
Rechtsgrundlage freiwilliger Bewahrung durch irgendeine Wohlfahrts¬ 
dienststelle eingewiesen sind. Die Behandlung der Insassen richtet sich 
hier nicht nach der Rechtsgrundlage der Unterbringung, sondern aus¬ 
schließlich nach Alter, Arbeitstauglichkeit, nach der psychologischen 
Eigenart und nach den disziplinären Erfordernissen des Einzelfalls. In 
den meisten anderen Arbeitshäusern sind nur Arbeitshäuslinge nach § 42 
StGB, oder nach § 20 RFV. untergebracht. In Hamburg-Farmsen 
und Herzogssägemühle sind die Insassen aufgrund landespolizeilicher Be¬ 
stimmungen, nach § 20 RFV. oder auf der Rechtsgrundlage der 
Entmündig^ung oder (wie überwiegend in Lobetal) freiwillig untergebracht. 
Ob nun ein haltloser und trunksüchtiger Landstreicher oder Großstadt¬ 
penner durch den Strafrichter ins Arbeitshaus eingewiesen wird, ob er 
einer Fürsorgestelle in die Arme fällt, die ein Entmündigungsverfahren 
oder ein Unterbringmngsverfahren nach der Fürsorgepflichtverordnung 
durchführt, ob nach Landesrecht die polizeiliche Unterbringimg den Vorzug 
der Einfachheit besitzt, oder aber ob er formlos durch eine F^rsorgebe- 
hörde überwiesen wird: das ist im Einzelfall reine Zufallssache! Es ist 
daher nicht einzusehen, warum sich die Vollzugsmethoden der Bewahrung 
nach den Rechtsgrundlagen der Unterbringung richten sollen. Die Menschen 
sind überall dieselben, der Unterbringungszweck (Erziehung und Be¬ 
wahrung) ist überall derselbe, warum sollen nicht auch die Anstalts¬ 
methoden eine weitgehende Angleichung erfahren? 

Zeitgemäße Reform des Arbeitshausvollzugs im Rahmen der gesamten" 
Bewahrungsfürsorge muß daher die Losung sein! Die Lösung des Arbeits¬ 
hausvollzugs vom traditionellen Strafvollzug und seine Angleichung an 
die Methoden halboffener, koloniemäßiger Bewahrung ist keine „knochen¬ 
erweichende Humanitätsduselei“ und bedeutet keine völlige Verbannung 
des Strafgedankens aus den Vollzugsanstalten. Der Leichtsinn, die 
Hemmungslosigkeit, die Trägheit und Stumpfheit der meisten Asozialen 
lassen Straffheit und Strenge in vielen Fällen sehr angezeigt erscheinen. 
Eine tatkräftige An.staltsleitung wird schärfstens gegen Trunksucht, 
Faulheit, Unverträglichkeit, Auf-sässigkeit und vor allem gegen das chro¬ 
nische Weglaufen von Tunichtguten und Taugenicht.sen einschreiten 
(schwierige Elemente an andere Anstalten abzuwimmeln, ist bequemer). 
Strafe als Mittel der Anstaltszucht ist in Bewahrungsan.stalten schlechter¬ 
dings unentbehrlich, wenn man keine potemkinschen Dörfer errichten will. 
Mit Süßholzraspeln wird die asoziale Frage nicht gelöst, das sei hier laut 
und deutlich ausgesprochen! Aber deshalb braucht nicht der 
gesamte A n s t a 11 s v o 11 z u g den Stempel der Strafe zu 
tragen ! Schon der Leichtsinn läßt sich nicht durch Strafe allein be¬ 
kämpfen. Flache, antriebsarme, haltlose Menschen, die man jahrelang 
nur mit gefängnismäßiger Strenge behandelt, werden zu feigen, servilen 
Anstaltskreaturen, nicht zu selbständigen Charakteren erzogen. Diese 
Ruinen menschlicher Charaktere als Erziehungserfolge jahrzehntelangen 
Strafvollzugs sind ja jedem Anstaltspraktiker zur Genüge bekannt. Und 
in vielen Fällen ist Strafe als Erziehungs- und Disziplinierungsmittel 
schon von Haus aus weniger geeignet (so bei Harmlos-Schwachsinnigen, 
Gutmütig-Unbeholfenen, charakterlich Gehemmten, bei introvertierten und 
übersensiblen Sonderlingen und manchen anderen Typen). Jeder Jugend¬ 
erzieher kennt ja die Unterschiede zwischen dem verwöhnten Mutter¬ 
söhnchen, das straffe Zucht benötigt, und dem entmutigten und verschüch- 



172 


terten jungen Menschen, dessen charakterliche Förderung nur mit Geduld 
und Nachsicht zu erzielen ist. Das ist auch in der Erwachsenenerziehung 
nicht viel anders. Wichtiger als Strafe ist in jeder Anstaltspraxis Kon- 
.sequenz. Straffheit und Strenge sind anzuwenden, insoweit sie notwendig 
sind, im übrigen soll die persönliche Freiheit von Anstaltsinsassen nur 
in dem Umfang beschränkt werden, als der Unterbringungszweck es 
erfordert. 

Um die Erziehungsaufgaben des Arbeitshauses stärker zu betonen, 
wird verschiedentlich vorgeschlagen, die Arbeitshausunterbringung schär¬ 
fer auf die Erziehungsfälle zu begrenzen und die Arbeitsunfähigen, die 
Personen mit schweren geistigen Anlagemängeln und alle „Besserungs¬ 
unfähigen“ aus dem Arbeitshausvollzug auszuscheiden. 

So schlägt Meixner statt des heutigen Arbeitshauses einen dreifachen 
Typus von Anstalten vor: 

1. eine Arbeitserziehungsanstalt für Arbeitsfähige, erst¬ 
malig Untergebrachte unter 45 Jahren, „bei denen die Vermutung besteht, 
daß sie nach entsprechender Erziehungsbehandlung die Fähigkeit besitzen, 
sich durch freie Arbeit den notdürftigen Lebensunterhalt zu erwerben“, 

2. eine Verwahrungsanstalt für wiederholt Untergebrachte 
bis zu 60 Jahren und erstmalig Untergebrachte über 45 Jahren, deren 
Besserungsfähigkeit zweifelhaft ist, die jedoch im Rahmen der Anstalt 
arbeitsfähig sind, 

3. eine Bewahrungsanstalt für alle Personen über 60 Jahren, 
sowie für die körperlich Gebrechlichen und vermindert Zurechnungsfähigen 
jeden Alters und für die entmündigten Trinker, alles in allem für aus¬ 
sichtslose Dauerbewahrungsfälle. 

Sind diese Vorschläge nur Spielereien eines theoretisierenden Dilet¬ 
tantismus oder liegt ihnen ein berechtigter Gedanke zugrunde? — Eine 
gewisse Dreigliederung der Anstaltsinsassen nach den Möglichkeiten ihres 
Arbeitseinsatzes ist überall mehr oder weniger zwangsläufig gegeben. 
So unterscheidet Herzogssägemühle 

1. Personen, die für Arbeitsschulung und Arbeitserziehung in Frage 
kommen, 

2. „Selbstversorger“, das .sind Dauerbewahrungsfälle, die in landwirt¬ 
schaftlichen oder ähnlichen Betrieben der Anstalt nutzbringend be¬ 
schäftigt werden, damit sie durch ihre Arbeit die Unterbringungs¬ 
kosten decken, 

3. Altersheimer. 

Ähnlich lassen sich derzeitig die Insassen des Städt. Arbeits- und 
Bewahrungshauses Berlin-Rummelsburg in drei Gruppen einteilen: 

1. Personen, deren Arbeitsnutzen die Anstalts¬ 
kosten überschreitet: Sie arbeiten auf Aussenabteilungen 
bei Industriebetrieben und ihre Leistungen sind der Arbeit von freien 
Arbeitern annähernd gleichwertig (hierunter befinden sich sowohl 
„Erziehungsfälle“ als auch „Be^ahrungs- und Verwahrungsfälle“ 
im Sinne Meixners, vor allem auch entmündigte Trinker und Per¬ 
sonen mit „schweren psychischen Mängeln“, altersmäßig Kräfte bis 
in die Siebziger Jahre), 

2. Personen, deren Arbeitsnutzen im allgemeinen 
den Anstaltskosten entspricht: Sie werden mit nutz¬ 
bringenden Arbeiten in Anstaltswerkstätten oder auf Aussen¬ 
abteilungen in städtischen Betrieben verschiedenster Art beschäftigt 



173 


(Straßenreinigung, Garten- und Friedhofsämter, Flußbäder, Schul¬ 
verwaltungen u. ä.), 

3. Personen, deren Arbeitsnutzen niedriger ist als 
die Anstaltskosten: Sie werden vielfach nur aus anstalts¬ 
disziplinären Gründen im Rahmen der geschlossenen Anstalt mit 
einfachen und einfachsten Arbeiten beschäftigt. Ihre Arbeitstüchtig¬ 
keit wird durch körperliche und geistige Mängel und Gebrechen her¬ 
abgemindert. 

(Zur Arbeit sind grundsätzlich alle Insassen verpflichtet. Soweit 
ältere Insassen längere Zeit oder dauernd asylmäßig bewahrt werden, ist 
dies ausschließlich durch Krankheit oder schweres Siechtum bedingt). 

Größere Anstalten können heute Arbeitsmöglichkeiten jeder Art 
sowohl für Schwer- und Facharbeiter als auch für leichte und leichteste 
Arbeit schaffen, wobei der Arbeitseinsatz einer großstädtischen Anstalt 
ein anderer sein muß als in ländlichen Anstalten. Der Arbeitsbedarf von 
Industrie, Landwirtschaft und öffentlichen Körperschaften ist heute und 
in absehbarer Zeit praktisch unbegrenzt, so daß bei tatkräftiger Aus¬ 
schöpfung der vorhandenen Arbeitsmöglichkeiten eine radikale Senkung 
der Unterbringungskosten erreicht werden kann, aber auch erreicht werden 
muß. Schon aus diesem Grund hat der erheblich kostspieligere Strafvollzug 
für Arbeitshäuser und Bewahrungsanstalten keine Berechtigung. Der Kampf 
gegen asoziales Verhalten gründet sich nicht auf die moralische Minder¬ 
wertigkeit der Asozialen, sondern darauf, daß diese — zumal in einer Zeit, 
wo das Gesamtvolk um Sein oder Nichtsein kämpft — keine nutzbringende 
Arbeit verrichten und der Allgemeinheit nur Kosten verursachen. Daher 
erscheint als wichtigste Aufgabe der Arbeitseinsatz der Asozialen, und 
da dieser in der Regel nur anstaltsmäßig durchführbar ist, bleibt die 
Bewahrungsfürsorge in absehbarer Zeit wichtiger als jede theoretische 
Erörterung pädagogischer Möglichkeiten. Wenn der Arbeitsnutzen vieler 
Anstaltsinsassen mindestens die Anstaltskosten aufwiegt, so ist dadurch 
schon ihre „Resozialisierung“ im wesentlichen erreicht, sei es, daß sie 
früher oder später in ein freieres Arbeitsverhältnis überführt werden 
oder daß sie dauernd unter Anstaltsfürsorge bleiben. Im letzteren Fall 
muß die Anstaltsbewahrung immer mehr in Formen verwirklicht werden, 
durch die die Anstalt den Insassen zum „Heim“ wird. Zwang allein führt 
hier nicht zum Ziel! Je mehr im übrigen den Anstalten der wirklich 
produkive Arbeitseinsatz ihrer Insassen glückt, umso größer kann und 
muß der Kreis der „Grenzfälle“ gezogen werden, die durch die Bewahrungs¬ 
fürsorge miterfaßt werden. Bei diesen oft nur anscheinend leichteren 
Fällen handelt es sich nicht so sehr um aussichtsreiche Erziehungsfälle 
als um die „ Störenfriede der Arbeit“, die zwar meist in einem Beschäfti¬ 
gungsverhältnis stehen, aber in keiner Arbeit etwas leisten und nirgends 
durchhalten, sowie um die mehr oder weniger tüchtigen Gelegenheitsar¬ 
beiter, die ihren Lohn in Alkohol umzusetzen pflegen. Auch ihr Arbeits¬ 
einsatz wird am besten im Rahmen einer Bewahrungsfürsorge mit länge¬ 
rem oder dauerndem Anstaltsaufenthalt verwirklicht. 

Gerade aus Arbeitseinsatzgründen wäre es völlig falsch, das heutige 
Arbeitshaus (nach äußeren Merkmalen von Alter, Arbeitsfähigkeit und 
„Besserungsfähigkeit“) weiter aufzuspalten. Zusammenfassung, nicht 
weitere Zersplitterung muß das Ziel sein! 

Im übrigen ist die Annahme irrig, daß die reinen Bewahrungsfälle 
die Erziehungsaufgaben des Arbeitshauses stören oder entscheidend be¬ 
einträchtigen. Das Gegenteil ist richtig. Eine Häufung von „Erziehung*- 



174 


fällen“ birgt viel mehr Störungen und Spannungen in sich als das Milieu 
einer Bewahrungsanstalt: die erziehungsfähigen Asozialen unterscheiden 
sich von den reinen Bewahrungsfällen meist durch aktivere Verwahrlo¬ 
sung, größere Unausgeglichenheit und stärkere Neigung zu Kriminalität, 
während der stumpfe und antriebsarme Schwächling, der weltfremde 
Phantast, der ausgesprochene Altersverwahrlosungsfall und viele anderen 
Typen von sozial Unerziehbaren im Rahmen eines Erziehungsmilieus selten 
stören. Man vergesse nicht, daß moralische Minderwertigkeit, kriminelle 
Gefährlichkeit und soziales Versagen drei grundverschiedene Begriffe sind. 
Viele sozial Unerziehbare sind weder moralisch minderwertig noch kriminell 
gefährlich! 

Die Frage, wieviel Arbeitshausinsassen „besserungsfähig“ oder „un¬ 
verbesserlich“ sind, geht im übrigen von falschen Voraussetzungen aus. 
Die Variationsbreite erziehlicher Beeinflußbarkeit Asozialer ist sicher 
größer als gemeinhin angenommen wird, aber die Möglichkeiten der Er¬ 
ziehung und Besserung lassen sich auf keinen gemeinsamen Nenner bringen. 
Die meisten Asozialen sind charakterlich weich, unselbständig, gutmütig¬ 
lenkbar. Der Schwachbegabte, antriebsarme und unbeholfene Mensch läßt 
sich willig vom Rhythmus einer größeren Anstaltsgemeinschaft tragen. Er 
gehorcht der Gewohnheit und läßt sich von der Masse lenken! Im großen 
ganzen ist der Kampf gegen asoziales Verhalten ein Kampf gegen Stumpf¬ 
heit und Schwerfälligkeit. Komplizierte seelische Erlebnisvorgänge 
schwingen nur in einer Minderheit von Fällen mit. Die Gewöhnung an 
.Arbeit und Ordnung ist von ausschlaggebender Bedeutung! Es ist somit 
nicht allzu schwierig, auf die Charakterentwicklung asozialer Personen 
durch Anstaltserziehung einen günstigen Einfluß auszuüben, fraglich ist 
lediglich die Dauerhaftigkeit und Nachhaltigkeit dieses Einflusses. 

Folgende Kategorien sozial unerziehbarer Anstaltsinsassen lassen 
sich unterscheiden: 

1. Aussichtslose Fälle infolge schwerer Anlageschäden, 

2. Altersverwahrlosungsfälle, deren Aussichtslosigkeit auf altersbeding¬ 
ter Schwächung der Verstandes- und Willenskräfte beruht. Grund¬ 
sätzlich unterscheiden sie sich nicht von normalen Alterspflegefällen, 
sind jedoch disziplinär häufig für normale Altersheime untragbar. 
Die Zunahme oder Abnahme dieser Fälle hängt von den Verände¬ 
rungen im Altersaufbau des Volks, sowie von der Stärkung oder 
Schwächung des Familiengedankens ab. 

3. Ältere Anstalt.sfälle, deren soziale Unerziehbarkeit dadurch bedingt 
ist, daß nicht rechtzeitig mit durchgr^fenden Fürsorge- und Erzie¬ 
hungsmaßnahmen eingeschritten wurde. Die heutige Aussichtslo.sig- 
keit beruht auf Unterlassungssünden der Vergangenheit. Diese Fälle 
bilden ein Hauptkontingent unserer Anstalten und gerade’ des Ar¬ 
beitshauses, denn die Verwahrlosung der meisten Asozialen beruht 
sowohl auf eigener Schuld als auf Anlageschäden als auf sozialen 
Voraussetzungen. Es ist durchaus zu hoffen, daß durch Ausbau 
einer Bewahrungsfürsorge mit starkem pädagogischen Einschlag die 
endgültige Verwahrlosung vieler Fälle verhütet werden kann. 

Am aussichtslosesten sind die Fälle von schwerem Schwachsinn und 
schwerem Alkoholismus. Aber die Regel bilden die Fälle leichter Debilität, 
die Übergänge vom Schwachsinn zu den verschiedensten Schattierungen der 
Dummheit und Beschränktheit, sowie die leichtsinnig-harmlosen Gelegen¬ 
heitstrinker! Die Nachhaltigkeit von Erziehungserfolgen wird hier oft 
von äußeren Gegebenheiten abhängen, zuvörderst von der herrschenden 



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Ordnung in Gesellschaft, Wirtschaft und Staat. Stehen geeigrnete Arbeits¬ 
plätze für schwächere Kräfte in ausreichender Anzahl zur Verfügung, wie 
heute und in absehbarer Zeit, so liegen die Aussichten verhältnismäßig 
günstig. Daraus folgt, daß die Bereitstellung fürsorgerisch günstiger 
Arbeitsplätze und eine längere Betreuung nach der Anstaltsentlassung not¬ 
wendig, aber auch erfolgversprechend ist. Die meisten Anstaltsentlas¬ 
sungen sind nur unter der Voraussetzung vertretbar, daß eine solche 
nachgehende Fürsorge gewährleistet wird, so wie viele Verwahrlosungen 
heutiger Anstaltsinsassen auf ein früheres Versagen der öffentlichen Für¬ 
sorge zurückzuführen sind. Die disziplinierenden Auswirkungen einer tat¬ 
kräftigen und zielbewußten Bewahrungsfürsorge werden weit in das öffent¬ 
liche Leben hineinreichen. Wir stehen erst in den Anfängen einer Arbeit, 
die es auszubauen gilt. 

Es ist ein weitverbreiteter Fehler, die „Bewahrung“ nur negativ als 
etwas Zweitrangiges anzusehen, für das jeder Kosten- und Müheaufwand 
zu schade ist. Sachgemäße Anstaltsfürsorge (Dauerbewahrung) für Un¬ 
beholfene, Einsichtsschwache und Lebensuntüchtige ist für die Volksge¬ 
meinschaft mindestens ebenso wichtig wie die „Erziehung“ der Gefähr¬ 
deten, die in zahlreichen Fällen doch nur ein frommer Selbstbetrug bleibt. 
Schon in der Fürsorgeerziehung überschneiden sich Erziehung und 
Bewahrung vielfach. Auch eine reine Bewahrungsfürsorge kann nur mit 
Erziehungsmethoden durchgeführt werden, anderseits bleibt auch bei 
sogenannten reinen Erziehungsfällen der Erziehungserfolg oft nur ein 
vorübergehender. Irgendwie bleibt er immer problematisch, daher besteht 
ein grundsätzlicher Unterschied zwischen Erziehungs- und Bewahrungsfällen 
überhaupt nur in der Theorie. 

So wie um das Arbeitshaus keine chinesischen Mauern gezogen werden 
dürfen, sollen auch innerhalb des Arbeitshauses keine chinesischen Mauern 
gezogen werden. Zweckmäßig ist ein Stufensystem von streng geschlos¬ 
senen und halboffenen Abteilungen, die in regem Wechsel- und 
Austauschverkehr stehen. Auch dieses Stufensystem ist nur im Rahmen 
größerer Anstalten durchführbar. Ein und derselbe Mensch muß bald 
in straffer, bald in aufgelockerter Form bewahrt werden, je nach den 
täglich wechselnden Erfordernissen der Einzelfälle, sowie ein und derselbe 
Mensch bald voll, bald beschränkt arbeitseinsatzfähig, bald arbeitseinsatz¬ 
unfähig ist. Oft wird schon das Vorhandensein geschlossener Einrichtungen, 
die Möglichkeit ihrer Anwendung und gegebenenfalls ihre vorübergehende, 
mehr oder weniger ausnahmsweise Anwendung genügen. Im übrigen wer¬ 
den für Anstalten in Großstädten oder Großstadtnähe geschlossene Ab¬ 
teilungen immer wichtiger sein als für Anstalten in abgescluedenen Land¬ 
gegenden, wo die zeitenweise oder dauernde Herausnahme aus einem un¬ 
günstigen Milieu schon durch die abgelegene Landschaft als solche er¬ 
zielt wird und wo die Verwahrlosungseinflüsse der Großstadt entfallen. 
Eine Anstalt darf nicht zur Schablone erstarren. Sie muß lebendig sein 
und ihre Methoden ständig ändern, entwickeln, vervollkommnen, da sie 
es ja mit lebendigen Menschen zu tun hat, die sich gleichfalls ständig 
ändern und entwickeln. Man soll sich also nicht allzuviel von Hausord¬ 
nungen und Vollzugsvorschriften versprechen. Verständnisvolle Aufsichts¬ 
behörden werden, besonders in revolutionären, stürmisch vorwärts drängen¬ 
den Zeiten, die Vollzugsanstalten nicht unnütz durch bürokratische Ver¬ 
waltungsanweisungen und Erlasse hemmen und einengen, sondern ihrer 
freien Entwicklung Raum geben. 

Die Anstalt aber wird immer die beste sein, deren Gesicht am wenig¬ 
sten anstaltsmäßige Züge trägt. 



176 


II. Bewahrungsfürsorge 

Die P o 1 i z e i als Hüterin der öffentlichen Ordnung nimmt im Kampf 
gegen asoziales Verhalten, insbesondere soweit es sich um nicht seßhafte 
Menschen handelt, immer schon eine Schlüsselstellung ein, sei es, daß sie 
verwahrloste Personen wegen gesetzwidrigen Verhaltens den Gerichten 
zuführt, sei es, daß sie dieselben den Fürsorgeverbänden zur Betreuung 
und gegebenenfalls zur Bewahrung überweist. 

Diese Schlüsselstellung der Polizei ist im neuen Staate, der unter 
Überwindung des liberalistischen Nachtwächterprinzips der Polizei grund¬ 
sätzlich neue, positiv-volkspflegerische Aufgaben stellt, wesentlich ver¬ 
stärkt. Durch den Erlaß des Reichsinnenministers vom 14.12.1937 über vor¬ 
beugende Verbrechensbekämpfung durch die Polizei ist auch der unmittel¬ 
bare polizeiliche Zuständigkeitsbereich erweitert worden. Hiernach kann 
inpolizeilicheVorbeugungshaft genommen werden, wer „ohne 
Berufs- und Gewohnheitsverbrecher zu sein, durch sein asoziales Verhalten 
die Allgemeinheit gefährdet“. Nach den zu diesem Erlaß ergangenen 
Richtlinien des Reichskriminalpolizeiamts vom 4. 4. 1938 gilt als „asozial, 
wer durch gemeinschaftswidriges, wenn auch nicht verbrecherisches Ver¬ 
halten zeigt, daß er sich nicht in die Gemeinschaft einordnen will“. 

„Demnach sind zum Beispiel asozial: 

a) Personen, die durch geringfügige, aber sich immer wiederholende 
Gesetzesübertretungen sich der in einem nationalsozialistischen 
Staat selbstverständlichen Ordnung nicht fügen wollen (z. B. 
Bettler, Landstreicher, Zigeuner, Dirnen, Trunksüchtige, mit 
ansteckenden Krankheiten, insbesondere Geschlechtskrankheiten 
behaftete Personen, die sich den Maßnahmen der Gesundheitsbe¬ 
hörde entziehen), 

b) Personen, ohne Rücksicht auf etwaige Vorstrafen, die sich der 
Pflicht der Arbeit entziehen und die Sorge für ihren Unterhalt 
der Allgemeinheit überlassen (z. B. Arbeitsscheue, Arbeitsver- 
weigerer. Trunksüchtige)“. 

„In erster Linie sind bei der Anordnung der polizeilichen Vorbeugungs¬ 
haft Asoziale ohne festen Wohnsitz zu berücksichtigen“. 

Im Gegensatz zu den asoziales Verhalten ahndenden älteren und 
neueren Bestimmungen des Reichsstrafgesetzbuchs (wie auch zu den Be¬ 
stimmungen der Fürsorgepflichtverordnung), die sich auf nüchterne An¬ 
einanderreihung juristischer Begriffe und Einzeltatbestände beschränken, 
steht der im fachlichen Schrifttum so umstrittene Asozialenbegriff im 
Mittelpunkt dieser neueren gesetzlichen Regelungen. Dies ist zuvörderst 
als Ausdruck einer revolutionären Zeit zu werten, die schöpferisch mit 
neuen sozialen Gedanken ringt. Im übrigen zeigen gerade die Er¬ 
fahrungen der gerichtlichen Arbeitshausunterbringung, wie notwendig es 
ist, die Dinge im Zusammenhang zu sehen: Für jede grundsätzliche Er¬ 
örterung ist der Asozialenbegriff schlechterdings unentbehrlich. Auch bei 
den vorgenannten Begriffsbestimmungen handelt es sich allerdings um 
das Musterbeispiel eines für eine Ressortverwaltung bestimmten Zweck¬ 
begriffs. Von seiner typischen Erläuterungsbedürftigkeit durch Beispiele 
abgesehen, ist dieser Asozialenbegriff zu sehr unter dem einseitigen Ge¬ 
sichtspunkt der vorbeugenden Verbrechensbekämpfung geprägt. Er 
klingt zu sehr an das Kriminelle, Antisoziale an, das „Sichnichtein- 
f ü g e n w o 11 e n“ steht im Vordergrund, während gerade für die große 




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177 


Masse der Asozialen das „Sichnichteinfügenkönnen“ kennzeich¬ 
nend ist, so wie das Erfordernis der „Gefährdung der Allgemeinheit“ zu sehr 
an die „Gemeingefährlichkeit“ der typischen Verbrecher angrenzt, während 
sich die große Masse der Asozialen aus verhältnismäßig harmlosen 
Schwächlingen zusammensetzt. 

Dementsprechend wird auch durch die Praxis der polizeilichen Vor¬ 
beugungshaft nur eine gewisse Minderheit von Asozialen erfaßt: Aktiv 
Verwahrloste, die durch besondere Hinterhältigkeit, Hartnäckigkeit und 
Böswilligkeit, oder aber durch besondere Unbeherrschtheit, Hemmungs¬ 
losigkeit und Verantwortungslosigkeit unliebsam auffällig sind und vom 
gesunden Volksempfinden als Herausforderung empfunden werden. Nach 
den Richtlinien des Reichskriminalpolizeiamts soll polizeiliche Vorbeugungs¬ 
haft „die schärfste und letzte Erziehungsmaßnahme“ sein. Das Gros der 
schwachsinnig-hilflosen, auch körperlich vielfach schwächlichen, vor allem 
altersgebrechlichen Asozialen fällt nach wie vor den Fürsorgeverbänden 
zur Last. Auch insoweit die formalen Voraussetzungen für polizeiliche 
Vorbeugungshaft auf diese Personen zutreffen, werden sie meist wegen 
ihrer körperlich-geistigen Armseligkeit als „nichtlagerfähig“ bezeichnet 
und es wird von ihrer Unterbringung in polizeilichen „Erziehungslagem“ Ab¬ 
stand genommen. Noch mehr als bei der gerichtlichen Arbeitshausunter¬ 
bringung wirkt sich hier die Eigenart des Unterbringungsvollzuges ein¬ 
schränkend aus. Die Bedeutung der polizeilichen Vorbeugungshaft liegt 
weniger im Quantitativen als in einer gewissen Dynamik: Schon die Mög¬ 
lichkeit der polizeilichen Lagerunterbringung bewirkt bei vielen leichtsinnig¬ 
haltlosen und ethisch-stumpfen Charakteren eine gewisse heilsame Ein¬ 
schüchterung und sicherlich schadet es durchaus nicht, daß wenigstens mit 
der Frechheit und Unverfrorenheit so mancher Schmarotzer und Volks¬ 
schädlinge tatkräftig Schluß gemacht wird. 

Ein besonders wichtiger Zuständigkeitsbereich ist der Polizei neuer¬ 
dings durch die Einrichtung des polizeilichen Jugendschutzlagers 
übertragen worden. Die Bewahrungsfürsorge für Jugendliche ist von Hause 
aus ein Arbeitsgebiet von besonderer Problematik: Dadurch, daß die Für¬ 
sorgeerziehung seit Ende 1932 regelmäßig mit dem 18. Lebensjahr, statt 
wie früher mit dem 21. endet, ist die Frage, in welcher Form die Anstalts¬ 
bewahrung gefährdeter und verwahrloster junger Menschen zwischen dem 
18. und 21. Lebensjahr durchgeführt werden soll, seit Jahren ungelöst. 
Einige großstädtische Fürsorgeverbände, so vor allem Hamburg und 
Berlin, haben frühzeitig eine kommunale Bewahrungsfürsorge für die in 
Frage kommenden Jugendlichen eingerichtet, von den meisten Landes¬ 
fürsorgeverbänden bzw. Landesjugendämtem ist dies verabsäumt worden, 
wobei allerdings zu berücksichtigen ist, daß der Kampf gegen die Jugend¬ 
verwahrlosung in Großstädten eine ungleich dringlichere Aufgabe darstellt 
als in ländlichen Bezirken. Überall handelt es sich um einen doppelten 
Personenkreis von Jugendlichen, nämlich um: 

1. aus der Fürsorgeerziehung (großenteils als „unerziehbar“) Ent¬ 
lassene, 

2. Spätverwahrloste, bei welchen sich Unterbringung in F. E. zeitlich 
nicht mehr lohnt. 

Die Entwicklungsaussichten dieser jungen Menschen sind überwiegend 
ungünstig. Anderseits läßt es sich bei ihrer charakterlichen Unreife nicht 
veranworten, sie als völlig hoffnungslos ihrem Schicksal zu überlassen. 
Die Erfahrungen der kommunalen Bewahrungsfürsorge deuten darauf hin, 
(laß auch die angebliche „Unerziehbarkeit“ mancher F. E.-Fälle tatsächlich 
auf einer pädagogischen Fehlbehandlung vergangener Jahre beruht. 


2 



178 


Und oft setzt bei jungen Menschen, die man jahrelang als ganz aussichts¬ 
lose Fälle ansah, überraschend eine günstige Spätreife ein. Diese 
Jugendlichen sind also immer noch in besonderer Weise schutzbedürftig. 
Aber auch die Volksgemeinschaft ist in ihrem Verhältnis zu diesen Jugend¬ 
lichen schutzbedürftig: Viele sind aktiv verwahrlost und neigen zu offener 
Auflehnung gegen die gesellschaftliche Ordnung, zu Kriminalität. Es gilt, 
sowohl ihre endgültige Verwahrlosung als ihre Kriminalität zu verhüten! 

Das polizeiliche Jugendschutzlager setzt sich nicht die Aufhebung, 
sondern die Ergänzung der kommunalen Jugendbewahrung zum Ziel. 
Manche kommunale Anstalten haben auf diesem Gebiet schon erfolgreich 
gearbeitet. In der Regel setzt der Aus- und Aufbau einer erfolgreichen 
Anstaltserziehung jahrelange, mühevolle Kleinarbeit voraus. Es wäre 
sinnlos, dieses mühsam erarbeitete „pädagogische Potential“ zu zerstören. 
Vor allem handelt es sich um die Heranziehung und praktische Schulung 
geeigneter Sozialkräfte, die nun einmal einen Seltenheitswert besitzen. Immer 
sind es Persönlichkeitswerte, die den wichtigsten Aktivposten jeder Er¬ 
ziehungsarbeit bilden. Jede erfolgreiche Erziehung setzt die schöpferisch¬ 
ursprüngliche Persönlichkeit eines Erziehers, nicht etwa eine behördliche 
Einrichtung, voraus. Im Rahmen einer Anstaltserziehung wird es regel¬ 
mäßig die Persönlichkeit des Anstaltsleiters sein, die das Gepräge des Er¬ 
ziehungsmilieus bestimmt. Daraus folgt, daß jede Aktivierung pädagogi¬ 
scher Möglichkeiten eine stark individuelle Note besitzen muß. Eine 
staatliche Einheitsschablone wäre vom Übel. Je mehr Raum im Rahmen 
einer Anstalt die Jugendarbeit einnimmt, umso stärker muß die individuelle 
Note der Anstalt ausgeprägt sein. Zwar gibt es auch unter jungen 
Menschen schwachsinnig-primitive Dauerbewahrungsfälle, bei denen es 
lediglich auf die Eingewöhnung in einen Anstaltsmechanismus ankommt, 
aber in den meisten Fällen von Jugendverwahrlosung genügt weder Ge¬ 
wöhnung an Arbeit und Ordnung, noch eine Zucht, die nur negativ die 
Unterdrückung verkehrter Anlagen und Neigungen zum Ziel hat. Ein 
nachhaltiger Erziehungserfolg hängt vielmehr davon ab, daß es gelingt, 
der gesunden Lebens- und Willenskraft junger Menschen eine positive 
Richtung zu geben. Junge Menschen wollen ausgefüllt, mitgerissen, be¬ 
geistert werden. 

Demgemäß wird auch die Arbeitsteilung zwischen dem polizeilichen 
Jugendschutzlager und der kommunalen Bewahrungsfürsorge in erster 
Linie von den Erziehungsaussichten des Einzelfalles ausgehen. Das 
Jugendschutzlager steht vor allem im Dienst der vorbeugenden Verbrechens¬ 
bekämpfung. Es wird mehr die antisozialen als die ausgesprochen asozialen 
Jugendtypen erfassen. Jugendliche mit stark kriminellen Tendenzen ge¬ 
hören in das Jugendschutzlager, vor allem auch Jugendliche, die in allen 
Lebenslagen zu einem mehr oder weniger unmotivierten Weglaufen neigen. 
Hier steht der Schutz der Allgemeinheit gegen den jugendlichen Gesetzes¬ 
übertreter im Vordergrund. Die Lagerunterbringung wird dementsprechend 
mit den schärfsten Mitteln der Bewachung und bei straffster Zucht durch¬ 
geführt (ihre Kosten liegen daher wesentlich höher als die Kosten der 
kommunalen Jugendbewahrung). In die kommunale Bewahrungsfürsorge 
gehören demgegenüber 

1. Jugendliche, die anlagemäßig von vornherein als Dauerbewahrungs¬ 
fälle anzusehen sind, die zwar — meist infolge hochgradigen Schwachsinns — 
sozial unerziehbar und lebensuntüchtig, dabei aber verhältnismäßig harm¬ 
los, also nicht kriminell sind; 

2. Jugendliche von großer charakterlicher Unreife, die sittlich oder 
sozial verwahrlost, aber weniger kriminell sind (deren allenfalls gelegent- 



liehe Kriminalität vielfach situationsbedingt ist, aus Abenteuerlust, Phan¬ 
tasterei und spezifisch jugendlicher Unruhe entspringt). Ähnlich wie in 
der Fürsorgeerziehung spielen als Ursachen ihrer Verwahrlosung sowohl 
gewisse Anlageschwächen als insbesondere Unzulänglichkeiten des elter¬ 
lichen Erziehungsmilieus eine Rolle. Das sind die Fälle, bei welchen allen¬ 
falls mit Erziehungserfolgen gerechnet werden kann. 

Sowohl die „Harmlos-Schwachsinnigen“ als die „Unreifen“ sind im 
Rahmen einer Anstaltsfürsorge willig und lenkbar (wenn sie auch nach 
den Vorgängen meist als sehr schwierig galten!), gefängnismäßige Be¬ 
wachung und straffste Lagerzucht wäre hier ein „Mit Kanonen nach 
Spatzen schießen“. Die charakterliche Förderung wird nicht so sehr durch 
Straffung als durch ein aufgelockertes Verfahren erzielt, durch Erziehung 
zur Selbständigkeit, durch verständnisvolles Eingehen auf persönliche 
Eigenart, durch Nachsicht mit jugendlicher Unausgeglichenheit und Unreife 
oder auch mit Anlagemängeln, nicht jedoch durch Abschreckung und Ein¬ 
schüchterung. Denn hier fehlt es ja meist nicht so sehr am guten Willen, 
als an Halt, Festigkeit, Kraft und Lebensmut. Es genügt daher ein „sanf¬ 
ter Druck“ erzieherischer Bestimmtheit und Folgerichtigkeit und gegebenen¬ 
falls vorübergehende Absonderung aus einer nachteiligen Umgebung, er¬ 
forderlich ist eine Stärkung des persönlichen Muts und Selbstvertrauens. 
Es ist alles zu vermeiden, was das Ehrgefühl des jungen Menschen un¬ 
nötig kränkt und was als Zurücksetzung und Deklassierung empfunden 
werden muß. Erzieherisch von größter Wichtigkeit ist ein günstiger 
Arbeitseinsatz. So werden die Jungmänner des städtischen Arbeits- und 
Bewahrungshauses Berlin-Rummelsburg kolonnenmäßig in einem großen 
Industriewerk eingesetzt, dessen Betriebsleiter sie mit Vorliebe als seine 
„besten Arbeiter“ bezeichnet. Das ist entschieden günstiger als jede 
Beschäftigung hinter Drahtzäunen oder Anstaltsmauern! 

Wenn Jugendschutzlager und kommunale Jugendbewahrung Er¬ 
ziehungsaufgaben lösen oder mitlösen sollen, darf ihre Arbeit nicht die 
Erreichung des einundzwanzigsten Lebensjahres als obere Grenze behalten. 
Bei den spätverwahrlosten und charakterlich schwierigen jungen Menschen, 
um die es sich handelt, wird in der Regel eine verhältnismäßig späte Nach¬ 
reife einsetzen, wenn überhaupt Besserungsaussichten bestehen. An sich 
klafft hier eine gewisse Lücke im bürgerlichen Recht. Zwar kann nach 
bestehendem Recht ein Jugendlicher schon mit dem achtzehnten Jahr für 
mündig erklärt werden, wenn er die erforderliche Reife besitzt. Falls er , 
aber, was mindestens ebenso häufig der Fall sein dürfte, mit dem einund¬ 
zwanzigsten Lebensjahr die normale Reife noch nicht erlangt hat, so fehlt 
bisher die rechtliche Möglichkeit, den Beginn der Volljährigkeit erforder¬ 
lichenfalls um einige Jahre hinauszuschieben. Als obere Altersgrenze der 
Jugendbewahrung ist statt des einundzwanzigsten etwa das fünfundzwan¬ 
zigste Lebensjahr zweckmäßig. 

Durch die neuerliche Ubemahme der Rahmenstrafen aus dem ost¬ 
märkischen ins großdeutsche Strafrecht erhält der Jugendstrafvollzug als 
solcher die Aufgabe der Bewahrung kriminell gefährdeter junger Menschen. 
Auch hier wird im wesentlichen alles auf den Vollzug ankommen. 

Im Rahmen eines kommenden „Bewahrungsgesetzes“ oder „Gemein¬ 
schaftsfremdengesetzes“ dürfte nicht so sehr der unmittelbare Zuständig¬ 
keitsbereich als die „Schlüsselstellung“ der Polizei verstärkt und 
erweitert werden. Dies entspricht der tatsächlichen Enrivicklung, vor allem 
in den Großstädten. Das Hamburger Beispiel ist in diesem Zusammen- 



180 


hang weniger lehrreich, weil die Verhältnisse in Hamburg infolge der 
Einheitlichkeit der staatlichen und kommunalen Verwaltung besonders 
gelagert sind, ln der Reichshauptstadt spielt heute schon die polizeiliche 
Initiative eine ebenso wichtige Rolle bei der Anstaltsunterbringung asozi¬ 
aler Personen wie die Initiative kommunaler Wohlfahrtsdienststellen. 
Es handelt sich hierbei meist um formlose Überweisungen verwahrloster 
oder verwahrlosungsgefährdeter, vor allem nicht arbeitseinsatzfähiger 
Personen durch die Obdachlosenpolizei an das städtische Bew’ahrungshaus. 
An sich ist es erfreulich, daß für die überwiegende Mehrzahl dieser Anstalts¬ 
einweisungen die Rechtsgrundlage der freiwilligen Bewahrung ausreicht, 
insofern die Anstaltsbewahrungsbedürftigkeit auch von den eingewiesenen 
Personen als subjektive Hilfsbedürftigkeit empfunden wird und insofern 
dadurch bestätigt wird, daß der Bewahrungsvollzug in Formen durchge¬ 
führt wird, die für die Eingewiesenen durchaus tragbar sind. Es ist immer 
das beste Zeichen für eine Anstalt, wenn neben den zwangsweise Unter¬ 
gebrachten zahlreiche Insassen auch freiwillig Aufnahme in der Anstalt 
suchen, wie dies für die kommunalen Bewahrungseinrichtungen charakte¬ 
ristisch ist. Eine Entwicklung, durch die die freiwillige Anstaltsbewahrung 
völlig beseitigt würde, ist keineswegs wünschensw’ert. Trotzdem besteht 
ein dringendes Bedürfnis nach einem Bewahrungsgesetz, das den polizei¬ 
lichen Einweisungen in die kommunalen Anstalten eine festere Rechts¬ 
grundlage gibt. Die Zahl der Einsichtslosen, Unbeständigen, der querula¬ 
torischen Schnorrer, der ewig verwahrlosten Gelegenheitsarbeiter und 
Gelegenheitstrinker und der ewig Obdachlosen ist doch immer noch so 
beträchtlich, daß eine weitere Straffung kommen wird und kommen muß. 
Vor allem verlangt eine wirklich geordnete Fürsorge, daß endlich mit dem 
Unfug der „Karussellfahrer“ Schluß gemacht wird, die jahrelang planlos, 
ziellos und mehr oder w'eniger zuchtlos zwischen öffentlichen und privaten 
Anstalten der verschiedensten Art zu pendeln pflegen. Hier kann nur die 
Polizei als Werkzeug der zentralen Staatsgewalt wirksame Abhilfe schaffen. 
Der Erfolg einer gesetzlichen Regelung wird allerdings dadurch bedingt, 
daß ein möglichst einfaches und rasches Einweisungsverfahren gefunden 
ward. Ein umständliches Verwaltungsgerichtsverfahren, wde es auch heute 
noch die Arbeitshausunterbringung nach § 20 der Fürsorgepflichtver- 
ordnung bis zur Bedeutungslosigkeit einschränkt, würde wenig nützen. 
Voraussetzung der Durchführung eines solchen Verfahrens ist ja im all¬ 
gemeinen, daß der Unterzubringende eine gew’isse Seßhaftigkeit besitzt 
und daß er längere Zeit von einer und derselben Wohlfahrtsdienststellc 
betreut wird, die dieses langatmige Verfahren einleitet und durchführt. 
Aber die Asozialen — auch die Großstadtasozialen — sind überwiegend 
nicht seßhaft. 

Der seßhafte Mensch unterscheidet sich vom nichtseßhaften durch 
die Beständigkeit des Wohnsitzes, der Arbeit und der Familienbindungen. 
Dementprechend lassen .sich etw'a folgende Typen (und bis zu einem ge¬ 
wissen Grad Abstufungen) der Nicht.seßhaftigkeit unterscheiden; 

1. Der Bettler der Landstraße (heimatlos, arbeitsscheu, 
familienlos). Baumgärtner in „Die Straffälligkeit der mittellosen 
Wanderer“ (in „Der nichtseßhafte Mensch“) unterscheidet nach dem Grad 
der kriminellen Harmlosigkeit oder Gefährlichkeit drei Untertypen: den 
wandernden Bettler, den verbrecherischen Bettler und den bettelnden Ver¬ 
brecher. Als Ganzes steht der Landstreicher im heutigen Deutschland 
glücklicherweise allmählich auf dem Aussterbeetat. Die Restexeraplare 



181 


sind — meist als Dauerbewahrungsfälle — in den Arbeitshäusern unter¬ 
gebracht. 

2. Der ewige Versager: er ist durch ständigen Arbeitsplatz¬ 
wechsel auffällig, scheitert häufig in seiner Existenz, um immer wieder 
von vorne anzufangen. Er ist viel kriminell, trinkt, bessert sich lebens¬ 
länglich, um immer wieder von neuem zu verwahrlosen. Auch in der Ehe 
gibt er meist nur kurze Gastspiele, er ist entweder ledig, getrennt oder 
geschieden, sehr selten verheiratet. Ohne zum Landstreicher herabzu¬ 
sinken, wechselt er oft seinen Wohnort, weil er sich überall unmöglich 
macht. Im Zustand seiner endgültigen Ve^ahrlosung taucht er dann 
wohl in einer Großstadt unter. Das sind die Fälle, die bei rechtzeitiger 
An.staltsfürsorge von Fall zu Fall noch aussichtsreiche Erziehungsfälle 
sind. Aber meist zeigt die Lebenslinie dieser ewig Labilen eine deutlich 
absinkende Tendenz. Manchmal sind sie in den besten Mannesjahren 
kriminell und später, nach Zermürbung ihrer Lebenskraft, nur noch asoziale 
Schnorrer mit früh einsetzender Altersverwahrlosung. Manchmal verläuft 
die Entwicklung auch umgekehrt, vom harmlos-leichtsinnigen Parasiten 
zum verkommenen Verbrecher und zu völliger sittlicher Verwahrlo.sung. 
Immer sind diese Menschen die eigentlichen Stammkunden der öffentlichen 
Fürsorge, von der sie als geborene Stehaufmännchen, die bald auf- und 
bald wieder untertauchen, in den seltensten Fällen in ihrem asozialen 
Wesenskern erfaßt werden. Auf den Wohlfahrtsämtern sind sie makel¬ 
lose Staatsbürger, ihre Unterstützungsakten enthalten wenig Nachteiliges. 
Die Polizei, mit der sie in den Stadien ihrer akuten Verwahrlosung Be¬ 
kanntschaft zu machen pflegen, kennt sie etwas besser. 

3. Der Anstaltswanderer: Ein von Haus aus schwächlicher 
und unselbständiger Mensch, oft körperlich behindert und noch öfter debil. 
Er arbeitet leidlich, solange er anstaltsmäßig bemuttert wird, wenigstens 
sind seine Leistungen nach Anstaltsbegriffen mittelmäßig bis ausreichend. 
Mit den Anforderungen des freien Lebens können .sie nicht Schritt halten. 
Viele Anstaltswanderer versuchen immer wieder, sich zu verselbständigen, 
doch diese Versuche enden meist schnell und blamabel und dann suchen sie 
erneut im rettenden Hafen irgendeiner Anstalt Schutz. Die meisten sind 
aus angeborener Antriebsarmut farailienlos. Manche landen schon in jungen 
Jahren im ominösen Kreislauf der öffentlichen und privaten Anstaltsfür¬ 
sorge, für andere ist dieses Anstaltskarussell die typische Form der Altersver¬ 
wahrlosung. Diese Menschen sind meist nicht völlig heimatlos, sie pflegen 
einer bestimmten Landschaft zuzugehören, ihr Wandertrieb kreist in ver¬ 
hältnismäßig engen Grenzen, oft um die nähere Peripherie einer Großstadt. 
Als altgewohnte Anstaltsmenschen fügen sie sich leicht in jede Gemein- 
.schaft ein, sie sind im subjektiven Sinne keineswegs „gemeinschaftsfremd“, 
überwiegend sind sie gutmütig-harmlos, mit einem fatalen Einschlag ins 
Träge, Stumpfe. Als Insassen von Arbeiterkolonien, Wanderheimen, Be¬ 
wahrungsanstalten, Arbeitshäusern, Altersheimen, Hospitälern und auch 
als fluktuierendes Element der Heil- und Pflegeanstalten sind sie über¬ 
wiegend harmlos (so wie überhaupt die Asozialen, die einen Großteil ihres 
Lebens in Anstalten verbringen, die geborenen Anstaltsmenschen, immer 
noch mit die harmlosesten sind). Außerhalb dieses circulus vitiosus 
richten sie viel Verwirrung an: häufig handelt es sich um periodische 
Verwahrlosungsfälle! Sehr zu Unrecht werden sie oft genug 
im Rahmen der verschiedensten An.stalten auf Grund ihrer relativen Harm¬ 
losigkeit als Erziehungsfälle behandelt und immer wieder aufs neue auf 
die Menschheit losgelassen. 



182 


4. Der Großstadtasoziale: In dem sonst so umfassenden, 
doch aus einem überwiegend ländlichen Lebenskreis heraus entstandenen 
Sammelband „Der nichtseßhafte Mensch“ fällt dieser komplizierteste, diffe¬ 
renzierteste und weitaus gemeinschädlichste Verw^ahrlosungstyp so gut wie 
aus. Es ist merkwürdig, daß in einem Land wie Bayern, das sozial so 
kerngesund ist, seitens der öffentlichen Meinung der Asozialenfrage ein 
größeres Interesse entgegengebracht wird als beispielsweise in der Reichs¬ 
hauptstadt, für welche diese Frage unvergleichlich dringlicher ist. Denn 
ständig strömen aus allen Teilen des Reiches den Großstädten und ins¬ 
besondere der Hauptstadt alle Arten von entwurzelten, brüchigen und ge¬ 
scheiterten Existenzen zu. Bei all seiner kriminellen Verfilzung, die in 
dem genannten Sammelband so erschöpfend und überzeugend dargestellt 
ist, bleibt der „Lumpazivagabundus“ der Landstraße ein reichlich harm¬ 
loses Individuum im Vergleich mit dem Großstadtasozialen. Die Großstadt 
ist der gefährlichste Infektionsherd der Verwahrlosung. Alles, was in 
Ländern und Provinzen die natürliche Bindung an Familie und Heimat 
verliert, hat eine mehr oder weniger starke Tendenz zur Metropole. Halb¬ 
welt und Unterwelt geben in der Großstadt nicht nur ganzen Straßenzügen 
ihr Gepräge (in Berlin die „Münze“, Mulack-, Dragoner-, Gorman-, Linien- 
•straße u. ä.!), sondern auch alle Einzelbezirke einer großen Stadt haben 
ihre Treff- und Sammelpunkte für Asoziale' und Antisoziale (die 
Übergänge zwischen beiden sind immer fließend). Dirnen, Zuhälter, 
gerissene und primitive Schnorrer, getarnte Bettler, Betrüger und 
Tagdiebe der verschiedensten Schattierungen neigen in diesen Städten 
der unbegrenzten Möglichkeiten alle mehr oder weniger dazu, aus ihrem 
Parasitentum ein bequemes und einträgliches Gewerbe zu machen. Die 
Zeiten sind noch nicht so restlos verrauscht, wo sie, in Cliquen und Ring¬ 
vereinen zusammengeschlossen, einen Staat im Staate, eine Art von fünf¬ 
tem Stand bildeten. Gewiß, nicht alle diese Kreise fallen ohne weiteres 
unter den Sammelbegriff des Asozialen, aber der asoziale Einschlag ist 
doch der bestimmende. Wie beim Bettler könnte man (der B a um- 
g ä r t n e r sehen Einteilung entsprechend) auch beim Großstadtbummler 
etwa folgende Abstufungen der Gemeinlästigkeit, Gemeinschädlichkeit oder 
Gemeingefährlichkeit unterscheiden: 

a) Der passiv-verwahrloste Stadtbummler (schwachsinnig-unbeholfen, 
arbeitsuntüchtig, ohne Au.sdauer, Haftdelikte), 

b) der aktiv-verwahrloste gerissene Schnorrer (getarnter Betrug, 
Gelegenheitsdiebstähle, kleinere Eigentumsdelikte sonstiger Art), 

c) der aktiv-verwahrloste Triebhaft-Hemmungslose als Trinker (Roh¬ 
heitsdelikte und Verstöße gegen die öffentliche Ordnung) oder 

als sexuell Verwahrloster (Dirnentum, homosexuelle Unsitten 
und sonstige Sittlichkeit.sverbrechen), 

d) der antisoziale Volksschädling (Einbrecher, Gewaltverbrecher 
u. ä.), der in asozialen Kreisen Unterschlupf oder Helfershelfer 
sucht. 

Intellektuell weist diese Gesellschaft der „Penner“ alle Abstufungen 
vom Imbezillen über den antrieb.sarmen Tölpel bis zum hochbegabten, aber 
tief verkommenen Bohemien auf, nach der sozialen Herkunft reichen sich 
der primitiv-verwahrloste Landarbeiter, der arbeitsscheue Gelegenheits¬ 
arbeiter, der trunk- und rauschgiftsüchtige Kellner, der verkrachte Kauf¬ 
mann und der ins Kriminelle abgeglittene oder auch durch Trunksucht 
heruntergekommene Arzt und Rechtsanwalt die Hände. In dieser pseudo¬ 
romantischen Unterwelt erlebt der halbwüchsige Fürsorgezögling seine 
ersten zweifelhaften Abenteuer und handelt so mancher Patriarchenbart,der 



183 


schon bessere Tage sah, mit Streichhölzern oder Schnürsenkeln. Das 
geborene Großstadtkind befindet sich in der Minderheit, die meisten dieser 
Elendsgestalten sind aus ländlichen und kleinstädtischen Bezirken zu¬ 
gewandert, doch im Verlaufe ihres mehr oder weniger schicksalhaften Ver¬ 
wahrlosungsprozesses rettungslos mit der Großstadt verwachsen, sei es, 
daß ihre anlagebedingte Abwegigkeit, ihr angeborenes Außenseitertum sie 
von Haus aus für die Großstadt prädestinierte, sei es, daß sie irgendwann 
dem Dämon Großstadt zum Opfer fielen. Die Bedeutung der Asozialen- 
frage für die Großstadt besteht: 

1. in der erleichterten Tarnung der Asozialen und 

9.. in der Häufung der Verwahrlosunfirseinfltisse. 

Die "Übersichtlichkeit und Einfachheit ländlich-kleinstädtischer Lebens¬ 
verhältnisse erleichtert, die Unübersichtlichkeit, Differenziertheit und 
Vielverschlungenheit großstädtischer Lebensverhältnisse erschwert es, den 
asozialen Menschen als solchen zu erkennen. Gescheiterte und gestrandete 
Existenzen strömen in die Großstadt, weil sie nur hier untertauchen können 
und unerkannt bleiben. Das Treiben des großstädtischen Einzelmenschen 
ist so weitgehend unkontrollierbar, daß die Lebensgewohnheiten des Pro¬ 
vinzlers hiergegen kristallklar erscheinen. Gewiß gibt es auch in der Gro߬ 
stadt krasse Anlageschäden, die selbst der Unerfahrene auf den ersten 
Blick erkennt, und gewiß gibt es auch hier eine Minderheit, die durch ihr 
rein äußerliches Zerlumpt- und Verlaustsein auffällig ist. doch die Mehr¬ 
heit der Großstadtasozialen reist inkognito. Schon die Bettler sind hier 
undurchsichtiger und gerissener als auf der Landstraße: der Großstadtbettel 
braucht kein primitiver Ausdruck der Lebensuntüchtigkeit zu sein, er hat, 
geschickt erlernt und geschickt betrieben, finanzielle Möglichkeiten 
»rroßen Stils. Das Beispiel des Bettlers, der tagsüber im Berliner 
"Westen auf Tour geht und dabei eine fi-Zimmer-Wohnung in Hankow innc- 
hat, ist bekannt und bezeichnend. Noch viel größer sind die Möglichkeiten 
des getarnten Bettlers, des wilden Händlers, Schiebers und Gelegen¬ 
heitsarbeiters. Gewerbeunzucht ist von Haus aus spezifisch großstädtisch 
und im Rahmen der Großstadt hat die Prostitution die unverkennbare 
Tendenz, ihre Methoden ständig zu verfeinern. 

Weil die Großstadt größere Möglichkeiten für den Asozialen bietet, 
ist der Asoziale hier auch prozentual stärker vertreten. Innerhalb einer 
Großstadt ist dieser Prozentsatz freilich nicht überall gleich stark. Jede 
Großstadt, vor allem die sozial so differenzierte Reichshauptstadt, hat ihre 
besonderen Asozialenbezirke, wo sexuelle, alkoholische und kriminelle Ver¬ 
wahrlosungseinflüsse der verschiedensten Art sich häufen und sich aus- 
breiten, wenn sie nicht tatkräftig bekämpft werden: der Umfang der 
Verwahrlosung hängt nicht zuletzt von der Laxheit oder Straffheit der un¬ 
teren Polizei- oder kommunalen Verwaltungsdienststellen ab. Gerade in Berlin 
waren die auffälligen Unterschiede, mit welchen immer schon asoziales 
Verhalten von Bezirk zu Bezirk gemessen wurde, bezeichnend. Weil die 
Großstadt besonders gefährdet ist, bleibt für sie die Asozialenfrage immer 
irgendwie lebenswichtig. Jede Großstadt hat eine Ehre und eine guten 
Ruf zu gewinnen oder zu verlieren, wobei die Ehre der Reichshauptstadt 
zugleich die Ehre des Reichs ist. Erfreulicherweise zeigt die Entwicklung 
der letzten Jahre entscheidende Besserungstendenzen. Seit die Schlacht 
gegen die Arbeitslosigkeit siegreich beendet ist, wird die stetig fortschrei¬ 
tende Straffung und soziale Gesundung immer deutlicher. Damit wird 
auch das Gesicht der deutschen Stadt wieder sauberer und ordentlicher. 
Die Großstadt ist heute viel mehr ein Schlachtfeld der Arbeit und ein 
lebendiges Kräftezentrum als ein Sammelplatz und Zufluchtsort für Asozi¬ 
ale und Verv'ahrloste. Und die Reichshauptstadt, die ja "wie keine andere. 



184 


vom Fanatismus des Schaffens besessen ist, ist in erster Linie ein Spiegel 
der Kraft und der Größe des erneuerten Reichs. 

Der Typus des Großstadtasozialen weist reiche Abstufungen und 
Gradunterschiede der Verwahrlosung auf, wobei Unterkunft und Lebens¬ 
erwerb bestimmend sind. (Die Lösung des nicht seßhaften Großstädters 
von allen Familienbindungen ist fast durchweg Voraussetzung 
seiner Verwahrlosung). Als Unterkünfte dienen „wilde Herbergen“, ge¬ 
meinnützige Herbergen, städtische Obdacheinrichtungen und private Schlaf¬ 
stellen. Die Berliner Verhältnisse seien hier als Beispiel skizziert: 

a) Besonders typisch für den Großstadtasozialen, der in Berlin den 
klassischen Titel „Penner“ führt, ist von alters her das Milieu der „wilden 
Herbergen“ oder auch „wilden Pennen“ (meist in den Bezirken der 
Stadtmitte). Der Abschaum und Auswurf der Großstadtasozialen, Bettler, 
wilde Händler, Gelegenheitsarbeiter, überwiegend Personen ohne feste 
Arbeit und von unkontrollierbarem Lebenserw’erb, erhalten hier nächtliche 
Unterkunft für ein so niedrig bemessenes Entgelt, wie es zur Not auch 
vom primitiv.sten Schnorrer aufgebracht (erbettelt) werden kann (40—50 
Pfennige je Nacht). Die stark fluktuierende Stammkundschaft dieser 
schmutzig-primitiven Elendsquartiere wurde in den Jahren der schlimmsten 
Massenverwahrlosung auf mindestens 20 000 geschätzt. Sie wurden in der 
Vergangenheit von den „Pennern“ wohl hauptsächlich aus dem Grunde 
bevorzugt, weil die polizeiliche Kontrolle hier nicht sehr streng gehai\d- 
habt wurde, und man hat es früher der Polizei viel zum Vorwurf gemacht, 
daß sie aus Gründen der Verbrechensfahndung an der Aufrechterhaltung 
dieser Schlupfwinkel interessiert sei. Es ist bekannt, daß hier immer schon 
ein schwunghafter Handel mit getragenen, billigst erworbenen oder gestoh¬ 
lenen Kleidungsstücken und mit allen möglichen Bedarfsgegenständen, noch 
in den Anfängen des jetzigen Krieges auch mit Kleiderkarten und Lebens¬ 
mittelkarten, üblich war. Das gehört nun glücklicherweise der Vergangenheit 
an. Die polizeilichen Kontrollen sind seit der Machtergreifung fortschrei¬ 
tend strenger geworden und die in Frage kommenden Herbergen sind im 
Zuge der Zeit immer mehr in Unterkünfte für Rüstungs- und ausländische 
Arbeiter verwandelt worden, sie sind als „Pennen“ einfach verdrängt 
worden, weil jeder verfügbare Raum im Rahmen der Kriegswirtschaft 
zwangsläufig für dringendere Zwecke beansprucht wird. Und im Laufe 
des Jahres 1941 haben die berüchtigtsten dieser Quartiere ihren alten Her¬ 
bergscharakter völlig verloren. Diese Entwicklung hat sich reibungslos 
und ohne Störungen vollzogen: So wie der Landstreicher heute von der 
Landstraße größtenteils verschwunden ist, so befinden sich auch die „Pen¬ 
ner“ bis auf verhältnismäßig seltene Restexemplare, die gelegentlich 
immer wieder auftauchen, auf dem Aussterbeetat, Sicherlich haben viele 
der früheren Stammkunden dieser wilden Herbergen seit der nationalen 
Erneuerung den Weg zu Arbeit \md Ordnung zurückgefunden. 

b) Auf einer etwas gehobeneren Stufe standen und stehen noch die 
Stammkunden der gemeinnützigen Herbergen, die von freien Wohl- 
fahrt.sverbänden und kirchlichen Vereinigungen eingerichtet worden sind. 
Der Typus der „Schrippenkirche“ steht nach Ursprung und Bestimmung auf 
einer Stufe mit der Bodelschwinghschen Arbeiterkolonie: Karitative Gefähr- 
detenfürsorge in Verbindung mit ausgesprochen seelsorgerisch orientier¬ 
ter Pädagogik. Das Menschenmaterial der gemeinnützigen Herbergen ist 
erheblich gemischter als das der „wilden Pennen“. Die Kreise über¬ 
schneiden sich teilweise, vor allem ist auch für die Stammkundschaft der 
gemeinnützigen Herbergen ein starkes Fluktuieren kennzeichnend. Die ganz 
gerissenen und verkommenen Penner lieben es ja bekanntlich, gelegentlich 



185 


auch bei den Einrichtungen aller konfessionellen Verbände zu schnorren. 
Neben einwandfreien Industriearbeitern finden sich in den gemeinnützigen 
Herbergen fürsorgebedürftige Personen der verschiedensten Art, unbe¬ 
ständige Elemente, wilde Händler, Trinker, Markthallentypen, Wohlfahrts¬ 
empfänger, darunter hauptsächlich Sozialrentner. Eine gewisse Unruhe 
ist all diesen Menschen zu eigen. Auch die ,,Anstaltswanderer“ der Groß- 
stadtperinherie tauchen hier mehr oder weniger periodisch auf, so wie es 
überhaupt die hervorstechendste Eigentümlichkeit all dieser Leute ist, über¬ 
all nur kurze Gastspiele zu geben. In dem Augenblick, wo sie irgendwo 
gründlicher aufs Korn genommen werden, sind sie verschwunden, überall 
wird ihnen rasch der Boden unter den Füßen zu heiß. 

c) Die städtischen Obdacheinrichtungen erfassen 
neben besonders gelagerten Fürsorgefällen auch den größten Teil der 
Stammkunden der wilden und gemeinnützigen Herbergen, meist suchen 
die „Penner“ hier im Stadium einer besonderen Not oder vielmehr einer 
besonders akuten Verwahrlosung Zuflucht. Das lichtscheueste Gesindel 
allerdings, die verkommensten und gerissensten Elemente und die schlimm¬ 
sten Parasiten scheuen jede Art von Behörde und meiden daher auch die 
städtischen Obdacheinrichtungen. Die Inanspruchnahme der letzteren ist 
in Berlin auffallend zuBÜckgegangen, vor allem als Folge des wirtschaft¬ 
lichen und sozialen Wiederaufstiegs, aber auch wegen der immer schärferen 
polizeilichen Kontrollen (eine polizeiliche Fahndungsdienststelle ist ständig 
im Nächtlichen Obdach untergebracht). Die ursprünglich 4—5000 Besucher 
des Nächtlichen Obdachs waren bis Ende 1939 auf etwa 200 täglich zurück¬ 
gegangen und die städtischen Obdacheinrichtungen hatten im Vergleich 
mit den verschiedenen Herbergen, deren polizeiliche Beaufsichtigung 
weniger streng gehandhabt wurde, stark an Bedeutung verloren. Seit 
dem 1. 9. 1939 ist das Nächtliche Obdach in Berlin dem städtischen Arbeits¬ 
und Bewahrungshaus angeschlossen, wo die Obdachlosen laufend unter dem 
Gesichtspunkt der Bewahrungsbedürftigkeit durchgekämmt werden. Gleich¬ 
zeitig nimmt sie die Polizei täglich unter die Lupe, die Karteikarten der 
Obdachbesucher werden mit dem Steckbriefregister verglichen und die 
trotz Arbeitseinsatzfähigkeit arbeitslosen Obdachlosen ins Polizei-Präsidium 
eingeliefert, wo ihr Arbeitseinsatz von einer Spezialdienststelle des Arbeits¬ 
amts durchgeführt wird. Die Folge dieser vielfachen Prüfungen ist, daß 
„Penner“ und Dauerobdachlose nur noch in einzelnen Exemplaren, statt 
wie früher in Massen, auftauchen (derzeitig wird das Nächtliche Obdach 
im Tagesdurchschnitt von 10—20 Personen in Anspruch genommen. Es 
besteht nicht der geringste Zweifel, daß trotz des riesigen Zustroms von 
auswärtigen und ausländischen Arbeitem in Berlin nicht nur das Arbeit.s- 
losenproblem, sondern auch das Obdachlosenproblem restlos gelöst ist). 
Die noch immer gelegentlich oder periodi.sch auftauchenden Obdachlosen, 
die als Restexemplare des klassischen „Pennertums“ von gestern nach¬ 
gerade einen gewissen Museumswert erlangen, sind arbeitsscheue Elemente, 
„Störenfriede der Arbeit“, gewohnheitsmäßige Gesetzesübertreter leichterer 
Art, Wochenend- oder Quartalssäufer, Hemmungslose, Unwirtschaftliche, 
Unbeholfene, sehr Schmutzige, stets Verlauste, kurz Menschen, die weder 
Arbeitsausdauer besitzen, noch mit Arbeitseinkommen wirtschaften können, 
noch für eine ordentliche Wohnunterbringung tragbar sind. 

d) In privaten Schlafstellen gibt der Großstadtasoziale 
meist nur Zwischenspiele. Insbesondere soweit er Wohlfahrtsschnorrer ist, 
liebt er die Veränderung, weil sie die Kontrolle erschwert. 



186 


5. Einigermaßen seßhaft ist nur die asoziale Familie (Ehemann 
meist Trinker oder schwachsinnig, Ehefrau zumeist ebenbürtige Genossin). 
Die in Anstalten als Trinker oder säumige Nährpflichtige untergebrachten 
Familienväter von asozialen Familien gehören zu den unerquicklichsten 
Anstaltsfällen. Infolge starker Anlageschäden sind die Besserungsaus¬ 
sichten in der Regel eindeutig schlecht, jede Fürsorge hat eine ausge¬ 
sprochene Sisyphusarbeit zu leisten. Besonders die Ehen der — über¬ 
wiegend weichen und rührseligen — Trinker sind ein recht trauriges Ka¬ 
pitel. Auf die häufigen Ehescheidungen der Trinker folgen die ebenso 
häufigen Wiederverheiratungen der geschiedenen Ehegatten und die Tra¬ 
gödie dieser Ehen snielt sich in ewiger, hoffnungsloser Periodizität ab! 
Alles an diesen Familien ist Halbheit und auch keine ^Fürsorge wird dem 
Fluch dieser Halbheit entgehen. 

Die Wohlfahrtsämter sind nun von Haus aus Organe von Gemeinden 
mit betont lokalem Interessenkreis. Davon abgesehen, daß das heutige 
Wohlfahrtsamt nun einmal in einer Zeit geworden und gewachsen ist, für 
welche andere soziale Gedanken bestimmend waren als für unsere Gegen¬ 
wart (im älteren Fürsorgerecht hat die Asozialenfrage bestimmt keine 
große Rolle gespielt), ist das Wohlfahrtsamt am nichtseßhaften Menschen 
wenig interessiert. Sein Interesse beschränkt sich im allgemeinen auf 
die asozialen Familien und auf gewisse Sonderfäile und auch dieses Inter¬ 
esse ist ein überwiegend negatives: Man möchte diese Leute los sein! 
Nach Grad und Art der Inanspruchnahme öffentlicher Fürsorge kann man 
folgende Kategorien von asozialen Personen unterscheiden: 

a) langjährige Unterstützungsfälle der offenen Fürsorge, 

b) langjährige Unterstützungsfälle der geschlossenen Fürsorge, 

c) gelegentliche oder periodische Unterstützungsfälle der offenen 
Fürsorge, 

d) gelegentliche oder periodische Fälle der geschlossenen Fürsorge 
(manche Anstaltswanderer), 

e) die chronisch Behördenscheuen, welche öffentliche Fürsorge selten 
in Anspruch nehmen, dagegen zwangsläufig Stammkunden der 
Polizeibehörden und Gerichte sind. 

Die Wohlfahrtsämter übersehen im allgemeinen nur die Verhältnisse 
eines Großteils der langjährigen Unterstützungsfälle der offenen Fürsorge, 
sie befassen sich des weiteren mit den gelegentlichen und periodischen 
Fällen der offenen Fürsorge, aber schon diese Fälle bleiben für die reinen 
Unterstützungsämter weitgehend undurchsichtig, weil sie überwiegend 
nichtseßhaft sind. Alle anderen Fälle bleiben jedoch den Dienststellen der 
Unterstützungsfürsorge von Haus aus fremd. Auch die Kenntnisse der 
Wohlfahrtämter bezüglich vieler chronischer oder periodischer Unter¬ 
stützungsfälle sind — vor allem in der Großstadt — mangelhaft und ein¬ 
seitig, weil die Vorstrafenverzeichnisse der in Frage kommenden Asozialen 
selten eingefordert werden und weil die Asozialen Meister der Tarnung 
sind. Schon aus den Vorstrafenverzeichnissen geht hervor, daß viele 
langjährige Unterstützungsfälle der öffentlichen Fürsorge gleichzeitig 
langjährige Gewohnheitsbettler sind. Im übrigen ist es ein nicht zu unter¬ 
schätzendes Verdienst des bayrischen Landesverbandes für Wander- und 
Heimatdienst, durch das umfassende Material des von ihm veröffentlichten 
Sammelbandes „Der nicht seßhafte Jlensch“ den überzeugenden Nachweis 
erbracht zu haben, daß sich die Gemeinschädlichkeit des asozialen Menschen 
durchaus nicht mit seiner Gemeinlästigkeit, geschweige denn mit seinen 
Fürsorgelastcn, deckt. Wenn diese Erhebungen durch das entsprechende 



187 


Material industrieller Großstädte Norddeutschlands ergänzt würden, ergäbe 
sich zweifellos ein noch viel eindeutigeres Bild. Was von der moralischen 
und kriminellen Verwahrlosung des Landstreichers gilt, das gilt hundert¬ 
mal von der moralischen und kriminellen Verwahrlosung des Großstadt¬ 
penners. Mit der Verwahrlosung des nichtseßhaften Asozialen sind Polizei 
und Gerichte in einem viel größeren Umfange befaßt als die Wohlfahrts¬ 
ämter. Soweit die öffentliche Fürsorge am nichtseßhaften Asozialen inter¬ 
essiert ist, handelt es sich weniger um die Unterstützungsfürsorge der Be¬ 
zirksfürsorgeverbände, als um gewisse Spezialdienststellen der Landes¬ 
fürsorgeverbände (großstädtische' Obdacheinrichtungen, Pflegeämter, 
Strafentlassenen-Fürsorge und sonstige Einrichtungen der Gefährdeten- 
fürsorge). Das Interesse der Bezirksfürsorgeverbände am nichtseßhaften 
Asozialen beschränkt sich im großen ganzen auf die fromme Bauemmoral: 
„Heiliger Sankt Florian, verschon’ mein Haus, zünd’ andre an!“ Dieses 
Interesse ist meist deshalb schon von Haus aus problematisch, weil die 
fürsorgerechtliche Zuständigkeit des Nichtseßhaften regelmäßig zweifel¬ 
haft ist. (Für Berlin und Hamburg, wo wenigstens Bezirksfürsorgever¬ 
bände und Landesfürsorgeverband zusammenfallen, bestehen bis zu einem 
gewissen Grad besonders günstige Voraussetzungen). Zusammenfassend 
soll hier nochmals die dringende Notwendigkeit unterstrichen werden, die 
natürliche „Schlüsselstellung“ der Polizei durch ein Reichsbewahrungs¬ 
gesetz zu verstärken, wobei ein der Nichtseßhaftigkeit der Asozialen an¬ 
gepaßter Verfahrensmodus gefunden werden muß. (Völlig abwegig wäre 
es jedoch, die gerichtliche Arbeitshausunterbringung zu beseitigen, schon 
unter Berücksichtisrung der großen Vorzüge des einzelrichterlichen und 
zum Teil schnellrichterlichen Verfahrens). —Wer die Auffassung vertritt, 
daß das Arbeitshaus ungeeignet zur Bewahrung Asozialer ist und daß 
hierfür nur Arbeiterkolonien und Heimathöfe geeigpiet sind, hat keine 
Ahnung von den tatsächlichen Schwierigkeiten, die sich aus der Kriminalität, 
Böswilligkeit und Uneinsichtigkeit vieler Asozialer ergeben. Der ge¬ 
rissene Landstreicher und Penner seinerseits sieht jeden, der ihm nicht 
mit der von Fall zu Fall erforderlichen Strenge begegnet, mit Recht als 
Trottel an (und Strenge ist oft genug auch bei Schwachsinnigen erforder¬ 
lich). Eine vernünftige und tatkräftige Straffung der „Arbeiterkolonien 
und Heimathöfe“ ist ebenso angezeigt, wie eine großzügige Auflockerung 
des Arbeitshausvollzugs, aber .^este“ oder „geschlossene“ Häuser können 
durchaus nicht als überholte Einrichtungen gelten, wenn die Bewahrungs¬ 
fürsorge etwas mehr sein soll als Schaumschlägerei und schöne Fassade. 

Eine wichtige Sozialbehörde, das Arbeitsamt, ist nur negativ 
an der Lösung der Asozialenfrage beteiligt, aber diese negative Funktion 
des Arbeitsamts ist von großer praktischer Bedeutung. Der „Erste Durch¬ 
führungserlaß“ zur Verordnung über Arbeitslosenhilfe vom 5. 9. 1939 
(Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger Nr. 213 vom 
13. 9. 1939) führt zu § 1 der genannten Verordnung aus: „Asoziale stehen 
dem Arbeitseinsatz nicht zur Verfügung und gehören daher nicht in den 
Kreis der Unterstützungsempfänger des Arbeitsamts. Asozial ist, wer 
aus Arbeitsscheu Arbeitsmöglichkeiten beharrlich nicht nutzt oder nicht 
genutzt hat, oder die Bemühungen, ihm Arbeit zu verschaffen, beharrlich 
vereitelt“. (Übrigens wiederum ein Schulbeispiel dafür, wie man einen 
Begriff, der nun einmal in jeder grundsätzlichen Erörterung eine wichtige 
Rolle spielt, nur unter dem Gesichtswinkel eines einseitigen Ressortstand¬ 
punktes definieren kann). Daß der Grundsatz der Nichtzuständigkeit der 
Arbeitsämter für die A.sozialenbetreuung zum Durchbruch gelangt i.st, be¬ 
ruht vermutlich nicht zuletzt auf den schlechten Erfahrungen, die man mit 



188 


der Dienstverpflichtung Asozialer gemacht hat. Man hat erkannt, daß 
es doch einen beachtlichen Bruchteil schwieriger Personen gibt, die immer 
und überall unliebsam auffallen und in keiner Arbeitsstelle durchhalten. 
So sehr die Wirtschaft daran interessiert ist, daß gegen diese sozialen 
Störenfriede und ewigen Versager, die die Arbeitsmoral und Arbeits¬ 
disziplin jedes Betriebs untergraben, streng durchgegriffen wird („böse 
Beispiele verderben gute Sitten“), so wenig ist dem Einzelbetrieb damit 
gedient, daß ihm Arbeitskräfte aufgezwungen werden, mit denen nun 
einmal nichts anzufangen ist, zumal die Erfahrung zeigt, daß die Wirk¬ 
samkeit von Zwangsmaßnahmen immer eine begrenzte bleibt: Die Flucht 
in die Krankheit gibt dem Faulenzer so viele Möglichkeiten, der asoziale 
Schwächling ist so erfinderisch an flauen Entschuldigungen, der Nachweis 
des bösen Willens und des persönlichen Verschuldens i.st in vielen Einzel- 
fällen so schwierig, daß auch in Zeiten stärksten Arbeitsbedarfs der 
Wunsch des Betriebsführers, von Arbeitern mit chronischem Leistungsaus¬ 
fall befreit zu werden, alles andere überwiegt. 

Es ist gewiß erfreulich, daß Arbeitsuntreue und Arbeitsverweigerung 
durch das neue Arbeits.strafrecht, das durch den Krieg zwangsläufig 
verschärft ist, in immer größerem Umfange mit empfindlichen Gefängnis¬ 
strafen geahndet werden, denn im totalen Krieg ist Arbeitsscheu, Drücke¬ 
bergerei und Faulenzerei Fahnenflucht und hängt das Schicksal des Ge¬ 
samtvolks davon ab, daß der letzte Arbeiter seine Pflicht erfüllt. Zimper¬ 
lichkeit i.st hier nicht am Platz. Die immer vorbehaltlosere Bejahung der 
Gemeinschaftsbelange bedingt weitgehende Verschiebungen in der Ab¬ 
grenzung des Asozialen vom Antisozialen, Kriminellen: Gefängnisstrafen 
für Arbeitsuntreue und Arbeitsverweigerung entspringen' der gleichen 
Grundeinstellung wie die strengere Verurteilung des Zuhälters seit der 
Machtergreifung. In den Jahren des Niedergangs waren die Zuhälter 
eine Hauptkategorie der großstädtischen Arbeitshäuser, heute bringt man 
sie nur noch in Zuchthäusern, Sicherungsan.stalten und Konzentrationslagern 
unter, trotzdem sie milieumäßig und psychologisch mehr dem asozialen 
als dem antisozialen Typus zuzurechnen sind. Ähnliches gilt von den 
anlagebedingten Homosexuellen. 

Es ist jedoch in diesem Zusammenhang zu unterscheiden zwischen 
gesunden, kräftigen Menschen und zwischen den notorischen Schwächlingen, 
bei welchen Strafe wenig nützt. Heute stehen viele Tausende von schwäche¬ 
ren Arbeit.skräften, die früher nicht vermittlungsfähig waren, in Arbeit 
und Brot. Das bedeutet sicherlich für viele den Beginn einer „Resoziali¬ 
sierung“. Aber diese Resozialisierung ist mit einer rein statistischen 
Überwindung der Arbeitslosigkeit noch nicht erschöpft: Auf die Dauer 
muß der Asoziale und ewige Stempelbruder von gestern ein von Grund 
auf anderer Mensch werden, es i.st auf die Dauer kein Fortschritt, wenn 
er sein altes Lotter- und Faulenzerleben unter neuen Formen fortsetzt, 
als Lohn- und Gehaltsempfänger das Niveau der Arbeitsleistung drückt 
und die Ai’beitsdisziplin gefährdet. Es ist ebenso Pflicht des verant¬ 
wortungsbewußten Betriebsführers als des Arbeitsamtes, diesem Volks- 
.schädling tatkräftig den Kampf anzusagen. Die Zahl der Grenzfällc und 
„sozial schwierigen“ Fälle des Arbeitseinsatzes, die in allen Betrieben völlig 
versagen, ist heute noch Legion. Sie sind besonders durch stetigen Arbeits¬ 
platzwechsel (auch im Kriege) auffällig. Der alte Betrieb ist meist froh, 
wenn er sie los wird, der neue Betrieb erlebt keine Freude an ihnen. Über¬ 
all richten sie nur Ärger, Schaden und Verwirrung an. Hoffentlich er¬ 
leichtert das kommende Bewahrungsgesetz auch die Anstaltsunterbringung 


1 



189 


dieser Störenfriede und Versager. Wichtig ist, daß sie frühzeitig 
in Anstaltspflege genommen werden, solange noch Arbeitserziehungsaus¬ 
sichten in Frage kommen. (An alten Pennern ist in der Kegel' Hopfen 
und Malz verloren.) Man wird sich zur Anstaltsunterbringung dieser Ele¬ 
mente umso eher entschließen, wenn der produktive Arbeitseinsatz der 
Anstalten (kolonnenmäßiger Einsatz in Industriebetrieben) erweitert wird. 
Das ist, beispielsweise nach den Kriegserfahrungen des Stadt. Arbeits¬ 
und Bewahrungshauses Berlin-Rummelsburg, in großem Umfange möglich. 
Denn viele der in Frage kommenden „faulen Kunden“ arbeiten ganz brauch¬ 
bar, sobald sie der straffen Zucht und Aufsicht einer geeigneten Anstalt, 
die durchaus nicht den hundertprozentigen Typus der geschlossenen An¬ 
stalt darzustellen braucht, unterstehen. Zahlreiche Strafregisterauszüge ent¬ 
halten heute schon mehrere Vorstrafen wegen Arbeitsuntreue, Arbeits¬ 
verweigerung oder Arbeitsscheu und zeichnen dadurch ein eindeutig asozi¬ 
ales Persönlichkeitsbild, wie das Persönlichkeitsbild des Landstreichers von 
früher durch Dutzende von „Stromerdelikten“ gezeichnet wurde. Bei der 
gerichtlichen Unterbringung (nach § 42 StGB.) bleiben die.se einschlägigen 
Vorstrafen immer bedeut.sam. Wenn Polizei-, Wohlfahrts- oder Arbeits¬ 
amtsdienststellen die Anstaltsunterbringung veranlassen oder anordnen, 
.sind neuerdings die Arbeitspapiere ein sehr brauchbarer Maßstab. Ins¬ 
besondere das Arbeitsbuch hat sich auch in diesem Zusammenhang glänzend 
bewährt. An Hand der Arbeitsbucheintragungen läßt sich in den meisten 
Fällen der fleißige, gediegene Arbeiter unschwer vom ewigen Versager 
und „Störenfried der Arbeit“ unterscheiden und es liegt nicht zuletzt im 
Interesse der Wirtschaft, daß der letztere immer mehr aus dem freien 
Arbeitseinsatz und aus der Betreuung der Arbeitsamtsdienststellen aus¬ 
geschieden und einer Spezialbehandlung (Arbeitsschulurg und Bewahrung) 
unterworfen wird. 

Die grundsätzliche Nichtzu.ständigkeit der Arbeitsämter für die 
.4sozialenbetreuung wird durch die grundsätzliche Zuständigkeit der Für¬ 
sorgeverbände, hauptsächlich der Landesfürsorgeverbände, bedingt. Grund¬ 
sätzlich ist die Betreuung Asozialer durch § 20 der Fürsorgepflichtverord¬ 
nung vom 13. 2.1924, sowie insbesondere durch die §§ 11, 13 der Reichsgrund¬ 
sätze über Voraussetzung, Art und Maß der öffentlichen Fürsorge vom 
4. 12. 1924 gesetzlich geregelt. Für die Arbeitshausunterbringung der 
„Säumigen Nährpflichtigen“ nach § 20 RFV., deren praktische Bedeutung 
heute sehr begrenzt ist, ist das Erfordernis des persönlichen („sittlichen“) 
Verschuldens charakteristisch. § 13 RGS. spricht von „Arbeits.scheu und 
offenbar unwirtschaftlichem Verhalten“, das zu einer Beschränkung der 
öffentlichen Fürsorgeleistungen, vor allem auch auf Anstaltspflege, be¬ 
rechtigt. § 11 RGS. sieht „Anstaltspflege“ vor, „wenn der körperliche, 
geistige oder .sittliche Zustand des Hilfsbedürftigen besondere Maßnahmen 
zur Heilung, Pflege oder Bewahrung erfordert“. In der heutigen Praxis 
der öffentlichen und privaten Fürsorge lassen sich verschiedene Sy.stemc 
der Asozialenbetreuung unterscheiden. Von einem „System“ fürsorge¬ 
rischer Betreuung zu reden hat in. E. nur Sinn, wo eine fürsorgerische 
Praxis auf gewissen tragenden, logisch zusammenhängenden Grundge¬ 
danken beruht, nicht dagegen, wo für eine fürsorgerische Praxis nur über¬ 
lieferte Einrichtungen und der Mangel an eigenen Gedanken charak¬ 
teristisch sind. 

In vielen mehr oder weniger ländlich-provinzialen Bezirken des Reichs 
wird die Asozialenfrage noch nicht als Problem empfunden. Es herrscht 
hier ein Anstaltswesen, das sich in durchaus althergebrachtem Rahmen 
bewegt und für das der fiskalische Gesichtspunkt oft genug der ausschlag- 


190 


gebende ist, auf der einen Seite kleine gefängnismäßige Arbeitshäuser, 
aus welchen die „Kunden“ in regelmäßigen Abständen entlassen werden, 
damit sie Gelegenheit haben, auch in anderen Provinzen Unfug zu treiben. 
Auf der anderen Seite „Landespflegeheime“ oder Anstalten ähnlichen 
Namens für die „Landarmen“, meist primitive Altersheime, in welchen 
Stumpfsinn, Schwachsinn und Altersblödsinn einen wunderbaren Dreiklang 
bilden. Seit den Tagen des Alten Fritz hat sich hier herzlich wenig ge¬ 
ändert. Dieser patriarchalisch-gemütliche Rhythmus ländlicher Bezirke 
ist insofern nicht sehr beti'üblich, als sich die letzteren, von der Kraft 
kor.servativ-mittelständischer Kultur getragen, auch ohne behördliche 
Bewahrungsfürsorge immer noch weitgehend immun gegen volksschädliche 
Einflüsse fühlen. An sich weiß jeder, der deutsches Volkstum in Stadt 
und Land kennt, daß überall und selbst in den entlegensten Dörfern eine 
bunte und groteske Menge von absonderlichen Typen und Außenseitern 
ihr Dasein fristet, die für das freie Leben einer Großstadt nicht tragbar 
wäre, aber unter der Kontrolle einer Dorf- und Kleinstadtgemeinschaft 
nicht allzuviel Unheil anstiften kann. (In seiner entzückenden Novelle 
„Die Grabbenkocher“ hat der geniale flämische Dichter Felix Timmermans 
Typen solcher Kleinstadtasozialen gezeichnet). 

Soweit systematische Lösungen der Asozialenfrage in Angriff 
genommen sind, stehen sich heute folgende drei Typen der Bewahrungs- 
iursorge gegenüber: 

1. das System der freien Arbeiterkolonien, 

2. das System der bayrischen „Heimathöfe“, 

3. das großstädtische Bewahrungssystem Hamburg-Berlin. 

Zu 1. Das System der freien Arbeiterkolonien: 

Das Ziel der größtenteils in den Not- und Elendsjahren des Hoch¬ 
kapitalismus von freien Wohlfahrtsverbänden und kirchlichen Vereinigungen 
gegründeten Arbeiterkolonien war nicht sowohl die Lösung der Asozialen¬ 
frage als der Kampf gegen die durch die Wirtschaftskrisen bedingte Massen¬ 
not der Arbeitslosigkeit. Durch die restlose Überwindung der Arbeits¬ 
losigkeit haben diese Einrichtungen ihre alte Bedeutung verloren und ihre 
Umstellung ist auf neue Aufgaben notwendig geworden. Heute ist die 
Wirtschaft unbegrenzt aufnahmefähig für die harmlos-willigen, doch 
irgendwie schwächeren Arbeitskräfte geworden, welche in den früheren 
Krisenjahren das Gros der Arbeiterkolonie-Insassen bildeten. Auch die 
winterliche Kolonieunterbringung der ländlichen Saisonarbeiter hat infolge 
der wirtschaftlichen Entwicklung bis auf gewisse Restfälle, bei denen 
langjährige Gewohnheiten ausschlaggebend sein dürften, aufgehört. Im 
ganzen sind die freien Kolonien heute erheblich unterbelegt, ihre Organi¬ 
sationsformen sind überall mehr oder weniger strittig geworden, eine ganze 
Anzahl von Anstalten ist in den letzten Jahren aufgelöst oder kommunali¬ 
siert worden. Diese Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen. Unter den 
Restinsassen der Arbeiterkolonien lassen sich etwa folgende Kategorien 
unterscheiden: 

a) Kolonisten im alten Sinn, 

b) asoziale Anstaltswanderer, 

c) typische Bewahrungsfälle. 

Zu a) Kolonisten im alten Sinn: Soweit Arbeiterkolonie-Insassen 
dem Arbeitseinsatz zur Verfügung stehen, gewährt die Reichsanstalt für 
Arbeitslosenversicherung auf Grund der Verordnung über Arbeitslosen¬ 
hilfe vom 5. 9. 1939 an die Arbeiterkolonien finanzielle Zuschüsse. In einer 
Zeit fortschreitender Arbeitsverknappung kann eine Arbeitslosenbetreuung 



191 


durch Einrichtungen geschlossener Fürsorge nicht von sehr weittragender 
Bedeutung sein: Zahlenmäßig sind die reinen Kolonisten im Rahmen der 
Arbeiterkolonien nur eine kleine Minderheit. 

Zu b) Asoziale Anstaltswanderer: Der Unfug der alten Kolonie¬ 
bummler, die ohne ordnungsmäßige Betreuung nach Belieben bald hier 
bald dort auf- und untertauchen, ist leider immer noch nicht ausgerottet. 
Das Bedenkliche an der Tatsache, daß Koloniebummler noch möglich sind, 
besteht darin, daß diese Elemente schwerlich die Einzelanstalten mit Rück¬ 
sicht auf ihre pädagogischen Vorzüge auswählen, vielmehr mit Vorliebe 
in den Anstalten Aufnahme suchen, wo sie das bequemste Leben führen, 
wo das Arbeitstempo am langsamsten ist, wo am meisten Nachsicht mit 
ihren Unsitten, vor allem ihrer Trunksucht geübt wird und wo sie sich am 
ungeniertesten jederzeit wieder empfehlen können. Sie neigen dazu, die 
Anstalten gegen einander auszuspielen! 

Zu c) Typische Bewahrungsfälle: Im Unterschied zu den Kolonie¬ 
bummlern werden diese Fälle ordnungsmäßig von den zuständigen be¬ 
hördlichen Stellen zum Zwecke längerer, planmäßiger Anstaltsbe- 
w'ahrung überwiesen imd nur im Einvernehmen mit den zuständigen behörd¬ 
lichen Stellen wieder entlassen. Eine planmäßige Zusammenarbeit mit den 
Anstalten der freien Wohlfahrtspflege (insbesondere mit den Hoffnungstaler 
Anstalten, Lobetal), eine organische Eingliederung der freien Arbeiter¬ 
kolonien in das System der behördlichen Bewahrungsfürsorge wird u. a. in 
Berlin versucht. Diese Zusammenarbeit ist überall eine Notwendigkeit. 
Bei einer Arbeitsteilung zwischen behördlichen und freien Anstalten werden 
den letzteren überwiegend die leichteren Fälle zu überweisen sein: Viele 
harmlos-schwachsinnigen Dauerbewahrungsfälle werden von den freien 
Kolonien vorbildlich betreut; die schwierigen Fälle sind erfahrungsgemäß 
für die freien Kolonien nicht tragbar. 

Die Arbeiterkolonien haben in der Vergangenheit viel wertvolle 
Pionierarbeit geleistet. Ihr Hauptverdienst besteht wohl darin, daß sie 
als erste in nennenswertem Umfang produktive Arbeitslosenfürsorge ge¬ 
trieben haben. (Vgl. die Schrift „Die wirtschaftliche und soziale Bedeu¬ 
tung der Deutschen Arbeiterkolonien“ von Dr. Kurt Erdlenbruch, 
Bethel bei Bielefeld 1929.) Auch in der Gefährdetenfürsorge haben die 
Arbeiterkolonien sicher viel Wertvolles geleistet. Ob die freie Wohlfahrts¬ 
pflege heute noch berufen ist, auf diesem Gebiet ausgesprochene Pionier¬ 
arbeit zu leisten, erscheint fraglich. Früher unterschied man zwischen 
einer „aktiven Oberschicht“ imd einer „passiven Unterschicht“ unter den 
Kolonieinsassen. Die aktive Oberschicht ist aber inzwischen fast restlos 
verschwunden und auch von der passiven Unterschicht ist nur ein frag¬ 
würdiger Rest übriggeblieben. Daher stehen heute auf dem Gebiet der 
Bewahrungsfürsorge die Notwendigkeiten des staatlichen Zwangs und der 
einheitlichen Planung im Vordergrund. Eine gewisse Ergänzung des be¬ 
hördlichen Zwangs durch die aulgelockerten Methoden der freien Wohl¬ 
fahrtspflege bleibt immer wünschenswert. Das Verdienst und die Stärke 
der freien Arbeiterkolonien besteht vor allem in der Schulung eines tüch¬ 
tigen Mitarbeiterstabs. Die in der karitativen Anstaltsarbeit tätigen 
Sozialkräfte erstreben nicht so sehr ihre persönliche Versorgung; ihre 
Arbeit wird weitgehend von selbstlosen Beweggründen getragen, der Dienst 
am Menschen ist hier Lebensbedürfnis. Es ist wichtig, daß für den schwie¬ 
rigen und undankbaren Anstaltsdienst Menschen zur Verfügung stehen, die 
sozial aus Anlage und Leidenschaft sind und im Sozialberuf ihre innerste 
Befriedigung suchen. 

Nach der Statistik des Zentralvorstands der Deutschen Arbeiter¬ 
kolonien wurden am Schluß des Jahres 1940 in den Arbeiterkolonien 4536 



192 


olatmä.'jige Plätze gezählt, die tatsächliche Belegung der Kolonien schwankte 
im Lauf dieses Jahres zwischen 2718 und 2961 Betten, so daß 1766 bis 1493 
Plätze frei waren. 


Von den 3592 neu aufgenommenen Kolonisten des Jahres 1940 kamen 
in eine Kolonie: 


zum erstenmal . 818 

„ zweitenmal . 530 

„ drittenmal . 355 

„ viertenmal . 319 


zum fiinftenmal . 263 

„ sechstenmal . 192 

„ siebentenmal . 142 

öfter . 907 

(ohne Angaben . 66) 


.A.m Ende des Kalenderjahrs befanden sich in den Kolonien 2927 
Insassen, davon: 


2 Monate und darunter . 470 

2—4 Monate . 389 

4—6 Monate . 263 

6—12 Monate . 417 

über ein Jahr . 1388 


Daraus folgt, daß die Gesamtarbeit der Kolonien immer noch an¬ 
nähernd so wichtig ist wie die der Arbeitshäuser. Dem Alter nach w'aren 
unter den Neuaufgenommenen (3592): 


unter 20 Jahre . 

. 18 

51—60 Jahre . 

. 921 

21—30 Jahre . 

. 173 

61—70 Jahre . 

. 1201 

31—50 Jahre . 

. 975 

über 70 Jahre . 

. 304 


Im Rahmen der heutigen- Kolonialarbeit überwiegt daher die aus 
gesprochene Altersfürsorge. 

Nach dem Familienstand waren: 


ledig . 

verheiratet 
getrennt ... 
verwitwet 
geschieden 


2545 
.. 91 
158 
393 
405 


Zu 2. Das System der bayrischen Heimathöfe: 

Die Arbeit der von Standartenführer Alarich S e i d 1 e r geleiteten 
„Heimathöfe“ des bayrischen Landesverbandes für Wander- und Heimat¬ 
dienst ist aus der Arbeit freier Kolonien hervorgegangen und anerkennt 
ausdrücklich die Verdienste der freien Kolonien in der Vergangenheit. Die 
Bodel.schwinghsche Arbeit ging von den Nöten der großstädtischen Indu¬ 
striearbeiterschaft aus und war ein Beitrag zur Lösung der „Arbeiter¬ 
frage“ in einer Zeit, deren Sozialgesinnung und deren soziale Probleme 
sich vielfach von der heutigen Zeit unterschieden. Die bayrischen Heimat¬ 
höfe sind demgegenüber aus einem überwiegend ländlichen und mittel- 
.ständischen Lebenskreis heraus entstanden. Ihre Arbeit wird von der 
Volksnähe und Volksverbundenheit .spezifisch süddeutschen Volkstums ge¬ 
tragen, der Heimatgedanke steht im Mittelpunkt dieser Arbeit. 

Im System der bayrischen Heimathöfe nimmt das Programmatische, 
Grundsätzliche einen sehr breiten Raum ein. Diese Tatsache unterscheidet 
sich vorteilhaft von der traditionsgebundenen Fürsorgepraxis sonstiger 
Länder und Provinzen. Nach den Satzungen des BLVW. (Bayr. Landes¬ 
verband für Wandei’- und Heimatdienst) ist der „Zw'eck des Verbandes 
die Regelung der Wanderfürsorge, insbesondere ist Aufgabe des 
Verbandes die Betreuung, Arbeitsschulung und Arbeitsumschulung bedürf¬ 
tiger oder gefährdeter Personen beiderlei Geschlechts, die Berufsertüchti¬ 
gung körperbehinderter Personen zum Zwecke ihrer Arbeitseinsatzfähig¬ 
keit, die Errichtung und Unterhaltung von Arbeitsanstalten und Alters- 




























heimen für Personen, deren anderweitige Erziehung und Unterbringung 
aus besonderen Gründen nicht möglich ist“. „Der Verband erstrebt durch 
die Übernahme der Betreuung dieser schwierig zu behandelnden Personen 
eine Entlastung der Fürsorgeverbände zugunsten wichtigerer Aufgaben. 
Das Ziel des Verbandes ist es in erster Linie, jeden einsatzfähigen Menschen, 
der durch besondere Lebensumstände gefährdet ist, der deutschen Volks¬ 
gemeinschaft zurück zugewinnen“. Bemerkenswert ist, daß in diesen 
programmatischen Sätzen, die den „Zweck“, die „Aufgabe“ und das „Ziel“ 
des Verbands auf so mannigfaltige Art umschreiben, der Asozialenbegriff 
keine Verwendung findet. In dem 466 Seiten starken Sammelband „Der 
nichtseßhafte Mensch“, der als literarischer Niederschlag dieses „Systems“ 
angesprochen werden darf, kommt die Bezeichnung „asozial“ nur etwa 
zwanzigmal vor. Einmal ist davon die Rede, daß „dem ausgesprochenen 
Asozialentum unerschrocken und mit erfrischender Deutlichkeit die asoziale 
Maske vom Gesicht zu reißen sei, während dem Arbeitswilligen (!) durch 
die persönliche Behandlung die Wertung zugesprochen werden müsse, die 
jedem tätigen Volksglied zukomme“ (S. 432). In seiner grundsätzlichen 
„Einführung“ unterscheidet Alarich S eid 1 e r zwischen „Gemein¬ 
schaftsfähigen“ und „Gemeinschaftsunfähigen“: 

„Gemeinschaftsfähig ist, wer in den Grenzen seiner Gesundheit und 
seiner Arbeitsfähigkeit durch Leistung und kameradschaftliches Verhalten 
sich zur Gemeinschaft bekennt und so beweist, daß er die wirtschaftliche 
und ideelle Eingliederung in die Volksgemeinschaft erstrebt“. 

„Gemeinschaftsunfähig ist, wer trotz vorhandener Arbeitsfähigkeit 
sich als arbeitsscheu erweist oder wer in seinem sonstigen Verhalten gegen¬ 
über der Gemeinschaft in egoistischer Weise den Gemeinschaftsfrieden 
stört, insbesondere die Neigung zu Vergehen oder Verbrechen bekundet“. 

Diese Begrenzungen und Begn'üfsbestimmungen sind ebenso für die 
Bedürfnisse einer bestimmten Verwaltung geprägt wie die mehrfach 
zitierten Asozialenbegriffe. Bei den „gefährdeten“ und „schwierig zu 
behandelnden Personen“ der bayrischen Heimathöfe handelt es sich im 
übrigen um dieselben Typen von Menschen wie bei den „Asozialen“ der 
großstädtischen Bewahrungseinrichtungen Berlins und Hamburgs. Hier 
wie dort sind „die Grenzen der Gesundheit und Arbeitsfähigkeit“ meist 
mehr oder weniger eng gezogen, dabei ist das subjektive „Streben“ oft 
genug gemeinschaftsbejahend und braucht moralische Minderwertigkeit 
nicht ohne weiteres vorzuliegen. (Die subjektive Bindung an die Gemein¬ 
schaft ist vielleicht sogar bei notorischen Schwächlingen stärker als bei 
Menschen von normaler Lebenstüchtigkeit, denn die Schwachen sind ja 
mehr von der Gemeinschaft abhängig als die Starken.) In den Veröffent¬ 
lichungen des BLVW. wird die Gemeinschädlichkeit des „nichtseßhaften 
Menschen“ durch umfangreiche wissenschaftliche Forschungsergebnisse 
klargestellt und die Notwendigkeit seiner Bewahrung erhärtet. Ander¬ 
seits bringen gewisse programmatische Veröffentlichungen des Verbandes 
mit Recht zum Ausdruck, daß die besondere Gefährdung und Verwahr¬ 
losung vieler Personen sozial bedingt ist und nicht auf persönlichem Ver- 
•schulden oder Böswilligkeit beruht. Vermutlich wird der Asozialenbegriff 
in der Arbeit der „Heimathöfe“ deshalb vermieden, weil mit diesem Begriff 
infolge seiner einseitigen Formulierungen — insbesondere von seiten einer 
gewissen Verwaltungsbürokratie — schon zu viel Mißbrauch getrieben 
worden ist. Für den beschränkten Verwaltungs- und Behördenmenschen, 
der sich mit spießerischer Selbstgefälligkeit gegen den Reichtum des 
Lebens hinter grünen Schreibtischen verschanzt, wird der Asozialenbegriff 



194 


leicht zum bequemen Inbegriff von biologischer und moralischer Minder¬ 
wertigkeit jeder Art. Vor allem verschließt sich „Sankt Bürokratius“ 
gern der unbequemen Erkenntnis, daß Drückebergerei, Faulheit und Lieder¬ 
lichkeit durchaus keine Monopole von Anstaltspfleglingen und ähnlichen 
armseligen Tröpfen sind, vielmehr unter den Berufstätigen aller sozialen 
Schichten weitgehend vertreten und sogar in seiner nächsten Umgebung 
gar nicht so selten sind. Er bläht sein eigenes Selbstwertbewußtsein 
künstlich auf, indem er sich die Asozialen als Menschen zweiter Klasse 
und als „außerhalb der Volksgemeinschaft“ stehend vorstellt. (Wo ihm 
dann allerdings asoziale Personen im Leben selber begegnen, pflegen sie 
ihn mühelos über den Löffel zu barbieren.) Im Einzelfall wird nach den 
primitiv-beschränkten Auffassungen von „Sankt Bürokratius“ die Asozialen- 
frage entscheidend dadurch gelöst, daß man auf den Aktendeckel des 
Elenden, von dem festgestellt worden ist, daß er vom Asozialenbazillus 
besessen ist, den großen Bürostempel „asozial“ aufdrückt. Um das 
Unordentliche, Unerquickliche und Peinliche, das dem Fall von Hause aus 
anhaftet, vollends auszugleichen, wird er dann noch in eine große, sehr 
sauber geführte Asozialenkartei übertragen. Zu den Akten wird der Fall 
gewissermaßen dadurch geschrieben, daß man seine Kasernierung — 
möglichst auf Nimmerwiedersehen — in einer gefängnismäßig strengen 
Anstalt anordnet, deren Etatmittel möglichst stark zu beschneiden sind. 
Mit dieser Bewahrungskaseme kann man — das ist im Grunde ihr Haupt¬ 
vorzug — allen schwierigen Elementen bange machen, vor allem den bösen 
Menschen, die den braven, friedlichen Amtsschimmel ärgern. Demgegen¬ 
über ist die Arbeit der bayrischen „Heimathöfe“ nicht aus dem künstlichen 
Schematismus abstrakter Begriffe, sondern aus dem Reichtum lebendigen 
deutschen Volkstums und aus der Schönheit der bayrischen Landschaft 
erw'achsen: Der Hauptvorzug dieser Arbeit ist, daß sie nicht nach Tinte 
riecht. Der „nichtseßhafte Mensch“ wird hier nicht bekämpft, sondern 
in die Volksgemeinschaft, in das lebendige heimatliche Volkstum einge¬ 
gliedert. Die Bewahrungsfürsorge der Heimathöfe ist keine Schuttablade- 
stelle und kein Komposthaufen, sondern ein Arbeitsgebiet von höchster 
sozialpädagogischer Wichtigkeit. In schörferisch großzügiger Art ward 
hier an schwierigen und gefährdeten Menschen Erziehungsarbeit 
geleistet, und weil der Erziehungsgedanke das Gesicht der Heimathöfe 
entscheidend bestimmt, wird alles vermieden, was das Ehrgefühl der 
Untergebrachten verletzen oder gar ertöten könnte. Die Schützlinge dieser 
Anstaltsfürsorge brauchen sich nicht als Volksgenossen zweiter Klasse 
zu fühlen. Es gilt weder als Schande, in den Heimathöfen zu leben noch 
dort zu sterben! Die Verpflichtung der Gemeinschaft zur Erziehungshilfe 
am schwächei'en Volksgenossen findet in den Heimathöfen vorbehaltlose 
Bejahung. Vor allem ist die geschickte und großzügige Art, mit der für 
den Gedanken der Erziehungshilfe in der breitesten Öffentlichkeit geworben 
und wertvollste Aufklärungsarbeit geleistet wird, ein starkes Aktivum der 
Arbeit des BLVW. 

Rechtlich i.st der bayrische Landesverband für Wander- und Heimat¬ 
höfe eine selbständige Körperschaft des öffentlichen Rechts. Der Verband 
erfüllt seine Aufgaben als Vollzugsstelle des bayrischen Innenministeriums 
und „unter Zusammenfassung der an den Aufgaben der Wanderfürsorge 
beteiligten Bezirksfürsorgeverbände, Landkreise und Gemeinden“. Mit der 
völligen Beseitigung des Landstreicherunwesens ist zwangsläufig an Stelle 
der Wanderfürsorge im großen ganzen die „Bewahrungsfürsorge“ getreten. 
Diese ist hier vom großen Aufgabenkreis der Fürsorgeverbände losgelöst 
und verselbständigt (zwecks „Entlastung der Fürsorgeverbände zugunsten 



195 


wichtigerer Aufgaben“). Durch diese Verselbständigung wird zunächst 
die grundsätzliche Bedeutung der Bewahrungsfürsorge unterstrichen, es 
werden aber auch wichtige organisatorische Vorteile gewonnen: Die Heran¬ 
bildung eines Mitarbeiterstabes von tüchtigen Sozialkräften, die die ent¬ 
scheidende Voraussetzung jeder erfolgreichen Anstaltsarbeit bildet, wird 
begünstigt. Und sodann wird durch Erlangung der verwaltungsmäßigen 
Autonomie die Selbstverantwortlichkeit, Entschlußkraft und Beweglichkeit 
der Anstaltsleitungen in wirtschaftlicher Beziehung gestärkt. Das letztere 
ist besonders bedeutungsvoll, weil für die Zukunft der Bewahrungsfürsorge 
der produktive Arbeitseinsatz der Anstaltskräfte immer ausschlaggebender 
wird. 

Nach dem letzten Arbeitsbericht des BLVW. für 1940 betrug der 
Personenstand in den Wanderhöfen und Wanderarbeitsstätten am 1. 1. 1940 
1003 Personen. 


Vom 1. 1. 1940 bis 13. 12. 1940 sind zugegangen: 

1142 Personen. 74,6 % Männer, 25,4 % Frauen ... 100 % 

Eingewiesen wurden: . 948 Personen 


nach erfolgter Festnahme durch die Polizei. 34,3 % 

nach Entlassung aus dem Strafvollzug . 17,2 % 

durch Maßnahmen der Fürsorge . 8,9 % 

nach § 20 RFV. 15,6 % 

als Krankenhausbummler erfaßt und überstellt_4,6 % 80,6% 


Freiwillig zugegangen sind . 194 Personen 

Diese freiwilligen Zugänge kennen die Ein¬ 
richtungen und melden sich sofort, wenn sie in 
eine Notlage geraten. (?) Mancher Rückfall 
wird dadurch vermieden. Die Arbeitsschulung 
und Arbeitsvermittlung dieser Personen wird 

besonders gefördert . 19,4 % 

100 % 

Dieser wörtlich wiedergegebene Personenbewegungsbericht ist inso¬ 
fern besonders aufschlußreich, als sich die bayrischen Entwicklungstenden¬ 
zen weitgehend mit den Berliner Tendenzen decken. So ist der prozentual 
geringe Anteil der Einweisungen „durch Maßnahmen der Fürsorge“ und 
der verhältnismäßig starke Einschlag der Freiwilligkeit charakteristisch 
für beide „Systeme“. Die Heimathöfe sind aus der Freiwilligkeit der 
Koloniearbeit hervorgegangen. Durch die Einheitlichkeit der öffentlichen 
Regelung und Planung für einen größeren räumlichen Bezirk sind sie weit 
über die spezifische Koloniearbeit hinausgewachsen; trotzdem ist weit¬ 
gehende Freiwilligkeit ein Wesenszug der Arbeit der Heimathöfe geblieben. 
Die Abgeschiedenheit der landschaftlichen Unterbringung und vor allem 
auch die Schönheit der süddeutschen Heimatlandschaft, die mehr oder 
weniger auch den Stumpfsinnigsten bindet, macht Einrichtungen streng¬ 
geschlossener Anstaltsfürsorge, die anderswo, vor allem in der Großstadt, 
notwendig sind, weitgehend entbehrlich. Als Rechtsgrundlage der Unter¬ 
bringung stehen in Bayern, ähnlich wie in Hamburg, landespolizeiliche 
Bestimmungen an erster Stelle. Trotz aller Vorzüge dieser gesetzlichen 
Regelung ist m. E. zu bedauern, daß in den Heimathöfen keine Arbeits¬ 
hausunterbringung nach § 42 StGB, vollzogen wird. Der Vollzug der 
gerichtlichen Unterbringung Asozialer in streng gefängnismäßigen Arbeits¬ 
häusern ist die Kehrseite der bayrischen Medaille! Durch Einheitlichkeit 


3 * 










196 


des gerichtlichen und fürsorgerischen Bewahrungsvollzugs würde m. E. 
sowohl die Arbeit der Heimathöfe an Stetigkeit gewinnen, als der typische 
Bewahrungsgedanke entscheidend gefördert. 

Zu 3. Das großstädtische Bewahrungssystem Hamburg-Berlin: 

In der Bewahrungsfürsorge der Großstädte Hamburg und Berlin spielt 
der Asozialenbegriff eine wichtige Rolle. Bemerkenswert sind die grund¬ 
sätzlichen Ausführungen des Leiters der Hamburger Wohlfahrtsanstalten, 
Direktor Steigertahl, im 68. Band April/Maiheft 1939 der Blätter 
für Gefängniskunde („Der Vollzug der Unterbringfung im Arbeitshaus, Asyl, 
in der Trinkerheilanstalt und in der Heil- und Pflegeanstalt“). Die Ge¬ 
danken Steigerthals haben auch in Berlin Schule gemacht und er selbst 
beruft sich darauf, daß Berlin dem Beispiel der von ihm geleiteten Ham- 
f burger Anstalten gefolgt sei. Steigerthal unterscheidet zwischen asozialen 

und sozial „schwierigen“ Elementen und meint mit den letzteren die 
Zwischenschichten zwischen den „eigentlichen“ oder „ausgesprochenen“ 
Asozialen und den sozial wertvollen Elementen. Vielleicht hat der Asozialen¬ 
begriff, der ja ein durchaus relativer Begriff ist, durch diese Unter¬ 
scheidung, die sich weitgehend eingebürgert hat, eine gewisse Starrheit 
erhalten: Die Feststellung, daß eine Person asozial sei, wird im Einzelfall 
zu einer schwerwiegenden Behördenentscheidung und führt zwangsläufig 
zu einer Deklassierung des Einzelnen und oft genug auch seiner ganzen 
Familie. Infolgedessen trägt die Verwaltungspraxis ihrerseits gegen die 
Anwendung dieses Begriffs in vielen Fällen Bedenken, in welchen sicherlich 
Anstaltsbewahrungsbedürftigkeit vorliegt, so bei harmlosen, aber lebens¬ 
untauglichen Schwachsinnigen, bei typischen Altersverwahrlosungsfällen, 
bei gutmütig-haltlosen Trinkern, bei eigenbrötlerisch-unbeholfenen und 
weltfremden Psychopathen, bei Schwächlingen von geringer Arbeitsdauer 
und ähnlichen Grenzfällen. Wenn man einen starren Asozialenbegriff zum 
Ausgangspunkt der Bewahrungsfürsorge nimmt, so wird letztere auf die 
mehr oder weniger aussichtslosen Dauerbewahrungsfälle eingeengt und so 
werden die ausgesprochenen Erziehungsfälle, deren Anstaltsbetreuung am 
meisten Sinn hätte, seltener erfaßt. In den Hamburger Anstalten, vor 
allem im Versorgungsheim Hamburg-Farmsen, sind überwiegend hoch¬ 
gradig Schwachsinnige, unverbesserliche Trinker und Altersverwahrlosungs¬ 
fälle untergebracht. Darauf deutet schon die große Rolle hin, die die 
Entmündigung in der Hamburger Praxis spielt. Unter den etwa 1000 
zwangsweise in den genannten Anstalten eingelieferten Insassen bildeten 
nach dem Steigerthalschen Aufsatz bei nicht weniger als 690 Insassen die 
Entmündigungsparagraphen des BGB. die Handhabe für die zwangsweise 
Einweisung durch drei in der Fürsorgebehörde tätige Sammelvormünder. 
(Demgegenüber waren nur 225 Insassen aufgrund des Hamburger Polizei¬ 
gesetzes eingewiesen, die gerichtliche Arbeitshausunterbringung hat sich 
in Hamburg überhaupt nicht eingebürgert.) Der prozentuale Anteil der 
Entmündigungen an der Gesamtbevölkerung liegt in Hamburg wesentlich 
höher als anderswo. Diese Ausweitung der Entmündigungspraxis, die 
wohl im wesentlichen darauf beruht, daß die Kommunalverwaltung eigene 
ärztliche Gutachter für die Bewahrungsfürsorge stellt, hat u. a. dazu 
geführt, daß die Hamburger Gerichte auch wegen moralischen Schwach¬ 
sinns entmündigen, während im allgemeinen die Berliner Entmündigungs¬ 
praxis den Begriff der Geistesschwäche nur auf den intellektuellen Schwach¬ 
sinn anwendet. (Vgl. die Schrift von Günter Hartmann, „Die Ent¬ 
mündigung als Mittel der Verbrechensverhütung unter besonderer Berück¬ 
sichtigung ihres Verhältnisses zu den übrigen Sicherungsmaßregeln des 



197 


neuen Staates“. Verlag Ludwig Röhrscheid, Bonn a. Rh. 1937.) Da die 
Entmündigung in der Regel schwere Anlageschäden voraussetzt, müßten 
eigentlich die meisten entmündigten Anstaltsinsassen als Dauerbewahrungs¬ 
fälle gelten. Die Praxis dürfte hiervon überall noch sehr weit entfernt 
sein. Immerhin wird durch Steigerthal und durch die von ihm geleiteten 
Anstalten mit dem Gedanken der Dauerbewahrung von Anstaltsinsassen, 
deren Lebensbewährung nach allen Vorgängen sehr zweifelhaft erscheint, 
weitgehend Emst gemacht: Hierin liegt m. E. das besondere Verdienst des 
Hamburger (und des Berliner) Systems. Steigertahl, der hierbei vor 
allem auch am traditionsgebundenen Arbeitshausvollzug Kritik übt, vertritt 
folgende Auffassungen: 

„Die bisherigen Vollzugsmethoden nehmen noch zu wenig 
Bedacht auf langfristige und auf lebenslange Anstaltsunterbrin¬ 
gung“. . . . 

„Um die Kosten einer langfristigen Unterbringung für die 
Volksgemeinschaft erträglich zu gestalten, muß seitens der Anstalten 
von halboffenen und offenen Stationen neben geschlossenen Stationen 
mehr Gebrauch gemacht werden als bisher“. . . . 

„Die Arbeitskraft des Insassen ist als ein Faktor der deutschen 
Volkswirtschaft so günstig wie nur möglich zu verwerten“. . . . 

„In den Anstalten muß hinsichtlich der Menschenführung ein 
gesundes Verhältnis zwischen menschlicher Wärme und überlegener 
Strenge vorhanden sein. Insassen, die g^uten Willens sind, können 
mit allmählich steigendem Entgegenkommen behandelt werden; die 
Widersetzlichen, Querulanten und Faulenzer müssen aber, sofern sie 
nicht geisteskrank sind, mit allen verfügbaren Zuchtmitteln ohne un¬ 
nötigen Kostenaufwand fügbar gemacht werden“. . . . 

„Wir in Hamburg beurlauben lieber einmal zuviel, als daß wir 
zu früh entlassen“. . . . 

„Je mehr die Vollzugsformen aufgelockert und Abstufungen 
in den Anstaltsbetrieb eingefügt werden, umso häufiger werden auch 
Personen eingeliefert, mit denen noch etwas anzufangen ist“. . . • 

„Es kommt nicht darauf an, nach irgendeiner vorgefaßten 
Meinung theoretisch richtig zu konstruieren, sondern darauf, die 
Asozialen von den Landstraßen und aus den großstädtischen Elends¬ 
ecken wegzuholen und auf lange Sicht in geeignete Anstalten zu 
bekommen“. . . . 

„Je mehr wir die Behandlung der Asozialen der Behandlung 
der Antisozialen angleichen, um so weniger erreichen wir, denn die 
Anstalten bleiben leer .... harte Maßnahmen gegen die Asozialen 
verengen den Personenkreis und verkürzen die Verbleibsfristen, 
weniger harte Maßnahmen neben harten erweitern den Personen¬ 
kreis und ermöglichen lange Verbleibsfristen“. . . . 

Das sind goldene Worte für die Praxis der Bewahrungsfürsorge, aber 
leider wird bis jetzt noch sehr wenig nach diesen Grundsätzen gearbeitet. 
In Stadt und Land werden immer noch viel zu viele Paradepferdchen 
geritten! 

Nach dem Asozialenbegriff, wie er in verschiedenen Dienstblattver¬ 
fügungen der Stadt Berlin in den Jahren von 1934 bis 1938 Umrissen 
wurde, gilt als „asozial, wer sich infolge eines nicht nur vorübergehenden 
Zustandes körperlicher, geistiger oder sittlicher Unzulänglichkeit nicht in 
das freie Gemeinschaftsleben einordnen kann oder will und dadurch das 



198 


Volk, seine Familie oder sich selbst schädigt oder gefährdet, insbesondere 
wer verwahrlost ist oder zu verwahrlosen droht“. Dieser Begriff ist in¬ 
sofern der umfassendste der bisher aufgeführten, als er sowohl die Anlage- 
als die Willensbedingtheit asozialen Verhaltens betont. Wohl unter dem 
Eindruck der vielfachen Kritik, die das fachliche Schrifttum am Mi߬ 
brauch des Asozialenbegriffs übte, hat Berlin in seiner neusten Dieni?t- 
blattverfügung vom 13. 1. 1941 den Asozialenbegriff im wesentlichen durch 
den Begriff der Bewahrung.sbedürftigkeit (unter ähnlicher Formulierung) 
abgelöst. Es ist sicherlich besser, wenn der Asozialenbegriff der wissen¬ 
schaftlichen und grundsätzlichen Erörterung Vorbehalten bleibt und wenn 
sich die Verwaltungspraxis mit der Aufzählung von Einzeltatbeständen 
nach dem Vorbild des § 361 StGB, und der Fürsorgepflichtverordnung 
behilft. Die Verwaltungspraxis der ausführenden Dienststellen ist er¬ 
fahrungsgemäß für abstrakte Begriffe — gelinde gesagt — wenig emp¬ 
fänglich, zumal wenn über diese Begriffe sogar in der Theorie eine so 
vorbildliche Unklarheit herrscht. Von entscheidender Wichtigkeit ist — 
sowohl für die Dauerbewahrung der Lebensuntüchtigen als für die Er¬ 
ziehungsbehandlung der aussichtsreicheren Fälle —, daß in allgemeinen Er¬ 
lassen alles vermieden wird, was die Anstaltsfürsorge als Abschreckungs¬ 
oder Strafmittel erscheinen läßt. 

Das städtische Arbcits- und Bewahrungshaus Berlin-Rummelsburg 
i.st ebenso wie das Versorgungsheim Hamburg-Farmsen eine von Haus aus 
geschlossene Anstalt, die im Zuge der planmäßig ausgebauten Bewahrung.s- 
für.sorge weitgehend aufgelockert worden ist und einen Stufenvollzug von 
geschlossenen, halboffenen und offenen Abteilungen aufweist. 

Am 1. Juli 1939 setzte sich der Gesamtbestand der Anstalt wie folgt 
zusammen; 


Rechtsgrundlage 
der Unterbringung 

Bestand 

Davon: 

unter 

21 Jahren 

entmündigt [ 
wegen jj 

Geistes- ' Trunk- j 
schwäche; sucht 

v< 

IX 

arbestraft 

■> inv niehr 
2-10 X 1 als 10 X 

Männer: 

Hi 







Fürsorgerecht... 


59 



149 

185 

294 

Strafrecht. 



Hl 

im 

2 

178 

310 

Zusammen. 

1293 

59 

’ 146 1 

106 

1.51 

363 

604 

Frauen: 




!l 




Fürsorgerecht... 

389 

87 

mm 

8 

3H 

46 

2 

Strafrecht. 

103 


■■ 

1 i 

1 

48 

57 

Zusammen. 

492 

87 

139 1 

HM 

37 

94 

59 


Das „Arbeits- und Bewahrungshaus“ ist stolz darauf, daß seine 
Organisation und seine Arbeitsmethoden seit 1934 stetig im Fluß einer 
lebendigen Entwicklung standen und immer noch stehen. Beim ersten 
Aufbau der Anstalt nach der Machtergreifung spielte das finanzielle 
Moment eine bedeutsame Rolle: Durch Überweisung der Trinker, Psycho¬ 
pathen und sonstigen Grenzfälle der Irrenpflege aus den Heil- und Pflege¬ 
anstalten in das Bewahrungshaus wurden erhebliche 'Kosten eingespart, 

























199 


insofern die Pflegesätze der ersteren die Kosten der Bewahrungshausunter¬ 
bringung um ein mehrfaches übersteigen. Auch in den letzten Jahren, 
insbesondere seit Kriegsbeginn, sind durch Ausbau des produktiven 
Arbeitseinsatzes (Außenabteilungen bei Industriebetrieben und kommunalen 
Verwaltungsbetrieben) die Unterbringungskosten entscheidend gesenkt 
worden. Der Charakter der Anstalt wird in erster Linie durch die Aufgabe 
der Dauerbewahrung lebensuntüchtiger, dabei verhältnismäßig harmloser 
und im Rahmen der Anstalt weitgehend arbeitseinsatzfähiger Elemente 
bestimmt. Daneben zeigt die freiwillige Anstaltsunterbringung wie auch 
die Aufnahme ausgesprochener Erziehungsfälle seit mehreren Jahren 
stetig ansteig^ende Tendenz. 

Die Unterschiede zwischen den bayrischen Heimathöfen und den 
Bewahrungseinrichtungen Berlins und Hamburgs sind dadurch bedingt, 
daß die Asozialenfrage in mittelständischen Bezirken vor vielfach anderen 
Aufgaben steht als in industriellen Großstädten. Die Gefahren der Ver¬ 
wahrlosung sind in den letzteren größer, die Großstädte ziehen die ver¬ 
kommeneren und minderwertigeren Elemente an, die Dringlichkeit der 
Bewahrung, und zwar weitgehend der geschlossenen Bewahrung, wird daher 
in den Industriestädten stärker empfunden. In den Großstadtanstalten 
steht die Aufgabe der Dauerbewahrung erheblich anlagegeschädigter 
Asozialer an erster Stelle, während in den Heimathöfen das Interesse 
für die Erziehungsbehandlung aussichtsreicherer Fälle überwiegt. Beide 
Arbeitsgebiete überschneiden sich sachlich und personell weitestgehend und 
beide Systeme könnten und sollten noch viel von einander lernen. 

Im Kampf gegen soziale Not und asoziales Verhalten sind in den 
Jahren seit der Machtergreifung große, entscheidende Durchbruchs¬ 
schlachten gewonnen worden, doch die Einkesselung gefährlicher Wider¬ 
standsherde ist noch nicht abgeschlossen und viele örtliche Säuberungs¬ 
aktionen sind noch zu vollenden, bis der Feind endgültig geschlagen und 
die Asozialenfrage gelöst ist! 

III. Psychologie der Asozialen 

Nicht nur der Begriff, sondern auch die psychologische Eigenart des 
asozialen Menschen ist schwer zu begrenzen und umschreiben. So sollte 
man meinen, daß über den Unterschied zwischen Asozialen und Anti¬ 
sozialen Klarheit herrscht; als Charakteristikum der Asozialen denkt man 
sich für gewöhnlich eine weitgehende Passivität, während die Antisozialen 
als die aktiveren Elemente gelten. Doch hören wir, was ein Praktiker der 
Sicherungsverwahrung über die Wesensart von Sicherungsverwahrten 
.schreibt (Dr. Franz Weber, Brandenburg-Görden über „Erfahrungen in 
der Sicherungsanstalt“ in „Blätter für Gefängniskunde“, 68. Band, Februar/ 
März-Heft 1938): Im Gegensatz zur landläufigen Auffassung, die das 
Verbrechen aus irregeleiteter Aktivität versteht, bestreitet Dr. Weber, daß 
die meisten Verbrecher „aktiv im echten Sinn“ seien. 

„Es kommt auf die Grundhaltung, nicht auf die einzelne Handlung an. 
Ein Mensch, der aktiv genannt werden will, muß in seinem Streben und 
in seiner Ausdauer über die Nahziele hinausgehen. So kann eine Bande 
von Einbrechern, die sehr planmäßig und aktiv vorgeht, doch zum größten 
Teil aus passiven Naturen besteheir. Das gilt auch von den Organisatoren 
und Führern; ihr Leben mag zwar eine Reihe aktiver Episoden aufweisen, 
ohne doch den Charakter der wahren Aktivität zu tragen. 



200 


Wenn wir diejenige Eigenschaft bezeichnen sollen, die am ehesten 
als gemeinsamer Besitz der Verwahrten anzusprechen ist, so kann dies nur 
die Haltlosigkeit sein. Von einer Eigjenschaft zu sprechen, ist allerdings, 
streng genommen, nicht zulässig. Richtiger wäre es, von einer Privation 
zu reden. Dieser Mangel ist, wie mir scheint, auch im äußeren Erscheinungs¬ 
bild vieler Verwahrten so ausgeprägt, daß er dem Beobachter bald aufTallen 
muß. 

Die Haltlosigkeit äußert sich in ihrem Lebenslauf gleichsam in ver¬ 
schiedenen Farbtönen, von denen bald dieser, bald jener mehr ins Auge 
fällt. 

Wir möchten vier dieser Abstufungen näher bezeichnen; Verführbar¬ 
keit, Leichtsinn, Weichheit oder Willensschwäche und Unstetigkeit. 

Verführbarkeit: unsere Verwahrten zeigen sich übermäßig beein¬ 
flußbar, wenn ein Stärkerer sie zieht, wenn geschlechtliche Lockung, 
die des Alkohols und anderer Genußgifte an sie herantritt. 

Leichtsinn: sie dringen nicht gründlich ein, leben unbeschwert, 
kennen kein Ziel, handeln aus der Augenblickseingebung heraus, begnügen 
sich mit dem ersten Erfolg, dem flüchtigen Genuß, verschließen ihren Blick 
vor den Folgen und der Zukunft, es mangelt ihnen an \sdrtschaftlicher 
Vorsorge. 

Weichheit: sie möchten sich nicht wehe tun, scheuen alles Harte 
und Schwierige, wie Anstrengung, Arbeit, Beruf, Pflicht, Verantwortung, 
klare Erkenntnis, besonders die des eigenen Ichs. 

Unstetigkeit: weil sie an der Oberfläche bleiben, gewinnen sie kein 
Interesse, geben das Angefangene bald wieder auf, wenden sich einem 
anderen Gegenstand zu.“ 

Somit reicht mindestens das Merkmal der Passivität zur Charakteri¬ 
sierung der Asozialen nicht aus! Es dürfte weitgehend von Umwelt und 
Zufall abhängen, ob aus gewissen psychischen Mängeln nur Asozialität oder 
Kriminalität erwächst, der „geborene Verbrecher“ ist keineswegs die Regel 
und die Anlagebestimmtheit des Verbrechertums meist keine eindeutige. 
Je fraglicher nun die psychologischen Unterschiede zwischen Asozialen und 
Antisozialen erscheinen, umso bedeutsamer erscheint kriminalpolitisch, als 
Maßnahme vorbeugender Verbrechensbekämpfung, die Bewahi-ungsfürsorge. 
In der Tat beweisen die Vorstrafenverzeichnisse asozialer Anstaltsinsassen, 
daß Kriminalität im Lebenslauf der meisten Asozialen einen breiten Raum 
einnimmt. 

Im Folgenden soll versucht werden, die große Verschiedenheit und den 
Typenreichtum des als asozial bezeichneten Personenkreises zu beschreiben. 
Dies dürfte wichtiger sein, als nach dem gemeinsamen seelischen Besitz 
der Asozialen zu forschen, denn es ist ein weitverbreiteter Fehler, sich bei 
grundsätzlichen Erörterungen einen asozialen Einheitstypus vorzustellen 
und darüber die Vielverschlungenheit der einschlägigen Problemkonnexe 
zu verkennen. 

Besonders gelagert sind die Fälle, in denen asoziales Verhalten ledig¬ 
lich durch ein bestimmtes Lebensalter bedingt ist: Typen der reinen Jugend¬ 
verwahrlosung oder der reinen Altersverwahrlosung. Hiermit auf einer 
Stufe stehen die Fälle reiner Umweltverwahrlosung. Und schließlich 
bleiben als Fälle typischer Asozialität die geborenen Asozialen. (In der 
Praxis handelt es sich um die Frage, welcher von den die Charakterent- 
wäcklung beeinflussenden Faktoren im Einzelfall überwiegt, das Vor¬ 
kommen einer reinen Jugend-, Alters- oder Umweltverwahrlosung ist 
ebenso wenig die Regel wie die lediglich anlagebedingte Asozialität.) 



1 


201 


A. Typen reiner Jugendverwahrlosung 

Hierher gehören die ausgesprochenen Erziehungsfälle der Jugend¬ 
bewahrung: Junge Menschen, deren charakterliche Reifung durch unzu¬ 
längliche Erziehung oder sonstige Umweltschäden gestört oder beein¬ 
trächtigt ist. Oft handelt es sich auch um eine konstitutionell bedingte 
Spätreife, seltener um Fälle von Frühreife oder von jugendlichem Kraft¬ 
überschuß, der zu Extratouren und Entgleisungen drängt. Leider sind 
die letzteren Fälle selten, denn sie sind zwar disziplinär mit am schwierig¬ 
sten, aber erzieherisch die aussichtsreichsten: das gesunde Lausbubentum, 
das allzukräftig über die Stränge schlägt! Nicht hierher gehören die 
„lebenslänglichen Fürsorgezöglinge“, deren seelischer Wesenskem dauernde 
Asozialität bedingt, wenn auch ihr äußeres Erscheinungsbild der reinen 
Jugendverwahrlosung ähnlich ist. — Da die reinen Jugendverwahrlosungs¬ 
typen psychologisch sich nicht von den Typen der Fürsorgeerziehung unter¬ 
scheiden, über die ja schon umfangreiches Schrifttum besteht, soll hier 
nicht weiter auf diese Fälle eingegangen werden. 

B. Typen reiner Altersverwahrlosung 

Hier handelt es sich um Menschen, die bis zur Erreichung einer \ 

gewissen Altersgrenze, meist oberhalb der Grenze der Zeugungs- oder 
Empfängnisfähigkeit liegend, ein ordentliches und arbeitsames Leben 
geführt haben, deren soziale Einordnungsfähigkeit jedoch durch den meist 
langsam einsetzenden Alterszerfall der Verstandes- und Willenskräfte 
allmählicher Zerstörung anheimfällt oder anheimfiel und die infolge Aus¬ 
falls einer bewahrenden Umwelt, vor allem in Ermanglung einer tragenden 
Familiengemeinschaft (oft nach dem Tod eines Ehegatten) verwahrlosen 
oder zu verwahrlosen drohen. Die Gruppe der reinen Altersverwahrlosung 
nimmt ira Rahmen des gesamten Bewahrungsproblems, sowohl in der 
gerichtlichen Arbeitshausunterbringung als in der Bewahrungsfürsorge, 
einen sehr breiten Raum ein. Die Zahl der Altersverwahrlosungsfälle 
zeigt stark ansteigende Tendenz, je ungünstiger sich der Aufbau der 
Alterspyramide des Volks gestaltet und je mehr die tragenden Familien¬ 
gemeinschaften, insbesondere infolge sinkender Geburtenzahl, schrumpfen. 

Im Krieg wird die Altersverwahrlosung außerdem durch die Schwierig¬ 
keiten der äußeren Lebenshaltung (Rationierung der wichtigsten Ver¬ 
brauchsgüter und Wohnungsnot) gefördert. Wichtig als vorbeugende 
Maßnahme gegen Altersverwahrlosung sind gute Altersheime; es kommt 
hier nicht nur darauf an, den wirtschaftlichen Anforderungen gerecht zu 
werden, sondern auch auf psychologisches Verständnis und geschickte 
Menschenführung. Denn alte, insbesondere altersdemente Menschen sind 
oft starrköpfig, querköpfig, uneinsichtig, rechthaberisch, larmenhaft, 
schmutzig und unordentlich. Ihre schlechten Gewohnheiten, insbesondere 
ihre Trunksucht, sind sowohl durch wirtschaftliche Fürsorge als durch 
seelische Betreuung zu bekämpfen. Auch ernstere Verwahrlosungserschei¬ 
nungen, wie die Neigung gewisser Greise zu Sexualvergehen an Kindern, 
sind oft nur eine Folge sozialer V'emachlässigung. Die Bewahrungsfür¬ 
sorge für Altersverwahrloste und die normale Altersfürsorge überschneiden 
sich weitgehend. Ausgesprochene Alterspflegefälle sind nicht nur in Alters¬ 
und Siechenheimen untergebracht, sondern sie bilden heute auch das Gros 
der Insassen von Arbeitshäuseni, Arbeiterkolonieri und ähnlichen Anstalten. 

In Anstaltspflege befinden sich neben normalen Alterspflegefällen Fälle 
reiner Altersverwahrlosung, geborene Asoziale, die disziplinär immer noch 



202 


schwierig sind, und solche, deren Asozialität infolge köiperlicher oder 
geistiger Altersschwäche nicht mehr in Erscheinung tritt. In der heim¬ 
mäßigen Altersfürsorge müßte der privaten Initiative größter Spielraum 
verbleiben, da persönliche Tüchtigkeit auf diesem Gebiet reiche Wirkungs¬ 
möglichkeiten besitzt. In gutgeleiteten Altersheimen sind viele schwierige 
Fälle als „normale Alterspflegefälle“ tragbar, die sonst als Altersver¬ 
wahrlosungsfälle erscheinen würden. 

I 

C. Typen reiner Umweltverwahrlosung 

Als Umwelt kommt hier in erster Linie die Doppelsphäre der Familie 
einerseits, des Wirtschafts- und Berufslebens anderseits in Frage, weniger 
der sogenannte „schlechte Umgang“, denn Verführbarkeit durch schädliche 
Umwelteinflüsse der letzteren Art setzt meist gewisse Anlageschäden 
voraus. Hier handelt es sich einmal um Menschen, deren seelisches Lebens¬ 
zentrum durch irgendein intimeres Erlebnistrauma verletzt ist, um 
Menschen, die aufs tiefste durch schwerste Enttäuschungen des Liebes- und 
Familienlebens seelisch verwundet sind und dadurch gleichgültig oder 
zermürbt sind. Es sind meist Familienschicksale, die dem einzelnen das 
seelische Gleichgewicht rauben und ihn auch sozial entwurzeln. Es können 
aber auch Mißerfolge des Wirtschafts- und Berufslebens oder finanzielle 
Katastrophen sein. In Krisenzeiten stehen die wirtschaftlichen Existenz¬ 
schwierigkeiten (Arbeitslosigkeit) an erster Stelle. Es ist jedoch zu 
berücksichtigen, daß asoziale Personen mit Vorliebe dem Schicksal oder 
der Umwelt die Schuld an der eigenen Verwahrlosung zuschreiben, wo 
diese in Wirklichkeit auf persönlichen Voraussetzungen beruht. 

D. Typen geborener Asozialer 

Die Asozialität der geborenen Asozialen ist überwiegend anlage¬ 
bedingt. (Von Verwahrlosung kann man bei den meisten Schwächlingen 
weniger reden, die jahrelang wohlbehütet in Anstalten leben.) Die Mehr¬ 
zahl der asozialen Lebensläufe wird mehr durch eine gewisse stumpfe 
Monotonie als durch starke Schwankungen und Entwicklungen charakteri¬ 
siert. Aber auch soweit die Kurven der sozialen Brauchbarkeit von Lebens¬ 
alter zu Lebensalter überraschende Entwicklungen aufweisen, bleiben die 
Erbanlagen das immer wiederkehrende Leitmotiv. 

Allerdings wird die Asozialität der geborenen Asozialen in der Regel 
nicht eindeutig durch die Anlagen bestimmt. Wer langjährige 
Erfahrungen im Umgang mit Asozialen besitzt, lernt auch bei diesen 
Men.schen zwischen Harmlos-Willigen und Hinterhältig-Bösartigen unter¬ 
scheiden. Wer nicht an die Freiheit des Willens glaubt, kann zwar ein 
sehr geistreicher Modeschwätzer sein, ist aber kein Menschenkenner. Wer 
aber die Gabe besitzt, die Menschen zu sehen, wie sie sind, wird auch ein 
Augenmaß für das letzten Endes immer geheimnisvolle Schuldgefühl 
besitzen, das im Seelenleben auch der Asozialen eine so wichtige Rolle 
spielt. Gewiß fällt es den psychologischen Modetheorien nicht schwer, 
auch für dieses Schuldgefühl mechanistisch-flache Patenterklärungen zu 
foiTnulieren, aber eine wirkliche „Tiefenpsychologie“, die die Menschen nicht 
durch die Brille einer psychologischen Schulmeinung sieht, wird sich mit 
diesen Patenterklärungen nicht zufriedengeben. Alles verzeihen heißt 
nichts verstehen! Sicherlich hat der freie Wille des Normalen einen 
weiteren Aktionsradius als der des Schwachsinnigen und Psychopathen 
und sicherlich gibt es weite Bezirke von Asozialität (sowohl bei den Schwach¬ 
sinnigen als bei den Antriebsarmen), die jenseits von Gut und Böse liegen, 



203 


aber Faulheit und Liederlichkeit ist nie eindeutig konstitutionsbedingt. 
Die trotz ungünstiger Erbanlagen errungenen Charaktereigenschaften 
sind die sittlich wertvollsten, und von allen theoretischen 
Fragen um die Willensfreiheit abgesehen, muß es 
immer die erste Aufgabe jeder Erziehung sein, 
das Bewußtsein der Selbstverantwortung zu stärken. 

Unter den geborenen Asozialen lassen sich zwei große Gruppen von 
Personen unterscheiden, die in ihrer seelischen Grundhaltung wesensver- 
.schieden voneinander sind: die asozialen Schwächlinge und die asozialen 
Sonderlinge. 


1. Die asozialen Schwächlinge 

Hierunter fällt der größte Teil der geborenen Asozialen. Ihre 
Schwächlichkeit beruht entweder auf Mängeln des Gefühls- und Willens¬ 
lebens (Antriebsarmut der Schwerfällig-Stumpfen und Flachheit der 
Unbeständig-Weichen) oder aber mehr auf intellektueller Debilität. Sehr 
viele Asoziale sind Schwächlinge auf der ganzen Front des seelischen 
Lebens. Die Asozialität der Antriebsarm-Stumpfen und der meisten 
Schwachsinnigen beschränkt sich im wesentlichen darauf, daß sie ausge¬ 
sprochen lebensuntauglich, zu nichts zu gebrauchen sind und bei jeder 
Arbeit versagen. Die Asozialität der Flachen, Unbeständig-Weichen 
dagegen äußert sich überwiegend in alkoholischer oder sexueller Ver¬ 
wahrlosung. 

a) Die Antriebsarmen: Ihre Schlaffheit und Schlappheit 
bietet zunächst wenig Auffälliges, ihre Willensschwäche beruht mehr auf 
natürlicher Schwerfälligkeit als auf Mängeln des sittlichen Charakters, 
ihr äußeres Erscheinungsbild ist das des harmlosen Durchschnittsmenschen, 
doch ihre Lebenstüchtigkeit, vor allem ihre Arbeitsleistung, liegt weit 
unter dem Durchschnitt. Solange sie mit leichten Aufgaben befaßt werden, 
stellen sie zur Not ihren Mann. Doch sie bleiben immer Schlafmützen und 
benötigen lebenslänglich Fürsorge. Sie können sich in keiner Arbeit 
halten, kommen nie mit ihrem Geld zurecht und finden keine geeignete 
Wohnunterkunft. Ihre Schwächlichkeit äußert sich nicht zuletzt auch in 
äußerer Unsauberkeit und Schlampigkeit. Intellektuell sind sie vielfach 
noch mäßiger Durchschnitt, so wie alles an ihnen mäßig bis mittelmäßig ist, 
sie sind nicht Fisch und nicht Fleisch und ihre einzige Tragik besteht 
darin, daß es zu wenig Nachtwächterposten auf dieser nicht immer nur 
gemütvoll-behäbigen Welt gibt. Ihre Kriminalität beschränkt sich vielfach auf 
Haftdelikte und allenfalls situationsbedingte kleinere Eigentumsvergehen. 
Das Schneckentempo ihrer Arbeitsweise bringt jeden Betriebsführer zur 
Verzweiflung, ln Krisenzeiten sind sie Stempelbrüder in Permanenz, wenn 
nicht Landstreicher und Gewohnheitsbettler, und wenn die Wirtschaft auf 
vollen Touren läuft, pendeln sie durch hundert Arbeitsstellen. Zu schwäch¬ 
lich, um irgendwo Wurzel zu schlagen, stehen sie immer am Rande jeder 
Gemeinschaft. Sie sind anspruchslos und bescheiden, von jener Bescheiden¬ 
heit, die nach Goethe nur die Lumpen besitzen. Meist lebenslängliche Jung¬ 
gesellen aus Stumpfheit, sind sie auch in ihrem Geschlechts- und Liebes¬ 
ieben schlapp und trottelhaft. Auf dem Boden dieser Anlagen wachsen 
und gedeihen leicht schlechte Lebensgewohnheiten aller Art, insbesondere 
Landstreichertum, Gewohnheitsbettel, getarnter Bettel, primitiver Betrug 
und Wohlfahrtsschnorrertum, zumal in Zeiten, wo die öffentliche Für¬ 
sorge, aus Mangel an Kraft und Zielstrebigkeit, Penner züchtet. Gründlich 
lernen sie im Laufe ihres Lebens das „Untertauchen“: Sie spielen den 



204 


Gepäckträger, den Teppichklopfer, den Gläserspüler, den Zeitungsträger, 
die Emteaushilfe, das Markthallenfaktotum, den Gelegenheitshausierer und 
den Straßenhändler, kurz sie sind lebenslängliche Fünfgroschenjimgen. 
Instinktiv klammem sie sich an jeden gutmütigen Trinkgeldspender und 
lieben das Almosen in jeder Form. Sie sind allzeit dankbare Anstalts¬ 
insassen und in allen Arbeitshäusern und Arbeiterkolonien Deutschlands 
heimisch. Es ist ihnen völlig gleichgültig, ob in diesen Häusern eine 
gefängnismäßig-straffe Zucht oder ein gemütlicher Schlendrian herrscht, 
die Hauptsache ist der Futtemapf. Sie strotzen in den Anstalten von 
Biederkeit und Sanftmut, sie sind zuverlässige Hausreiniger, Büroreiniger, 
Lazarettreiniger und Küchenhelfer, alles in allem glückliche Druckposten¬ 
jäger außerhalb wie innerhalb der Anstaltsmauem. Sie lieben im Grunde 
den Anstaltszwang, weil ihnen nichts so sehr widerstrebt wie das selb¬ 
ständige Denken. Sie sind der verkörperte Anstaltszopf, das zeitlose 
Element aller Anstalten und ihr äußerer Rahmen. Das Gesetz der Schwer¬ 
kraft ist und bleibt das große Gesetz ihres Lebens. Diese Asozialen vom 
reinsten Fahrwasser haben sehr viel menschlich-allzumenschliche Züge, 
weil sie die Wesensart der trägen Masse am reinsten verkörpern! 

b) Die Schwachsinnigen: Ihr Erscheinungsbild ist weit¬ 
gehend dasselbe wie das der Antriebsarmen. Die Harmlos-Schwachsinnigen 
hat der Schöpfer nicht ohne weiteres im Zorn erschaffen. Sie sind meist die 
zufriedensten Menschen, überblickslos, aufgeschlossen-spielerisch oder 
wunschlos-stumpf. Mit einer Fülle von Treuherzigkeit ausstaffiert, sind 
sie doch in allen Lebenslagen hundertprozentige Versager. Im freien 
Leben wird diesen Menschen das Fell über die Ohren gezogen und sie leben, 
um von anderen ausgenützt zu werden. Das ist die Sorte von Asozialen, 
mit denen die Gesellschaft Schindluder treibt! Ihre rein passive Brauch¬ 
barkeit (in Anstalten) hat viele Abstufungen: eine Minderheit ist zu keiner 
Arbeit zu gebrauchen, die Mehrheit ist, je nach Grad und Art des mehr 
theoretischen oder mehr praktischen Schwachsinns und je nach dem 
körperlichen Konstitutionstyp, unter Aufsicht gut verwendbar und leistungs¬ 
fähig, sei es zu grober, massiver Arbeitsverwendung als Land-, Bau- oder 
Transportarbeiter, sei es zu feinerer Geduld- oder Maschinenarbeit, sei es 
zu manueller Geschicklichkeitsarbeit. (Insbesondere der Arbeitseinsatz der 
Schwachsinnigen verlangt große Anstalten mit reichgegliederten 
Beschäftigungsmöglichkeiten. Es ist wichtig, die Anstalten nicht nur als 
psychologische Museen und Sammlungen bunter und seltsamer Menschen¬ 
vögel zu sehen, sondern auch die wirtschaftlichen Möglichkeiten, die im 
Menschenmaterial der Anstalten schlummern, auszuwerten.) 

c) Die haltlosen Trinker: Es handelt sich hier weder um 
die kleine Minderheit von Trinkern, die nur oder überwiegend medizinisches 
Interesse bieten, noch um das große Heer der Durstigen, deren bürgerliche 
Brauchbarkeit durch die Vorliebe für den Alkohol nicht wesentlich beein¬ 
trächtigt wird, sondern nur um die spezifisch asozialen Trinker. Mehr 
oder weniger neigen die meisten ^.sozialen zum Alkoholmißbrauch. 
Reine Trinkerfürsorge geht wohl in ihren Ursprüngen immer auf eine Zeit 
zurück, wo es noch kein ausgesprochenes Asozialenproblem gab. Auch 
kann man wohl sagen, daß der Gesichtskreis der reinen Trinkerfürsorge 
immer etwas eng und einseitig bleibt: durch Alkoholentzug allein wird 
der asoziale Trinker noch lange nicht resozialisiert, davon abgesehen, daß 
Totalabstinenz auf die Dauer immer schwer durchführbar ist. — Es 
gibt Gewohnheitstrinker unter asozialen Schwächlingen und Sonderlingen 
aller Art, so auch unter den Gefühlsstumpfen, Antriebsarmen und Gleich- 



205 


grültig-Trägen. In besonderer Weise sind jedoch die gutmütig-weichen, 
flachen, leichtlebigen und leichtsinnigen Sanguiniker alkoholischen 
Verführungen ausgesetzt. Sie stellen das Gros der asozialen Trinker. 
Eine gewisse Einsichtslosigkeit und Überblickslosigkeit, vor allem Mangel 
an Mut und Ehrlichkeit gegen sich selber, ist für diese Menschen typisch. 
Sattsam bekannt ist der Einschlag vieler haltloser Trinker ins Schwätzerisch¬ 
überhebliche, Renommistische, manchmal auch Pseudologistische oder gar 
Hochstaplerische. Doch fehlt es diesen Menschen meist nicht an jeder 
Selbsterkenntnis, so sehr sie auch ihre schlechten Gewohnheiten — mit dem 
billigen Hinweis auf die große Masse der nicht viel Besseren — zu baga¬ 
tellisieren pflegen. Sie markieren gern den starken Mann, solange sie es 
nur mit schwachen Frauen und schwächlichen Männern zu tun haben, aber 
sie sind im Grunde weich und lenkbar. Sie sind Alkoholiker aus Mangel 
an seelischen Inhalten, aus Gleichgültigkeit und Unselbständigkeit. Die 
persönliche Note dieser Menschen ist meist nicht sehr ursprünglich. So 
.sehr ihr Alkoholismus anlagebedingt ist, beruht doch die Verwahrlosung 
gerade dieser Typen meist auch auf persönlicher Schuld. Sie lassen sich 
eben gehen und haben nicht den Mut und die Kraft, gegen die eigenen 
Anlagen ernstlich den Kampf aufzunehmen. Bei der Erziehungsbehandlung 
der haltlosen Trinker ist eine gewisse Straffheit und Strenge erforderlich. 
Es gibt nichts Dümmeres als die Art und Weise, wie die Trinker früher 
vielfach als verantwortungsunfähige „Patienten“ behandelt wuirden. Zur 
endgültigen Verwahrlosung gewisser Trinker dürfte die frühere Praxis 
von Heil- und Pflegeanstalten viel beigetragen haben, die die fünfzig- bis 
hundertmal im Vollrausch Eingewiesenen nach wenigen Tagen, Wochen oder 
Monaten yvieder zu entlassen pflegten. Für viele dieser Trinker war es 
geradezu zur Gewohnheit geworden, die kräftigsten Räusche in Anstalten 
auszuschlafen und die ärztliche Exploration (womöglich mit psychoanaly¬ 
tischer Durchleuchtung des Trieblebens) gehörte zum eisernen Bestand 
ihrer Katzenjammer! Statt als traurige Lumpen, wie sie es wohl verdienten, 
wurden sie als interessante Phänomene behandelt, alles auf Kosten der 
öffentlichen Fürsorge oder gar der Krankenkassen. Die polizeiliche Ein¬ 
lieferung randalierender Betrunkener in Heil- und Pflegeanstalten auf 
Grund kreisärztlicher Gutachten ist oft nur eine unzulängliche Augen¬ 
blicks- und Verlegenheitslösung, da ja in der Regel nicht eine ärztliche Heil¬ 
behandlung, sondern Erziehung und Bewahrung in Frage kommt. In Heil- 
und Pflegeanstalten gehören nur ausgesprochen geisteskranke Trinker! 
Es ist aber auf die Dauer sowohl ein juidstischer als ein medizinischer 
Unfug, wenn aus einem randalierenden Betrunkenen immer zuerst ein 
„gemeingefährlicher Geisteskranker“ gemacht werden muß, damit eine 
vorläufige Bewahrung erreicht wird, nur weil das herrschende Polizeirecht 
teilweise noch an spezifisch liberalistische Formulierungen gebunden ist. 

Die meisten Trinker neigen zu periodischer Verwahrlosung (Quartal¬ 
säufer). Sie können so und können auch anders. Ihr Leben ist ein ab¬ 
wechselungsreiches Hügelland von Rausch und Katzenjammer. Es fehlt 
nicht an schönen Reuegefühlen und guten Vorsätzen. Auch eine gewisse 
flache Religiosität ist für viele dieser Trinker charakteristisch. Manchmal 
kommen sogar ernstliche Anläufe zur Besserung vor und meist gibt es 
längere oder kürzere Nüchtemheitsinterv alle, in denen der Vormund oder die 
liebe Umwelt herzhaft über die auffallende Besserung staunen. Aber dann 
geht es meist wieder rasch und rasend abwärts. Unter den haltlosen Trinkern 
gibt es keine faustischen, totalitären Naturen. Wirkliche „Bekehrungen“ 
sind selten, ln der Regel fehlt die Kraft und der Wille, um dem ver¬ 
pfuschten Leben eine entschiedene Kehrtwendung zu geben, an kritischen 



# 

Wendepunkten kommt allenfalls der so charakteristische hysterische Selbst¬ 
mordversuch, eine alberne Theaterkomödie, oder gar nur die lächerliche 
Suiziddrohung. Sie überlassen Entscheidungen mit Vorliebe Dritten. Es 
sind Schwächlinge, die lebenslang Führung vmd eine feste Hand benötigen, 
und deren Lebensschicksal oft genug von der Überlegenheit einer klugen 
und tatkräftigen Ehegattin abhängt (die sich selbstverständlich selten 
findet). Bei Anstaltsunterbringung vollzieht sich an diesen Menschen meist 
eine überraschend schnelle und gründliche Wandlung. Man kennt sie oft 
gar nicht mehr wieder und sie selber sind über die Auffrischung der ver¬ 
wahrlosten und verrotteten Lebensgeister im Grunde froh. Manche Trinker 
•sind nur in geschlossenen Anstaltsabteilungen zu einem menschenähnlichen 
Dasein fähig, bei anderen genügt die Unterbringung in halboffenen 
Abteilungen, ein gewisser erzieherischer Druck, ein gewisser 
Zwang und ein Mindestmaß von Aufsicht. Gerade das Verhalten von 
Trinkern in Anstalten zeigt, daß nicht der Alkohol als solcher die 
Ursache ihrer Asozialität ist, sondern ihre Un.selbständigkeit. Viele 
würden auch verwahrlosen, wenn sie in völlig alkoholfreien Bezirken leben 
würden. Sie sind lebenslänglich wie Bäume, die nur wachsen und gedeihen, 
solange sie durch fremde Stämme künstlich gestützt werden. Bei entsprechen¬ 
der Anleitung kommt der sanguinische Trinker trotz seiner Unbeständigkeit 
und Oberflächlichkeit zu sehr brauchbaren Arbeitsleistungen. Die Trinker 
sind immer die besten Arbeitskräfte von allen Anstaltsinsassen. Das 
Gefährliche am Trinker ist seine Abhängigkeit von Umwelteinflüssen (noch 
stärker als bei anderen „asozialen Schwächlingen“), Hierauf beruht die 
umfangreiche Kriminalität des Trinkers. Neben der kleinen Kriminalität 
der Haftdelikte spielen die spezifischen Trinkerdelikte die Hauptrolle 
(Körperverletzung, Widerstand, Hausfriedensbruch, grober Unfug, öffent¬ 
liches Ärgernis, Beleidigung, Bedrohung u. a. — die Trinker sind als 
solche meist schon an ihren Vorstrafenverzeichnissen erkennbar). Aber 
auch schwere und schwerste Verbrechen gegen Leben und Eigentum der 
Mitmenschen sind keine Seltenheit. Ein großer Prozentsatz der Insassen 
von Gefängnissen und Zuchthäusern sind von Haus aus asoziale Trinker 
der gescliilderten Art. 

d) Typen sexueller Verwahrlosung: Zwischen 

den alkoholischen und den sexuellen Verwahrlosungstypen bestehen weit¬ 
gehende seelische Übereinstimmungen. Eine gewisse sexuelle Verwahr¬ 
losung findet sich auch bei den meisten Trinkern und häufig lösen sich bei 
haltlosen Trinkern Perioden sexueller mit solchen alkoholischer Verwahr¬ 
losung ab (die sexuelle Verwahrlosung ist lediglich sozial unauffälliger, 
sie ist meist nur eine moralische Verwahrlosung). Die Dime kann weit¬ 
gehend als weibliches Gegenstück zur Verwahrlosung der männlichen 
Trinker gelten. Auch das Dirnentum ist weitgehend in angeborener Flach¬ 
heit und Antriebsarmut begründet, die Dime ist kein Produkt besonders 
.starker Vitalität, ihre Triebhaftigkeit ist vielmehr ausgesprochen negativ 
bestimmt, die Willensanlagen sind noch stärker unterwertig als der sittliche 
Charakter. Vor allem ist jedes Dirnentum durch die Unfähigkeit zu 
tieferem Erleben bedingt. An die Romantik eines aus tieferen seelischen 
Spannungen geborenen Dirnentums glaubt nur, wer den Selbstbetrug sucht. 

2. Die asozialen Sonderlinge 

Das Gesicht der bisher geschilderten Asozialentypen, des Schwach- 
sinnigen, des Antriebsarnien, der alkoholischen und sexuellen Verwahr¬ 
losung, wird überwiegend durch negative Momente bestimmt; Dummheit, 



207 


Trägheit, Unselbständigkeit, Eigenschaften, die massenpsychologisch 
besonders häufig sind. Es sind die schlechten Eigenschaften der großen 
Masse, die sich hier in besonders krasser Ausprägung finden. Im Gegensatz 
hierzu wird das Gesicht der asozialen Sonderlinge durch Eigenschaften 
bestimmt, die verhältnismäßig selten sind. Diese Menschen sondern sich 
in recht auffälliger Art von der großen Masse ab, zu der sie keinerlei 
seelische Beziehungen haben. Sie sind „gemeinschaftsfremd“ im subjek¬ 
tiven Sinn, während das subjektive Gemeinschaftsgefühl der asozialen 
Schwächlinge durchaus nortnal ist und lediglich ihre tatsächliche Ein¬ 
ordnung in die Gemeinschaft immer wieder mißglückt. Die relative Zahl 
der „Sonderlinge“ ist gering, verglichen mit der Häufigkeit der „Schwäch¬ 
linge“. Das absolute Vorkommen dieser Sonderlinge bleibt immerhin beträcht¬ 
lich. Die asozialen Schwächlinge sind unbeständig aus Mangel an see¬ 
lischem Gehalt und an seelischem Schwergewicht. Die schöpferische Un¬ 
ruhe des künstlerischen und religiösen Menschen ist unter diesen Unbe¬ 
ständigen selten. In der schönen Sprache der Dichter, etwa bei Eainer 
Maria Rilke, ist wohl der Bettler das Symbol letzter seelischer Einfachheit 
und einer heiligen Unrast. Doch in der Wirklichkeit ist er schlechterdings 
eine Null, etwas Unpersönliches, Farbloses, ohne Ursprünglichkeit und 
letzten Endes ein Inbegriff von Banalität. Asoziale Sonderlinge sind dem¬ 
gegenüber Menschen, wie sie etwa die grandiose Phantasie eines Balzac 
gestaltete. Sie sind viel ursprünglicher, wesentlich für sie ist eine tief¬ 
greifende seelische Gegensätzlichkeit, doch wesentlich für diese Ursprüng¬ 
lichkeit ist auch ihre verhältnismäßige Seltenheit. Der Typenreichtum 
der Sonderlinge ist viel stärker als der der Schwächlinge. Im Grunde ist 
jeder dieser Sonderlinge ein „Typ an sich“. Man kann sie ruhig in ein 
charakterologisches Schema einreihen und man kann Einheitstypen auf¬ 
stellen, nur muß man wissen, daß diese Typisierung etwas Behelfsmäßiges 
bleibt, das den Reichtum des persönlichen Lebens niemals ausschöpft. 
In diesem Sinn kann man etwa folgende Grundformen der asozialen Sonder¬ 
linge unterscheiden: Die Phantasten, die Überempfindlichen, die Explosiven, 
die Rechthaberischen und die Schiebernaturen. Gemeinsam ist ihnen 
eine krankhafte Egozentrik, die in jeder Umwelt Konflikte schafft und 
ihre soziale Einordnung immer wieder vereitelt. 

a) Die Phantasten: Sie sind die zahlreichste Kategorie 
der Sonderlinge, im übrigen zugleich die harmlose.ste, in mancher 
Beziehung der psychologische Übergang von den Schwächlingen zu den 
Sonderlingen. Als Exzentriker entsprechen sie noch nicht dem reinen 
Typus des Egozentrikers, wenn sie auch alle an einer gewissen Megalomanie 
leiden. Sie bauen von der frühesten Jugend bis ins späteste Greisenalter 
große Luftschlösser der verschiedensten Art. In den Anstalten sind am 
häufigsten die „Erfinder“ vertreten, die sich berufen halten, der Mensch¬ 
heit das Perpetuum mobile oder irgendein sonstiges „Tischlein deck dich“ 
der Technik zu erobern. In Erwartung eines erträumten Millionensegens 
bemühen sie sich meist um kümmerliche Bettelgroschen und begnügen sich 
vorläufig damit. Zahlreich sind auch die vom Künstlerwahn Besessenen, 
die einer ästhetisierenden Romantik nachjagen und dabei Gott und die 
Welt anschnorren. Ein anderer Typus läuft ständig hinter phantastischen 
Geldgeschäften her, die nie zustande kommen. Die meist recht glücklich 
verträumten Phantasten leben von psychologischen Vorschüssen auf Selig¬ 
keiten, die sie stets erhoffen, doch nie erringen, und werden dann am 
Schluß auf Armenkosten beerdigt. Eine große Rolle spielt die Phan¬ 
tasterei in der reinen Jugendverwahrlosung, doch die Jugendphantasterei 
ist entwicklungspsychologisch im Grunde eine recht glückliche Angelegen- 



208 


heit, wenn sie auch die größten Jugendtorheiten im Gefolge hat: sie 
zeuget von einer gewissen Kraft, von Idealismus, Mut und Selbstvertrauen. 
Die Phantasterei Erwachsener setzt demgegenüber mangelnde Selbster¬ 
kenntnis, flachen Dilettantismus und Verantwortungslosigkeit voraus. 
Tragikomisch ist die gar nicht so seltene Phantasterei der Altersverwahr¬ 
losten: „Am Grabe noch pflanzt er die Hoffnung auf!“ 

b) Die Überempfindlichen: Das sind Menschen, denen es 
weder an Bildungswerten noch an idealen Lebenszielen noch an Kraft und 
Tiefe des Gefühls mangelt. Sie sind zu heroischer Haltung fähig und 
leiden an tragischen seelischen Spannungen. Zwischen ihrem Streben und 
ihrem Tun, zwischen ihren Lebenszielen und ihren Lebenserfolgen klafft 
ein grotesker, schicksalhafter Gegensatz und aus dieser Gegensätzlichkeit 
heraus stehen sie dem Leben und der bürgerlichen Welt in ewiger Hilflosig¬ 
keit und scheuer Gehemmtheit gegenüber. Sie sind Träumer, Grübler, 
keine Tatmenschen. Sie sind die unverstandenen Weitschmerzier, die 
unglücklichen Liebhaber und meist ausgesprochen familienfremd. Schon 
die Lösung von der Herkunftfamilie wird oft als lebenslängliche Tragik 
erlebt. Diese ewig Unzufriedenen und Unbeständigen stellen immer ein 
gewisses Kontingent unter den Landstreichern und Bummlern aller Art. 
Sie kommen in allen sozialen Abstufungen vor, vom philosophierenden Hand¬ 
werksburschen, der sein halbes Leben in Arbeitshäusern verträumt, bis 
zum Intellektuellen, der aus dem Vielerlei seiner geistigen Interessen heraus 
nie zu erfolgreicher Berufsarbeit durchfindet. 

c) Die Explosiven: Auch sie leiden an tiefgreifenden, konsti¬ 
tutionsbedingten Spannungen. Aber ihre Grundhaltung ist nicht die Flucht 
ins Reich der Phantasie und der weltschmerzlerischen Gefühle, sie sind 
Menschen der vorschnellen Tat, von unüberlegtem und unmotiviertem Drauf¬ 
gängertum. Sie besitzen wohl ein ausgeprägtes Ehrgefühl, ihre leiden¬ 
schaftliche Natur ist zu allem Guten und Bösen, doch zu keinem schöpfe¬ 
rischen Ausgleich fähig. Es fehlt die versöhnliche Güte und das Augen¬ 
maß für das psychologische Detail der Umwelt. Sie sind ungerecht gegen 
ihre Mitmenschen. Unfähig, das Leben mit kluger Überlegung zu meistern, 
.‘schafft ihre Sprunghaftigkeit überall Unannehmlichkeiten und Zwiespalt. 

d) Die Rechthaberischen: Sie sondern sich weniger durch 
die egozentrische Tat als durch die Blässe des egozentrischen Gedankens 
von der Gemeinschaft ab. Ihr Glaube an den Götzen des eigenen Ichs 
hat etwas Sektiererisch-Verbohrtes. -\us ihrer Rechthaberei wachsen wahr¬ 
haft monströs-abartige Charaktere, oft genug mit einem Einschlag ins 
Heimtückisch-Niederträchtige. Sie sind meist zugleich Querulanten und 
Denunzianten. Diese Menschen sind die größten Nervtöter und die größte 
Plage für ihre Mitmenschen. Vor allem ist ihr unkameradschaftliches, doppel¬ 
züngiges Wesen eine unerträgliche Belastung für jeden Arbeitsbetrieb. 

e) Die Schiebernaturen: Ihr Lebenselement ist der schlau 
eingefädelte Betrug, die Gerissenheit und Geriebenheit wird diesen 
Menschen zum Selbstzweck. Sie verstehen es, den Augenblick zu nützen 
und Situationen abzuwägen. Zu persönlichen Lebensbeziehungen sind sie 
weitgehend unfähig. Von Haus aus sind sie nicht eigentlich Asoziale, 
ihre Verwahrlosung ist mehr moralische und oft genug kriminelle Ver¬ 
wahrlosung. Der ehrliche Weg der Pflichterfüllung ist ihnen nicht gut 
genug, doch ihre skrupellose Raffiniertheit wird ihnen häufig zum Ver¬ 
hängnis und, wenn sie erst einigemale gestrauchelt und gestrandet sind, 
sinken sie von Stufe zu Stufe und machen sich schließlich die armseligsten 
Schnorrergewohnheiten zu eigen. 



209 


Die Asozialität der Schwächlinge folgt mit einer zwingenderen Logik 
aus den Anlagen als die der Sonderlinge, deren Entwicklung viel mehr 
Überraschungsmomente aufweist. Die Schwächlinge ändern sich wenig, 
die Sonderlinge ändern sich viel und auffällig. Die Asozialität der Schwäch¬ 
linge steht regelmäßig schon an den Anfängen ihrer Entwicklung. Ob 
und wann aus der Verkrampftheit, Verschrobenheit und Unausgeglichen¬ 
heit der Sonderlinge moralische Verwahrlosung, Kriminalität oder 
Asozialität erwächst, darüber wird erst im Verlauf einer oft genug hoch¬ 
dramatischen Entwicklung entschieden (die kriminelle Gefährdung der 
meisten Sonderlinge ist größer als die der Schwächlinge). Unter den 
Schwächlingen überwiegt der Typus des cycloiden Psychopathen, unter den 
Sonderlingen der des schizoiden Psychopathen, mit allen Abstufungen der 
Gefühlsskala von der pathologischen Überempfindlichkeit bis zur patho¬ 
logischen Gefühlskälte. Die Schwächlinge sind selten aussichtsreiche 
Erziehungsfälle. Die Gewohnheiten sind die Marksteine ihres Lebens. Ob sie 
je sozial eingliederungsfähig sind, hängt davon ab, inwieweit gewisse 
schlechte Gewohnheiten schon zur zweiten Natur geworden sind. Gewiß 
kann die Erziehung zur Eindämmung dieser Gewohnheiten beitragen, 
eine ausschlaggebende Rolle wird sie hierbei in den seltensten Fällen 
spielen. Die Sonderlinge sind menschlich unsympathischer und disziplinär 
.schwieriger, aber sie sind prognostisch günstiger als die Schwächlinge. 
Asoziale Gewohnheiten bilden sich auch im Leben der Sonderlinge, auch 
sie können dem Landstreichertum, der Trunksucht, dem Müßiggang ver¬ 
fallen, aber ihre Gewohnheiten sind weniger starr, endgültige Verwahr¬ 
losung durch völlige Erstarrung der asozialen Lebensgewohnheiten ist 
bei den Sonderlingen seltener, w'eil ihre seelische Dynamik stärker ist. 

IV. Persönlichkeit und Gemeinschaft 

Das Fremdwort Sozialismus ist in einem doppelten Sinn verdeut¬ 
schungsfähig: Vergesellschaftung oder Vergemeinschaftung, Das sind 
die Pai'olen von zwei völlig gegensätzlichen Weltanschauungen und 
Sozialprogrammen. Das Sozialprogramm des marxi.stischen Sozialismus 
erstrebt die Vergesellschaftung der Produktionsmittel, eine mechanistisch¬ 
zentralistisch organisierte Wirtschaft und ein durch diese Wirtschaft 
mechanisiertes und atomisiertes Menschenmaterial. D^ Sozialprogramm 
des nationalen Sozialismus erstrebt die Volksgemeinschaft und eine den 
Zwecken des Volkes und seiner lebendigen, organischen Glieder dienende 
Wirtschaft. Der Marxismus, die Religion der Entwurzelten, sieht im Flug¬ 
sand die Bausteine einer kommenden besseren Zeit. Im Mittelpunkt der 
nationalsozialistischen Weltanschauung steht der Gemeinschaftsgedanke 
und die familientreue, heimattreue, berufs- und arbeitstreue Persönlich¬ 
keit (der Begriff der „Arbeitstreue“ ist eine besonders charakteristische 
Neuprägung). 

Persönlichkeit und Gemeinschaft sind die Pole der neuen Sozial¬ 
gesinnung und auch der Asozialenbegriff muß seine Prägung durch diese 
Bipolarität erhalten: Asozialität ist eine Störung der 
lebendigen und organischen W'echselbeziehungen 
zwischen den beiden natürlichen Polen Persönlich¬ 
keit und Gemeinschaft. Der asoziale Menschist 
der E i n z e 1 m e n s c h , dem die Gesellschaft nicht zur 
Gemeinschaft geworden ist, der Mensch ohne 
stärkere und tiefere seelische Bindungen an die 
natürlichen Gemeinschaften der Familie, des 


4 



210 


Berufs, der Heimat und des Volks. (Der „asoziale 
Mensch“ ist im wesentlichen dasselbe wie der „nichtseßhafte Mensch“.) 
Die Störung der Wechselbeziehungen zwischen den beiden Polen Persönlich¬ 
keit und Gemeinschaft kann sowohl von der Persönlichkeit als von der 
Gemeinschaft ausgehen, sie kann sowohl individuell als sozial bedingt sein. 
Vorwiegend sozial bedingt ist die Asozialität der reinen Umwelt¬ 
verwahrlosung, aber auch die der reinen Jugend- oder reinen Altersverwahr¬ 
losung (hier verwahrlost der Einzelmensch, weil er nicht die erforderliche 
Erziehung oder Pflege von seiten der Gemeinschaft erhält). Vorwiegend 
individuell bedingt ist die Asozialität der geborenen Asozialen. 

Irgendwie ist jede Asozialität sozialbedingt. Jede Asozialität 
bleibt zugleich immer etwas Relatives, sowohl bezüglich ihrer individuellen 
als bezüglich ihrer sozialen Voraussetzungen. Diese Relativität des 
Asozialenbegriffs haben die Bürokraten am gründlichsten übersehen! Die 

A.sozialen sind nicht absolut „gemeinschaftsunfähig“, insbesondere bei 
vielen asozialen Schwächlingen ist die subjektive Bereitschaft zur sozialen 
Einordnung durchaus vorhanden. Diese subjektive Einordnungsbereit¬ 
schaft gilt es durch tatkräftige Erziehungshilfe von seiten der Gemeinschaft 
zu stärken. Jede Asozialität, auch die der geborenen Asozialen, kann 
dadurch verhütet, beseitigt oder wenigstens verringert werden, daß den per¬ 
sönlichen Belangen, insbesondere der psychologischen Eigenart des gefähr¬ 
deten Einzelmenschen, von seiten der Gemeinschaft ein kluges und gro߬ 
zügiges Ver.ständnis entgegengebi’acht wird. 

INHALT 


I. Da.s Arbeitshaus . 163 

Rassen- und Bevölkerungspolitisches 

Entwicklungsstadien der öffentlichen Meinung 

Die Asozialen als Meister der Tarnung 

Der Strafgedanke 

Mängel des Vollzugs 

Der Arbeitseinsatz 

Erziehung und Bewahrung 

II. Bewahrungsfüfeorge . 176 

Vorbeugungshaft 
Jugendschutzlager 
Stufen der Nichtseßhaftigkeit 
Das Arbeitsamt ’ 

Systeme der Bewahrungsfürsorge 

1. Das Sy.stem der Arbeiterkolonien 

2. Das System der bayrischen „Heimathöfe“ 

3. Das großstädtische Bewahrungssystem Hamburg-Berlin 

III. Psychologie der Asozialen . 199 

A. Typen reiner Jugendverwahrlosung 

B. Typen reiner Altersverwahrlosung 

C. Typen reiner Umweltvei-wahrlosung 

D. Typen geborener Asozialer 

1. Asoziale Schwächlinge 

2. Asoziale Sonderlinge 


IV. Persönlichkeit und Gemeinschaft 


209 







211 


Aus der Gefängnisverwaltung 

Beköstigung der Gefangenen auf eigene 
Rechnung eines Justizbediensteten 

von Amtsrat Hogräfer, Berlin 

I. Vorbemerkungen 

Mit der AV. v. 17. 7. 1941 (Dt. Justiz S. 793) über die Beköstigung 
der Gefangenen auf eigene Rechnung eines Justizbediensteten wird ein 
weiterer Schritt zur reichseinheitlichen Regelung der Anstaltswirtschaft 
getan. Gerade auf dem Gebiet der Beköstigungswirtschaft bei den kleinen 
Vollzugsanstalten bestanden in den bisherigen Länderbestimmungen erheb¬ 
liche Unterschiede, die dem Aufbau einer einheitlichen Wirtschaftsver¬ 
waltung hindernd im Wege standen. Es war daher notwendig, für die 
geplante Neuregelung dieser Beköstigungswirtschaft zunächst eine einheit¬ 
liche GruAdlage zu schaffen. Zu diesem Zweck erging die RV. v. 6. 3. 1941 
(4540 III si 195), die gleichzeitig den Vollzugsbehörden Gelegenheit gab, 
zu der beabsichtigten Neuordnung und allen hiermit im Zusammenhang 
stehenden Fragen Stellung zu nehmen. 

Durch die neuen Bestimmungen wird insbesondere ein klares Ver¬ 
gütungssystem für die Feststellung und Zahlbarmachung der den Justiz¬ 
bediensteten für die Lieferung der Gefangenenkost zustehenden Ent¬ 
schädigung g^eschaffen, ein System, das unter bewußter Ausschaltung klein¬ 
licher Berechnungen eine erhebliche Vereinfachung bringt und den Vorteil 
hat, daß jetzt wenig.stens für das Müheentgelt einheitliche, für das 
ganze Reichsgebiet geltende Entschädigungssätze festgesetzt sind. Durch 
die getrennte Berechnung von Beschaffungskosten und Mübeentgelt w'erden 
zugleich auch Schwierigkeiten, die sich früher beim Steuerabzug ergeben 
haben, beseitigt. 

II. Geltungsbereich 

Die AV. V. 17. 7. 1941 (Dt. Justiz S. 793) gilt für alle Vollzugs¬ 
anstalten (einschl. der Jugendarrestanstalten), bei denen die Gefangenen 
nicht unmittelbar auf Rechnung des Reichs beköstigt werden. Welche 
Vollzugsanstalten diese sind, wird in der RV. v. 25. 4. 1938 (4540 III si 384) 
■wie folgt bestimmt; 

Ab.schn. I Ziff. 1 b): Die Beköstigungswirtschaft wird geführt bei den 
Vollzugsanstalten mit einer Durchschnittsbelegung bis zu 10 
Gefangenen auf Rechnung eines Anstaltsbeamten (Justizbedien¬ 
steten). Sowmit bisher eine höhere Durchschnittsbelegung als Grenze 
maßgebend war, kann bei einer Durchschnittsbelegung bis zu 
25 Köpfen die Verpflegung durch den Aufsichtsbeamten (Justiz¬ 
bediensteten) beibehalten werden. (Die Durchschnittsbelegung ist 
nach der Belegung des voraufgegangenen Jahres zu berechnen.) 

Abschn. 1 Ziff. 3): Soweit in .A.usnahmefällen, z. B. bei Außenarbeits¬ 
stellen, bei nur geringer Anstalt.sbelegung (etwa bis zu 3 
Gefangenen) oder aus anderen Gründen die Beköstigung der 
Gefangenen nach den vorstehenden Be.stimmungen (Abschn. I 
Ziff. 1 b) unwirtschaftlich ist oder sonstige Schwierigkeiten 
bereitet, kann die Aufsichtsbehörde genehmigen, daß es bei der 
bisherigen Übung verbleibt, oder eine abweichende Regelung zu¬ 
lassen. 


4 ' 



212 


III. Führung der Beköstigungswirtschaft 

1. Übertragung der B e kö s t i gu n g s w i r t s c h a f t auf 
einen Justizbediensteten 
Die Beköstigung der Gefangenen gehört zu den Dienstobliegenheiten 
des Aufsichtspersonals. Werden mehrere Aufsichtskräfte beschäftigt, so 
bestimmt der Anstaltsleiter, wer von ihnen die Gefangenenbeköstigung zu 
übernehmen hat. In der Regel wird ein Justizbediensteter auserwählt, der 
verheiratet ist und auf dem Eehördengrundstück wohnt. Wie die Bezeich¬ 
nung „Justizbediensteter“ erkennen läßt, kann auch ein Justizwachtmeister 
oder ein Aushelfer mit der Beköstigung beauftragt werden, voraus¬ 
gesetzt, daß dieser ständig, d. h. regelmäßig und nicht nur gelegentlich 
Aufsichtsdienst leistet. Hiernach kann z. B. auch einem Justizwachtmeister, 
dem neben seinen eigentlichen Dienstobliegenheiten Geschäfte des Auf¬ 
sichtsbeamten übertragen sind, oder der auf Privatdienstvertrag als Ver¬ 
treter eines erkrankten oder abgeordneten Aufsichtsbeamten eingestellte 
Hilfsaufseher mit der Gefangenenbeköstigung beauftragt werden, und zwar 
wird dies häufig notwendig sein, wenn ein zweiter Aufsichtsbeamter 
nicht vorhanden ist. 

Der beauftragte Justizbedienstete ist für die Führung der Bekösti¬ 
gungswirtschaft auch dann verantwortlich, wenn er die Küchengeschäfte 
von seiner Ehefrau wahmehmen läßt oder wenn er andere Hilfskräfte 
oder Gefangene zu seiner Unterstützung heranzieht. 

2. Beschaffung der Lebensmittel 
Der Justizbedienstete hat alle für die Ernährung der Gefangenen 
erforderlichen Lebensmittel nach den Gebräuchen einer sparsamen Haus¬ 
wirtschaft auf seine eigenen Kosten zu beschaffen. Zur ordnungsmäßigen 
Hauswirtschaft gehört auch die übliche Anlegung von Vorräten, ins¬ 
besondere an Kartoffeln, eingesäuerten Gemüsen usw. 

Für die Auswahl der Lebensmittel, die Gestaltung und Ausgabe der 
Kost an die Gefangenen gelten die einschlägigen Bestimmungen — z. Z. 
insbesondere die RV. v. 16. 1. 1940 (4540 III s^ 93/40) — und die Kost¬ 
ordnungen, diese jedoch nur insoweit, als sie nicht durch die vorbezeichnete 
RV. ihre Bedeutung verloren haben. Hiernach muß also in der Regel die 
gleiche Kost geliefert werden, wie sie bei der Regiebeköstigung den 
Gefangenen gewährt wird. Überhaupt hat der Justizbedienstete alle für 
<lie Gefangenenbeköstigung erlassenen allgemeinen Bestimmungen zu 
beachten, soweit sich nicht ihre Anwendung durch die Sonderregelung der 
ihm übertragenen Beköstigungswirtschaft von selbst ausschließt. 

3. Hilfeleistungen durch Gefangene 
Mit Genehmigung des Anstaltsleiters darf der Justizbedienstete 
auch Gefangene zu Hilfeleistungen bei der Kostzubereitung heranziehen. 
Aber nur „Hilfe“ darf der Gefangene leisten, also Kartoffeln schälen, 
Gemüse putzen usw. Die selbständige Bereitung der Kost darf ihm 
dagegen nicht anvertraut werden. Der Justizbedienstete hat hierfür einen 
Arbeitslohn nach Nr. 7 der AV. v. 28. 12. 1940 (Dt. Justiz S. 66/1941) 
zu zahlen. Bei der Heranziehung von Jugendlichen in Jugendarrestanstalten 
wird jedoch ein solcher Arbeitslohn nicht erhoben (RV. v. 11. 11. 1941 
— 4412/2 — III .sl 2599/41 —). 

4. Küchengeräte 

Alles Geschirr, wie Kochtöpfe, Bratpfannen, Wasserkessel, Geschirr 
zum Austragen der Speisen in die Zellen, ferner Eßbestecke, Teller, Tassen 



213 


usw. werden auf Kosten der Reichskasse beschafft und instandgehalten. 
Das gleiche gilt auch für alle Vorrichtungen, die für die Aufbewahrung 
dieser Geräte und der Vorräte in Küche und Keller erforderlich sind. Der 
Bedienstete kann hiernach eine Entschädigung für die Abnutzung dieser 
Gegenstände selbst dann nicht beanspruchen, wenn er diese ausnahmsweise 
aus eigenen Beständen zur Verfügung stellt. 

5. Feuerungsstoffe 

Der mit der Kostlieferung beauftragte Justizbedienstete hat außer 
«len Lebensmitteln auch die erforderlichen Feuerungsstoffe (Kohlen, Gas) 
bereitzustellen. Diese werden den beamteten Justizbediensteten der 
RBesGr. A 9 u. 10, den nichtbeamteten Justizbediensteten der VergGr. IX u. 
X der TO. A, TO. B und der entsprechenden Tarifordnungen dann unent¬ 
geltlich überlassen, wenn ihnen nach Nr. 28 der DWV. bzw. Nr. 8 der WWV. 
gestattet ist, die Feuerungsstoffe für den eigenen Bedarf aus den Vorräten 
der Behörde zu entnehmen. Das gleiche gilt für Aufsichtsbeamte der 
RBesGr. A 8, soweit ihnen ausnahmsweise die Entnahme von Feuerungs¬ 
stoffen aus Behördenbeständen gestattet ist. Unter der gleichen Voraus¬ 
setzung werden die Feuerungsstoffe auch solchen mit der Lieferung der 
Gefangenenkost beauftragten Obervenvaltern und Verwaltern bei den 
liandgerichtsgefängnissen und Geidchtsgefängnissen unentgeltlich geliefert, 
die keine eigene Küche besitzen. Gefolgschaftsmitglieder, denen hiernach 
die Entnahme der Feuerungsstoffe aus Behördenbeständen nicht gestattet 
ist, müssen diese auf eigene Kosten beschaffen. Aus Behördenbeständen 
dürfen an diese Bediensteten Feuerungsstoffe auch gegen Entgelt nicht 
abgegeben werden. 

IV. Beköstigungsvergütung 

1. Kosten der Lebensmittelbeschaffung 

Für die Beköstigung der Gefangenen erhält der Justizbedienstete 
eine Vergütung (Beköstigungsvergütung). Sie setzt sich zusammen aus 
der Entschädigung für die Beschaffungskosten für Lebensmittel und ggf. 
Feuerungsstoffe und einem Müheentgelt. Für die Feststellung der 
Beschaffungskosten wird ein Tagessatz festgesetzt. Dabei werden alle 
Lebensmittel einschließlich der notwendigen Zutaten berücksichtigt, die 
nach den einschlägigen Verwaltungsbestimmungen füi; die Ernährung der 
Gefangenen verwendet werden dürfen. Da von Waren der gleichen Art 
aber in verschiedenen Preislagen in der Regel nur mittel- bis geringer¬ 
wertige Lebensmittel verwendet werden sollen, dürfen auch nur die für 
diese angemessenen Preise angesetzt werden. Es werden auch nur die 
tatsächlich entstandenen und notwendigen Beschaffungskosten berück¬ 
sichtigt. Notierungen der Preisbehörden, die höhere als die ortsüblichen 
Preise zulassen, dürfen nicht dazu verleiten, etwa diese höheren Preise an¬ 
zusetzen. Die Preisbehörden befinden sich bei den unteren Veinvaltungs- 
stellen (Oberbürgermeister, Landräte). Ihre Befragung dürfte sowohl den 
Interessen der Bediensteten als auch der Behörde dienen. Lebensmittel, die 
der Justizbedienstete selbst erzeugt, werden zu dem örtlichen Kleinhandels¬ 
preise berechnet. 

2. Kosten für Feuerungsstoffe 

Bei der Festsetzung des Beschaffungskostensatzes können Auf¬ 
wendungen für Feuerungsstoffe nur bei denjenigen Justizbediensteten 
berücksichtigt werden, denen die Entnahme dieser Brennstoffe aus den 
Beständen der Behörde nicht gestattet ist. Da in diesen Fällen die 



214 


Bediensteten die Feuerungsstoffe anderweitig aus eigenen Mitteln besorgen 
müssen, werden ihnen die Beschaffungskosten erstattet. Die Aufwendungen 
dürfen aber nur insoweit berücksichtigt werden, als die Brennstoffe zur 
Herstellung der Speisen und der damit verbundenen Unterhaltung des 
Herdfeuers notwendig sind. Dies ist besonders bei gemeinschaftlicher 
Küchenbenutzung zu beachten, wenn also die Speisen des Justizbedien.steten 
sowie seiner Hausstandsangehörigen und die Gefangenenkost auf demselben 
Herdfeuer bereitet werden. In solchen Fällen ist ein angemessener Betrag 
als eigener Anteil des Bediensteten an den Feuerungskosten auszuscheiden 
und bei der Berechnung des Bekö.stigungssatzes unberücksichtigt zu lassen. 

3. Festsetzung des Beschaffungskostensatzes 

Den Beschaffungskostensatz setzt die höhere Vollzugsbehörde (General¬ 
staatsanwalt) nach Nr. 5 der AV. v. 17. 7. 1941 fest. Dabei wird darauf 
zu achten sein, daß die für die einzelnen Anstalten des Bezirks bestimmten 
Sätze keine größeren Unterschiede aufweisen. Es wii-d anzustreben sein, 
möglichst für alle in einem geschlossenen Wirtschaft.sgobiet befindlichen 
Vollzugsanstalten einen einheitlichen Satz zu bestimmen. Eine Änderung 
des einmal festgesetzten Beschaffungskostensatzes im Laufe eines Rechnungs¬ 
jahres soll nur dann vorgenommen werden, wenn sich die Beschaffungs¬ 
kosten erheblich verteuert oder verbilligt haben. Demgemäß wird es bei 
den heutigen stabilen Preisen in der Regel nicht nötig sein, den Satz im 
Laufe des Rechnungsjahres abzuändern. 

4. Müheentgelt 

Das Müheentgelt ist — losgelöst von den nach früheren Regelungen 
einzelner Länder bestehenden Bindungen an den Beschaffungskostensatz — 
in einem selbständigen Tarif festgesetzt. Der Tarif wei.st eine progressive 
Staffelung auf und vermeidet daher Überschneidungen an den Stufen¬ 
grenzen. Bei der Feststellung der Hafttage ist zu beachten, daß Hafttage 
mit Selbstbeköstigung ausscheiden. Sie bleiben daher völlig unberück¬ 
sichtigt. Soweit aber bei nicht voller Selb.stbeköstigung die Anstaltskost 
teilweise geliefert \sdrd, z. B. die v'olle Morgen- oder Abendkost, oder die 
vollen Schwerarbeiterzulagen oder Lang- und Nachtarbeiterzulagen gewährt 
werden, werden für diese Leistungen die vorgesehenen Bruchteile angesetzt. 

5. Einbußezuschlag 

Der Einbußezuschlag ist zur Abgeltung aller nicht vermeidbaren 
Verluste, die durch Schwund, Fäulnis oder aus anderen Gründen ent.stehen 
können, bestimmt. Der Einbußezu.schlag beträgt 10 v. H. der Beschaffungs¬ 
kosten einschließlich der nach Nr, 6 Abs. 2 Satz 2 der AV. v. 17. 7. 1941 
mitzuberücksichtigenden Kosten für solche Feuerungsstoffe, die nicht aus 
Behördenbeständen überlassen sind. Die Gewährung eines solchen Einbuße¬ 
zuschlags war in keiner der bisher geltenden einschlägigen Länder¬ 
bestimmungen vorgesehen. Seine Bedeutung geht weiter, als es die 
Bestimmung der AV. auf den ersten Blick erkennen läßt. Er wird gewährt 
ohne Rücksicht darauf, ob irgendwelche Verluste entstanden sind, und soll 
den Justizbediensteten für alle unvorhersehbaren tatsächlichen oder ver¬ 
meintlichen Verluste entschädigen, die bei der Fe.stsetzung des Beschaffungs¬ 
kostensatzes von der höheren Vollzugsbehörde nicht berücksichtigt werden 
können. Er dient also auch dem Ausgleich bei kleinen Steigerungen der 
Beschaffungskosten und bei anderen kleineren Mehrbelastungen und verfolgt 
im Endziel den Zweck, den Bediensteten vor Schaden zu bewahren, ohne 
daß es nötig wäre, den Beschaffungskostensatz zu ändeni. 



I 


% 


215 


Allgemeine Verfügungen des RJM. 

Entschädigung der Behördenangehörigen für Dienstleistungen im Erweiter¬ 
ten Selbstschutz. AV. vom 11. 10. 1941 — Dt. Just. S. 993 —. 

Zusatz zur AV. v. 18. 9. 1939 — Dt. Just. S. 1525 — i. d. Fassg. d. 
AV. vom 6. 5. 1941 — Dt. Just. S. 547 —: Vergütungen u. Ent¬ 
schädigungen, insbesondere auch das Zehrgeld bis zu 3 MM für den 
einzelnen Einsatz, unterliegen nicht der Einkommensteuer. 
Beurlaubung von behördenangehörigcn Führern der Hitler-Jugend zu 
Sonderlehrgängen der Wehrmacht. AV. vom 22. 10. 1941 — Dt. Just. 
S. 1021 —. 

Bekanntgabe des RdErl. des RMdJ. und RFM. vom 2. 10. 1941 — 
II 3809/41 — 6461 —: Die Richtlinien für die Beurlaubung von 
Behördenangehörigen aus besonderen Anlässen vom 20. 5. 1939 
(RMBliV. S. 1102), Erster Teil, Abschn. B Ziff. 1 Abs. 2 finden 
auf die 8- oder 14tägigen Sonderlehrgänge der Führer der HJ. 
bei der Wehrmacht sinngemäße Anwendung. Bezüge sind fort¬ 
zuzahlen. 

Reisebeihilfen an abgeordnete Gk'folgschaftsmitglieder. AV. vom 21. 10. 
1941 — Dt. Ju.st. S. 1021 —. 

Reisebeihilfen für abgeordnete verheiratete Gefolgschaftsmit¬ 
glieder ohne eigenen Hausstand, bei denen der Umzug angeordnet 
ist usw. ^ 

Unmittelbarer Geschäftsverkehr zwischen Justizbehörden außerhalb des 
Protektorats Böhmen und Mähren und Verwaltungsbehörden im Protek¬ 
torat. AV. vom 22. 10. 1941 — Dt. Just. S. 1021 —. 

Unmittelbarer Ge.schäftsverkehr in besonderen Fällen. 
Vollstreckung des Jugendarrestes bei Angehörigen der Wehrmacht. AV. 
vom 20. 10. 1941 — Dt. Just. S. 1025 —. 

Zurückstellung der Vollstreckung bei Verurteilten, die vor Ein¬ 
leitung des Vollzugs unmittelbar zur Wehrmacht einberufen sind. 
Deutsche Dienstpost im Bezirk Bialystock. AV. vom 3. 11. 1941 — Dt. Just. 
S. 1035 —. (AV. V. 9. 9. 1941 — Dt. Just. S. 906; Bl. f. Gefängniskunde, 
Bd. 72 S. 154 —). 

Gebiet von Grodno-Stadt und Kreis Grodno ist postalisch dem 
Bezirk Bialystock zugeteilt worden. 

Dienstverhältnisse der auf Privatdienstvertrag beschäftigten Gefolgschafts¬ 
mitglieder der Reichjustizverwaltung. AV. vom 4. 11. 1941 — Dt. Just. 
S. 1035 —. 

Änderung in den Besonderen Dienstordnungen (BDO.) der RJVer- 
waltung zu den Tarifordnungen für Gefolgschaftsmitglieder im 
öffentl. Dienst (ATO., TO. A, TO. B). 
Verbrauchsregelungs-Strafverordnung. Haus.schlachtungen: Selbstversorger 
mit Fleisch und Fett (außer Butter). AV. vom 28. 10. 1941 — Dt. Just. 
S. 1037 —. 

Auszugsweise Bekanntgabe des RdErl. des Reichsmini.sters für 
Ernährung und Landwirtschaft vom 28. 8. 1941, abgedr. im Dt. 
Reichsanzeiger u. Pr. Staatsanzeiger v. 18. 9. 1941 — Nr. 218 — 
und im Verkündungsblatt des Reichsnähr.st. v. 3. 10. 1941 — 
Nr. 59 S. 362 —. 

Änderung der Strafvollstreckungsordnung. AV. vom 31. 10. 1941 — Dt. 
Just. S. 1038 —. 

Neufassung des § 67 Abs. 1 der Strafvollstreckungsordnung. 



216 


Personalnachrichten 

Beamte des höheren StrafvoUzugsdienstes 

Ernannt: 

Regierungsrat Richter zum Oberregierungsrat in Brieg, 

Erster Staatsanwalt E11 b o r g zum Oberregierungsrat in Bremen- 
Oslebshausen, 

Regierungsrat Dicknether zum Oberregierungsrat in Marburg 
(Drau), 

Verwaltungsamtmann Dr. Zoller zum Regierungsrat in Leipzig- 
Kleinmeusdorf, 

Verwaltungsamtmann Dr. Weber zum Regierungsrat in Bautzen, 

Verwaltungsamtmänn Dr. Brandstätter zum Regierungsrat in 
Mürau, 

Vei'waltungsamtmann W e n d 1 e r zum Regierungsrat in Zwickau. 

Versetzt : 

Regierungsrat von Rüdiger in Leipzig nach Werl, 

Regierungsrat G r o s s i e n in Schröttersburg nach Danzig, 

Regierungsrat T h ü m m 1 e r in Zwickau nach Leipzig, 

Staatsanwalt Tank in Eger als Regierungsrat nach Freiburg 
(Breisgau). 

Verstorben: 

Regierungsrat Dr. Beckmann (auf dem Felde der Ehre gefallen 
am 15. 9. 1941). 

Beamte des gehobenen Vollzugs- und Verwaltungsdienstes 

Ernannt: 

Strafanstaltsamtmann Leißling zum Verwaltungsamtmann in 
Darmstadt, 

Verwaltungsoberinspektor Mayr zum Verwaltungsamtmann in 
Vechta, 

Verwaltungsoberinspektor Falkenowski zum Verwaltungs¬ 
amtmann in Tapiau, ^ 

Verwaltungsoben'nspektor N o s s o 1 o i k zum Verwaltungsamtmann 
in Rendsburg, 

Verwaltungsoberinspektor Lennarz zum Verwaltungsamtmann in 
Wronke, 

Verwaltungsoberinspektor H e b o 1 d zum Verwaltungsamtmann in 
Halle (Saale), 

Verwaltungsoberinspektor Hüttebräucker zum Verwaltungs¬ 
amtmann in Werl, 

Verwaltungsinspektor S k r z i d 1 o zum Verwaltungsoberinspektor in 
Gütersloh (Oberems), 

Verwaltungsinspektor S d r e n k a zum Verwaltungsoberinspektor in 
Wartenburg (Ostp.), 

Venvaltungsinspektor S t a n d k e zum Verwaltungsoberinspektor in 
Brieg, 

Verwaltungsinspektor Partheymüller zum Verwaltungsober- 
in.spektor in Niederschönenfeld, 

' Oberlehrer Knappe zum Verwaltungsoberinspektor in Wronke, 


217 


Verwaltungsinspektor M a 11 h i e s zum Verwaltungsoberinspektor in 
Bochum, 

Verwaltungsinspektor Werner zum Verwaltungsoberinspektor in 
Halle (Saale), 

Verwaltungsinspeklor Beyer zum Verwaltungsoberinspektor in 
Halle (Saale), 

Verwaltungsinspektor Berg zum Verwaltungsoberinspektor in Kiel, 

a. pl. Verwaltungsinspektor F ü 11 i n g zum Verwaltungsinspektor 
in Bautzen, 

a. pl. Venvaltungsinspektor Knappitsch zum Verwaltungsinspektor 
in Kaiser-Ebersdorf, 

a. pl. Verwaltungsinspektor H e i n z e 1 zum Verwaltungsinspektor 
in Beuthen, 

a. pl. Verwaltungsinspektor v. Lucadou zum Verw'altungsinspektor 
in Sosnowitz, 

a. pl. Verw'altungsinspektor Hoppe (Bemh.) zum Verwaltungs¬ 
inspektor in Bromberg, 

a. pl. Verwaltungsin.spektor Gohrbandt zum Verwaltungs¬ 
inspektor in Hamburg-Altona, 

a. pl. Verwaltungsinspektor D o r m e h 1 zum Verwaltungsinspektor 
in Diez, 

a. pl. Verw'altungsinspektor Kapp zum Verwaltungsinspektor in 
Aachen, 

a. pl. Verwaltungsinspektor Willenborg zum Venvaltungsinspektor 
in Koblenz, 

Verwaltungssekretär T h e i s m a n n zum Verwaltungsinspektor in 
Bromberg. 

Versetzt : 

Verw'altungsoberinspektor Zimmermann in Augsburg nach 
Regensburg, 

Verwaltungsinspektor Schlecht in Diez nach Frankfurt (Main), 

Verwaltungsinspektor Dankmeyer in Berlin nach langen, 

Verwaltungsinspektor H o h e i s e 1 in Oels nach Bromberg, 

Verwaltungsinspektor S c h ö b e 1 in Schweidnitz nach Glatz. 

Verstorben: 

Verwaltungsamtmann H a u b i t z in Köln. 

Ausgeschieden: 

Verwaltungsinspektor Meyer (Paul) in Zwickau. 

Geistliche 

Entlassen auf Antrag: 

Pfarrer Brandstetter in Kassel-Wehlheiden. 

Verstorben: 

Oberpfaner Gutfleisch in Freiburg (Breisgau). 

Oberlehrer 

Ausgeschieden auf Antrag: 

Oberlehrer Hans Schulz in Stuhm (Übertritt in den Volksschul¬ 
dienst). 

In den Ruhestand getreten: 

Oberlehrer Jonas in Werl (Kr. Soest). 



218 


Schrifttum 

Bücher Inland 

„Kriminalpolitik auf kriminologischer Grundlage“ von Prof. Dr. M e z ge r , 
Universität München. Zweite we.sentlich umgearbeitete Auflage. 284 
Seiten. Verlag Ferdinand Enke, Stuttgart. 1942 Halbl. 19,60 
Wie der Verfasser im Vorwoi’t ausführt, soll das Werk aufzeigen, was 
wir nach dem heutigen Stande vom Wesen und den Erscheinungsformen des 
rechtbrechenden Menschen wissen und wie wdr dieses Wissen in den Dienst 
des Rechtes und damit des ganzen Volkes stellen können» Diese Aufgabe 
ist in vortrefflicher Weise gelöst. Der Verfasser führt nicht nur in knapper 
und klarer Ausdrucksweise den Leser in alle einschlägigen Probleme ein, 
sondern nimmt auch zu den einzelnen Fragen in überzeugender Weise 
abschließend Stellung. Das Werk ist somit nicht nur ein vorzügliches 
Lehrbuch über den Stand der Kriminalpolitik, sondern gibt zugleich das 
aus reicher Lebenserfahrung und tiefer Wissenschaftlichkeit gewonnene 
Forschungsergebnis des bekannten Münchner Strafrechtslehrers wieder. 
Der Leser w'ird immer von neuem beeindruckt werden von der Fülle des 
Wissens, das hier zusammengetragen und verarbeitet w’orden ist. Wer auf 
dem Gebiete der Kriminalpolitik tätig ist, braucht dieses Buch und es muß 
in den Verwaltungsbüchereien aller Vollzugsanstalten einen Platz finden. 

Oberregierungsrat Dr. S t r u b e , Berlin-Moabit 

„Kommentar zum Strafgesetzbuch“ von Dr. Adolf S c h ö n k e , ord. Prof, 
der Rechte an der Universität Freiburg i. B. Erste und zweite 
Lieferung (umfassend §§ 1—210), 432 Seiten Lexikonformat. Geheftet 
6,50 und 5,80. Verlag C. H. Beck, München und Berlin, 1941. 
Trotz des heutigen Tempos der Gesetzgebung und der Fortentwicklung 
des Rechts ein neuer größerer Kommentar zum Strafgesetzbuch! Das ist 
besonders freudig zu begrüßen. Damit wird eine seit langem empfundene 
Lücke ausgefüllt. Die beiden ersten Lieferungen zeigen bereits, daß das 
Werk den gegenwärtigen Stand der Gesetzgebung, Rechtsprechung und 
Wissenschaft in herv'orragender Weise vermittelt. Es trägt dem neuen 
Rechtsdenken überall Rechnung und gibt unter Berücksichtigung der straf¬ 
rechtlichen Reformarbeiten die erforderlichen Hinweise auf das kommende 
Recht. Das Grundsätzliche und Wesentliche wird klar herausgearbeitet, 
Wissenschaftlichkeit mit praktischer Brauchbarkeit in bester Weise ver¬ 
bunden. Übersichtlichkeit in der Anordnung ermöglicht ein rasches Zu¬ 
rechtfinden. Der Kommentar wird für die Ausbildung des Rcchtswahre.r- 
nachwuchses und insbesondere für den Praktiker von außerordentlicher 
Bedeutung werden. Eine Gesamtwürdigung des Werkes nach vollständigem 
Erscheinen bleibt Vorbehalten. 

■ Landgerichtsdirektor Mittendorff, Berlin 

Gleitze, Bruno. Die Konjunkturkriminalität. Eine statistische Unter¬ 
suchung über die konjunkturellen und demographischen Einflüsse auf 
<lie Kriminalitätsentwicklung. Verlag W. Kohlhammer. Stuttgart und 
Berlin 1940. 108 Seiten. Preis 6,30 

Im Gegen.satz zu anderen derartigen Veröffentlichungen verläßt die 
vorliegende Arbeit bewußt das vom Strafgesetzbuch her entwickelte 
Schema der Deliktsgruppierung und betrachtet den Kriminalitätsverlauf im 
Zusammenhang mit der sozialen Umwelt. Tn zeitlicher Beziehung liegt der 



219 


Arbeit die Kriminalität der wirtschaftlich überaus unruhigen Epoche von 
1925 bis 1933 mit ihren scharfen Konjunkturschwankungen zugrunde, in 
der die Zusammenhänge zwischen Wirtschaftsverlauf und Straffälligkeit 
besonders kraß zutage treten. 

Die mit einer Reihe äußerst instruktiver Schaubilder ausgestattete 
Arbeit, die zum gj'oßen Teil die Methodik der Konjunkturforschung und 
der modernen Sozial- und Wirtschaftsstatistik anwendet und die ein neuer 
Beweis dafür ist, wie fruchtbar diese Methoden auch auf einem Grenzgebiet 
der eigentlichen Wirtschaftsforschung eingesetzt werden können, besteht 
in ihrem speziellen Teil aus 6 Abschnitten, wobei zunächst die Bestimmungs¬ 
gründe für den wechselnden Verlauf der Kriminalität behandelt werden. 
Wie sich die Wandlungen in der Altersbesetzung der Bevölkerung auf den 
Kriminalitätsgrad auswirken, ist der Inhalt des folgenden Abschnittes. 
Sodann gelangen die verfügbaren Meßziffern zur Beobachtung der konjunk¬ 
turellen Bewegung sowie die verschiedenartige Intensität der konjunk¬ 
turellen Einflüsse auf die Kriminalitätsentwicklung zur Darstellung. Die 
beiden letzten Kapitel .sind dem differenzierten Verhalten der Altersstufen 
im Konjunkturverlauf einerseits, den Unterschieden in der Konjunktur¬ 
empfindlichkeit der Kriminalität der landwirtschaftlichen und der übrigen 
Bevölkerung anderseits gewidmet. 

Unter Benutzung des riesigen Zahlenmaterials, das durch die seit 
Jahrzehnten im Stati.stischen Reichsamt bearbeitete Reichskriminalstatistik 
zu.sammengetragen ist, bringt die Untersuchung Gleitzes aufschlußreiche 
Feststellungen, vor allem, wenn man sie auf die Frage ausdehnt, wie weit 
die Jugendlichen, die Männer im Alter des ausgeprägten Berufslebens und 
die weiblichen Personen der einzelnen Jahrgänge verschiedenartig in ihrer 
kriminellen Betätigung auf wirtschaftliche Einflüsse reagierten. Es hat 
sich hierbei gezeigt, daß jede Altersstufe eben eine eigene Kriminalitäts¬ 
struktur hat. Deshalb ist die altersmäßige Zusammensetzung der Bevöl¬ 
kerung für die Art und Höhe der Kriminalität von entscheidender Bedeu¬ 
tung. Stadt und Land unterscheiden sich ebenfalls in krimineller Hinsicht. 

Das Untersuchungsergebnis hat vor allem aber gezeigt, daß sich für 
die Wende des zweiten und dritten Jahrzehnts durch die Schärfe der wirt¬ 
schaftlichen Konjunkturschwankungen eine wohl für lange Zeit einzigartig 
bleibende Möglichkeit bietet, die Zusammenhänge zwi.schen Wirtschaftslage 
und Kriminalitätsentwicklung zu betrachten. 

Das eingehende Studium dieses Werkes, dem noch ein umfangreicher 
Tabellenanhang sowie ein Stichwortverzeichnis beigegeben sind, wird bestens 
empfohlen, da es wegen seiner grundsätzlichen und auch neuartigen Aus¬ 
führungen über das in seinen Anfängen übrigens bis in das klassische Alter¬ 
tum zurückreichende Problem „Wirtschaftslage uijd Straffälligkeit“ geeignet 
ist, den an kriminologischen Fragen tiefer Interessierten neue Anregungen 
zu vermitteln. Dr. E. R o e s n e r , Berlin 

Loduchowski, Hans-Willi. Die Tötungsdelikte (Mord, Totschlag und Kindes¬ 
tötung) im Landgerichtsbezirk Koblenz in den Jahren 1910 bis 1939. 
Untersuchungen zur Kriminalität in Deutschland. Herausgegeben von 
Prof. Dr. von Weber. Heft 11. Verlag der Fraumannschen Buch¬ 
handlung Walter Biedermann. Jena 1941. 107 Seiten. Preis 6.— 

Verfasser hat sich die Aufgabe gestellt, die Tötungsdelikte zu unter¬ 
suchen, die in den Jahren 1910 bis 1939 im Landgerichtsbezirk Koblenz 
begangen w'orden sind, der mit seinen rd. 6000 qkm Fläche und seinen 30 
-Umtsgerichtsbezirken augenblicklich der größte Bezirk die.ser Art im 



220 


Reich ist, während die Einwohnerzahl von jetzt 782000 Personen hinter der 
anderer Landgerichtsbezirke weit zurückbleibt. 

Die Arbeit gliedert sich in 3 Hauptabschnitte. Nachdem in der Ein¬ 
leitung der Umfang der Arbeit, das Material und die Fehlerquellen, sowie 
die speziell wirtschaftlichen Charakteristika des Untersuchungsgebietes 
behandelt werden, werden in den 6 Unterabschnitten des zweiten und 
erklärlicherweise umfangreichsten Hauptteils behandelt: 1. Die im Be¬ 
richtsbezirk festgestellten Tötungsdelikte (zeitlicher Verlauf im ganzen wie 
im einzelnen), 2. die wirkliche Kriminalität (Dunkelziffer), 3. die Modali¬ 
täten der Tat (Ort und Zeit der Tat, Tatmittel und Begehungsform, Tat¬ 
opfer), 4. die Täter (Alter, Geschlecht, Personenstand, Beruf und andere 
natürliche und soziale Eigenschaften, Persönlichkeit [hervorstechende 
Charaktereigenschaften sowie körperliche und geistige Erkrankungen], das 
Verhalten der Täter nach der Tat [Selbstmord, Flucht und Widerstand 
bei der Verfolgung, Selbstanzeige und Geständnis], die Tatmotive), 5. die 
Tätertypen und 6. die Reaktion auf das Verbrechen. 

Der dritte und letzte Hauptteil befaßt sich mit der Kritik, der legis¬ 
lativen Bedeutung und der kriminalpolitischen Wertung der gefundenen 
Ergebnisse, die im besonderen für den Kriminalpolitiker zeigen, daß die 
Hebung des geistigen, moralischen und sittlichen Niveaus des Volkes nicht 
nur der Verhütung der Sittlichkeitsdelikte dient und aller anderen damit 
zu.sammenhängenden Straftaten, sondern daß diese auch geeignet ist, zur 
Verminderung der Tötungskriminalität beizutragen. Weiter zeigt das Unter¬ 
suchungsergebnis dem Kriminalpolitiker, daß die Bekämpfung des chro¬ 
nischen Säufertums, des Landstreicher- und Müßiggängertums durch die 
Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, die bessere Überwachung der häuslichen 
Erziehung der Jugendlichen und die Verbesserung ihrer Umweltverhält¬ 
nisse, z. B. durch gesunde Wohnungsbau- und Siedlungspolitik sowie vor 
allem die Angleichung der Gehälter und Löhne an die teuren Preise der 
Lebensgüter — also die Verbesserung des Auskommens überhaupt —, 
günstig auf die Tötungskriminalität wirkt, und daß auch das Erbgesund¬ 
heitsgesetz in der Zukunft seine verbrechensverhütende Wirkung zeigen 
wird. 

Dem Gesetzgeber schließlich zeigt das Untersuchungsergebnis, daß die 
Unterscheidung zwischen Mord und Totschlag nach gerechteren und ma߬ 
geblicheren Gesichtspunkten, die Beseitigung des Sondertatbestandes des 
Kindesmordes und zusätzliche vorbeugende Maßnahmen gegen chronische 
Gewaltverbrecher über die Möglichkeiten der §§ 20 a und 42 e StGB, 
hinaus zur wirksameren Bekämpfung der Tötungskriminalität beitragen 
A\’ürden. 

Eine fleißige und aufschlußreiche Arbeit, die auch dem Strafvollzugs¬ 
beamten mancherlei interessante Anhaltspunkte bietet. 

Dr. E. Roesner, Berlin. 

Zeitschriften 

Inland 

Zcntralblatt für Psychotherapie, herausgegeben von Professor Dr. M. H. 

Gering im Verlag von S. Hirzel in Leipzig. 

Eine Fülle wertvoller, auch für die Gefängniskunde aufschlußreicher 
Abhandlungen bringen die in dem Band 12 zusammengeschlos.senen 6 Hefte 
aus dem Jahre 1940. 

Gleich zu Beginn fesselt der Artikel von A i c h e 1 e : „Das Tier in 
Traum und Phantasie der Jugendlichen“ das Interesse des Kriminalwissen- 



221 


schaftlers. An einer Reihe überzeugender Beispiele zeigt die Verfasserin, 
wie das im Traum erscheinende Tier die jeweilige innerseelische Situation 
des Jugendlichen manifestiert. Löwe, Tiger und Schlangen, ja selbst die 
Riesentiere der Vorwelt beherrschen das Feld und bringen Angst und 
und Schrecken. Nach der Verfasserin ist dabei das Wesentliche die Tat¬ 
sache, „daß sich unter diesen Bildern seelische Zustände und Strömungen 
versinnbildlichen, welche unserem bewußten Willen nicht zugänglich sind“ 
(Heft 1, Seite 22). 

Immer wieder erscheint der Alkoholsüchtige vor den Schranken des 
Gerichts, um zu sühnen, was er im Rausch angerichtet hat. Wir kennen die 
schweren Erregungs- und Depressionszustände, die ihn nach der Inhaftierung 
durch die radikale Absperrung von jedem Alkoholgenuß überfallen, und 
beobachten sein schnelles Aufblühen, sobald er sich mit der Entwöhnung 
abgefunden hat. Da sind uns die lichtvollen Ausfühmngen willkommen, die 
Dr. Fritz Meyer „zur Psychologie und Behandlung des Alkoholkranken“ 
macht. Er lehnt den Begriff einer spezifischen Alkoholsucht als falsch ab; 
statt dessen sicht er in ihr „das komplizierende und komplizierte Symptom 
einer meist recht buntscheckigen Neurose“ (Heft 1, Seite 24). Gegenüber 
diesen Süchtigen versagt die Kretschmersche Typologie. Unterschiede 
lassen sich nur hinsichtlich der Reaktionsweise auf den Alkohol machert. 
Ungeklärt ist die Frage nach der Giftwahl, die bei dem einen auf Alkohol, 
bei dem anderen auf Morphium, bei dem dritten auf Schlafmittel fällt. 
Eindeutig klar dagegen ist es, daß wir in dem Alkoholkranken eine neu¬ 
rotische Persönlichkeit vor uns haben, die vor der Wirklichkeit flieht und 
sich eine trügerische Scheinwelt errichtet und ausbaut (Heft 1, Seite 30). 
ln der Therapie unterscheidet der Verfasser die kürzere pharmakologische 
und die längere seelische Entgiftung. Die letztere erfolgt durch eine 
exakte psychotherapeutische Behandlung, welche die Wurzeln der Neurose 
bloßlegt und die Gespaltenheit der Persönlichkeit harmonisiert. Er spricht 
von einem „Aufbaujahr“ (Heft 1, Seite 35). Zu einem solchen könnte 
sicherlich auch die Strafhaft werden. Von jedem alkoholsüchtig Gewesenen 
verlangt der Verfasser dauernde Enthaltsamkeit, die er als Gebot für die 
Jugend aufstellt. 

Mit tiefgründigen Betrachtungen des verstorbenen japanischen 
Professors M o r i t a über den Begriff der Nerv'osität, ihre Entstehungs¬ 
bedingungen und ihre Klassifizierung schließt das erste Heft des 12. 
Bandes. Sie zeigen uns, daß man auch im fernen Osten mit den gleichen 
Problemen ringt und zu ähnlichen Ergebnissen kommt wie bei uns. 

In dem Heft 2/3 des Bandes 12 legt zunächst Dr. Böhm die Er¬ 
fahrungen nieder, die er in der Poliklinik des Deutschen Institutes für 
Psychologische Forschung und I’sychotherapie gemacht hat. Wenn er auf 
Seite 72 schreibt; Des Therapeuten Tätigkeit besteht darin, „Klagen 
anzuhören, Geständnisse entgegenzunehmen, Mißerfolge und kriminelle 
Taten sich schildern zu lassen“, so gilt das alles auch für den Strafanstalts¬ 
beamten, der gleichfalls in einem „psychischen Seuchenlazarett“ steht. 

Im weiteren Verlauf des Heftes legt Prof. I. H. Schultz, der 
Schöpfer des autogenen Trainings, ein in langer Arbeit entwickeltes, stark 
spezialisiertes Diagnosenschema für werdende Therapeuten vor. 

Mit der Abhandlung; „Psychotherapie und Erblehre“ in Heft 4/5 
berührt der Erbforscher Luxenburger ein Gebiet, das auch von der 
Kriminalwissenschaft intensiv bearbeitet worden ist. Ich nenne nur 
Johannes Lange; „Verbrechen als Schicksal“, Martin Riedl; 
„Studie über Verbrecherstämmlinge“ und vor allem die umfangreichen 
Arbeiten von Friedrich Stumpf 1 ; „Die Ursprünge des Verbrechens“, 



222 


„Die kriminellen Verwandten“ u. a. m. Die kriminalwissenschaftliche 
Literatur stellte sich nach 1933 in manchen Ausführungen auf den Stand¬ 
punkt des Erbfatalismus. Dr. Riedl schreibt in seiner Studie über 
Verbrecherstämmlinge (Archiv für Kriminologie, Band 93); die ererbte 
Persönlichkeitsartung ist ein irreversibler Zustand, der keine Korrektur, 
keine innere Um- und Rückbildung erlaubt und allem menschlichen 
Handeln in Pädagogik und Therapie nur eine beschämend schwache Kraft 
übrig läßt. Diesen Standpunkt des Erbfatalismus teilt Luxenburger nicht. 
Statt des.sen untei'scheidet er zwischen dem, was unbedingt schicksalhaft, 
und dem, was nur bedingt schicksalhaft ist. Er spricht von einem freien 
Kräftespiel zwischen Anlage und Umwelt und vertritt damit eine These, 
für die das Kaiser-Wilhelm-Institut für Erblehre (Prof. Gottschaidt) 
die Formulierung prägte: Erbanlage und Umweltwirkung stehen in funk¬ 
tionaler Wechselwirkung. Eine schöne Formulierung hat auch von 
Hentig gefunden (Strafrecht und .4uslese): „Die Umwelt klopft wie 
der Quellensucher mit der Wünschelrute an und findet die Minderwertigen 
heraus.“ Rastlose Forscherarbeit ist am Werk, in diese Zusammenhänge 
.ständig tiefer einzudringen. Luxenburger betont immer wieder, daß „mit 
seelischen Mitteln geheilt werden kann, was auf seelischem Wege ent¬ 
standen ist“, und anerkennt damit die Psychotherapie wie jede seelische 
Beeinflussung als vollberechtigt und notwendig. 

ln eine schwierige Problematik führt der Artikel „Über sogenannte 
Unfallneurosen“ von Viktor von Weizsäcker hinein. Es ist nicht so, 
daß das Opfer des Verkehrsunfalls nur „eine Niete im Lotteriespiel des 
täglichen Straßenlebens gezogen hat“ (Heft 4/5, Seite 213). Der Unfall 
ist überhaupt kein mechanischer Einbnich von kausal-blinder Art, er ist ein 
Ereignis mit Vor- und Nachgeschichte, die in der Persönlichkeit des 
Betroffenen wurzeln. Die Beurteilung der Unfallfolgen bürdet der Wissen- 
.schaft fast unlösbare .4ufgaben auf. Es muß geholfen werden dem Kranken, 
dem Institut der Sozialversicherung und dem Richter, der nach der Meinung 
des Verfassers hier auf einen sehr sachverständigen Gutachter angewiesen 
ist. Die Hilfe für den vom Unfall Betroffenen darf nicht nur in Berentung 
bestehen, sondern in Behandlung und Neueingliederung in den Erwerbs¬ 
prozeß und in die Arbeitsgemeinschaft. 

In die Arbeit derAr;stalt für Erziehungsbedürftige in Kaiser-Ebersdorf 
läßt uns hineinschauen eine Abhandlung von Otto Schürer von 
W a 1 d h e i m ; „Die Ursachen der beruflichen Unbeständigkeit dissozialer 
Jugendlicher“. Die Berufswahl der 14 und 15jährigen hat nach .seinen 
Beobachtungen noch wenig Be.stand, da die erforderliche Reife fehlt. 
72 '/< der dissozialen Jugendlichen geben den in die.sem .41ter gewählten 
Beruf später wieder auf. Den geeigneten Zeitpunkt für die Berufswahl 
sieht der Verfasser im 16. Lebcn.sjahr. Vei’wöhnung wie auch erziehliche 
Vernachlässigung erschweren die berufliche Einordnung oft außerordentlich. 
.4ufschlußreich sind die Beziehungen zwischen Berufswahl und Körperbau¬ 
typus. Die leptosom-asthenischen Konstitutionen bevorzugen die ,,Reiz¬ 
mangelberufe“ mit geringer Beanspruchung der Muskelkraft; die athle¬ 
tischen Konstitutionen ziehen die Reizberufe vor, während die Pykniker 
sowohl das eine wie auch das andere Extrem ablehnen. Zwischen häufigem 
Berufswech.sel und Kriminalität gibt es zahlreiche Zu.sammenhänge. 

Die Anregung des Verfassers, ähnliche Untersuchungen vorzunehmen, 
um das Problem des ‘Berufswechsels einer weiteren Klärung zuzuführen, 
verdient aufgegriffen zu werden. .4uttallig ist z. B. das Fehlen eines 
.stabilen Lebensaufbaues oder die Spannung zwischen dem ausgeübten und 
dem eigentlich gewünschten Beruf bei vielen Homosexuellen. 



223 


Das Heft 6 des Zentralblattes endlich enthält eine Abhandlung von 
Dr. H o 11 m a n n : „Neurose, Krankheit und soziales Schicksal“. Er 
setzt sich mit den Einwänden auseinander, die gegen eine psychologische 
oder psychotherapeutisch erweiterte Medizin erhoben werden, und schildert 
die besonderen Gefahren, von denen er das Arbeiter-, Bauern- und Bürger¬ 
tum aus ihrem sozialen Schicksal bedroht sieht. Der Arbeiter, welcher um 
seine Würde kämpfen mußte, der Bauer, der die Bindung an seinen Boden 
verliert, der Bürger, welcher erlebt, daß die für ihn gültigen Gesetze über¬ 
lebte Vorurteile werden im Durchbruch neuer Zeiten, sie alle können mit 
neurotischen Reaktionen antworten. 

Mit einem Artikel des Berliner Psychotherapeuten H. Schultz- 
H e n c k e über das Unbewußte in seiner mehrfachen Bedeutung schließen 
die wissenschaftlichen Abhandlungen. Er zeigt, daß sich die Tiefen- 
p.sychologie fortan auf die Autorität von Leibniz berufen darf, der bereits 
im Jahre 1703 das Unbewußte diskutiert und beschrieben hat. Schultz- 
Hencke will das Unbewußte einer verschwommenen Atmosphäre und Viel¬ 
deutigkeit entreißen und einer größeren Klarheit zuführen. Zu diesem 
Zweck stellt er vier Arten des Unbewußten zur Diskussion: das meta¬ 
physische, das kollektive, das phylogenetische und das ontogenetische 
Unbewußte. 

^ Jedem Heft ist eine umfangreiche Literaturbesprechung angeschlossen. 
Hingeviesen sei auf das in Heft 4/5 Seite 290 zitierte, Werk eines franzö¬ 
sischen Psychologen, der die Juristen je nach dem Überwiegen von Intelli¬ 
genz und Logik oder Gefühl und Intuition in zwei grundsätzlich verschiedene 
l’ypen einteilt. 

Die vorstehenden Au.sführungen lassen erkennen, daß die Disziplinen 
der Psychotherapie und der Kriminalwissenschaft ein gutes Stück Weges 
parallel gehen und einander sehr bereichern können. Ein weiterer Ausbau 
der gegenseitigen Beziehungen würde für beide Teile Gewinn bringen. 

Dr. Ohm, Berlin 


Ausland 

Kivista di diritto penitenziario, studi teorici e pratici. Herausgeber: 

Dr. Giovanni N o v e 11 i, Rom. Jahrgang XII. 

Heft 3 (Mai-Juni 1941). 

Ein ausführlicher und beachtlicher Aufsatz von Prof. P e n d e, 
Direktor des biotypologischen orthogenetischen Instituts der Kgl. Universi¬ 
tät Rom, Prof, di Tu 11 i o und Dr. N ar di über den „Verbrecher aus 
Hang“ berichtet über Untersuchungen, die in dem erwähnten Institut in 
Rom durchgeführt worden sind. Das italienische Recht sieht bekanntlich in 
.Artikel 108 StGB, neben dem rückfälligen, dem gewohnheitsmäßigen und 
dem gewerbsmäßigen Verbrecher die besondere Rechtsfigur des Verbrechers 
aus Hang vor, die namentlich auch auf dem Ersten Internationalen Kongreß 
für Kriminologie in Rom (Oktober 1938) zu interessanten wissenschaft¬ 
lichen Erörterungen Anlaß gegeben hat (vgl. darüber Römischer Kongreß 
für Kriminologie, Beiträge zur Rechtsemeuerung, herausgegeben von 
F r e i s 1 e r und Schlegelberger, Heft 8 Seite 56 ff). Zur genauen 
Erforschung der Figur des Verbrechers aus Hang ist in Italien eine 
besondere Kommis.sion eingesetzt worden. 

Die Verfasser haben nun die Persönlichkeit von 20 Verurteilten, die zu 
Hangverbrechern ira Sinne des Artikels 108 StGB, erklärt worden waren, 
einer näheren Prüfung unterzogen, um einen neuen Beitrag zu den Arbeite* 
der Kommission zum Studium des Verbrechers aus Hang zu liefern. Die 



224 


Untersuchungen führten zu dem Ergebnis, daß von den 20 bei 9 Fällen die 
Voraussetzungen des Artikels 108 erfüllt, bei weiteren 9 nicht erfüllt waren 
(delinquenti di tipo occasionale-passionale), während 2 Fälle zweifelhaft 
erschienen. 

Das spezifische Merkmal des Verbrechers aus Hang ist eine besondere 
Hinneigung zum Verbrechen, die ihre Ursache in der besonders bösartigen 
Anlage des Schuldigen findet. Die Verfasser haben festgestellt, daß die 
physico-psychischen Konstanten des Verbrechers aus Hang eine Hyper¬ 
trophie der grundlegenden egoistischen Triebe und ein nur geringes 
Hemmungsvermögen sind, worin der Grund dafür liegt, daß die Anreize 
zum Verbrechen, auch wenn sie nur schwach sind, leicht das Übergewicht 
erhalten. Sie haben weiter festgestellt, daß die besondere Prädisposition 
oder Neigung zum Verbrechen der Ausdruck einer Hypoevolution der 
Persönlichkeit ist, namentlich hinsichtlich der vom psychosozialen Stand¬ 
punkt aus bedeutsameren und edleren Züge. Die Verfasser kommen zu dem 
Schluß, daß auch die Verbrecher aus Hang besserungsfähig seien. Die 
Neigungen zum Verbrechen, die nicht auf krankhafter Ursache beruhten, 
seien immer mehr oder minder stark beeinflußbar. 

Anschließend wird der Bericht der Unterkommission für die Straf¬ 
entlassenenfürsorge der Internationalen Stafrechts- und Gefängnis- 
kommission abgedruckt, der von ORR. Dr. S t r u b e ins Deut.sche über¬ 
setzt und im 17. Jahrgang der „Monatsblätter für Straffälligenbetreuung 
und Ermittlungshilfe“ veröffentlicht werden wird. 

R. V o z z i, Richter im italienischen Justizmini.sterium, behandelt 
einige Fragen der Untersuchungshaft, die sich überwiegend auf die An¬ 
rechnung der Untersuchungshaft auf die Strafzeit beziehen. Vozzi unter¬ 
sucht namentlich das Problem der Anrechnung der Untersuchungshaft bei 
Mehrheit von Taten, das auch in der neueren deutschen Rechtsprechung zu 
§ 60 StGB, und zu § 450 RStPO. nicht selten eine Rolle spielt; in der 
deutschen Praxis zeigt sich hier eine gewisse Unsicherheit. Zum Schluß 
behandelt der Verfasser das — durch ausführliche Vorschriften nicht gere¬ 
gelte — Verhältnis der Vollstreckung eines Untersuchungshaftbefehls und 
einer Strafe und geht hierbei von dem Grundsatz des Vorrangs der Straf¬ 
vollstreckung gegenüber der Vollstreckung der Untersuchungshaft aus. Er 
führt aus, daß nach italienischem Recht eine Unterbrechung der Straf¬ 
vollstreckung zum Zwecke der Vollstreckung von Untersuchungshaft nicht 
zulässig .sei, wenngleich der Haftbefehl in gewisser Weise auf die Durch¬ 
führung des Strafvollzugs einwirke. Ebensowenig sei bei einem Beschuldig¬ 
ten, der sich in Untersuchungshaft befinde, ein Aufschub der Strafvoll¬ 
streckung mit Rücksicht auf die Untersuchungshaft zulässig. Die letztere 
Frage und wohl auch die erstere sind nach deutschem Recht anders zu 
beantworten, allerdings unbeschadet des Grundsatzes, daß man, soweit 
möglich, die Strafvollstreckung unter Aufschub oder (namentlich bei 
kurzen Strafen) in Unterbrechung der Volkstreckung der Untersuchungs¬ 
haft durchführen wird. 

Der italienische Ministerrat hat im Juni 1941 einem umfassenden 
Gesetzentwurf über die Verfassung der Amtsgerichtsgefängnisse zuge¬ 
stimmt. Di» sachlichen Ausgaben für die Gefängnisse fallen hiernach — 
von einem .staatlichen Zu.schuß abgesehen — den Kommunen zur Last. 

Landgerichtsrat Dr. D a 11 i n g e r, Berlin 

Herausgeber und Hauptschriftleiter i. N.: Oberregierungsrat Dr. W. Strube, 
Berlin-Moabit. — Verlag; Carl Winters Universitätsbuchhandlung, Heidel¬ 
berg, Luther.str. 50. — Druck: Strafgefängnis Berlin-Tegel, Seidelstr. 39. 



CARL WINTERS UNIVERSITÄTSBUCHHANDLUNG / HEIDELBERG 


Blätter für Gefängniskunde 

Preise der erschienenen Hefte 
Von den Bänden 1 bis 26 sind einige Hefte vergriffen. Im Bedarfs¬ 
fälle wird um Nachfrage beim Verlag gebeten. Das Generalregister 
zu Band 1 bis 26 kostet 2,50 


Bd.; Heft; Preis; 


27. 

1/2 

2.— 

m 


3/4 

2,— 

>* 


5/6 

2,40 

»» 

28. 

1/2 

2,40 

f» 


3/4 

2,20 

tt 

Sonderheft 

2,50 

tf 

29. 

1/2 

2,50 

tt 


3/4 

2,50 

tt 


5/6 

2,— 

tt 

30. 

1/2 

2,— 

tt 


3/4 

2,- 

tt 


5/6 

2,— 

tt 

31. 

1/2 

2.— 

tt 


3/4 

2,— 

tt 


5/6 

2,— 

tt 

32. 

1/2 

2,— 

tt 


3/4 

2,— 

»• 


5/6 

2,50 

tt 

33. 

1/2 

2,50 

tt 


3/4 

2,50 

tt 


5/6 

3,— 

tt 

34. 

1/2 

2,60 

t* 


3/4 

2,50 

tt 


5/6 

3,— 

tt 

Sonderheft 

1,20 

9» 

35. 

1/2 

3,— 

tt 


3/4 

2,50 

tt 


6/6 

3,- 

tt 

Sonderheft 

3,— 

tt 

36. 

1/2 

3,— 

tt 


3/4 

3,50 

tt 


5/6 

3,— 

tt 

37. 1/2, 3/4, 5/6 vergr. 

38. 

1/2 

4,50 m 


3/4 

3,— 

tt 


5/6 

3,— 

tt 

39. 

1/2 

3,— 

tt 


3/4 

3,— 

tt 


5/6 

3,50 

tt 

40. 

1 

4,50 

tt 


2 

3,— 

99 


3 

2,50 

tt 

Reg.z. 

Bd.1-40 

3,50 

tt 

41. 

1 

3,— 

tt 


2 

3,- 

tt 


Bd.: Heft: 

Preis: 

42. 1 

vergriffen 

2 

3,—m 

3 

2,50 „ 

43. 1 

4,50 „ 

2 

3,— „ 

3 

3,— „ 

44. 1 

4,— „ 

2 

4,- „ 

3 

4,50 „ 

45. 1/2 

3,— ,, 

3 

4,- „ 

Sonderheft 

1,30 „ 

46. 1/2 

4,50 „ 

3 

4,- 

47. 1/2 

^ 5,- „ 

3 

4,— „ 

Sonderheft 

A und B: 


1,50^ 

48. 1 

5,40 „ 

2/3 

6,40 „ 

49. 1 

3,50 „ 

2 

1,80 „ 

50. 

2,40 „ 

61. 

3,— ,, 

52. 

3,50 ,, 

Inhaltsverzeichnis 

zu Bd. 41—51 1,60 „ 

53. 

4,50 „ 

54. 

5,— ,, 

55. 

vergriffen 

56. 

4.— 

Sonderheft 

1,60 „ 

67. 1 

4,— „ 

2 

5, ,, 

58. 1 

3,20 „ 

2 

8, ,, 

59. 1 

4,- „ 

2 

3, ,, 

Sonderheft 

2,40 „ 

60. 1 

3,60 ,, 

2 

4,— „ 

Sonderheft 

2,— ,, 

3 

2,50 „ 

61. 1 

4,- „ 


Bd.: Heft: 

Preis: 

Sonderheft 

2,— 


2 

4,— 

tf 

62. 1 

8,— 

ft 

Sonderheft I 

5,60 

N 

Sonderheft II 

2,80 

It 

2 

4,— 

99 

63. 1 

6,— 

ff 

2 

4,80 

ff 

3 

3,— 

ff 

Sonderheft 

2,40 

99 

64. 1 

2,80 

tt 

2 

4,40 

ff 

3 

2,20 

tf 

Sonderheft 

3,80 

If 

65. 1 

3,— 

ff 

Sonderheft I 

2,— 

ff 

2 

2.20 

tf 

Sonderheft II 

6,— 

99 

3 

1,80 

tf 

Sonderheft 

2,40 

ff 

66. 1 

3,— 

ff 

2 

1,80 

ff 

3 

3,— 

ff 

4 

3,20 

ff 

67. 1 

3,50 

ff 

2 

2,60 

ff 

3 

4 mit 

3,40 

ff 

Beiheft (0,60) 3,20 

ff 

68. 1 bis 6 je 

2,— 

tf 

69. 1 bis 6 je 

— 

ff 

70. 1 

2,— 

m 

2/3 

2,40 

ff 

4 

2,— 

ff 

5/6 

2,— 

ft 

71. 1/2 ' 

2,80 

tf 

3 

2,— 

tf 

4 

2,— 

ff 

5/6 

2,40 

ft 

72. 1/2 

2,40 

ff 

3/4 

2,— 

tf 

5 

2,- 

ff 
















3C>S'.0S' 


Deutsche Gesellschaft für Gefängniskunde 

in der Akademie für Deutsches Recht 


THf L18RAKT 011 «t 

Blätter für 8 1947 



Herausgeber: 

Dr. jur. W. Strube 

Oberregierungsrat. Berlin 


Ständige Mitarbeiter: 

Dr. jur. E. Schmidt 

Ministerialrat im Reichsjustizministerium, Berlin 

Dr. jur. H. Eichler 

Ministerialrat im Reichsjustizministerium, Berlin 


72. Band 

Sechstes Heft 

Februar—März 1942 


HEIDELBERG 1942 

Verlag Carl Winters Universitätsbuchhandlung 











CARL WINTERS UNIVERSITÄTSBUCHHANDLUNG / HEIDELBERG 


Blätter für Gefängniskunde 



Verzeichnis der erscliienenen Sonderhefte 


Band: 

Heft! 




47 

S 

Schwandner- v. Jagemann-Klein, Vor¬ 
schläge zu einem Rcichsgesetze über den Vollzug 
der Freiheitsstrafen und sichernder Maßnahmen, 





85 Seiten, 1913 ... 

1,50 m 

59 

s 

Weber, Die Strafentlassenenpflege, 76 Seiten, 1928 

2,40 

ft 

60 

s 

S c h u n c k , Das Gefängniswesen des ehemaligen 
Herzogtums Zweibrücken, 60 Seiten, 1929 . 

2.— 

ff 

62 

SI 

Hauptvogel, Aufzeichnungen über das Gefäng¬ 
niswesen Englands, 219 Seiten, 1931 . 

6,60 

tf 

62 

SU 

Rahne, Die Gefangenenarbeit im Rahmen des 
Erziehungsstrafvollzugs, 98 Seiten, 1931 . 

2,80 

ff 

63 

s 

Heß, Die Kirche im Strafvollzug, 88 Seiten, 1932 

2,40 

ff 

64 

1 

Stumpf, Abgrenzung der Vollstreckung und des 
Vollzugs der Strafen und der mit Freiheitsent¬ 
ziehung verbundenen Maßregeln der Besserung und 
Sicherung, 110 Seiten, 1933 . 

2,80 

ff 

64 

s 

Röhrbein, Übersetzung der italienischen Dienst¬ 
ordnung für Sicherungs- und Strafanstalten vom 
18. Juni 1931, 139 Seiten, 1933 . 

3,80 

ff 

65 

SI 

Weissenrieder, Reichsrechtliche Vollzugs¬ 
grundsätze (Text der Grundsätze von 1923), 69 Sei- 





ten, 1934 . 

2,— 


65 

SH 

Pfeiffer, Neuzeitliche Gefängnisbauten und ihre 
Geschichte, 182 Seiten, 1934 . 

6.- 


65 

SN 

B 1 0 e m , Die Situation der Straferwartung in der 




Untersuchungshaft, 86 Seiten, 1934 . 

2,40 

fl 

66 

1 

Hauptvogel, Gefängniswesen in England, 
Berichte über einen Studienaufenthalt, 114 Seiten, 





1935. 

3.- 

ff 

67 

4 B 

Amtlicher Text der AV. des RJM. über den Jugend¬ 
strafvollzug vom 22. Januar 1937, 23 Seiten, 1936 

0,60 

ff 

68 

3 

Quentin-Sieverts, Die Bebandlung der 
jugendlichen Rechtsbrecher im Alter von 17 bis 





23 Jahren in England unter besonderer Berück¬ 
sichtigung des Borstal-Systems, 74 Seiten, 1937 ... 

2.- 

ff 

68 

6 

Hildebrardt - Weber - Schiefer- 





Fratzscher-Eberhard, Über die Siche¬ 
rungsverwahrung, 56 Seiten, 1938 . 

2,— 


69 

2 

Kosinski, Strafgerichtsbarkeit und Strafvoll¬ 
streckung im alten Berlin, 41 Seiten, 1938 . 





2,- 

>1 

70 

2 

W i 11 i g , Das Werden der deutschen Gefängnis¬ 
schule, 59 Seiten, 1939 . 

2,40 

i> 

71 

3 

Meißner, Die Besserungsanstalt zu Tapiau 
(1787—1806) als erstes preußisches Arbeitshaus 
moderner Richtung, 65 Seiten, 1940 . 

2 ,- 

»> 

72 

5 

T r e s s , Die Asozialenfrage, 48 Seiten. 1942 . 

9 _ 




















Deutsche Geseilschatt für Gefängniskunde 

in der Akademie für Deutsches Recht 


Blätter 

für 

Gefängniskunde 

Herausgeber: 

Dr. jur. W. Strube, Oberregierungsrat, Berlin 


Ständige Mitarbeiter:' 

Dr. jur. E. Schmidt 

Ministerialrat im Beichsjustiz'ministerium, Berlin 

Dr. jur. H. Eichler 

Ministerialrat im Keichsjustizministerium, Berlin 


72. Band / Sechstes Heft / Februar—März 1942 


Heidelberg 1942 / VerlagCarlWintersUniversitätsbuchhandlung 





Inhalt 


des 6. Heftes des 72. Bandes: 


Abhandlungen Seite 

Dr. Hogräfer, Ein Beitrag zur Lehre vom Tätertypus im 
Strafrecht . 227 

Dr. Gregor und Dr. Zink, Soziale Eingliederung und Prognose 
aus dem Jugendgefängnis Entlassener . 241 


Aus der Gefängnisyerwaltung 

Allgemeine Verfügungen des RJM. 291 

Personalnachrichten . 296 


Mitteilungen 

Satzung der Deutschen Gesellschaft für Gefängniskunde . 298 


Schrifttum 

Bücher — Inland . 300 

Zeitschriften — Ausland . 301 

Inhaltsverzeichnis des 72. Bandes . 304 


Die Scbriftleituns der „Blätter für Gefängmiskunde" befindet sich Berlin W 9, Leipziner 
Platz 16 — Fernsprecher: 12 70 76 — Der Zablungrsverkehr läuft unter der Anschrift: 
,,Deutsche Geselischaft für Gefäneniskunde in der Akademie für Deutsches Recht" — 
Bankkonto: 3676S bei der Bank der Deutschen Arbeit in Berlin C2 — Postscheck¬ 
konto : 1764 92 Berlin — Die persönliche Anschrift des Herausgebers lautet: 
Oberrcglerungsrat Dr. Strube. Berlin NW49, Alt-Moabit 12 a — Die ..Blätter für Gefängnis- 
kunde" erscheinen alle zwei Monate — Jeder Band umfaßt sechs Hefte — WissenschafUiche 
Abhandlungen größeren Umfangs erscheinen in Sonderheften. 











2 ^ 


Ein Beitrag zur Lehre vom Tätertypus 
im Strafrecht 

von Dr. Rolf Hogräfer, Berlin 
(z. Z. im Heeresdienst) 

Die junge Lehre vom Tätertypus, die seit Mai 1940 auch in die 
Rechtsprechung des Reichsgerichts und der Sondergerichte Eingang ge¬ 
funden hat, gehört in den größeren Zusammenhang der fortschreitenden 
Subjektivierung des Strafrechts. Es erscheint daher innerlich begründet, 
daß sie überwiegend von solchen Autoren vertreten wird, die das Wesen 
des Verbrechens weniger in der Rechtsgutsverletzung als in der subjektiv 
stark betonten Pflichtwidrigkeit erblicken. 

Die erste nachhaltige Belebung erfuhr der Tätergedanke von der 
Seite des Willensstrafrechts. Die Anhänger der Idee des Willensstraf¬ 
rechts blieben nicht bei der Tat als dem Ausdruck des verbrecherischen 
Willens stehen, sondern machten auch den Täter als Träger dieses Willens 
zum Gegenstand des Strafrechts. Freisler erklärt bereits in seiner Ab¬ 
handlung über „Willensstrafrecht; Versuch und Vollendung“ i): gerade 
ein Willensstrafrecht bedürfe „einer richtigen Beurteilung der Täterpersön¬ 
lichkeit“. An anderer Stelle 2) fordert er eine möglichst weitgehende Ver¬ 
wendung von Tätertypen an Stelle von Handlungsbeschreibungen. Für 
das kommende Strafrecht kündigt er an, es werde weitgehend den Grund¬ 
satz der Tatbestrafung durch den der Persönlichkeitsbestrafung ersetzen; 
für das neue Recht sei „der Tätertyp als Maßstab für die Prüfung der 
Strafbarkeit des Täters“ viel besser geeignet als der Tattyp^). 

Eine weitere Förderung dieser Bestrebungen bedeutet der Versuch, 
dem Strafrecht durch eine am Gemeinschaftsprinzip ausgerichtete Denk¬ 
weise einen neuen Sinn zu geben- Besonders die Arbeiten von Schaff- 
stein4) und Dahmö) auf dem Gebiet der Ehrenstrafe und des Verrats 
haben diese Entwicklung beeinflußt. Das Verbrechen wird in seiner Eigen¬ 
art nach der verletzenden oder zerstörenden Wirkung auf die Gemeinschafts¬ 
bindungen des Rechtsbrechers begriffen. D a h m sieht in der Strafe ein 
Urteil über den Wert oder Unwert des Täters für das Volk (vgl. Anm.6)6). 
Sie bringe zum Ausdruck, wie weit sich der Verbrecher von der Gemein¬ 
schaft gelöst habe, ob und unter welchen Voraussetzungen der Bruch mit 
ihr geheilt werden könne'^). Jedes schwere Verbrechen wird deshalb im 
tieferen Sinne als Treubruch gegenüber der Volksgemeinschaft aufgefaßt. 
Es kann danach nicht als Tat, sondern nur aus dem Wesen des Täters, aus 
seiner Gliedstellung im Ganzen erfaßt werden. 


1) Gürtner» ^Bericht über die Arbeit der amtlichen Strafrechtskommission**. 
I. 2. Aufl. S. 27. 

2) ZStW. 65/517. 

3) Freisler, a. a. O., und G ü r t n c r , 11, 2. Aufl. S. 59, 65. 

4) ».Ehrenstrafe und Freiheitsstrafe“, DStrR. 34/273 ff. 

5) ,,Die Erneuerung der Ehrenatrafe“, DJZ. 34 Sp. 821 fT. ,.Verrat und Verbrechen“, 
Zeitschr. L d. Kes. Staatswiss. 95/286 ; s. auch ,.Verbrechen und Tatbestand“, 19S5, S. 46 

0) Ähnlich auch Rietzach, ,.Oie Strafen und Maßregeln der Sicherungr, Ben« 
serunfT und Heilung“ in G ü r t n e r , 1, 2 S. 118 ft. , 

7) DJZ. 34 Sp. 827, 



So scheint sich das neuere Strafrecht immer mehr am T'ätergedankert 
zu orientieren. Das gilt nicht nur de lege ferenda, sondern auch für das 
geltende Gesetz, soweit nicht der einzelne Tatbestand eine tätertypologische 
Auslegung verbietet. Besonders in den Tatbeständen des Kriegsstrafrechts 
wird in zahlreichen Fällen eine Beschreibung von Tätertypen gesehen, ohne 
daß nach allgemeiner Anschauung darin ein Gedanke zum Ausdruck kommt, 
der wegen des Ausnahmecharakters der Kriegsgesetze nur vorübergehende 
Bedeutung hat. Diese Entwicklungsrichtung vom Tat- zum Täter¬ 
strafrecht hebt Gleispachin seinem Vortrag auf der Münchener Tagung 
der Strafrechtsgruppe vom 22.—24.11.1940 '?»)ausdrücklich hervor. Er wei-st 
gleichzeitig darauf hin, daß die Lehre vom Tätertypus bereits auf der 
Tagung der Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Stral'rechtslehrer im Sep¬ 
tember 1940 in Weimar allgemeine Zustimmung gefunden hat. Inzwischen 
sind jedoch von verschiedenen Seiten Bedenken vorgetragen worden. Besonders 
Nagler8), Klee9) und Schwarz 10) sehen in der Verwendung von 
Tätertypen keinen Fortschritt und vermissen vor allem eine klare Inhalts¬ 
bestimmung und fe.ste Begrenzung des Begriffs H). An dieser Kritik 
erscheint zunächst so viel richtig, daß eine klare Ausdeutung vor allem 
des sogenannten „generellen“ Tätertyps bisher nicht erreicht, vielfach be¬ 
wußt oder unbewußt nicht einmal versucht worden ist. Die Folge sind 
Mißverständnisse im Schrifttum. Auch in der Rechtsprechung läßt sich 
eine unklare Verwendung dieses Begriffs nachweisen. Es erscheint daher 
von Nutzen, die neue Lehre einer kritischen Betrachtung zu unterziehen. 
Dabei darf wohl unterstellt werden, daß von keiner Seite beabsichtiget ist, 
durch die Verwendung von Tätertypen eine Auflö.sung der dem deutschen 
Rechtsdenken eignen architektonisch festen Ausprägung der Rechts¬ 
begriffe herbeizuführen oder auch nur in Kauf zu nehmen. 

I. 

Die übliche Unterscheidung zwischen kriminologischem (-individu¬ 
ellem) oder generellem (-normativem) Tätertyp lehnt sich äußerlich an 
den Sprachgebrauch an. Die Aussage, jemand sei ein Betrüger, Dieb oder 
Brandstifter, kann zunächst bedeuten, daß eine Person sich durch eine 
bestimmte Handlung des Betruges, Diebstahls oder der Brandstiftung schul¬ 
dig gemacht habe. In diesem Falle kann nur die Frage nach dem generellen 
Tätertyp auftauchen. Sie kann aber auch zum Ausdruck bringen wollen, 
daß der Täter einen Hang, eine Neigung zu Betrügereien, Diebstählen oder 
zur Anlegung von Bränden besitze (kriminologischer Tätertyp). Hier 
knüpft das Urteil nicht an ein konkretes Tun oder Unterlassen an, sondern 
kennzeichnet den Täter in seinem kriminellen Sein. Die Einzeltat ist hier 
nur Symptom für eine verbrecheri.sche Entartung der gesamten Persönlich¬ 
keit, nicht primärer Strafgrund. Sie ist Verbrechen nur dann, wenn sie 
Ausfluß der „asozialen Existenz“ des Täters ist 

Da die Charakterisierung des Täters eine Aussage auf Grund einer 
kriminologischen Tatsachenfeststellung in Beziehung auf die individuelle 


7a) AbKedruckt ln DStrR. 41/1 IT. 

S) ÜS. Bd. 114, H. 3/6, S. 133 ff. 

B) DStrR. 40/97 ff. 

10) ZAKDR. 1941, S. 108. 

11) Ähnlich auch Bockeimann, ZAKDR. 1940, S. 312. 

13) H. Mayer, DStrR. 38/105 ; Kohlrnusch-GUrtner, II. 2 S. 501 ; 
D a h m . ZStW. 59 S. 143 ff; M e z (t e r , ZAKDR. 40/62 u. a. 



229 


Eigenart des Täters enthält, ist die Bezeichnung: kriminologischer >3) 
oder individueller Tätertyp zutreffend. Die hiermit begrifflich geforderte 
Verallgemeinerung im Sinne einer Typenbildung auf Grund der Auslese 
nach einem zusammenfassenden gemeinsamen Merkmal ist leicht zu er¬ 
kennen. Die Zuordnung zum Typus geschieht durch die Feststellung, daß 
der Täter die Summe derjenigen Eigenschaften besitze, die in ihm einen ein¬ 
gewurzelten Hang zur wiederholten Begehung von Straftaten in einer be¬ 
stimmten Richtung begründet. Dieser konstanten Unwertrichtung der 
Persönlichkeit entspricht vielfach ein bestimmter Deliktstyp. Der Ver¬ 
schiedenheit der Tattypen entspricht in diesen Fällen auf der anderen Seite 
eine analoge Unterscheidung der Tätertypen. Notwendig aber ist das nicht, 
wie z. B. dem Mord u. a. die Tätertypen des Lustmörders und Raubmörders 
entsprechen. 

Der kriminologische Tätertyp erfaßt die ganze Persönlichkeit in ihrer 
eigenartigen Struktur. Seine Hauptbedeutung liegt daher nicht im Straf¬ 
recht, sondern im Bereich der Spezialprävention. Im Sicherungsrecht, wo 
die Tatfolgen der Persönlichkeitsartung angepaßt sind, herrscht dieser 
Tätertyp vor. Das geltende Strafrecht ist dagegen grundsätzlich ein 
Tatstrafrecht. Jedenfalls wird allgemein anerkannt, daß es kein Täter¬ 
strafrecht in dem Sinne ist, daß die rechtliche Wertung an die Eigenart 
der individuellen Persönlichkeit anknüpft. Die Äußerung D a h m s *5), Dieb 
sei nicht jeder, der den Tatbestand des § 242 StGB, erfülle, „sondern nur, 
wer seinem Wesen nach ein Dieb ist“, ist von diesem inzwischen richtig¬ 
gestellt worden 16). In der Tat kann die Frage, ob zu der einmaligen Be¬ 
gehung eines Delikts noch außerhalb des Tatbestandes eine schon vor der 
konkreten Handlung gegebene konstante kriminelle Gesinnung hinzutreten 
müsse, nicht ernsthaft erwogen werden. Wer einen Betrug, Diebstahl, Ehe¬ 
bruch, Raub, Mord begangen hat, ist strafbar, auch wenn er seiner Natur und 
.seinem Vorleben nach kein Betrüger, Dieb, Ehebrecher. Räuber oder Mörder 
ist. Wenn auch in diesen Fällen die Frage nach dem Tätertyp aufgeworfen 
wird, so kann es sich hierbei niemals um den kriminologischen, sondern 
lediglich um den sogenannten „generellen Tätertyp“ handeln. Diese Fest¬ 
stellung bedarf deshalb besonderer Betonung, weil trotz der Bemühungen 
Dahmsll) auch im neuesten Schrifttum und besonders in der Rechtsprechung 
immer wieder ein Abgleiten auf den kriminellen Tätertyp festzustellen ist. 
So ist in manchen Fällen unmöglich zu erkennen, ob sich die Ausführungen 
im Schrifttum auf diesen oder jenen Tätertyp beziehen. Die Untersuchung 
soll deshalb dadurch entlastet werden, daß der kriminelle Tätertyp auch ge¬ 
bietsmäßig beschränkt wird. Er i.st außerhalb des Sicherungsrechts auch als 
Problem auf die Gebiete der Strafzumessung und der Schuld beschränkt. 
Im Bereich der Strafzumessung ist die Höhe der Strafe für die Einzeltat 
davon abhängig, in welchem Maße sie Ausdruck einer konstanten krimi¬ 
nellen Haltung des Täters istiS), ein Ergebnis, das sich allerdings schon 
aus der Mezgerschen Lehre von der Persönlichkeitsadäquanz der Tat ergibt. 
Im Bereich der Schuld handelt es sich darum, ob es neben der Einzeltat¬ 
schuld auch eine sühnende Täterschuld gibt. M e z g e r bejaht diese Frage 
für die §§ 51/11, 20a StGB., soweit dem Täter ein Vorwurf daraus 


13) So M e * K e r , ZStW. Bd. 57 S, 678 ff. 

1<) So D a h m , „Der Tätertyp im Strafrecht". 

15) „Verbrechen und Tatbestand“, S. 45, daeegen Klee, DStrR. 40/104 f. 

16) D a h m , ..Der Tätertyp im Strafrecht“, 1940, S. 7 f. 

IT) ZStW. 57/257 und 59/145. 

18) M e z g e r , ZStW. 57/687 f.; Klee, DStrR. 1940/106. 



230 


gemacht werden könne, daß er die kriminelle Veranlagung auf Grund seiner 
Lebensführung erworben habe (Lebensführungsschuld) 19). Axif Grund er¬ 
erbter Anlagen lasse sich dagegen kein Vorwurf erheben. Hier sei die 
Strafschärfung des § 20 a nicht Sühne für Schuld, sondern ihrer Natur nach 
spezialpräventive Maßnahme. Bockeimann will dagegen die Zweispurig¬ 
keit von Strafen und Maßnahmen streng durchführen. Er versteht unter 
der Täterschuld nicht nur die Lebensführungsschuld, sondern den ver- 
.schuldeten Gesinnungsverfall des Täters, wobei auch die Nichtüberwindung 
der ererbten Anlage den Schuldvorwurf begründet 20). Fälle gesetzlicher 
Täterbestrafung sieht Bockeimann in §§ 51/11,20a, 181a, 361 Ziff. 3—5 
und, obschon in unvollkommener Form, in § 284a StGB. Damit ist der Problem¬ 
kreis innerhalb desselben, außerhalb des Kriegsstrafrechts, soweit eine 
Erörterung des kriminologischen Tätertyps überhaupt möglich ist, Um¬ 
rissen. Im übrigen kann es sieb nur um den generellen oder normativen 
Tätertyp handeln, der den alleinigen Gegenstand der Ausführungen unter 
II bildet. 


II. 

Dem generellen Tätertyp liegt die Vorstellung zugrunde, daß alle2i) 
oder doch die Mehrzahl 22) der gesetzlichen Tatbestände nur den Versuch 
bedeuten, bestimmte in der Volksanschauung lebende Tätergruppen als in 
den Bereich der Strafbarkeit fallend näher abzugrenzen. Der Gesetzgeber 
habe seine Aufgabe darin gesehen, durch begriffliche Umschreibungen 
z. B. des Diebstahls, der Abtreibung, Hehlerei oder Brandstiftung die 
sinnerfüllte (konkrete) Wirklichkeit, nämlich die im Gemeinschaftsleben 
geschichtlich gewordenen Bilder des Diebes, Abtreibers, Hehlers oder 
Brandstifters nachzuzeichnen. Der eigentliche kriminelle Gehalt eines 
Delikts ließe sich danach nur durch ein Zurückgehen auf das zugrunde 
liegende Täterbild ermitteln. Die dem generellen Tätertyp beigemessene 
besondere Bedeutung baut nun darauf auf, daß infolge der unvermeidlichMi 
Unvollkommenheit jeder gesetzlichen Umschreibung nach zwei Richtungen 
Inkongruenzen zwischen Tatbestand und Tätertyp auftreten können. So 
ist es denkbar, daß jemand zwar der Persönlichkeitsvor.stellung des Er¬ 
pressers, Hehlers, Versicherungsbetrügers oder Landesverräters entspricht, 
ohne jedoch den gesetzlichen Tatbestand zu erfüllen. Als Beispiel werden 
diejenigen Fälle angeführt, in denen sich über § 2 StGB, eine Ausdehnung 
der Strafbarkeit als notwendig erwiesen hat 23). Umgekehrt besteht die 
Möglichkeit, daß Handlungen, die dem Tatbestand formell unterfallen, 
durch die zugrundeliegende kriminelle Wertvorstellung nicht mehr gedeckt 
.sind. Dadurch werden wuchtige Einschränkungen des Tatbestands möglich, 
welche die Handlungsbeschreibung des Gesetzes sonst nicht erlauben würde. 
So will D a h m den Arzt nicht wegen Abtreibung bestrafen, der zur Lebens¬ 
rettung der Mutter ohne ihre Zustimmung die Schwangerschaft unter¬ 
bricht 24). Ebenso sei auch der rechtswidrig handelnde Arzt kein Mörder, 
der dem unheilbar Erkrankten „Sterbehilfe“ leistet. In dieser Weise könne 
eine große Zahl von ge.setzlichen Tatbeständen, wie beispielsweise üble Nach¬ 
rede, Beleidigung, Hehlerei, Erpressung, Betrug, Untreue, Mord u. a.. 


10) M e z g e r , ZStW. 67/68S IT. und ..GrundriO". S. 72 IT. 

20) Bockelmann. „Studien zum Täterstrafrecht", II. 1940. bce. S. 164 ff. 

21) So M e z g e r , ZStW. 57/680. 

22) So D a h m . ZStW. 59/143. 

23) Schaffstein.ln „Gegenwartsfragen der Straf rechtswiBsenschnft“, S. 103 f. 

24) D a b m , „Der Tätertyp im Strafrecht“, S. 22. 



1 . 


231 


durch Beziehung auf den konkreten Lebenssachverhalt auf die wirklich 
strafbaren Fälle beschränkt werden 26). Die Ausscheidung atypischer Ver¬ 
ursachungen der sogenannten „kranken“ Fälle führe zu einer Konzen¬ 
tration und Verdichtung der Tatbestände 26). Damit wird der Tätertyp 
zur Grundlage der Auslegung und der Entscheidung über das „Ob“ der 
Strafbarkeit. Daneben wird das neue Prinzip auch der Lösung zahlreicher 
Fragen des allgfemeinen Teils, insbesondere des Analogie-Problems und 
der Unterlassungsfrage, dienstbar gemacht. Die in der Gemeinschafts¬ 
ordnung gewachsenen Persönlichkeitsbilder sollen dem Richter die Grenzen 
der Strafbarkeit verdeutlichen und dem Volke das Recht näherbringen, 
weil sie „plastischer“, „holzschnittartiger“ und „bildhafter“ seien als die 
notwendig rationalen Begriffe des Gesetzes 27). Auch M e z g e r gibt indiesem 
Sinne der „Bild-Technik“ den Vorzug vor der „Merkmal-Technik“ 28). 

Diese Skizzierung der Tätertypenlehre macht ohne weiteres sichtbar, 
daß der Schwerpunkt strafrechtlicher Betrachtung wesentlich vom Tat¬ 
bestand auf tieferliegende Vorstellungen der Gesamtheit .vom Täter ver¬ 
schoben wird. Allerdings wird kein tatbestandsloses Strafrecht in dem Sinne 
befürwortet, daß der Primat des Tätertyps gegenüber dem Gesetz gefor¬ 
dert wird. Wenn die Volksmeinung eine andere Vorstellung von einem 
bestimmten Täterbild hat, als es dem erklärten Willen des Gesetzgebers 
entspricht, so geht das Gesetz vor. In diesem Sinne wird der Tätertypus 
„durch die Tat bestimmt“, wird er als „Schatten des Tatbestandes“ auf¬ 
gefaßt 29). So kann die Bestrafung wegen Diebstahls nicht deshalb ab¬ 
gelehnt werden, weil die Volksauffassung nur denjenigen als Dieb ansieht, 
der aus Gewinnsucht fremde Sachen wegnimmt. Offenbar hat sich der 
Gesetzgeber eine andere Vorstellung vom Dieb gebildet. 

Dem Tätertyp wird also in gewissem Sinne _nur subsidiäre Bedeutung 
beigemessen. Man fragt sich jedoch, wie es angesichts dieser Tatsache 
möglich ist, von der entsprechenden Persönlichkeitsvorstellung aus den 
Tatbestand einzuschränken. Der darin liegende Widerspruch 30) könnte 
nur so behoben werden, daß man den Tatbestand und das gesunde Volksr 
empfinden als zwei verschiedenrangige Mittel zur Gestaltung des Täter¬ 
bildes auffaßt, das damit zur eigentlichen Grundlage der Rechtsfindung 
wird. In diesem Sinne ließe sich vielleicht die von D a h m beschriebene 
„Wechselwirkung zwischen Tat und Täter“ deuten 3J). 

Bei näherer Betrachtung derTätertypen-Lehre, die eine erhebliche prak¬ 
tische Bedeutung beansprucht, fällt zunächst auf, daß die im Volke lebenden 
Tätervorstellungen in ihrer Dichte und Bestimmtheit erhebliche Gradunter¬ 
schiede aufweisen. So erscheinen in zahlreichen Fällen wie Hausfriedensbruch, 
Nötigung und besonders der Körperverletzung die entsprechenden Lebens¬ 
vorstellungen wesentlich weniger geschlossen als etwa bei der Zuhälterei, 


26) D a h m , „Der Tätertyp im Strafrecht". S. 23 ff., ZStW. 59/143 f.: Bd. 57. 254 ; 
Schaffstein. ..GeKenwartafragen der Strafrechtswissenschaft”, S. 103 f. Grund¬ 
sätzlich zustimmend auch M e z g e r , ZAKDR. 40/62, dessen Stellungnahme nach ZStW. 57 
S. 679 noch zweifelhaft sein konnte, da hier das Hauptgewicht auf die Bedeutung des Täter- 
typs für die Strafzumessung gelegt wurde. 

26) D a h m . ;,Der Tätertyp im StrR.", S. 42. 

27) Kreisler, ZStW. 55/517; D a h m , „Der Tätertyp im StrR.", S. 37. 

28) ZAKDR. 1940, S. 62. 

29) Dahm, „Der Tätei^p im Strafrecht", S. 37; ZStW. 59 S. 151-: zustimmend 
N ü s e . Dt. , Just. 1941, B. 369. 

SO) Klee, DStrR. 1940, S. lOi'f. 

31) ZStW. 69/147. 



i 


232 


Wilderei, dem Mord, Totschlag, Wucher^S), sodaß vielfach statt „plastischer“ 
Täterbilder nur flüchtig umrissene, mehr oder weniger undeutlich erkenn¬ 
bare Lebenserscheinungen auftreten. Diese müssen aber notwendig zu einer 
unscharfen Gesetzesdeutung führen! Es kann deshalb zweifelhaft er¬ 
scheinen, ob auf diesem schwankenden Grunde eine Auslegung der Tatbe¬ 
stände und eine Erweiterung oder Begrenzung der Strafbarkeit mit Erfolg 
durchgeführt werden kann. D a h m gibt zu, daß bei der Körperverletzung 
die Tätervorstellung so verschwommen ist, daß vielleicht nur von einem 
Tattypus gesprochen werden könne. Trotzdem hält er es auch hier für 
möglich, das Untypische von der Gesetzesanwendung auszuschließen, weil 
auch der Tattyp nur innerlich gleichartige Erscheinungen im Auge habe 
(Tätertypus S. 23). Von diesem Standpunkt aus hält er es für denkbar, 
eine Körperverletzung zu verneinen, wenn ein Arzt einen kunstgerechten, 
aber erfolglosen operativen Eingriff ohne die erforderliche Einwilligung 
des Patienten vomimmt. Während also grundsätzlich von der Tätertypen¬ 
theorie die Frage nach der Tat vom Täter aus gestellt und beantwortet 
wird, ist hier der Arzt Nichttäter, weil es an einer Tat fehlt. Diese Fest¬ 
stellung ist deshalb wesentlich, weil sie zeigt, daß es der neuen Lehre 
weniger auf den Tätertyp ankommt als auf eine Ausscheidung der am 
kriminellen Gehalt der Tat gemessenen und danach als untypisch und un¬ 
gleichartig anzusprechenden Fälle aus dem Tatbestand. Damit tritt 
eine gewisse Verwandtschaft mit der Welzelschen Theorie der sozialen 
Adäquanz hervor. W e 1 z e 1 beschränkt das tatbestandsmäßige Unrecht auf 
solche Betätigungen, die aus dem „Rahmen der geschichtlich gewordenen 
sozialethischen Ordnungen des Gemeinschaftslebens“ herausfallen 33). Alle 
kriegsadäquaten Handlungen sind daher keine Tötungen, Körperver¬ 
letzungen oder Sachbeschädigungen. Die Äußerung vertraulicher Mit¬ 
teilungen im engsten Familienkreis ist regelmäßig keine Beleidigung; 
sozialadäquate Drohungen fallen nicht unter den Erpressungstatbestand 
und kunstgerecht durchgeführte Heilmaßnahmen sind keine Körperver¬ 
letzungen. Diese Ergebnisse stimmen weitgehend mit denen der Täter¬ 
typenlehre überein, obgleich die Täterschaft aus rein tatrechtlichen Er¬ 
wägungen verneint wird. Dabei begnügt sich die Welzelsche Theorie im 
wesentlichen mit der Ausscheidung zweifellos nicht strafwürdigen Ver¬ 
haltens. Bei der Tätertypenlehre wird es dagegen oft so liegen, daß in 
Beziehung auf einen bestimmten Typus das Verhalten zwar atypisch ist, 
andererseits aber doch strafbar erscheint und damit über die negative 
Funktion hinaus die positive Aufgabe der Einordnung in einen anderen 
Typus zu lösen ist. Eine andere Strafdrohung wird sich aber auch mit 
Hilfe des § 2 StGB, mindestens de lege lata nicht immer finden 34). Will 
man den Arzt, der ohne Einwilligung die Schwangerschaft unterbricht, 
nicht wegen Abtreibung bestrafen, so kann man ihn zwar nach dem Ent¬ 
wurf wegen eigenmächtiger Heilbehandlung bestrafen, nach geltendem 
Recht aber wird seine Erfassung aus einem anderen Tatbestand erhebliche 
Schwierigkeiten bereiten 35). In diesen Fällen bleibt also nichts als die 
Rückkehr zum Tatprinzip unter Verzicht auf eine dem Tätertyp ent- 


32) Da» erkennt auch D a h m — ..Der Tätertypus im Strafrecht", S. 23 —, ohne 
jedoch darin einen schwachen Punkt »einer Typenlehre zu sehen. Beachte auch die An¬ 
wendungen von Klee, DStrR. 1940/106. 

83) „Der Allgemeine Teil des Deutschen Strafrechts in seinen Grundzügen", 1940, 
S. 38 f. und ZStW. 58/616 ff. 

34) Boekelmann, ZAKDR. 40/313; s. auch D a h m , „Der Tätertyp im Straf¬ 
recht", S. 46 f. 

35) H. Mayer, DStrR. 1939, S. 106, Anm. 143. 



233 


sprechende Beurteilung übrig. Es tauchen also bereits Zweifel an der 
praktischen Brauchbarkeit des Tätertyps auf, bevor eine begrilTliche 
Untersuchung dieses Gebildes vorgenominen wurde. 

Hier lassen uns nun alle Anhänger der neuen Lehre im Stich. Sie 
bezeichnen als Mörder denjenigen, der ein Verhalten gezeigrt hat, ..das den 
Täter im Sinne der Volksanschauung als einen Mörder erscheinen läßt, das 
für einen Mörder typisch i.st“ 36). Wann dies im einzelnen der Fall ist, wird 
nicht angegeben. Dahm erklärt zwar in ZStW. Bd. 59 S. 151, daß die 
Vorstellung des Diebe.s, Wucherers oder Zuhälters „nicht weniger greifbar“ 
sei „als so mancher vom Gesetzgeber geprägte Kunstbegriff“ und sich der 
rationalen Deutung und Abgrenzung keineswegs entziehe. Es wird aber 
kaum behauptet werden, daß Wendungen wie: „zum Täter gehört das, was 
für die Gemeinschaft wesentlich ist“ oder Täterschaft sei „ein bestimmtes 
Sein in der Gemeinschaft“ als zureichende Inhaltsbestimmung angesehen 
werden können. 

Nun darf man allerdings von einer Lehre, die sich bewußt nach den 
tatsächlichen Erscheinungen des Lebens ausrichtet, keine Begriffsbildung 
im Wege der Abstraktion envarten. Die Frage ist also nicht nach dem 
abstrakten Typ des Täters schlechthin, sondern nach dem konkreten Typ 
des Brandstifters, Zuhälters, Diebes, Hehlers in seinen einzelnen Merkmalen 
zu stellen. Dabei handelt es sich nicht um ein „Sezieren“ („Zerreden“), 
vor dem F r e i s 1 e r37) energisch warnt, sondern um ein eminent praktisches 
Verfahren, das allein geeignet sein könnte, den neuen „Begriff“ aus 
der Sphäre des rein Gefühlsmäßigen herauszuheben und seine Brauchbarkeit 
für den Richter uhter Beweis zu stellen. Es ist notwendig, das Bild durch 
Vermittlung des Gedankens, den es symbolisch veranschaulicht, aber nicht 
ersetzt, dem Richter wirklich greifbar zu machen. 

Der Begriff des Typus fordert zunächst notwendig eine gewisse 
Verallgemeinerung im Sinne einer Gruppenbildung nach einem oder 
mehreren gemein.samen Merkmalen. Die Zusammenfassung kann sich nach 
den verschiedensten Richtlinien je nach Auswahl der typisierenden Merk¬ 
male vollziehen. So wäre es an sich denkbar, bei Tatbeständen, die zu 
ihrer Anwendung die persönliche Eigenschaft des Täters als Beamter, 
Deutscher, Vormund, Treuhänder voraussetzen, nach diesem Kennzeichen 
entsprechende Typen zu bilden. Auf diese Weise würde jedoch der Boden 
der Tattypik noch nicht verlassen, da diese Merkmale schon in der Tat 
enthalten sind und das Gesetz auch ohnehin nach den der gliedschaftlichen 
Stellung in der Gemein.schaft entnommenen Maßstäben ausgelegt wird. 
Es geht auch nicht an, das Täterbild aus den Elementen des gesetzlichen 
Tatbestandes zusammenzusetzen, da dies nur zu der inhaltslosen Feststel¬ 
lung führen würde, daß Täter ist, wer eine Tat begeht 38). Soweit der 
Tätertyp aus allen oder einzelnen Merkmalen des Tatbestands gebildet 
wird, wird auch die Tattypik materiell keineswegs verlassen. Es könnte 
nur zugegeben werden, daß von der Seite des Gesetzes die Persönlichkeits¬ 
vorstellung mitgestaltet wird. Das spezifisch Neue dagegen, 
das von der Tätertypen1ehre gefordert werden 
müßte, bestände in der Ergänzung jener Persön- 
1 i c hk ei t s V o r s t e 11 u n g durch Merkmale, die allein 
dem in der V o 1 ksanschauung lebenden Täterbild 


36) Dahm, „Der Tätertyi) im Strafrecht“, S. 21 und ZStW. 57 S. 257. 

37) Dt. Just. 1940, S. 886 und Dt. Just. 1989/1451. 

SS) Bockeimann, ZAKDR. 1940/312. 



234 


zu entnehmen wären. In diesem Sinne bedeutet es noch keine 
Charakterisierung des Betrügers, wenn Schaffstein auf die bereits im 
Gesetz zum Ausdruck gelangte Bereicherungsabsicht hinweist 39). 
Die eigentliche Aufgabe besteht vielmehr darin, die in der 
Volksvorstellung vorhandenen Verbrecherbilder einer rationalen Deutung 
zuzuführen, ohne bei den Merkmalen des gesetzlichen Tatbestands stehen 
zu bleiben. Dabei kann von einer Heranziehung des kriminologischen 
Tätertyps keine Hilfe erwartet werden. Die diesem Typ entsprechende 
Vorstellung des Hangverbrechers gründet sich auf faktische Eigenschaften, 
die aus der Gleichartigkeit der wiederholten Begehung bestimmter Straf¬ 
taten zu erschließen sind. In diesem Sinne bedeutet Persönlichkeit „die 
für einen bestimmten Zeitraum konstante Reaktionsweise eines Individu¬ 
ums gegenüber äußeren Erlebnisreizen“ ^9), Eine solche Neigung im Sinne 
einer konstanten Wertrichtung setzt der generelle Tätertypus nicht voraus. 
Auch die einmalige Begehung einer Tat aus einmaligen Beweggründen 
macht den Täter strafbar, soweit sie nur — nach Ansicht der neuen 
Lehre — gemessen am kriminellen Gehalt des Delikts, nicht atypisch ist. 
Es gilt der alte Satz: „Die Tat tötet den Mann“ Soweit ersichtlich, 
wird dies von keiner Seite mehr bezweifelt. Die Einzeltat kann also der 
Persönlichkeit des Täters, wie sie soeben beschrieben wurde, durchaus inadä¬ 
quat sein. Wenn trotzdem der Tätertyp auf einer Persönlichkeitsvorstellung 
aufbaut, so müssen dafür offenbar andere Erwägungen maßgebend sein. ' 
Es kann sich nur um Momente im Augenblick der Tat, um Motive, Absichten 
und Strebungen des Täters und die Art der Verbrechensausführung im 
Zeitpunkt der Deliktsbegehung handeln, ohne daß es darauf ankommt, 
ob der Täter bereits früher ähnliche Persönlichkeitsäußerungen gezeigt 
hat (dies hat nur im Rahmen der Strafzumessung Bedeutung). 

Kommt es einerseits nicht darauf an, ob die Tat zum Täter paßt, so 
kann anderseits aber auch nicht aus dem Vorhandensein eines kriminolo¬ 
gischen Täterseins ohne weiteres geschlossen werden, daß auch in concreto 
die Tat mit ihren möglicherweise nur vorübergehenden Gesinnungsmomen¬ 
ten dem gesetzlichen Tatbestand oder dem angeblich vorhandenen gene¬ 
rellen Tätertyp unterfällt. Der notorische Betrüger braucht keineswegs 
auch in diesem Falle betrogen zu haben. Ist jedoch der gesetzliche Tatbestand 
erfüllt, so bliebe für den generellen Tätertypus kein Raum mehr, wenn 
feststehen würde, daß die Handlung Ausfluß der kriminologischen Gesamt¬ 
haltung des Betrügers ist. Ob dies aber der Fall ist, kann nur eine Sinn¬ 
deutung der Einzeltat ergeben, für die der generelle Typus also seine Be¬ 
deutung behalten müßte. Hat jemand allerdings schon mehrfach Hand¬ 
lungen begangen, die zu den zweifellosen Betrugsfällen gehörten, so ist 
das ein Indiz dafür, daß es auch diesmal so ist. Für den Begriff des 
generellen Tätertypus lassen sich daraus jedoch keinerlei Folgerungen 
ziehen. Für ihn bleibt weiterhin die Notwendigkeit bestehen, das dem 
Tatbestand zugrunde liegende Täterbild in einen Gedanken zu transfor¬ 
mieren, dem allein Realitätswert zukommt. Warum ist der dem unheilbar 
Erkrankten „Sterbehilfe“ leistende Arzt nach der Tätertypenlehre kein 
Mörder? An welchem Tätertypenbild jenseits des Tatbestandes soll der 
Arzt und sein Verhalten gemessen werden? Welches typisierende Merk- 


3B) Schaffstein, in ,,Gegenwartsfragen der Strafrechtswissenschaft". S. 110. 

40) M c z g e r , ..Lehrbuch", S. 279 . 

41) Dahm. ZStW. Bd. 69 S. 145; ..Der Tätertyp im Strafrecht" S. 8; NUse, 
nt. Just. V. 21. März 1941. S. 859 ; Mittelbach, DR. 1941. S. 237; Schwarz, ZAKDR. 
V. 1. April 1941, S. 108. 



235 


mal des Täterbildes fehlt und ermöglicht dadurch die Feststellung seiner 
Nichttäterschaft ? Diese Frage ist bisher von niemand beantwortet worden 
und läßt sich auch nicht beantworten. Sie stellen, heißt erkennen, daß 
lediglich aus dem gesunden Volksempfinden er¬ 
schlossen wird, daß die Tat nach ihrem kriminellen Gehalt aus dem 
Rahmen der zweifellosen Mordfälle herausfällt. Die mehr oder weniger 
scharfen Täterbilder der Volksanschauung sind einer rationalen Deutung 
unzugänglich und lediglich im Wege einer Art intuitiver Schau zu erfassen. 
Handelt es sich aber sachlich doch nur um ein Zurückgehen auf die sozial- 
ethische Grundnorm des Delikts, um eine Auslegung und Begrenzung des 
Tatbestandes aus dem gesunden Volksempfinden, so sind die Bemühungen 
um den Tätertyp nutzlos und nur geeignet, die wirklichen Zusammenhänge 
und die mit ihnen verbundenen Gefahren zu verdunkeln. Was einer ratio¬ 
nalen Deutung zugänglich ist, sind lediglich Elemente des gesetzlichen Tat¬ 
bestandes. Die Tätertypenlehre bleibt also materiell beim Tattyp stehen <2). 

Der generelle „Täter“-Typ kann nicht allgemein bestimmt werden, da 
es einen Tätertyp, an dem der Täter und seine Tat gemessen werden könnten, 
nicht gibt. Die täterrechtlichen Elemente der Einzeltat sind einer Ver¬ 
allgemeinerung unzugänglich, wenn man nicht auf den kriminologischen 
Tätertyp herauskommen will. Es ist bezeichnend, daß Kohlrausch im 
typischen Hehler ohne weiteres nur den „chronischen“ Verbrecher sieht ^3). 
Der generelle Tätertyp ist unvorstellbar und sollte zur Vermeidung von 
Unklarheiten besonders in der Rechtsprechung aus der strafrechtlichen 
Diskussion ausgeschieden werden. Andernfalls besteht die Gefahr, daß 
der generelle Tätertypus im falschen Gewände eines festen Begriffs einer 
intuitiven Rechtsprechung den Weg bereitet. 

Diese Stellungnahme deutet an, daß auch im Bereich der unechten 
Unterlassung und der Analogie die Verwendung des Tätertypus keinen 
wesentlichen Fortschritt bringt. Der pflichtwidrig Unterlassende wird 
dem positiv Handelnden gleichgestellt, „wenn er nach gesundem Volks¬ 
empfinden als Täter verantwortlich i.st“^4). Da der Tätertypus für die 
Entscheidung dieser Frage keine festen Maßstäbe bietet, bleibt auch dieser 
dem Vorschläge der Strafrechtskommission zugrunde liegende Lösungs¬ 
versuch in den unsicheren Anschauung^en der Allgemeinheit über den Täter 
.stecken 43). Auch die Frage der analogen Anwendung eines Gesetzes kann 
nicht allein davon abhängig gemacht werden, ob der Handelnde einem be- 
.stimmten Tätertyp entspricht. Wenn § 2 verlangt, daß die Tat nach gesundem 
Volksempfinden und nach dem Grundgedanken eines Strafgesetzes Bestra¬ 
fung verdient, so kann die zweite Voraussetzung nicht wiederum aus dem ge¬ 
sunden Volksempfinden begründet werden ^6). 


•t'i) Im ErKcbniü übcreinütimmend; N a c 1 e r . ..Krieftsstrafrecht" in GS. Bd. 114 
S. 138—144, 204 f., 210, 222 f. und ZAKDK. 1940, S. 226 f.; B o c k e 1 m a n n , „Studien 
zum Täterstrafrecht", 1940, II, S. 106 ff.; ZAKDR. 40/311 ff.: Klee, ,,Der Tätertypus 
als Mittel der Ausletninp und der Gestaltuns strafbarer Tatbestände" in DStrR. 1940, 
S. 97 ff.: Schwarz, ZAKDR. 1941, S. 108; N a r I e r , (,,KrleK88trafrecht" in GS. 
Bd. 114, S. 143) erkennt zutreffend im Tätertypus den „subjektiv ttewendeten (d. h. auf 
den Handelnden projizierten) Tatbestand". Dazu Mittelbach. ..Der Tätertyp im 
Kriettsstrafrecht", DR.-Ausg. A. 1941, S. 237, der die Ansicht vertritt, daß die neue Lehre 
einer uferlosen Auslegung des Gesetzes entgegenarbeiten werde. 

43) G ü r t n e r . II, 2 S. 600 f. 

44) Schaffstein, „Gegenwartsfragen der Strafrechtswissenschaft" (Festschrift 
für Graf Gleispach) 1936, S. 70 ff.; D a h m , ZStW. Bd. 69 S. 183 ff., 143 ff. 

45) N a g 1 e r . GS. Bd. 111 S. 1 ff., 101 ff.; Drost, GS. Bd. 109 S. 1 ff.. 47 ff. 
4B) Kohlrausch, DStrR. 1989, S. 118, a. A, M e z g e r , ZStW. Bd. 676 

S. 680 f. und D.Rechtswisfi. 1939, S. 2.59 ff. 



236 


Es soll aber andererseits nicht das Verdienst der neuen Lehre verkannt 
werden, die persönlichen Besonderheiten des Täters wieder der recht¬ 
lichen Wertunjf zugänglich gemacht zu haben. Sie hat über die juristische 
Haftung für Wirkungen und Erfolge hinausgreifend den Täter mit seinen 
menschlichen Qualitäten in den Vordergrund gestellt *^). Der Rückschlag 
ist jedoch zu stark und hat zu einer einseitigen Überbewertung täterrecht¬ 
licher Elemente geführt. Tat und Täter stehen auf dem Boden des Tat¬ 
strafrechts gleichberechtigt nebeneinander. Auch die Sprache des Volkes 
bestätigt dies. Für die Kennzeichnung des kriminellen Vorgangs mit dem 
Substantiv („A ist ein Mörder“) oder mit dem Verbum („A hat einen Mord 
begangen“ — „A hat den B ermordet“) ist lediglich die Richtung der 
Fragestellung maßgebend. Die Tat als willensdurchwirktes Geschehen 
ist schon durch die Schuld untrennbar mit dem Täter verbunden. Zutreffend 
erklärt E. W o 1 f 48); ^^Es wird erforderlich .sein, den Täter als »Täter einer 
Tat« und die Tat als »Tat eines Täters« zu begreifen. Mit der Erkenntnis 
(„Setzung“ nach Hegel) des einen Begriffs ist der andere schon mitgegeben 
und damit auch schon die Synthese, die Tätertat“ 49). 

Als Ergebnis halten wir fest: es gibt nur einen Tätertyp, den so¬ 
genannten kriminologischen oder echten Typ; im übrigen gibt es nur täter¬ 
rechtliche Elemente der Tat. Erinnern wir uns an den begrenzten Bereich 
des echten Tätertyps (s. oben S. 229), so kann die häufige Verwendung von 
Tätertypen auch für das kommende Recht nicht befürwortet werden. Es 
ist doch offenbar unmöglich, die Strafgesetze nur gegen Gewohnheitsver¬ 
brecher anzuwenden. Auch die Rechtsprechung, die im folgenden noch 
kurz gestreift werden soll, wird selten Gelegenheit haben, sich mit dem 
Tätertyp auseinanderzusetzen. 


III. 

Das Reichsgericht hat sich mit dem Tätertypus erstmalig in seiner 
Entscheidung zur au.sbeuterischen Zuhälterei vom 24. 4. 1939 80) au.sein- 
andergesetzt. — Folgender Sachverhalt lag zugrunde: 

Der Angeklagte unterhielt ein ernstes Liebesverhältnis zu einer 
Dime. Er ließ sich von ihr Zuschüsse zu den gemeinsam gemachten 
Wirtshauszechen geben und in zwei Fällen seine Wäscherechnung bezahlen. 
Insgesamt machten die Aufwendungen der Dirne etwa den sechsten Teil 
der von dem Angeklagten geleisteten Beträge aus. — 

Es fällt zunächst auf, daß der Fall keinerlei Schwierigkeiten bietet. 
Ein von § 181 a StGB, gefordertes „Ausbeuten“ oder auch nur teilweises 
Beziehen von Lebensunterhalt kann dann nicht gegeben sein, wenn der 
Angeklagte nicht nur rechnungsmäßig.seinen eigenen Unterhalt, .sondern zum 
Teil auch noch den der Prostituierten bestreitet. Dennoch zieht es das 
RG. vor, zu diesem Ergebnis auf dem Wege über den Tätertyp zu gelangen. 
Es bezieht sich zunächst auf die Begründung des § 181 a, nach der die.ee 
Vorschrift einen „Verbrechertyp von ausgeprägter Eigenart“ treffen will 
und sich gegen Personen richtet, die „gewohnheitsmäßig aus der Prosti¬ 
tution ihren Erwerb ziehen“. Schon daraus wird ersichtlich, daß das RG. 
die Bestimmung im Sinne des kriminologischen Tätertyps auslegt. Es 


47) BockelniAnn, ..Tätcrstrafrecht“ II, S. 127. 

48) E. W o 1 f , „Der Methodenstreit in der Strafrecht8lchrc und »eine Überwindung" 
in D.Recht.swi.ss. Bd. 4 1939, S. 179. 

40) Vgl. auch E. Wolf, ZAKDR. 1936, S. 368 ff., wo er eine Zweigliederung der 
Verbrechenslehre auf Grund der Unterscheidung von Tat- und Tätertyp versucht. 

SO) RGSt. 73/183 = ZAKDR. 1939, S. 539 fl. mit Anm. von D a h m , S. 528. 



237 


stützt sich unter Aufgabe seines früheren Standpunkts darauf, daß das 
eingeklammerte Wort „Zuhälter“ die Bedeutung eines der ausdrücklichen 
Feststellung bedürftigen Tatbestandsmerkmals habe. Daher weist das RG. 
in seinen Direktiven die Strafkammer an, diejenigen Umstände festzu¬ 
stellen, die den Täter in seinem individuellen Sein als Zuhälter kenn¬ 
zeichnen®*). Im einzelnen sei zu prüfen, ob der Angeklagte vorbestraft sei, 
ob er in Zuhälterkreisen verkehrte oder Umgang mit anderen Dirnen 
hatte, ob er den Dirnen Männer zugeführt habe oder ihnen sonst bei der 
Ausübung ihres Gewerbes behilflich gewesen sei®2). 

Die Auffassung des RG. kann nicht gebilligt werden. Eine schein¬ 
bare Annäherung zum kriminologischen Tätertyp könnte allerdings darin 
gesehen werden, daß sich die „Ausbeutung“ der Dime nicht in einer ein¬ 
zelnen Tathandlung erschöpft, sondern eine persönliche Beziehung von 
gewisser Dauer voraussetzt®®). Dieses Moment der Dauer ist aber nur 
der Ausbeutung eigen; dagegen besteht kein Grund zu der Annahme, daß 
der Täter gewohnheitsmäßig Zuhälterei begehe und deshalb nur eine 
dauernde Entartung der Persönlichkeit zur Bestrafung aus § 181 a führen 
könne. Es bedarf daher auch nicht der Feststellung solcher Umstände, 
die auf diese Entartung schließen lassen. Auch wenn sich nach weiteren 
Ermittlungen herausstellen sollte, daß der Angeklagte in Zuhälterkreisen 
zu verkehren pflegt, mehrfach aus § 181 a vorbestraft ist und seiner Per¬ 
sönlichkeit nach als typischer Zuhälter anzusehen wäre, so wäre dadurch 
sein Verhalten im vorliegenden Fall noch keineswegs als „Ausbeutung“ 
gekennzeichnet. Es geht also zu weit, wenn Bockeimann ®4) dieser Aus¬ 
beutungshandlung nicht einmal symptomatische Bedeutung beimißt. Um¬ 
gekehrt ist vielmehr Klee darin beizutreten, daß jemand Zuhälterei be¬ 
geht, der zu der Dime hält, sie wirklich, als solche ausbeutet, ohne daß 
es darauf ankommt, ob er auch im übrigen die typischen Züge eines Zu¬ 
hälters aufweist®®). Strafbar macht sich auch der junge Bursche, der 
sich von einer Dime die Berufsausbildung bezahlen läßt®®), an der er 
ehrlich arbeitet. Die Strafe knüpft auch bei § 181 a an ein bestimmtes 
Verhalten an, dem allerdings eine gewisse Dauer eigen ist, weil es sich 
zusammensetzt aus den Begriffen der „Ausbeutung“ und des „Beziehens 
von Lebensunterhalt“. Wollte man sich auf den Standpunkt stellen, § 181 a 
richte sich gegen einen kriminologischen Tätertyp, so würde den Merkmalen 
der Ausbeutung und der Schutzgewährung lediglich eine indizierende Be¬ 
deutung für die Entartung der individuellen Persönlichkeit zukommen, 
während die vom Gesetz getroffene Unterscheidung zwischen ausbeute¬ 
rischer und kupplerischer Zuhälterei ihren Sinn verlieren und im Tätertyp 
untergehen würde. Das Urteil hat die ausbeuterische Zuhälterei zum 
Gegenstand. Es legt aber darauf Gewicht, daß der Angeklagte der Dirne 
bei der Ausübung ihres Gewerbes behilflich gewesen sei, will also offenbar 
die erste Art von Zuhälterei durch das Vorliegen von kupplerischer Zu¬ 
hälterei beweisen, soweit diese einen Schluß auf das kriminologische Täter¬ 
sein zuläßt — ein nicht ganz korrektes Verfahren, da ja nach Ansicht des 
RG. auch dem Merkmal „Ausbeutung“ keine selbständige Bedeutung 


51) RGSt. V. 30. 1. 1940, = DR. (A) 1940, S. 4954 hült diesen Standpunkt aufrecht, 
82) Auch Bockelmnnn, „Täterstrafrecht“, II S. 66 ff. und Koblrauscb, 
StOB., S 181 b, 1, sehen in $ 181a einen kriminologischen Tätertyp unter Strafe gestellt. 
' 53) K 1 e e , DStrR. 1940, S. 100 f. : H. Mayer, ÜStrR. 1939, S. 105. 

54) ,.Täterstrafrecht“, II S. 57. 

55) DStrR. 1940. S. 99. 

50) Ebenso H. Mayer. DStrR. 19.39. S. 105; Dnhm, ,.Tätertyp", S. 17, 
Nagler, US. Bd. 114 S. 143. 



238 


zukommen dürfte (dagegen mit Recht Klee, DStrR. 1940, S. 98 f.). D a h m 
stimmt mit der Ablehnung des Urteils sachlich in allen Punkten überein &'?), 
weil er ebenfalls davon ausgeht, daß § 181 a StGB, keinen kriminologischen 
Tätertyp aufstellt. Es ist deshalb nicht recht verständlich, daß er von 
einer „sonst ausgezeichneten Begründung“ spricht. Offenbar ist D a h m der 
Meinung, daß die Entscheidung wenigstens grundsätzlich den von ihm 
vertretenen generellen Tätertyp anerkenne. Die Begründung läßt aber 
keinen Zweifel zu, daß sie lediglich den kriminologischen Tätertypus im 
Auge hat und gerade dadurch die D a h m sehen Einwendungen erst möglich 
werden und begründet sind 58). Spätere Entscheidungen nehmen allerdings 
einen anderen Standpunkt ein. Das gilt vor allem für die Rechtsprechung 
zur Volksschädlingsverordnung und zur Gewaltverbrecher-Verordnung. In 
seinem Urteil vom 20. Mai 1940 59) setzt sich das Reichsgericht zum ersten¬ 
mal mit dem Tätertyp des Volksschädlings auseinander w*). 

Die Veranlassung bildete folgender Fall: 

Der Lenker eines Kraftwagens verursacht einen Unfall, leistet dem 
Verletzten aber keine Hilfe, sondern entzieht sich der Feststellung durch 
die Flucht. In Frage steht die Strafbarkeit des Mitfahrers. Dieser tut 
nichts, um den Lenker zum Halten zu veranlassen. Einem Radfahrer, der 
die Insassen zum Halten auffordert, schlägt er die Tür „vor der Nase“ zu. 
Er hoffte, infolge der Verdunklung zu entkommen. Der Angeklagte wurde 
wegen unterlassener Hilfeleistung in Verbindung mit § 2 VSchVO. ver¬ 
urteilt. Das RG. zieht also den Verstoß gegen § 330 c StGB, in sinn¬ 
gemäßer Auslegung des § 2 unter die VSchVO., obgleich sich das Ver¬ 
gehen nicht unmittelbar gegen Leib oder Leben, sondern gegen die ge¬ 
nossenschaftliche Hilfeleistungspflicht richtet. Wichtig aber ist in diesem 
Zusammenhang, daß die Begründung fordert, der Angeklagte müsse seiner 
ganzen Persönlichkeit nach dem Tätertyp des Volksschädlings entsprechen. 
Damit kann in diesem Falle nur der generelle Tätertyp D ahm scher Prägung 
gemeint sein, da der Angeklagte bisher unbestraft ist Es wird ausdrück¬ 
lich betont: daß er nach seinem Vorleben keine verbrecherische Persönlich¬ 
keit sei, hindere nicht, ihn wegen der begangenen Straftat als Volksschäd¬ 
ling anzusehen. „Ist der Tatbestand des § 2 in allen seinen Merkmalen 
einwandfrei festgestellt, so wird in der Regel das Gesetz gegen den Täter 
auch dann anzuwenden sein, wenn er im übrigen keine Verbrecherpersön¬ 
lichkeit ist“. Im gleichen Sinne äußern sich: RGSt. vom 30. Mai 1940 61) 
und das LG. Mainz in seinem Urteil vom 12. Juli 1940 62). Unzulänglich 
sind allerdings die Versuche, diesen vermeintlich bestehenden generellen 
Tätertypus näher zu beschreiben. Die Entscheidung DR. 1940 S. 1420 
fordert, daß der Täter durch seine Tat gezeigt habe, daß er der Volks¬ 
gemeinschaft feindlich gegenüberstehe, die Kriegsverhältnisse selbstsüchtig 
ausnütze und als Volksschädling anzu.sehen sei 63). in DR. 1940 S. 1422 
stellt das RG. ergänzend fest, der Angeklagte müsse sich von der „Wesens¬ 
art des Volksschädlings“ erweisen, betont aber in DR. 1941 S. 327 f (mit 
Anm. vom Mittelbach), daß sich dies schon aus der besonderen Schwere 


67) ZAKDR. 1940. S. 52S. 

58) Klee. DStrR. S. 99/100 (1940). 

59) ZAKDR. 1940, S. 226 ff. m. Amn. von N a k 1 e r = DR. (A) 1940, S. 1420 ff. 
jnit Anm. von D a h m = DJ. 1940, S. 853. Dazu feiner D a h m , ,,Tütertyi>". S. 62 ff. 

00) Seitdem hat das RG. die hier interearierenden Gedanken oft in gleicher oder 
ähnlicher Formulierung wiederholt. 

Oi) Zu i 4 VSchVO; DR. 1940, S. 1422«. 

OS) Dt. Just. 1940, S. 1149. 

03) Diese Formulierung definiert den Begriff nicht, sondern setzt ihn voraus. 



der Einzeltat ergeben könne, ln anderen Urteilen werden hoch deutlicher 
für die Volksschädlingseigenschaft Umstände für maßgebend erklärt, die 
außerhalb der Tat liegen und eine Charakterisierung im Sinne des Hang¬ 
verbrechers darstellen. So wird vielfach abgestellt auf die bisherige 
Lebensführung, auf Vorstrafen und die verbrecherische asoziale Gesin¬ 
nung 8^). Ebenso irreführend ist die Bezugnahme der Entscheidung ZAKDR. 
1940 S. 226 auf RGSt. 73/183 f, den Verbrechertyp des gefährlichen Ge¬ 
wohnheitsverbrechers (§§ 20 a, 42 e StGB) und des gefährlichen Sittlich¬ 
keitsverbrechers (§ 42k StGB). Während also das RG. im Rahmen 
der VSchVO. auf dem Standpunkt eines vermeintlich 
bestehenden „generellen“ Tätertyps steht, führt es 
zu dessen näherer Beschreibung Merkmale auf, die 
offensichtlich dem kriminologischen Typus entlehnt 
s i n d 68). Genau der gleiche Widerspruch läßt sich mit derselben Deutlich¬ 
keit in der Rechtsprechung zur Gewaltverbrecher-Verordnung nachweisenß«). 

Diese Tatsache kann nicht überraschen, da es ja nur einen kriminolo¬ 
gischen, nicht aber einen „generellen“ Tätertyp gibt. Insofern bedeutet die 
Rechtsprechung eine Bestätigung unserer oben entwickelten Auffassung. 
Es erscheint jedoch zur Vermeidung weiterer Unklarheiten dringend ge¬ 
boten, daß die Rechtsprechung zukünftig auf Äußerungen, die in der 
Richtxmg des kriminologischen Tätertyps liegen, verzichtet. Von da aus 
wird es nicht mehr weit sein bis zu der Erkenntnis, daß es einen generellen 
Tätertyp im eigentlichen Sinne gar nicht gibt. Ein Abgleiten auf den 
kriminologischen Tätertyp läßt sich auch im Schrifttum feststellen. Nach 
Freister richtet sich die Gewaltverbrecher-Verordnung „vor allem“ gegen 
den sogenannten „Gangster“ im Sinne des berufsmäßigen Bandentäters 67). 
Diesem Gewohnheitsverbrecher stellt er den Gangster ,4n weiterem Sinne“ 
an die Seite, der bisher noch nicht straffällig geworden ist und auch nicht 
den Willen zur Begehung weiterer Taten zu haben brauche. Gleispach 
betrachtet die drei in § 1 GV-VO. beispielsweise aufgeführtenVerbrechen 
als Ausfluß einer konstanten gewalttätigen Natur des Täters 68). Diese 
Auffassung läßt sich jedoch nicht halten, da die Notzucht keineswegs eine 
außerhalb des Tatbestands bestehende persönliche Entartung voraussetzt. 

Es erscheint sehr zweifelhaft, ob überhaupt eine tätertypologische 
Auslegung der VSchVO. und der GV-VO. möglich ist. Bezeichnend ist, 
daß trotz mancher Anklänge an den kriminologischen Tätertyp eine Be¬ 
schränkung der Verordnungen auf den typischen Hangverbrecher allgemein 
abgelehnt wird 69). Andernfalls würde die Schlagkraft des Kriegsstrafrechts 
ungerechtfertigt gelähmt, da es unmöglich wäre, eine noch so verwerfliche 
Tat nach den neuen Bestimmungen zu bestrafen, wenn sie im übrigen nicht 
zum Täter paßt. Dazu kommt, daß es einen einheitlichen kriminologischen 


84) RG. in DR. 1940, S. 1422 8, 1423T mit Anm. von Mittelbach ; Dt. Just. 
1940, S. 1149 und 1169. 

65) Ebenso Niederreuther, Dt. Just. 1941, S. 389. 

66) Besonders Sondergericht Klagenfurt in DR. (A) 1941, S. 579 flf. mit zust. 
Anm. V. Boldt ; vgl. im übrigen: RG. in DR. (A) 1940, S. 361 f.. Dt. Just. 1941, 
S. 313 u. Bes. Strafsenat in Dt. Just. 1940, S, 69 f. 

87) P r e 1 8 1 e r , Dt. Just. 1939, S. 1862. 

88) Graf Gleispach, „Das Kriegsstrafrecht", I S. 26 f. zust. M e z g e r , 
DR. 1940, S. 628. 

89) Nagler, GS. Bd. 114 S. 204 Anm. 42 u. S. 222 (T.; Klee, ,,Zur Bedeutung 
der Gewaltverbrecher-Verordnung für das Strafsystem und die gesetzgeberische Methodik“, 
DR. 1940, S. 350 f.; N ü s e , ,.Der Tätei-typ im Kriegsstrafrecht", Dt. Just. 1941, S. 359: 
Mitteibach, ..Der Tfttertyp im Kriegsstrafrecht“. DR. (A) 1941, S. 237 ; Bockei- 
mann, ZAKDR. 1940, S. 311 : Schwarz. Z.4KDR. 1941, S. 108, a. A. W e 1 z e 1 , 
,,Grundzüge“, S. I2S f. für den Gewaltverbrecher. 



240 


Tätertyp auf diesem Gebiet gar nicht gibt. Für den Gewaltverbrecher hat 
dies Klee bereits zutreffend nachgewiesen'?<>). Vom Volksschädling gilt 
dasselbe. Offensichtlich ist dies für diejenigen, die in §§ 2, 4 VSchVO. 
nur Strafschärfungsvorschriften sehen 71). Ein Verstoß gegen §§ 2, 4 ist 
danach ein Verstoß gegen den Grundtatbe.stand, d. h. eine besonders ver¬ 
werfliche Unterschlagung, Körperverletzung, Tötung usw. in Verbindung 
mit einer Ausnutzung der Kriegsverhältnisse (Verdunkelung). Die Be¬ 
stimmungen umfassen daher eine große Zahl von Verbrechertypen, stellen 
jedoch selber keinen eigenen Typus dar. Ähnlich liegt es jedoch auch für 
diejenigen, die sowohl § 2 wie § 4 als delictum sui generis betrachten, 
weil sie den Unrechtsgehalt der Grundtaten nicht nur erhöhen, sondern 
seiner Art nach verändern 72). Mag man dieser Ansicht zustimmen, so be¬ 
steht doch ein erheblicher Unterschied, ob A unter Ausnutzung der Ver¬ 
dunkelung einen Diebstahl oder eine Körperverletzung begeht. Das aus 
den Grunddelikten stammende Unrecht differenziert also den Unrechts¬ 
charakter der Volksschädlingstaten und in dem gleichen Maße der ent¬ 
sprechenden Tätertypen. Äußerlich kommt das schon darin zum Ausdruck, 
daß auch die Grundtat in der Urteilsformel zu nennen ist 73). Das einzige 
typisierende Merkmal, das allen Tätern gemeinsam ist, stellt die Aus¬ 
nutzung der besonderen Kriegsverhältnisse dar. Gerade auf diesen Um¬ 
stand kommt es jedoch in diesem Zusammenhang niemand an 74)^ weil die 
Aufstellung des Volksschädlingstyps gerade zur Ausscheidung solcher Taten 
dienen soll, die zwar äußerlich unter die Tatbestände der §§ 2, 4 VSchVO. 
fallen, aber dennoch noch nicht zuchthauswürdig erscheinen. Danach ver¬ 
körpert auch der Volksschädling keinen kriminologischen Tätertyp. 

Eine Auslegung des Kriegsstrafrechts im Sinne des „generellen“ 
Tätertypus ist aber schon deshalb unmöglich, weil es einen solchen 
gar nicht gibt. Das befreit allerdings nicht von der Notwendigkeit 
einer Prüfung, ob nicht die weiten Tatbestände der VSchVO. 
und der GV-VO. einer Einschränkung bedürfen. In den Be¬ 
mühungen, dieses Ergebnis zu erreichen, hat sich für das RG. die 
Bedeutung des „generellen“ Tätertypus bisher erschöpft. Es will offenbar 
auf diesem Wege eine Begrenzung des Tatbestandes erreichen, wie dies 
z. B. in anderer Form bei der Untreue, Erpressung und überall dort ge¬ 
schehen ist, wo die Handlungsbeschreibung als zu weit empfunden wurde. 
Das Reichsgericht ging davon aus, daß Fälle auftreten können, in denen 
eine Verurteilung „weder der Absicht des Gesetzgebers, noch dem gesunden 
Volksempfinden“ entspricht7»), und fordert deshalb eine solche Verwerflich¬ 
keit des Handelns, daß der Täter „bei Berücksichtigung aller Umstände der 
Tat nach gesundem Volksempfinden mindestens eine Zuchthausstrafe ver¬ 
dient“ 70). In der Tat scheint es dem Willen der Volk.sführung zu wider- 


T») DR. (A) 1940, S. 360 (T. 

Tl) Nagler, ZAKDR. 1940, S. 365 ff., 383 ff.; Kohl rausch, StGB. 
35. Aufl. S. 759. 

72) F r e i 8 I e r . Dt. Just. 1940, S. 883 ff., 1917 ff.: N ü a e , ..Das Krlegsstraf- 
recht und Kriet^sstrafverfahren“. S. 26 ; L. S c h ä f e r , ..Die Arbeit der SonderKcrichte 
in der Kriejoiaeit“. S. 28; Wächter, Dt. Just. 1940. S. 477 ff. 

73) RG. in DU. 1940. S. 1421. 

74) Deutlich tritt dies bei N ü s e — Dt. Just. 1941, S. 359 f. — hervor. Er will 
einen Einbruchsdiebstahl, der nicht unter AusnutzunK der Verdunkelung;, sondern nur 
während der Dunkelheit begangen wurde, mit Hilfe de.s Tatertypus antilog Ü 2 VSchVO. 
bestrafen, 

76) Dt. Just. 1940, S. 1149. 

70) DR. 1941. S. 327 f. 



241 


sprechen, auf jede harmlose Nötigung oder Körperverletzung das Kriegs¬ 
strafrecht anzuwenden. Der Rückschluß von der Höhe der Strafdrohung 
auf die Schwere der davon ergriffenen Straftat bestätigt dies 77). 

Das Ergebnis läßt sich jedoch nicht durch tätertypologische Er¬ 
wägungen, sondern nur auf dem Boden des Tatgedankens unter Berück¬ 
sichtigung des im Gesetz hervortretenden Schutzzwecks erzielen. An¬ 
haltspunkte für eine Begrenzung der Haftung bieten in der Gewalt¬ 
verbrecher-Verordnung die „Schwere“ der Straftat, in der Volksschädlings- 
Verordnung die Höhe der Strafdrohung und der in § 4 enthaltene Hinweis 
auf das gesunde Volksempfinden und die besondere Verwerflichkeit der Tat. 
In Umkehrung des § 2 StGB, ist ferner von einer Bestrafung abzusehen, 
wenn die Tat zwar formal von der Tatbestandsumschreibung erfaßt wird, 
ihre Strafbarkeit aber nicht dem Grundgedanken des Gesetzes in Ver¬ 
bindung mit dem gesunden Volksempfinden entspricht 78). Auf das un¬ 
klare Gebilde des „generellen“ Tätertypus kann es dagegen nicht ankommen. 
Das Reichsgericht wird in Fortsetzung seiner altbewährten Praxis feste 
Grundsätze herauszuarbeiten haben, die für einen längeren Zeitraum die 
gleichmäßige Entscheidung gleichliegender Fälle gewährleisten. 


Soziale EiDgliederjing und Prognose aus dem 
Jugendgefängnis Entlassener. 

von Prof. Dr, Adalbert Gregor und Dr. Albert Zink, Heilbronn/N. 

Das rege Interesse, welches die Reichsjustiz jugendlichen Kriminellen 
entgegenbringt und das sich sowohl in der Gesetzgebung als auch im 
Strafvollzüge äußert, fordert geradezu die Prüfung des weiteren Schick¬ 
sales und Verhaltens von Gefangenen nach ihrer Entlassung heraus. Es 
erscheint nicht angebracht, hier erst weitere Zeiträume abzuwarten, um 
zu sicheren Schlüssen zu gelangen. Solche können vielmehr dadurch 
gewonnen werden, daß in angemessenen Zeitabschnitten fortlaufend Unter¬ 
suchungen vorgenommen werden, die sich schließlich zu einem Gesamtbilde 
fügen. Aus dieser Überlegung heraus haben wir uns entschlossen, mit un¬ 
serer Untersuchung einen Vorstoß zu unternehmen, um die Diskussion zu 
eröffnen und weitere Untersuchungen anzuregen, da dieses weite Feld 
wissenschaftlicher Tätigkeit von verschiedenen Seiten bearbeitet werden 
muß. 

Da 1937 die heutige Einrichtung unserer Jugendgefängnisse erfolgte, 
lag es nahe, 1940/41 eine Bearbeitung der im Laufe des Jahres 1937 
Entlassenen vorzunehmen. Einmal, weil die erste Zeit nach der Entlassung 
als besonders kritisch bekannt ist, und zum zweiten, weil jetzt noch die 
Zeit bis zum Kriegsausbruch bzw. zum Eintritt in den Heeresdienst am 
besten überblickt werden kann, während nach dem Kriegsende dieser 
Abschnitt einer Beurteilung schwerer zugänglich sein dürfte. 

Mindestens ebenso wichtig wie die Kenntnis des weiteren Verhaltens 
von früheren Gefangenen ist die Sammlung von Erfahrungen über die 


77) N a K I e r , GS. Bd. 114 S. 139 Anm. fi. 

7S) VkI. dazu die Polemik Freisler—Klee—Kreisler betr. einen Fall ..verständlicher 
TötunK”. die in unserm ZiisammenhanB besondere Bedeutung gewinnt. — DStrR. 1941 
lieft 5/6 —. 


2 



242 


Grandla^n der Pro^osesteliung sowie über die Wirksamkeit der GefilngTils- 
pädagogik, welche am besten durch die Prüfung des Dauererfolges kon¬ 
trolliert werden kann. 

Die Prognose bei jungen Strafgefangenen stellt eine schwierige, 
bisher noch nicht ausreichend diskutierte Frage. Als Kernpunkt der 
Prog^osestellung muß die charakterologische Beurteilung der Persönlich¬ 
keit gelten. Das von Amerika durch S c h i e d t vermittelte Punktsystem 
hat den Wert, Stützpunkte von z. T. äußerlicher Art hervorgehoben zu 
haben. Allein die Prognosestellung kann niemals zu einem so mechanischen 
Akt herabgedrückt werden, wie es die reine Anwendung des Punktsystems 
bedeutet. Gehen wir aber bei jungen Strafgefangenen in der Prognose von 
der charakterlichen Beurteilung aus, so begeben wir uns auf ein außer¬ 
ordentlich schwieriges Gebiet. Nur bei einer verhältnismäßig geringen Zahl 
junger Gefangener finden wir scharfe Züge au.cgeprägt. Bei verwahrlosten 
Mädchen wurde für das im Beginn der Anstaltserziehung vorliegende 
seelische Bild von Anna und Adalbert Gregor*) der Ausdruck 
„charakterologisches Chaos“ geprägt, welche Bezeichnung auch für manche 
männliche Gefangene bei der Einlieferung in das Jugendgefängnis zu¬ 
trifft. Aber auch wenn im Laufe der Strafzeit eine Klärung und Beruhigung 
eintritt, ist es nicht leicht, festere charakterologische Linien aufzufinden. 
Richtungsschwankungen und charakterologische Antinomien bilden eine 
häufige Erscheinung und ein Dominanzwechsel der bestimmenden Strebungs¬ 
momente ist vielfach zu beachten. Trotzdem wird man sich nicht davon 
abhalten lassen, auf die charakterologisch begründete Prognose zu verzichten, 
sondern muß zu einer immer größeren psychologischen Vertiefung fort¬ 
schreiten, um positive und negative Instanzen für die prognostische 
Bewertung klar herauszuarbeiten. Zu den genannten Schwierigkeiten 
treten aber bei jüngeren Gefangenen meist unsichere Milieuverhältnisse. 
Findet im günstigsten Falle eine Entlassung in ein gutes Elternhaus statt, 
dann ist mit der im Wesen der Entwicklung gelegenen Ablösung und 
Verselbständigung des jungen Menschen zu rechnen und es folgt das Ehe¬ 
problem mit allen seinen Konsequenzen. Während erwachsene Gefangene 
ihren Beruf meist fortsetzen, haben wir es bei jüngeren vielfach mit neuer 
Berufswahl zu tun. Die meisten derselben bedürfen nach der Entlassung 
sicherer Stützen und es hängt wesentlich von den Umweltbedingungen der 
Fürsorge und Beaufsichtigung ab, ob die im Jugendgefängnis meist ange¬ 
bahnte Besserung erweitert wird. Schon aus diesen Momenten wird er¬ 
sichtlich, auf welche Schwierigkeiten die Prognosestellung stößt. Das 
Jugendgefängnis befindet sich hier in einer viel ungünstigeren Lage als die 
Fürsorgeerziehungsanstalt, welche erst dann zur Entlassung schreitet, wenn 
begründete Aussichten auf ausgiebige Besserung vorliegen. Demgegenüber 
waren vor der Einführung der unbestimmten Verurteilung die Fristen, 
welche der Gefängnispädagogik zur Verfügung standen, in den meisten 
Fällen zu kurz, um eine Änderung der Charakterkonstellation zu bewirken. 
Bei Jugendlichen ist zwar oft die Möglichkeit des Überganges in Anstalts¬ 
fürsorgeerziehung gegeben, allein die Umschaltung enthält neue Gefahren. 
So kommt man tatsächlich vielfach nicht über die Feststellung von Aus¬ 
sichten auf Besserung hinaus, die Prognose bleibt dann zweifelhaft und 
unsicher oder nur im Hinblick auf die Durchführung der vorgeschlagenen 
Maßnahmen bedingt günstig. 


1) Gregor A. u. A. Zur moralißchen Entwicklung weiblicher Fürsorge- 
zöglinge in der Anntaltserzlehung. Zft. f. Kinderforschung Bd. 43. 1. u. 2. Heft 1983. 



Wir kommen so 2U der Annahme, daß der Dauererfolg des Jugend¬ 
strafvollzuges hinter jenem der Anstaltsfürsorgeerziehung Zurückbleiben 
muß, obzwar das Material große Ähnlichkeit besitzt. Noch ungünstiger ist 
aber die Lage des Jugendrichters, der vor Einführung des Jugendarrestes und 
der unbestimmten Verurteilung mit seinem Urteil den Fall meist völlig 
aus der Hand gab. Wir müssen daher a priori eine Stufenfolge des Erfolges 
erwarten, wobei dem Jugendstrafvollzug die Stelle zwischen Jugendgericht 
und Anstaltsfürsorgeerziehung anzuweisen wäre. Über das weitere Schick¬ 
sal der vom Jugendgericht behandelten Fälle brachte in jüngster Zeit die 
Arbeit von Silbereisen Aufschluß, während Vogel die Erfolge der 
Fürsorgeerziehung gewissenhaft untersucht hat. Ein Vergleich mit den 
Ergebnissen dieser Untersuchungen soll am Schlüsse der Arbeit statt¬ 
finden. 

Zur Methodik unserer Untersuchung ist nachstehend zu bemerken: 

Wir stellten uns die Aufgabe, die im Jahre 1937 entlassenen Gefan¬ 
genen zu erfassen, nachdem sie 3—4 Jahre in der Freiheit gelebt hatten. 
Als Material dienten uns jene Fälle, die eine Strafe von mindestens 1 Monat 
zu verbüßen hatten und aus dem Strafvollzug entlassen wurden. Dagegen 
sahen wir von jenen Gefangenen ab, welche von hier in andere Gefängnisse 
überwiesen wujrden. Es ergab sich eine Zahl von 397 Gefangenen als 
Gegenstand der Untersuchung. Für jeden Fall wurde eine Zählkarte an¬ 
gelegt, in welche die für uns wichtigen Feststellungen über die Persön¬ 
lichkeit aus den Akten des Gefängnisses eingetragen wurden. Diese ent¬ 
hielten einen Strafregisterauszug, eine Urteilsabschrift, einen Aufnahme¬ 
befund des Gefängnisleiters, des Arztes und des Fürsorgers, Berichte der 
.4ufsichtsbeamten über Verhalten, Arbeitsleistung und über auffällige 
Beobachtungen, endlich ein bei längerer Strafdauer ausführliches Abgangs¬ 
gutachten. Dieses stammte in einem großen Teil der Fälle von Dr. Zink, 
dem die Gefangenen als Fürsorger und Seelsorger persönlich bekannt 
waren. Oberlehrer Kleiner, der die meisten der katholischen Straf¬ 
gefangenen betreute, konnte uns aus seinen persönlichen Notizen vielfach 
wertvolle Aufschlüsse geben. Frau Anna Gregor sind wir für ihre 
ständige Mitwirkung bei unserer Arbeit zu besonderem Danke verpflichtet. 

Zur Orientierung über den weiteren Ausgang des Falles dienten uns 
die Erhebungen des Strafregisterauszugs über die im Gefängnis verbrachte 
Zeit hinaus und Nachforschungen der NS.-Volkswohlfahrt über das soziale 
Verhalten der Entlassenen. Nötigenfalls wurden auch polizeiliche Fest¬ 
stellungen veranlaßt. Ausgeschieden wurden 1 unschuldig Verurteilter, 10 
Verstorbene (die nicht rückfällig waren), 1 Tuberkulöser in Heilstätten¬ 
behandlung, 14 Ausgewanderte und Vermißte, ferner 6 Fälle, in denen die Er¬ 
hebungen zu keiner eindeutigen Beurteilung führten, auch wenn der Straf¬ 
registerauszug keine weiteren Strafen enthielt. Da letzteres bei einem 
großen Teil (28) der ausgeschiedenen Fälle (32) zutraf, fand keine 
positive Auslese statt. 

Als günstig wurden jene Ausgänge bewertet, bei denen neben Mangel 
weiterer Strafen einwandfreies soziales Verhalten gemeldet wurde. Un¬ 
bedeutende Bestrafung mit Haft oder mit einer Strafe, die weit unter der 
ursprünglichen lag, wurde bei sonst guter Führung zu den günstigen 
gezählt. Die Zahl der leicht Bestraften war bei den guten Fällen aber 
äußerst gering. Als gebessert bezeichneten wir jene Fälle, die straflos 
blieben oder nur eine unbedeutende Strafe erhielten, deren Führung aber 
nicht einwandfrei war. 



244 


Im folgenden bedienen wir uns einer wohl allgemein verständlichen 
Nomenklatur, Einer Bemerkung bedarf nur die charakterologische Typen¬ 
bezeichnung. Wir halten es nicht für zulässig, bei minderjährigen oder 
unreifen Persönlichkeiten von Gewohnheits- oder Zustandsverbrechem zu 
sprechen. Demgegenüber ist besonders geltend zu machen, daß die bei jungen 
Verbrechern vielfach bestehende Verwahrlosung das Moment gewohnheits¬ 
mäßiger Verfehlungen enthält^), ohne daß dieser temporäre Zustand dem 
Begriff des Gewohnheitsverbrechers gleichgesetzt werden darf. Deshalb 
haben wir zwischen Gelegenheits- und Anlageverbrechem unterschieden. 
Unter krimineller Anlage verstehen wir dabei eine psychische Konstitution 
als dauernde Ursache von Verbrechen. Man denke dabei etwa an Gemüts¬ 
armut oder Willensschwäche. 

Daneben scheint uns der von G r e g o r 3) in die Nomenklatur der 
Verwahrlosung eingeführte Ausdruck „moralisch minderwertig“ zur 
Betonung der kriminellen Note angebracht. Er bezeichnet nicht nur die 
spezielle Form der Gemütsarmut als Mangel moralischer Gefühle, sondern 
auch die kriminelle Entwicklung und ihre Rückwirkung auf den Charakter. 
Der Ausdruck „Haltlosigkeit“ erscheint angebracht, um offensichtlich 
abnorme Persönlichkeiten zu bezeichnen, bei denen eine Ableitvmg des 
asozialen Verhaltens von einer der bekannten Grundstörungen nicht 
möglich ist. Als eine solche können wir nach den grundlegenden Unter¬ 
suchungen von Lindworsky*) die Willensschwäche nicht ansprechen. 
Wenn wir im folgenden diesen Terminus verwenden, so folgen wir dem jetzt 
geläufigen Sprachgebrauch. Psychologisch richtiger erscheint die von 
G r e g o r 5) eingeführte Bezeichnung „moralische Schwäche“, wenn man 
im Sinne der Ethik Pflichtbewußtsein als einen Bestandteil des Charakters 
auffaßt. 

Gemäß unserer Fragestellung wird in der folgenden Darstellung des 
Materials Art des Ausganges und Prognosenstellung besonders hervortreten. 

I. Gelegenheitsdelikte mit gutem Ausgang und günstiger 
Prognose (146 Fälle) 

Die Fälle dieser Gruppe zeigen nach Art der Delikte, Höhe der Strafe 
und Zustandsbild bei der Einlieferung vielfach einen ernsten Aspekt. 
Genauere Untersuchung ergab aber Überwiegen von Milieuschädigung 
gegenüber krimineller Belastung, geringe Vorstrafen, selten Verwahrlosung 
und keine ominöse Form von Psychopathie. Im Charakterbilde zeigten 
sie positive Züge, die als guter Kern gewertet wurden, insbesondere 
Gefühlswärme oder mindestens Fähigkeit der Gefühlsentwicklung, Reue, 
Strafeinsicht, Besserungswillen, auf positive Ziele gerichtetes Streben, wie 
Fleiß und Arbeitslust, 

Die gegebene Charakteristik der Fälle läßt anscheinend wenig Raum 
für kriminelles Handeln. Es ist darum verständlich, daß CIostermann®) 


2) O r e 8 o r , VerwahrlosunK- Enzyclopäd. Handbuch des Kinderschutzes u. der 
Jueendfürsorge von Clostermann, Heller, Stephani, Leipzig 1930. 

3) Gregor-VolBtländer, Die VerwahrlosunR. Berlin 1918. 

Gregor, Leitfaden der Fürsorgeerziehung. Berlin 1924. 

4) Lindworsky, J. Der Wille. Leipzig. 1923. 

b) Gregor-Voigtländer, Die Verwahrlosung. Berlin 1918. 
tj) Clostermann, L. Der Jugendrichter als Erzieher. Das junge Deutsch¬ 
land. Heft in. 1941. 



245 


für eine Kategorie von jugendlichen Delinquenten den Ausdruck „anti- 
kriminell“ vorgeschlagen hat, statt dessen wir hier den uns präziser 
erscheinenden „akriminell“ zur Bezeichnung des gleichen Tatbestandes 
verwenden wollen. Die hervorgehobenen günstigen Seiten der Persönlich¬ 
keit wurden bei unserem Materiale vielfach erst während des Strafvollzuges 
greifbar, dem aber auch schon fördernde Momente wie Untersuchungshaft 
oder Aufenthalt in einer Erziehungsanstalt, sowie der Eindruck bzw. der 
Schock der Hauptverhandlung^) vorangegangen waren. Die positiven 
Seiten waren aber jedenfalls vorhanden, während sie früher, also zur Zeit 
der Tat, von anderen überdeckt wurden oder zurücktraten, denn es macht 
ja gerade das Wesen des Gelegenheitsdeliktes aus, daß dabei eine vorüber¬ 
gehende Schwankung der moralischen Haltung vorliegt. Die einzelnen, 
dabei wirksamen Faktoren werden durch die Gruppen, in die sich die 
Gelegenheitsdelikte unseres Materials aufspalteten, beleuchtet. So tritt 
die erwähnte Schwankung des moralischen Gleichgewichtes besonders bei 
den Pubertätsfällen in Erscheinung, bei denen die moralische Haltung durch 
die psychophysischen Umschichtungsvorgänge gestört wird und Einzel¬ 
züge, wie sexuelle Regungen, Geltungsdrang, Unternehmungslust, Streben 
nach Ungebundenheit, vorübergehend das seelische Feld beherrschen und 
zu Entgleisungen des Handelns führen. 

Bei den Pubertätsdelikten (47) dominiert das Sittlichkeitsverbrechen 
(30). Bemerkenswerterweise war in einzelnen Fällen derselben erbliche 
Belastung festzustellen, wie 4mal Abstammung von einer leichtsinnigen 
Mutter, uneheliche Geburten, in einem Falle Bestrafung des Vaters wegen 
Kuppelei. In 12 Fällen von Sittlichkeitsvergehen als Pubertätsdelikt waren 
exogene Schädlichkeiten am Zustandekommen derselben beteiligt. Es 
konnten Verführung, schlechtes Beispiel der Umgebung, endlich auch 
Erziehungsfehler als Teilursachen festgestellt werden. 

In großem Umfang fanden wir einen entscheidenden äußeren Ein¬ 
fluß auf die moralische Haltung bei einer Charakteranlage, die dem 
Durchschnitt der normalen Persönlichkeiten entsprach. In einem Falle 
war das Delikt von fahrlässiger Tötung durch Alkoholeinwirkung bedingt, 
in 4 Fällen lagen Notdiebstähle vor, in 15 Fällen hatte Umgang mit 
schlechten Kameraden zum Delikt geführt. Eine besondere Gruppe bildet 
auch hier wieder die Verführung zu Sittlichkeitsvergehen- In 9 Fällen ist 
das Verbrechen aus dem kommunistischen Milieu erwachsen, in dem dfer 
junge Mann lebte. In 19 Fällen trug am Zustandekommen des Deliktes das 
häusliche Milieu die Schuld. 

Hinsichtlich der psychischen Konstitution stellen sich die Glieder dieser 


Gruppe wie folgt dar: 

psychisch intakt . 118 

psychopathi.sch . 24 

debil . 4 

146 


7) G r e tr o r , A. Zur psychischen Hygiene des Gefangenen. (Die Baupt- 
verhandlung). Zft. f. psych. Hygiene, Bd. 9 Heft 1. 1936. 






24G 


18 
1 
2 
1 
2 
4 
1 

Unter den seelisch normalen Fällen (118) entspricht eine Gruppe von 46 
Fällen charakterologisch, speziell auch moralisch dem normalen Durchschnitt. 
Diese Fälle können daher als akriminell bezeichnet werden. Die übrigen 
72 boten Charaktermängel, die ihrem Ausmaße nach nicht als abnorm 
gelten konnten, aber immerhin eine Ursache der Kriminalität abgaben. Im 
einzelnen stellen sich diese Charaktermängel wie folgt dar: 


selbstunsicher . 1 

brutal . 1 

triebhaft. 8 

oberflächlich, leichtsinnig, unreif, haltlos ... 36 

moralisch (willens-) schwach . 26 

T2 


Wir konnten nach Art und Größe dieser Charakterfehler in ihnen 
kein bleibendes Merkmal und keine konstante Disposition zum Verbrechen 
erkennen. Man konnte sich auch durch den Verlauf überzeugen, daß die 
Gefängniserziehung dabei im besonderen Maße bessernd und ausgleichend 
wirkte, so daß eine gute Prognose gestellt werden konnte, welche sich auch 
verwirklicht hat. 

Eine Zusammenstellung bezeichnender Merkmale der Gruppe bringt 


Die Psychopathen gehören nachstehenden Formen an: 

haltlos. 

willensschwach . 

selbstunsicher . 

depressiv . 

stimmungslabil .. 

explosibel . 

triebhaft. 


Art des Deliktes 


(Hauptstrafe) 

Diebstahl . 29 

schw. Diebstahl . 18 

Raub . 3 

Betrug n- Urkunden- 

f^schung. 9 

Wilderei . 2 

Sachbeschädigung ... 2 

Erpressung . 2 

Münzfälschung . 1 

Hausfriedensbruch 1 

Falsch- u. Meineid 2 

Amtsanmaßung . 1 

Sittlichkeitsverbr. ... 66 

Beleidigung. 1 

Körperverletzung ... 4 

versucht. Tot.schlag 1 

fahrlässige Tötung 3 

Vorher, z. Hochverrat 9 



andere polit. Del. ... 1 Allgemein belastet . 19 

Landfriedensbruch 1 kriminell „ . 4 

Heimtücke . 1 gleichsinnig .. . 7 

Summe: 146 Summe: 30 
















































247 


Zu den Fällen, bei denen die Nachforschung über das fernere 
soziale Verhalten ein günstiges Ergebnis zeitigte, gehören sämtliche im 
Lauf des Jahres 1937 entlassenen Gefangenen, die wegen Vorbereitung des 
Hochverrates bestraft waren. Sie stellen, verglichen mit den Zahlen der 
Vorjahre, eine nur kleine Gruppe (9) dar. Heute, in einer Zeit, da die 
Jugend nicht mehr in das Gewühl innerpolitischer Kämpfe verwirrt ist, in 
einem gefestigten Staatsgefüge aufwächst und von einer zielbewußten 
Jugendführung frühzeitig in nationalsozialistischer Denkweise verankert 
wird, ist der politische Häftling im Jugendgefängnis eine Erscheinung, die 
bereits der Geschichte angehört. 

Das Lebensalter lag bei 8 Vertretern dieser Gruppe zwischen 
19 und 21 Jahren; nur 1 zählte 24 Jahre, als er in unsere Anstalt kam. Die 
Straftaten bestanden samt und sonders in der Weitergabe kommuni¬ 
stischen Schriftenmaterials, nur beim Vierundzwanzigjährigen stellte das 
Gericht außerdem noch Teilnahme an verbotenen Zusammenkünften fest. 
Die ausgesprochenen Strafen waren im Verhältnis zum Ausmaß der 
verbotenen Betätigung um der abschreckenden Wirkung auf die Allgemein¬ 
heit willen außerordentlich hoch: die niederste 1 Jahr 1 Monat, sonst 
keine unter 2 Jahren, die höchste 2 Jahre 8 Monate. Vorbestraft war 
wiederum nur der Vierundzwanzigjährige (1933: 2 Mon. Gef., gleich¬ 

falls wegen Flugblattverteilung); ein anderer war 1933 in Schutzhaft 
genommen worden. 

Sämtliche 9 kamen aus dem Arbeiter- oder Kleinhandwerker¬ 
stande und gehörten selbst diesen Berufsschichten an. In auskömmlichen 
wirtschaftlichen Verhältnissen aufgewachsen waren 3, die übrigen 6 hatten 
seit früher Jugend mehr oder weniger die Sorge um das tägliche Brot 
kennen gelernt; unter allen 9 ist nur einer, der nicht selbst vorübergehend 
arbeitslos war. Ausgesprochen proletarischem Milieu ent¬ 
stammten nur 2, in beiden Fällen war der Vater Trinker. 4 haben schon im 
Elternhaus die Luft des Kommunismus geatmet, sofern von der ganzen 
Familie oder doch vom Vater kommunistische Einstellung berichtet wurde. 

Was geistige Begabung und Regsamkeit betrifft, so überragten 
3 den Durchschnitt unseres sonstigen Gefangenenmaterials in auffallender 
Weise, 2 erreichten ihn nicht, unter ihnen mußte einer als leicht beschränkt 
bezeichnet werden. Unter charakterologischem Gesichtspunkt 
gesehen, zeigte nur 1 Vertreter der politischen Gruppe psychopathische Züge: 
ein willensschwacher, selbstunsicherer, depressiver, tiefentmutigter junger 
Mensch, dessen Mutter wegen progressiver Paralyse zur Zeit der Straf¬ 
verbüßung sich in einer Heilanstalt befand. 2 gaben ein warmes Gefühls¬ 
leben zu erkennen, 2 fielen durch seelische Flachheit auf, ausgesprochen 
gemütsarm war keiner. Hervorstechendes Geltungsbedürfnis war an 1 
Vertreter der Gruppe zu bemerken. 

Sämtliche 9 waren ihrer sozialen Wertigkeit nach unbeding^t 
positiv einzuschätzen. Wie es ihnen in der Freiheit nicht an Arbeitswillen 
gefehlt hatte, so waren sie auch in der Strafanstalt zuverlässige, gewissen¬ 
hafte Arbeiter; nur einer der Jungen, durch hereditäre latente Lues 
geschwächt, wies in der Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit zeit¬ 
weilige Ausfälle auf. In disziplinärer Hinsicht war über keinen 
der politischen Gefangenen je zu klagen; gegenüber kriminellen Elementen 
pflegten die älteren sich gern als verantwortungsbewußte Hüter der 
Ordnung zu betätigen. 



248 


Man wird unter den Anhängern der kommunistischen Bewegung 
überhaupt folgende 4 Typen unterscheiden können: 

1. Den eigentlichen kommunistischen Verbrecher, der aus 
krimineller Tendenz heraus der Fahne Moskaus folgt, von dorther Morgen¬ 
luft witternd für seine antisozialen Strebungen. Die Affinität seiner 
kriminellen Natur ist die eigentliche Motivationsquelle seiner politischen 
Haltung. Nicht sein Kommunismus erst hat ihn zum Verbrecher gemacht, 
er ist vielmehr zum Kommunismus gekommen, weil er Verbrecher ist; 
primär ist in seiner Persönlichkeit die kriminelle, sekundär und Mittel zum 
Zweck die politische Tendenz. Er repräsentiert den Kommunismus 
aus Kriminalität, das „Untermenschentum“. 

2. Seinen Gegenpol findet er in dem Typ des reinen Kämpfers für 
die kommunistische Idee. Zahlenmäßig gering, in Einfluß und Au.s- 
wirkung aber um so gefährlicher. Ihn leiten nicht selbstsüchtige Strebungen 
irgendwelcher Art, er kämpft für die anderen, für die Klasse der „Ent¬ 
rechteten“, „Unterdrückten“, in der er selbst gar nicht zu wurzeln braucht, 
für die neue Weltordung, für die Zukunft, an deren „Segnungen“ er 
vielleicht gar nicht mehr hoffen kann, persönlich teilzuhaben. Ihm eignet 
im Gegensatz zu, dem Vertreter der 1. Gruppe ein hohes Maß von 
Altruismus, Bereitschaft zu Opfer und Einsatz, kämpferische Aktivität. 
Er ist der Besessene einer ideologischen Doktrin, Dogmatiker, Fanatiker. 
Er ist der Kommunist aus WeItanschauung. 

Zwischen diesen beiden extremen Polen stehen: 

3. Der Kommunist aus Ressentiment. Die eigentlichen Trieb¬ 
federn seiner politischen Haltung sind: persönliche Verstimmung, 
Verkürzungsgefühle aus irgendwelchen Quellen, Unzufriedenheit mit der 
Gestaltung seines Lebensloses, mit .seiner sozialen Lage. Konflikts¬ 
neurotiker (Berufs-,Familienkonflikte) vorwiegend aus den unteren sozialen 
Schichten trieben einst leicht in das große rote Sammelbecken aller Mi߬ 
vergnügten ab. Es bedarf keiner besonderen Betonung, daß auch die 
Triebkraft des Typus 2, des bewußten, selbstlosen Kämpfers für die Idee, 
nicht selten gespeist ist aus einer verborgenen Brunnenstube mehr oder 
weniger unbewußten persönlichen Ressentiments; oder umgekehrt: daß 
der Ressentiments-Typ in reiferen Lebensjahren unter Voraussetzung ent¬ 
sprechender intellektueller und charakterlicher Bedingungen, bei inten¬ 
siver Formung durch politische Schulung, leicht in die Gestaltform des 
Typus 2 hinüberwechselte. 

4. Endlich der Kommunist als Kollektiv-Erscheinung, 
als Glied einer Herde, der zur Partei gehört, weil die anderen auch alle 
dabei sind und weil der Terror ihn zwingt. Welle ira g;roßen roten Strom, 
geschoben und getragen von der Masse. Unzuverlässiger Mitläufer; als 
Individuum harmlos, im Geball der Masse aber ein gefährliches Instrument 
in der Hand zielklarer Führung. 

Es versteht sich von selbst, daß die polaren T 3 rpen 1 und 2 in 
entwickelter Form sich im Jugendgefängnis noch nicht finden. 
Zahlenmäßig am stärksten vertreten sind, wie auch unter den Erwachsenen, 
die Angehörigen der Gruppe 4; unter den 9 politischen Gefangenen unseres 
Jahrgangs 1937 waren ihr 5 zuzuzählen. Sie stellten die reine Abschattung 
ihres Milieus dar, waren nichts anderes als junge Fabrikarbeiter, die teils 
unter dem Einfluß der Eltern oder älterer Brüder iind Kameraden, teils 
durch die Werbearbeit der KPD. in deren Jugendorganisation hineingezogen 



249 


wurden und sich zu kleinen Kurier- und Handlangerdiensten gebrauchen 
ließen. Von einer durchdachten, bewußten politischen Gesinnung konnte 
keine Rede sein; sie folgten den Sirenenklängen der moskowitischen Welt¬ 
beglückung wie die Kinder dem Rattenfänger zu Hameln. Dem Straf¬ 
vollzug boten sie kein besonderes Problem; die Hauptarbeit an ihnen hatte 
ohnehin das Gerichtsverfahren bereits getan, das ihnen die überlegenen 
Machtmittel einer entschlossen und rücksichtslos zupackenden Staats¬ 
führung sinnfällig und eindrucksvoll vor Augen führte. Sie betraten die 
Anstalt und verließen sie erst recht als die gebrannten Kinder, die fortan 
das Feuer fürchten. 

Nicht so einfach gestaltete sich die Aufgabe gegenüber denjenigen 
Jungkommunisten, in deren politischer Haltung die Komponente des 
Ressentiments zu erkennen war (Gruppe 3), vor allem dann, wenn 
gute Intelligenz, geistige Regsamkeit, ausgeprägter kritischer Sinn, 
charakterliche und soziale Wertigkeit, Einsatzbereitschaft und Betätigungs¬ 
drang sie zu Anwärtern der Gruppe 2 stempelte. In der Freiheit waren sie 
als höchst verläßliche, arbeitswillige und befähigte Arbeiter geschätzt, ihr 
Leumund hinsichtlich ihrer persönlichen Lebensführung war gut, die Schul¬ 
noten pflegten den Durchschnitt erheblich zu überragen. In der Straf¬ 
anstalt hielten sie durch korrekte, zuchtvolle Haltung und Einfügung in 
Arbeitspflicht und Hausordnung bewußte und zuweilen betonte Distanz von 
der Masse der kriminellen Insassen. Stets aber deckte die Anamnese 
früh wirksam gewordene Quellen der Verbitterung auf: Kindheitseindrücke 
von häuslicher Sorge und Not („soweit ich denken kann, ist der Hunger 
mein Begleiter“), von Perioden der Arbeitslosigkeit des Vaters oder der 
Geschwister in den bösen Jahren der Nachkriegszeit, vor allem die 
Versagung einer den vorhandenen Fähigkeiten und Neigungen ent¬ 
sprechenden Berufswahl und -ausbildung, zu der die Mittel fehlten, oder 
— was geradezu als Trauma in der charakterlichen Entwicklung bezeichnet 
werden muß — die Nötigung, eine mit Freudigkeit und Geschick begonnene 
Berufslehre abzubrechen, weil die Lehrfirma etwa bankrott ging oder 
wegen Arbeitsmangels den Lehrling entlassen mußte und keine neue Lehr¬ 
stelle sich fand. In differenzierten, empfindsamen und dabei strebsamen 
Naturen, vor allem des introvertierten Typs, frißt sich unter dem Eindruck 
solchen Erlebens von häuslicher Not, Existenzunsicherheit, unverschuldetem 
beruflichem Mißgeschick, behinderter Entfaltungsmöglichkeit ein t i e f - 
sitzendes soziales Ressentiment ein, das zur leicht sich 
öffnenden Einfallspforte wird für die Infektion durch eine politische 
Doktrin, die durch radikalen Umsturz der bestehenden Verhältnisse, 
Spreng;ung der hemmenden Bande, Befreiimg aus Zurücksetzung und 
Beengung verheißt, — bei dem seiner Alterstufe gemäß zur Opposition 
gegen das Bestehende und alle mit Autoritätsanspruch auftretenden Größen 
ohnehin geneigten jugendlichen Menschen erst recht. Die politische Frage 
ist Exponent der persönlichen Lebensfrage. 

Hermann Sch. ist ein typischer Vertreter dieser Gruppe. Der Vater war 
Trinker, behandelte die Familie schlecht. Der Lehrer des Jungen berichtet 
von dem tiefen Eindruck, den ihm eine Zeichnung des 13jährigen Schülers 
gemacht habe: ein Mann mit stierem, verstörtem Gesichtsausdruck, in 
Katzenjammerstimmung im Stuhl in sich zusammengesunken, am Boden der 
Arbeiterwohnstube lie^ die geleerte Flasche; Unterschrift: „Arbeiters 
Feiertag“. Das Bild gibt Kunde von den tiefsitzenden Kindheitseindrücken 
der Umwelt auf den sehr sensiblen, stark introvertierten jungen Menschen. 
Während der Vater rabiater „Freidenker“ und Syndikalist war und den 



250 


Jungen intensiv zu dieser Welt hin erzog, hielt sich die Mutter zu einer 
engen religiösen Gemeinschaft. Die noch während der Strafzeit an dem 
21jährigen jungen Mann auffallende, lavierende Unsicherheit in Fragen der 
Welt- und Lebensan-schauung ist die fortwirkende Abschattung des Hin- 
und Hergerissenwerdens in einer innerlich gespaltenen Pamilienwelt. In der 
Schule hat der sehr gut begabte Junge besten Erfolg, in seiner beruflichen 
Ausbildung als Silberschmied erntet er das volle Lob seiner Firma, liefert 
auch im Gefän^is Proben hohen kunstgewerblichen Könnens. Mit 17 
Jahren tritt er in die kommunistische Jugendbewegung ein, bemüht sich 
durch eifriges Studium von Schulungsliteratur um das Eindringen in die 
kommunistische Welt- und Wirtschaftsauffassung, kommt 1933 in Schutz¬ 
haft, verliert darauf die Arbeit, wird 1936 wegen Vorbereitung zum Hoch¬ 
verrat (Verteilung staatsfeindlicher Flugblätter) zu 2 Jahren 8 Monaten 
Gefängnis verurteilt. In der Strafanstalt lernen wir ihn als einen geord¬ 
neten, ruhigen, arbeitswilligen, einfügungsbereiten, lernbegierigen Menschen 
kennen von gereiftem Charakter, absolut anständiger Gesinnung, unbe¬ 
dingt sauberer moralischer Einstellung. In Reden und Handeln zeigt er ein 
hohes Maß von Beherrschtheit, von zielbewußtem Wollen. Eine Patina 
von Resignation liegt auf dem immer gleich ernsten Gesicht, das die Spuren 
früher, tiefsitzender Lebensenttäuschung trägt, dem keine freundliche 
Sonne im Kinderland schien. Unablässig arbeitet er an der Selbstklärung 
über politische und weltanschauliche Fragen. Mit der Mutter verbindet ihn 
ein gefühlswarmes Verhältnis. Im persönlichen Umgang ist er freundlich 
und gefällig, erweist uns auch nach der Strafzeit seine Dankbarkeit durch 
kleine, selbstgefertigte Erinnerungszeichen. Kennzeichnend ist vor allem 
.seine unbedingte Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit gegen sich und andere; 
zu Konzessionen an fremde Meinung ist er schlechterdings nicht bereit, 
hält eine skeptische Einstellung mit stiernackiger Eigenwilligkeit fest, bis 
etwa eine positive Überzeugung eigenbürtig in ihm gewachsen ist und sich 
wetterfest verwurzelt hat („Ich gehöre nicht zu denen, die eine Überzeugung 
wechseln wie ein Hemd, aber auch nicht zu denen, die an Tatsachen vorüber¬ 
gehen“). Er ist von ziemlich differenzierter Struktur, von empfindsamem 
Selbstgefühl. Seine politische Fehlhaltung verstehen wir als „Reaktion 
eines selb.ständigen und empfindsamen Menschen auf tiefeingefressene 
Jugendeindrücke (soziales Ressentiment), Mißerziehung und verhetzende 
Fremdeinflüsse“. In abwartender Haltung, doch in dem ihm angelernten 
Gedankengefüge der kommunistischen Doktrin beträchtlich erschüttert, 
verläßt er die Anstalt. Die Pro^ose lautete: „sehr günstig, wenn nicht 
exogene Momente neuer Art ihn in die Trotzreaktion zurücktreiben“. Die 
günstige Prognose hat sich als richtig erwiesen: „arbeitet als Maurer, gibt 
der Mutter 80.— von seinem Lohn, behält 20.—c'5?^ für sich, führt 

mäßiges Leben, wird vom Arbeitgeber als anständig und fleißig gelobt“. — 
Hermann Sch. stand, als er in unsere Anstalt kam, im Stadium des Über¬ 
gangs vom Typ3 zu Typ2 (vom Kommunisten aus Ressentiment zumKommu- 
nisten aus Weltanschauung). Er hat zweifellos — dafür spricht seine gute 
Allgemeinbegabung, sein ideales Streben, seine selbstlose Einsatzbereit¬ 
schaft, sein ressentimentgeladenes Naturell — wenn nicht den Marschall¬ 
stab, so doch den Offiziersdegen kommunistischer Führerschaft im Tornister 
getragen. Auch wenn nicht die Festigkeit des heutigen Staatsapparats eine 
solche Weiterentwicklung von vornherein unterbunden hätte, wäre nach 
und dank dem Aufenthalt des Sch. im Jugendgefängnis die KPD. um einen 
ihrer künftigen Aktivisten betrogen gewesen. Rückfall: 0. Weitere 
Führung: arbeitet als Maurer, wohnt bei Mutter, welcher er 80.— 3^% vom 
Lohn abgibt und für sich bloß 20.— 31K behält. Führt mäßiges Leben, 
wird vom Arbeitgeber als anständig und fleißig bezeichnet. 

Dementsprechend sind auch die Hebel der erzieherischen Arbeit 
bei dieser Gruppe einzusetzen. Für sie stellt schon das Straferlebnis an 
sich ein von vornherein erschwerendes Moment dar, sofern es den durch 
Verurteilung und Bestrafung gebrandmarkten, mit Dieben und Sittlichkeits- 



251 


Verbrechern zusammengebrachten „Gesinnungstäter“ empfindlich in seinem 
Ehrgefühl trifft und seine Ressentimenthaltung zunächst nur noch vertieft. 
Die Arbeit des Strafvollzugs hat sich nach verschiedenen Richtungen hin 
zu erstrecken. Sie ist: 

1. eine Arbeit an der Persönlichkeit. Eine das Ehrgefühl 
nicht verletzende, die Arbeitsleistung und die persönlichen, charakterlichen 
Werte des Menschen anerkennende Haltung seitens der Beamten reichte 
zuweilen schon hin, um wahre Wunder zu wirken. Lernt der politische 
Gefangene den Beamten, von dem er als dem Repräsentanten des „Klassen- 
und Knüppelstaates“ ein wenig erfreuliches Vorstellungsbild mitbringt, 
kennen als einen gerechten, menschlich fühlenden, an seinen Lebens¬ 
problemen interessierten, um seine Wiedergewinnung bemühten Mann, so 
ist der Einbruch in das Bollwerk der ihm eingetrichterten Vorurteile meist 
schon an entscheidender Stelle vollzogen und der individualpsychologischen 
Betreuungsarbeit Bahn gebrochen. Diese wird ihr Bestreben dann darauf 
richten, die Quellen der Ressentimenthaltung aufzudecken und die daraus 
fließende Fehlhaltung gegenüber den Lebensordnungfen abzubauen 
(Erziehungsaufgabe). 

2. Erst wo nach dieser Richtung ein Stück Arbeit getan und ein 
gewisses persönliches Vertrauensverhältnis geschaffen ist, kann auch die 
zweite Aufgabe erfolgversprechend angegriffen werden: die Abtragung 
des durch politische Verhetzung, Lektüre und Schulung gewachsenen 
intellektuellen, politisch-weltanschaulichen Überbaues, durch Entkräftung 
der in ihrer Hohlheit zu entlarvenden Schlagworte, durch Konfrontierung 
der moskowitischen Ideologie mit den realen Tatsächlichkeiten der 
Menschennatur und den Gesetzlichkeiten, die im politischen, völkischen, 
wirtschaftlichen Leben walten. Die Einführung in die geistigen Grund¬ 
lagen der heutigen Staatsordnung durch Schulunterricht und Zuteilung 
geeigneten Lesestoffes hatte den Abschluß dieses Zweiges der Arbeit am 
politischen Gefangenen zu bilden. Die politische und weltanschauliche 
Fehlerziehung war also durch politische Gegenerziehung positiver Art zu 
paralysieren (Schulungsaufgabe). Es wird nicht wimdemehmen, 
daß unsere jungen politischen Gefangenen, zumal die selbständigeren, 
geistig und charakterlich höherstehenden, diesem Zweig unserer Arbeit 
zunächst mit einigem Mißtrauen begegpieten. Zu ihrer Ehre muß jedoch 
gesagt werden, daß sie durchweg den Willen aufbrachten, sich ehrlich und 
•sachlich mit den Problemen auseinanderzusetzen, sich auch in die gebotene 
politische Literatur mit Eifer vertieften; Hitlers „Mein Kampf“ hat jeder 
von ihnen während seiner Strafzeit in die Hand bekommen. Auch im Gottes¬ 
dienst, von dem sich kein einziger unserer Gruppe abgemeldet hatte, waren 
sie wohl sehr kritische, aber äußerst aufmerksame Zuhörer, und wenn gerade 
der Mann unter den 9, den wir in die kommunistische Denkweise am 
hartnäckigsten verbissen wähnten, dem Anstaltspfarrer beim Abschied aus 
freiem Herzen sagte, zwar sei er in seiner Strafzeit nicht etwa ein über¬ 
zeugter Christ geworden, dies aber habe er doch erkannt, daß „etwas 
hinter der Religion stecke“, daß Religion etwas anderes sei als „Pfaffen¬ 
betrug“ und „Opium für das Volk“, so ist dieses Bekenntnis der 
Erschütterung einer rein materialistischen Weltauffassung ein bezeichnendes 
Beispiel für den Erfolg, der unserer Bemühung um die geistige Schulung 
und Umbildung dieser jungen Leute auch in anfänglich wenig aussichts¬ 
reich scheinenden Fällen beschieden war: Zusammenbruch des Karten¬ 
hauses von Schlagworten und Vorurteilen, Erschütterung der Grundlagen 



252 


kommunistischer Denkweise. Doch auch, wo solcher Abbruch vollzogen, 
dieses negative Ziel erreicht war, nahmen die geistig selbständigeren unter 
unseren jungen Leuten gegenüber der positiven Zuwendung zur national¬ 
sozialistischen Staats- und Lebensauffassung eine abwartende 
Haltung ein; sie wollten sich die Echtheitsprobe des Neuen, die Prüfung 
seiner Bewährung in Tat und Wirklichkeit und in der Gestaltung ihres 
eigenen künftigen Geschicks erst Vorbehalten. 

3. Um so dringlicher war denn die dritte Aufgabe, die der Fürsorge 
für die Zeit nach der Entlassung. Gelang es, den Entlassenen vor der 
Verfemung wegen seiner politischen Vergangenheit und vor dem Makel der 
Strafe zu bewahren, seine volle Resozialisierung zu erreichen, so war mit 
diesem krönenden Schlußstein unserer Arbeit der volle Erfolg gesichert. 
Wurde er in seinem künftigen Lebenskreis einem Aussätzigen gleich von 
der Volksgemeinschaft gemieden und abgelehnt, so konnte nur ein noch 
tieferer Rückzug des Entmutigten in das Schneckenhaus der Ressentiment¬ 
haltung die Folge sein, und die ganze Arbeit von 2 Jahren Jugendstraf¬ 
vollzug war umsonst. Wir haben denn auch in unseren Abschlußgutachten 
diese Wahrheit mit stereotyper Eindringlichkeit gepredigt, in unseren 
Schreiben an Firmen, Arbeitsämter, NSV-Stellen unablässig um die 
Bereitschaft zur Wiedereingliederung der politisch fehlgeleiteten jungen 
Leute gerungen, haben uns auch um die Aufhebung der Wehrunwürdigkeit 
bemüht. Gab es auch z. B. bei wehrwirtschaftlich wichtigen Betrieben 
Schwierigkeiten, so ist doch nicht einer unserer jungen Leute längere Zeit 
ohne Arbeit geblieben- Nur von 2 Leuten, dem schon früher erwähnten 
Depressiven und einem besonders empfindlichen, stark entmutigten Jungen 
trafen nach der Entlassung noch SOS-Rufe ein und gaben der Strafanstalt 
Anlaß, einzurenken, was sie durch eigenes Ungeschick und die ihrem 
Naturell entfließenden Fehlreaktionen großenteils selbst verpfuscht hatten. 

Die Aufgabe am politischen Gefangenen, besonders von differenzier- 
terer seelischer Struktur, bestand somit weniger in der Umstellung 
der meist intakten, wenn nicht gar wertvollen Persönlichkeit, sondern 
vielmehr der Zielrichtung, gleichsam in der Änderung eines 
Vorzeichens. Es ging ganz einfach darum, aus einer in Lebensunreife und 
Umweltverhältnissen wurzelnden, durch politische Irreleitung und Ver¬ 
hetzung geförderten negativistischen Fehleinstellung zu Staat und Gemein¬ 
schaft, aus dem Geschlinge einer art- und volksfremden Ideologie, dem 
eine unter ungünstigen Milieuverhältnissen erwachsene, meist von früher 
Jugend an eingefressene Ressentimenthaltung günstiger Nährboden war, 
den echten deutschen jungen Menschen herauszuholen und seinem Einbau 
in das Gefüge der neuen Volksgemeinschaft die Wege zu bereiten. 

Die soziale Prognose konnte denn in sämtlichen unserer 9 Fälle 
günstig gestellt werden, wofern nur die Gemeinschaft den zu mittätiger 
Eingliederung Bereiten nicht zurückstoßen würde. 

Die Erkundigungen, die wir jetzt über die Entlassenen ein¬ 
gezogen haben, wie auch die Briefe, die wir von manchen erhielten, geben 
ein fast uneingeschränkt erfreuliches Bild: „Führung sehr gut", „nichts 
Nachteiliges, seit kurzem verheiratet“, „tadellose Führung“, „gab zu 
keinerlei Klage Anlaß“, „führt mäßiges Leben, wird vom Arbeitgeber als 
anständig und fleißig gelobt“. Einer der jungen Leute ist wegen der 
verbüßten Strafe vom angetretenen Arbeitsplatz wieder weggeschickt 
worden, hat aber auf die Fürsprache der Strafanstalt hin anderweitig 
Arbeit gefunden. 2 unter den 9, darunter der besonders sensible W. H., 



25S 


haben die psychischen Auswirkungen der Strafe und ihrer Folgen längere 
Zeit nicht überwunden; W. H. „war anfangs sehr unzufrieden und 
mutlos . . . . , tief gekränkt wegen seiner Wehrunwürdigkeit, ist 
seit dem 16. 12. 39 Soldat“ — übrigens der einzige unter den 9, dessen 
Einziehung zum Wehrdienst gemeldet wird; von W. D. heißt es: „Nichts 
Nachteiliges, leidet scheinbar heute noch unter einem Sichzurückgesetzt- 
fühlen“. Der bei Strafantritt vierundzwanzigjährige A. O. gibt „als 
Arbeiter zu keinen Klagen Anlaß, ist aber öfters frech; ohne Krieg wäre 
das Arbeitsverhältnis schon gelöst“. Er ist so der einzige, von dem keine 
absolut einwandfreie Gesamtführung berichtet wird; er ist ein knorriger 
Bursche, von galligem Humor und einer derben schwäbischen Haut, in 
proletarischer Familienwelt grroß geworden, selbst keine kriminelle Natur, 
aber seit früher Jugend in berechtigter Opposition gegen einen dem 
Alkohol ergebenen Vater und 2 moralisch minderwertige Brüder hart und 
bissig geworden; sein Naturell wird ihm noch manchen Prügel in den 
Lebensweg werfen, doch ist auch bei ihm nicht anzunehmen, daß er wieder 
mit dem Gefängnis Bekanntschaft machen wird. 

So wird man sagen können, daß bei sämtlichen wegen staatsfeind¬ 
licher Delikte unserer Anstalt zugeführten Angehörigen des Jahrgangs 1937 
dank der günstigen endogenen Voraussetzungen und dank der von der 
nationalsozialistischen Staatsführung geschaffenen Verhältnisse im Wirt¬ 
schafts- und Volksleben der Arbeit des Jugendgefängnisses ein voller Erfolg 
beschieden war. Sie sind geworden, was sie im Grunde ihres Wesens 
waren; brauchbare, wertvolle Volksgenossen. 

II. Anlage- und Gelegenheitsdelikte mit gutem Ausgang bei zweifelhafter 

Prognose (88 Fälle) 

Dieser Gruppe gehören Fälle an, bei denen die Nachuntersuchung 
Straflosigkeit und soziale Lebensführung ergeben hat, während die 
Prognose zweifelhaft gestellt war, wobei aber in 20 Fällen günstige Aus¬ 
sichten vermerkt wurden. Sie unterscheiden sich zunächst wesentlich 
darin von den im früheren Abschnitt dargestellten Fällen, daß hier Anlage¬ 
gegenüber den Gelegenheits- und Pubertätsdelikten überwiegen. Die erb¬ 
liche Belastung ist hier wesentlich stärker; gleichsinnige Belastung ist 
besonders groß. Eltern und Geschwister waren häufiger als bei der 
früheren Gruppe kriminell oder verrieten gleichfalls asoziale Charakter¬ 
züge, dagegen traten Milieuschädigungen stark zurück. Einen weiteren 
Unterschied zeigen die Vorstrafen. In der I. Gruppe fanden wir nur ein 
Fünftel, während hier die Hälfte der Fälle vorbestraft war. In der Art 
des Deliktes ist kein wesentlicher Unterschied festzustellen, nur Hochverrat 
kommt ausschließlich bei der ersten Gruppe vor. 

Schon aus dieser Gegenüberstellung ist ersichtlich, daß die Prognose 
bei den Fällen der II. Gruppe ernster lauten mußte. In letzter Linie fußte 
sie aber auf der psychischen Konstitution, welche in der II. Gruppe, wie 
unsere Tabelle zeigt, bei der Mehrzahl von Fällen abnorm war. In der 
I. Gruppe waren bei der Hälfte der Fälle Charaktermängel festzustellen, 
welche in die Richtung von psychopathischen Merkmalen wiesen. So kann 
man vielleicht zwischen Leichtsinn und Haltlosigkeit eine Parallele ziehen. 
In der 1. Gruppe befand sich ein Stimmungslabiler und mehrere Fälle 
galten als triebhaft, explosiv, brutal. Der Gegensatz tritt aber schon 
darin deutlich zutage, daß in der I. Gruppe gutmütige, moralisch schwache 
und beschränkte Persönlichkeiten in größerer Zahl auftraten, während in 
der II. au.sgeprägte Anomalien und Debilität stark vertreten sind. Beson- 



254 


(lers kraß ist aber der Unterschied dadurch ausgeprägt, daß in der II. 
Gruppe in größerer Zahl Willensschwäche und auch Fälle von Hyperthymie, 
Gemütsarmut und moralischer Minderwertigkeit vorkamen, während die 
letzte Kategorie in der 1. Gruppe nicht zu finden war. Die genaueren 
Zahlwerte für die Gruppe II sind in der Tabelle 2 wiedergegeben. 


Tabelle 2 


Art des Ddikts 


Strafdauer 


Alter 


Einf. Diebstahl . 

33 

2 Monate . 

3 

(bei Strafantritt) 

schw. Diebstahl 

22 

3 

7 

17 Jahre . 

4 

Betrug, Urkunden¬ 
fälschung 

4 ” 

9 

18 „ . 

12 

7 

6 . 

8 

19 „ . 

15 

Raub. 

1 

6 „ . 

8 

20 „ . 

20 

Sittl.-Verbrechen ... 
Heiratsschwindel ... 
Körperverletzung ... 

20 

1 

2 

7 ” 

7 

21 „ . 

16 

8 

11 

6 

22 „ . 

3 

9 

23 „ . 

12 

10 


24 „ . 


Sachbeschädigung ... 

1 

h 

4 

11 „ . 

25 „ . 


Meuterei . 

1 

1 

2 

Summe: 

88 

1 Jahr . 

1% Jahre . 

11 

7 

Summe: 

88 



114 „ —2 Jahre 

4 





2% .. 

1 





Summe: 

88 



Psychische Konstitution: 

Psych. Intakte: 


Psychopathen: 


psych. intakt . 

psychopathisch . 

27 

triebhaft . 

5 


23 

7 

48 

hyperthym. 

2 

willensschwach ... 

debil . 

12 

leichts. haltlos. 


hyperthym . 

3 

unbestimmt . 

1 

unreif . 

mor. schwach ... 

6 

14 

explosibel . 

4 

Summe: 

88 

stimmung.slabil 
gefühlsarm . 

1 

Summe: 

27 

3 





mor. minderwer¬ 
tig . 

7 





Summe: 

48 

Deliktformen: 


Ursachen 


Vorstrafen 


Pubertätsdelikte 

6 

der Kriminalität 


Haft u. Geldstr. 

6 

Gelegenheitsdelikte 

36 

Milieuschädigung 

12 

Gefängnis 1 mal 

20 

Anlagedelikte . 

46 

allgemeine Bela- 


„ mehrf. 

17 

Summe: 

88 

stung . 

19 





krim. Belastung 

6 





gleichs. asoz. Be¬ 
lastung . 

12 




III. Guter Ausgang bei schlechter Prognose 
(9 Fälle) 

Bei der prinzipiellen Bedeutung der Fälle dieser Gruppe sollen die¬ 
selben im einzelnen skizziert werden. 

1. Fritz W'., geb. Juni 1917. 

Heredität: älterer Bruder wegen Diebstahls mit Gefängnis bestraft, ein 
jüngerer in das Delikt von Fritz verwickelt. 

Milieu: ärmliche Verhältnisse, Vater Seidenweber, verdient nur 80.— 

monatlich, 8 Kinder. 














































kriminelle Entwicklung: schon in Volksschule schwer erziehbar, kam in 
Erziehungsanstalt, später in Gärtner^tellen, wo er Diebstähle beging. 
Vorstrafen: keine. 

Letztes Urteil: Gemeinsamer schwerer Diebstahl in 10 Fällen, 7 Monate 
Gefängnis. 

Charakter: leichtsinnig, unzuverlässig, gefühlsarm, Mangel an Straf¬ 
einsicht. 

Führung: nahm sich im Gefängnis zusammen. 

Art der Kriminalität: Anlagefall, Verwahrlosung. 

Rückfall: keiner. 

Soziales Verhalten: keine Klagen. 

2. H e r m a n n A., geb. September 1913. 

Heredität: durch Vater belastet, soll während des Weltkriegs in 
Rumänien als Offizier Unterschlagungen verübt haben. 

Milieu: Eltern geschieden wegen Ehebruchs des Vaters. Mutter Weberin, 
sie und zwei Schwestern religiös und sittlich einwandfrei. 

Kriminelle Entwicklung: wegen Unredlichkeit aus Buchhalterstelle ent¬ 
lassen, gab sich weiter als solcher aus und entlockte in verschiedenen 
Fällen dadurch Geld. 

Vorstrafen: 1936 Diebstahl, 3 Monate Gefängnis. 

Letztes Urteil: 1937 Betrug und Urkundenfälschung, 7 Monate Gefängnis. 
Anschließend weitere Verurteilung wegen Diebstahls und versuchten 
Betrugs, 10 Monate Gefängnis. 

Charakter: haltlos, geltungsbedürftig, egozentrisch, eigensinnig, brutal, 
keine innere Wandlung, schlechte Gesinnung. 

Diagnose: Psychopathie, haltlos. 

Führung: einwandfrei. 

Art der Kriminalität: Anlagefall. 

Rückfall: keiner. 

Soziales Verhalten: als Kraftwagenführer in Bierdepot gute Führung. 

3. Karl G., geb. Juni 1916. 

Heredität: Vater jähzornig, bösartig, brutal. 

Milieu: ungünstig, Vater kann wegen Folgen von Schädelbruch Beruf nicht 
nachgehen, Schwester zieht auf Tanzböden herum. 

Kriminelle Entwicklung: nach Konflikt mit dem Vater aus dem Hause 
gewiesen, trieb sich herum und verübte Delikte. 

Vorstrafen: 1) und 2) Diebstahl, Gesamtstrafe 2 Monate Gefängnis. 
Letztes Urteil: Erpressung, Diebstahl, Betrug, 1 Jahr 8 Monate Gefängnis. 
Charakter: moralisch minderwertig, beschränkt, willensschwach, reizbar, 
mißmutig, gefühlsarm, introvertiert. 

Diagnose: Psychopathie, brutal, moralisch minderwertig. 

Führung: gut, läßt aber jeden Trieb zur Arbeit und zu sozialer Ein¬ 
gliederung vermissen. 

Art der Kriminalität: Anlagefall, Verwahrlosung. 

Rückfall: keiner. 

Soziales Verhalten: Stelle bei Erhofbauer wegen Streites mit Arbeitgeber 
verlassen, seither bei Eltern, Hilfsarbeiter, keine Klage. 

4. R o b e r t L., geb. März 1918. 

Familie lebt in großer Dürftigkeit, 9 Kinder. Robert verübt seit dem 14. 
Lebensjahr mit 6 und 13jähriger Schwester Blutschande, ferner unzüchtige 
Handlungen und Geschlechtsverkehr mit 7 und 12jährigen Mädchen sowie 
12jähriger Cousine. Einmal wegen Betteins vorbestraft, jetzt Gesamtstrafe 
wegen Unzucht mit Kindern 1 Jahr 9 Monate. Stumpfes, bedürfnisloses 
Vegetieren, schwachsinnig und gemütsarm, manuell nicht ungeschickt, tier¬ 
haft hemmungsloses Triebleben, brutal. 

Führung: im Gefängnis geordnet und willig. 

Diagnose: torpider Schwachsinn, Oktober 1936 sterilisiert. 

Art der Kriminalität: Anlagefall. 



256 


Prognose: ungünstig (gefährliche sexuelle Triebhaftigkeit). 

Rückfall: keiner. 

Auskunft der NSV. vom 16. 8. 1941: hat bis März 1939 bei einem Mineral¬ 
wasserhändler gearbeitet, führte sich ordentlich, gab zu keinen Klagen 
Anlaß. Dann RAD., ansciüießend zur Wehrmacht. 

5. Hermann W., geh. Januar 1917. 

Heredität: Eltern gehören einer fanatischen religiösen Sekte an. 
Kriminelle Entwicklung: aus Schreinerlehre weggelaufen, ging auf 
Wanderschaft, Landhilfe, dann Bummelleben. 

Vorstrafen: Diebstahl und Betrug, 7 Monate Gefängnis. 

Letztes Urteil: Diebstahl in 4 und Betrug in 2 Fällen, 10 Monate Gefängnis. 
Charakter: haltlos, mißmutig, willensschwach, geltungsbedürftig, ego¬ 
zentrisch, introvertiert, hochstaplerisch, schwatzhaft. 

Diagnose: Psychopathie, willensschwach. 

Führung: arbeitsscheu, leichtsinnig. 

Art der Kriminalität: Anlagefall. 

Rückfall: keiner. 

Soziale Führung: stand dauernd in Arbeit, seit einem Jahr verheiratet, 
bei Wehrmacht E K II, an der Hand verwundet, jetzt Bahnhofsdienst. 

6. Friedrich 0., geh. April 1918. 

Heredität: keine. 

Milieu: geordnetes Elternhaus. 

Kriminelle Entwicklung: wegen Arbeitsvemachlässigung entlas.sen, Verkehr 
in Nachtlokalen, verkuppelte eine in Scheidung lebende Frau, daneben 
andere Verhältnisse. 

Vorstrafen: keine. 

Letztes Urteil: Erpressung, Diebstahl, Kuppelei, 1 Jahr Gefängnis, 
Charakter: intelligent, moralisch minderwertig, triebhaft, reizbar, mi߬ 
mutig, gemütlos, geltungsbedürftig, egozentrisch, gehässig, boshaft, ver¬ 
schlossen, gerissen und lügenhaft. 

Diagnose: Psychopathie, moralisch minderwertig. 

PHihrung: Arbeitsverweigerung. 

Art der Kriminalität: Anlagefall. 

Rückfall: keiner. 

Soziales Verhalten: bis 1939 daheim, führte sich gut. Arbeitsdienst, an¬ 
schließend Militär. Von Fabrik reklamiert, Februar 1941 verheiratet, sehr 
geordnete Verhältnisse und gute Fühning. 

7. Franz M., geh. Februar 1920. 

Heredität: keine. 

Milieu: häusliche Verhältnisse ungün.stig. 

Kriminelle Entwicklung: in Schule schwer zu behandeln, faul. In Schul¬ 
zeit Weinberghäuschen erbrochen, später Wochenendhäuser. Verlor Lehr- 
.stelle, bummelte. 

Vorstrafe: Diebstahl, 6 Wochen Gefängnis mit Bewährungsfrist. 

Letztes Urteil: Diebstahl und Unterschlagung, 5 Monate Gefängnis und 
Fü r s orgeerzi ehu ng. 

Charakter: haltlos, gleichgültig, triebhaft, gefühlsarm, willensschwach, 
egozentrisch. 

Diagnose: Psychopathie, haltlos, willensschwach. 

Führung: unter Aufsicht allmählich fleißig, von Strafe unbeeindruckt. 
Art der Kriminalität: Anlagefall. 

Rückfall: keiner. 

Soziales Verhalten: hat in größerer Landwirt.schaft gearbeitet und sich 
durch Fleiß und geordnetes Verhalten beliebt gemacht. Jetzt bei der 
Wehrmacht. 



257 


Zwei Vertreter dieser Gruppe sollen eingehender dargestellt 
werden. 

Otto Z., Hilfsarbeiter, geb. 24. 1. 16. 

Z. ist das Kind einer fünffachen unehelichen Mutter, die zuletzt vor 2 Jahren 
noch ein^n Bauarbeiter geheiratet hat. Den Stiefvater hat der Stiefsohn 
nur einmal in seinem Leben, bei der Hochzeit, gesehen. Die ganze Familie 
soll durchweg geistig ziemlich schwach beanlagt sein. Der Junge kam nach 
der Schulzeit in eine Gießerei nach St. (Großstadt) als Hilfsarbeiter (Nov. 
1930-Sept. 1931). Als er diese Arbeit verlor, kehrte er bis Frühjahr 
1932 zur Mutter zurück und half dort in der Landwirtschaft, kam aber 
dann von Frühjahr 1932 bis Juli 1933 wieder in eine Feingießerei nach St. 
Abermals arbeitslos geworden, fand er Unterkunft zu Hause, bis 
er vom Okt. 1933 bis Mai 1934 in den Arbeitsdienst kam; dort ging 
er nach 7 Monaten weg, weil er wieder etwas verdienen wollte. In St. fand 
er Arbeit in einer Vulkanisieranstalt und nach einer Zwischenzeit der 
Erwerbslosigkeit in einer Konditorei; in beiden Stellen vorwiegend 
als Ausläufer beschäftigt. Im Nov. 1935 ging er von der letzteren Stelle, 
weil einer Fundunterschlagung bezichtigt, wobei sich jedoch nachher seine 
Unschuld erwiesen habe, weg zur Autobahn, war aber auch bald 
weder ohne Arbeit und, da er die ihm angebotene Unterbringung in 
einer Beschäftigungsanstalt in St. ablehnte, auch ohne Obdach. 

In dieser Zeit mangelnder Beschäftigung und äußerer Entbehrungen 
versinkt er willenlos im Morast der Großstadt, und zwar da, wo er am 
tiefsten ist. Als er im Mai 1936 wieder als Bauarbeiter unterkam, war es 
schon zu spät. 

Wie erwähnt, hat er in seinem unsteten und wechselvollen Arbeitsleben 
zwei Phasen der Arbeitslosigkeit zu verzeichnen: Jan. 
1935 bis Febr. 1935 und Nov. 1935 bis März 1936. In diesen Zeiten ließ er 
sich beide Male als Strichjunge mit zahllosen Männern ein und bezog 
seinen dürftigen Lebensunterhalt durch die widerlichsten Betätigungen. 
Beim 1. Mal sei er dazu gekommen: Kameraden aus dem Arbeitsdienst, 
die selbst als Strichjungen fungierten, hätten ihn auf diese Erwerbsquelle als 
Ausweg aus der Not hingewiesen. Er wurde zu einer Gefängnisstrafe von 
1 Jahr verurteilt. 

Z. ist von Natur nicht gleichgeschlechtlich veranlagt, hat auch, was 
ihm das Gericht zugute hielt, nur in Zeiten der Erwerbslosigkeit sich dem 
schmutzigen Gewerbe hingegeben. Daß er aber dann bedenkenlos diese 
Bahn betrat und sich rasch zum zynischen und brutalen Strichjungen ent¬ 
wickelte — er schlug seine Freier, wenn sie den Tarif nicht einhalten 
wollten, öfters auch ins Gesicht —, läßt ein hohes Maß angebore¬ 
ne r moralischer Indifferenz erkennen und einen habituellen 
sittlichen Tiefstand ohnegleichen; der Blick auf die Lebensführung der 
Mutter weist hier wie dort dieselbe Hemmungslosigkeit in geschlechtlichen 
Dingen auf. Gleichzeitig ist er unbeholfen, schwerfällig, „pomadig“, ent¬ 
faltet keinerlei Initiative, ist nicht der Mann, sich aufzuschwingen und 
energisch nach Arbeit zu suchen; verlor er diese und fiel ihm keine andere 
Gelegenheit in den Schoß, so fuhr er entweder zu Muttem oder ging er auf 
den Strich. Stellt man ihn aber auf ein Geleise der Arbeit hin, bei dem 
kein selbständiges Handeln verlangt wird oder der Einsatz von Entschluß- 
und Willenskräften, so leistet er mit einer gewissen behäbigen Ruhe und 
Stetigkeit in gleichmäßig verläßlichem Tempo sein tägliches Pensum durch¬ 
aus. So war er im Gefängnis, wo er mit Fransenknüpfen beschäftigt war, 
ein unverdrossener Arbeiter von gleichbleibender Leistungsfähigkeit. Auch 
, sonst hat er sich wacker gehalten, Ordnung und Reinlichkeit walten lassen, 
sich anständig, bescheiden und willig gezeigt. Allerdings war er bei seiner 
Schwerfälligkeit nicht leicht in Fluß zu bringen und hat durch ein scheues, 
verlegenes Lächeln, das in seiner Starrheit zugleich ein Ausdruck der 
Selbstunsicherheit und Hilflosigkeit ist, die erzieherische Anfassung und 


3 



258 


Einwirkung erschwert, gegen die er sich durch diese primitive Abwehrform 
zu sichern sucht. 

Seine hausordnungsmäßige Führung — solange ihm eigener Willens¬ 
einsatz und jedwede Entscheidung abgenommen war — darf nicht darüber 
wegtäuschen, daß, zumal nach seiner trüben Vergangenheit, in der Freiheit 
der Spielraum des Möglichen bei ihm ein äußerst großer ist. Findet er ein 
seiner torpiden Natur entsprechendes Betätigungsfeld in der Form gleich¬ 
förmig-mechanischer Arbeit, so können die Erinnerungen an die Str^taten 
und ihre Auswirkungen ihm die nötige Festigkeit verleihen. In der Not 
aber ist der schwerbewegliche Bursche zur Selbsthilfe unfähig: keinerlei 
Hemmungen ethischer oder ästhetischer Art hindern ihn dann, erneut den 
bequemsten und billigsten Weg zu beschreiten. Leicht wird er dann wieder 
zu einem Spielball der Versuchungen und der Verführer. 

Soziale Führung: nicht bestraft; seit 9. 11. 37 bei der Wehrmacht. 

Heinz W., Mechaniker, geb. 11. 8. 16. 

W. stammt aus ordentlichen Verhältnissen; der Vater ist Kaufmann bei 
einer angesehenen Weltfirma. Bei dieser lernt der Junge als Mechaniker; 
nach fast beendeter Lehrzeit bekommt er glühendes Eisen ins Gesicht, 
wodurch das linke Auge schwer geschädigt wird. Er muß die Arbeit auf¬ 
geben, wechselt verschiedentlich die Stelle, geht von Nov. 1934 bis Apr. 
1935 zum Arbeitsdienst. Nach dessen Ableistung fliegen ihm bei 
der Fa. K. Splitter ins Auge, wodurch auch diese Arbeit ein Ende nimmt. 
Wegen seiner häufigen und langausgedehnten nächtlichen Wirtshausbesuche 
und der Schulden, die er immer wieder durch sein exzessives Zigaretten¬ 
rauchen macht, kommt es zum Bruch mit den Eltern. Er nimmt eigene 
Wohnung und beginnt mit Zech- und Einmietbetrügereien, 
w’elche ihm im Aug. 1936 seine erste Strafe von 4 Mon. Gef. eintragen, die 
er im Jugendgefängnis verbüßt. Das Urteil bezeichnet ihn schon damals 
als einen durch und durch verdorbenen Burschen, der auf dem besten Wege 
sei, zum gewohnheitsmäßigen Verbrecher herabzusinken. Während der 
Strafzeit erweist er sich als sehr leichtsinnig und gleichgültig; beim Ab¬ 
gang wird ihm baldiger Rückfall prophezeit. 

Nach der Entlassung findet er Arbeit als Schlosser; doch sagt ihm 
die Hantierung mit Benzin nicht zu. Er gibt die Stelle auf, findet Arbeit 
bei der Post, wird dort aber, als seine Vorstrafe ruchbar wird, entlassen. 
Dann ist er 3 Wochen arbeitslos und macht in dieser Zeit in hochstaplerischer 
Weise 9 Betrüge (Zechbetrüge und Erschwindeln von Rauchwaren). 
Großzügig, wie er ist, lädt er sich Gäste zu Trinkgelagen ein, verschwindet 
aber vorsorglich jeweils vor dem kritischen Zeitpunkt der Bezahlung. 
Einige Wochen ist er bei einem Schaubudenbesitzer als Traktorfahrer 
beschäftigt, wobei er sich sehr wohlfühlt. Schließlich ereilt ihn sein 
Geschick; er kommt zum 2. Mal in unser Gefängnis, um von Juni bis Dez. 
1937 7 Mon. Gef. zu verbüßen. Mit dem Vater hatte er sich inzwischen 
erneut Überwerfen. 

Bei der Einlieferung in das Gefängnis, das er nach halbjähriger Pau.se 
wieder bezog, lacht er und stellt seiner moralischen Dickfelligkeit damit ein 
beredtes Zeugnis aus. Dem Vorstand sagt er, er wolle nicht wieder nach 
St. (Großstadt) zurückkehren, sondern lieber aufs Land gehen, weil dort 
die Lockungen zu Zechprellerei und die Gelegenheit zu Kaufbetrügen und 
Tabakschwindeleien nicht so zahlreich seien; er verrät so sein mangelndes 
Selbstvertrauen durch dieses Geständnis der eigenen Schwäche. 

Geführt hat sich W. ordentlich, sich gern wie bei der früheren Strafe 
mit anderen Gefangenen unterhalten, in allen Stücken sich gehen lassen, 
wie dies seiner Flatterhaftigkeit und seinem Leichtsinn entspricht. Die 
lässige, vomübergeneigte Körperhaltung, der schlaksige Gang des groß 
und schlank gewachsenen jungen Burschen ist bezeichnend für seine ganze 
Verfassung. Ihm ist so ziemlich alles gleich; die Strafe berührt ihn nicht. 



259 


Zu verscherzen hat W. nicht viel. Alles ist schon weg: Beruf und 
Elternhaus und jede Aussicht auf eine gediegene Arbeitsstelle; die Eltern 
haben auf eine Anfrage des Anstaltspfarrers nicht einmal mehr eine 
Antwort gegeben. Jetzt will er zur Binnenschiffahrt gehen, wo er 
sich wohl ein abwechslungsreiches, leichtes und lockeres Leben erhofft. Der 
Anstaltspfarrer und -fürsorger hat die nötigen Schritte zu seiner Unter¬ 
bringung dort eingeleitet, allerdings in dem Bewußtsein, daß alles, was 
man für ihn tut, vergeblich sein dürfte. Denn W. ist ein Mensch, der 
hemmungslos und bedenkenlos dem Genußreiz folgt. 

Soziale Führung: Nov. 1938 zur Wehrmacht, hat den Polenfeldzug 
mitgemacht, in den Kämpfen gegen Frankreich in vorderster Front. Bei 
einem Heimaturlaub zei^e er sich sehr ordentlich und den Eltern tief 
dankbar. 

Eine Betrachtung der besprochenen Fälle führt zunächst zu der 
Erkenntnis, daß ein erstaunlich geringes Maß von sittlichen Kräften zur 
Einhaltung legaler Führung ausreicht, wenn das Individuum unter 
geeigneten Milieuverhältnissen lebt. Unsere Darstellung hat jedenfalls 
erwiesen, daß nach Vorgeschichte, Charakterbild und Führung im 
Gefängnis bei keinem dieser Fälle eine günstige Prognose gestellt werden 
konnte. 

Überblicken wir die für eine solche entscheidenden Momente, so ist zu 
sagen, daß erbliche Belastung in 4 Fällen gegeben war. Exogene Ursachen 
lagen in 3 Fällen vor. Im Charakterbild dominierten moralische Minder¬ 
wertigkeit und Gefühlsarmut. Man muß diese Fälle daher im Sinne von 
ClostermannS) als Kriminellbereite bezeichnen. Wenn sie sich nicht 
zu rückfälligen Schwerverbrechern entwickelt haben, so ist dies 3 Momenten 
zu verdanken; 

1. Dem Wesen der Persönlichkeiten, die nicht aktive, zielstrebige, 
sondern passive und willensschwache Naturen waren. In den 
wiedergegebenen Gutachten wurde besonders darauf hingewiesen, 
daß die Gefahr fti der Hemmungslosigkeit gelegen hatte, welche 
diese Individuen zum Spielball äußerer Verhältnisse machte. 

2. Der ausgiebigen Strafe, welche in allen Fällen ausgesprochen 
wurde und die dem Strafvollzüge die Möglichkeit intensiver Ein¬ 
wirkung bot. Ist der Erfolg nicht schon bei allen im Gefängnis 
greifbar gewesen, so ist er gerade bei diesen Persönlichkeiten 
als bestehend anzusehen. 

3. Der unmittelbaren Entlassung in ein Arbeitsverhältnis, Aufnahme 
in den Wehrdienst (5) und in 2 Fällen der Ehe. 

Eine weitere Nachprüfung dieser Fälle, insbesondere aber eine neue 
charakterologische Beurteilung nach einigen Jahren wäre für unsere 
Kenntnisse über Charakterentwicklung von großem Interesse. 

IV. Gebesserte Fälle (22) 

Diese Gruppe zerfällt in zwei Unterarten, die moralisch Minder¬ 
wertigen (8 Fälle) und die Haltlosen (11 Fälle), während 3 Fälle nicht 
ausreichend charakterisiert waren. Die Ersterwähnten erschienen pro¬ 
gnostisch besonders ernst; sie waren in der Mehrzahl erblich, z. T. schwer 
belastet. Bei 5 Fällen lag auch Geistesschwäche vor, 1 zeigte ein passives, 
stumpfes Wesen, 1 war hyperthym, 1 brutal, explosiv, 5 waren gefühls¬ 
arm. Gegenüber der Anlage (6 Fälle) traten exogene Faktoren zurück. 
Stärkere kriminelle Neigungen waren bei der Hälfte vorhanden, die 


8) a. a. O. 


s 



260 


Prognose konnte daher nur zweifelhaft oder ungünstig sein. Völlig straflos 
blieben in dieser, Untergruppe nur 2, während die anderen nach der Ent¬ 
lassung noch ein- oder mehrmals bestraft wurden; doch handelte es sich 
immer nur um unwesentliche Delikte, die zu kurzem Gefängnis bzw. Geld¬ 
oder Haftstrafen führten. Ein günstiges Urteil über die soziale 
Führung lag über 1 Fall vor, der nur wegen fahrlässiger Brandstiftung 
zu 80,— bzw. 8 Tagen Gefängnis verurteilt wurde. Die übrigen hatten 

Anlaß zu Klagen über ihre Verhaltungsweise gegeben. Man hat gerade 
bei diesen Fällen den Eindruck, daß sie noch nicht als abgeschlossen 
gelten können, wenn auch die Waagschale sich vorerst nach der guten Seite 
gesenkt hat. 

Bei der zweiten Untergruppe (11) tritt erbliche Belastung stark 
zurück; überhaupt belastet waren nur 2 Fälle, davon einer durch seinen 
kriminellen Vater. Bei den Nichtbelasteten waren 5mal exogene Momente 
wesentlich am Zustandekommen des Deliktes beteiligt. Gegenüber der 
1. Untergruppe, deren Glieder durchaus psychopathisch waren, mußten hier 
6 als psychisch intakt gelten; sie erwiesen sich als unreif, leichtsinnig, 
labil, moralisch ungefestigt, der Verführung durch äußere Umstände oder 
Personen zugänglich. Alle 6 Fälle waren der Kategorie der Gelegenheits¬ 
delikte zuzuweisen. Ihr Verhalten im Gefängnis war meist gut und die 
Prognose günstig, wenn auch einzelne noch als gefährdet angesehen wurden. 
Bei den 5 Psychopathen dieser Untergruppe lag ein stärkerer moralischer 
Abfall vor, der in Verwahrlosung begründet war; sie gehörten der Kate¬ 
gorie der Haltlosen bzw. Willensschwächen an und waren in der Gefühls¬ 
sphäre nicht tiefer geschädigt. Die Haltung im Gefängnis war mangelhaft, 
eine entscheidende Umkehr zur Besserung war nicht eingetreten, die 
Prognose blieb daher zweifelhaft. Von diesen 11 Fällen sind 2 nicht 
weiter bestraft worden, aber auch deren Führung war nicht einwandfrei. 
Der eine verlor seine Lehre wegen Unredlichkeiten, der andere führte bis 
zum Eintritt in den RAD. sexriell ein anstößiges Leben. Alle anderen 
hatten noch weitere kleine Delikte begangen und Strafen von geringem 
Umfang zu verbüßen. Als Beispiel der zuletzt besprochenen Gruppe kann 
nachstehender Fall gelten: 

Johann Sch., geb. Febr. 1915, 

ist das 2. von 4 Kindern des Schreiners Sch. in R. Der Vater war mehrere 
Jahre hindurch arbeitslos. Die Mutter, zur Zeit der Geburt des jüngsten 
Kindes an Gehirngrippe erkrankt und fortan dauernd kränkelnd, suchte im 
Jahr 1935 in einem Anfall von Schwermut den Tod im Rhein. Seither 
versorgt eine jetzt 16jährige Schwester den Haushalt. Sch. selbst lernt 
3 Jahre als Schreiner, kann aber die Gesellenprüfung nicht ablegen, da der 
Vater, damals auf Wohlfahrtsunterstützung angewiesen, das Prüfungsgeld 
nicht aufzubringen vermag. Da um dieselbe Zeit auch die Lehrfirma 
bankrott geht, ist er arbeitslos bis April 1934, dann findet er Beschäftigung 
als Schreiner. Das heimatliche Bürgermeisteramt spricht ihm keinen guten 
Ruf zu, aber mangelnden Fleiß und leichtsinniges Wesen; das letztere 
bekennt er selbst von sich. 

Daß der in so bedrückten Verhältnissen aufgewachsene, früh mit der 
Not der Arbeitslosigkeit vertraut gewordene junge Mann mit 15 Jahren sich 
für die KJV. (Komm. Jug. Ver.) gewinnen ließ, ist bei den damaligen 
Verhältnissen im dortigen Industriegebiet nicht weiter verwunderlich, zumal 
sich auch 2 seiner Brüder in der kommunistischen Bewegung betätigten. 
Er sei, so gibt er an, für diese Organisation dadurch geködert worden, daß 
man sie ihm als „Wanderklub“ schilderte; „ich wäre damals genau so gut 
in eine nationalsozialistische oder Sozialdemokratische Jugendgruppe 
gegangen, wenn ich dort hätte wandern können, aber der Zufall wollte es 



261 


anders“. Im Mai 1933 zieht er sich eine 1. Gefängnisstrafe von 6 Wochen 
zu wegen Tragens eines verbotenen Abzeichens; die Verbüßung wurde ihm 
aber ausgesetzt. 

Daß er wegen Teilnahme an hochverräterischen 
Unternehmungen bis in den Sommer 1934 hinein zu 1 Jahr 9 Mon. 
Gef. verurteilt werden mußte, daß er im Juli 1934 fristlos bei Fa. 0. ent¬ 
lassen wurde, weil er im Fabrikabort staatsfeindliche Äußerungen ange¬ 
schrieben hatte, zeigt immerhin, daß die Gesinnung.sdressur in jenem 
„Wanderklub“ ihre nachhaltigen Früchte getragen hatte. 

In unserer Anstalt hat er sich gut gehalten, als Reiniger auf seinem 
Stock vorbildliche Ordnung geführt und auch als Beifahrer die Anerkennung 
seines Wachtmeisters gefunden. An seiner schlappen Haltung und geringen 
Lebensart traten wohl die Mängel der Kinderstube in die Erscheinung, 
doch zeigte besonders sein nachdrückliches Bemühen um die Wieder¬ 
erlangung der WehrwTirdigkeit, daß es ihm an Ehrgefühl und Einordnungs¬ 
willen nicht fehlte. Seinen Reinigerposten nützte er freilich reichlich zum 
Schwatzen aus, mußte daher von diesem Posten enthoben werden. 

Bei der Beurteilung seiner politischen Betätigung in der Vergangen¬ 
heit und bei der Abschätzung seines mutmaßlichen Verhaltens 
inderZukunft wird man ihm seine jugendliche Unreife, die mißlichen 
häuslichen Verhältnisse, die ganz und gar kommunistisch gefärbte Umwelt, 
den Einfluß der Verhetzungsarbeit in der Jugend zugute halten müssen, 
ebenso auch den Umstand, daß er schon vor seiner Verhaftung sich nicht 
mehr kommunistisch betätigt hatte, sowie sein offenes und reuiges 
Geständnis vor Gericht. Er gibt an, gründlich vom Kommu¬ 
nismus kuriert zu sein. Sein Verhalten während der Strafzeit 
wies keine Züge von offener oder geheimer Auflehnung gegen Ordnung, 
Bestand und Weltanschauung des heutigen Staates auf. So ist kaum zu 
besorgen, daß er sich irgendwie noch einmal unter den heutigen Verhält¬ 
nissen in staatsgefährdendem Sinne betätigen wird. Wenn freilich der 
Bestand des Staates jemals von außen oder von innen her ernsten Proben 
ausgesetzt wäre, so würde auf Leute seiner politischen Vergangenheit und 
Herkunft so viel und so wenig Verlaß sein wie auf die überwiegende 
Mehrzahl aller entlassenen Strafgefangenen, die wegen politischer 
Vergehen verurteilt wurden, mit geringen Ausnahmen. 

Soziale Führung: März 1939 wegen gefährlicher Körperverletzung zu 
4 Monaten Gefängnis verurteilt, nach Strafverbüßung zur Wehrmacht 
eingezogen, wo er sich jetzt noch befindet. 

V. Schlechter Ausgang (100 Fälle) 

Die angeschlossenen Tabellen für diese Gruppe sind naturgemäß in 
erster Linie mit den Fällen der Gruppe 2 zu vergleichen, denen sie auch in 
der Gesamtsumme nahe stehen. Hinsichtlich der erblichen Belastung zeigt 
die unten gegebene Zusammenstellung höhere Kriminalität der Familie bei 
den Fällen mit schlechtem Ausgang. Ein wesentlicher Unterschied liegt 
auch darin, daß bei ihnen (Tabelle 3) weitaus die Mehrzahl in ihrer 
Kriminalität auf der Anlage beruht, während Gelegenheits- und Pubertäts¬ 
delikte stark zurücktreten. Demgegenüber waren bei der 2. Gruppe 
(Tabelle 2) die Anlagefälle nur wenig zahlreicher als die Gelegenheits¬ 
und Pubertätsdelikte. Endlich erwiesen sich die Fälle mit ungünstigem 
Ausgang fast durchgehend als vorbestraft, während jene von gutem Aus¬ 
gang bei zweifelhafter Prognose nur zur Hälfte vorbestraft waren. 

Gegenüber den Fällen der 2. Gruppe mit 31,4 % psychisch intakten 
handelt es sich auch hier fast durchaus um anomale Persönlichkeiten 
(90 %). In der Art der Anomalien findet man einen großen Unterschied. 
Bei den Fällen der 2. Gruppe stand Haltlosigkeit weitaus an erster Stelle, 



262 


während bei den Fällen mit schlechtem Ausgang moralische Minder¬ 
wertigkeit dominierte. 

Qefühlsarmut als wesentliches Charakteristikum kam in ihr weniger 
häufig vor, da sie meist mit moralischer Minderwertigkeit kombiniert war. 
Debilität war in beiden Gruppen annähernd gleich vertreten, bei der 6. aber 
meist mit moralischer Minderwertigkeit gepaart. Von Interesse erscheint, 
daß in der 5. Gruppe die hyperthymen Persönlichkeiten prozentual 
niedriger als in der 2. Gruppe sind, dagegen kommen in jener auch Hoch¬ 
stapler vor. Als neue Form treten in der 5. Gruppe die Vagabunden¬ 
naturen auf. 


Eine besondere Betrachtung verdienen jene Fälle, bei denen Prognose 
und Endausg^ng differieren. Dies fand bei 38 Fällen statt, während bei 
den übrigen auch die Prognose schlecht war. 


Tabelle 3 


Art des Delikts 


Hehlerei 
Raub .... 
Wilderei 


Sittlichk.-Verbr.. 16 ) 2 1 

Zuh ältere! . 

Körperverletzung 

Meuterei . 

Wehrpfl. En tziehung 
Sunune: 





Strafdauer 



Alter 


36 


2 

Monate 

2 

(bei 

Strafantritt) 

13 

09 00 

3 

II 

12 

16 Jahre: 

2 

1 

1 

B 

.. 

4 

5 

1* 

II 

10 

7 

17 

18 

II 

II 

3 

16 

2 

“s 

6 

II 

13 

19 

II 

23 

23 


7 

II 

8 

20 

II 

30 

2 


8 

II 

6 

21 

II 

11 


® p ® ö 

9 

•I 

5 

22 

II 

5 


10 

1 Jahr 

4 

9 

23 

24 

II 

• I 

4 

6 

3j 
, I 

O 0) 

in 0} 

1 - 
V.it 

- 1^ Jahre 
— 2 Jahre 

18 

3 


Summe: 

100 

1 

•a 

^ C B ^ 

2 - 

- 3 Jahre 

3 




_^J 

O 3» 

B*0 

3 - 

— 4 Jahre 

0 




100 


Summe: 

100 




81 

Psychisch intakt 6 

i 

Psychopathen 



Pubertätsdelikte 


Summe: 100 


Psychopathen ... 79 

Debile . 11 

unbestim mt . 4 

Summe: 100 


haltlos. 16 

willensschwach ... 16 
selbstunsicher ... 2 

hyperthym . 3 

Hochstapler . B 

explosibel . 3 

gefühlsarm . 9 

moral, minderw. 23 
V agabun dennat. 3 

Summe: 79 


Uneingeschränkt günstig lautete die Prognose allerdings 
nur in 4 Fällen- Einer davon war wegen eines politischen Vergehens, näm¬ 
lich Anwerbung zu ausländischem Heeresdienst, Wehrpflichtentziehung und 
Paßvergehens zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt. Seine erste Strafe 
erhielt er vier Jahre vorher, nämlich mit 18 Jahren wegen Waffen¬ 
mißbrauchs. Nach seinem Verhalten im Gefängnis war er als psychisch 
und moralisch intakt zu bezeichnen. Auffälligerweise lagen seine weiteren 
Delikte auf einem ganz anderen Gebiete, nämlich Betrug und Urkunden¬ 
fälschung. Wir sehen diese Persönlichkeit also noch im 26. Jahre eine 
ganz andere Entwicklung nehmen. Der Zusammenhang blieb leider 
verschlossen, da die NSV nur Lösung vom Eltemhause feststellen konnte. 






















263 


Als ^nstig lautete die Prognose in einem weiteren Fall, welcher wie der 
erste unbelastet und aus geordneten Verhältnissen stammte. Nach guten 
Schulerfolgen erlernte er das Bäckerhandwerk, verging sich als Bäcker¬ 
geselle an einem 1314jährigen Mädchen und wurde dafür zu einer 
Gefängnisstrafe von 1 Jahr und 3 Monaten verurteilt. Sein Verhalten im 
Gefäng^s war völlig einwandfrei, man fand hier in ihm einen intelligenten, 
gefühlswarmen, seelisch differenzierten Menschen, der affektiv leicht an¬ 
sprach, verträglich und aufrichtig war. Immerhin mußte aber eine 
Neigung zu Oberflächlichkeit verzeichnet werden; seine Führung war 
jedoch so günstig, daß ihm ein Strafnachlaß gewährt werden konnte. 
1939 wurde er zum Militär eingezogen und 1940 wegen unerlaubter 
Entfernung zu 3 Jahren Gefängnis verurteilt. Auch die zwei weiteren 
Fälle kamen wegen Unzucht mit Kindern ins Gefängnis und galten als 
Pubertätsdelikte. Der eine, durch einen haltlosen Vater belastet, zeigte 
sich als weicher, femininer Junge (haltloser Psychopath), der im Gefängnis 
willig, sauber war und starke Reue äußerte. Ein Jahr nach seiner 
Entlassung wurde er wegen widernatürlicher Unzucht zu 6 Monaten 
Gefängnis verurteilt. Frühjahr 1939 kam er zum RAD und 1940 zur 
Wehrmacht. Der 4. Fall stammt väterlicherseits aus Trinkerfamilie, war 
schwach begabt, verwahrlost, kam aber nicht in Fürsorgeerziehung. Im 
Gefängnis zeigte er sich unreif, oberflächlich, gleichgültig. 1940 ist er 
wegen Diebstahls und Urkundenfälschung zu 7 Monaten, 1941 wegen Dieb¬ 
stahls zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt worden. 

In 8 Fällen war die Prognose nur mit Einschränkungen 
günstig. Bemerkenswerterweise wurde in 2 dieser Fälle Einschlag zum 
Hochstaplertum verzeichnet, der eine mit 19, der andere mit 20 Jahren 
wegen Betrugs zu 4 bzw. 3 Monaten Gefängnis verurteilt. Die Führung 
im Gefängnis war in beiden Fällen gut. Charakterologisch waren intakte 
Intelligenz, freundlich-verträgliches, gutmütiges Wesen, guter Wille und 
gpite Vorsätze zu verzeichnen. Von negativen Seiten war in beiden Fällen 
Willensschwäche festgestellt, in einem wurde Vergnügungssucht und 
Kopflosigkeit vermerkt. Als Bedingung für die Erfüllung der günstigen 
Prognose wurde feste Beschäftigung und Eintritt ins Heer angesehen. 
Beide wurden jedoch im nächsten Jahre rückfällig. 

3. A1 b e r t R., 18 Jahre alt, unehelich, nach Schulzeit in Radio¬ 
geschäft. Stahl, ging 1934 durch, ließ sich auf einem Schiff mitnehmen, 
bestahl Kapitän, verübte Zech- und Einmietbetrügereien, daraufhin 
Fürsorgeerziehungsanstalt, 18.7.1936 wegen Diebstahls, Betruges und Privat¬ 
urkundenfälschung ein Jahr Gefängnis. Hier in Gärtnerei fleißig, will 
diesen Beruf weiter ausüben, gehorsam, willig, für Lob und Güte 
empfänglich, unreif, zeigt sich noch als großes Kind, das Aufsicht braucht. 
Diagno.se: Psychopathie, haltlos. Verwahrlosung. Weitere Führung: 
Landarbeit % Jahre, dann zum RAD, 1938 wegen Zechprellerei 1 Jahr 
Gefängnis. Für die letzten 3 Monate Bewährungsfrist. 2. 9. — 15. 11. 40 
Fabrikarbeit, dann zum Heeresdienst. 

4. W i 1 h e 1 m B., 19 Jahre alt. Aus kinderreicher Familie, weich 
erzogen. Lernte Schlosser. 1936 wegen gefährlicher Körperverletzung 
2 Monate Gefängnis. 1937 gelegentlich der Beschäftigung in Wohnungen 
gestohlen, Geld in Gaststätten und Kinos verbraucht, zu 9 Monaten 
Gefängnis verurteilt. — Im Gefängnis geordnet, fleißig, pünktlich, zurück¬ 
haltend, oberflächlich. 

Diagnose: psychisch intakt, moralisch schwach. Gelegenheitsdelikt. Nach 
Entlassung in der Arbeit nicht gut bewährt, dem Alkohol zugetan. 
26. 10. 40 wegen Betrugs 1 Monat Gefängnis. Seit 9. 12. 1940 bei der 
Wehrmacht. ' 



264 


5, Friedrich B., 20 Jahre alt. Vater geisteskrank in Heil¬ 
anstalt. Er wurde von Mutter und Bruder verzogen. Hilfsschüler. Seit 
1935 zahlreiche homosexuelle Delikte mit 7—18jährigen Jungen. 23. 11. 36 
zu 5 Monaten Gefängnis wegen Sittlichkeitsverbrechens verurteilt. Im 
Gefängnis kindlich, scheu, empfindsam, gutmütig, unselbständig, fleißig, 
gewann an Selbstsicherheit, faßte die besten Vorsätze. 

Diagnose: Psychopathie, intellektuell beschränkt, moralisch schwach. 
Pubertätsdelikt. 13. 10. 1941 wegen widernatürlicher Unzucht zu 1 Jahr 
Gefängnis verurteilt. 

Keiner eingehenderen Diskussion bedarf ein Fall von Schwachsinn, 
bei dem weitere Aufsicht indiziert war, welcher aber bei der Wehrmacht 
gescheitert ist. Dagegen sollen 2 weitere Fälle ausführlich besprochen werden. 

M. W., fr. Unteroffizier, geb. 20. 6. 13. 

M’s Vater ist Bahnbeamter. Häufig wechselte die Familie infolge 
Versetzung des Vaters den Wohnsitz. Ein Bruder des Gefangenen ist 
Pfarrer, der andre Lehrer. Wie diese, sollte auch er eine gehobene Schul¬ 
bildung genießen, hatte aber eher Lust zum Handwerk und verließ darum 
1930 das Gymnasium nach 6jährigem Besuch. Angesichts der damaligen 
Schwierigkeiten, eine Lehrstelle zu finden, begab er sich auf das Gut 
eines Freundes seines Vaters als Landwirtschaftspraktikant; doch sagte 
ihm auf die Dauer die Arbeit in der Landwirtschaft nicht zu. Frühjahr 
1933 trat er bei der Reichswehr ein, nachdem er vorher schon 
Mitglied der SA und der NSDAP, gewesen war, überhaupt schon als 
Schüler leidenschaftlich der nationalsozialistischen Bewegung angehangen 
haben will. Beim Heer wurde er mehrfach versetzt. Sommer 1935 rückte 
er zum Unteroffizier auf. In der letzten Zeit seines Dienstes war er als 
Bataillonsschreiber beschäftigt. 

Dem in einfachen Verhältnissen aufgewachsenen und infolge seiner 
weichlichen Veranlagung zu Selbstzucht und Selbstbeschränkung wenig 
fähigen jungen Mann wurde das Soldatenleben der Nachkriegszeit mit 
seinen vielfachen Möglichkeiten und Versuchungen zum Verhängnis, 
besonders seit er im Jan. 1935 eine N. N. aus X. kennen gelernt und sich 
mit ihr dann auch verlobt hatte. Die sonntäglichen Fahrten zu ihr 
und die angeblich großen Ansprüche des Mädchens kosteten viel Geld. 
Er selbst wollte aber außerdem vor der Braut und ihren Angehörigen als 
der große Herr mit aussichtsreicher Laufbahn dastehen, legte sich einen 
für seine Verhältnisse viel zu üppigen Lebensstil zu, kaufte Radio, 
Uniform, Motorrad auf Schulden, ließ sich vom künftigen Schwiegervater 
unter dem Vorbringen, er habe Aussicht, Offizier zu werden, müsse das 
Abitur nachholen, sei schon zu einem Offizierskurs einberufen, brauche aber 
zu alledem reichlich Geld, mehrere beträchtliche Beträge von zusammen 
1700.— leihen, tatsächlich in der Absicht, seine ihm über den Kopf 

gewachsenen Schulden zu begleichen. Aus der immer enger werdenden 
Schlinge suchte er sich durch Urkundenfälschung und 
Betrügereien zu retten, bohrte sich aber nur immer tiefer in das 
Verhängnis, schreckte zuletzt nicht einmal vor dem Diebstahl 
eines Fahrrads zurück. Als ihm die Gläubiger auf den Leib 
rückten, unterschlug er einen Brief seines Vorgesetzten, der sich beim 
Kreisamt X. erkundigte, ob M’s Vorgeben, er be.sitze einen Erbhof und 
habe eine große Erbschaft zu machen, der Wahrheit entspreche, und 
verbarg diesen Brief bei sich. Mit ähnlichen Vorbringungen und gefälschter 
Unterschrift eines nicht existierenden Rechtsanwalts fäuschte er eine 
Firma, die ihm ein Motorrad verkauft hatte und es bezahlt haben wollte. 
Auch gegen die Dienstgesetze verging er sich durch Urlaubschein¬ 
fälschung und unbefugtes Tragen der Feldwebelsuniform. Das Streben, 
mehr zu scheinen, als er ist, durch großes Auftreten sich und anderen ein 
Trugbild der eigenen Größe vorzugaukeln, nahm mit der fristlosen Ent¬ 
lassung aus dem Heeresdienst und mit der Verurteilung zu 1 Jahr 
6Mon. Gefängnis durch das Kriegsgericht ein plötzliches, jähes Ende. 



265 


M. war die meiste Zeit in der Anstaltsdruckerei als Packer beschäftigt. 
Er arbeitete ordentlich und pünktlich, wenn auch etwas langsam. 
Eine gewisse Schwatzhaftigkeit fiel besonders anfangs übel an ihm auf. 
Vom Militär her das Kommandieren gewöhnt, spielte er sich gern als 
Vorgesetzter der Mitgefangenen auf. Sein Benehmen war höflich und sehr 
freundlich, wenngleich an der Aufrichtigkeit seiner Haltung gelegentliche 
Zweifel auftauchten. Er ist ein äußerst weicher Mensch, der sich nicht 
weh tun will, im Wort größer ist als in der Tat. Seine Besserungs¬ 
versprechungen und Bekundungen innerer Festigung gingen im Gewände 
einer peinlichen Überschwänglichkeit einher. 

Seine Eltern haben sich rührende Mühe gegeben und auch die 
Anstaltsfürsorge war reichlich damit beschäftigt, den Augiasstall seiner 
Steuer- und kopflosen Lebensführung in der Militärzeit zu bereinigen; unter 
erheblichen Opfern haben die Eltern seine Verpflichtungen gedeckt. Durch 
Verwendung eines emer. Pfarrers im Zusammenwirken mit dem Anstalts¬ 
pfarrer ist dem M. die Einstellung in einer Fabrik in Aussicht gestellt 
worden. Wenn er die für einen gescheiterten Soldaten nicht leichte Ein¬ 
reihung in den Arbeitsprozeß erreicht, war zu hoffen, daß er nach den 
bitteren Lehren und Auswirkungen seiner früheren Lebensweise sich um- 
.stellen und bescheiden und doch wohl nicht wieder straf¬ 
fällig werden wird. In seinem eigenen Interesse war aber zu 
wünschen, daß sein Charakter m.ännlicher, geradliniger, lauterer und fester 
werde, und daß die Tradition und das gute Erbgut der Familie sich auch 
in seinem charakterlichen Erscheinungsbilde durchzusetzen vermöchte. 
Rückfall: 31. 8. 39 Betrug, Unterschlagung, unberufene Titelführung 
6 Mon. Gef., 9. 11. 39 Unterschlagung, Urkundenfälschung im Amte. Für 
beides zusammen 1 Jahr 3 Monate Zuchthaus. 

Soziale Führung: trotz aller Bemühungen eines Parteigenossen wieder 
straffällig. Am 4. 6. 40 Strafe verbüßt, Aufenthalt unbekannt. 

D. W., Schmiedlehrling, geb. 18. 9. 17. 

D. hat eine freudlo.se Jugend gehabt. Ein Jahr nach seiner Geburt starb 
seine Mutter an einer ihm unbekannten Krankheit. Des Vaters, eines 
Schriftsetzers, 2. Ehe wurde geschieden; aus dieser und einer 3. Ehe 
stammt je eine Stiefschwester. 1930 hat sich der Vater mittels Gas¬ 
vergiftung das Leben genommen. Darauf kam der eitern- und heimatlose 
Junge, der heute weder mit der Stiefmutter noch mit deren Kindern irgend¬ 
welche Verbindung mehr hat, zu den Eltern seines Vaters, die eine Kohlen¬ 
handlung in Berlin betrieben, nach beendeter Schulzeit durch Vermittlung 
des Arbeitsamts als Schmiedlehrling zu einem Meister nach M., 
wo er bis Dez. 1935 in Lehre stand und seine Gesellenprüfung mit 
„genügend“ ablegte. 

Während der Lehrzeit beging der in keinem geordneten Familienleben 
•wmrzelndc und in erzieherischer Hinsicht vernachlässigte Junge mit anderen 
zusammen seine ersten Diebereien (Bestand- und Zubehörteile 
von Fahrrädern) und wurde zu 3 Mon. Gef. verurteilt, deren Verbüßung 
ihm mit 3jähriger Bewährungsfrist ausgesetzt wurde und die darum, wie 
gewöhnlich, ohne Eindruck blieben. Im Sommer 1935 schloß sich eine 
Reihe weiterer Diebereien an, wobei dem D. die Verführung 
durch einen Älteren teilweise zugute zu halten ist. Es handelte sich um 
einen Einbruchs- und mehrere Gelegenheitsdiebstähle, bei denen ihm 
verhältnismäßig geringe Werte in die Hand fielen (Handtasche, Bade¬ 
anzüge u. ä.). Am schwersten v.üegt, daß er schließlich seinem 
Meister als Ersatz für das ihm vorenthaltene Taschengeld allerlei 
Arbeitsgegenstände und auch 4 Ztr. Kohlen entwendete. 

Hierauf vom Meister entlassen, wandte er sich wieder nach Berlin, wo 
aber der Großvater in seinem Kohlengeschäft keine Arbeit für ihn hatte 
und das Arbeitsamt, weil Sperrgebiet, ihn gleichfalls abwies; auch der 
Versuch, zur See zu kommen, scheiterte an dem starken Andrang zu diesem 
Dienst. So begab er sich denn auf die Wanderschaft, sei dabei 
überall von den Meistern seines Handw'erks abschlägig beschieden worden. 



266 


kam bis Württemberg, wo er in M. wegen Entwendung kleiner Gebrauchs¬ 
gegenstände (Rasierzeug, Schuhkreme) festgenommen wurde und 14 Tage 
Gefängnisstrafe verbüßte. 

In F. fand er zuletzt doch Arbeit beim Straßenbau, wurde aber wegen 
der in M. begangenen Diebstähle erneut festgenommen und zu einer Gef.- 
Strafe von 1 Jahr 3 Mon. verurteilt; auch die Strafaussetzung für 
seine 1. Strafe von 3 Mon. wmrde widerrufen. — Ein Gnadenerweis gab ihm 
mit unerwarteter Plötzlichkeit die Freiheit (23. 9. statt 6. 12. 37). 

D. hat sich in der Strafanstalt als anständiger, ordnxmgs- 
liebender, arbeitswilliger, wenn auch beruflich nicht sehr geförderter junger 
Mann gezeigt, auf Ordnung und Reinlichkeit gehalten und sich keinerlei Haus¬ 
strafen zugezogen. Er ist ein nicht unbegabter, ruhiger und überlegsamer 
Mensch, an dessen kriminellen Verirrungen neben dem Moment der 
Verführung vor allem die verworrenen häuslichen Verhältnisse, der Aus¬ 
fall einer geordneten Erziehung, der frühe Verlust der Eltern und die 
nachmalige Heimatlosigkeit, späterhin auch eine gewisse Verwahrlosung 
durch die Wanderschaft erhebliche Mitschuld tragen. Er hat in seinem 
Lebenslauf und auch in persönlicher Aussprache den Willen kundgegeben, 
wieder ein geordnetes Leben zu führen und ehrlich und redlich sein Brot 
zu verdienen. Führung und Gesamteindruck berechtigen zum Glauben 
an die Aufrichtigkeit dieses Vorsatzes, wenngleich seine etwas verhaltene 
Art ein letztes Fragezeichen hinsichtlich der Beständig¬ 
keit nicht ganz unterdrücken ließ. Durch Vermittlung der Anstaltsfür¬ 
sorge hat er hier in Heilbronn bei einer gut beschäftigten Autoreparatur¬ 
werkstätte Arbeit als Wagenwascher gefunden; die Bemühungen, ihn als 
Schmied unterzubringen, scheiterten zunächst an den Bedenken wegen 
seiner Strafen. Doch soll dieses Ziel im Auge behalten werden. Gelingt 
es, ihm wieder die Rückkehr in seinen erlernten Beruf zu vermitteln, so 
\vird man jedenfalls gute Hoffnung bezüglich seines ehrlichen Fort¬ 
kommens hegen dürfen, zumal er nicht nur an Jahren, sondern auch an 
Reife und Ein.sicht zugenommen hat. 

Soziale Führung: er war späterhin bis 20. 9. 39 bei Berliner 
Firma als Schmied tätig, dann Wehrmacht. Dort am 23. 12. 39 straffällig, 
Ungehorsam im Felde, Hausfriedensbruch und Sachbe.schädigung. 2 Jahre 
Gefängnis, Strafvollstreckung bis Ende des Krieges ausgesetzt. 

Eine zweifelhafte Prognose bei schlechtem Ausgang war 
in 26 Fällen gegeben. Es ist dabei besonders bemerkenswert, daß die 
Mehrzahl dieser zu günstig eingeschätzten Fälle der Gruppe der Haltlosen 
angehört, welche ja naturgemäß einen weiteren Spielraum von Ent- 
w'icklungsmöglichkeiten bieten als andere, charakterologisch schärfer 
umrissene Formen von Psychopathen. Bei diesen 16 Fällen von Haltlosen 
traten Vorstrafen qualitativ und quantitativ nicht derart in Erscheinung, 
daß man ausgesprochene kriminelle Neigungen feststellen konnte; viel¬ 
mehr waren fast stets exogene Faktoren bei der Entwicklung der 
Kriminalität beteiligt und auch Pubertät und Verwahrlosung spielten eine 
Rolle. Das Charakterbild zeigte neben bedenklichen auch positiv zu 
wertende Züge, deren Entfaltung zu Hoffnungen berechtigen konnte; und 
in diesem Sinne ließ sich auch in den Fällen, bei denen dem Strafvollzug 
ausreichender Spielraum geboten wurde, im Gefängnis eine Besserung 
beobachten. Bei einem Bestraften, der aus dem Gefängnis in eineErziehungs- 
anstalt kam, wurde ein Fortschritt von der Fürsorgeerziehung erwartet. 

Besondere Beachtung verdient die Tatsache, daß 4 von diesen Fällen 
im Kriegsdienst gescheitert sind und zwar durch Delikte, die im Rahmen 
der psychopathischen Konstitution lagen. Der eine wurde wegen Feigheit 
im Felde und Fahnenflucht zu mehreren Jahren Zuchthaus, 2 wegen 
unerlaubter Entfernung mit Gefängnis, 1 wegen Plünderung zu 5 Jahren 
Zuchthaus verurteilt. 



267 


Die prognostischen Überlegungen, zu denen die hier besprochenen 
Fälle Anlaß geben, können aus den folgenden Darstellungen von zweien 
ihrer Vertreter entnommen werden. 

W. L., Drogist, geb. 15. 8. 14. 

Der Vater war Schlosser und fiel 1915 im Weltkrieg. Bis zur 
2. Verheiratung der Mutter mit einem Werkmeister, der jetzt im Ruhe¬ 
stand lebt und allerlei Ehrenämter bekleidet, wurde der Junge in den 
ersten 10 Jahren seines Lebens von Mutter und Großeltern erzogen, 
besuchte die Oberrealschule bis zur mittleren Reife (1931). Sowohl den 
Eltern wie auch der Schule habe der schwererziehbare Bub viel Mühe 
bereitet; einmal sei er vom Schulweg nicht nach Hause gekommen und 
mehrere Tage ausgeblieben. Frühjahr 1931 trat er eine kaufmännische 
Drogistenlehre an, besuchte die Drogistenfachschule, legte nach 3 Jahren 
die Drogistenprüfung und die Kaufmannsprüfung angeblich (!) mit „sehr 
gut“ ab, war sodann 6 Mon. in einer Drogerie, dann weitere 6 Mon. in 
einem anderen Geschäft tätig, worauf er sich (Frühjahr 1935) zum freiw. 
Arbeitsdienst begab. Von dort wurde er mit der Note „sehr gut“ als 
Vormann entlassen und ihm bezeugt, daß er in der Abteilung einer der 
besten Leute gewesen sei, ehrlich, korrekt, pflichtbe\vußt, zuverlässig bis 
ins kleinste, stets ein Vorbild für alle Kameraden. — Kurz vor dem 
Eintritt in den Arbeitsdienst hatte er sich der Veruntreuung von Toilette¬ 
artikeln in der Y-Drogerie schuldig gemacht und wurde darum wegen 
Diebstahls zu einer Gesamtstrafe von 3 Woch. Gef. verurteilt, die 
er in Untersuchung.shaft verbüßte. Anschließend gründete er mit einem 
Teilhaber eine Fabrik photographischer Bedarfsartikel unter Einlage von 
2000.— (-R'H,-, da keiner der beiden etwas von der Branche verstand, ging 
das Unternehmen bald in die Brüche und W’s Geld war dahin 
(Ostern 1936). 

Als ihm nun ein Bekannter in Z. die Vermittlung einer Stellung in den 
K.-Werken in Aussicht stellte, wandte er sich ohne hinreichende Barmittel 
dorthin, erreichte indessen das erhoffte Ziel nicht, machte in einer Pension 
Miet- und Verpflegungsschulden in Höhe von 181,50 
Um kreditwürdig zu erscheinen, gebrauchte er allerlei Lügen und mi߬ 
brauchte vor allem die ))-Uniform, die zu tragen er seit seinem Ausschluß 
aus der i) wegen Interesselosigkeit (1935) nicht mehr berechtigt war. In 
seiner Notlage an den gutsituierten, aber respektvoll gescheuten Stief¬ 
vater sich zu wenden, verbot ihm falsches Ehrgefühl. Wegen Betrugs, 
begangen unter Mißbrauch der H-Uniform, wurde er unter Anwendung des 
Heimtückegesetzes zu 8 Mon. Gef. verurteilt. 

Die Schuld an seinem Scheitern sieht W. selbst in der allzu nach¬ 
sichtigen Erziehung durch Großeltern und Mutter, welch letztere gegen 
ihr einziges Kind viel zu nachgiebig gewesen sei und übertriebene 
Vorstellungen von seinen Fähigkeiten und seinem Können in ihm genährt 
habe, die dann in der Prüfung des nüchternen praktischen Lebens jämmer¬ 
lich zuschanden geworden seien. 

\ 

Er will sich aus seinen Erfahrungen eine Lehre ziehen und auf dem 
Boden der Selbsterkenntnis und Selbstbescheidung ein ehrliches Leben 
beginnen. Seine wie im Arbeitsdienst so auch im Jugendgefängnis durch¬ 
aus lobenswerte Führung gibt der Hoffnung Raum, daß ihm dies gelingen 
möge. Er findet, wie er sa^, bei einem Bekannten, der eine Wanzen¬ 
vertilgungsanstalt betreibe, in N. nach der Entlassung Beschäftigung. 
Freilich geben die ohne jede Not begangenen Veruntreuungen, zumal schon 
früher der Verdacht der Untreue und des Diebstahls auf ihn gefallen war 
und ein Onkel ihm aus diesem Grund das Haus verboten hatte, Anlaß zu der 
Besorgnis, daß eine gewisse, in seiner Anlage wurzelnde und durch die 
zu weiche Erziehung noch geförderte Haltlosigkeit und Energieschwäche 
in Verbindung mit dem von der Mutter in ihm geweckten Größen- 



268 


bewußtsein die tiefste Quelle seiner Entgleisungen sein könnte. Sein 
ausgesprochen leptosomer Körperbau (schmächtig, ungewöhnlich hager, 
langgliedrig) legt den Rückschluß auf eine entsprechende Artung der 
seelischen Innenseite nahe. 

Rückfall: 9. G. 37 Diebstahl, 3 Monate Gefängnis. 10.10.39 vom Feld¬ 
kriegsgericht verurteilt wegen Plünderung zu Todesstrafe, umgewandelt in 
5 Jahre Zuchthaus, Ehrverlust und wehrunwürdig erklärt. 

R. F., Fabrikaxbeiter, geb. 30. 10. 16. 

Unter den 7 Kindern des Gipsers R. ist der Sträfling das zweite. Die 
Eltern leben in dürftigen Verhältnissen. Zu einer beruflichen Ausbildung 
der Söhne fehlte das Geld, zu geordneter Erziehung die Zeit und wohl auch 
das Geschick. So mußte nach der Schulentlassung auch der Sträfling in 
die Fabrik gehen. Er scheint in der Spinnerei, in der er 314 Jahre an der 
Maschine stand, ein wegen seiner gleichmäßigen Zuverlässigkeit 
geschätzter Arbeiter gewesen zu sein. Sein Privatleben bewegte sich in 
den enggesteckten Schranken eines Textilarbeiterdaseins. Ausschweifungen 
und Genüsse lagen fernab von seiner stillen, eingezogenen Art. Geistige 
V/erte waren ihm durch die mäßige Höhenlage seiner Begabung und die 
begrenzte Weite seines Horizonts verschlossen. Aus den Quellen der 
Natur Freude in sein eintöniges Dasein hereinzunehmen, verwehrte ihm 
die geringe Ansprechbarkeit seines Gemüts. So war es für ihn ein großes, 
den engen Ring seines gewohnten Daseins sprengendes Erleben, als ihm 
der ältere und geriebenere D. die Kunst des Autofahrens bei¬ 
brachte. Den tagsüber in den Maschinensaal gebannten jungen Arbeiter 
ergriff der Rausch der Weite und des Tempos, und rasch verfiel er der 
unter der Jugend mehr und mehr zunehmenden Krankheit unseres 
motorisierten Zeitalters, der Benzinseuche. Als dann in K. parkende 
Wagen in erheblicher Anzahl verschwanden und in der näheren oder 
ferneren Umgebung herrenlos und meist weniger oder stärker beschädigt, 
mit erbrochenen Wagentüren aufgefunden wurden, war es mit der kind¬ 
lichen Bewegungsfreude und -freiheit dahin. R. und sein Schwarzfahr¬ 
lehrer sowie eine Anzahl weiterer gelehriger Eleven — im ganzen standen 
ihrer 15 vor den Schranken des Gerichts — landeten im Gefängnis. Ihm 
seihst wurden 21 Fälle der Entwendung und unbefugten 
Benützung von Kraftfahrzeugen nachgewüesen, zudem der 
Diebstahl eines Mantels und eines Photoapparats aus einem der 
ge.stohlenen Waagen. Schon einmal war er wegen eines Autodieb.stahls zu 

1 Mon. Gef. verurteilt gewesen. Das diesmalige Urteil machte mit 

2 Jahren 2 Mon. Gef. gründliche Arbeit. 

Im Gefängnis fand R. wieder Anschluß an seine frühere 
Lebensform und Wesensart. D. h.: er nahm die Verpflichtung zu ein¬ 
töniger Arbeit (Weberei) mit selbstverständlicher Bescheidung hin, ging 
lautlos, ohne je aufzufallen, durch den Gleichlauf der Tage, lobte die 
kräftige Anstaltsko.st im Gegensatz zur gewohnten Dürftigkeit daheim, 
war immer höflich, anständig, dankbar für jede Teilnahme, die man ihm 
erwies. Man hat sein Wesen als „zurückhaltend“ und „undurchsichtig“ 
bezeichnet, doch trifft diese Kennzeichnung wohl am wdrklichen Sachverhalt 
vorbei. Er hat nichts in sich, was er zurückhalten und verschleiern 
könnte, denn er ist arm an Geist, Gemüt und Willen, ein farbloser, kraft¬ 
loser und weithin lebloser Mensch von geringem Eigengepräge, körperbau¬ 
lich leptosom, seelisch mit einem psychasthenischen Einschlag behaftet. 
Magenbeschwerden und später Sch\vindel- und Schwächezustände, von 
gelegentlicher gedrückter Stimmungslage begleitet, erwiesen die geringe 
Vitalität des hageren, hochaufgeschossenen, blassen Burschen. Er hat aber 
gegen diese Symptome tapfer angestanden und es abgelehnt, sich ihrethalben 
zum Arzt zu melden. Seine gute Führung und Haltung hat ihm die 
Versetzung in die 2. Gefangenenstufe und die erfolgreiche Fürsprache für 
sein Gnadengesuch eingetragen. 

R. ist ein gutartiger, gutgewillter, aber mangelhaft erzogener Mensch, 
leicht beeinflußbar und situativer Verführung enorm zugänglich. Er ist 



26 Ö 


jedoch auch merklich reifer geworden und hat sich bei dem Ikarusflug aus 
der ihm gesetzten Lebensenge zu einem größeren Lebensstil hinauf so 
die Flügel verbrannt, daß er wohl künftig am Boden bleiben, d. h. sein 
Fabrikarbeiterleben in Ehren führen dürfte. Guter Wille dazu und 
Einsicht sind da und die Strafe hat ihre abschreckende Wirkung nicht 
verfehlt. — R. wurde, da seine frühere Firmg. ihn wegen Materialknappheit 
nicht mehr einstellon kann, dem Arbeitsamt und der Entlassenenfürsorge 
mit besonderem Nachdruck anempfohlen. Bekommt er Arbeit, so ist ein 
R ü ck f a 11 in das frühere Treiben bei dem arbeitswilligen und brauch¬ 
baren Menschen wenig wahrscheinlich. 

Rückfall: 4. 5. 38 Diebstahl, Fahren ohne Führerschein, 10 Monate 
Gefängnis. 6. 7. 30 Diebstahl i. R., 1 Jahr 6 Monate Zuchthaus. Bei 
Verbüßung dieser Strafe ist er ausgebrpchen und hat Kraftwagen 
entwendet. 

Den Fällen von Haltlosigkeit stehen 3 leicht hyperthyme und unreife 
Jungen nahe, bei denen noch eine günstige Weiterentwicklung möglich 
erschien. 

Zweifelhaft war die Prognose bei drei Sittlichkeitsverbrechem, deren 
einer ein Pubertätsfall war. In einem anderen Falle svurde der Zusammen¬ 
hang mit einem Alkoholexzeß erkannt; im 3. bestand leichter Schwachsimi, 
seine Behütung schien zunächst durch ein hochstehendes Elternhaus sicher¬ 
gestellt. Der Rückfall erfolgte erst während des Kriegsdienstes. In 
einem weiteren Fall leichter Debilität, welcher der Verwahrlosung verfallen 
war, wurde das fernere Schicksal als Frage des künftigen Milieus erklärt. 
Ein interessanter Fall unserer Gnippe verdient gesonderte Besprechung. 

H. J., geb. 1. 1. IG, ist das jüngste unter den 8 Kindern des Sattlers 
H. J. 6 der Geschwister sind verheiratet. Der Vater nahm sich im 
Sommer 1931 in einem Anfall von Schwermut das Leben — dem Arzt 
freilich gab der Sträfling als Todesursache „Blutvergiftung“ an —, scheint 
auch Perioden übermäßigen Trinkens gehabt zu haben. Die Mutter schlägt 
sich als Putzfrau und mit dem Ertrag ihrer bescheidenen Landwirtschaft 
notdürftig durchs Leben. 

Der Junge will nach der Schulzeit Tüncher werden, gehorcht aber dem 
väterlichen Willen, der ihn sein eigenes, das Sattlergewerbe, entgegen 
seiner Abneigung ergreifen hieß, das keiner der älteren Brüder erlernt 
hatte. Er gab auch die Lehre nach 2 Jahren auf, war eine Zeitlang im 
Elsaß als Fuhrknecht, zumeist aber in der häuslichen Landwirtschaft und mit 
Waldarbeiten beschäftigt. Jedenfalls hatte er keine Arbeit, die seine junge 
Kraft voll ausfüllte. 

. So wairde er früh schon in einen Kreis von Wilderern hineingezogon. 
Die ärmlichen Verhältnisse daheim und das Vorbild der älteren Brüder, die 
beide gleichfalls wegen Wilddieberei bestraft sind, leisteten seinen ferneren 
Entgleisungen Vorschub. So vmrde er schon im Juli 1933, 19jährig, mit 
2 Mon. Gefängnis bestraft wegen schw. Jagdfrevels, zog sich im März 1936 
eine weitere Strafe von 2 Mon. zu w'egen widernatürlicher Unzucht. Seine 
jetzige Strafe von 1 Jahr 6 Mon. Gef. wegen f o r t g. 
gewerbsmäß. Wilddieberei in der Gefolgschaft älterer und 
erfahrener „Kollegen“ und wegen fortg. schw. Diebstahls 
(Kartoffeln u. a.) verbüßte er vom Juni 1936 bis Aug. 1937 in unserer 
Anstalt. Die letzten 3 Monate wurden ihm auf Grund eines Gnadengesuches 
auf Wohlverhalten ausgesetzt. H. ist von ziemlich mäßiger Begabung. 
Diese und die kümmerlichen Verhältnisse, vielleicht auch eine gewisse 
erbliche Belastung von der Gemütsart des Vaters her gaben seinem Wesen 
das Gepräge eines verschlossenen Charakters, über seine Taten sprach 
er in seinen übrigens von großer Anhänglichkeit zeugenden Briefen an die 
Mutter mehrfach tiefe Reue aus, die allerdings weniger den Taten selbst 
als ihren einschneidenden Folgen für die eigene Person und für die 
Angehörigen gegolten haben dürfte; im Lebenslauf bezeichnet er sie als 
„Dummheiten“. Im Jugendgefängnis arbeitete er, wohin man ihn stellte 



27Ö 


(Mattengeschäft, Gärtnerei), mit gleichmäßigem und außergewöhnlichem 
Fleiß, mit Willigkeit und Geschick, und zeigte sich dankbar dafür, daß er 
arbeiten durfte. So wird man denn ein Großteil der Schuld an seinem 
kriminellen Abgleiten der Tatsache zuschreiben dürfen, daß es ihm nicht 
vergönnt war, einen ihm gelegenen Beruf zu erlernen und in geregelter und 
befriedigender Arbeit zu stehen. Sein Benehmen gegen die Beamten, sein 
Ordnungssinn und seine Einfügungsbereitschaft verdiente alles Lob, so daß 
er auch nie eine Hausstrafe sich zuzog und in die 2. Gefangenenstufe 
erhoben werden konnte. Der Riegel seines schwerflüssigen Innern hat sich 
freilich nie ganz gelöst. 

Er geht mit den besten Vorsätzen nach Hause in den landwirtschaft¬ 
lichen Betrieb der Mutter zurück. Ob aber diese guten Vorsätze und die 
gute Haltung in der Anstalt die Probe der Rückkehr in das alte Wilderer¬ 
milieu und in die Luft des freien Waldes auf die Dauer bestehen werden, 
läßt sich bei der bekannten Hartnäckigkeit des verbotenen Jägerdrangs 
nicht Voraussagen. Gute Ansätze und guter Wille sind aber un¬ 
verkennbar vorhanden. 

Rückfall; 8. 6. 38 Wilderei 1 Jahr Zuchthaus. Am 28. 2. 40 gestorben. 

Exkurs: 

Die Kriminalität der hundert Fälle mit ungünstiger Entwicklung nach 

der Strafe 

I. Das Vorleben (in Hinsicht der Kriminalität) 

1. Die Vorstrafen hinsichtlich der Zahl (s.Tab.4) 

Tabelle 4 

Die Vorstrafen (Zahl) der hundert Fälle mit ungünstiger Entwicklung 

(Zu I 1.) 


Es sind: 

von den 
Eigentums 
Bestr 

elnf. 1 

Dieb-; schw. 
stahl Diebst. 

wegen 

j-Delikten 

aften 

Betrug 1 

Urk.- 1 Zus. 
Fälsch. 1 

von den wegen Delikten 
gegen die Person 
Bestraften 

1 vors. ^ ' 

situ. Körp.- Sonst. Summe 
Vcrbr.| Verl, i I 

von den 
wegen 
Ordnungs¬ 
delikten 
Bestraften 

Gesamtsumme 

nicht 

vorbestraft 

5 

i 

2 

4 

11 

6 

j _ 


5 

_ 

16 

1 mal 
vorbestraft 

10 


5 

19 

6 

_ 

— 

G 

1 

26 

2—4 mal 


1 

1 



1 

1 1 




vorbestraft 

23 

6 

10 j 

39 

3 

2 


5 

— 

44 

mehr als 






1 





4 mal 











vorbestraft 

4 i 

1 

4 

9 

3 1 

1 1 

— 

4 

1 

14 


42 

13 

23 1 

78 

17 1 

3 1 

— j 

20 

2 

100 


Von den 100 Gefangenen, deren Weiterentwicklung nach der im Jahr 
1937 verbüßten Strafe ein ungünstiges Bild zeigt, sind: 

a) nicht vorbestraft und haben also ihre kriminelle Lauf¬ 

bahn erst mit der 1937 verbüßten Straftat begonnen: 16 
vorbestraft : . 84 

b) Unter den 84 Vorbestraften hatten hier eine Strafe zu 
verbüßen: 



















271 


wegen eines Vermögensdelikts 67 (= 80 % der Vorbestraften) 
wegen eines Delikts gegen die 

Person . 15 (= 18 % „ „ ) 

wegen eines Ordnungsdelikts 2 (= 2 % „ „ ) 

c) Von den 78 unter den 100 unserer Gruppe, die hier wegen eines 
Vermögensdelikts Strafe zu verbüßen hatten (s. Tab. 3), 


sind vorbe.straft: 

insgesamt: . 67 (=85,5 %) 

darunter mehr als einmal: . 48 (=62,5 %) 

Von den 20, die wegen eines Delikts gegen die Person hier 
Strafe verbüßt hatten, sind vorbestraft: 

insgesamt: . 15 (=75%) 

darunter mehr als einmal: . 9 (=45%) 


(Unter den 3 wegen Körperverletzung 
Bestraften ist bezeichnenderweise überhaupt 
keiner, der nicht mehr als 1 Vorstrafe hatte) 

Die 2, die wegen Ordnungsdelikts hier Strafe verbüßten, 
sind beide vorbestraft, 1 über 1 mal (sogar über 4 mal). 
2. Die Vorstrafen hinsichtlich der Höhe 


Die Gesamthöhe der Vorstrafen beläuft sich: 


a) bis zu 4 Mon. 

bei 11 der weg. Diebstahls 
„ 9 „ „ Betrugs, Urk.-Fälsch. 

„ 3 „ „ Sittl.-Verbr. 

,, 1 „ „ Körperverletzung 

„ 2 „ „ Ordnungsdelikten 

b) zwischen 4—6 Mon. 

bei 6 der weg. Diebstahls 
„ 1 „ „ Körperverletzung 

„ 0 „ „ Betrugs, Urk.-Fälsch. 

„ 0 „ „ Sittl.-Verbr. 

„ 0 „ „ Ordnungsdelikten 

c) zwischen 6 Mon.—1 Jahr 

bei 10 der weg. Diebstahls 

„ 1 „ „ Betrugs, Urk.-Fälsch. 

„ 0 „ „ sonstiger Delikte 


d) zwischen 1—2 Jahre 

bei 6 der weg. Diebstahls 
„ 2 „ „ Urk.-Fälsch. 

„ 0 „ „ sonstiger Delikte 

e) zwischen 2—3 Jahre 

bei 1 der weg. Körperverletzung 
„ 0 „ „ sonstiger Delikte 

f) zwischen 3—4 Jahre 

bei 1 der weg. Diebstahls 
„ 0 „ „ sonstiger Delikte 

g) Keine Vorstrafen hatten aufzuweisen: 

7 der weg. Diebstahls 

4 „ „ Betrugs, Urk.-Fälsch. 

5 „ „ Sittl.-Verbr. 

0 „ „ sonstiger Delikte 


Bestraften \ 20Vermög.- 
„ ( delikte 

„ \ 4 Person- 

„ / delikte 


Bestraften 

ff 

ff 

ff 

ff 


Bestraften 

ff 

ff 


Bestraften 

ff 

ff 


Bestraften 

ff 

Bestraften 

ff 


Bestraften 

ff 

ff 








272 


h) Die übrigen 30 der Vorbestraften hatten Geld- und Haft- oder 
anderweitige geringfügige Strafen, bzw. war, wie in einigen 
Fällen, die Gesamthöhe der Vorstrafen nicht feststellbar. 

Vergleichen wir die verschiedenen Deliktskategorien hinsichtlich des 
Grades der Vorbestraftheit. 

Relativ erheblich vorbestraft im Sinne der Zahl (mit mehr 
als einer Vorstrafe) sind von den Vermögensverbrechern (d. h. denen, die 
hier wegen eines Vermögensdelikts Strafe zu verbüßen hatten) 62,5 %, 
von den Verbrechern gegen die Person 45 % (s. Tab. 4). 

Mit insgesamt mehr als 6 Monaten, also relativ erheblich vorbestraft 
im Sinne der Gesamt höhe der Vorstrafen sind von den Vermögens¬ 
verbrechern 21, also 27 % (der 78, die wegen Vermögensdelikten hier 
Strafe verbüßten), hingegen nur 1 von 20, die wegen Vergehen gegen die 
Person hier Strafe zu verbüßen hatten, also 5 %. 

Dem Grade der Vorbestraftheit nach stehen also, auf die Zahl der 
Vorstrafen gesehen,